On the Genealogy of Morals
Preface
German
ZurGenealogie der Moral.
Eine Streitschrift
von
Friedrich Nietzsche.
Dem letztveröffentlichten „Jenseits von Gut und Böse“ zur Ergänzung und Verdeutlichung beigegeben.
VORREDE.
1 Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst: das hat seinen guten Grund. Wir haben nie nach uns gesucht, — wie sollte es geschehn, dass wir eines Tags uns fänden? Mit Recht hat man gesagt: „wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“; unser Schatz ist, wo die Bienenkörbe unsrer Erkenntniss stehn. Wir sind immer dazu unterwegs, als geborne Flügelthiere und Honigsammler des Geistes, wir kümmern uns von Herzen eigentlich nur um Eins — Etwas „heimzubringen“. Was das Leben sonst, die sogenannten „Erlebnisse“ angeht, — wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht „bei der Sache“: wir haben eben unser Herz nicht dort — und nicht einmal unser Ohr! Vielmehr wie ein Göttlich-Zerstreuter und In-sich-Versenkter, dem die Glocke eben mit aller Macht ihre zwölf Schläge des Mittags in’s Ohr gedröhnt hat, mit einem Male aufwacht und sich fragt „was hat es da eigentlich geschlagen?“ so reiben auch wir uns mitunter hinterdrein die Ohren und fragen, ganz erstaunt, ganz betreten „was haben wir da eigentlich erlebt? mehr noch: wer sind wir eigentlich?“ und zählen nach, hinterdrein, wie gesagt, alle die zitternden zwölf Glockenschläge unsres Erlebnisses, unsres Lebens, unsres Seins — ach! und verzählen uns dabei... Wir bleiben uns eben nothwendig fremd, wir verstehn uns nicht, wir müssen uns verwechseln, für uns heisst der Satz in alle Ewigkeit „Jeder ist sich selbst der Fernste“, — für uns sind wir keine „Erkennenden“...
2 — Meine Gedanken über die Herkunft unserer moralischen Vorurtheile — denn um sie handelt es sich in dieser Streitschrift — haben ihren ersten, sparsamen und vorläufigen Ausdruck in jener Aphorismen-Sammlung erhalten, die den Titel trägt „Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“, und deren Niederschrift in Sorrent begonnen wurde, während eines Winters, welcher es mir erlaubte, Halt zu machen wie ein Wandrer Halt macht und das weite und gefährliche Land zu überschauen, durch das mein Geist bis dahin gewandert war. Dies geschah im Winter 1876—77; die Gedanken selbst sind älter. Es waren in der Hauptsache schon die gleichen Gedanken, die ich in den vorliegenden Abhandlungen wieder aufnehme: — hoffen wir, dass die lange Zwischenzeit ihnen gut gethan hat, dass sie reifer, heller, stärker, vollkommner geworden sind! Dass ich aber heute noch an ihnen festhalte, dass sie sich selber inzwischen immer fester an einander gehalten haben, ja in einander gewachsen und verwachsen sind, das stärkt in mir die frohe Zuversichtlichkeit, sie möchten von Anfang an in mir nicht einzeln, nicht beliebig, nicht sporadisch entstanden sein, sondern aus einer gemeinsamen Wurzel heraus, aus einem in der Tiefe gebietenden, immer bestimmter redenden, immer Bestimmteres verlangenden Grundwillen der Erkenntniss. So allein nämlich geziemt es sich bei einem Philosophen. Wir haben kein Recht darauf, irgend worin einzeln zu sein: wir dürfen weder einzeln irren, noch einzeln die Wahrheit treffen. Vielmehr mit der Nothwendigkeit, mit der ein Baum seine Früchte trägt, wachsen aus uns unsre Gedanken, unsre Werthe, unsre Ja’s und Nein’s und Wenn’s und Ob’s — verwandt und bezüglich allesammt unter einander und Zeugnisse Eines Willens, Einer Gesundheit, Eines Erdreichs, Einer Sonne. — Ob sie euch schmecken, diese unsre Früchte? — Aber was geht das die Bäume an! Was geht das uns an, uns Philosophen!...
3 Bei einer mir eignen Bedenklichkeit, die ich ungern eingestehe — sie bezieht sich nämlich auf die Moral, auf Alles, was bisher auf Erden als Moral gefeiert worden ist —, einer Bedenklichkeit, welche in meinem Leben so früh, so unaufgefordert, so unaufhaltsam, so in Widerspruch gegen Umgebung, Alter, Beispiel, Herkunft auftrat, dass ich beinahe das Recht hätte, sie mein „A priori“ zu nennen, — musste meine Neugierde ebenso wie mein Verdacht bei Zeiten an der Frage halt machen, welchen Ursprung eigentlich unser Gut und Böse habe. In der That gieng mir bereits als dreizehnjährigem Knaben das Problem vom Ursprung des Bösen nach: ihm widmete ich, in einem Alter, wo man „halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen“ hat, mein erstes litterarisches Kinderspiel, meine erste philosophische Schreibübung — und was meine damalige „Lösung“ des Problems anbetrifft, nun, so gab ich, wie es billig ist, Gott die Ehre und machte ihn zum Vater des Bösen. Wollte es gerade so mein „A priori“ von mir? jenes neue, unmoralische, mindestens immoralistische „A priori“ und der aus ihm redende ach! so anti-Kantische, so räthselhafte „kategorische Imperativ“, dem ich inzwischen immer mehr Gehör und nicht nur Gehör geschenkt habe?... Glücklicher Weise lernte ich bei Zeiten das theologische Vorurtheil von dem moralischen abscheiden und suchte nicht mehr den Ursprung des Bösen hinter der Welt. Etwas historische und philologische Schulung, eingerechnet ein angeborner wählerischer Sinn in Hinsicht auf psychologische Fragen überhaupt, verwandelte in Kürze mein Problem in das andre: unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werthurtheile gut und böse? und welchen Werth haben sie selbst? Hemmten oder förderten sie bisher das menschliche Gedeihen? Sind sie ein Zeichen von Nothstand, von Verarmung von Entartung des Lebens? Oder umgekehrt, verräth sich in ihnen die Fülle, die Kraft, der Wille des Lebens, sein Muth, seine Zuversicht, seine Zukunft? — Darauf fand und wagte ich bei mir mancherlei Antworten, ich unterschied Zeiten, Völker, Ranggrade der Individuen, ich specialisirte mein Problem, aus den Antworten wurden neue Fragen, Forschungen, Vermuthungen, Wahrscheinlichkeiten: bis ich endlich ein eignes Land, einen eignen Boden hatte, eine ganze verschwiegene wachsende blühende Welt, heimliche Gärten gleichsam, von denen Niemand Etwas ahnen durfte... Oh wie wir glücklich sind, wir Erkennenden, vorausgesetzt, dass wir nur lange genug zu schweigen wissen!...
4 Den ersten Anstoss, von meinen Hypothesen über den Ursprung der Moral Etwas zu verlautbaren, gab mir ein klares, sauberes und kluges, auch altkluges Büchlein, in welchem mir eine umgekehrte und perverse Art von genealogischen Hypothesen, ihre eigentlich englische Art, zum ersten Male deutlich entgegentrat, und das mich anzog — mit jener Anziehungskraft, die alles Entgegengesetzte, alles Antipodische hat. Der Titel des Büchleins war „der Ursprung der moralischen Empfindungen“; sein Verfasser Dr. Paul Rée; das Jahr seines Erscheinens 1877. Vielleicht habe ich niemals Etwas gelesen, zu dem ich dermaassen, Satz für Satz, Schluss für Schluss, bei mir Nein gesagt hätte wie zu diesem Buche: doch ganz ohne Verdruss und Ungeduld. In dem vorher bezeichneten Werke, an dem ich damals arbeitete, nahm ich gelegentlich und ungelegentlich auf die Sätze jenes Buchs Bezug, nicht indem ich sie widerlegte — was habe ich mit Widerlegungen zu schaffen! — sondern, wie es einem positiven Geiste zukommt, an Stelle des Unwahrscheinlichen das Wahrscheinlichere setzend, unter Umständen an Stelle eines Irrthums einen andern. Damals brachte ich, wie gesagt, zum ersten Male jene Herkunfts-Hypothesen an’s Tageslicht, denen diese Abhandlungen gewidmet sind, mit Ungeschick, wie ich mir selbst am letzten verbergen möchte, noch unfrei, noch ohne eine eigne Sprache für diese eignen Dinge und mit mancherlei Rückfälligkeit und Schwankung. Im Einzelnen vergleiche man, was ich Menschliches Allzumenschliches S. 51 über die doppelte Vorgeschichte von Gut und Böse sage (nämlich aus der Sphäre der Vornehmen und der der Sklaven); insgleichen S. 119 ff. über Werth und Herkunft der asketischen Moral; insgleichen S. 78. 82. II, 35 über die „Sittlichkeit der Sitte“, jene viel ältere und ursprünglichere Art Moral, welche toto coelo von der altruistischen Werthungsweise abliegt (in der Dr. Rée, gleich allen englischen Moralgenealogen, die moralische Werthungsweise an sich sieht); insgleichen S. 74. Wanderer S. 29. Morgenröthe S. 99 über die Herkunft der Gerechtigkeit als eines Ausgleichs zwischen ungefähr Gleich-Mächtigen (Gleichgewicht als Voraussetzung aller Verträge, folglich alles Rechts); insgleichen über die Herkunft der Strafe Wanderer S. 25. 34., für die der terroristische Zweck weder essentiell, noch ursprünglich ist (wie Dr. Rée meint: — er ist ihr vielmehr erst eingelegt, unter bestimmten Umständen, und immer als ein Nebenbei, als etwas Hinzukommendes).
5 Im Grunde lag mir gerade damals etwas viel Wichtigeres am Herzen als eignes oder fremdes Hypothesenwesen über den Ursprung der Moral (oder, genauer: letzteres allein um eines Zweckes willen, zu dem es eins unter vielen Mitteln ist). Es handelte sich für mich um den Werth der Moral, — und darüber hatte ich mich fast allein mit meinem grossen Lehrer Schopenhauer auseinanderzusetzen, an den wie an einen Gegenwärtigen jenes Buch, die Leidenschaft und der geheime Widerspruch jenes Buchs sich wendet (— denn auch jenes Buch war eine „Streitschrift“). Es handelte sich in Sonderheit um den Werth des „Unegoistischen“, der Mitleids-, Selbstverleugnungs-, Selbstopferungs-Instinkte, welche gerade Schopenhauer so lange vergoldet, vergöttlicht und verjenseitigt hatte, bis sie ihm schliesslich als die „Werthe an sich“ übrig blieben, auf Grund deren er zum Leben, auch zu sich selbst, Nein sagte. Aber gerade gegen diese Instinkte redete aus mir ein immer grundsätzlicherer Argwohn, eine immer tiefer grabende Skepsis! Gerade hier sah ich die grosse Gefahr der Menschheit, ihre sublimste Lockung und Verführung — wohin doch? in’s Nichts? — gerade hier sah ich den Anfang vom Ende, das Stehenbleiben, die zurückblickende Müdigkeit, den Willen gegen das Leben sich wendend, die letzte Krankheit sich zärtlich und schwermüthig ankündigend: ich verstand die immer mehr um sich greifende Mitleids-Moral, welche selbst die Philosophen ergriff und krank machte, als das unheimlichste Symptom unsrer unheimlich gewordnen europäischen Cultur, als ihren Umweg zu einem neuen Buddhismus? zu einem Europäer-Buddhismus? zum — Nihilismus?... Diese moderne Philosophen-Bevorzugung und Überschätzung des Mitleidens ist nämlich etwas Neues: gerade über den Unwerth des Mitleidens waren bisher die Philosophen übereingekommen. Ich nenne nur Plato, Spinoza, La Rochefoucauld und Kant, vier Geister so verschieden von einander als möglich, aber in Einem Eins: in der Geringschätzung des Mitleidens. —
6 Dies Problem vom Werthe des Mitleids und der Mitleids-Moral (— ich bin ein Gegner der schändlichen modernen Gefühlsverweichlichung —) scheint zunächst nur etwas Vereinzeltes, ein Fragezeichen für sich; wer aber einmal hier hängen bleibt, hier fragen lernt, dem wird es gehn, wie es mir ergangen ist: — eine ungeheure neue Aussicht thut sich ihm auf, eine Möglichkeit fasst ihn wie ein Schwindel, jede Art Misstrauen, Argwohn, Furcht springt hervor, der Glaube an die Moral, an alle Moral wankt, — endlich wird eine neue Forderung laut. Sprechen wir sie aus, diese neue Forderung: wir haben eine Kritik der moralischen Werthe nöthig, der Werth dieser Werthe ist selbst erst einmal in Frage zu stellen — und dazu thut eine Kenntniss der Bedingungen und Umstände noth, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und verschoben haben (Moral als Folge, als Symptom, als Maske, als Tartüfferie, als Krankheit, als Missverständniss; aber auch Moral als Ursache, als Heilmittel, als Stimulanz, als Hemmung, als Gift), wie eine solche Kenntniss weder bis jetzt da war, noch auch nur begehrt worden ist. Man nahm den Werth dieser „Werthe“ als gegeben, als thatsächlich, als jenseits aller In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht im Entferntesten daran gezweifelt und geschwankt, „den Guten“ für höherwerthig als „den Bösen“ anzusetzen, höherwerthig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Gedeihlichkeit in Hinsicht auf den Menschen überhaupt (die Zukunft des Menschen eingerechnet). Wie? wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im „Guten“ auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift, ein Narcoticum, durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zukunft lebte? Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, aber auch in kleinerem Stile, niedriger?... So dass gerade die Moral daran Schuld wäre, wenn eine an sich mögliche höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht würde? So dass gerade die Moral die Gefahr der Gefahren wäre?...
7 Genug, dass ich selbst, seitdem mir dieser Ausblick sich öffnete, Gründe hatte, mich nach gelehrten, kühnen und arbeitsamen Genossen umzusehn (ich thue es heute noch). Es gilt, das ungeheure, ferne und so versteckte Land der Moral — der wirklich dagewesenen, wirklich gelebten Moral — mit lauter neuen Fragen und gleichsam mit neuen Augen zu bereisen: und heisst dies nicht beinahe so viel als dieses Land erst entdecken?... Wenn ich dabei, unter Anderen, auch an den genannten Dr. Rée dachte, so geschah es, weil ich gar nicht zweifelte, dass er von der Natur seiner Fragen selbst auf eine richtigere Methodik, um zu Antworten zu gelangen, gedrängt werden würde. Habe ich mich darin betrogen? Mein Wunsch war es jedenfalls, einem so scharfen und unbetheiligten Auge eine bessere Richtung, die Richtung zur wirklichen Historie der Moral zu geben und ihn vor solchem englischen Hypothesenwesen in’s Blaue noch zur rechten Zeit zu warnen. Es liegt ja auf der Hand, welche Farbe für einen Moral-Genealogen hundert Mal wichtiger sein muss als gerade das Blaue: nämlich das Graue, will sagen das Urkundliche, das Wirklich-Feststellbare, das Wirklich-Dagewesene, kurz die ganze lange, schwer zu entziffernde Hieroglyphenschrift der menschlichen Moral-Vergangenheit! — Diese war dem Dr. Rée unbekannt; aber er hatte Darwin gelesen: — und so reichen sich in seinen Hypothesen auf eine Weise, die zum Mindesten unterhaltend ist, die Darwin’sche Bestie und der allermodernste bescheidene Moral-Zärtling, der „nicht mehr beisst“, artig die Hand, letzterer mit dem Ausdruck einer gewissen gutmüthigen und feinen Indolenz im Gesicht, in die selbst ein Gran von Pessimismus, von Ermüdung eingemischt ist: als ob es sich eigentlich gar nicht lohne, alle diese Dinge — die Probleme der Moral — so ernst zu nehmen. Mir nun scheint es umgekehrt gar keine Dinge zu geben, die es mehr lohnten, dass man sie ernst nimmt; zu welchem Lohne es zum Beispiel gehört, dass man eines Tags vielleicht die Erlaubniss erhält, sie heiter zu nehmen. Die Heiterkeit nämlich oder, um es in meiner Sprache zu sagen, die fröhliche Wissenschaft — ist ein Lohn: ein Lohn für einen langen, tapferen, arbeitsamen und unterirdischen Ernst, der freilich nicht Jedermanns Sache ist. An dem Tage aber, wo wir aus vollem Herzen sagen: „vorwärts! auch unsre alte Moral gehört in die Komödie!“ haben wir für das dinoysische Drama vom „Schicksal der Seele“ eine neue Verwicklung und Möglichkeit entdeckt —: und er wird sie sich schon zu Nutze machen, darauf darf man wetten, er, der grosse alte ewige Komödiendichter unsres Daseins!...
8 — Wenn diese Schrift irgend Jemandem unverständlich ist und schlecht zu Ohren geht, so liegt die Schuld, wie mich dünkt, nicht nothwendig an mir. Sie ist deutlich genug, vorausgesetzt, was ich voraussetzte, dass man zuerst meine früheren Schriften gelesen und einige Mühe dabei nicht gespart hat: diese sind in der That nicht leicht zugänglich. Was zum Beispiel meinen „Zarathustra“ anbetrifft, so lasse ich Niemanden als dessen Kenner gelten, den nicht jedes seiner Worte irgendwann einmal tief verwundet und irgendwann einmal tief entzückt hat: erst dann nämlich darf er des Vorrechts geniessen, an dem halkyonischen Element, aus dem jenes Werk geboren ist, an seiner sonnigen Helle, Ferne, Weite und Gewissheit ehrfürchtig Antheil zu haben. In andern Fällen macht die aphoristische Form Schwierigkeit: sie liegt darin, dass man diese Form heute nicht schwer genug nimmt. Ein Aphorismus, rechtschaffen geprägt und ausgegossen, ist damit, dass er abgelesen ist, noch nicht „entziffert“; vielmehr hat nun erst dessen Auslegung zu beginnen, zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf. Ich habe in der dritten Abhandlung dieses Buchs ein Muster von dem dargeboten, was ich in einem solchen Falle „Auslegung“ nenne: — dieser Abhandlung ist ein Aphorismus vorangestellt, sie selbst ist dessen Commentar. Freilich thut, um dergestalt das Lesen als Kunst zu üben, Eins vor Allem noth, was heutzutage gerade am Besten verlernt worden ist — und darum hat es noch Zeit bis zur „Lesbarkeit“ meiner Schriften —, zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls nicht „moderner Mensch“ sein muss: das Wiederkäuen...
Sils-Maria, Oberengadin,
im Juli 1887.
English
On theGenealogy of Morals.
A Polemic
by
Friedrich Nietzsche.
Added to the most recently published “Beyond Good and Evil” to supplement and clarify it.
Preface.
1 We who know are unknown to ourselves. We ourselves do not know ourselves, and for good reason. We have never looked for ourselves—how could we ever find ourselves one day? Someone rightly said, “Where your treasure is, there your heart is too.” Our treasure is where the beehives of our knowledge stand. We are always on our way there, born winged creatures and gatherers of the mind’s honey. At heart we really care about only one thing: “bringing something home.” As for the rest of life, the so-called “experiences”—who among us even takes them seriously enough? Or has enough time for them? In such matters, I’m afraid, we have never really “paid attention.” Our hearts simply aren’t there—and neither are our ears! Think of someone divinely distracted and absorbed in himself. A bell has just thundered its twelve midday strokes into his ear at full force. Suddenly he wakes up and asks, “What hour did it actually strike?” In the same way, we too sometimes rub our ears afterward. Completely amazed and embarrassed, we ask, “What did we actually experience just now? More than that: who are we, really?” And afterward, as I said, we count back over all twelve trembling bell strokes of our experience, our life, our being—ah, and we miscount … We necessarily remain strangers to ourselves. We don’t understand ourselves; we have to mistake ourselves for something else. For us, the saying holds for all eternity: “Everyone is farthest from themselves.” When it comes to ourselves, we are not “people who know” …
2 —My thoughts about the origin of our moral prejudices—for that is what this polemic deals with—first received a brief, tentative expression in the collection of aphorisms called “Human, All Too Human: A Book for Free Spirits.” I began writing it in Sorrento, during a winter that let me stop, as a traveler stops, and look over the wide and dangerous country my mind had traveled through up to then. This was in the winter of 1876–77; the thoughts themselves are older. In the main, they were already the same thoughts I take up again in these essays. Let’s hope the long time in between has done them good, that they have become riper, clearer, stronger, more complete! I still hold to them today. Meanwhile, they have held ever more firmly to one another; in fact, they have grown into one another and grown together. This strengthens my happy confidence that they did not arise in me from the start as separate, random, scattered thoughts. Instead, they grew from a common root, from an underlying will to know that commands from deep within, speaks ever more clearly, and demands ever more definite things. That alone is fitting for a philosopher. We have no right to be isolated in anything. We must not make mistakes in isolation or arrive at the truth in isolation. Instead, our thoughts, our values, our yeses and nos, our ifs and our questions of whether grow out of us as inevitably as a tree bears its fruit. They are all related and connected to one another, and all testify to one will, one state of health, one soil, one sun.—Do you like the taste of these fruits of ours? But what do the trees care! What do we care, we philosophers! …
3 I have a skeptical streak of my own that I don’t like to admit. It concerns morality, everything that has so far been celebrated as morality on earth. It appeared so early in my life, so uninvited, so unstoppable, and so much at odds with my surroundings, age, examples, and background that I would almost have the right to call it my “a priori.” Because of it, both my curiosity and my suspicion had to settle early on the question of where our good and evil actually came from. In fact, the problem of the origin of evil was already haunting me as a thirteen-year-old boy. At an age when “your heart is half full of children’s games, half of God,” I devoted my first childish literary game, my first practice piece of philosophical writing, to it. As for my “solution” to the problem back then—well, as was only fair, I gave God the credit and made him the father of evil. Was this just what my “a priori” wanted from me? That new, immoral—or at least morality-rejecting—“a priori,” and the mysterious “categorical imperative” speaking through it, oh, so very anti-Kantian! Have I not since listened to it more and more—and done more than listen? … Luckily, I learned early to separate theological prejudice from moral prejudice, and I stopped looking for the origin of evil behind the world. Some training in history and the study of language and texts, along with an inborn selectiveness about psychological questions in general, soon turned my problem into a different one. Under what conditions did human beings invent those value judgments, good and evil, for themselves? And what value do these judgments themselves have? Have they held back human flourishing so far, or helped it along? Are they a sign of distress, impoverishment, degeneration of life? Or do they instead reveal life’s fullness, strength, and will, its courage, confidence, and future? I found and ventured all sorts of answers for myself. I distinguished between periods, peoples, and ranks among individuals. I broke my problem down into more specific questions. The answers led to new questions, investigations, guesses, probabilities. Finally, I had a country of my own, a ground of my own, a whole silent, growing, flowering world, like secret gardens whose existence no one was allowed to suspect … Oh, how happy we who know are, as long as we know how to stay silent long enough! …
4 My first push to make some of my hypotheses about the origin of morality public came from a clear, neat, clever little book, with a precocious air of wisdom too. In it, I first clearly encountered a backward, perverse kind of hypothesis about origins: the specifically English kind. It attracted me with the attraction that everything opposite, everything at the other pole, has. The little book’s title was “The Origin of Moral Feelings”; its author was Dr. Paul Rée; it was published in 1877. Perhaps I have never read anything to which I inwardly said no so completely, sentence by sentence, conclusion by conclusion, as I did to this book. Yet I felt no annoyance or impatience at all. In the work mentioned earlier, which I was writing at the time, I referred to that book’s claims both when the occasion called for it and when it didn’t. I did not refute them—what do refutations have to do with me! Instead, as someone with a constructive mind should, I replaced what was unlikely with what was more likely, sometimes replacing one error with another. As I said, that was when I first brought to light the hypotheses about origins to which these essays are devoted. I did so clumsily—I would be the last to hide that from myself—still constrained, still without a language of my own for these things of my own, and with many relapses and waverings. For specifics, compare what I say in “Human, All Too Human,” p. 51 about the twofold prehistory of good and evil, namely in the world of the nobles and in that of the slaves. Likewise, pp. 119 ff. on the value and origin of ascetic morality. Likewise, pp. 78, 82, and II, 35 on the “morality of custom,” that much older and more original kind of morality. It is a whole world apart from the altruistic way of assigning value, which Dr. Rée, like all English genealogists of morality, sees as the moral way of assigning value as such. Likewise, p. 74; “The Wanderer,” p. 29; “Daybreak,” p. 99 on the origin of justice as a settlement between people of roughly equal power. A balance of power is the precondition of all agreements and therefore of all law. Likewise, on the origin of punishment, “The Wanderer,” pp. 25, 34. The purpose of terrorizing is neither essential nor original to punishment, contrary to what Dr. Rée thinks. Instead, this purpose was only attached to it later, under certain circumstances, and always as something incidental, something added on.
5 At bottom, even then, something much more important was close to my heart than my own or anyone else’s hypotheses about the origin of morality. More precisely, I cared about those hypotheses only for the sake of a goal for which they are one means among many. What mattered to me was the value of morality. On that question, I had to argue almost entirely with my great teacher Schopenhauer. That book addresses him as if he were present; so do its passion and its secret opposition—for that book too was a “polemic.” What mattered in particular was the value of the “unselfish,” of the instincts of pity, self-denial, and self-sacrifice. Schopenhauer in particular had gilded them, made them divine, and placed them in a world beyond this one for so long that they finally remained for him as the “values in themselves.” On their basis, he said no to life and to himself as well. But a suspicion that increasingly challenged their very basis, a skepticism that dug ever deeper, spoke out through me against precisely these instincts! This was exactly where I saw humanity’s great danger, its most sublime temptation and seduction—but to where? Into nothingness? This was exactly where I saw the beginning of the end: coming to a standstill, weariness looking backward, the will turning against life, the final illness announcing itself tenderly and sadly. The morality of pity was spreading more and more, even seizing philosophers and making them sick. I understood it as the most disturbing symptom of our European culture, which had become disturbing itself. Was it that culture’s roundabout route to a new Buddhism? To a European Buddhism? To—nihilism? … This preference and overvaluation of pity among modern philosophers is something new. Until now, philosophers had agreed precisely on pity’s worthlessness. I’ll name only Plato, Spinoza, La Rochefoucauld, and Kant: four minds as different from one another as possible, but united on one thing—their low opinion of pity.—
6 This problem of the value of pity and the morality of pity—I oppose the shameful sentimental softness of modern times—at first seems to be just an isolated issue, a question mark on its own. But once someone gets stuck here and learns to ask questions here, they will have the same experience I did. An immense new view opens up. A possibility seizes them like a dizzy spell. Every kind of distrust, suspicion, and fear springs out. Belief in morality, in all morality, shakes. Finally, a new demand makes itself heard. Let’s state this new demand: we need a critique of moral values; the value of these values must itself first be called into question. To do that, we need to know the conditions and circumstances from which they grew, under which they developed and shifted. Morality can be a result, a symptom, a mask, pious hypocrisy, a disease, a misunderstanding. But it can also be a cause, a remedy, a stimulant, a restraint, a poison. This kind of knowledge has never existed before, or even been desired. People took the value of these “values” as given, as a fact, as beyond all questioning. Until now, they have not had the slightest doubt or hesitation about assigning a higher value to “the good person” than to “the evil person.” Higher, that is, in terms of helping, benefiting, and promoting the flourishing of human beings in general, including their future. What if the truth were the other way around? What if “the good person” also contained a sign of decline, as well as a danger, a temptation, a poison, a narcotic, through which the present might live at the expense of the future? Perhaps more comfortably, less dangerously, but also on a smaller scale, at a lower level? … So that morality itself would be to blame if the human type never achieved the greatest power and splendor it was otherwise capable of? So that morality itself would be the danger of dangers? …
7 Enough to say that once this view opened up to me, I had reason to look around for learned, bold, hardworking companions. I still do. We need to travel through the immense, distant, well-hidden country of morality—the morality that actually existed, that people actually lived—with entirely new questions and, so to speak, new eyes. And doesn’t that almost amount to discovering this country for the first time? … If, among others, I also thought of the Dr. Rée mentioned above, it was because I had no doubt that the nature of his own questions would push him toward a more correct method of reaching answers. Was I mistaken about that? In any case, I wanted to turn such a sharp, detached eye in a better direction—toward the real history of morality—and to warn him in time against that sort of English blue-sky speculation. It is obvious what color must matter a hundred times more to a genealogist of morality than blue: gray. I mean documented evidence, what can actually be established, what actually existed—in short, the whole long, hard-to-decipher hieroglyphic writing of humanity’s moral past! This was unknown to Dr. Rée. But he had read Darwin. And so, in his hypotheses, Darwin’s beast and the most up-to-date, modest moral softie, who “no longer bites,” politely shake hands in a way that is entertaining, at the very least. The latter has a certain good-natured, refined laziness on his face, mixed with even a grain of pessimism and weariness. It is as if taking all these things—the problems of morality—so seriously were really not worth the trouble. To me, on the contrary, nothing seems more worth taking seriously. One reward for doing so is that one day we may get permission to take these things cheerfully. Cheerfulness—or, to put it in my language, joyful science—is a reward. It is a reward for a long, brave, hardworking seriousness, working underground, which admittedly is not for everyone. But on the day when we say with all our hearts, “Forward! Our old morality belongs in the comedy too!” we will have discovered a new complication and possibility for the Dionysian drama of the “fate of the soul.” And he will certainly make use of it—you can bet on that—he, the great, old, eternal writer of the comedy of our existence! …
8 —If anyone can’t understand this work and finds that it grates on their ears, I don’t think the fault necessarily lies with me. It is clear enough, provided, as I assumed, that the reader has first read my earlier writings and put some effort into doing so. They really aren’t easy to get into. Take my “Zarathustra,” for example. I will not accept anyone as knowing it unless every one of its words has, at some time, wounded them deeply and, at some time, delighted them deeply. Only then may they enjoy the privilege of sharing, with reverence, in the calm, peaceful element from which that work was born—in its sunny brightness, distance, breadth, and certainty. In other cases, the aphoristic form causes difficulty. The problem is that people today do not take this form seriously enough. An aphorism that has been properly stamped and cast has not been “deciphered” just because it has been read. Instead, that is when its interpretation must begin, and that requires an art of interpretation. In the third essay of this book, I have given an example of what I call “interpretation” in such a case. An aphorism is placed at the beginning of that essay; the essay itself is its commentary. To practice reading as an art in this way, one thing above all is needed. It is precisely what people today have most thoroughly unlearned, which is why it will still be a while before my writings become “readable.” To do it, you almost have to be a cow, and certainly not a “modern human being”: chewing the cud …
Sils-Maria, Oberengadin,
in July 1887.
Essay I
Erste Abhandlung:
Gut und Böse, Gut und Schlecht.
1 — Diese englischen Psychologen, denen man bisher auch die einzigen Versuche zu danken hat, es zu einer Entstehungsgeschichte der Moral zu bringen, — sie geben uns mit sich selbst kein kleines Räthsel auf; sie haben sogar, dass ich es gestehe, eben damit, als leibhaftige Räthsel, etwas Wesentliches vor ihren Büchern voraus — sie selbst sind interessant! Diese englischen Psychologen — was wollen sie eigentlich? Man findet sie, sei es nun freiwillig oder unfreiwillig, immer am gleichen Werke, nämlich die partie honteuse unsrer inneren Welt in den Vordergrund zu drängen und gerade dort das eigentlich Wirksame, Leitende, für die Entwicklung Entscheidende zu suchen, wo der intellektuelle Stolz des Menschen es am letzten zu finden wünschte (zum Beispiel in der vis inertiae der Gewohnheit oder in der Vergesslichkeit oder in einer blinden und zufälligen Ideen-Verhäkelung und -Mechanik oder in irgend etwas Rein-Passivem, Automatischem, Reflexmässigem, Molekularem und Gründlich-Stupidem) — was treibt diese Psychologen eigentlich immer gerade in diese Richtung? Ist es ein heimlicher, hämischer, gemeiner, seiner selbst vielleicht uneingeständlicher Instinkt der Verkleinerung des Menschen? Oder etwa ein pessimistischer Argwohn, das Misstrauen von enttäuschten, verdüsterten, giftig und grün gewordenen Idealisten? Oder eine kleine unterirdische Feindschaft und Rancune gegen das Christenthum (und Plato), die vielleicht nicht einmal über die Schwelle des Bewusstseins gelangt ist? Oder gar ein lüsterner Geschmack am Befremdlichen, am Schmerzhaft-Paradoxen, am Fragwürdigen und Unsinnigen des Daseins? Oder endlich — von Allem Etwas, ein wenig Gemeinheit, ein wenig Verdüsterung, ein wenig Antichristlichkeit, ein wenig Kitzel und Bedürfniss nach Pfeffer?... Aber man sagt mir, dass es einfach alte, kalte, langweilige Frösche seien, die am Menschen herum, in den Menschen hinein kriechen und hüpfen, wie als ob sie da so recht in ihrem Elemente wären, nämlich in einem Sumpfe. Ich höre das mit Widerstand, mehr noch, ich glaube nicht daran; und wenn man wünschen darf, wo man nicht wissen kann, so wünsche ich von Herzen, dass es umgekehrt mit ihnen stehen möge, — dass diese Forscher und Mikroskopiker der Seele im Grunde tapfere, grossmüthige und stolze Thiere seien, welche ihr Herz wie ihren Schmerz im Zaum zu halten wissen und sich dazu erzogen haben, der Wahrheit alle Wünschbarkeit zu opfern, jeder Wahrheit, sogar der schlichten, herben, hässlichen, widrigen, unchristlichen, unmoralischen Wahrheit... Denn es giebt solche Wahrheiten. —
2 Alle Achtung also vor den guten Geistern, die in diesen Historikern der Moral walten mögen! Aber gewiss ist leider, dass ihnen der historische Geist selber abgeht, dass sie gerade von allen guten Geistern der Historie selbst in Stich gelassen worden sind! Sie denken allesammt, wie es nun einmal alter Philosophen-Brauch ist, wesentlich unhistorisch; daran ist kein Zweifel. Die Stümperei ihrer Moral-Genealogie kommt gleich am Anfang zu Tage, da, wo es sich darum handelt, die Herkunft des Begriffs und Urtheils „gut“ zu ermitteln. „Man hat ursprünglich — so dekretieren sie — unegoistische Handlungen von Seiten Derer gelobt und gut genannt, denen sie erwiesen wurden, also denen sie nützlich waren; später hat man diesen Ursprung des Lobes vergessen und die unegoistischen Handlungen einfach, weil sie gewohnheitsmässig immer als gut gelobt wurden, auch als gut empfunden — wie als ob sie an sich etwas Gutes wären.“ Man sieht sofort: diese erste Ableitung enthält bereits alle typischen Züge der englischen Psychologen-Idiosynkrasie, — wir haben „die Nützlichkeit“, „das Vergessen“, „die Gewohnheit“ und am Schluss „den Irrthum“, Alles als Unterlage einer Werthschätzung, auf welche der höhere Mensch bisher wie auf eine Art Vorrecht des Menschen überhaupt stolz gewesen ist. Dieser Stolz soll gedemüthigt, diese Werthschätzung entwerthet werden: ist das erreicht?... Nun liegt für mich erstens auf der Hand, dass von dieser Theorie der eigentliche Entstehungsheerd des Begriffs „gut“ an falscher Stelle gesucht und angesetzt wird: das Urtheil „gut“ rührt nicht von Denen her, welchen „Güte“ erwiesen wird! Vielmehr sind es „die Guten“ selber gewesen, das heisst die Vornehmen, Mächtigen, Höhergestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Thun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden und ansetzten, im Gegensatz zu allem Niedrigen, Niedrig-Gesinnten, Gemeinen und Pöbelhaften. Aus diesem Pathos der Distanz heraus haben sie sich das Recht, Werthe zu schaffen, Namen der Werthe auszuprägen, erst genommen: was gieng sie die Nützlichkeit an! Der Gesichtspunkt der Nützlichkeit ist gerade in Bezug auf ein solches heisses Herausquellen oberster rangordnender, rang-abhebender Werthurtheile so fremd und unangemessen wie möglich: hier ist eben das Gefühl bei einem Gegensatze jenes niedrigen Wärmegrades angelangt, den jede berechnende Klugheit, jeder Nützlichkeits-Calcul voraussetzt, — und nicht für einmal, nicht für eine Stunde der Ausnahme, sondern für die Dauer. Das Pathos der Vornehmheit und Distanz, wie gesagt, das dauernde und dominirende Gesammt- und Grundgefühl einer höheren herrschenden Art im Verhältniss zu einer niederen Art, zu einem „Unten“ — das ist der Ursprung des Gegensatzes „gut“ und „schlecht“. (Das Herrenrecht, Namen zu geben, geht so weit, dass man sich erlauben sollte, den Ursprung der Sprache selbst als Machtäusserung der Herrschenden zu fassen: sie sagen „das ist das und das“, sie siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute ab und nehmen es dadurch gleichsam in Besitz.) Es liegt an diesem Ursprünge, dass das Wort „gut“ sich von vornherein durchaus nicht nothwendig an „unegoistische“ Handlungen anknüpft: wie es der Aberglaube jener Moralgenealogen ist. Vielmehr geschieht es erst bei einem Niedergange aristokratischer Werthurtheile, dass sich dieser ganze Gegensatz „egoistisch“ „unegoistisch“ dem menschlichen Gewissen mehr und mehr aufdrängt, — es ist, um mich meiner Sprache zu bedienen, der Heerdeninstinkt, der mit ihm endlich zu Worte (auch zu Worten) kommt. Und auch dann dauert es noch lange, bis dieser Instinkt in dem Maasse Herr wird, dass die moralische Werthschätzung bei jenem Gegensatze geradezu hängen und stecken bleibt (wie dies zum Beispiel im gegenwärtigen Europa der Fall ist: heute herrscht das Vorurtheil, welches „moralisch“, „unegoistisch“, „désinteressé“ als gleichwerthige Begriffe nimmt, bereits mit der Gewalt einer „fixen Idee“ und Kopfkrankheit).
3 Zweitens aber: ganz abgesehen von der historischen Unhaltbarkeit jener Hypothese über die Herkunft des Werthurtheils „gut“, krankt sie an einem psychologischen Widersinn in sich selbst. Die Nützlichkeit der unegoistischen Handlung soll der Ursprung ihres Lobes sein, und dieser Ursprung soll vergessen worden sein: — wie ist dies Vergessen auch nur möglich? Hat vielleicht die Nützlichkeit solcher Handlungen irgend wann einmal aufgehört? Das Gegentheil ist der Fall: diese Nützlichkeit ist vielmehr die Alltagserfahrung zu allen Zeiten gewesen, Etwas also, das fortwährend immer neu unterstrichen wurde; folglich, statt aus dem Bewusstsein zu verschwinden, statt vergessbar zu werden, sich dem Bewusstsein mit immer grösserer Deutlichkeit eindrücken musste. Um wie viel vernünftiger ist jene entgegengesetzte Theorie (sie ist deshalb nicht wahrer —), welche zum Beispiel von Herbert Spencer vertreten wird: der den Begriff „gut“ als wesensgleich mit dem Begriff „nützlich“, „zweckmässig“ ansetzt, so dass in den Urtheilen „gut“ und „schlecht“ die Menschheit gerade ihre unvergessnen und unvergessbaren Erfahrungen über nützlich-zweckmässig, über schädlich-unzweckmässig aufsummirt und sanktionirt habe. Gut ist, nach dieser Theorie, was sich von jeher als nützlich bewiesen hat: damit darf es als „werthvoll im höchsten Grade“, als „werthvoll an sich“ Geltung behaupten. Auch dieser Weg der Erklärung ist, wie gesagt, falsch, aber wenigstens ist die Erklärung selbst in sich vernünftig und psychologisch haltbar.
4 — Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir die Frage, was eigentlich die von den verschiedenen Sprachen ausgeprägten Bezeichnungen des „Guten“ in etymologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand ich, dass sie allesammt auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückleiten, — dass überall „vornehm“, „edel“ im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus dem sich „gut“ im Sinne von „seelisch-vornehm“, „edel“ von „seelisch-hochgeartet“, „seelisch-privilegirt“ mit Nothwendigkeit heraus entwickelt: eine Entwicklung, die immer parallel mit jener anderen läuft, welche „gemein“, „pöbelhaft“, „niedrig“ schliesslich in den Begriff „schlecht“ übergehen macht. Das beredteste Beispiel für das Letztere ist das deutsche Wort „schlecht“ selber: als welches mit „schlicht“ identisch ist — vergleiche „schlechtweg“, „schlechterdings“ — und ursprünglich den schlichten, den gemeinen Mann noch ohne einen verdächtigenden Seitenblick, einfach im Gegensatz zum Vornehmen bezeichnete. Um die Zeit des dreissigjährigen Kriegs ungefähr, also spät genug, verschiebt sich dieser Sinn in den jetzt gebräuchlichen. — Dies scheint mir in Betreff der Moral-Genealogie eine wesentliche Einsicht; dass sie so spät erst gefunden wird, liegt an dem hemmenden Einfluss, den das demokratische Vorurtheil innerhalb der modernen Welt in Hinsicht auf alle Fragen der Herkunft ausübt. Und dies bis in das anscheinend objektivste Gebiet der Naturwissenschaft und Physiologie hinein, wie hier nur angedeutet werden soll. Welchen Unfug aber dieses Vorurtheil, einmal bis zum Hass entzügelt, in Sonderheit für Moral und Historie anrichten kann, zeigt der berüchtigte Fall Buckle's; der Plebejismus des modernen Geistes, der englischer Abkunft ist, brach da einmal wieder auf seinem heimischen Boden heraus, heftig wie ein schlammichter Vulkan und mit jener versalzten, überlauten, gemeinen Beredtsamkeit, mit der bisher alle Vulkane geredet haben. —
5 In Hinsicht auf unser Problem, das aus guten Gründen ein stilles Problem genannt werden kann und sich wählerisch nur an wenige Ohren wendet, ist es von keinem kleinen Interesse, festzustellen, dass vielfach noch in jenen Worten und Wurzeln, die „gut“ bezeichnen, die Hauptnuance durchschimmert, auf welche hin die Vornehmen sich eben als Menschen höheren Ranges fühlten. Zwar benennen sie sich vielleicht in den häufigsten Fällen einfach nach ihrer Überlegenheit an Macht (als „die Mächtigen“, „die Herren“, „die Gebietenden“) oder nach dem sichtbarsten Abzeichen dieser Überlegenheit, zum Beispiel als „die Reichen“, „die Besitzenden“ (das ist der Sinn von arya; und entsprechend im Eranischen und Slavischen). Aber auch nach einem typischen Charakterzuge: und dies ist der Fall, der uns hier angeht. Sie heissen sich zum Beispiel „die Wahrhaftigen“: voran der griechische Adel, dessen Mundstück der Megarische Dichter Theognis ist. Das dafür ausgeprägte Wort ἐσθλός bedeutet der Wurzel nach Einen, der ist, der Realität hat, der wirklich ist, der wahr ist; dann, mit einer subjektiven Wendung, den Wahren als den Wahrhaftigen: in dieser Phase der Begriffs-Verwandlung wird es zum Schlag- und Stichwort des Adels und geht ganz und gar in den Sinn „adelig“ über, zur Abgrenzung vom lügenhaften gemeinen Mann, so wie Theognis ihn nimmt und schildert, — bis endlich das Wort, nach dem Niedergange des Adels, zur Bezeichnung der seelischen noblesse übrig bleibt und gleichsam reif und süss wird. Im Worte κακός wie in δειλός (der Plebejer im Gegensatz zum ἀγαθός) ist die Feigheit unterstrichen: dies giebt vielleicht einen Wink, in welcher Richtung man die etymologische Herkunft des mehrfach deutbaren ἀγαθός zu suchen hat. Im lateinischen malus (dem ich μέλας zur Seite stelle) könnte der gemeine Mann als der Dunkelfarbige, vor allem als der Schwarzhaarige („hic niger est“) gekennzeichnet sein, als der vorarische Insasse des italischen Bodens, der sich von der herrschend gewordenen blonden, nämlich arischen Eroberer-Rasse durch die Farbe am deutlichsten abhob; wenigstens bot mir das Gälische den genau entsprechenden Fall, — fin (zum Beispiel im Namen Fin-Gal), das abzeichnende Wort des Adels, zuletzt der Gute, Edle, Reine, ursprünglich der Blondkopf, im Gegensatz zu den dunklen, schwarzhaarigen Ureinwohnern. Die Kelten, beiläufig gesagt, waren durchaus eine blonde Rasse; man thut Unrecht, wenn man jene Streifen einer wesentlich dunkelhaarigen Bevölkerung, die sich auf sorgfältigeren ethnographischen Karten Deutschlands bemerkbar machen, mit irgend welcher keltischen Herkunft und Blutmischung in Zusammenhang bringt, wie dies noch Virchow thut: vielmehr schlägt an diesen Stellen die vorarische Bevölkerung Deutschlands vor. (Das Gleiche gilt beinahe für ganz Europa: im Wesentlichen hat die unterworfene Rasse schliesslich daselbst wieder die Oberhand bekommen, in Farbe, Kürze des Schädels, vielleicht sogar in den intellektuellen und socialen Instinkten: wer steht uns dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere Anarchismus und namentlich jener Hang zur „Commune“, zur primitivsten Gesellschafts-Form, der allen Socialisten Europa's jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat — und dass die Eroberer- und Herren-Rasse, die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?...) Das lateinische bonus glaube ich als „den Krieger“ auslegen zu dürfen: vorausgesetzt, dass ich mit Recht bonus auf ein älteres duonus zurückführe (vergleiche bellum = duellum = duen-lum, worin mir jenes duonus erhalten scheint). Bonus somit als Mann des Zwistes, der Entzweiung (duo), als Kriegsmann: man sieht, was im alten Rom an einem Manne seine „Güte“ ausmachte. Unser deutsches „Gut“ selbst: sollte es nicht „den Göttlichen“, den Mann „göttlichen Geschlechts“ bedeuten? Und mit dem Volks- (ursprünglich Adels-) Namen der Gothen identisch sein? Die Gründe zu dieser Vermuthung gehören nicht hierher. —
6 Von dieser Regel, dass der politische Vorrangs-Begriff sich immer in einen seelischen Vorrangs-Begriff auslöst, macht es zunächst noch keine Ausnahme (obgleich es Anlass zu Ausnahmen giebt), wenn die höchste Kaste zugleich die priesterliche Kaste ist und folglich zu ihrer Gesammt-Bezeichnung ein Prädikat bevorzugt, das an ihre priesterliche Funktion erinnert. Da tritt zum Beispiel „rein“ und „unrein“ sich zum ersten Male als Ständeabzeichen gegenüber; und auch hier kommt später ein „gut“ und ein „schlecht“ in einem nicht mehr ständischen Sinne zur Entwicklung. Im Übrigen sei man davor gewarnt, diese Begriffe „rein“ und „unrein“ nicht von vornherein zu schwer, zu weit oder gar symbolisch zu nehmen: alle Begriffe der älteren Menschheit sind vielmehr anfänglich in einem uns kaum ausdenkbaren Maasse grob, plump, äusserlich, eng, geradezu und insbesondere unsymbolisch verstanden worden. Der „Reine“ ist von Anfang an bloss ein Mensch, der sich wäscht, der sich gewisse Speisen verbietet, die Hautkrankheiten nach sich ziehen, der nicht mit den schmutzigen Weibern des niederen Volkes schläft, der einen Abscheu vor Blut hat, — nicht mehr, nicht viel mehr! Andrerseits erhellt es freilich aus der ganzen Art einer wesentlich priesterlichen Aristokratie, warum hier gerade frühzeitig sich die Werthungs-Gegensätze auf eine gefährliche Weise verinnerlichen und verschärfen konnten; und in der That sind durch sie schliesslich Klüfte zwischen Mensch und Mensch aufgerissen worden, über die selbst ein Achill der Freigeisterei nicht ohne Schauder hinwegsetzen wird. Es ist von Anfang an etwas Ungesundes in solchen priesterlichen Aristokratien und in den daselbst herrschenden, dem Handeln abgewendeten, theils brütenden, theils gefühls-explosiven Gewohnheiten, als deren Folge jene den Priestern aller Zeiten fast unvermeidlich anhaftende intestinale Krankhaftigkeit und Neurasthenie erscheint; was aber von ihnen selbst gegen diese ihre Krankhaftigkeit als Heilmittel erfunden worden ist, — muss man nicht sagen, dass es sich zuletzt in seinen Nachwirkungen noch hundert Mal gefährlicher erwiesen hat, als die Krankheit, von der es erlösen sollte? Die Menschheit selbst krankt noch an den Nachwirkungen dieser priesterlichen Kur-Naivetäten! Denken wir zum Beispiel an gewisse Diätformen (Vermeidung des Fleisches), an das Fasten, an die geschlechtliche Enthaltsamkeit, an die Flucht „in die Wüste“ (Weir Mitchell'sche Isolirung, freilich ohne die darauf folgende Mastkur und Überernährung, in der das wirksamste Gegenmittel gegen alle Hysterie des asketischen Ideals besteht): hinzugerechnet die ganze sinnenfeindliche, faul- und raffinirtmachende Metaphysik der Priester, ihre Selbst-Hypnotisirung nach Art des Fakirs und Brahmanen — Brahman als gläserner Knopf und fixe Idee benutzt — und das schliessliche, nur zu begreifliche allgemeine Satthaben mit seiner Radikalkur, dem Nichts (oder Gott: — das Verlangen nach einer unio mystica mit Gott ist das Verlangen des Buddhisten in's Nichts, Nirwâna — und nicht mehr!) Bei den Priestern wird eben Alles gefährlicher, nicht nur Kurmittel und Heilkünste, sondern auch Hochmuth, Rache, Scharfsinn, Ausschweifung, Liebe, Herrschsucht, Tugend, Krankheit; — mit einiger Billigkeit liesse sich allerdings auch hinzufügen, dass erst auf dem Boden dieser wesentlich gefährlichen Daseinsform des Menschen, der priesterlichen, der Mensch überhaupt ein interessantes Thier geworden ist, dass erst hier die menschliche Seele in einem höheren Sinne Tiefe bekommen hat und böse geworden ist — und das sind ja die beiden Grundformen der bisherigen Überlegenheit des Menschen über sonstiges Gethier!...
7 — Man wird bereits errathen haben, wie leicht sich die priesterliche Werthungs-Weise von der ritterlich-aristokratischen abzweigen und dann zu deren Gegensatze fortentwickeln kann; wozu es in Sonderheit jedes Mal einen Anstoss giebt, wenn die Priesterkaste und die Kriegerkaste einander eifersüchtig entgegentreten und über den Preis mit einander nicht einig werden wollen. Die ritterlich-aristokratischen Werthurtheile haben zu ihrer Voraussetzung eine mächtige Leiblichkeit, eine blühende, reiche, selbst überschäumende Gesundheit, sammt dem, was deren Erhaltung bedingt, Krieg, Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele und Alles überhaupt, was starkes, freies, frohgemuthes Handeln in sich schliesst. Die priesterlich-vornehme Werthungs-Weise hat — wir sahen es — andere Voraussetzungen: schlimm genug für sie, wenn es sich um Krieg handelt! Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten Feinde — weshalb doch? Weil sie die ohnmächtigsten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der Hass in's Ungeheure und Unheimliche, in's Geistigste und Giftigste. Die ganz grossen Hasser in der Weltgeschichte sind immer Priester gewesen, auch die geistreichsten Hasser: — gegen den Geist der priesterlichen Rache kommt überhaupt aller übrige Geist kaum in Betracht. Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist: — nehmen wir sofort das grösste Beispiel. Alles, was auf Erden gegen „die Vornehmen“, „die Gewaltigen“, „die Herren“, „die Machthaber“ gethan worden ist, ist nicht der Rede werth im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie gethan haben: die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und Überwältigern zuletzt nur durch eine radikale Umwerthung von deren Werthen, also durch einen Akt der geistigsten Rache Genugthuung zu schaffen wusste. So allein war es eben einem priesterlichen Volke gemäss, dem Volke der zurückgetretensten priesterlichen Rachsucht. Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Werthgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflössenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht) festgehalten haben, nämlich „die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, für sie allein giebt es Seligkeit, — dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!“... Man weiss, wer die Erbschaft dieser jüdischen Umwerthung gemacht hat... Ich erinnere in Betreff der ungeheuren und über alle Maassen verhängnissvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichsten aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz, auf den ich bei einer anderen Gelegenheit gekommen bin („Jenseits von Gut und Böse“ p. 118) — dass nämlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zweitausendjährige Geschichte hinter sich hat und der uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er — siegreich gewesen ist...
8 — Aber ihr versteht das nicht? Ihr habt keine Augen für Etwas, das zwei Jahrtausende gebraucht hat, um zum Siege zu kommen?... Daran ist Nichts zum Verwundern: alle langen Dinge sind schwer zu sehn, zu übersehn. Das aber ist das Ereigniss: aus dem Stamme jenes Baums der Rache und des Hasses, des jüdischen Hasses — des tiefsten und sublimsten, nämlich Ideale schaffenden, Werthe umschaffenden Hasses, dessen Gleichen nie auf Erden dagewesen ist — wuchs etwas ebenso Unvergleichliches heraus, eine neue Liebe, die tiefste und sublimste aller Arten Liebe: — und aus welchem andern Stamme hätte sie auch wachsen können?... Dass man aber ja nicht vermeine, sie sei etwa als die eigentliche Verneinung jenes Durstes nach Rache, als der Gegensatz des jüdischen Hasses emporgewachsen! Nein, das Umgekehrte ist die Wahrheit! Diese Liebe wuchs aus ihm heraus, als seine Krone, als die triumphirende, in der reinsten Helle und Sonnenfülle sich breit und breiter entfaltende Krone, welche mit demselben Drange gleichsam im Reiche des Lichts und der Höhe auf die Ziele jenes Hasses, auf Sieg, auf Beute, auf Verführung aus war, mit dem die Wurzeln jenes Hasses sich immer gründlicher und begehrlicher in Alles, was Tiefe hatte und böse war, hinunter senkten. Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhafte Evangelium der Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den Sündern die Seligkeit und den Sieg bringende „Erlöser“ — war er nicht gerade die Verführung in ihrer unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form, die Verführung und der Umweg zu eben jenen jüdischen Werthen und Neuerungen des Ideals? Hat Israel nicht gerade auf dem Umwege dieses „Erlösers“, dieses scheinbaren Widersachers und Auflösers Israel's, das letzte Ziel seiner sublimen Rachsucht erreicht? Gehört es nicht in die geheime schwarze Kunst einer wahrhaft grossen Politik der Rache, einer weitsichtigen, unterirdischen, langsam-greifenden und vorausrechnenden Rache, dass Israel selber das eigentliche Werkzeug seiner Rache vor aller Welt wie etwas Todfeindliches verleugnen und an's Kreuz schlagen musste, damit „alle Welt“, nämlich alle Gegner Israel's unbedenklich gerade an diesem Köder anbeissen konnten? Und wüsste man sich andrerseits, aus allem Raffinement des Geistes heraus, überhaupt noch einen gefährlicheren Köder auszudenken? Etwas, das an verlockender, berauschender, betäubender, verderbender Kraft jenem Symbol des „heiligen Kreuzes“ gleichkäme, jener schauerlichen Paradoxie eines „Gottes am Kreuze“, jenem Mysterium einer unausdenkbaren letzten äussersten Grausamkeit und Selbstkreuzigung Gottes zum Heile des Menschen?... Gewiss ist wenigstens, dass sub hoc signo Israel mit seiner Rache und Umwerthung aller Werthe bisher über alle anderen Ideale, über alle vornehmeren Ideale immer wieder triumphirt hat. — —
9 — „Aber was reden Sie noch von vornehmeren Idealen! Fügen wir uns in die Thatsachen: das Volk hat gesiegt — oder „die Sklaven“, oder „der Pöbel“, oder „die Heerde“, oder wie Sie es zu nennen belieben — wenn dies durch die Juden geschehen ist, wohlan! so hatte nie ein Volk eine welthistorischere Mission. „Die Herren“ sind abgethan; die Moral des gemeinen Mannes hat gesiegt. Man mag diesen Sieg zugleich als eine Blutvergiftung nehmen (er hat die Rassen durch einander gemengt) — ich widerspreche nicht; unzweifelhaft ist aber diese Intoxikation gelungen. Die „Erlösung“ des Menschengeschlechtes (nämlich von „den Herren“) ist auf dem besten Wege; Alles verjüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends (was liegt an Worten!). Der Gang dieser Vergiftung, durch den ganzen Leib der Menschheit hindurch, scheint unaufhaltsam, ihr tempo und Schritt darf sogar von nun an immer langsamer, feiner, unhörbarer, besonnener sein — man hat ja Zeit... Kommt der Kirche in dieser Absicht heute noch eine nothwendige Aufgabe, überhaupt noch ein Recht auf Dasein zu? Oder könnte man ihrer entrathen? Quaeritur. Es scheint, dass sie jenen Gang eher hemmt und zurückhält, statt ihn zu beschleunigen? Nun, eben das könnte ihre Nützlichkeit sein... Sicherlich ist sie nachgerade etwas Gröbliches und Bäurisches, das einer zarteren Intelligenz, einem eigentlich modernen Geschmacke widersteht. Sollte sie sich zum Mindesten nicht etwas raffinieren?... Sie entfremdet heute mehr, als dass sie verführte... Wer von uns würde wohl Freigeist sein, wenn es nicht die Kirche gäbe? Die Kirche widersteht uns, nicht ihr Gift... Von der Kirche abgesehn lieben auch wir das Gift...“ — Dies der Epilog eines „Freigeistes“ zu meiner Rede, eines ehrlichen Thiers, wie er reichlich verrathen hat, überdies eines Demokraten; er hatte mir bis dahin zugehört und hielt es nicht aus, mich schweigen zu hören. Für mich nämlich giebt es an dieser Stelle viel zu schweigen. —
10 Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während alle vornehme Moral aus einem triumphirenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem „Ausserhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische That. Diese Umkehrung des werthe-setzenden Blicks — diese nothwendige Richtung nach Aussen statt zurück auf sich selber — gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven-Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Gegen- und Aussenwelt, sie bedarf, physiologisch gesprochen, äusserer Reize, um überhaupt zu agiren, — ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion. Das Umgekehrte ist bei der vornehmen Werthungsweise der Fall: sie agirt und wächst spontan, sie sucht ihren Gegensatz nur auf, um zu sich selber noch dankbarer, noch frohlockender Ja zu sagen, — ihr negativer Begriff „niedrig“ „gemein“ „schlecht“ ist nur ein nachgebornes blasses Contrastbild im Verhältniss zu ihrem positiven, durch und durch mit Leben und Leidenschaft durchtränkten Grundbegriff „wir Vornehmen, wir Guten, wir Schönen, wir Glücklichen!“ Wenn die vornehme Werthungsweise sich vergreift und an der Realität versündigt, so geschieht dies in Bezug auf die Sphäre, welche ihr nicht genügend bekannt ist, ja gegen deren wirkliches Kennen sie sich spröde zur Wehre setzt: sie verkennt unter Umständen die von ihr verachtete Sphäre, die des gemeinen Mannes, des niedren Volks; andrerseits erwäge man, dass jedenfalls der Affekt der Verachtung, des Herabblickens, des Überlegen-Blickens, gesetzt, dass er das Bild des Verachteten fälscht, bei weitem hinter der Fälschung zurückbleiben wird, mit der der zurückgetretene Hass, die Rache des Ohnmächtigen sich an seinem Gegner — in effigie natürlich — vergreifen wird. In der That ist in der Verachtung zu viel Nachlässigkeit, zu viel Leicht-Nehmen, zu viel Wegblicken und Ungeduld mit eingemischt, selbst zu viel eignes Frohgefühl, als dass sie im Stande wäre, ihr Objekt zum eigentlichen Zerrbild und Scheusal umzuwandeln. Man überhöre doch die beinahe wohlwollenden nuances nicht, welche zum Beispiel der griechische Adel in alle Worte legt, mit denen er das niedere Volk von sich abhebt; wie sich fortwährend eine Art Bedauern, Rücksicht, Nachsicht einmischt und anzuckert, bis zu dem Ende, dass fast alle Worte, die dem gemeinen Manne zukommen, schliesslich als Ausdrücke für „unglücklich“ „bedauernswürdig“ übrig geblieben sind (vergleiche δειλός, δείλαιος, πονηρός, μοχθηρός, letztere zwei eigentlich den gemeinen Mann als Arbeitssklaven und Lastthier kennzeichnend) — und wie andrerseits „schlecht“ „niedrig“ „unglücklich“ nie wieder aufgehört haben, für das griechische Ohr in Einen Ton auszuklingen, mit einer Klangfarbe, in der „unglücklich“ überwiegt: dies als Erbstück der alten edleren aristokratischen Werthungsweise, die sich auch im Verachten nicht verleugnet (— Philologen seien daran erinnert, in welchem Sinne οἰζυρός, ἄνολβος, τλήμων, δυστυχεῖν, ξυμφορά gebraucht werden). Die „Wohlgeborenen“ fühlten sich eben als die „Glücklichen“; sie hatten ihr Glück nicht erst durch einen Blick auf ihre Feinde künstlich zu construiren, unter Umständen einzureden, einzulügen (wie es alle Menschen des Ressentiment zu thun pflegen); und ebenfalls wussten sie, als volle, mit Kraft überladene, folglich nothwendig aktive Menschen, von dem Glück das Handeln nicht abzutrennen, — das Thätigsein wird bei ihnen mit Nothwendigkeit in's Glück hineingerechnet (woher εὖ πράττειν seine Herkunft nimmt) — Alles sehr im Gegensatz zu dem „Glück“ auf der Stufe der Ohnmächtigen, Gedrückten, an giftigen und feindseligen Gefühlen Schwärenden, bei denen es wesentlich als Narcose, Betäubung, Ruhe, Frieden, „Sabbat“, Gemüths-Ausspannung und Gliederstrecken, kurz passivisch auftritt. Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (γενναῖος „edelbürtig“ unterstreicht die nuance „aufrichtig“ und auch wohl „naiv“), so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demüthigen. Eine Rasse solcher Menschen des Ressentiment wird nothwendig endlich klüger sein als irgend eine vornehme Rasse, sie wird die Klugheit auch in ganz andrem Maasse ehren: nämlich als eine Existenzbedingung ersten Ranges, während die Klugheit bei vornehmen Menschen leicht einen feinen Beigeschmack von Luxus und Raffinement an sich hat: — sie ist eben hier lange nicht so wesentlich, als die vollkommne Funktions-Sicherheit der regulirenden unbewussten Instinkte oder selbst eine gewisse Unklugheit, etwa das tapfre Drauflosgehn, sei es auf die Gefahr, sei es auf den Feind, oder jene schwärmerische Plötzlichkeit von Zorn, Liebe, Ehrfurcht, Dankbarkeit und Rache, an der sich zu allen Zeiten die vornehmen Seelen wiedererkannt haben. Das Ressentiment des vornehmen Menschen selbst, wenn es an ihm auftritt, vollzieht und erschöpft sich nämlich in einer sofortigen Reaktion, es vergiftet darum nicht: andrerseits tritt es in unzähligen Fällen gar nicht auf, wo es bei allen Schwachen und Ohnmächtigen unvermeidlich ist. Seine Feinde, seine Unfälle, seine Unthaten selbst nicht lange ernst nehmen können — das ist das Zeichen starker voller Naturen, in denen ein Überschuss plastischer, nachbildender, ausheilender, auch vergessen machender Kraft ist (ein gutes Beispiel dafür aus der modernen Welt ist Mirabeau, welcher kein Gedächtniss für Insulte und Niederträchtigkeiten hatte, die man an ihm begieng, und der nur deshalb nicht vergeben konnte, weil er — vergass). Ein solcher Mensch schüttelt eben viel Gewürm mit Einem Ruck von sich, das sich bei Anderen eingräbt; hier allein ist auch das möglich, gesetzt, dass es überhaupt auf Erden möglich ist — die eigentliche „Liebe zu seinen Feinden“. Wie viel Ehrfurcht vor seinen Feinden hat schon ein vornehmer Mensch! — und eine solche Ehrfurcht ist schon eine Brücke zur Liebe … Er verlangt ja seinen Feind für sich, als seine Auszeichnung, er hält ja keinen andren Feind aus, als einen solchen, an dem Nichts zu verachten und sehr Viel zu ehren ist! Dagegen stelle man sich „den Feind“ vor, wie ihn der Mensch des Ressentiment concipirt — und hier gerade ist seine That, seine Schöpfung: er hat „den bösen Feind“ concipirt, „den Bösen“, und zwar als Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und Gegenstück nun auch noch einen „Guten“ ausdenkt — sich selbst! …
11 Gerade umgekehrt also wie bei dem Vornehmen, der den Grundbegriff „gut“ voraus und spontan, nämlich von sich aus concipirt und von da aus erst eine Vorstellung von „schlecht“ sich schafft! Dies „schlecht“ vornehmen Ursprungs und jenes „böse“ aus dem Braukessel des ungesättigten Hasses — das erste eine Nachschöpfung, ein Nebenher, eine Complementärfarbe, das zweite dagegen das Original, der Anfang, die eigentliche That in der Conception einer Sklaven-Moral — wie verschieden stehen die beiden scheinbar demselben Begriff „gut“ entgegengestellten Worte „schlecht“ und „böse“ da! Aber es ist nicht derselbe Begriff „gut“: vielmehr frage man sich doch, wer eigentlich „böse“ ist, im Sinne der Moral des Ressentiment. In aller Strenge geantwortet: eben der „Gute“ der andren Moral, eben der Vornehme, der Mächtige, der Herrschende, nur umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehn durch das Giftauge des Ressentiment. Hier wollen wir Eins am wenigsten leugnen: wer jene „Guten“ nur als Feinde kennen lernte, lernte auch nichts als böse Feinde kennen, und dieselben Menschen, welche so streng durch Sitte, Verehrung, Brauch, Dankbarkeit, noch mehr durch gegenseitige Bewachung, durch Eifersucht inter pares in Schranken gehalten sind, die andrerseits im Verhalten zu einander so erfinderisch in Rücksicht, Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue, Stolz und Freundschaft sich beweisen, — sie sind nach Aussen hin, dort wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser als losgelassne Raubthiere. Sie geniessen da die Freiheit von allem socialen Zwang, sie halten sich in der Wildniss schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschliessung und Einfriedigung in den Frieden der Gemeinschaft giebt, sie treten in die Unschuld des Raubthier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder Etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück: — römischer, arabischer, germanischer, japanesischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger — in diesem Bedürfniss sind sie sich alle gleich. Die vornehmen Rassen sind es, welche den Begriff „Barbar“ auf all den Spuren hinterlassen haben, wo sie gegangen sind; noch aus ihrer höchsten Cultur heraus verräth sich ein Bewusstsein davon und ein Stolz selbst darauf (zum Beispiel wenn Perikles seinen Athenern sagt, in jener berühmten Leichenrede, „zu allem Land und Meer hat unsre Kühnheit sich den Weg gebrochen, unvergängliche Denkmale sich überall im Guten und Schlimmen aufrichtend“). Diese „Kühnheit“ vornehmer Rassen, toll, absurd, plötzlich, wie sie sich äussert, das Unberechenbare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen — Perikles hebt die ῥαθυμία der Athener mit Auszeichnung hervor — ihre Gleichgültigkeit und Verachtung gegen Sicherheit, Leib, Leben, Behagen, ihre entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grausamkeit — Alles fasste sich für Die, welche daran litten, in das Bild des „Barbaren“, des „bösen Feindes“, etwa des „Gothen“, des „Vandalen“ zusammen. Das tiefe, eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt, auch jetzt wieder — ist immer noch ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, mit dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüthen der blonden germanischen Bestie zugesehn hat (obwohl zwischen alten Germanen und uns Deutschen kaum eine Begriffs-, geschweige eine Blutverwandtschaft besteht). Ich habe einmal auf die Verlegenheit Hesiod's aufmerksam gemacht, als er die Abfolge der Cultur-Zeitalter aussann und sie in Gold, Silber, Erz auszudrücken suchte: er wusste mit dem Widerspruch, den ihm die herrliche, aber ebenfalls so schauerliche, so gewaltthätige Welt Homer's bot, nicht anders fertig zu werden, als indem er aus Einem Zeitalter zwei machte, die er nunmehr hinter einander stellte — einmal das Zeitalter der Helden und Halbgötter von Troja und Theben, so wie jene Welt im Gedächtniss der vornehmen Geschlechter zurückgeblieben war, die in ihr die eignen Ahnherrn hatten; sodann das eherne Zeitalter, sowie jene gleiche Welt den Nachkommen der Niedergetretenen, Beraubten, Misshandelten, Weggeschleppten, Verkauften erschien: als ein Zeitalter von Erz, wie gesagt, hart, kalt, grausam, gefühl- und gewissenlos, Alles zermalmend und mit Blut übertünchend. Gesetzt, dass es wahr wäre, was jetzt jedenfalls als „Wahrheit“ geglaubt wird, dass es eben der Sinn aller Cultur sei, aus dem Raubthiere „Mensch“ ein zahmes und civilisirtes Thier, ein Hausthier herauszuzüchten, so müsste man unzweifelhaft alle jene Reaktions- und Ressentiments-Instinkte, mit deren Hülfe die vornehmen Geschlechter sammt ihren Idealen schliesslich zu Schanden gemacht und überwältigt worden sind, als die eigentlichen Werkzeuge der Cultur betrachten; womit allerdings noch nicht gesagt wäre, dass deren Träger zugleich auch selber die Cultur darstellten. Vielmehr wäre das Gegentheil nicht nur wahrscheinlich — nein! es ist heute augenscheinlich! Diese Träger der niederdrückenden und vergeltungslüsternen Instinkte, die Nachkommen alles europäischen und nicht europäischen Sklaventhums, aller vorarischen Bevölkerung in Sonderheit — sie stellen den Rückgang der Menschheit dar! Diese „Werkzeuge der Cultur“ sind eine Schande des Menschen, und eher ein Verdacht, ein Gegenargument gegen „Cultur“ überhaupt! Man mag im besten Rechte sein, wenn man vor der blonden Bestie auf dem Grunde aller vornehmen Rassen die Furcht nicht los wird und auf der Hut ist: aber wer möchte nicht hundertmal lieber sich fürchten, wenn er zugleich bewundern darf, als sich nicht fürchten, aber dabei den ekelhaften Anblick des Missrathenen, Verkleinerten, Verkümmerten, Vergifteten nicht mehr los werden können? Und ist dass nicht unser Verhängniss? Was macht heute unsern Widerwillen gegen „den Menschen“? — denn wir leiden am Menschen, es ist kein Zweifel. — Nicht die Furcht; eher, dass wir Nichts mehr am Menschen zu fürchten haben; dass das Gewürm „Mensch“ im Vordergrunde ist und wimmelt; dass der „zahme Mensch“, der Heillos-Mittelmässige und Unerquickliche bereits sich als Ziel und Spitze, als Sinn der Geschichte, als „höheren Menschen“ zu fühlen gelernt hat; — ja dass er ein gewisses Recht darauf hat, sich so zu fühlen, insofern er sich im Abstände von der Überfülle des Missrathenen, Kränklichen, Müden, Verlebten fühlt, nach dem heute Europa zu stinken beginnt, somit als etwas wenigstens relativ Gerathenes, wenigstens noch Lebensfähiges, wenigstens zum Leben Ja-sagendes …
12 — Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer und eine letzte Zuversicht nicht. Was ist das gerade mir ganz Unerträgliche? Das, womit ich allein nicht fertig werde, was mich ersticken und verschmachten macht? Schlechte Luft! Schlechte Luft! Das etwas Missrathenes in meine Nähe kommt; dass ich die Eingeweide einer missrathenen Seele riechen muss! … Was hält man sonst nicht aus von Noth, Entbehrung, bösem Wetter, Siechthum, Mühsal, Vereinsamung? Im Grunde wird man mit allem Übrigen fertig, geboren wie man ist zu einem unterirdischen und kämpfenden Dasein; man kommt immer wieder einmal an's Licht, man erlebt immer wieder seine goldene Stunde des Siegs, — und dann steht man da, wie man geboren ist, unzerbrechbar, gespannt, zu Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit, wie ein Bogen, den alle Noth immer nur noch straffer anzieht. — Aber von Zeit zu Zeit gönnt mir — gesetzt, dass es himmlische Gönnerinnen giebt, jenseits von Gut und Böse — einen Blick, gönnt mir Einen Blick nur auf etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes, an dem es noch Etwas zu fürchten giebt! Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt, auf einen complementären und erlösenden Glücksfall des Menschen, um desswillen man den Glauben an den Menschen festhalten darf! … Denn so steht es: die Verkleinerung und Ausgleichung des europäischen Menschen birgt unsre grösste Gefahr, denn dieser Anblick macht müde … Wir sehen heute Nichts, das grösser werden will, wir ahnen, dass es immer noch abwärts, abwärts geht, in's Dünnere, Gutmüthigere, Klügere, Behaglichere, Mittelmässigere, Gleichgültigere, Chinesischere, Christlichere — der Mensch, es ist kein Zweifel, wird immer „besser“ … Hier eben liegt das Verhängniss Europa's — mit der Furcht vor dem Menschen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm eingebüsst. Der Anblick des Menschen macht nunmehr müde — was ist heute Nihilismus, wenn er nicht das ist? … Wir sind des Menschen müde …
13 — Doch kommen wir zurück: das Problem vom andren Ursprung des „Guten“, vom Guten, wie ihn der Mensch des Ressentiment sich ausgedacht hat, verlangt nach seinem Abschluss. — Dass die Lämmer den grossen Raubvögeln gram sind, das befremdet nicht: nur liegt darin kein Grund, es den grossen Raubvögeln zu verargen, dass sie sich kleine Lämmer holen. Und wenn die Lämmer unter sich sagen „diese Raubvögel sind böse; und wer so wenig als möglich ein Raubvogel ist, vielmehr deren Gegenstück, ein Lamm, — sollte der nicht gut sein?“ so ist an dieser Aufrichtung eines Ideals Nichts auszusetzen, sei es auch, dass die Raubvögel dazu ein wenig spöttisch blicken werden und vielleicht sich sagen: „wir sind ihnen gar nicht gram, diesen guten Lämmern, wir lieben sie sogar: nichts ist schmackhafter als ein zartes Lamm.“ — Von der Stärke verlangen, dass sie sich nicht als Stärke äussere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein Niederwerfen-Wollen, ein Herrwerden-Wollen, ein Durst nach Feinden und Widerständen und Triumphen sei, ist gerade so widersinnig als von der Schwäche verlangen, dass sie sich als Stärke äussere. Ein Quantum Kraft ist ein eben solches Quantum Trieb, Wille, Wirken — vielmehr, es ist gar nichts anderes als eben dieses Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter der Verführung der Sprache (und der in ihr versteinerten Grundirrthümer der Vernunft), welche alles Wirken als bedingt durch ein Wirkendes, durch ein „Subjekt“ versteht und missversteht, kann es anders erscheinen. Ebenso nämlich, wie das Volk den Blitz von seinem Leuchten trennt und letzteres als Thun, als Wirkung eines Subjekts nimmt, das Blitz heisst, so trennt die Volks-Moral auch die Stärke von den Äusserungen der Stärke ab, wie als ob es hinter dem Starken ein indifferentes Substrat gäbe, dem es freistünde, Stärke zu äussern oder auch nicht. Aber es giebt kein solches Substrat; es giebt kein „Sein“ hinter dem Thun, Wirken, Werden: „der Thäter“ ist zum Thun bloss hinzugedichtet, — das Thun ist Alles. Das Volk verdoppelt im Grunde das Thun, wenn es den Blitz leuchten lässt, das ist ein Thun-Thun: es setzt dasselbe Geschehen einmal als Ursache und dann noch einmal als deren Wirkung. Die Naturforscher machen es nicht besser, wenn sie sagen „die Kraft bewegt, die Kraft verursacht“ und dergleichen, — unsre ganze Wissenschaft steht noch, trotz aller ihrer Kühle, ihrer Freiheit vom Affekt, unter der Verführung der Sprache und ist die untergeschobenen Wechselbälge, die „Subjekte“ nicht losgeworden (das Atom ist zum Beispiel ein solcher Wechselbalg, insgleichen das Kantische „Ding an sich“): was Wunder, wenn die zurückgetretenen, versteckt glimmenden Affekte Rache und Hass diesen Glauben für sich ausnützen und im Grunde sogar keinen Glauben inbrünstiger aufrecht erhalten als den, es stehe dem Starken frei, schwach, und dem Raubvogel, Lamm zu sein: — damit gewinnen sie ja bei sich das Recht, dem Raubvogel es zuzurechnen, Raubvogel zu sein … Wenn die Unterdrückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rachsüchtigen List der Ohnmacht heraus sich zureden: „lasst uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut ist Jeder, der nicht vergewaltigt, der Niemanden verletzt, der nicht angreift, der nicht vergilt, der die Rache Gott übergiebt, der sich wie wir im Verborgenen hält, der allem Bösen aus dem Wege geht und wenig überhaupt vom Leben verlangt, gleich uns den Geduldigen, Demüthigen, Gerechten“ — so heisst das, kalt und ohne Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter als: „wir Schwachen sind nun einmal schwach; es ist gut, wenn wir nichts thun, wozu wir nicht stark genug sind“ — aber dieser herbe Thatbestand, diese Klugheit niedrigsten Ranges, welche selbst Insekten haben, (die sich wohl todt stellen, um nicht „zu viel“ zu thun, bei grosser Gefahr), hat sich Dank jener Falschmünzerei und Selbstverlogenheit der Ohnmacht in den Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend gekleidet, gleich als ob die Schwäche des Schwachen selbst — das heisst doch sein Wesen, sein Wirken, seine ganze einzige unvermeidliche, unablösbare Wirklichkeit — eine freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, Gewähltes, eine That, ein Verdienst sei. Diese Art Mensch hat den Glauben an das indifferente wahlfreie „Subjekt“ nöthig aus einem Instinkte der Selbsterhaltung, Selbstbejahung heraus, in dem jede Lüge sich zu heiligen pflegt. Das Subjekt (oder, dass wir populärer reden, die Seele) ist vielleicht deshalb bis jetzt auf Erden der beste Glaubenssatz gewesen, weil er der Überzahl der Sterblichen, den Schwachen und Niedergedrückten jeder Art, jene sublime Selbstbetrügerei ermöglichte, die Schwäche selbst als Freiheit, ihr So- und So-sein als Verdienst auszulegen.
14 — Will Jemand ein wenig in das Geheimniss hinab und hinunter sehn, wie man auf Erden Ideale fabrizirt? Wer hat den Muth dazu? … Wohlan! Hier ist der Blick offen in diese dunkle Werkstätte. Warten Sie noch einen Augenblick, mein Herr Vorwitz und Wagehals: Ihr Auge muss sich erst an dieses falsche schillernde Licht gewöhnen … So! Genug! Reden Sie jetzt! Was geht da unten vor? Sprechen Sie aus, was Sie sehen, Mann der gefährlichsten Neugierde — jetzt bin ich der, welcher zuhört. —
— „Ich sehe Nichts, ich höre um so mehr. Es ist ein vorsichtiges tückisches leises Munkeln und Zusammenflüstern aus allen Ecken und Winkeln. Es scheint mir, dass man lügt; eine zuckrige Milde klebt an jedem Klange. Die Schwäche soll zum Verdienste umgelogen werden, es ist kein Zweifel — es steht damit so, wie Sie es sagten.“ —
— Weiter!
— „und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur „Güte“; die ängstliche Niedrigkeit zur „Demuth“; die Unterwerfung vor Denen, die man hasst, zum „Gehorsam“ (nämlich gegen Einen, von dem sie sagen, er befehle diese Unterwerfung, — sie heissen ihn Gott). Das Unoffensive des Schwachen, die Feigheit selbst, an der er reich ist, sein An-der-Thür-stehn, sein unvermeidliches Warten-müssen kommt hier zu guten Namen, als „Geduld,“ es heisst auch wohl die Tugend; das Sich-nicht-rächen-Können heisst Sich-nicht-rächen-Wollen, vielleicht selbst Verzeihung („denn sie wissen nicht, was sie thun — wir allein wissen es, was sie thun!“). Auch redet man von der „Liebe zu seinen Feinden“ — und schwitzt dabei.“
— Weiter!
— „Sie sind elend, es ist kein Zweifel, alle diese Munkler und Winkel-Falschmünzer, ob sie schon warm bei einander hocken — aber sie sagen mir, ihr Elend sei eine Auswahl und Auszeichnung Gottes, man prügele die Hunde, die man am liebsten habe; vielleicht sei dies Elend auch eine Vorbereitung, eine Prüfung, eine Schulung, vielleicht sei es noch mehr — Etwas, das einst ausgeglichen und mit ungeheuren Zinsen in Gold, nein! in Glück ausgezahlt werde. Dass heissen sie „die Seligkeit.“
— Weiter!
— „Jetzt geben sie mir zu verstehen, dass sie nicht nur besser seien als die Mächtigen, die Herrn der Erde, deren Speichel sie lecken müssen (nicht aus Furcht, ganz und gar nicht aus Furcht! sondern weil es Gott gebietet, alle Obrigkeit zu ehren) — dass sie nicht nur besser seien, sondern es auch „besser hätten“, jedenfalls einmal besser haben würden. Aber genug! genug! Ich halte es nicht mehr aus. Schlechte Luft! Schlechte Luft! Diese Werkstätte, wo man Ideale fabrizirt — mich dünkt, sie stinkt vor lauter Lügen.“
— Nein! Noch einen Augenblick! Sie sagten noch nichts von dem Meisterstücke dieser Schwarzkünstler, welche Weiss, Milch und Unschuld aus jedem Schwarz herstellen: — haben Sie nicht bemerkt, was ihre Vollendung im Raffinement ist, ihr kühnster, feinster, geistreichster, lügenreichster Artisten-Griff? Geben Sie Acht! Diese Kellerthiere voll Rache und Hass — was machen sie doch gerade aus Rache und Hass? Hörten Sie je diese Worte? Würden Sie ahnen, wenn Sie nur ihren Worten trauten, dass Sie unter lauter Menschen des Ressentiment sind? …
— „Ich verstehe, ich mache nochmals die Ohren auf (ach! ach! ach! und die Nase zu). Jetzt höre ich erst, was sie so oft schon sagten: „Wir Guten — wir sind die Gerechten“ — was sie verlangen, das heissen sie nicht Vergeltung, sondern „den Triumph der Gerechtigkeit“; was sie hassen, das ist nicht ihr Feind, nein! sie hassen das „Unrecht“, die „Gottlosigkeit“; was sie glauben und hoffen, ist nicht die Hoffnung auf Rache, die Trunkenheit der süssen Rache (— „süsser als Honig“ nannte sie schon Homer), sondern der Sieg Gottes, des gerechten Gottes über die Gottlosen; was ihnen zu lieben auf Erden übrig bleibt, sind nicht ihre Brüder im Hasse, sondern ihre „Brüder in der Liebe“, wie sie sagen, alle Guten und Gerechten auf der Erde.“
— Und wie nennen sie das, was ihnen als Trost wider alle Leiden des Lebens dient — ihre Phantasmagorie der vorweggenommenen zukünftigen Seligkeit?
— „Wie? Höre ich recht? Sie heissen das „das jüngste Gericht“, das Kommen ihres Reichs, des „Reichs Gottes“ — einstweilen aber leben sie „im Glauben“, „in der Liebe“, „in der Hoffnung.“
— Genug! Genug!
15 Im Glauben woran? In der Liebe wozu? In der Hoffnung worauf? — Diese Schwachen — irgendwann einmal nämlich wollen auch sie die Starken sein, es ist kein Zweifel, irgendwann soll auch ihr „Reich“ kommen — „das Reich Gottes“ heisst es schlechtweg bei ihnen, wie gesagt: man ist ja in Allem so demüthig! Schon um das zu erleben, hat man nöthig, lange zu leben, über den Tod hinaus, — ja man hat das ewige Leben nöthig, damit man sich auch ewig im „Reiche Gottes“ schadlos halten kann für jenes Erden-Leben „im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung.“ Schadlos wofür? Schadlos wodurch? … Dante hat sich, wie mich dünkt, gröblich vergriffen, als er, mit einer schreckeneinflössenden Ingenuität, jene Inschrift über das Thor zu seiner Hölle setzte „auch mich schuf die ewige Liebe“: — über dem Thore des christlichen Paradieses und seiner „ewigen Seligkeit“ würde jedenfalls mit besserem Rechte die Inschrift stehen dürfen „auch mich schuf der ewige Hass“ — gesetzt, dass eine Wahrheit über dem Thor zu einer Lüge stehen dürfte! Denn was ist die Seligkeit jenes Paradieses? … Wir würden es vielleicht schon errathen; aber besser ist es, dass es uns eine in solchen Dingen nicht zu unterschätzende Autorität ausdrücklich bezeugt, Thomas von Aquino, der grosse Lehrer und Heilige. „Beati in regno coelesti“, sagt er sanft wie ein Lamm, „videbunt poenas damnatorum, ut beatitudo illis magis complaceat.“ Oder will man es in einer stärkeren Tonart hören, etwa aus dem Munde eines triumphirenden Kirchenvaters, der seinen Christen die grausamen Wollüste der öffentlichen Schauspiele widerrieth — warum doch? „Der Glaube bietet uns ja viel mehr, — sagt er, de spectac. c. 29 ss. — viel Stärkeres; Dank der Erlösung stehen uns ja ganz andere Freuden zu Gebote; an Stelle der Athleten haben wir unsre Märtyrer; wollen wir Blut, nun, so haben wir das Blut Christi … Aber was erwartet uns erst am Tage seiner Wiederkunft, seines Triumphes!“ — und nun fährt er fort, der entzückte Visionär: „At enim supersunt alia spectacula, ille ultimus et perpetuus judicii dies, ille nationibus insperatus, ille derisus, cum tanta saeculi vetustas et tot ejus nativitates uno igne haurientur. Quae tunc spectaculi latitudo! Quid admirer! Quid rideam! Ubi gaudeam! Ubi exultem, spectans tot et tantos reges, qui in coelum recepti nuntiabantur, cum ipso Jove et ipsis suis testibus in imis tenebris congemescentes! Item praesides (die Provinzialstatthalter) persecutores dominici nominis saevioribus quam ipsi flammis saevierunt insultantibus contra Christianos liquescentes! Quos praeterea sapientes illos philosophos coram discipulis suis una conflagrantibus erubescentes, quibus nihil ad deum pertinere suadebant, quibus animas aut nullas aut non in pristina corpora redituras affirmabant! Etiam poëtas non ad Rhadamanti nec ad Minois, sed ad inopinati Christi tribunal palpitantes! Tunc magis tragoedi audiendi, magis scilicet vocales (besser bei Stimme, noch ärgere Schreier) in sua propria calamitate; tunc histriones cognoscendi, solutiores multo per ignem; tunc spectandus auriga in flammea rota totus rubens, tunc xystici contemplandi non in gymnasiis, sed in igne jaculati, nisi quod ne tunc quidem illos velim vivos, ut qui malim ad eos potius conspectum insatiabilem conferre, qui in dominum desaevierunt. „Hic est ille, dicam, fabri aut quaestuariae filius (wie alles Folgende und insbesondere auch diese aus dem Talmud bekannte Bezeichnung der Mutter Jesu zeigt, meint Tertullian von hier ab die Juden), sabbati destructor, Samarites et daemonium habens. Hic est, quem a Juda redemistis, hic est ille arundine et colaphis diverberatus, sputamentis dedecoratus, felle et aceto potatus. Hic est, quem clam discentes subripuerunt, ut resurrexisse dicatur vel hortulanus detraxit, ne lactucae suae frequentia commeantium laederentur.“ Ut talia spectes, ut talibus exultes, quis tibi praetor aut consul aut quaestor aut sacerdos de sua liberalitate praestabit? Et tamen haec jam habemus quodammodo per fidem spiritu imaginante repraesentata. Ceterum qualia illa sunt, quae nec oculus vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascenderunt? (1. Cor. 2, 9.) Credo circo et utraque cavea (erster und vierter Rang oder, nach Anderen, komische und tragische Bühne) et omni stadio gratiora.“ — Per fidem: so steht's geschrieben.
16 Kommen wir zum Schluss. Die beiden entgegengesetzten Werthe „gut und schlecht“, „gut und böse“ haben einen furchtbaren, Jahrtausende langen Kampf auf Erden gekämpft; und so gewiss auch der zweite Werth seit langem im Übergewichte ist, so fehlt es doch auch jetzt noch nicht an Stellen, wo der Kampf unentschieden fortgekämpft wird. Man könnte selbst sagen, dass er inzwischen immer höher hinauf getragen und eben damit immer tiefer, immer geistiger geworden sei: so dass es heute vielleicht kein entscheidenderes Abzeichen der „höheren Natur“, der geistigeren Natur giebt, als zwiespältig in jenem Sinne und wirklich noch ein Kampfplatz für jene Gegensätze zu sein. Das Symbol dieses Kampfes, in einer Schrift geschrieben, die über alle Menschengeschichte hinweg bisher lesbar blieb, heisst „Rom gegen Judäa, Judäa gegen Rom“: — es gab bisher kein grösseres Ereigniss als diesen Kampf, diese Fragestellung, diesen todfeindlichen Widerspruch. Rom empfand im Juden Etwas wie die Widernatur selbst, gleichsam sein antipodisches Monstrum; in Rom galt der Jude „des Hasses gegen das ganze Menschengeschlecht überführt“: mit Recht, sofern man ein Recht hat, das Heil und die Zukunft des Menschengeschlechts an die unbedingte Herrschaft der aristokratischen Werthe, der römischen Werthe anzuknüpfen. Was dagegen die Juden gegen Rom empfunden haben? Man erräth es aus tausend Anzeichen; aber es genügt, sich einmal wieder die Johanneische Apokalypse zu Gemüthe zu führen, jenen wüstesten aller geschriebenen Ausbrüche, welche die Rache auf dem Gewissen hat. (Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb, desselben, dem er jenes verliebt-schwärmerische Evangelium zu eigen gab —: darin steckt ein Stück Wahrheit, wie viel litterarische Falschmünzerei auch zu diesem Zwecke nöthig gewesen sein mag.) Die Römer waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden nie dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind; jeder Überrest von ihnen, jede Inschrift entzückt, gesetzt, dass man erräth, was da schreibt. Die Juden umgekehrt waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment par excellence, dem eine volksthümlich-moralische Genialität sonder Gleichen innewohnte: man vergleiche nur die verwandt-begabten Völker, etwa die Chinesen oder die Deutschen, mit den Juden, um nachzufühlen, was ersten und was fünften Ranges ist. Wer von ihnen einstweilen gesiegt hat, Rom oder Judäa? Aber es ist ja gar kein Zweifel: man erwäge doch, vor wem man sich heute in Rom selber als vor dem Inbegriff aller höchsten Werthe beugt — und nicht nur in Rom, sondern fast auf der halben Erde, überall wo nur der Mensch zahm geworden ist oder zahm werden will, — vor drei Juden, wie man weiss, und Einer Jüdin (vor Jesus von Nazareth, dem Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus und der Mutter des anfangs genannten Jesus, genannt Maria). Dies ist sehr merkwürdig: Rom ist ohne allen Zweifel unterlegen. Allerdings gab es in der Renaissance ein glanzvoll-unheimliches Wiederaufwachen des klassischen Ideals, der vornehmen Werthungsweise aller Dinge: Rom selber bewegte sich wie ein aufgeweckter Scheintodter unter dem Druck des neuen, darüber gebauten judaisirten Rom, das den Aspekt einer ökumenischen Synagoge darbot und „Kirche“ hiess: aber sofort triumphirte wieder Judäa, Dank jener gründlich pöbelhaften (deutschen und englischen) Ressentiments-Bewegung, welche man die Reformation nennt, hinzugerechnet, was aus ihr folgen musste, die Wiederherstellung der Kirche, — die Wiederherstellung auch der alten Grabesruhe des klassischen Rom. In einem sogar entscheidenderen und tieferen Sinne als damals kam Judäa noch einmal mit der französischen Revolution zum Siege über das klassische Ideal: die letzte politische Vornehmheit, die es in Europa gab, die des siebzehnten und achtzehnten französischen Jahrhunderts brach unter den volksthümlichen Ressentiments-Instinkten zusammen, — es wurde niemals auf Erden ein grösserer Jubel, eine lärmendere Begeisterung gehört! Zwar geschah mitten darin das Ungeheuerste, das Unerwartetste: das antike Ideal selbst trat leibhaft und mit unerhörter Pracht vor Auge und Gewissen der Menschheit, — und noch einmal, stärker, einfacher, eindringlicher als je, erscholl, gegenüber der alten Lügen-Losung des Ressentiment vom Vorrecht der Meisten, gegenüber dem Willen zur Niederung, zur Erniedrigung, zur Ausgleichung, zum Abwärts und Abendwärts des Menschen die furchtbare und entzückende Gegenlosung vom Vorrecht der Wenigsten! Wie ein letzter Fingerzeig zum andren Wege erschien Napoleon, jener einzelnste und spätestgeborne Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleischgewordne Problem des vornehmen Ideals an sich — man überlege wohl, was es für ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Übermensch …
17 — War es damit vorbei? Wurde jener grösste aller Ideal-Gegensätze damit für alle Zeiten ad acta gelegt? Oder nur vertagt, auf lange vertagt? … Sollte es nicht irgendwann einmal ein noch viel furchtbareres, viel länger vorbereitetes Auflodern des alten Brandes geben müssen? Mehr noch: wäre nicht gerade das aus allen Kräften zu wünschen? selbst zu wollen? selbst zu fördern? … Wer an dieser Stelle anfängt, gleich meinen Lesern, nachzudenken, weiter zu denken, der wird schwerlich bald damit zu Ende kommen, — Grund genug für mich, selbst zu Ende zu kommen, vorausgesetzt, dass es längst zur Genüge klar geworden ist, was ich will, was ich gerade mit jener gefährlichen Losung will, welche meinem letzten Buche auf den Leib geschrieben ist: „Jenseits von Gut und Böse“ … Dies heisst zum Mindesten nicht „Jenseits von Gut und Schlecht.“ — —
Anmerkung. Ich nehme die Gelegenheit wahr, welche diese Abhandlung mir giebt, um einen Wunsch öffentlich und förmlich auszudrücken, der von mir bisher nur in gelegentlichem Gespräche mit Gelehrten geäussert worden ist: dass nämlich irgend eine philosophische Fakultät sich durch eine Reihe akademischer Preisausschreiben um die Förderung moralhistorischer Studien verdient machen möge: — vielleicht dient dies Buch dazu, einen kräftigen Anstoss gerade in solcher Richtung zu geben. In Hinsicht auf eine Möglichkeit dieser Art sei die nachstehende Frage in Vorschlag gebracht: sie verdient ebenso sehr die Aufmerksamkeit der Philologen und Historiker als die der eigentlichen Philosophie-Gelehrten von Beruf.
„Welche Fingerzeige giebt die Sprachwissenschaft, insbesondere die etymologische Forschung, für die Entwicklungsgeschichte der moralischen Begriffe ab?“
— Andrerseits ist es freilich ebenso nöthig, die Theilnahme der Physiologen und Mediciner für diese Probleme (vom Werthe der bisherigen Werthschätzungen) zu gewinnen: wobei es den Fach-Philosophen überlassen sein mag, auch in diesem einzelnen Falle die Fürsprecher und Vermittler zu machen, nachdem es ihnen im Ganzen gelungen ist, das ursprünglich so spröde, so misstrauische Verhältniss zwischen Philosophie, Physiologie und Medicin in den freundschaftlichsten und fruchtbringendsten Austausch umzugestalten. In der That bedürfen alle Gütertafeln, alle „du sollst“, von denen die Geschichte oder die ethnologische Forschung weiss, zunächst der physiologischen Beleuchtung und Ausdeutung, eher jedenfalls noch als der psychologischen; alle insgleichen warten auf eine Kritik von seiten der medicinischen Wissenschaft. Die Frage: was ist diese oder jene Gütertafel und „Moral“ werth? will unter die verschiedensten Perspektiven gestellt sein; man kann namentlich das „werth wozu?“ nicht fein genug aus einander legen. Etwas zum Beispiel, das ersichtlich Werth hätte in Hinsicht auf möglichste Dauerfähigkeit einer Rasse (oder auf Steigerung ihrer Anpassungskräfte an ein bestimmtes Klima oder auf Erhaltung der grössten Zahl) hätte durchaus nicht den gleichen Werth, wenn es sich etwa darum handelte, einen stärkeren Typus herauszubilden. Das Wohl der Meisten und das Wohl der Wenigsten sind entgegengesetzte Werth-Gesichtspunkte: an sich schon den ersteren für den höherwerthigen zu halten wollen wir der Naivetät englischer Biologen überlassen … Alle Wissenschaften haben nunmehr der Zukunfts-Aufgabe des Philosophen vorzuarbeiten: diese Aufgabe dahin verstanden, dass der Philosoph das Problem vom Werthe zu lösen hat, dass er die Rangordnung der Werthe zu bestimmen hat. —
First Essay:
Good and Evil, Good and Bad.
1 These English psychologists, whom we also have to thank for the only attempts so far to write a history of how morality arose, are quite a puzzle themselves. I admit that, as puzzles in the flesh, they even have an important advantage over their books—they themselves are interesting! What do these English psychologists really want? Willingly or not, we always find them doing the same work: pushing the shameful side of our inner world into the foreground. They look for what really works, guides us, and determines our development precisely where human intellectual pride would least want to find it—for example, in the inertia of habit, in forgetfulness, in a blind and accidental tangling and mechanical linking of ideas, or in something purely passive, automatic, reflexive, molecular, and thoroughly stupid. What keeps driving these psychologists in this particular direction? Is it a secret, spiteful, petty instinct to belittle human beings, an instinct they may not admit even to themselves? Or is it a pessimistic suspicion, the distrust of disappointed idealists who have grown gloomy, poisonous, and green with bitterness? Or a small underground hostility and grudge against Christianity (and Plato), which may not even have crossed the threshold of consciousness? Or perhaps a lustful taste for what is strange, painfully paradoxical, questionable, and senseless in existence? Or finally—a bit of everything: a little pettiness, a little gloom, a little hostility to Christianity, a little craving for a tickle and some spice? … But people tell me they are simply old, cold, boring frogs, crawling and hopping around on human beings and into them, as if they were entirely in their element there—in a swamp. I resist this description when I hear it; more than that, I don't believe it. And if we may wish where we cannot know, I sincerely wish the opposite were true of them. I wish these researchers and microscopists of the soul were fundamentally brave, generous, proud animals who know how to keep both their hearts and their pain in check. I wish they had trained themselves to sacrifice everything they might wish for to the truth, to every truth, even the plain, harsh, ugly, repellent, unchristian, immoral truth … Because such truths exist.
2 So all respect to whatever good spirits may be at work in these historians of morality! Unfortunately, one thing is certain: they lack the historical spirit itself. All the good spirits of history have abandoned them! Like philosophers traditionally do, they all think in an essentially unhistorical way. There is no doubt about that. Their botched genealogy of morality shows itself right at the start, when they try to establish where the concept and judgment “good” came from. “Originally,” they decree, “unselfish actions were praised and called good by those who received them, those to whom they were useful. Later, people forgot where this praise came from. Because unselfish actions had habitually always been praised as good, people also came to feel that they were good—as if they were good in themselves.” We can see at once that this first explanation already contains all the typical quirks of English psychologists. Here we have “usefulness,” “forgetting,” “habit,” and finally “error,” all serving as the basis for a way of valuing things that higher human beings have so far taken pride in, as a kind of privilege of humanity itself. This pride is supposed to be humbled, this valuation devalued. Has that been achieved? … First, it seems obvious to me that this theory looks for and locates the actual birthplace of the concept “good” in the wrong place. The judgment “good” did not originate with those to whom “goodness” was shown! Instead, it was “the good” themselves—the noble, powerful, highly placed, and high-minded—who felt and decided that they and their actions were good, meaning first-rate. They set themselves against everything low, low-minded, common, and vulgar. Their feeling of rank and distance was what first led them to claim the right to create values and coin names for them. What did they care about usefulness! The viewpoint of usefulness could hardly be more foreign or inappropriate to this hot outpouring of supreme value judgments that establish and distinguish ranks. Here feeling has reached the opposite of that low temperature required by all calculating prudence, all calculations of usefulness—not just once, not for an exceptional hour, but permanently. As I said, the feeling of nobility and distance, the lasting, dominant, basic and overall feeling that a higher ruling kind has toward a lower kind, toward a “below”—that is where the contrast between “good” and “bad” comes from. (The rulers' right to give names goes so far that we should allow ourselves to see the origin of language itself as an expression of the rulers' power. They say, “This is such and such.” They stamp every thing and event with a sound and in doing so take possession of it, as it were.) Because of this origin, the word “good” is certainly not necessarily attached to “unselfish” actions from the start, as those genealogists of morality superstitiously believe. Only when aristocratic value judgments decline does the whole contrast between “selfish” and “unselfish” force itself more and more on the human conscience. In my terms, it is the herd instinct that finally finds a voice—and words—in this contrast. Even then, it takes a long time before this instinct becomes so dominant that moral valuation gets caught and stuck in that contrast. This is the case in Europe today, for example. The prejudice that treats “moral,” “unselfish,” and “disinterested” as equivalent concepts now rules with the force of an “obsession,” a disease of the mind.
3 But second, quite apart from being historically indefensible, that hypothesis about the origin of the value judgment “good” contains a psychological absurdity. The usefulness of an unselfish action is supposed to be the source of the praise it receives, and that source is supposed to have been forgotten. How is such forgetting even possible? Did the usefulness of such actions ever stop? Quite the opposite. Their usefulness has been an everyday experience in every age, something constantly being underlined all over again. So instead of disappearing from consciousness, instead of becoming forgettable, it must have impressed itself on consciousness with increasing clarity. How much more reasonable is the opposite theory, upheld by Herbert Spencer, for example—though that doesn't make it any truer. He takes “good” to mean essentially the same thing as “useful” or “fit for a purpose.” On this account, in the judgments “good” and “bad,” humanity has summed up and endorsed its unforgotten and unforgettable experiences of what is useful and suited to a purpose, and what is harmful and unsuited to a purpose. According to this theory, what has always proved useful is good. It can therefore claim recognition as “valuable to the highest degree,” as “valuable in itself.” As I said, this explanation is wrong too. But at least the explanation itself is internally reasonable and psychologically defensible.
4 What pointed me toward the right path was asking what the names for “good” coined in different languages actually mean in terms of their word origins. I found that they all lead back to the same change in concepts. Everywhere, “noble” and “aristocratic” in the social sense are the basic concept from which “good,” meaning “noble in soul,” “aristocratic” in the sense of “having a high-quality soul,” “privileged in soul,” necessarily develops. This development always runs alongside another: “common,” “vulgar,” and “low” finally become the concept “bad.” The clearest example of the latter is the German word “schlecht” itself. It is identical with “schlicht”—compare “schlechtweg” and “schlechterdings”—and originally meant the plain, common man, without any suspicious sidelong glance, simply in contrast to the noble man. Around the time of the Thirty Years' War, quite late, then, this meaning shifted to the one now in use. This seems to me an essential insight for the genealogy of morality. It was discovered so late because democratic prejudice has a restraining influence in the modern world on every question of origins. That influence reaches even into the apparently most objective fields of natural science and physiology, as I will only suggest here. But the notorious case of Buckle shows what damage this prejudice can do, especially to morality and history, once it is unleashed as hatred. Here the plebeian character of the modern mind, which is English in origin, erupted once again on its native soil, as violently as a muddy volcano, and with the over-seasoned, over-loud, vulgar eloquence with which all volcanoes have spoken so far.
5 For our problem, which can be called a quiet problem for good reasons and speaks selectively to only a few ears, one finding is of considerable interest. In many of the words and roots that mean “good,” we can still glimpse the main quality that made the nobles feel they were people of higher rank. Perhaps most often they name themselves simply after their greater power—as “the powerful,” “the masters,” “the commanders”—or after its most visible sign, for example as “the rich,” “the owners.” That is the meaning of arya, with corresponding meanings in Iranian and Slavic. But they also name themselves after a typical character trait, and that is the case that concerns us here. For example, they call themselves “the truthful.” The Greek nobility leads the way here, with the poet Theognis of Megara as its spokesman. The word coined for this, ἐσθλός, at its root means someone who is, who has reality, who is real, who is true. Then, with a turn toward the person, it means the true person as the truthful person. At this stage in the change of concepts it becomes the nobility's slogan and catchword, and takes on the full meaning “aristocratic.” It marks them off from the lying common man as Theognis sees and describes him. Finally, after the decline of the nobility, the word remains as a name for nobility of soul, becoming ripe and sweet, so to speak. In κακός, as in δειλός—the commoner as opposed to the ἀγαθός—cowardice is emphasized. This may suggest where to look for the word origin of ἀγαθός, which allows several interpretations. In the Latin malus, which I place alongside μέλας, the common man might have been identified as the dark-colored man, above all as the black-haired man (“this man is black”), the pre-Aryan inhabitant of Italian soil. His color most clearly distinguished him from the blond—namely Aryan—conquering race that had become the rulers. At least Gaelic gave me an exactly corresponding case: fin, for example in the name Fin-Gal, is the word marking out the nobility. Eventually it meant the good, noble, pure person; originally it meant the blond head, as opposed to the dark, black-haired original inhabitants. The Celts, incidentally, were a thoroughly blond race. It is a mistake to connect those stretches of mostly dark-haired people that stand out on more careful ethnographic maps of Germany with any Celtic origins or mixing of blood, as Virchow still does. Instead, the pre-Aryan population of Germany reappears in these places. (The same is true of almost all Europe. Essentially, the conquered race has finally regained the upper hand there—in color, in the shortness of the skull, perhaps even in intellectual and social instincts. Who can guarantee that modern democracy, still more modern anarchism, and especially that leaning toward the “commune,” the most primitive form of society, now shared by all Europe's socialists, do not mainly signify an enormous throwback—and that the conquering, ruling race, the Aryans, is not losing out physiologically as well? …) I believe I can interpret the Latin bonus as “the warrior,” assuming I am right to trace bonus back to an older duonus. Compare bellum = duellum = duen-lum, in which that duonus seems to me to have survived. So bonus means a man of conflict, of division (duo), a man of war. We can see what made up a man's “goodness” in ancient Rome. And our German “gut” itself—might it not mean “the divine one,” the man “of divine descent”? And might it not be identical with the name of the Goths as a people—originally as a nobility? The reasons for this guess do not belong here.
6 If the highest caste is also the priestly caste, this does not yet break the rule that political superiority always develops into superiority of soul, though it does give rise to exceptions. Such a caste will naturally prefer a name for itself that recalls its priestly function. Here, for example, “pure” and “impure” first stand opposed as signs of social rank. Here too, “good” and “bad” later develop in a sense no longer tied to rank. But we should be warned against giving these concepts “pure” and “impure” too much weight, too wide a scope, or even a symbolic meaning from the start. All the concepts of early humanity were originally understood in ways we can scarcely imagine: crude, clumsy, outward, narrow, direct, and especially not symbolic. At first, the “pure” man is simply someone who washes, who forbids himself certain foods that cause skin diseases, who does not sleep with the dirty women of the lower classes, who is disgusted by blood—nothing more, not much more! On the other hand, the whole character of an essentially priestly aristocracy makes it clear why contrasts in valuation could become internal and sharpen dangerously at such an early stage here. In fact, they eventually tore open gulfs between people that even an Achilles of free thinking could not leap across without shuddering. From the beginning there is something unhealthy in these priestly aristocracies and in their prevailing habits, which turn away from action and alternate between brooding and emotional explosions. These habits seem to result in the intestinal sickness and nervous exhaustion that almost inevitably cling to priests of every age. But the remedies they themselves invented for their sickness—mustn't we say that their aftereffects have ultimately proved a hundred times more dangerous than the disease they were supposed to cure? Humanity itself still suffers from the aftereffects of these naive priestly cures! Think, for example, of certain diets (avoiding meat), fasting, sexual abstinence, and flight “into the desert”—isolation in the manner of Weir Mitchell, though without the subsequent fattening treatment and overfeeding, which are the most effective remedy for all the hysteria of the ascetic ideal. Add the priests' whole metaphysics, which is hostile to the senses and makes people lazy and over-refined; their self-hypnosis in the manner of fakirs and Brahmins—Brahman used as a glass button to stare at and an obsession—and the eventual, all too understandable disgust with everything, with its radical cure, nothingness. Or God: the longing for mystical union with God is the Buddhist's longing for nothingness, Nirvana—and nothing more! With priests, everything becomes more dangerous, not just remedies and healing practices, but also pride, revenge, sharp thinking, excess, love, the desire to rule, virtue, and sickness. In fairness, we could also add that only on the ground of this essentially dangerous form of human existence, the priestly form, did the human being become an interesting animal at all. Only here did the human soul acquire depth in a higher sense and become evil. And those are the two basic forms of human superiority over other animals so far! …
7 We will already have guessed how easily the priestly way of valuing things can branch off from the knightly-aristocratic way and then develop into its opposite. This gets a particular push whenever the priestly caste and the warrior caste face each other jealously and refuse to agree on the prize. Knightly-aristocratic value judgments rest on a powerful body, a flourishing, rich, even overflowing health, together with what keeps it that way: war, adventure, hunting, dancing, competitive games, and everything else involving strong, free, cheerful action. The priestly-noble way of valuing things rests, as we have seen, on different conditions. So much the worse for it when it comes to war! Priests, as we know, are the most evil enemies. But why? Because they are the most powerless. Their powerlessness makes their hatred grow to monstrous and sinister proportions, to its most spiritual and poisonous form. The truly great haters in world history have always been priests, and so have the most brilliant haters. Against the spirit of priestly revenge, all other spirit scarcely counts. Human history would be a thoroughly stupid affair without the spirit that the powerless have brought into it. Let's take the greatest example right away. Everything done on earth against “the nobles,” “the mighty,” “the masters,” “those in power,” is not worth mentioning beside what the Jews have done against them. The Jews, that priestly people, ultimately knew how to get satisfaction against their enemies and conquerors only by radically overturning their values, by an act of the most spiritual revenge. This was the only way suited to a priestly people, the people of the most deeply repressed priestly thirst for revenge. It was the Jews who dared, with terrifying consistency, to reverse the aristocratic equation of values (good = noble = powerful = beautiful = happy = loved by God). They held on to that reversal with the teeth of the deepest hatred, the hatred of powerlessness: “Only the miserable are good; only the poor, powerless, and lowly are good. The suffering, deprived, sick, and ugly are also the only pious people, the only ones blessed by God. Happiness in heaven belongs to them alone. But you, you nobles and mighty ones, you are forever the evil, the cruel, the lustful, the insatiable, the godless. You will also forever be the unhappy, the cursed, and the damned!” … We know who inherited this Jewish overturning of values … In connection with the immense, immeasurably fateful initiative the Jews took with this most fundamental of all declarations of war, I recall a statement I reached on another occasion (“Beyond Good and Evil,” p. 118): with the Jews, the slave revolt in morality begins. That revolt has a history of two thousand years behind it. We have lost sight of it today only because it—won …
8 But you don't understand this? You have no eyes for something that took two thousand years to win? … That is no surprise. All long things are hard to see, hard to take in at a glance. But this is what happened. From the trunk of that tree of revenge and hatred, Jewish hatred—the deepest and most sublime hatred, a hatred that creates ideals and transforms values, the like of which had never existed on earth—something equally unmatched grew: a new love, the deepest and most sublime of all kinds of love. And what other trunk could it have grown from? … But don't imagine it grew as the actual denial of that thirst for revenge, as the opposite of Jewish hatred! No, the reverse is true! This love grew out of that hatred as its crown, its triumphant crown, spreading wider and wider in the purest light and fullest sunshine. In the realm of light and height, it was driven toward the goals of that hatred—victory, plunder, seduction—with the same force that drove the roots of that hatred deeper and more greedily into everything deep and evil. This Jesus of Nazareth, the gospel of love in the flesh, this “redeemer” bringing salvation and victory to the poor, the sick, and the sinners—wasn't he precisely seduction in its most sinister and irresistible form? Wasn't he the seductive detour to those very Jewish values and new ideals? Didn't Israel reach the final goal of its sublime thirst for revenge by the detour of this “redeemer,” this apparent opponent and dissolver of Israel? Doesn't it belong to the secret black art of a truly great politics of revenge—a far-seeing, underground revenge that takes effect slowly and calculates ahead—that Israel itself had to deny the actual instrument of its revenge before the whole world, as if it were a mortal enemy, and nail it to the cross? This allowed “the whole world,” meaning all Israel's opponents, to take that very bait without hesitation. And on the other hand, could the most refined mind possibly devise a more dangerous bait? Anything to match the tempting, intoxicating, numbing, corrupting power of that symbol, the “holy cross,” that horrifying paradox of a “God on the cross,” that mystery of a final, ultimate, unimaginable cruelty, of God's self-crucifixion for the salvation of humanity? … At least this is certain: under this sign, Israel, with its revenge and overturning of all values, has so far triumphed again and again over all other ideals, over all more noble ideals.
9 “But why do you still talk about more noble ideals! Let's accept the facts: the people have won—or ‘the slaves,’ or ‘the rabble,’ or ‘the herd,’ or whatever you like to call them. If the Jews brought this about, then good! No people ever had a more world-historical mission. ‘The masters’ have been disposed of; the morality of the common man has won. We may also see this victory as blood poisoning—it has mixed the races together. I don't object. But there is no doubt that this poisoning has succeeded. The ‘redemption’ of the human race—from ‘the masters,’ that is—is well under way. Everything is visibly becoming Jewish, Christian, or vulgar—what do words matter! The progress of this poisoning through the whole body of humanity seems unstoppable. From now on its tempo and pace may even become slower, subtler, less audible, more deliberate all the time. There is plenty of time … Does the church still have a necessary task to perform toward this end today? Does it still have any right to exist at all? Or could we do without it? That is the question. Doesn't it seem to obstruct and hold back that progress rather than speed it up? Well, that could be exactly what makes it useful … It has certainly become something coarse and peasant-like that offends a more delicate intelligence, a truly modern taste. Shouldn't it at least refine itself a little? … Today it drives more people away than it seduces … Which of us would be a free thinker if the church didn't exist? The church offends us, not its poison … Quite apart from the church, we too love the poison …” That was a “free thinker's” epilogue to my speech—an honest animal, as he had amply revealed, and a democrat besides. He had listened to me up to that point and couldn't bear to hear me fall silent. For me, however, there is much to be silent about here.
10 The slave revolt in morality begins when ressentiment itself becomes creative and gives birth to values. This is the resentment of beings who are denied the real reaction, the reaction of action, and who make up for it only through imaginary revenge. Every noble morality grows out of a triumphant yes to itself. But slave morality says no from the start to an “outside,” an “other,” a “not itself.” And this no is its creative act. This reversal of the gaze that sets values—this necessary turn outward instead of back toward itself—is part of ressentiment. To come into being, slave morality always first needs an opposing, external world. In physiological terms, it needs outside stimuli to act at all. Its action is fundamentally reaction. The noble way of valuing things does the opposite. It acts and grows spontaneously. It looks for its opposite only to say yes to itself with still more gratitude and joy. Its negative concept, “low,” “common,” “bad,” is only a pale contrasting image born later, beside its positive basic concept, soaked through with life and passion: “We nobles, we good, beautiful, happy people!” When the noble way of valuing things goes wrong and does violence to reality, it does so in a sphere it does not know enough about, indeed one it stubbornly resists really knowing. It may misjudge the sphere it despises, that of the common man, the lower classes. On the other hand, consider this: even if the feeling of contempt, of looking down from above, distorts the image of what is despised, that distortion will fall far short of the falsification with which repressed hatred, the revenge of the powerless, attacks its opponent—in a picture, of course. There is too much carelessness, too much taking things lightly, too much looking away and impatience in contempt, even too much of one's own happiness, for it to turn its object into a real caricature and monster. Don't miss the almost benevolent shades of meaning that the Greek nobility, for example, puts into all the words by which it sets the lower classes apart from itself. A kind of regret, consideration, and indulgence constantly mixes in and sweetens them. In the end, almost all the words applied to the common man survive as expressions for “unhappy” and “pitiable.” Compare δειλός, δείλαιος, πονηρός, μοχθηρός; the last two actually identify the common man as a working slave and beast of burden. And on the other hand, “bad,” “low,” and “unhappy” have never stopped blending into a single note for the Greek ear, with a tone in which “unhappy” predominates. This is an inheritance from the older, more noble, aristocratic way of valuing things, which stays true to itself even in contempt. (Philologists should recall the sense in which οἰζυρός, ἄνολβος, τλήμων, δυστυχεῖν, ξυμφορά are used.) The “well-born” simply felt they were the “happy.” They didn't have to construct their happiness artificially by looking at their enemies, or sometimes talk themselves into it, lie themselves into it, as all people of ressentiment usually do. As full human beings overflowing with strength, and therefore necessarily active, they also knew not to separate happiness from action. Being active necessarily counted as part of their happiness—that is where εὖ πράττειν comes from. All this is very different from “happiness” at the level of the powerless, the oppressed, those festering with poisonous and hostile feelings. For them, happiness mainly appears as a narcotic, a numbing, rest, peace, a “Sabbath,” relaxation of the mind and stretching of the limbs—in short, as something passive. Noble people live openly and trustingly with themselves: γενναῖος, “of noble birth,” emphasizes the shade of meaning “sincere,” and probably also “naive.” But people of ressentiment are neither sincere nor naive, neither honest nor straightforward with themselves. Their souls look sideways. Their minds love hiding places, secret paths, and back doors. Everything hidden appeals to them as their world, their safety, their comfort. They know how to keep silent, not forget, wait, make themselves small and humble for the time being. A race of such people of ressentiment will necessarily end up cleverer than any noble race. It will also honor cleverness to a completely different degree: as a condition of survival of the first rank. Among noble people, cleverness easily takes on a subtle flavor of luxury and refinement. Here it is nowhere near as essential as the completely reliable functioning of the governing unconscious instincts, or even a certain lack of cleverness. Think of boldly charging ahead, whether at danger or at an enemy, or of those sudden, passionate bursts of anger, love, reverence, gratitude, and revenge in which noble souls have always recognized themselves. When ressentiment does arise in noble people, it acts itself out and exhausts itself in an immediate reaction. So it does not poison them. In countless cases it never arises at all, when it would be unavoidable in anyone weak and powerless. Not being able to take one's enemies, one's misfortunes, even one's own misdeeds seriously for long—that is the sign of strong, full natures. They have a surplus of shaping, restoring, healing power, a power that also makes them forget. A good modern example is Mirabeau, who had no memory for the insults and mean acts committed against him, and who could not forgive only because he—forgot. With a single shake, such a person throws off many pests that burrow into others. Only here is true “love of one's enemies” possible—assuming it is possible on earth at all. How much respect noble people already have for their enemies! And that respect is already a bridge to love … They want their enemies for themselves, as a mark of distinction. They cannot stand any enemy except one in whom there is nothing to despise and very much to honor! Now contrast this with “the enemy” as people of ressentiment conceive him. This is precisely their act, their creation: they have conceived “the evil enemy,” “the evil one,” as the basic concept. Starting from that, they then invent a “good one” as his copy and opposite—themselves! …
11 So this is exactly the opposite of what the noble person does: first, spontaneously, starting from himself, he conceives the basic concept “good,” and only then forms an idea of “bad.” This “bad” of noble origin and that “evil” from the brewing vat of unsatisfied hatred—the first a later creation, an incidental thing, a complementary color; the second the original, the beginning, the actual act in the conception of a slave morality—how different the two words “bad” and “evil” are, though both seem to oppose the same concept “good”! But it is not the same concept “good.” Ask instead who is actually “evil” in the morality of ressentiment. The strict answer is: precisely the “good one” of the other morality, precisely the noble, powerful, ruling person, only recolored, reinterpreted, seen differently through the poisonous eye of ressentiment. Here there is one thing we least want to deny: anyone who knew those “good people” only as enemies knew nothing but evil enemies. Those same people are so strictly kept within limits by custom, respect, established practice, gratitude, and still more by watching one another, by jealousy among equals. In dealing with one another, they show such inventiveness in consideration, self-control, sensitivity, loyalty, pride, and friendship. But outside, where foreign people and foreign lands begin, they are not much better than wild beasts let loose. There they enjoy freedom from every social restraint. In the wilderness they make up for the tension of being shut and fenced for so long within the peace of the community. They return to the innocent conscience of a beast of prey, as jubilant monsters. They may walk away from a hideous series of murders, burnings, rapes, and tortures in high spirits and with their inner balance intact, as if they had only played a student prank. They are convinced that the poets will now have something to sing about and praise for a long time again. At the bottom of all these noble races, there is no mistaking the beast of prey, the magnificent blond beast roaming hungrily for plunder and victory. This hidden foundation needs release from time to time; the animal must come out again, must return to the wilderness. Roman, Arab, Germanic, and Japanese nobility, Homeric heroes, Scandinavian Vikings—they all share this need. Wherever the noble races have gone, they have left behind the concept “barbarian.” Even at the height of their culture they show an awareness of this, and even pride in it. For example, in his famous funeral speech Pericles tells his Athenians, “Our daring has forced its way into every land and sea, setting up lasting monuments everywhere, for good and ill.” The “daring” of noble races, mad, absurd, and sudden in its expression; the unpredictable, even improbable character of their undertakings—Pericles singles out the Athenians' ῥαθυμία for praise; their indifference and contempt toward safety, body, life, and comfort; their terrible cheerfulness and deep pleasure in every kind of destruction, in all the delights of victory and cruelty—all this came together for those who suffered from it in the image of the “barbarian,” the “evil enemy,” perhaps the “Goth” or the “Vandal.” The deep, icy distrust aroused by the German as soon as he comes to power, again today, is still an aftershock of that unforgettable horror with which Europe watched the raging of the blond Germanic beast for centuries. This is so even though there is scarcely any relationship in concept between the ancient Germanic peoples and us Germans, let alone any relationship in blood. I once pointed out Hesiod's difficulty when he thought up the sequence of cultural ages and tried to express it in gold, silver, and bronze. Homer's world, magnificent but also so horrifying and violent, confronted him with a contradiction. He could deal with it only by making two ages out of one and placing them in sequence. First came the age of the heroes and demigods of Troy and Thebes, as that world had survived in the memory of the noble families who traced their own ancestors to it. Then came the bronze age, as that same world appeared to the descendants of those who had been trampled down, robbed, abused, dragged away, and sold: an age of bronze, as I said, hard, cold, cruel, without feeling or conscience, crushing everything and coating it with blood. Suppose it were true, as people now certainly believe it to be “true,” that the purpose of all culture is to breed a tame and civilized animal, a domestic animal, from the beast of prey called “human.” Then we would undoubtedly have to regard all those instincts of reaction and ressentiment, with whose help the noble families and their ideals were finally disgraced and overcome, as the actual tools of culture. That would not mean, however, that the bearers of those instincts also represented culture themselves. The opposite would not merely be likely—no! Today it is plain to see! These bearers of oppressive instincts hungry for revenge, the descendants of all European and non-European slavery, of all pre-Aryan populations in particular—they represent humanity's decline! These “tools of culture” are a disgrace to humanity, and rather a reason to suspect “culture” in general, an argument against it! We may have every right to remain afraid of the blond beast at the bottom of all noble races and keep on our guard. But who wouldn't a hundred times rather be afraid while also being able to admire than feel no fear and yet never escape the disgusting sight of what has failed, been made small, stunted, and poisoned? And isn't that our fate? What causes our disgust with “humanity” today? For there is no doubt that we suffer from humanity. It isn't fear. Rather, it is that we no longer have anything to fear in people; that the vermin called “human” is swarming in the foreground; that the “tame human being,” hopelessly mediocre and dreary, has already learned to see itself as the goal and peak, the meaning of history, the “higher human being.” Indeed, it has a certain right to see itself this way. It feels removed from the overflowing mass of failures, the sick, tired, worn-out people whose stink is beginning to fill Europe today. So it sees itself as something that has at least turned out relatively well, that is at least still able to live, that at least says yes to life …
12 Here I won't suppress a sigh and one last hope. What is it that I, in particular, find completely unbearable? The one thing I cannot cope with, that makes me choke and waste away? Bad air! Bad air! That something badly formed comes near me; that I have to smell the guts of a badly formed soul! … What else can't we endure—hardship, deprivation, bad weather, chronic sickness, hard work, isolation? At bottom we cope with everything else, born as we are to an underground, struggling existence. We keep coming back up into the light; we keep experiencing our golden hour of victory. And then we stand there, as we were born, unbreakable, taut, ready for something new, something still harder and further away, like a bow that every hardship only draws tighter. But from time to time, if there are heavenly patronesses beyond good and evil, grant me a glimpse, just one glimpse, of something perfect, fully successful, happy, powerful, triumphant—something still to be feared! Of a human being who justifies humanity, a lucky human exception who completes and redeems it, for whose sake we may hold on to faith in humanity! … This is how things stand: making the European human being smaller and leveling everyone out conceals our greatest danger, because the sight makes us tired … Today we see nothing that wants to grow greater. We sense that things are still going down, down, toward what is thinner, more good-natured, cleverer, more comfortable, more mediocre, more indifferent, more Chinese, more Christian. There is no doubt: humanity is becoming “better” all the time … Here lies Europe's fate. With our fear of human beings we have also lost our love for them, our respect for them, our hope for them, indeed our will to have them. The sight of humanity now makes us tired. What is nihilism today if it isn't that? … We are tired of humanity …
13 But let's return. We need to finish with the problem of the other origin of the “good,” of the good as people of ressentiment have imagined it. There is nothing strange about lambs disliking large birds of prey. But that gives us no reason to blame large birds of prey for taking little lambs. And if the lambs say to each other, “These birds of prey are evil, and whoever is as little like a bird of prey as possible—its opposite, a lamb—mustn't that be good?” there is nothing to object to in this setting up of an ideal. The birds of prey may look a little amused by it and perhaps say to themselves, “We don't dislike them at all, these good lambs. We even love them. Nothing tastes better than a tender lamb.” To demand that strength not express itself as strength, that it not be a desire to overpower, to throw down, to become master, a thirst for enemies, resistance, and triumphs, is just as absurd as demanding that weakness express itself as strength. A quantity of force is the same quantity of drive, will, activity—indeed, it is nothing other than this driving, willing, activity itself. It can seem otherwise only under the spell of language and the basic errors of reason hardened into it. Language understands and misunderstands all activity as depending on an actor, a “subject.” Ordinary people separate lightning from its flash and treat the flash as the act, the effect, of a subject called lightning. In the same way, popular morality separates strength from its expressions, as if behind the strong person there were some neutral underlying thing that was free to express strength or not. But there is no such underlying thing. There is no “being” behind doing, acting, becoming. “The doer” is merely invented and added to the deed—the deed is everything. Basically, people double the deed when they make lightning flash: this is a doing-doing. They posit the same event once as cause and then again as its effect. Natural scientists do no better when they say, “Force moves, force causes,” and the like. Despite all its coolness and freedom from emotion, our whole science is still under the spell of language. It has not got rid of these “subjects,” these changelings slipped in under false pretenses. The atom, for example, is one such changeling, as is Kant's “thing in itself.” So is it any wonder that the repressed, secretly smoldering emotions of revenge and hatred exploit this belief? Indeed, at bottom there is no belief they uphold more passionately than the belief that the strong person is free to be weak and the bird of prey to be a lamb. This gives them the right, in their own eyes, to blame the bird of prey for being a bird of prey … When the oppressed, the downtrodden, those subjected to violence, use the vengeful cunning of powerlessness to tell themselves, “Let's be different from the evil ones: let's be good! And everyone is good who does no violence, who hurts no one, who doesn't attack, doesn't retaliate, leaves revenge to God, stays hidden like us, avoids all evil, and asks little of life in general, like us patient, humble, righteous people”—if we listen coolly and without prejudice, this really means nothing more than: “We weak people are simply weak. It is good if we do nothing we aren't strong enough to do.” But this harsh fact, this lowest kind of prudence, which even insects possess—they may play dead in great danger so as not to do “too much”—has dressed itself in the splendor of a virtue that renounces, stays quiet, and waits. It has done so thanks to the counterfeiting and self-deception of powerlessness, as if the weak person's weakness itself—meaning his nature, his activity, his entire, sole, unavoidable, inseparable reality—were a voluntary achievement, something willed and chosen, a deed, a merit. This kind of person needs the belief in a neutral “subject” free to choose. The need comes from an instinct for self-preservation and self-affirmation through which every lie usually makes itself holy. The subject—or, to put it more popularly, the soul—may have been the best article of faith on earth so far for this reason: it made possible for most mortals, the weak and oppressed of every kind, that sublime self-deception of interpreting weakness itself as freedom, and their being as they are as a merit.
14 Does anyone want to look down a little into the secret of how people manufacture ideals on earth? Who has the courage? … All right! Here is an open view into this dark workshop. Wait another moment, Mr. Nosy Daredevil. Your eyes first have to adjust to this false, shimmering light … There! Enough! Now speak! What is going on down there? Tell us what you see, man of the most dangerous curiosity. Now I am the one listening.
“I see nothing, but I hear all the more. There is a cautious, treacherous, quiet muttering and whispering together from every corner and hiding place. It seems to me that they are lying. A sugary mildness sticks to every sound. There is no doubt that weakness is being lied into a merit. It is just as you said.”
Go on!
“And powerlessness that doesn't retaliate is being turned into ‘goodness’; fearful lowliness into ‘humility’; submission to those one hates into ‘obedience’—obedience to someone they say commands this submission; they call him God. The weak person's harmlessness, the very cowardice he has so much of, his standing at the door, his unavoidable need to wait, acquire good names here, such as ‘patience.’ It may even be called virtue itself. Not being able to take revenge is called not wanting to take revenge, perhaps even forgiveness: ‘For they don't know what they are doing—we alone know what they are doing!’ They also speak of ‘loving one's enemies’—and sweat as they do.”
Go on!
“They are miserable, there is no doubt, all these mutterers and back-corner counterfeiters, even though they huddle warmly together. But they tell me their misery is a sign that God has chosen and singled them out. People beat the dogs they love best. Perhaps this misery is also a preparation, a test, a schooling. Perhaps it is even more—something that will one day be compensated for and paid out with enormous interest in gold—no! In happiness. They call that ‘blessedness.’”
Go on!
“Now they are giving me to understand that they are not just better than the powerful, the masters of the earth whose spit they have to lick—not from fear, absolutely not from fear! But because God commands them to honor all authority. They are not just better; they are also ‘better off,’ or at least will be better off one day. But enough! Enough! I can't stand it anymore. Bad air! Bad air! This workshop where they manufacture ideals—it seems to me it stinks of nothing but lies.”
No! One more moment! You haven't said anything yet about the masterpiece of these black magicians who produce white, milk, and innocence out of everything black. Haven't you noticed the height of their refinement, their boldest, subtlest, most ingenious, most deceitful artistic trick? Pay attention! These cellar animals, full of revenge and hatred—what do they make of that very revenge and hatred? Did you ever hear those words? If you trusted only their words, would you suspect you were among nothing but people of ressentiment? …
“I understand. I'm opening my ears again—oh! Oh! Oh!—and holding my nose. Only now do I hear what they have already said so often: ‘We good people—we are the righteous.’ What they demand they do not call retaliation, but ‘the triumph of justice.’ What they hate is not their enemy—no! They hate ‘injustice,’ ‘godlessness.’ What they believe and hope is not the hope of revenge, the intoxication of sweet revenge—Homer already called it ‘sweeter than honey’—but God's victory, the just God's victory over the godless. What remains for them to love on earth is not their brothers in hatred but their ‘brothers in love,’ as they say, all the good and righteous people on earth.”
“And what do they call the thing that comforts them against all life's suffering—their imagined spectacle of future blessedness enjoyed in advance?”
“What? Am I hearing right? They call it ‘the Last Judgment,’ the coming of their kingdom, the ‘kingdom of God.’ Meanwhile, though, they live ‘in faith,’ ‘in love,’ ‘in hope.’”
Enough! Enough!
15 Faith in what? Love for what? Hope for what? These weak people—there is no doubt that someday they want to be the strong ones too. Someday their “kingdom” is supposed to come too. As I said, they simply call it “the kingdom of God”—they are so humble in everything! Just to live to see that, they need a long life, a life extending beyond death. In fact, they need eternal life, so that they can keep compensating themselves forever in the “kingdom of God” for that earthly life “in faith, in love, in hope.” Compensation for what? Compensation by what means? … Dante, I think, made a serious mistake when, with a terrifying innocence, he put this inscription over the gate of his hell: “Eternal love made me too.” The words “Eternal hatred made me too” would have a better right to stand over the gate of the Christian paradise and its “eternal blessedness”—assuming a truth could be allowed over the entrance to a lie! For what is the blessedness of that paradise? … We might already guess. But it is better to have explicit testimony from an authority not to be underrated in such matters: Thomas Aquinas, the great teacher and saint. “The blessed in the heavenly kingdom,” he says, gentle as a lamb, “will see the punishments of the damned, so that their own blessedness will please them more.” Or would you like to hear it in a more forceful key? Perhaps from the mouth of a triumphant Church Father, who advised his Christians against the cruel pleasures of public shows—why, exactly? “Faith offers us much more,” he says, de spectac. c. 29 ss., “something much stronger. Thanks to redemption, quite different joys are available to us. In place of athletes we have our martyrs. If we want blood, well, we have Christ's blood … But what is waiting for us on the day of his return, his triumph!” And now this delighted visionary continues: “But there are still other shows to come: that last, unending day of judgment, that day the nations did not expect, that day they mocked, when the world's immense age and all the generations it has produced will be swallowed by a single fire. What a vast spectacle then! What will I marvel at! What will I laugh at! Where will I find joy! Where will I celebrate, as I watch so many kings, such great kings, who were reported to have been received into heaven, groaning together in the deepest darkness with Jupiter himself and the very witnesses to their ascent! And the governors (the provincial governors), persecutors of the Lord's name, melting in flames fiercer than those with which they themselves raged and taunted the Christians! What else? Those wise philosophers, blushing before their students as they burn together—the students they persuaded that nothing concerned God, whom they assured that souls either did not exist or would not return to their former bodies! And the poets too, trembling not before the judgment seat of Rhadamanthus or Minos, but before that of the Christ they never expected! Then the tragic actors will be more worth hearing, with more powerful voices, of course (in better voice, screaming still louder), in their own personal catastrophe. Then the actors will be worth a look, moving much more freely because of the fire. Then the chariot driver will be worth watching, all red on his wheel of flame. Then the athletes will be worth looking at, hurled not in gymnasiums but in fire. Except that even then I would not want them alive: I would rather turn my insatiable gaze on those who raged against the Lord. ‘This is the one,’ I will say, ‘the son of the carpenter or the prostitute (as everything that follows shows, and especially this description of Jesus' mother, also known from the Talmud, Tertullian means the Jews from this point on), the Sabbath-breaker, the Samaritan with a demon. This is the one you bought from Judas; this is the one beaten with a reed and with fists, disgraced with spit, given gall and vinegar to drink. This is the one his disciples secretly stole away so that he could be said to have risen again—or whom the gardener removed so that the crowds passing through would not damage his lettuces.’ What praetor or consul or quaestor or priest, in all his generosity, will provide you with the chance to watch such things, to celebrate such things? And yet, in a way, we already have them through faith, brought before us by the mind's imagination. Besides, what must those things be like that no eye has seen, no ear has heard, and no human heart has conceived? (1. Cor. 2, 9.) More pleasing, I believe, than the circus, both tiers of seats (the first and fourth tiers, or, according to others, the comic and tragic stages), and any stadium.” Per fidem: that is what is written.
16 Let's bring this to a close. The two opposing sets of values, “good and bad” and “good and evil,” have fought a terrible battle on earth for thousands of years. The second has certainly had the upper hand for a long time. Even so, there are still places where the battle goes on without a decision. We could even say that in the meantime it has been carried higher and higher, and in that very process has become deeper, more and more a matter of the mind. Perhaps today there is no more decisive sign of a “higher nature,” a more spiritual nature, than being divided in this sense and still actually serving as a battlefield for those opposites. The symbol of this battle, written in a script that has stayed readable throughout human history so far, is “Rome against Judea, Judea against Rome.” No event has yet been greater than this battle, this posing of the question, this deadly opposition. In the Jew, Rome sensed something like the unnatural itself, a monster that was its exact opposite. In Rome, the Jew was considered “convicted of hatred of the whole human race.” Rightly so, insofar as one has a right to tie the well-being and future of the human race to the absolute rule of aristocratic values, Roman values. What, on the other hand, did the Jews feel toward Rome? A thousand signs let us guess. But it is enough to take another look at John's Apocalypse, that wildest of all written outbursts for which revenge bears the blame. (By the way, don't underestimate the deep consistency of the Christian instinct when it put the name of the disciple of love on precisely this book of hatred—the same disciple to whom it assigned that lovestruck, rapturous Gospel. There is a piece of truth in this, however much literary counterfeiting may have been needed to achieve it.) The Romans were the strong and noble: no one stronger or nobler had ever existed on earth, or even been dreamed of. Every remnant of them, every inscription, delights us, provided we can guess what is writing there. The Jews, on the other hand, were the priestly people of ressentiment above all others. They had an unequaled genius for popular morality. Just compare peoples with related gifts, such as the Chinese or the Germans, with the Jews, to get a feeling for what belongs to the first rank and what to the fifth. Which has won so far, Rome or Judea? There is really no doubt. Just consider whom people bow before today in Rome itself as the embodiment of all the highest values—and not only in Rome, but over almost half the earth, wherever human beings have become tame or want to become tame. As we know, it is before three Jews and one Jewish woman (Jesus of Nazareth, Peter the fisherman, Paul the carpet weaver, and the mother of the Jesus named first, called Mary). This is very remarkable: Rome has undoubtedly been defeated. Admittedly, the Renaissance saw a brilliant and unsettling reawakening of the classical ideal, the noble way of valuing all things. Rome itself stirred like someone thought dead who had woken up, under the weight of the new, Judaized Rome built over it, which looked like a worldwide synagogue and was called “the church.” But Judea immediately triumphed again, thanks to that thoroughly vulgar movement of ressentiment, German and English, called the Reformation. Add to this what had to follow from it: the restoration of the church—and the restoration of classical Rome's old silence of the grave. With the French Revolution, Judea once again defeated the classical ideal, in an even more decisive and deeper sense than before. The last political nobility left in Europe, that of the seventeenth and eighteenth French centuries, collapsed under the people's instincts of ressentiment. No greater rejoicing, no noisier enthusiasm, had ever been heard on earth! Yet in the middle of it all, something utterly extraordinary, utterly unexpected happened. The ancient ideal itself appeared in the flesh, with unheard-of splendor, before humanity's eyes and conscience. And once more, more powerfully, simply, and urgently than ever, the terrible and delightful opposing slogan rang out: privilege for the very few! It challenged ressentiment's old lying slogan of privilege for the majority. It challenged the will to bring humanity down, to lower it, level it, move it downward and toward its sunset. Napoleon appeared like a last sign pointing toward the other road—that most singular, latest-born human being who ever existed. In him appeared the problem of the noble ideal itself, made flesh. Think carefully about what a problem that is: Napoleon, this combination of inhuman monster and superhuman …
17 Was that the end of it? Was that greatest of all clashes between ideals filed away for all time? Or only postponed, postponed for a long time? … Won't the old fire have to flare up again someday, much more terribly, after much longer preparation? More than that: shouldn't we wish for precisely this with all our strength? Even will it? Even work to bring it about? … Anyone who, like my readers, starts thinking at this point, thinking further, will hardly be finished anytime soon. That is reason enough for me to finish, provided it has long since become clear enough what I want, what I want with that dangerous slogan written across the body of my last book: “Beyond Good and Evil” … At the very least, this does not mean “Beyond Good and Bad.”
Author's note. I am taking the opportunity this essay gives me to state a wish publicly and formally. Until now, I have expressed it only in occasional conversations with scholars. I would like some university philosophy faculty to help advance studies in the history of morality by offering a series of academic prize competitions. Perhaps this book can give a strong push in just that direction. With such a possibility in mind, I propose the following question. It deserves the attention of philologists and historians just as much as that of professional scholars of philosophy itself.
“What pointers does linguistics, especially the study of word origins, provide for the history of how moral concepts develop?”
On the other hand, it is just as necessary to interest physiologists and physicians in these problems—the problems of the value of our valuations up to now. Professional philosophers can be left to serve as advocates and go-betweens in this particular case too. After all, they have generally succeeded in changing the relationship between philosophy, physiology, and medicine, originally so stiff and distrustful, into the friendliest and most productive exchange. In fact, all lists of what is good, all the “you must” commands known to history or ethnological research, first need to be examined and interpreted in physiological terms, even before psychological ones. All of them are also waiting for a critical assessment from medical science. The question “What is this or that list of what is good, this or that ‘morality,’ worth?” needs to be looked at from the widest range of perspectives. Above all, we cannot make careful enough distinctions when asking “Worth for what?” Something, for example, that clearly had value in making a race last as long as possible—or in increasing its ability to adapt to a particular climate, or in preserving the greatest number—would by no means have the same value if the aim were to develop a stronger type. The well-being of the majority and the well-being of the very few are opposing standards of value. Let's leave it to the naivety of English biologists to regard the first as more valuable in itself … From now on, all sciences have to do the groundwork for the philosopher's future task. By that task I mean that the philosopher has to solve the problem of value, has to determine the ranking of values.
Essay II
Zweite Abhandlung:
Schuld, schlechtes Gewissen
und Verwandtes.
1 Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf — ist das nicht gerade jene paradoxe Aufgabe selbst, welche sich die Natur in Hinsicht auf den Menschen gestellt hat? ist es nicht das eigentliche Problem vom Menschen?... Dass dies Problem bis zu einem hohen Grad gelöst ist, muss Dem um so erstaunlicher erscheinen, der die entgegen wirkende Kraft, die der Vergesslichkeit, vollauf zu würdigen weiss. Vergesslichkeit ist keine blosse vis inertiae, wie die Oberflächlichen glauben, sie ist vielmehr ein aktives, im strengsten Sinne positives Hemmungsvermögen, dem es zuzuschreiben ist, dass was nur von uns erlebt, erfahren, in uns hineingenommen wird, uns im Zustande der Verdauung (man dürfte ihn „Einverseelung“ nennen) ebenso wenig in's Bewusstsein tritt, als der ganze tausendfältige Prozess, mit dem sich unsre leibliche Ernährung, die sogenannte „Einverleibung“ abspielt. Die Thüren und Fenster des Bewusstseins zeitweilig schliessen; von dem Lärm und Kampf, mit dem unsre Unterwelt von dienstbaren Organen für und gegen einander arbeitet, unbehelligt bleiben; ein wenig Stille, ein wenig tabula rasa des Bewusstseins, damit wieder Platz wird für Neues, vor Allem für die vornehmeren Funktionen und Funktionäre, für Regieren, Voraussehn, Vorausbestimmen (denn unser Organismus ist oligarchisch eingerichtet) — das ist der Nutzen der, wie gesagt, aktiven Vergesslichkeit, einer Thürwärterin gleichsam, einer Aufrechterhalterin der seelischen Ordnung, der Ruhe, der Etiquette: womit sofort abzusehn ist, inwiefern es kein Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, keinen Stolz, keine Gegenwart geben könnte ohne Vergesslichkeit. Der Mensch, in dem dieser Hemmungsapparat beschädigt wird und aussetzt, ist einem Dyspeptiker zu vergleichen (und nicht nur zu vergleichen — ) er wird mit Nichts „fertig“... Eben dieses nothwendig vergessliche Thier, an dem das Vergessen eine Kraft, eine Form der starken Gesundheit darstellt, hat sich nun ein Gegenvermögen angezüchtet, ein Gedächtniss, mit Hülfe dessen für gewisse Fälle die Vergesslichkeit ausgehängt wird, — für die Fälle nämlich, dass versprochen werden soll: somit keineswegs bloss ein passivisches Nicht-wieder-los-werden-können des einmal eingeritzten Eindrucks, nicht bloss die Indigestion an einem ein Mal verpfändeten Wort, mit dem man nicht wieder fertig wird, sondern ein aktives Nicht-wieder-los-werden-wollen, ein Fort- und Fortwollen des ein Mal Gewollten, ein eigentliches Gedächtniss des Willens: so dass zwischen das ursprüngliche „ich will“ „ich werde thun“ und die eigentliche Entladung des Willens, seinen Akt, unbedenklich eine Welt von neuen fremden Dingen, Umständen, selbst Willensakten dazwischengelegt werden darf, ohne dass diese lange Kette des Willens springt. Was setzt das aber Alles voraus! Wie muss der Mensch, um dermaassen über die Zukunft voraus zu verfügen, erst gelernt haben das nothwendige vom zufälligen Geschehen scheiden, causal denken, das Ferne wie gegenwärtig sehn und vorwegnehmen, was Zweck ist, was Mittel dazu ist, mit Sicherheit ansetzen, überhaupt rechnen, berechnen können, — wie muss dazu der Mensch selbst vorerst berechenbar, regelmässig, nothwendig geworden sein, auch sich selbst für seine eigne Vorstellung, um endlich dergestalt, wie es ein Versprechender thut, für sich als Zukunft gut sagen zu können!
2 Eben das ist die lange Geschichte von der Herkunft der Verantwortlichkeit. Jene Aufgabe, ein Thier heranzuzüchten, das versprechen darf, schliesst, wie wir bereits begriffen haben, als Bedingung und Vorbereitung die nähere Aufgabe in sich, den Menschen zuerst bis zu einem gewissen Grade nothwendig, einförmig, gleich unter Gleichen, regelmässig und folglich berechenbar zu machen. Die ungeheure Arbeit dessen, was von mir „Sittlichkeit der Sitte“ genannt worden ist (vergl. Morgenröthe S. 7. 13. 16) — die eigentliche Arbeit des Menschen an sich selber in der längsten Zeitdauer des Menschengeschlechts, seine ganze vorhistorische Arbeit hat hierin ihren Sinn, ihre grosse Rechtfertigung, wie viel ihr auch von Härte, Tyrannei, Stumpfsinn und Idiotismus innewohnt: der Mensch wurde mit Hülfe der Sittlichkeit der Sitte und der socialen Zwangsjacke wirklich berechenbar gemacht. Stellen wir uns dagegen an's Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte endlich zu Tage bringt, wozu sie nur das Mittel war: so finden wir als reifste Frucht an ihrem Baum das souveraine Individuum, das nur sich selbst gleiche, das von der Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, das autonome übersittliche Individuum (denn „autonom“ und „sittlich“ schliesst sich aus), kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen Willens, der versprechen darf — und in ihm ein stolzes, in allen Muskeln zuckendes Bewusstsein davon, was da endlich errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigentliches Macht- und Freiheits-Bewusstsein, ein Vollendungs-Gefühl des Menschen überhaupt. Dieser Freigewordne, der wirklich versprechen darf, dieser Herr des freien Willens, dieser Souverain — wie sollte er es nicht wissen, welche Überlegenheit er damit vor Allem voraus hat, was nicht versprechen und für sich selbst gut sagen darf, wie viel Vertrauen, wie viel Furcht, wie viel Ehrfurcht er erweckt — er „verdient“ alles Dreies — und wie ihm, mit dieser Herrschaft über sich, auch die Herrschaft über die Umstände, über die Natur und alle willenskürzeren und unzuverlässigeren Creaturen nothwendig in die Hand gegeben ist? Der „freie“ Mensch, der Inhaber eines langen unzerbrechlichen Willens, hat in diesem Besitz auch sein Werthmaass: von sich aus nach den Andern hinblickend, ehrt er oder verachtet er; und eben so nothwendig als er die ihm Gleichen, die Starken und Zuverlässigen (die welche versprechen dürfen) ehrt, — also Jedermann, der wie ein Souverain verspricht, schwer, selten, langsam, der mit seinem Vertrauen geizt, der auszeichnet, wenn er vertraut, der sein Wort giebt als Etwas, auf das Verlass ist, weil er sich stark genug weiss, es selbst gegen Unfälle, selbst „gegen das Schicksal“ aufrecht zu halten —: eben so nothwendig wird er seinen Fusstritt für die schmächtigen Windhunde bereit halten, welche versprechen, ohne es zu dürfen, und seine Zuchtruthe für den Lügner, der sein Wort bricht, im Augenblick schon, wo er es im Munde hat. Das stolze Wissen um das ausserordentliche Privilegium der Verantwortlichkeit, das Bewusstsein dieser seltenen Freiheit, dieser Macht über sich und das Geschick hat sich bei ihm bis in seine unterste Tiefe hinabgesenkt und ist zum Instinkt geworden, zum dominirenden Instinkt: — wie wird er ihn heissen, diesen dominirenden Instinkt, gesetzt, dass er ein Wort dafür bei sich nöthig hat? Aber es ist kein Zweifel: dieser souveraine Mensch heisst ihn sein Gewissen...
3 Sein Gewissen?... Es lässt sich voraus errathen, dass der Begriff „Gewissen“, dem wir hier in seiner höchsten, fast befremdlichen Ausgestaltung begegnen, bereits eine lange Geschichte und Form-Verwandlung hinter sich hat. Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also auch zu sich Ja sagen dürfen — das ist, wie gesagt, eine reife Frucht, aber auch eine späte Frucht: — wie lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Und eine noch viel längere Zeit war von einer solchen Frucht gar nichts zu sehn, — Niemand hätte sie versprechen dürfen, so gewiss auch Alles am Baume vorbereitet und gerade auf sie hin im Wachsen war! — „Wie macht man dem Menschen-Thiere ein Gedächtniss? Wie prägt man diesem theils stumpfen, theils faseligen Augenblicks-Verstände, dieser leibhaften Vergesslichkeit Etwas so ein, dass es gegenwärtig bleibt?“... Dies uralte Problem ist, wie man denken kann, nicht gerade mit zarten Antworten und Mitteln gelöst worden; vielleicht ist sogar nichts furchtbarer und unheimlicher an der ganzen Vorgeschichte des Menschen, als seine Mnemotechnik. „Man brennt Etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss“ — das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psychologie auf Erden. Man möchte selbst sagen, dass es überall, wo es jetzt noch auf Erden Feierlichkeit, Ernst, Geheimniss, düstere Farben im Leben von Mensch und Volk giebt, Etwas von der Schrecklichkeit nachwirkt, mit der ehemals überall auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden ist: die Vergangenheit, die längste tiefste härteste Vergangenheit, haucht uns an und quillt in uns herauf, wenn wir „ernst“ werden. Es gieng niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nöthig hielt, sich ein Gedächtniss zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die Erstlingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die Castrationen), die grausamsten Ritualformen aller religiösen Culte (und alle Religionen sind auf dem untersten Grunde Systeme von Grausamkeiten) — alles Das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im Schmerz das mächtigste Hülfsmittel der Mnemonik errieth. In einem gewissen Sinne gehört die ganze Asketik hierher: ein paar Ideen sollen unauslöschlich, allgegenwärtig, unvergessbar, „fix“ gemacht werden, zum Zweck der Hypnotisirung des ganzen nervösen und intellektuellen Systems durch diese „fixen Ideen“ — und die asketischen Prozeduren und Lebensformen sind Mittel dazu, um jene Ideen aus der Concurrenz mit allen übrigen Ideen zu lösen, um sie „unvergesslich“ zu machen. Je schlechter die Menschheit „bei Gedächtniss“ war, um so furchtbarer ist immer der Aspekt ihrer Bräuche; die Härte der Strafgesetze giebt in Sonderheit einen Maassstab dafür ab, wie viel Mühe sie hatte, gegen die Vergesslichkeit zum Sieg zu kommen und ein paar primitive Erfordernisse des socialen Zusammenlebens diesen Augenblicks-Sklaven des Affekts und der Begierde gegenwärtig zu erhalten. Wir Deutschen betrachten uns gewiss nicht als ein besonders grausames und hartherziges Volk, noch weniger als besonders leichtfertig und in-den-Tag-hineinleberisch; aber man sehe nur unsere alten Strafordnungen an, um dahinter zu kommen, was es auf Erden für Mühe hat, ein „Volk von Denkern“ heranzuzüchten (will sagen: das Volk Europa's, unter dem auch heute noch das Maximum von Zutrauen, Ernst, Geschmacklosigkeit und Sachlichkeit zu finden ist und das mit diesen Eigenschaften ein Anrecht darauf hat, alle Art von Mandarinen Europa's heran zu züchten). Diese Deutschen haben sich mit furchtbaren Mitteln ein Gedächtniss gemacht, um über ihre pöbelhaften Grund-Instinkte und deren brutale Plumpheit Herr zu werden: man denke an die alten deutschen Strafen, zum Beispiel an das Steinigen ( — schon die Sage lässt den Mühlstein auf das Haupt des Schuldigen fallen), das Rädern (die eigenste Erfindung und Spezialität des deutschen Genius im Reich der Strafe!), das Werfen mit dem Pfahle, das Zerreissen- oder Zertretenlassen durch Pferde (das „Viertheilen“), das Sieden des Verbrechers in Öl oder Wein (noch im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert), das beliebte Schinden („Riemenschneiden“), das Herausschneiden des Fleisches aus der Brust; auch wohl dass man den Übelthäter mit Honig bestrich und bei brennender Sonne den Fliegen überliess. Mit Hülfe solcher Bilder und Vorgänge behält man endlich fünf, sechs „ich will nicht“ im Gedächtnisse, in Bezug auf welche man sein Versprechen gegeben hat, um unter den Vortheilen der Societät zu leben, — und wirklich! mit Hülfe dieser Art von Gedächtniss kam man endlich „zur Vernunft“! — Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche Nachdenken heisst, alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen: wie theuer haben sie sich bezahlt gemacht! wie viel Blut und Grausen ist auf dem Grunde aller „guten Dinge“!...
4 Aber wie ist denn jene andre „düstre Sache“, das Bewusstsein der Schuld, das ganze „schlechte Gewissen“ auf die Welt gekommen? — Und hiermit kehren wir zu unsern Genealogen der Moral zurück. Nochmals gesagt — oder habe ichs noch gar nicht gesagt? — sie taugen nichts. Eine fünf Spannen lange eigne, bloss „moderne“ Erfahrung; kein Wissen, kein Wille zum Wissen des Vergangenen; noch weniger ein historischer Instinkt, ein hier gerade nöthiges „zweites Gesicht“ — und dennoch Geschichte der Moral treiben: das muss billigerweise mit Ergebnissen enden, die zur Wahrheit in einem nicht bloss spröden Verhältnisse stehn. Haben sich diese bisherigen Genealogen der Moral auch nur von Ferne Etwas davon träumen lassen, dass zum Beispiel jener moralische Hauptbegriff „Schuld“ seine Herkunft aus dem sehr materiellen Begriff „Schulden“ genommen hat? Oder dass die Strafe als eine Vergeltung sich vollkommen abseits von jeder Voraussetzung über Freiheit oder Unfreiheit des Willens entwickelt hat? — und dies bis zu dem Grade, dass es vielmehr immer erst einer hohen Stufe der Vermenschlichung bedarf, damit das Thier „Mensch“ anfängt, jene viel primitiveren Unterscheidungen „absichtlich“ „fahrlässig“ „zufällig“ „zurechnungsfähig“ und deren Gegensätze zu machen und bei der Zumessung der Strafe in Anschlag zu bringen. Jener jetzt so wohlfeile und scheinbar so natürliche, so unvermeidliche Gedanke, der wohl gar zur Erklärung, wie überhaupt das Gerechtigkeitsgefühl auf Erden zu Stande gekommen ist, hat herhalten müssen, „der Verbrecher verdient Strafe, weil er hätte anders handeln können“ ist thatsächlich eine überaus spät erreichte, ja raffinirte Form des menschlichen Urtheilens und Schliessens; wer sie in die Anfänge verlegt, vergreift sich mit groben Fingern an der Psychologie der älteren Menschheit. Es ist die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch durchaus nicht gestraft worden, weil man den Übelanstifter für seine That verantwortlich machte, also nicht unter der Voraussetzung, dass nur der Schuldige zu strafen sei: — vielmehr, so wie jetzt noch Eltern ihre Kinder strafen, aus Zorn über einen erlittenen Schaden, der sich am Schädiger auslässt, — dieser Zorn aber in Schranken gehalten und modifizirt durch die Idee, dass jeder Schaden irgend worin sein Äquivalent habe und wirklich abgezahlt werden könne, sei es selbst durch einen Schmerz des Schädigers. Woher diese uralte, tiefgewurzelte, vielleicht jetzt nicht mehr ausrottbare Idee ihre Macht genommen hat, die Idee einer Äquivalenz von Schaden und Schmerz? Ich habe es bereits verrathen: in dem Vertragsverhältniss zwischen Gläubiger und Schuldner, das so alt ist als es überhaupt „Rechtssubjekte“ giebt und seinerseits wieder auf die Grundformen von Kauf, Verkauf, Tausch, Handel und Wandel zurückweist.
5 Die Vergegenwärtigung dieser Vertragsverhältnisse weckt allerdings, wie es nach dem Voraus-Bemerkten von vornherein zu erwarten steht, gegen die ältere Menschheit, die sie schuf oder gestattete, mancherlei Verdacht und Widerstand. Hier gerade wird versprochen; hier gerade handelt es sich darum, Dem, der verspricht, ein Gedächtniss zu machen; hier gerade, so darf man argwöhnen, wird eine Fundstätte für Hartes, Grausames, Peinliches sein. Der Schuldner, um Vertrauen für sein Versprechen der Zurückbezahlung einzuflössen, um eine Bürgschaft für den Ernst und die Heiligkeit seines Versprechens zu geben, um bei sich selbst die Zurückbezahlung als Pflicht, Verpflichtung seinem Gewissen einzuschärfen, verpfändet Kraft eines Vertrags dem Gläubiger für den Fall, dass er nicht zahlt, Etwas, das er sonst noch „besitzt“, über das er sonst noch Gewalt hat, zum Beispiel seinen Leib oder sein Weib oder seine Freiheit oder auch sein Leben (oder, unter bestimmten religiösen Voraussetzungen, selbst seine Seligkeit, sein Seelen-Heil, zuletzt gar den Frieden im Grabe: so in Ägypten, wo der Leichnam des Schuldners auch im Grabe vor dem Gläubiger keine Ruhe fand, — es hatte allerdings gerade bei den Ägyptern auch etwas auf sich mit dieser Ruhe). Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter anthun, zum Beispiel so viel davon herunterschneiden als der Grösse der Schuld angemessen schien: — und es gab frühzeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus genaue, zum Theil entsetzlich in's Kleine und Kleinste gehende Abschätzungen, zu Recht bestehende Abschätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. Ich nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, grösser rechnender, römischerer Rechtsauffassung, wenn die Zwölftafel-Gesetzgebung Rom's dekretierte, es sei gleichgültig, wie viel oder wie wenig die Gläubiger in einem solchen Falle herunterschnitten „si plus minusve secuerunt, se fraude esto“. Machen wir uns die Logik dieser ganzen Ausgleichungsform klar: sie ist fremdartig genug. Die Äquivalenz ist damit gegeben, dass an Stelle eines gegen den Schaden direkt aufkommenden Vortheils (also an Stelle eines Ausgleichs in Geld, Land, Besitz irgend welcher Art) dem Gläubiger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und Ausgleich zugestanden wird, — das Wohlgefühl, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Wollust „de fair le mal pour le plaisir de le faire“, der Genuss in der Vergewaltigung: als welcher Genuss um so höher geschätzt wird, je tiefer und niedriger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft steht und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. Vermittelst der „Strafe“ am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Rechte theil: endlich kommt auch er ein Mal zu dem erhebenden Gefühle, ein Wesen als ein „Untersich“ verachten und misshandeln zu dürfen — oder wenigstens, im Falle die eigentliche Strafgewalt, den Strafvollzug schon an die „Obrigkeit“ übergegangen ist, es verachtet und misshandelt zu sehen. Der Ausgleich besteht also in einem Anweis und Anrecht auf Grausamkeit. —
6 In dieser Sphäre, im Obligationen-Rechte also, hat die moralische Begriffswelt „Schuld“, „Gewissen“, „Pflicht“, „Heiligkeit der Pflicht“ ihren Entstehungsheerd, — ihr Anfang ist, wie der Anfang alles Grossen auf Erden, gründlich und lange mit Blut begossen worden. Und dürfte man nicht hinzufügen, dass jene Welt im Grunde einen gewissen Geruch von Blut und Folter niemals wieder ganz eingebüsst habe? (selbst beim alten Kant nicht: der kategorische Imperativ riecht nach Grausamkeit...) Hier ebenfalls ist jene unheimliche und vielleicht unlösbar gewordne Ideen-Verhäkelung „Schuld und Leid“ zuerst eingehäkelt worden. Nochmals gefragt: inwiefern kann Leiden eine Ausgleichung von „Schulden“ sein? Insofern Leiden-machen im höchsten Grade wohl that, insofern der Geschädigte für den Nachtheil, hinzugerechnet die Unlust über den Nachtheil, einen ausserordentlichen Gegen-Genuss eintauschte: das Leiden-machen, — ein eigentliches Fest, Etwas, das, wie gesagt, um so höher im Preise stand, je mehr es dem Range und der gesellschaftlichen Stellung des Gläubigers widersprach. Dies vermuthungsweise gesprochen: denn solchen unterirdischen Dingen ist schwer auf den Grund zu sehn, abgesehn davon, dass es peinlich ist; und wer hier den Begriff der „Rache“ plump dazwischen wirft, hat sich den Einblick eher noch verdeckt und verdunkelt, als leichter gemacht ( — Rache selbst führt ja eben auf das gleiche Problem zurück: „wie kann Leiden-machen eine Genugthuung sein?“) Es widersteht, wie mir scheint, der Delikatesse, noch mehr der Tartüfferie zahmer Hausthiere (will sagen moderner Menschen, will sagen uns), es sich in aller Kraft vorstellig zu machen, bis zu welchem Grade die Grausamkeit die grosse Festfreude der älteren Menschheit ausmacht, ja als Ingredienz fast jeder ihrer Freuden zugemischt ist; wie naiv andrerseits, wie unschuldig ihr Bedürfniss nach Grausamkeit auftritt, wie grundsätzlich gerade die „uninteressirte Bosheit“ (oder, mit Spinoza zu reden, die sympathia malevolens) von ihr als normale Eigenschaft des Menschen angesetzt wird —: somit als Etwas, zu dem das Gewissen herzhaft Ja sagt! Für ein tieferes Auge wäre vielleicht auch jetzt noch genug von dieser ältesten und gründlichsten Festfreude des Menschen wahrzunehmen; in „Jenseits von Gut und Böse“ S. 117 ff. (früher schon in der „Morgenröthe“ S. 17. 68. 102) habe ich mit vorsichtigem Finger auf die immer wachsende Vergeistigung und „Vergöttlichung“ der Grausamkeit hingezeigt, welche sich durch die ganze Geschichte der höheren Cultur hindurchzieht (und, in einem bedeutenden Sinne genommen, sie sogar ausmacht). Jedenfalls ist es noch nicht zu lange her, dass man sich fürstliche Hochzeiten und Volksfeste grössten Stils ohne Hinrichtungen, Folterungen oder etwa ein Autodafé nicht zu denken wusste, insgleichen keinen vornehmen Haushalt ohne Wesen, an denen man unbedenklich seine Bosheit und grausame Neckerei auslassen konnte ( — man erinnere sich etwa Don Quixote's am Hofe der Herzogin: wir lesen heute den ganzen Don Quixote mit einem bittren Geschmack auf der Zunge, fast mit einer Tortur und würden damit seinem Urheber und dessen Zeitgenossen sehr fremd, sehr dunkel sein, — sie lasen ihn mit allerbestem Gewissen als das heiterste der Bücher, sie lachten sich an ihm fast zu Tod). Leiden-sehn thut wohl, Leiden-machen noch wohler — das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz, den übrigens vielleicht auch schon die Affen unterschreiben würden: denn man erzählt, dass sie im Ausdenken von bizarren Grausamkeiten den Menschen bereits reichlich ankündigen und gleichsam „vorspielen“. Ohne Grausamkeit kein Fest: so lehrt es die älteste, längste Geschichte des Menschen — und auch an der Strafe ist so viel Festliches! —
7 — Mit diesen Gedanken, nebenbei gesagt, bin ich durchaus nicht Willens, unsren Pessimisten zu neuem Wasser auf ihre misstönigen und knarrenden Mühlen des Lebensüberdrusses zu verhelfen; im Gegentheil soll ausdrücklich bezeugt sein, dass damals, als die Menschheit sich ihrer Grausamkeit noch nicht schämte, das Leben heiterer auf Erden war als jetzt, wo es Pessimisten giebt. Die Verdüsterung des Himmels über dem Menschen hat immer im Verhältniss dazu überhand genommen, als die Scham des Menschen vor dem Menschen gewachsen ist. Der müde pessimistische Blick, das Misstrauen zum Räthsel des Lebens, das eisige Nein des Ekels am Leben — das sind nicht die Abzeichen der bösesten Zeitalter des Menschengeschlechts: sie treten vielmehr erst an das Tageslicht, als die Sumpfpflanzen, die sie sind, wenn der Sumpf da ist, zu dem sie gehören, — ich meine die krankhafte Verzärtlichung und Vermoralisirung, vermöge deren das Gethier „Mensch“ sich schliesslich aller seiner Instinkte schämen lernt. Auf dem Wege zum „Engel“ (um hier nicht ein härteres Wort zu gebrauchen) hat sich der Mensch jenen verdorbenen Magen und jene belegte Zunge angezüchtet, durch die ihm nicht nur die Freude und Unschuld des Thiers widerlich, sondern das Leben selbst unschmackhaft geworden ist: — so dass er mitunter vor sich selbst mit zugehaltener Nase dasteht und mit Papst Innocenz dem Dritten missbilligend den Katalog seiner Widerwärtigkeiten macht („unreine Erzeugung, ekelhafte Ernährung im Mutterleibe, Schlechtigkeit des Stoffs, aus dem der Mensch sich entwickelt, scheusslicher Gestank, Absonderung von Speichel, Urin und Koth“). Jetzt, wo das Leiden immer als erstes unter den Argumenten gegen das Dasein aufmarschieren muss, als dessen schlimmstes Fragezeichen, thut man gut, sich der Zeiten zu erinnern, wo man umgekehrt urtheilte, weil man das Leiden-machen nicht entbehren mochte und in ihm einen Zauber ersten Rangs, einen eigentlichen Verführungs-Köder zum Leben sah. Vielleicht that damals — den Zärtlingen zum Trost gesagt — der Schmerz noch nicht so weh wie heute; wenigstens wird ein Arzt so schliessen dürfen, der Neger (diese als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen genommen — ) bei schweren inneren Entzündungsfällen behandelt hat, welche auch den bestorganisirten Europäer fast zur Verzweiflung bringen; — bei Negern thun sie dies nicht. (Die Curve der menschlichen Schmerzfähigkeit scheint in der That ausserordentlich und fast plötzlich zu sinken, sobald man erst die oberen Zehn-Tausend oder Zehn-Millionen der Übercultur hinter sich hat; und ich für meine Person zweifle nicht, dass, gegen Eine schmerzhafte Nacht eines einzigen hysterischen Bildungs-Weibchens gehalten, die Leiden aller Thiere insgesammt, welche bis jetzt zum Zweck wissenschaftlicher Antworten mit dem Messer befragt worden sind, einfach nicht in Betracht kommen.) Vielleicht ist es sogar erlaubt, die Möglichkeit zuzulassen, dass auch jene Lust an der Grausamkeit eigentlich nicht ausgestorben zu sein brauchte: nur bedürfte sie, im Verhältniss dazu, wie heute der Schmerz mehr weh thut, einer gewissen Sublimirung und Subtilisirung, sie müsste namentlich in's Imaginative und Seelische übersetzt auftreten und geschmückt mit lauter so unbedenklichen Namen, dass von ihnen her auch dem zartesten hypokritischen Gewissen kein Verdacht kommt (das „tragische Mitleiden“ ist ein solcher Name; ein andrer ist „les nostalgies de la croix“). Was eigentlich gegen das Leiden empört, ist nicht das Leiden an sich, sondern das Sinnlose des Leidens: aber weder für den Christen, der in das Leiden eine ganze geheime Heils-Maschinerie hineininterpretirt hat, noch für den naiven Menschen älterer Zeiten, der alles Leiden sich in Hinsicht auf Zuschauer oder auf Leiden-Macher auszulegen verstand, gab es überhaupt ein solches sinnloses Leiden. Damit das verborgne, unentdeckte, zeugenlose Leiden aus der Welt geschafft und ehrlich negirt werden konnte, war man damals beinahe dazu genöthigt, Götter zu erfinden und Zwischenwesen aller Höhe und Tiefe, kurz Etwas, das auch im Verborgnen schweift, das auch im Dunklen sieht und das sich nicht leicht ein interessantes schmerzhaftes Schauspiel entgehen lässt. Mit Hülfe solcher Erfindungen nämlich verstand sich damals das Leben auf das Kunststück, auf das es sich immer verstanden hat, sich selbst zu rechtfertigen, sein „Übel“ zu rechtfertigen; jetzt bedürfte es vielleicht dazu andrer Hülfs-Erfindungen (zum Beispiel Leben als Räthsel, Leben als Erkenntnissproblem). „Jedes Übel ist gerechtfertigt, an dessen Anblick ein Gott sich erbaut“: so klang die vorzeitliche Logik des Gefühls — und wirklich, war es nur die vorzeitliche? Die Götter als Freunde grausamer Schauspiele gedacht — oh wie weit ragt diese uralte Vorstellung selbst noch in unsre europäische Vermenschlichung hinein! man mag hierüber etwa mit Calvin und Luther zu Rathe gehn. Gewiss ist jedenfalls, dass noch die Griechen ihren Göttern keine angenehmere Zukost zu ihrem Glücke zu bieten wussten, als die Freuden der Grausamkeit. Mit welchen Augen glaubt ihr denn, dass Homer seine Götter auf die Schicksale der Menschen niederblicken liess? Welchen letzten Sinn hatten im Grunde trojanische Kriege und ähnliche tragische Furchtbarkeiten? Man kann gar nicht daran zweifeln: sie waren als Festspiele für die Götter gemeint: und, insofern der Dichter darin mehr als die übrigen Menschen „göttlich“ geartet ist, wohl auch als Festspiele für die Dichter... Nicht anders dachten sich später die Moral-Philosophen Griechenlands die Augen Gottes noch auf das moralische Ringen, auf den Heroismus und die Selbstquälerei des Tugendhaften herabblicken: der „Herakles der Pflicht“ war auf einer Bühne, er wusste sich auch darauf; die Tugend ohne Zeugen war für dies Schauspieler-Volk etwas ganz Undenkbares. Sollte nicht jene so verwegene, so verhängnissvolle Philosophen-Erfindung, welche damals zuerst für Europa gemacht wurde, die vom „freien Willen“, von der absoluten Spontaneität des Menschen im Guten und im Bösen, nicht vor Allem gemacht sein, um sich ein Recht zu der Vorstellung zu schaffen, dass das Interesse der Götter am Menschen, an der menschlichen Tugend sich nie erschöpfen könne? Auf dieser Erden-Bühne sollte es niemals an wirklich Neuem, an wirklich unerhörten Spannungen, Verwicklungen, Katastrophen gebrechen: eine vollkommen deterministisch gedachte Welt würde für Götter errathbar und folglich in Kürze auch ermüdend gewesen sein, — Grund genug für diese Freunde der Götter, die Philosophen, ihren Göttern eine solche deterministische Welt nicht zuzumuthen! Die ganze antike Menschheit ist voll von zarten Rücksichten auf „den Zuschauer“, als eine wesentlich öffentliche, wesentlich augenfällige Welt, die sich das Glück nicht ohne Schauspiele und Feste zu denken wusste. — Und, wie schon gesagt, auch an der grossen Strafe ist so viel Festliches!...
8 Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, um den Gang unsrer Untersuchung wieder aufzunehmen, hat, wie wir sahen, seinen Ursprung in dem ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältniss, das es giebt, gehabt, in dem Verhältniss zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner: hier trat zuerst Person gegen Person, hier maass sich zuerst Person an Person. Man hat keinen noch so niedren Grad von Civilisation aufgefunden, in dem nicht schon Etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar würde. Preise machen, Werthe abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen — das hat in einem solchen Maasse das allererste Denken des Menschen präoccupirt, das es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist die älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden, hier möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorrangs-Gefühls in Hinsicht auf anderes Gethier zu vermuthen sein. Vielleicht drückt noch unser Wort „Mensch“ (manas) gerade etwas von diesem Selbstgefühl aus: der Mensch bezeichnete sich als das Wesen, welches Werthe misst, werthet und misst, als das „abschätzende Thier an sich“. Kauf und Verkauf sammt ihrem psychologischen Zubehör, sind älter als selbst die Anfänge irgend welcher gesellschaftlichen Organisationsformen und Verbände: aus der rudimentärsten Form des Personen-Rechts hat sich vielmehr das keimende Gefühl von Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, Verpflichtung, Ausgleich erst auf die gröbsten und anfänglichsten Gemeinschafts-Complexe (in deren Verhältniss zu ähnlichen Complexen) übertragen, zugleich mit der Gewohnheit, Macht an Macht zu vergleichen, zu messen, zu berechnen. Das Auge war nun einmal für diese Perspektive eingestellt: und mit jener plumpen Consequenz, die dem schwerbeweglichen, aber dann unerbittlich in gleicher Richtung weitergehenden Denken der älteren Menschheit eigenthümlich ist, langte man alsbald bei der grossen Verallgemeinerung an „jedes Ding hat seinen Preis; Alles kann abgezahlt werden“ — dem ältesten und naivsten Moral-Kanon der Gerechtigkeit, dem Anfange aller „Gutmüthigkeit“, aller „Billigkeit“, alles „guten Willens“, aller „Objektivität“ auf Erden. Gerechtigkeit auf dieser ersten Stufe ist der gute Wille unter ungefähr Gleichmächtigen, sich mit einander abzufinden, sich durch einen Ausgleich wieder zu „verständigen“ — und, in Bezug auf weniger Mächtige, diese unter sich zu einem Ausgleich zu zwingen. —
9 Immer mit dem Maasse der Vorzeit gemessen (welche Vorzeit übrigens zu allen Zeiten da ist oder wieder möglich ist): so steht auch das Gemeinwesen zu seinen Gliedern in jenem wichtigen Grundverhältnisse, dem des Gläubigers zu seinen Schuldnern. Man lebt in einem Gemeinwesen, man geniesst die Vortheile eines Gemeinwesens (oh was für Vortheile! wir unterschätzen es heute mitunter), man wohnt geschützt, geschont, im Frieden und Vertrauen, sorglos in Hinsicht auf gewisse Schädigungen und Feindseligkeiten, denen der Mensch ausserhalb, der „Friedlose“, ausgesetzt ist — ein Deutscher versteht, was „Elend“, êlend ursprüngich besagen will —, wie man sich gerade in Hinsicht auf diese Schädigungen und Feindseligkeiten der Gemeinde verpfändet und verpflichtet hat. Was wird im andren Fall geschehn? Die Gemeinschaft, der getäuschte Gläubiger, wird sich bezahlt machen, so gut er kann, darauf darf man rechnen. Es handelt sich hier am wenigsten um den unmittelbaren Schaden, den der Schädiger angestiftet hat: von ihm noch abgesehn, ist der Verbrecher vor allem ein „Brecher“, ein Vertrags- und Wortbrüchiger gegen das Ganze, in Bezug auf alle Güter und Annehmlichkeiten des Gemeinlebens, an denen er bis dahin Antheil gehabt hat. Der Verbrecher ist ein Schuldner, der die ihm erwiesenen Vortheile und Vorschüsse nicht nur nicht zurückzahlt, sondern sich sogar an seinem Gläubiger vergreift: daher geht er von nun an, wie billig, nicht nur aller dieser Güter und Vortheile verlustig, — er wird vielmehr jetzt daran erinnert, was es mit diesen Gütern auf sich hat. Der Zorn des geschädigten Gläubigers, des Gemeinwesens giebt ihn dem wilden und vogelfreien Zustande wieder zurück, vor dem er bisher behütet war: es stösst ihn von sich, — und nun darf sich jede Art Feindseligkeit an ihm auslassen. Die „Strafe“ ist auf dieser Stufe der Gesittung einfach das Abbild, der Mimus des normalen Verhaltens gegen den gehassten, wehrlos gemachten, niedergeworfnen Feind, der nicht nur jedes Rechtes und Schutzes, sondern auch jeder Gnade verlustig gegangen ist; also das Kriegsrecht und Siegesfest des vae victis! in aller Schonungslosigkeit und Grausamkeit: — woraus es sich erklärt, dass der Krieg selbst (eingerechnet der kriegerische Opferkult) alle die Formen hergegeben hat, unter denen die Strafe in der Geschichte auftritt.
10 Mit erstarkender Macht nimmt ein Gemeinwesen die Vergehungen des Einzelnen nicht mehr so wichtig, weil sie ihm nicht mehr in gleichem Maasse wie früher für das Bestehn des Ganzen als gefährlich und umstürzend gelten dürfen: der Übelthäter wird nicht mehr „friedlos gelegt“ und ausgestossen, der allgemeine Zorn darf sich nicht mehr wie früher dermaassen zügellos an ihm auslassen, — vielmehr wird von nun an der Übelthäter gegen diesen Zorn, sonderlich den der unmittelbar Geschädigten, vorsichtig von Seiten des Ganzen vertheidigt und in Schutz genommen. Der Compromiss mit dem Zorn der zunächst durch die Übelthat Betroffenen; ein Bemühen darum, den Fall zu lokalisiren und einer weiteren oder gar allgemeinen Betheiligung und Beunruhigung vorzubeugen; Versuche, Äquivalente zu finden und den ganzen Handel beizulegen (die compositio); vor allem der immer bestimmter auftretende Wille, jedes Vergehn als in irgend einem Sinne abzahlbar zu nehmen, also, wenigstens bis zu einem gewissen Maasse, den Verbrecher und seine That von einander zu isoliren — das sind die Züge, die der ferneren Entwicklung des Strafrechts immer deutlicher aufgeprägt sind. Wächst die Macht und das Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens, so mildert sich immer auch das Strafrecht; jede Schwächung und tiefere Gefährdung von jenem bringt dessen härtere Formen wieder an's Licht. Der „Gläubiger“ ist immer in dem Grade menschlicher geworden, als er reicher geworden ist; zuletzt ist es selbst das Maass seines Reichthums, wie viel Beeinträchtigung er aushalten kann, ohne daran zu leiden. Es wäre ein Machtbewusstsein der Gesellschaft nicht undenkbar, bei dem sie sich den vornehmsten Luxus gönnen dürfte, den es für sie giebt, — ihren Schädiger straflos zu lassen. „Was gehen mich eigentlich meine Schmarotzer an? dürfte sie dann sprechen. Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich noch stark genug!“... Die Gerechtigkeit, welche damit anhob „Alles ist abzahlbar, Alles muss abgezahlt werden“, endet damit, durch die Finger zu sehn und den Zahlungsunfähigen laufen zu lassen, — sie endet wie jedes gute Ding auf Erden, sich selbst aufhebend. Diese Selbstaufhebung der Gerechtigkeit: man weiss, mit welch schönem Namen sie sich nennt — Gnade; sie bleibt, wie sich von selbst versteht, das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein Jenseits des Rechts.
11 — Hier ein ablehnendes Wort gegen neuerdings hervorgetretene Versuche, den Ursprung der Gerechtigkeit auf einem ganz andren Boden zu suchen, — nämlich auf dem des Ressentiment. Den Psychologen voran in's Ohr gesagt, gesetzt dass sie Lust haben sollten, das Ressentiment selbst einmal aus der Nähe zu studieren: diese Pflanze blüht jetzt am schönsten unter Anarchisten und Antisemiten, übrigens so wie sie immer geblüht hat, im Verborgnen, dem Veilchen gleich, wenn schon mit andrem Duft. Und wie aus Gleichem nothwendig immer Gleiches hervorgehn muss, so wird es nicht überraschen, gerade wieder aus solchen Kreisen Versuche hervorgehen zu sehn, wie sie schon öfter dagewesen sind — vergleiche oben Seite 30 —, die Rache unter dem Namen der Gerechtigkeit zu heiligen — wie als ob Gerechtigkeit im Grunde nur eine Fortentwicklung vom Gefühle des Verletzt-seins wäre — und mit der Rache die reaktiven Affekte überhaupt und allesammt nachträglich zu Ehren zu bringen. An Letzterem selbst würde ich am wenigsten Anstoss nehmen: es schiene mir sogar in Hinsicht auf das ganze biologische Problem (in Bezug auf welches der Werth jener Affekte bisher unterschätzt worden ist) ein Verdienst. Worauf ich allein aufmerksam mache, ist der Umstand, dass es der Geist des Ressentiment selbst ist, aus dem diese neue Nuance von wissenschaftlicher Billigkeit (zu Gunsten von Hass, Neid, Missgunst, Argwohn, Rancune, Rache) herauswächst. Diese „wissenschaftliche Billigkeit“ nämlich pausirt sofort und macht Accenten tödtlicher Feindschaft und Voreingenommenheit Platz, sobald es sich um eine andre Gruppe von Affekten handelt, die, wie mich dünkt, von einem noch viel höheren biologischen Werthe sind, als jene reaktiven, und folglich erst recht verdienten, wissenschaftlich abgeschätzt und hochgeschätzt zu werden: nämlich die eigentlich aktiven Affekte, wie Herrschsucht, Habsucht und dergleichen. (E. Dühring, Werth des Lebens; Cursus der Philosophie; im Grunde überall.) So viel gegen diese Tendenz im Allgemeinen: was aber gar den einzelnen Satz Dühring's angeht, dass die Heimat der Gerechtigkeit auf dem Boden des reaktiven Gefühls zu suchen sei, so muss man ihm, der Wahrheit zu Liebe, mit schroffer Umkehrung diesen andren Satz entgegenstellen: der letzte Boden, der vom Geiste der Gerechtigkeit erobert wird, ist der Boden des reaktiven Gefühls! Wenn es wirklich vorkommt, dass der gerechte Mensch gerecht sogar gegen seine Schädiger bleibt (und nicht nur kalt, massvoll, fremd gleichgültig: Gerecht-sein ist immer ein positives Verhalten), wenn sich selbst unter dem Ansturz persönlicher Verletzung, Verhöhnung, Verdächtigung die hohe, klare, ebenso tief als mildblickende Objektivität des gerechten, des richtenden Auges nicht trübt, nun, so ist das ein Stück Vollendung und höchster Meisterschaft auf Erden, — sogar Etwas, das man hier kluger Weise nicht erwarten, woran man jedenfalls nicht gar zu leicht glauben soll. Gewiss ist durchschnittlich, dass selbst bei den rechtschaffendsten Personen schon eine kleine Dosis von Angriff, Bosheit, Insinuation genügt, um ihnen das Blut in die Augen und die Billigkeit aus den Augen zu jagen. Der aktive, der angreifende, übergreifende Mensch ist immer noch der Gerechtigkeit hundert Schritte näher gestellt als der reaktive; es ist eben für ihn durchaus nicht nöthig, in der Art, wie es der reaktive Mensch thut, thun muss, sein Objekt falsch und voreingenommen abzuschätzen. Thatsächlich hat deshalb zu allen Zeiten der aggressive Mensch, als der Stärkere, Muthigere, Vornehmere, auch das freiere Auge, das bessere Gewissen auf seiner Seite gehabt: umgekehrt erräth man schon, wer überhaupt die Erfindung des „schlechten Gewissens“ auf dem Gewissen hat, — der Mensch des Ressentiment! Zuletzt sehe man sich doch in der Geschichte um: in welcher Sphäre ist denn bisher überhaupt die ganze Handhabung des Rechts, auch das eigentliche Bedürfniss nach Recht auf Erden heimisch gewesen? Etwa in der Sphäre der reaktiven Menschen? Ganz und gar nicht: vielmehr in der der Aktiven, Starken, Spontanen, Aggressiven. Historisch betrachtet stellt das Recht auf Erden — zum Verdruss des genannten Agitator's sei es gesagt (der selber einmal über sich das Bekenntniss ablegt: „die Rachelehre hat sich als der rothe Gerechtigkeitsfaden durch alle meine Arbeiten und Anstrengungen hindurchgezogen“) — den Kampf gerade wider die reaktiven Gefühle vor, den Krieg mit denselben seitens aktiver und aggressiver Mächte, welche ihre Stärke zum Theil dazu verwendeten, der Ausschweifung des reaktiven Pathos Halt und Maass zu gebieten und einen Vergleich zu erzwingen. Überall, wo Gerechtigkeit geübt, Gerechtigkeit aufrecht erhalten wird, sieht man eine stärkere Macht in Bezug auf ihr unterstehende Schwächere (seien es Gruppen, seien es Einzelne) nach Mitteln suchen, unter diesen dem unsinnigen Wüthen des Ressentiment ein Ende zu machen, indem sie theils das Objekt des Ressentiment aus den Händen der Rache herauszieht, theils an Stelle der Rache ihrerseits den Kampf gegen die Feinde des Friedens und der Ordnung setzt, theils Ausgleiche erfindet, vorschlägt, unter Umständen aufnöthigt, theils gewisse Äquivalente von Schädigungen zur Norm erhebt, an welche von nun an das Ressentiment ein für alle Mal gewiesen ist. Das Entscheidendste aber, was die oberste Gewalt gegen die Übermacht der Gegen- und Nachgefühle thut und durchsetzt — sie thut es immer, sobald sie irgendwie stark genug dazu ist — ist die Aufrichtung des Gesetzes, die imperativische Erklärung darüber, was überhaupt unter ihren Augen als erlaubt, als recht, was als verboten, als unrecht zu gelten habe: indem sie nach Aufrichtung des Gesetzes Übergriffe und Willkür-Akte Einzelner oder ganzer Gruppen als Frevel am Gesetz, als Auflehnung gegen die oberste Gewalt selbst behandelt, lenkt sie das Gefühl ihrer Untergebenen von dem nächsten durch solche Frevel angerichteten Schaden ab und erreicht damit auf die Dauer das Umgekehrte von dem, was alle Rache will, welche den Gesichtspunkt des Geschädigten allein sieht, allein gelten lässt —: von nun an wird das Auge für eine immer unpersönlichere Abschätzung der That eingeübt, sogar das Auge des Geschädigten selbst (obschon dies am allerletzten, wie voran bemerkt wurde). — Demgemäss giebt es erst von der Aufrichtung des Gesetzes an „Recht“ und „Unrecht“ (und nicht, wie Dühring will, von dem Akte der Verletzung an). An sich von Recht und Unrecht reden entbehrt alles Sinn's, an sich kann natürlich ein Verletzen, Vergewaltigen, Ausbeuten, Vernichten nichts „Unrechtes“ sein, insofern das Leben essentiell, nämlich in seinen Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungirt und gar nicht gedacht werden kann ohne diesen Charakter. Man muss sich sogar noch etwas Bedenklicheres eingestehn: dass, vom höchsten biologischen Standpunkte aus, Rechtszustände immer nur Ausnahme-Zustände sein dürfen, als theilweise Restriktionen des eigentlichen Lebenswillens, der auf Macht aus ist, und sich dessen Gesammtzwecke als Einzelmittel unterordnend: nämlich als Mittel, grössere Macht-Einheiten zu schaffen. Eine Rechtsordnung souverain und allgemein gedacht, nicht als Mittel im Kampf von Macht-Complexen, sondern als Mittel gegen allen Kampf überhaupt, etwa gemäss der Communisten-Schablone Dühring's, dass jeder Wille jeden Willen als gleich zu nehmen habe, wäre ein lebensfeindliches Princip, eine Zerstörerin und Auflöserin des Menschen, ein Attentat auf die Zukunft des Menschen, ein Zeichen von Ermüdung, ein Schleichweg zum Nichts. —
12 Hier noch ein Wort über Ursprung und Zweck der Strafe — zwei Probleme, die auseinander fallen oder fallen sollten: leider wirft man sie gewöhnlich in Eins. Wie treiben es doch die bisherigen Moral-Genealogen in diesem Falle? Naiv, wie sie es immer getrieben haben —: sie machen irgend einen „Zweck“ in der Strafe ausfindig, zum Beispiel Rache oder Abschreckung, setzen dann arglos diesen Zweck an den Anfang, als causa fiendi der Strafe, und — sind fertig. Der „Zweck im Rechte“ ist aber zu allerletzt für die Entstehungsgeschichte des Rechts zu verwenden: vielmehr giebt es für alle Art Historie gar keinen wichtigeren Satz als jenen, der mit solcher Mühe errungen ist, aber auch wirklich errungen sein sollte, — dass nämlich die Ursache der Entstehung eines Dings und dessen schliessliche Nützlichkeit, dessen thatsächliche Verwendung und Einordnung in ein System von Zwecken toto coelo auseinander liegen; dass etwas Vorhandenes, irgendwie Zu-Stande-Gekommenes immer wieder von einer ihm überlegenen Macht auf neue Ansichten ausgelegt, neu in Beschlag genommen, zu einem neuen Nutzen umgebildet und umgerichtet wird; dass alles Geschehen in der organischen Welt ein Überwältigen, Herrwerden und dass wiederum alles Überwältigen und Herrwerden ein Neu-Interpretieren, ein Zurechtmachen ist, bei dem der bisherige „Sinn“ und „Zweck“ nothwendig verdunkelt oder ganz ausgelöscht werden muss. Wenn man die Nützlichkeit von irgend welchem physiologischen Organ (oder auch einer Rechts-Institution, einer gesellschaftlichen Sitte, eines politischen Brauchs, einer Form in den Künsten oder im religiösen Cultus) noch so gut begriffen hat, so hat man damit noch nichts in Betreff seiner Entstehung begriffen: so unbequem und unangenehm dies älteren Ohren klingen mag, — denn von Alters her hatte man in dem nachweisbaren Zwecke, in der Nützlichkeit eines Dings, einer Form, einer Einrichtung auch deren Entstehungsgrund zu begreifen geglaubt, das Auge als gemacht zum Sehen, die Hand als gemacht zum Greifen. So hat man sich auch die Strafe vorgestellt als erfunden zum Strafen. Aber alle Zwecke, alle Nützlichkeiten sind nur Anzeichen davon, dass ein Wille zur Macht über etwas weniger Mächtiges Herr geworden ist und ihm von sich aus den Sinn einer Funktion aufgeprägt hat; und die ganze Geschichte eines „Dings“, eines Organs, eines Brauchs kann dergestalt eine fortgesetzte Zeichen-Kette von immer neuen Interpretationen und Zurechtmachungen sein, deren Ursachen selbst unter sich nicht im Zusammenhange zu sein brauchen, vielmehr unter Umständen sich bloss zufällig hinter einander folgen und ablösen. „Entwicklung“ eines Dings, eines Brauchs, eines Organs ist demgemäss nichts weniger als sein progressus auf ein Ziel hin, noch weniger ein logischer und kürzester, mit dem kleinsten Aufwand von Kraft und Kosten erreichter progressus, — sondern die Aufeinanderfolge von mehr oder minder tiefgehenden, mehr oder minder von einander unabhängigen, an ihm sich abspielenden Überwältigungsprozessen, hinzugerechnet die dagegen jedes Mal aufgewendeten Widerstände, die versuchten Form-Verwandlungen zum Zweck der Vertheidigung und Reaktion, auch die Resultate gelungener Gegenaktionen. Die Form ist flüssig, der „Sinn“ ist es aber noch mehr... Selbst innerhalb jedes einzelnen Organismus steht es nicht anders: mit jedem wesentlichen Wachsthum des Ganzen verschiebt sich auch der „Sinn“ der einzelnen Organe, — unter Umständen kann deren theilweises Zu-Grunde-Gehn, deren Zahl-Verminderung (zum Beispiel durch Vernichtung der Mittelglieder) ein Zeichen wachsender Kraft und Vollkommenheit sein. Ich wollte sagen: auch das theilweise Unnützlichwerden, das Verkümmern und Entarten, das Verlustiggehn von Sinn und Zweckmässigkeit, kurz der Tod gehört zu den Bedingungen des wirklichen progressus: als welcher immer in Gestalt eines Willens und Wegs zu grösserer Macht erscheint und immer auf Unkosten zahlreicher kleinerer Mächte durchgesetzt wird. Die Grösse eines „Fortschritts“ bemisst sich sogar nach der Masse dessen, was ihm Alles geopfert werden musste; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen stärkeren Species Mensch geopfert — das wäre ein Fortschritt... — Ich hebe diesen Haupt-Gesichtspunkt der historischen Methodik hervor, um so mehr als er im Grunde dem gerade herrschenden Instinkte und Zeitgeschmack entgegen geht, welcher lieber sich noch mit der absoluten Zufälligkeit, ja mechanistischen Unsinnigkeit alles Geschehens vertragen würde, als mit der Theorie eines in allem Geschehn sich abspielenden Macht-Willens. Die demokratische Idiosynkrasie gegen Alles, was herrscht und herrschen will, der moderne Misarchismus (um ein schlechtes Wort für eine schlechte Sache zu bilden) hat sich allmählich dermaassen in's Geistige, Geistigste umgesetzt und verkleidet, dass er heute Schritt für Schritt bereits in die strengsten, anscheinend objektivsten Wissenschaften eindringt, eindringen darf; ja er scheint mir schon über die ganze Physiologie und Lehre vom Leben Herr geworden zu sein, zu ihrem Schaden, wie sich von selbst versteht, indem er ihr einen Grundbegriff, den der eigentlichen Aktivität, eskamotirt hat. Man stellt dagegen unter dem Druck jener Idiosynkrasie die „Anpassung“ in den Vordergrund, das heisst eine Aktivität zweiten Ranges, eine blosse Reaktivität, ja man hat das Leben selbst als eine immer zweckmässigere innere Anspannung an äussere Umstände definirt (Herbert Spencer). Damit ist aber das Wesen des Lebens verkannt, sein Wille zur Macht; damit ist der principielle Vorrang übersehn, den die spontanen, angreifenden, übergreifenden, neu-auslegenden, neu-richtenden und gestaltenden Kräfte haben, auf deren Wirkung erst die „Anpassung“ folgt; damit ist im Organismus selbst die herrschaftliche Rolle der höchsten Funktionäre abgeleugnet, in denen der Lebenswille aktiv und formgebend erscheint. Man erinnert sich, was Huxley Spencern zum Vorwurf gemacht hat, — seinen „administrativen Nihilismus“: aber es handelt sich noch um mehr als um's „Administriren“...
13 — Man hat also, um zur Sache, nämlich zur Strafe zurückzukehren, zweierlei an ihr zu unterscheiden: einmal das relativ Dauerhafte an ihr, den Brauch, den Akt, das „Drama“, eine gewisse strenge Abfolge von Prozeduren, andrerseits das flüssige an ihr, den Sinn, den Zweck, die Erwartung, welche sich an die Ausführung solcher Prozeduren knüpft. Hierbei wird ohne Weiteres vorausgesetzt, per analogiam, gemäss dem eben entwickelten Hauptgesichtspunkte der historischen Methodik, dass die Prozedur selbst etwas Älteres, Früheres als ihre Benützung zur Strafe sein wird, dass letztere erst in die (längst vorhandene, aber in einem anderen Sinne übliche) Prozedur hineingelegt, hineingedeutet worden ist, kurz, dass es nicht so steht, wie unsre naiven Moral- und Rechtsgenealogen bisher annahmen, welche sich allesammt die Prozedur erfunden dachten zum Zweck der Strafe, so wie man sich ehemals die Hand erfunden dachte zum Zweck des Greifens. Was nun jenes andre Element an der Strafe betrifft, das flüssige, ihren „Sinn“, so stellt in einem sehr späten Zustande der Cultur (zum Beispiel im heutigen Europa) der Begriff „Strafe“ in der That gar nicht mehr Einen Sinn vor, sondern eine ganze Synthesis von „Sinnen“: die bisherige Geschichte der Strafe überhaupt, die Geschichte ihrer Ausnützung zu den verschiedensten Zwecken, krystallisirt sich zuletzt in eine Art von Einheit, welche schwer löslich, schwer zu analysiren und, was man hervorheben muss, ganz und gar undefinirbar ist. (Es ist heute unmöglich bestimmt zu sagen, warum eigentlich gestraft wird: alle Begriffe, in denen sich ein ganzer Prozess semiotisch zusammenfasst, entziehen sich der Definition; definirbar ist nur Das, was keine Geschichte hat.) In einem früheren Stadium erscheint dagegen jene Synthesis von „Sinnen“ noch löslicher, auch noch verschiebbarer; man kann noch wahrnehmen, wie für jeden einzelnen Fall die Elemente der Synthesis ihre Werthigkeit verändern und sich demgemäss umordnen, so dass bald dies, bald jenes Element auf Kosten der übrigen hervortritt und dominirt, ja unter Umständen Ein Element (etwa der Zweck der Abschreckung) den ganzen Rest von Elementen aufzuheben scheint. Um wenigstens eine Vorstellung davon zu geben, wie unsicher, wie nachträglich, wie accidentiell „der Sinn“ der Strafe ist und wie ein und dieselbe Prozedur auf grundverschiedene Absichten hin benützt, gedeutet, zurechtgemacht werden kann: so stehe hier das Schema, das sich mir selbst auf Grund eines verhältnissmässig kleinen und zufälligen Materials ergeben hat. Strafe als Unschädlichmachen, als Verhinderung weiteren Schädigens. Strafe als Abzahlung des Schadens an den Geschädigten, in irgend einer Form (auch in der einer Affekt-Compensation). Strafe als Isolirung einer Gleichgewichts-Störung, um ein Weitergreifen der Störung zu verhüten. Strafe als Furchteinflössen vor Denen, welche die Strafe bestimmen und exekutiren. Strafe als eine Art Ausgleich für die Vortheile, welche der Verbrecher bis dahin genossen hat (zum Beispiel wenn er als Bergwerkssklave nutzbar gemacht wird). Strafe als Ausscheidung eines entartenden Elementes (unter Umständen eines ganzen Zweigs, wie nach chinesischem Rechte: somit als Mittel zur Reinerhaltung der Rasse oder zur Festhaltung eines socialen Typus). Strafe als Fest, nämlich als Vergewaltigung und Verhöhnung eines endlich niedergeworfnen Feindes. Strafe als ein Gedächtnissmachen, sei es für Den, der die Strafe erleidet — die sogenannte „Besserung“, sei es für die Zeugen der Exekution. Strafe als Zahlung eines Honorars, ausbedungen Seitens der Macht, welche den Übelthäter vor den Ausschweifungen der Rache schützt. Strafe als Compromiss mit dem Naturzustand der Rache, sofern letzterer durch mächtige Geschlechter noch aufrecht erhalten und als Privilegium in Anspruch genommen wird. Strafe als Kriegserklärung und Kriegsmaassregel gegen einen Feind des Friedens, des Gesetzes, der Ordnung, der Obrigkeit, den man als gefährlich für das Gemeinwesen, als vertragsbrüchig in Hinsicht auf dessen Voraussetzungen, als einen Empörer, Verräther und Friedensbrecher bekämpft, mit Mitteln, wie sie eben der Krieg an die Hand giebt. —
14 Diese Liste ist gewiss nicht vollständig; ersichtlich ist die Strafe mit Nützlichkeiten aller Art überladen. Um so eher darf man von ihr eine vermeintliche Nützlichkeit in Abzug bringen, die allerdings im populären Bewusstsein als ihre wesentlichste gilt, — der Glaube an die Strafe, der heute aus mehreren Gründen wackelt, findet gerade an ihr immer noch seine kräftigste Stütze. Die Strafe soll den Werth haben, das Gefühl der Schuld im Schuldigen aufzuwecken, man sucht in ihr das eigentliche instrumentum jener seelischen Reaktion, welche „schlechtes Gewissen“, „Gewissensbiss“ genannt wird. Aber damit vergreift man sich selbst für heute noch an der Wirklichkeit und der Psychologie: und wie viel mehr für die längste Geschichte des Menschen, seine Vorgeschichte! Der ächte Gewissensbiss ist gerade unter Verbrechern und Sträflingen etwas äusserst Seltenes, die Gefängnisse, die Zuchthäuser sind nicht die Brutstätten, an denen diese Species von Nagewurm mit Vorliebe gedeiht: — darin kommen alle gewissenhaften Beobachter überein, die in vielen Fällen ein derartiges Urtheil ungern genug und wider die eigensten Wünsche abgeben. In's Grosse gerechnet, härtet und kältet die Strafe ab; sie concentrirt; sie verschärft das Gefühl der Entfremdung; sie stärkt die Widerstandskraft. Wenn es vorkommt, dass sie die Energie zerbricht und eine erbärmliche Prostration und Selbsterniedrigung zu Wege bringt, so ist ein solches Ergebniss sicherlich noch weniger erquicklich als die durchschnittliche Wirkung der Strafe: als welche sich durch einen trocknen düsteren Ernst charakterisirt. Denken wir aber gar an jene Jahrtausende vor der Geschichte des Menschen, so darf man unbedenklich urtheilen, dass gerade durch die Strafe die Entwicklung des Schuldgefühls am kräftigsten aufgehalten worden ist, — wenigstens in Hinsicht auf die Opfer, an denen sich die strafende Gewalt ausliess. Unterschätzen wir nämlich nicht, inwiefern der Verbrecher gerade durch den Anblick der gerichtlichen und vollziehenden Prozeduren selbst verhindert wird, seine That, die Art seiner Handlung, an sich als verwerflich zu empfinden: denn er sieht genau die gleiche Art von Handlungen im Dienst der Gerechtigkeit verübt und dann gut geheissen, mit gutem Gewissen verübt: also Spionage, Überlistung, Bestechung, Fallenstellen, die ganze kniffliche und durchtriebene Polizisten- und Anklägerkunst, sodann das grundsätzliche, selbst nicht durch den Affekt entschuldigte Berauben, Überwältigen, Beschimpfen, Gefangennehmen, Foltern, Morden, wie es in den verschiednen Arten der Strafe sich ausprägt, — Alles somit von seinen Richtern keineswegs an sich verworfene und verurtheilte Handlungen, sondern nur in einer gewissen Hinsicht und Nutzanwendung. Das „schlechte Gewissen“, diese unheimlichste und interessanteste Pflanze unsrer irdischen Vegetation, ist nicht auf diesem Boden gewachsen, — in der That drückte sich im Bewusstsein der Richtenden, der Strafenden selbst die längste Zeit hindurch Nichts davon aus, dass man mit einem „Schuldigen“ zu thun habe. Sondern mit einem Schaden-Anstifter, mit einem unverantwortlichen Stück Verhängniss. Und Der selber, über den nachher die Strafe, wiederum wie ein Stück Verhängniss, herfiel, hatte dabei keine andre „innere Pein“, als wie beim plötzlichen Eintreten von etwas Unberechnetem, eines schrecklichen Naturereignisses, eines herabstürzenden, zermalmenden Felsblockes, gegen den es keinen Kampf mehr giebt.
15 Dies kam einmal auf eine verfängliche Weise Spinoza zum Bewusstsein (zum Verdruss seiner Ausleger, welche sich ordentlich darum bemühen, ihn an dieser Stelle misszuverstehn, zum Beispiel Kuno Fischer), als er eines Nachmittags, wer weiss, an was für einer Erinnerung sich reibend, der Frage nachhieng, was eigentlich für ihn selbst von dem berühmten morsus conscientiae übrig geblieben sei — er, der Gut und Böse unter die menschlichen Einbildungen verwiesen und mit Ingrimm die Ehre seines „freien“ Gottes gegen jene Lästerer vertheidigt hatte, deren Behauptung dahin gieng, Gott wirke Alles sub ratione boni („das aber hiesse Gott dem Schicksale unterwerfen und wäre fürwahr die grösste aller Ungereimtheiten“ — ). Die Welt war für Spinoza wieder in jene Unschuld zurückgetreten, in der sie vor der Erfindung des schlechten Gewissens dalag: was war damit aus dem morsus conscientiae geworden? „Der Gegensatz des gaudium, sagte er sich endlich, — eine Traurigkeit, begleitet von der Vorstellung einer vergangnen Sache, die gegen alles Erwarten ausgefallen ist.“ Eth. III propos. XVIII schol. I. II. Nicht anders als Spinoza haben die von der Strafe ereilten Übel-Anstifter Jahrtausende lang in Betreff ihres „Vergehens“ empfunden: „hier ist Etwas unvermuthet schief gegangen“, nicht: „das hätte ich nicht thun sollen“ —, sie unterwarfen sich der Strafe, wie man sich einer Krankheit oder einem Unglücke oder dem Tode unterwirft, mit jenem beherzten Fatalismus ohne Revolte, durch den zum Beispiel heute noch die Russen in der Handhabung des Lebens gegen uns Westländer im Vortheil sind. Wenn es damals eine Kritik der That gab, so war es die Klugheit, die an der That Kritik übte: ohne Frage müssen wir die eigentliche Wirkung der Strafe vor Allem in einer Verschärfung der Klugheit suchen, in einer Verlängerung des Gedächtnisses, in einem Willen, fürderhin vorsichtiger, misstrauischer, heimlicher zu Werke zu gehn, in der Einsicht, dass man für Vieles ein-für-alle-Mal zu schwach sei, in einer Art Verbesserung der Selbstbeurtheilung. Das, was durch die Strafe im Grossen erreicht werden kann, bei Mensch und Thier, ist die Vermehrung der Furcht, die Verschärfung der Klugheit, die Bemeisterung der Begierden: damit zähmt die Strafe den Menschen, aber sie macht ihn nicht „besser“, — man dürfte mit mehr Recht noch das Gegentheil behaupten. („Schaden macht klug“, sagt das Volk: soweit er klug macht, macht er auch schlecht. Glücklicher Weise macht er oft genug dumm.)
16 An dieser Stelle ist es nun nicht mehr zu umgehn, meiner eignen Hypothese über den Ursprung des „schlechten Gewissens“ zu einem ersten vorläufigen Ausdrucke zu verhelfen: sie ist nicht leicht zu Gehör zu bringen und will lange bedacht, bewacht und beschlafen sein. Ich nehme das schlechte Gewissen als die tiefe Erkrankung, welcher der Mensch unter dem Druck jener gründlichsten aller Veränderungen verfallen musste, die er überhaupt erlebt hat, — jener Veränderung, als er sich endgültig in den Bann der Gesellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Nicht anders als es den Wasserthieren ergangen sein muss als sie gezwungen wurden, entweder Landthiere zu werden oder zu Grunde zu gehn, so gieng es diesen der Wildniss, dem Kriege, dem Herumschweifen, dem Abenteuer glücklich angepassten Halbthieren, — mit Einem Male waren alle ihre Instinkte entwerthet und „ausgehängt“. Sie sollten nunmehr auf den Füssen gehn und „sich selber tragen“, wo sie bisher vom Wasser getragen wurden: eine entsetzliche Schwere lag auf ihnen. Zu den einfachsten Verrichtungen fühlten sie sich ungelenk, sie hatten für diese neue unbekannte Welt ihre alten Führer nicht mehr, die regulirenden unbewusst-sicherführenden Triebe, — sie waren auf Denken, Schliessen, Berechnen, Combiniren von Ursachen und Wirkungen reduzirt, diese Unglücklichen, auf ihr „Bewusstsein“, auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes Organ! Ich glaube, dass niemals auf Erden ein solches Elends-Gefühl, ein solches bleiernes Missbehagen dagewesen ist, — und dabei hatten jene alten Instinkte nicht mit Einem Male aufgehört, ihre Forderungen zu stellen! Nur war es schwer und selten möglich, ihnen zu Willen zu sein: in der Hauptsache mussten sie sich neue und gleichsam unterirdische Befriedigungen suchen. Alle Instinkte, welche sich nicht nach Aussen entladen, wenden sich nach Innen — dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine „Seele“ nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei Häute eingespannt, ist in dem Maasse aus einander- und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung des Menschen nach Aussen gehemmt worden ist. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der Freiheit schützte — die Strafen gehören vor Allem zu diesen Bollwerken — brachten zu Wege, dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den Menschen selbst wandten. Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung — Alles das gegen die Inhaber solcher Instinkte sich wendend: das ist der Ursprung des „schlechten Gewissens“. Der Mensch, der sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier, das man „zähmen“ will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildniss schaffen musste — dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Vergangenheit, eines Sprunges und Sturzes gleichsam in neue Lagen und Daseins-Bedingungen, einer Kriegserklärung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte. Fügen wir sofort hinzu, dass andrerseits mit der Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, gegen sich selbst Partei nehmenden Thierseele auf Erden etwas so Neues, Tiefes, Unerhörtes, Räthselhaftes, Widerspruchsvolles und Zukunftsvolles gegeben war, dass der Aspekt der Erde sich damit wesentlich veränderte. In der That, es brauchte göttlicher Zuschauer, um das Schauspiel zu würdigen, das damit anfieng und dessen Ende durchaus noch nicht abzusehen ist, — ein Schauspiel zu fein, zu wundervoll, zu paradox, als dass es sich sinnlos-unvermerkt auf irgend einem lächerlichen Gestirn abspielen dürfte! Der Mensch zählt seitdem mit unter den unerwartetsten und aufregendsten Glückswürfen, die das „grosse Kind“ des Heraklit, heisse es Zeus oder Zufall, spielt, — er erweckt für sich ein Interesse, eine Spannung, eine Hoffnung, beinahe eine Gewissheit, als ob mit ihm sich Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses Versprechen sei...
17 Zur Voraussetzung dieser Hypothese über den Ursprung des schlechten Gewissens gehört erstens, dass jene Veränderung keine allmähliche, keine freiwillige war und sich nicht als ein organisches Hineinwachsen in neue Bedingungen darstellte, sondern als ein Bruch, ein Sprung, ein Zwang, ein unabweisbares Verhängniss, gegen das es keinen Kampf und nicht einmal ein Ressentiment gab. Zweitens aber, dass die Einfügung einer bisher ungehemmten und ungestalteten Bevölkerung in eine feste Form, wie sie mit einem Gewaltakt ihren Anfang nahm, nur mit lauter Gewaltakten zu Ende geführt wurde, — dass der älteste „Staat“ demgemäss als eine furchtbare Tyrannei, als eine zerdrückende und rücksichtslose Maschinerie auftrat und fortarbeitete, bis ein solcher Rohstoff von Volk und Halbthier endlich nicht nur durchgeknetet und gefügig, sondern auch geformt war. Ich gebrauchte das Wort „Staat“: es versteht sich von selbst, wer damit gemeint ist — irgend ein Rudel blonder Raubthiere, eine Eroberer- und Herren-Rasse welche, kriegerisch organisirt und mit der Kraft, zu organisiren, unbedenklich ihre furchtbaren Tatzen auf eine der Zahl nach vielleicht ungeheuer überlegene, aber noch gestaltlose, noch schweifende Bevölkerung legt. Dergestalt beginnt ja der „Staat“ auf Erden: ich denke, jene Schwärmerei ist abgethan, welche ihn mit einem „Vertrage“ beginnen liess. Wer befehlen kann, wer von Natur „Herr“ ist, wer gewaltthätig in Werk und Gebärde auftritt — was hat der mit Verträgen zu schaffen! Mit solchen Wesen rechnet man nicht, sie kommen wie das Schicksal, ohne Grund, Vernunft, Rücksicht, Vorwand, sie sind da wie der Blitz da ist, zu furchtbar, zu plötzlich, zu überzeugend, zu „anders“, um selbst auch nur gehasst zu werden. Ihr Werk ist ein instinktives Formen-schaffen, Formen-aufdrücken, es sind die unfreiwilligsten, unbewusstesten Künstler, die es giebt: — in Kürze steht etwas Neues da, wo sie erscheinen, ein Herrschafts-Gebilde, das lebt, in dem Theile und Funktionen abgegrenzt und bezüglich gemacht sind, in dem Nichts überhaupt Platz findet, dem nicht erst ein „Sinn“ in Hinsicht auf das Ganze eingelegt ist. Sie wissen nicht, was Schuld, was Verantwortlichkeit, was Rücksicht ist, diese geborenen Organisatoren; in ihnen waltet jener furchtbare Künstler-Egoismus, der wie Erz blickt und sich im „Werke“, wie die Mutter in ihrem Kinde, in alle Ewigkeit voraus gerechtfertigt weiss. Sie sind es nicht, bei denen das „schlechte Gewissen“ gewachsen ist, das versteht sich von vornherein, — aber es würde nicht ohne sie gewachsen sein, dieses hässliche Gewächs, es würde fehlen, wenn nicht unter dem Druck ihrer Hammerschläge, ihrer Künstler-Gewaltsamkeit ein ungeheures Quantum Freiheit aus der Welt, mindestens aus der Sichtbarkeit geschafft und gleichsam latent gemacht worden wäre. Dieser gewaltsam latent gemachte Instinkt der Freiheit — wir begriffen es schon — dieser zurückgedrängte, zurückgetretene, in's Innere eingekerkerte und zuletzt nur an sich selbst noch sich entladende und auslassende Instinkt der Freiheit: das, nur das ist in seinem Anbeginn das schlechte Gewissen.
18 Man hüte sich, von diesem ganzen Phänomen deshalb schon gering zu denken, weil es von vornherein hässlich und schmerzhaft ist. Im Grunde ist es ja dieselbe aktive Kraft, die in jenen Gewalt-Künstlern und Organisatoren grossartiger am Werke ist und Staaten baut, welche hier, innerlich, kleiner, kleinlicher, in der Richtung nach rückwärts, im „Labyrinth der Brust“, um mit Goethe zu reden, sich das schlechte Gewissen schafft und negative Ideale baut, eben jener Instinkt der Freiheit (in meiner Sprache geredet: der Wille zur Macht): nur dass der Stoff, an dem sich die formbildende und vergewaltigende Natur dieser Kraft auslässt, hier eben der Mensch selbst, sein ganzes thierisches altes Selbst ist — und nicht, wie in jenem grösseren und augenfälligeren Phänomen, der andre Mensch, die andren Menschen. Diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust am Leidenmachen, dieses ganze aktivische „schlechte Gewissen“ hat zuletzt — man erräth es schon — als der eigentliche Mutterschooss idealer und imaginativer Ereignisse auch eine Fülle von neuer befremdlicher Schönheit und Bejahung an's Licht gebracht und vielleicht überhaupt erst die Schönheit... Was wäre denn „schön“, wenn nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre, wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: „ich bin hässlich“?... Zum Mindesten wird nach diesem Winke das Räthsel weniger räthselhaft sein, in wiefern in widersprüchlichen Begriffen, wie Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung, Selbstopferung ein Ideal, eine Schönheit angedeutet sein kann; und Eins weiss man hinfort, ich zweifle nicht daran —, welcher Art nämlich von Anfang an die Lust ist, die der Selbstlose, der Sich-selbst-Verleugnende, Sich-selber-Opfernde empfindet: diese Lust gehört zur Grausamkeit. — Soviel vorläufig zur Herkunft des „Unegoistischen“ als eines moralischen Werthes und zur Absteckung des Bodens, aus dem dieser Werth gewachsen ist: erst das schlechte Gewissen, erst der Wille zur Selbstmisshandlung giebt die Voraussetzung ab für den Werth des Unegoistischen. —
19 Es ist eine Krankheit, das schlechte Gewissen, das unterliegt keinem Zweifel, aber eine Krankheit, wie die Schwangerschaft eine Krankheit ist. Suchen wir die Bedingungen auf, unter denen diese Krankheit auf ihren furchtbarsten und sublimsten Gipfel gekommen ist: — wir werden sehn, was damit eigentlich erst seinen Eintritt in die Welt gemacht hat. Dazu aber bedarf es eines langen Athems, — und zunächst müssen wir noch einmal zu einem früheren Gesichtspunkte zurück. Das privatrechtliche Verhältniss des Schuldners zu seinem Gläubiger, von dem des längeren schon die Rede war, ist noch einmal, und zwar in einer historisch überaus merkwürdigen und bedenklichen Weise in ein Verhältniss hineininterpretirt worden, worin es uns modernen Menschen vielleicht am unverständlichsten ist: nämlich in das Verhältniss der Gegenwärtigen zu ihren Vorfahren. Innerhalb der ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft — wir reden von Urzeiten — erkennt jedes Mal die lebende Generation gegen die frühere und in Sonderheit gegen die früheste, geschlechtbegründende eine juristische Verpflichtung an (und keineswegs eine blosse Gefühls-Verbindlichkeit: man dürfte diese letztere sogar nicht ohne Grund für die längste Dauer des menschlichen Geschlechts überhaupt in Abrede stellen). Hier herrscht die Überzeugung, dass das Geschlecht durchaus nur durch die Opfer und Leistungen der Vorfahren besteht, — und dass man ihnen diese durch Opfer und Leistungen zurückzuzahlen hat: man erkennt somit eine Schuld an, die dadurch noch beständig anwächst, dass diese Ahnen in ihrer Fortexistenz als mächtige Geister nicht aufhören, dem Geschlechte neue Vortheile und Vorschüsse seitens ihrer Kraft zu gewähren. Umsonst etwa? Aber es giebt kein „Umsonst“ für jene rohen und „seelenarmen“ Zeitalter. Was kann man ihnen zurückgeben? Opfer (anfänglich zur Nahrung, im gröblichsten Verstände), Feste, Kapellen, Ehrenbezeigungen, vor Allem Gehorsam — denn alle Bräuche sind, als Werke der Vorfahren, auch deren Satzungen und Befehle —: giebt man ihnen je genug? Dieser Verdacht bleibt übrig und wächst: von Zeit zu Zeit erzwingt er eine grosse Ablösung in Bausch und Bogen, irgend etwas Ungeheures von Gegenzahlung an den „Gläubiger“ (das berüchtigte Erstlingsopfer zum Beispiel, Blut, Menschenblut in jedem Falle). Die Furcht vor dem Ahnherrn und seiner Macht, das Bewusstsein von Schulden gegen ihn nimmt nach dieser Art von Logik nothwendig genau in dem Maasse zu, in dem die Macht des Geschlechts selbst zunimmt, in dem das Geschlecht selbst immer siegreicher, unabhängiger, geehrter, gefürchteter dasteht. Nicht etwa umgekehrt! Jeder Schritt zur Verkümmerung des Geschlechts, alle elenden Zufälle, alle Anzeichen von Entartung, von heraufkommender Auflösung vermindern vielmehr immer auch die Furcht vor dem Geiste seines Begründers und geben eine immer geringere Vorstellung von seiner Klugheit, Vorsorglichkeit und Macht-Gegenwart. Denkt man sich diese rohe Art Logik bis an ihr Ende gelangt: so müssen schliesslich die Ahnherrn der mächtigsten Geschlechter durch die Phantasie der wachsenden Furcht selbst in's Ungeheure gewachsen und in das Dunkel einer göttlichen Unheimlichkeit und Unvorstellbarkeit zurückgeschoben worden sein: — der Ahnherr wird zuletzt nothwendig in einen Gott transfigurirt. Vielleicht ist hier selbst der Ursprung der Götter, ein Ursprung also aus der Furcht!... Und wem es nöthig scheinen sollte hinzuzufügen: „aber auch aus der Pietät!“ dürfte schwerlich damit für jene längste Zeit des Menschengeschlechts Recht behalten, für seine Urzeit. Um so mehr freilich für die mittlere Zeit, in der die vornehmen Geschlechter sich herausbilden: — als welche in der That ihren Urhebern, den Ahnherren (Heroen, Göttern) alle die Eigenschaften mit Zins zurückgegeben haben, die inzwischen in ihnen selbst offenbar geworden sind, die vornehmen Eigenschaften. Wir werden auf die Veradligung und Veredelung der Götter (die freilich durchaus nicht deren „Heiligung“ ist) später noch einen Blick werfen: führen wir jetzt nur den Gang dieser ganzen Schuldbewusstseins-Entwicklung vorläufig zu Ende.
20 Das Bewusstsein, Schulden gegen die Gottheit zu haben, ist, wie die Geschichte lehrt, auch nach dem Niedergang der blutverwandtschaftlichen Organisationsform der „Gemeinschaft“ keineswegs zum Abschluss gekommen; die Menschheit hat, in gleicher Weise, wie sie die Begriffe „gut und schlecht“ von dem Geschlechts-Adel (sammt dessen psychologischem Grundhange, Rangordnungen anzusetzen) geerbt hat, mit der Erbschaft der Geschlechts- und Stammgottheiten auch die des Drucks von noch unbezahlten Schulden und des Verlangens nach Ablösung derselben hinzubekommen. (Den Übergang machen jene breiten Sklaven- und Hörigen-Bevölkerungen, welche sich an den Götter-Cultus ihrer Herren, sei es durch Zwang, sei es durch Unterwürfigkeit und mimicry, angepasst haben: von ihnen aus fliesst dann diese Erbschaft nach allen Seiten über.) Das Schuldgefühl gegen die Gottheit hat mehrere Jahrtausende nicht aufgehört zu wachsen, und zwar immer fort im gleichen Verhältnisse, wie der Gottesbegriff und das Gottesgefühl auf Erden gewachsen und in die Höhe getragen worden ist. (Die ganze Geschichte des ethnischen Kämpfens, Siegens, Sich-versöhnens, Sich-verschmelzens, Alles was der endgültigen Rangordnung aller Volks-Elemente in jeder grossen Rassen-Synthesis vorangeht, spiegelt sich in dem Genealogien-Wirrwarr ihrer Götter, in den Sagen von deren Kämpfen, Siegen und Versöhnungen ab; der Fortgang zu Universal-Reichen ist immer auch der Fortgang zu Universal-Gottheiten, der Despotismus mit seiner Überwältigung des unabhängigen Adels bahnt immer auch irgend welchem Monotheismus den Weg.) Die Heraufkunft des christlichen Gottes, als des Maximal-Gottes, der bisher erreicht worden ist, hat deshalb auch das Maximum des Schuldgefühls auf Erden zur Erscheinung gebracht. Angenommen, dass wir nachgerade in die umgekehrte Bewegung eingetreten sind, so dürfte man mit keiner kleinen Wahrscheinlichkeit aus dem unaufhaltsamen Niedergang des Glaubens an den christlichen Gott ableiten, dass es jetzt bereits auch schon einen erheblichen Niedergang des menschlichen Schuldbewusstseins gäbe; ja die Aussicht ist nicht abzuweisen, dass der vollkommne und endgültige Sieg des Atheismus, die Menschheit von diesem ganzen Gefühl, Schulden gegen ihren Anfang, ihre causa prima zu haben, lösen dürfte. Atheismus und eine Art zweiter Unschuld gehören zu einander. —
21 Dies vorläufig im Kurzen und Groben über den Zusammenhang der Begriffe „Schuld“, „Pflicht“ mit religiösen Voraussetzungen: ich habe absichtlich die eigentliche Moralisirung dieser Begriffe (die Zurückschiebung derselben in's Gewissen, noch bestimmter, die Verwicklung des schlechten Gewissens mit dem Gottesbegriffe) bisher bei Seite gelassen und am Schluss des vorigen Abschnittes sogar geredet, wie als ob es diese Moralisirung gar nicht gäbe, folglich, wie als ob es mit jenen Begriffen nunmehr nothwendig zu Ende gienge, nachdem deren Voraussetzung gefallen ist, der Glaube an unsern „Gläubiger“, an Gott. Der Thatbestand weicht davon in einer furchtbaren Weise ab. Mit der Moralisirung der Begriffe Schuld und Pflicht, mit ihrer Zurückschiebung in's schlechte Gewissen ist ganz eigentlich der Versuch gegeben, die Richtung der eben beschriebenen Entwicklung umzukehren, mindestens ihre Bewegung stillzustellen: jetzt soll gerade die Aussicht auf eine endgültige Ablösung ein-für-alle-Mal sich pessimistisch zuschliessen, jetzt soll der Blick trostlos vor einer ehernen Unmöglichkeit abprallen, zurückprallen, jetzt sollen jene Begriffe „Schuld“ und „Pflicht“ sich rückwärts wenden — gegen wen denn? Man kann nicht zweifeln: zunächst gegen den „Schuldner“, in dem nunmehr das schlechte Gewissen sich dermaassen festsetzt, einfrisst, ausbreitet und polypenhaft in jede Breite und Tiefe wächst, bis endlich mit der Unlösbarkeit der Schuld auch die Unlösbarkeit der Busse, der Gedanke ihrer Unabzahlbarkeit (der „ewigen Strafe“) concipirt ist —; endlich aber sogar gegen den „Gläubiger“, an die causa prima des Menschen, denke man dabei nun an den Anfang des menschlichen Geschlechts, an seinen Ahnherrn, der nunmehr mit einem Fluche behaftet wird („Adam“, „Erbsünde“, „Unfreiheit des Willens“) oder an die Natur, aus deren Schooss der Mensch entsteht und in die nunmehr das böse Princip hineingelegt wird („Verteufelung der Natur“) oder an das Dasein überhaupt, das als unwerth an sich übrig bleibt (nihilistische Abkehr von ihm, Verlangen in's Nichts oder Verlangen in seinen „Gegensatz“, in ein Anderssein, Buddhismus und Verwandtes) — bis wir mit Einem Male vor dem paradoxen und entsetzlichen Auskunftsmittel stehn, an dem die gemarterte Menschheit eine zeitweilige Erleichterung gefunden hat, jenem Geniestreich des Christenthums: Gott selbst sich für die Schuld des Menschen opfernd, Gott selbst sich an sich selbst bezahlt machend, Gott als der Einzige, der vom Menschen ablösen kann, was für den Menschen selbst unablösbar geworden ist — der Gläubiger sich für seinen Schuldner opfernd, aus Liebe (sollte man's glauben? — ), aus Liebe zu seinem Schuldner!...
22 Man wird bereits errathen haben, was eigentlich mit dem Allen und unter dem Allen geschehen ist: jener Wille zur Selbstpeinigung, jene zurückgetretene Grausamkeit des innerlich gemachten, in sich selbst zurückgescheuchten Thiermenschen, des zum Zweck der Zähmung in den „Staat“ Eingesperrten, der das schlechte Gewissen erfunden hat, um sich wehe zu thun, nachdem der natürlichere Ausweg dieses Wehe-thunwollens verstopft war, — dieser Mensch des schlechten Gewissens hat sich der religiösen Voraussetzung bemächtigt, um seine Selbstmarterung bis zu ihrer schauerlichsten Härte und Schärfe zu treiben. Eine Schuld gegen Gott: dieser Gedanke wird ihm zum Folterwerkzeug. Er ergreift in „Gott“ die letzten Gegensätze, die er zu seinen eigentlichen und unablöslichen Thier-Instinkten zu finden vermag, er deutet diese Thier-Instinkte selbst um als Schuld gegen Gott (als Feindschaft, Auflehnung, Aufruhr gegen den „Herrn“, den „Vater“, den Urahn und Anfang der Welt, er spannt sich in den Widerspruch „Gott“ und „Teufel“, er wirft alles Nein, das er zu sich selbst, zur Natur, Natürlichkeit, Thatsächlichkeit seines Wesens sagt, aus sich heraus als ein Ja, als seiend, leibhaft, wirklich, als Gott, als Heiligkeit Gottes, als Richterthum Gottes, als Henkerthum Gottes, als Jenseits, als Ewigkeit, als Marter ohne Ende, als Hölle, als Unausmessbarkeit von Strafe und von Schuld. Dies ist eine Art Willens-Wahnsinn in der seelischen Grausamkeit, der schlechterdings nicht seines Gleichen hat: der Wille des Menschen, sich schuldig und verwerflich zu finden bis zur Unsühnbarkeit, sein Wille, sich bestraft zu denken, ohne dass die Strafe je der Schuld äquivalent werden könne, sein Wille, den untersten Grund der Dinge mit dem Problem von Strafe und Schuld zu inficiren und giftig zu machen, um sich aus diesem Labyrinth von „fixen Ideen“ ein für alle Mal den Ausweg abzuschneiden, sein Wille, ein Ideal aufzurichten — das des „heiligen Gottes“ —, um Angesichts desselben seiner absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein. Oh über diese wahnsinnige traurige Bestie Mensch! Welche Einfälle kommen ihr, welche Widernatur, welche Paroxysmen des Unsinns, welche Bestialität der Idee bricht sofort heraus, wenn sie nur ein wenig verhindert wird, Bestie der That zu sein!... Dies Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen düsteren entnervenden Traurigkeit, dass man es sich gewaltsam verbieten muss, zu lange in diese Abgründe zu blicken. Hier ist Krankheit, es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im Menschen gewüthet hat: — und wer es noch zu hören vermag (aber man hat heute nicht mehr die Ohren dafür! — ) wie in dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe geklungen hat, der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst... Im Menschen ist so viel Entsetzliches!... Die Erde war zu lange schon ein Irrenhaus!...
23 Dies genüge ein für alle Mal über die Herkunft des „heiligen Gottes“. — Dass an sich die Conception von Göttern nicht nothwendig zu dieser Verschlechterung der Phantasie führen muss, deren Vergegenwärtigung wir uns für einen Augenblick nicht erlassen durften, dass es vornehmere Arten giebt, sich der Erdichtung von Göttern zu bedienen, als zu dieser Selbstkreuzigung und Selbstschändung des Menschen, in der die letzten Jahrtausende Europa's ihre Meisterschaft gehabt haben, — das lässt sich zum Glück aus jedem Blick noch abnehmen, den man auf die griechischen Götter wirft, diese Wiederspiegelungen vornehmer und selbstherrlicher Menschen, in denen das Thier im Menschen sich vergöttlicht fühlte und nicht sich selbst zerriss, nicht gegen sich selber wüthete! Diese Griechen haben sich die längste Zeit ihrer Götter bedient, gerade um sich das „schlechte Gewissen“ vom Leibe zu halten, um ihrer Freiheit der Seele froh bleiben zu dürfen: also in einem umgekehrten Verstände als das Christenthum Gebrauch von seinem Gotte gemacht hat. Sie giengen darin sehr weit, diese prachtvollen und löwenmüthigen Kindsköpfe; und keine geringere Autorität als die des homerischen Zeus selbst giebt es ihnen hier und da zu verstehn, dass sie es sich zu leicht machen. „Wunder! sagt er einmal — es handelt sich um den Fall des Ägisthos, um einen sehr schlimmen Fall —
„Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichenwider die Götter!„Nur von uns sei Böses, vermeinen sie; abersie selber„Schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick,sich das Elend.“
Doch hört und sieht man hier zugleich, auch dieser olympische Zuschauer und Richter ist ferne davon, ihnen deshalb gram zu sein und böse von ihnen zu denken: „was sie thöricht sind!“ so denkt er bei den Unthaten der Sterblichen, — und „Thorheit“, „Unverstand“, ein wenig „Störung im Kopfe“, so viel haben auch die Griechen der stärksten, tapfersten Zeit selbst bei sich zugelassen als Grund von vielem Schlimmen und Verhängnissvollen: — Thorheit, nicht Sünde! versteht ihr das?... Selbst aber diese Störung im Kopfe war ein Problem — „ja, wie ist sie auch nur möglich? woher mag sie eigentlich gekommen sein, bei Köpfen, wie wir sie haben, wir Menschen der edlen Abkunft, des Glücks, der Wohlgerathenheit, der besten Gesellschaft, der Vornehmheit, der Tugend?“ — so fragte sich Jahrhunderte lang der vornehme Grieche Angesichts jedes ihm unverständlichen Greuels und Frevels, mit dem sich Einer von seines Gleichen befleckt hatte. „Es muss ihn wohl ein Gott bethört haben“, sagte er sich endlich, den Kopf schüttelnd... Dieser Ausweg ist typisch für Griechen... Dergestalt dienten damals die Götter dazu, den Menschen bis zu einem gewissen Grade auch im Schlimmen zu rechtfertigen, sie dienten als Ursachen des Bösen — damals nahmen sie nicht die Strafe auf sich, sondern, wie es vornehmer ist, die Schuld...
24 — Ich schliesse mit drei Fragezeichen, man sieht es wohl. „Wird hier eigentlich ein Ideal aufgerichtet oder eines abgebrochen?“ so fragt man mich vielleicht... Aber habt ihr euch selber je genug gefragt, wie theuer sich auf Erden die Aufrichtung jedes Ideals bezahlt gemacht hat? Wie viel Wirklichkeit immer dazu verleumdet und verkannt, wie viel Lüge geheiligt, wie viel Gewissen verstört, wie viel „Gott“ jedes Mal geopfert werden musste? Damit ein Heiligthum aufgerichtet werden kann, muss ein Heiligthum zerbrochen werden: das ist das Gesetz — man zeige mir den Fall, wo es nicht erfüllt ist!... Wir modernen Menschen, wir sind die Erben der Gewissens-Vivisektion und Selbst-Thierquälerei von Jahrtausenden: darin haben wir unsre längste Übung, unsre Künstlerschaft vielleicht, in jedem Fall unser Raffinement, unsre Geschmacks-Verwöhnung. Der Mensch hat allzulange seine natürlichen Hänge mit „bösem Blick“ betrachtet, so dass sie sich in ihm schliesslich mit dem „schlechten Gewissen“ verschwistert haben. Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich — aber wer ist stark genug dazu? — nämlich die unnatürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum Jenseitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen, Thierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesammt lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideale sind, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern. An wen sich heute mit solchen Hoffnungen und Ansprüchen wenden?... Gerade die guten Menschen hätte man damit gegen sich; dazu, wie billig, die bequemen, die versöhnten, die eitlen, die schwärmerischen, die müden... Was beleidigt tiefer, was trennt so gründlich ab, als etwas von der Strenge und Höhe merken zu lassen, mit der man sich selbst behandelt? Und wiederum — wie entgegenkommend, wie liebreich zeigt sich alle Welt gegen uns, so bald wir es machen wie alle Welt und uns „gehen lassen“ wie alle Welt!... Es bedürfte zu jenem Ziele einer andren Art Geister, als gerade in diesem Zeitalter wahrscheinlich sind: Geister, durch Kriege und Siege gekräftigt, denen die Eroberung, das Abenteuer, die Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürfniss geworden ist; es bedürfte dazu der Gewöhnung an scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis und Gebirge in jedem Sinne, es bedürfte dazu einer Art sublimer Bosheit selbst, eines letzten selbstgewissesten Muthwillens der Erkenntniss, welcher zur grossen Gesundheit gehört, es bedürfte, kurz und schlimm genug, eben dieser grossen Gesundheit!... Ist diese gerade heute auch nur möglich?... Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische Gegenwart ist, muss er uns doch kommen, der erlösende Mensch der grossen Liebe und Verachtung, der schöpferische Geist, den seine drängende Kraft aus allem Abseits und Jenseits immer wieder wegtreibt, dessen Einsamkeit vom Volke missverstanden wird, wie als ob sie eine Flucht vor der Wirklichkeit sei —: während sie nur seine Versenkung, Vergrabung, Vertiefung in die Wirklichkeit ist, damit er einst aus ihr, wenn er wieder an's Licht kommt, die Erlösung dieser Wirklichkeit heimbringe: ihre Erlösung von dem Fluche, den das bisherige Ideal auf sie gelegt hat. Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste, vom grossen Ekel, vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der grossen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgiebt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts — er muss einst kommen...
25 — Aber was rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein freisteht, einem „Zukünftigeren“, einem Stärkeren, als ich bin, — was allein Zarathustra freisteht, Zarathustra dem Gottlosen...
Second Essay:
Guilt, Bad Conscience
and Related Matters.
1 To breed an animal that has the right to make promises—isn't this exactly the paradoxical task that nature has set itself in dealing with human beings? Isn't this the real problem of the human being? … Anyone who fully appreciates the opposing force, the force of forgetting, must find it all the more astonishing that this problem has largely been solved. Forgetting is not simply a force of inertia, as superficial people believe. It is an active ability to hold things back, positive in the strictest sense. Thanks to it, what we live through, experience, and take into ourselves enters our consciousness as little while we digest it—we might call this “taking it into the soul”—as does the whole thousandfold process of feeding our bodies, of “taking it into the body.” Temporarily closing the doors and windows of consciousness; remaining undisturbed by the noise and struggle with which our underworld of serving organs works for and against itself; a little quiet, a little blank slate in consciousness, to make room again for something new, especially for the nobler functions and officials, for governing, looking ahead, deciding in advance—for our organism is organized as an oligarchy. This is the use of active forgetting, as I have called it. It acts like a doorkeeper, keeping order, peace, and proper behavior in the soul. We can see at once how there could be no happiness, cheerfulness, hope, pride, or present moment without forgetting. A person whose mechanism for holding things back is damaged and stops working is like someone with indigestion—and not merely like one. He can never “finish with” anything … Now this animal, which needs to forget, for which forgetting is a strength, a form of robust health, has bred an opposing ability in itself: a memory. With its help, forgetting is suspended in certain cases—namely, when a promise is to be made. This is by no means just a passive inability to get rid of an impression once it has been cut into us. It is not just indigestion over a word once pledged that we cannot finish with. It is an active unwillingness to let go, a continuing to will what was once willed, a real memory of the will. A whole world of new, unfamiliar things, circumstances, even acts of will can safely come between the original “I will,” “I will do it,” and the will's actual release, its act, without breaking this long chain of will. But think of everything this requires! To have this kind of advance control over the future, a person must first have learned to distinguish necessary events from accidental ones, to think in terms of causes, to see and anticipate distant things as if they were present, to establish with certainty what the aim is and what means will achieve it. He must be able to count and calculate at all. And for this, he himself must first have become predictable, regular, necessary, even in his own picture of himself. Only then can he finally guarantee himself as a future being, as someone making a promise does!
2 This is precisely the long history of how responsibility arose. As we have already understood, the task of breeding an animal entitled to make promises includes a nearer task as its condition and preparation: first making human beings to some degree necessary, uniform, equal among equals, regular, and therefore predictable. The enormous work of what I have called the “morality of custom” (see Dawn, pp. 7. 13. 16)—the actual work human beings did on themselves through the longest period of the human race, all their prehistoric work—has its meaning and its great justification here, however much harshness, tyranny, dullness, and idiocy it contains. The morality of custom and the social straitjacket really did make human beings predictable. Now put ourselves at the end of this enormous process, where the tree finally bears fruit, where society and its morality of custom finally bring out what they were only a means to produce. We find the sovereign individual as the ripest fruit on their tree. This individual is like no one but himself. He has broken free of the morality of custom again. He is autonomous, above that morality—since “autonomous” and “moral” exclude each other. In short, he is a person with his own independent, lasting will, who has the right to make promises. In him we find a proud awareness, stirring in every muscle, of what has at last been achieved and taken bodily form in him. It is a real awareness of power and freedom, a feeling that humanity itself has reached fulfillment. This person who has become free, who really has the right to promise, this master of a free will, this sovereign—how could he fail to know the advantage this gives him over everything that cannot promise or guarantee itself? How could he fail to know how much trust, fear, and respect he inspires—he “deserves” all three—and how this mastery over himself necessarily puts mastery over circumstances, over nature, and over all creatures with shorter wills and less reliability into his hands as well? This “free” person possesses a long, unbreakable will, and in this possession he also has his standard of value. Looking at others from his own standpoint, he honors or despises them. He necessarily honors his equals, the strong and reliable, those who have the right to promise. That means anyone who promises as a sovereign does: with weight, rarely, slowly; who gives his trust sparingly and distinguishes someone by trusting him; who gives his word as something dependable, because he knows he is strong enough to keep it even against accidents, even “against fate.” Just as necessarily, he keeps a kick ready for the scrawny hounds who promise without having the right, and a rod for the liar who breaks his word the moment it leaves his mouth. The proud knowledge of the extraordinary privilege of responsibility, the awareness of this rare freedom, this power over himself and his fate, has sunk into his deepest depths and become an instinct, the ruling instinct. What will he call this ruling instinct, assuming he needs a word for it himself? There is no doubt: this sovereign person calls it his conscience …
3 His conscience? … We can guess in advance that the concept of “conscience,” which we meet here in its highest, almost puzzling form, has already been through a long history and many changes of form. Having the right to guarantee oneself, and proudly, and so having the right to say yes to oneself—as I said, this is a ripe fruit, but also a late fruit. How long this fruit had to hang on the tree, tart and sour! And for a much longer time there was no sign of such a fruit at all. No one would have had the right to promise it, however certainly everything in the tree was prepared for it and growing toward it! “How do you give the human animal a memory? How do you stamp something onto this partly dull, partly rambling mind, caught in the moment, this living embodiment of forgetting, so that it stays present?” … This age-old problem was not, as we can imagine, solved with especially gentle answers or means. Perhaps there is nothing more frightening and sinister in the whole prehistory of humanity than its techniques for training memory. “You burn something in so that it stays in the memory: only what never stops hurting stays in the memory.” This is a main principle of the oldest—and unfortunately also the longest-lasting—psychology on earth. We might even say that wherever life among individuals and peoples on earth still has solemnity, seriousness, mystery, and dark colors, something lingers from the terror with which people everywhere once made promises, pledged things, and took vows. The past, the longest, deepest, hardest past, breathes on us and wells up inside us when we grow “serious.” Whenever people thought they needed to give themselves a memory, it never happened without blood, torture, and sacrifices. The most horrifying sacrifices and pledges—including the sacrifice of firstborn children—the most disgusting mutilations, such as castration, the cruelest ritual forms of every religious cult—and at bottom all religions are systems of cruelties—all this began in the instinct that recognized pain as the most powerful aid to memory. In a certain sense all ascetic practice belongs here. A few ideas are to be made indelible, always present, unforgettable, “fixed,” so that these “fixed ideas” hypnotize the whole nervous and intellectual system. Ascetic practices and ways of life are the means of freeing these ideas from competition with all other ideas, of making them “unforgettable.” The worse humanity's “memory” was, the more frightening its customs always looked. The harshness of penal laws in particular measures how hard it was to defeat forgetting and keep a few basic requirements of social life present to these momentary slaves of emotion and desire. We Germans certainly do not think of ourselves as an especially cruel and hardhearted people, still less as especially careless people who live only for the day. But just look at our old penal codes to discover how much trouble it takes on earth to breed a “people of thinkers.” I mean the European people among whom the greatest amount of trustfulness, seriousness, bad taste, and matter-of-factness can still be found today, and whose qualities entitle them to breed every kind of European mandarin. These Germans used terrible means to give themselves a memory, so they could master their vulgar basic instincts and their brutal clumsiness. Think of the old German punishments. For example, stoning—even the legend has a millstone fall on the guilty person's head; breaking on the wheel—the most distinctive invention and specialty of German genius in the field of punishment!; throwing a stake at someone; having people torn apart or trampled by horses—“quartering”; boiling criminals in oil or wine, still in the fourteenth and fifteenth centuries; the popular practice of flaying—“cutting strips of skin”; cutting flesh out of the breast; or even coating the wrongdoer in honey and leaving him to the flies under a blazing sun. With the help of such images and procedures, people finally keep five or six “I will nots” in their memory. They have given their promise about these in order to enjoy society's advantages. And sure enough, with this kind of memory they finally came “to their senses”! Ah, reason, seriousness, control over the emotions, this whole grim business called reflection, all these human privileges and showpieces: what a high price was paid for them! How much blood and horror lies at the bottom of all “good things”! …
4 But how did that other “grim business,” the awareness of guilt, the whole “bad conscience,” come into the world? This brings us back to our genealogists of morality. To say it again—or haven't I said it yet?—they are no good. Their own experience is five handbreadths long and merely “modern.” They have no knowledge of the past and no will to know it, still less a historical instinct, the “second sight” needed here in particular. Yet they go ahead and write the history of morality. Naturally, this must end in results whose relationship to truth is more than just strained. Have these previous genealogists of morality had even the faintest dream that, for example, the main moral concept of “guilt”—Schuld—originated in the very material concept of “debts”—Schulden—? Or that punishment as repayment developed completely apart from any assumption about freedom or lack of freedom of the will? Indeed, so much so that the animal “human being” always needs a high level of humanization before it even begins to make the much more basic distinctions “intentional,” “negligent,” “accidental,” “accountable,” and their opposites, and to take them into account in setting punishment. Nowadays the thought that “the criminal deserves punishment because he could have acted differently” comes so cheaply, seems so natural and unavoidable, and has even been pressed into service to explain how the sense of justice arose on earth at all. In fact, it is an extremely late achievement, a refined form of human judgment and inference. Anyone who puts it at the beginning handles the psychology of early humanity with clumsy fingers. Through the longest period of human history, people certainly did not punish because they held the wrongdoer responsible for his deed, and therefore not on the assumption that only the guilty person should be punished. Instead, they punished as parents still punish their children: from anger at harm they had suffered, which they vented on the person who caused it. But this anger was restrained and modified by the idea that every harm has its equivalent in something and can actually be paid off, even if only through the pain of the person who caused it. Where did this ancient, deep-rooted idea get its power—the idea that harm and pain are equivalent, which perhaps can no longer be rooted out today? I have already given away the answer: from the contractual relationship between creditor and debtor. This is as old as the existence of “legal persons” at all, and itself points back to the basic forms of buying, selling, exchanging, trading, and commerce.
5 Picturing these contractual relationships does, of course, arouse all kinds of suspicion and resistance toward the early humanity that created or permitted them, just as we would expect from what has already been said. This is exactly where promises are made. This is exactly where the point is to give the person who promises a memory. This is exactly where, we may suspect, we will find a store of harsh, cruel, painful things. To inspire trust in his promise to repay, to guarantee the seriousness and sacredness of his promise, to impress repayment on his own conscience as a duty and obligation, the debtor makes a contract pledging something else he “owns,” something still under his control, to the creditor if he fails to pay. For example, his body, his wife, his freedom, or even his life. Or, given certain religious assumptions, even his blessedness, his soul's salvation, finally even his peace in the grave. This happened in Egypt, where even in the grave the debtor's corpse found no rest from the creditor—and for the Egyptians in particular, that rest meant a great deal. Above all, however, the creditor could subject the debtor's body to every kind of humiliation and torture. For example, he could cut off as much of it as seemed appropriate to the size of the debt. From this point of view, precise assessments of individual limbs and body parts appeared early and everywhere, sometimes going into horrifyingly minute detail: assessments that had the force of law. I already count it as progress, as evidence of a freer, broader, more Roman view of law, when Rome's Twelve Tables decreed that it did not matter how much or how little the creditors cut off in such a case: “If they cut off more or less, let it be no offense.” Let's make the logic of this whole form of compensation clear. It is strange enough. The equivalence consists in allowing the creditor a kind of pleasure as repayment and compensation instead of an advantage that directly makes up for the harm—that is, instead of payment in money, land, or possessions of any kind. The pleasure is being allowed to vent his power without restraint on someone powerless, the delight of “doing harm for the pleasure of doing it,” the enjoyment of violent abuse. The lower the creditor's rank and position in society, the more highly he values this enjoyment. It can easily seem to him the most delicious mouthful, even a foretaste of a higher rank. Through the “punishment” of the debtor, the creditor shares in a master's right. At last he too reaches the uplifting feeling of being allowed to despise and mistreat a being as someone “beneath him.” Or at least, if the actual power to punish, the carrying out of punishment, has already passed to the “authorities,” he can see that being despised and mistreated. The compensation therefore consists in a claim and a right to cruelty.—
6 In this sphere, then, in the law of obligations, the moral world of concepts—“guilt,” “conscience,” “duty,” “sacredness of duty”—has its birthplace. Its beginnings, like those of everything great on earth, were thoroughly and for a long time drenched in blood. And couldn't we add that this world has basically never entirely lost a certain smell of blood and torture? Not even in old Kant: the categorical imperative smells of cruelty … Here too that sinister, perhaps now inseparable tangle of ideas, “guilt and suffering,” was first tied together. To ask again: how can suffering compensate for “debts”? Because making someone suffer gave the highest pleasure; because the injured person received an extraordinary enjoyment in exchange for the harm, plus the distress the harm caused him: the enjoyment of making someone suffer. It was a real celebration, something valued all the more highly, as I said, the more it contradicted the creditor's rank and social position. I put this forward as a guess. It is hard to see to the bottom of such underground things, quite apart from how distressing it is. Anyone who clumsily throws the concept of “revenge” into the middle of this has blocked and darkened his view rather than made it easier. Revenge itself leads straight back to the same problem: “How can making someone suffer be satisfying?” It seems to me that the delicacy, and still more the hypocrisy, of tame domestic animals—I mean modern people, I mean us—resists fully picturing how much cruelty made up the great festive joy of early humanity, and how it was mixed into almost every pleasure as an ingredient. It also resists picturing how naive and innocent humanity's need for cruelty was, and how fundamentally it treated “disinterested malice”—or, in Spinoza's words, malicious sympathy—as a normal human quality. That meant something to which the conscience heartily said yes! A more penetrating eye might still see enough of this oldest and most basic human festive joy even now. In Beyond Good and Evil, pp. 117 ff. (and earlier in Dawn, pp. 17. 68. 102), I cautiously pointed out cruelty's increasing spiritualization and “deification.” This runs through the whole history of higher culture, and in an important sense even constitutes it. At any rate, it was not so long ago that people could not imagine princely weddings and the grandest public festivals without executions, torture, or perhaps an auto-da-fé. Nor could they imagine a noble household without beings on whom they could freely vent their malice and cruel teasing. Think, for example, of Don Quixote at the duchess's court. Today we read all of Don Quixote with a bitter taste in our mouths, almost in torment. This would make us very strange, very hard to understand, to its author and his contemporaries. They read it with the very best conscience as the most cheerful of books; it almost made them die laughing. Seeing suffering feels good; causing suffering feels even better. This is a harsh principle, but an old, powerful, human, all-too-human basic principle. Perhaps even apes would sign it. People say that in devising bizarre cruelties, apes already give ample warning of human beings, as if “acting them out in advance.” No celebration without cruelty: this is what humanity's oldest, longest history teaches. And punishment too contains so much celebration!—
7 —With these thoughts, incidentally, I have no intention of helping our pessimists pour fresh water over their discordant, creaking mills of weariness with life. On the contrary, I want it clearly stated that life on earth was more cheerful back when humanity was not yet ashamed of its cruelty than it is now, when there are pessimists. The sky over humanity has always grown darker in proportion to the growth of human shame at being human. The tired, pessimistic look, the distrust of life's riddle, the icy no of disgust with life—these are not the signs of the most evil ages of the human race. Rather, like the swamp plants they are, they only emerge into daylight when the swamp they belong to is there. I mean the sickly softening and moralizing through which the animal “human being” finally learns to feel ashamed of all its instincts. On the way to becoming an “angel”—not to use a harsher word here—people have bred in themselves the spoiled stomach and coated tongue that make not only the animal's pleasure and innocence repulsive to them, but life itself tasteless. Sometimes they stand before themselves holding their noses and, with Pope Innocent III, disapprovingly list their disgusting features: “impure conception, disgusting nourishment in the womb, the bad quality of the matter from which human beings develop, hideous stench, secretions of saliva, urine, and feces.” Now that suffering always has to march at the head of the arguments against existence, as its worst question mark, we do well to remember the times when people judged the opposite way. They did not want to do without causing suffering. They saw in it a first-rate attraction, a real tempting bait for life. Perhaps back then—let this comfort the tenderhearted—pain did not hurt as much as it does today. At least a doctor could reach that conclusion after treating Black people—taken here as representatives of prehistoric humanity—for severe internal inflammations that bring even the most physically well-constituted European close to despair. They do not do this to Black people. (In fact, the curve of human sensitivity to pain seems to drop extraordinarily, almost suddenly, once we get past the upper ten thousand or ten million of overcivilization. Personally, I have no doubt that, compared with one painful night of a single hysterical, cultivated little woman, the combined sufferings of all animals ever questioned with a knife for scientific answers simply count for nothing.) Perhaps we may even allow the possibility that this pleasure in cruelty need not actually have died out. Only, in proportion to how much more pain hurts today, it would need a certain refinement and subtlety. Above all, it would have to appear translated into imagination and the inner life, adorned with names so entirely harmless that even the most tender hypocritical conscience would find nothing suspicious in them. “Tragic pity” is one such name; “longings for the cross” is another. What really makes people rebel against suffering is not suffering itself but its meaninglessness. Yet neither the Christian, who has read an entire hidden machinery of salvation into suffering, nor the naive person of earlier times, who understood all suffering in terms of spectators or those who caused it, knew any such meaningless suffering. To do away with hidden, undiscovered suffering without witnesses, and honestly deny its existence, people back then were almost forced to invent gods and intermediate beings of every height and depth. In short, they invented something that roams in secret too, sees in the dark too, and does not easily let an interesting, painful spectacle escape. Through such inventions, life back then knew how to perform the trick it has always known: justifying itself, justifying its “evil.” Today it might need other helpful inventions for this—for example, life as a riddle, life as a problem of knowledge. “Every evil is justified if a god enjoys watching it”: that is what the prehistoric logic of feeling sounded like. And really, was it only prehistoric? Gods imagined as lovers of cruel spectacles—oh, how far this ancient idea still reaches into our European humanization! On this point we might consult Calvin and Luther. At any rate, it is certain that even the Greeks knew no more pleasant addition to their gods' happiness than the pleasures of cruelty. How do you think Homer made his gods look down on human destinies? What ultimate meaning did the Trojan wars and similar tragic horrors really have? There can be no doubt: they were intended as festival entertainments for the gods. And since poets have a more “divine” nature than other people, presumably they were festival entertainments for poets too … Later the moral philosophers of Greece imagined God's eyes looking down in just the same way on the moral struggle, on the virtuous person's heroism and self-torture. The “Heracles of duty” stood on a stage, and knew it. Virtue without witnesses was completely unthinkable to this nation of actors. Might that bold and fateful philosophical invention, first made for Europe back then—the invention of “free will,” of absolute human spontaneity in good and evil—have been made above all to justify the idea that the gods' interest in humanity, in human virtue, could never run out? On this earthly stage there was never to be any shortage of truly new things, truly unheard-of suspense, complications, catastrophes. A world conceived as completely deterministic would have been predictable to gods, and therefore soon boring as well. Reason enough for these friends of the gods, the philosophers, not to burden their gods with such a deterministic world! All ancient humanity is full of tender consideration for “the spectator.” Its world was essentially public, essentially visible, unable to imagine happiness without spectacles and festivals. And, as I have already said, great punishment too contains so much celebration! …
8 To return to the course of our inquiry, the feeling of guilt, of personal obligation, began, as we saw, in the oldest and most basic relationship between persons that exists: the relationship between buyer and seller, creditor and debtor. Here one person first faced another; here one person first measured himself against another. No level of civilization, however low, has been found without some trace of this relationship. Setting prices, measuring values, working out equivalents, exchanging—these occupied the earliest human thinking so thoroughly that in a certain sense they are thinking. Here the oldest kind of shrewdness was bred. Here, too, we may suspect the first beginnings of human pride, of the feeling of superiority to other animals. Perhaps even our word “Mensch,” human being (manas), still expresses something of this self-esteem. Human beings named themselves as the beings that measure values, that value and measure, as the “assessing animal itself.” Buying and selling, with everything psychological that goes with them, are older than even the beginnings of any forms of social organization and association. Instead, the developing sense of exchange, contract, debt, right, obligation, and compensation was first transferred from the most basic form of personal law to the crudest, earliest group structures—in their relationships with similar groups. With it went the habit of comparing, measuring, and calculating one power against another. The eye was now set to this perspective. And with the clumsy consistency characteristic of early humanity's thinking, slow to get moving but then relentlessly continuing in the same direction, people soon arrived at the great generalization: “Everything has its price; everything can be paid off.” This is the oldest, most naive moral rule of justice, the beginning of all “good nature,” all “fairness,” all “good will,” all “objectivity” on earth. At this first stage, justice is the good will among roughly equal powers to settle with one another, to reach an “understanding” again through compensation—and, in the case of the less powerful, to force them to settle with one another.—
9 Still measuring by the standards of prehistoric times—which, incidentally, are present or possible again at every time—the community too stands toward its members in that important basic relationship of creditor to debtors. You live in a community and enjoy its advantages—oh, what advantages! Today we sometimes underestimate them. You live protected, spared, in peace and trust, without worrying about certain injuries and hostilities to which the person outside, the “outlaw,” is exposed. A German understands what “misery,” Elend, êlend, originally means. In return, you have pledged and committed yourself to the community precisely in regard to these injuries and hostilities. What will happen otherwise? The community, the cheated creditor, will get its payment as best it can. You can count on that. The immediate harm the wrongdoer has caused is the least of the issues here. Quite apart from that, the criminal is above all a “breaker,” someone who has broken a contract and his word to the whole community concerning all the benefits and comforts of communal life he has shared in until then. The criminal is a debtor who not only fails to repay the advantages and advances given him, but even attacks his creditor. From now on, therefore, he rightly loses not just all these benefits and advantages: he is now also reminded what these benefits are worth. The anger of the injured creditor, the community, returns him to the wild, outlawed condition from which he was previously protected. It pushes him away, and now every kind of hostility is free to vent itself on him. At this level of civilization, “punishment” is simply the image, the reenactment, of normal behavior toward a hated enemy who has been disarmed and defeated, and who has lost not only every right and protection but also every claim to mercy. It is therefore the law of war and the victory celebration of “woe to the conquered!” in all their ruthlessness and cruelty. This explains why war itself, including the warlike sacrificial cult, supplied all the forms in which punishment appears in history.
10 As a community's power grows, it takes the individual's offenses less seriously. They can no longer seem as dangerous and threatening to the existence of the whole as before. The wrongdoer is no longer “outlawed” and expelled. The general anger is no longer allowed to vent itself on him as wildly as before. Instead, the community as a whole now carefully defends and protects the wrongdoer against this anger, especially that of the people directly harmed. A compromise with the anger of those most immediately affected by the wrongdoing; an effort to keep the case local and prevent wider or even general involvement and unrest; attempts to find equivalents and settle the whole business—the settlement by compensation; above all, the increasingly definite will to treat every offense as payable in some sense, and so, at least to a certain degree, to separate the criminal from his deed—these are the traits that become more and more clearly stamped on the further development of penal law. As a community's power and self-confidence grow, its penal law always becomes milder too. Every weakening of that power and every deeper threat to it brings the harsher forms of penal law to light again. The “creditor” has always become more humane in proportion to his growing wealth. Finally, how much harm he can endure without suffering from it becomes the very measure of his wealth. We could imagine a society with such an awareness of its power that it could afford the noblest luxury available to it: letting the person who harms it go unpunished. “What do my parasites really matter to me?” it could then say. “Let them live and prosper. I'm still strong enough for that!” … Justice began with “Everything can be paid off; everything must be paid off.” It ends by looking the other way and letting those unable to pay go free. It ends, like every good thing on earth, by doing away with itself. This self-abolition of justice—we know the lovely name it goes by: mercy. Naturally, it remains the privilege of the most powerful, or better still, his way of going beyond the law.
11 —Here I want to reject recent attempts to look for the origin of justice on entirely different ground: the ground of ressentiment. First, a word in the psychologists' ears, if they should want to study ressentiment itself up close: this plant now flowers most beautifully among anarchists and antisemites. It also flowers as it always has, in hiding, like the violet, though with a different scent. Like must always produce like. So it will be no surprise to see just such circles again producing attempts that have often appeared before—compare p. 30 above—to sanctify revenge under the name of justice. As if justice were basically only a further development of the feeling of having been hurt! Along with revenge, these attempts seek to give belated honor to all the reactive emotions. I would be least inclined to object to that last point in itself. In fact, I would consider it a service in relation to the whole biological problem, in which the value of those emotions has previously been underestimated. All I draw attention to is that this new shade of scientific fairness—in favor of hatred, envy, ill will, suspicion, grudges, revenge—grows out of the spirit of ressentiment itself. For this “scientific fairness” immediately stops and gives way to tones of deadly hostility and prejudice whenever a different group of emotions is involved. These, it seems to me, have a far higher biological value than those reactive emotions, and therefore have an even greater claim to be scientifically assessed and highly valued. I mean the truly active emotions, such as the desire to rule, the desire to possess, and the like. (E. Dühring, The Value of Life; Course of Philosophy; essentially everywhere.) So much against this tendency in general. As for Dühring's particular claim that justice has its home on the ground of reactive feeling, truth demands that we confront him with the sharply opposite claim: the ground of reactive feeling is the last ground conquered by the spirit of justice! If it really happens that the just person remains just even toward those who harm him—and not merely cold, measured, detached, indifferent: being just is always a positive attitude—if even the assault of personal injury, mockery, and suspicion does not cloud the lofty, clear objectivity of the just, judging eye, which looks as deeply as it does gently, then this is a piece of perfection and supreme mastery on earth. It is even something we would be wise not to expect here, and at any rate should not too easily believe in. What is generally certain is that even with the most upright people, a small dose of attack, malice, or insinuation is enough to drive blood into their eyes and fairness out of them. The active, attacking, encroaching person still stands a hundred steps closer to justice than the reactive one. He has no need at all to judge his object falsely and with prejudice as the reactive person does and must do. In fact, that is why the aggressive person, as the stronger, braver, nobler one, has always had the freer eye and the better conscience on his side. Conversely, we can already guess whose conscience bears the invention of “bad conscience”: the person of ressentiment! Finally, just look at history. In what sphere has the whole practice of law, and even the actual need for law, found its home on earth until now? Among reactive people, perhaps? Not at all. Rather, among the active, strong, spontaneous, aggressive. Historically speaking, law on earth represents the struggle precisely against reactive feelings, the war waged against them by active, aggressive powers. Let this be said to annoy the agitator mentioned above, who once confessed about himself: “The doctrine of revenge has run through all my works and efforts as the connecting thread of justice.” These powers used part of their strength to set bounds and limits to the excesses of reactive passion and to force a settlement. Wherever justice is practiced and maintained, we see a stronger power looking for ways to put an end to the senseless raging of ressentiment among those weaker groups or individuals subject to it. It does so partly by taking the object of ressentiment out of the hands of revenge, partly by replacing revenge with its own struggle against the enemies of peace and order, partly by inventing, proposing, and sometimes imposing settlements, partly by making certain equivalents for injuries into a standard to which ressentiment is referred once and for all from then on. But the most decisive thing the supreme power does and enforces against the supremacy of hostile and lingering feelings—it always does this as soon as it is strong enough—is to establish law: an authoritative declaration of what, in its eyes, is to count as permitted and right, and what as forbidden and wrong. Once it has established the law, it treats encroachments and arbitrary acts by individuals or whole groups as offenses against the law, as rebellion against the supreme power itself. It thereby turns its subjects' feelings away from the immediate harm caused by such offenses. In the long run, this achieves the opposite of what all revenge wants, since revenge sees and recognizes only the injured person's viewpoint. From now on, the eye is trained to assess the deed more and more impersonally—even the injured person's own eye, though this happens last of all, as noted earlier. Accordingly, “right” and “wrong” exist only from the establishment of law onward, not, as Dühring wants, from the act of injury onward. Talking about right and wrong in themselves makes no sense at all. Naturally, injuring, violating, exploiting, destroying cannot be “wrong” in themselves, since life essentially operates by injuring, violating, exploiting, and destroying in its basic functions, and cannot be imagined without this character. We must admit something even more troubling: from the highest biological standpoint, conditions of law can only be exceptional conditions. They partly restrict the actual will to life, which aims at power, and are subordinate to its overall purpose as individual means: means of creating larger units of power. Imagine a legal order as sovereign and universal, not as a means in the struggle between power structures but as a means against all struggle as such. Suppose, for example, we followed Dühring's communist pattern, that every will must treat every will as equal. This would be a principle hostile to life, destroying and dissolving humanity, an attack on humanity's future, a sign of exhaustion, a back way into nothingness.—
12 One more word here about the origin and purpose of punishment. These are two separate problems, or should be. Unfortunately, people usually throw them together. What do the existing genealogists of morality do in this case? They act naively, as they always have. They discover some “purpose” in punishment, such as revenge or deterrence, then innocently put this purpose at the beginning, as the cause that brought punishment into existence—and they are done. But “purpose in law” is the very last thing to use for the history of law's origins. In fact, for every kind of history there is no more important principle than this one, won with so much effort, but which really ought to have been won: a thing's cause of origin and its eventual usefulness, its actual use and place in a system of purposes, are worlds apart. Something that exists, that has somehow come into being, is repeatedly interpreted from new points of view by a power superior to it, taken over anew, reshaped and redirected to a new use. Everything that happens in the organic world is an overpowering, a gaining of mastery. And all overpowering and gaining of mastery is in turn a reinterpretation, a reshaping, which must obscure or entirely erase the previous “meaning” and “purpose.” However well we understand the usefulness of a physiological organ—or of a legal institution, a social custom, a political practice, a form in art or religious worship—we have still understood nothing about its origin. This may sound awkward and unpleasant to older ears. For since ancient times people have believed that, in a thing's demonstrable purpose, in the usefulness of a thing, form, or institution, they also understood the reason it came into being: the eye as made for seeing, the hand as made for grasping. In the same way, people have imagined punishment as invented for punishing. But all purposes, all uses, are only signs that a will to power has mastered something less powerful and stamped the meaning of a function onto it. The whole history of a “thing,” an organ, a custom, can therefore be a continuous chain of signs of ever-new interpretations and adjustments. Their causes need not even be connected with one another. Sometimes they merely happen to follow and replace one another by chance. The “development” of a thing, a custom, an organ is therefore anything but its progress toward a goal, still less a logical and shortest progress achieved with the least expenditure of strength and cost. Rather, it is a succession of processes of overpowering that take place in it, more or less deep-reaching, more or less independent of one another. Add to these the resistance put up each time, the changes of form attempted for defense and reaction, and the results of successful counteractions. Form is fluid, but “meaning” is even more so … Things are no different even within each individual organism. Every substantial growth of the whole shifts the “meaning” of the individual organs too. Sometimes their partial destruction or reduction in number—for example, through destruction of intermediate parts—can be a sign of growing strength and perfection. What I meant to say is this: even partial loss of usefulness, withering and degeneration, loss of meaning and fitness for a purpose—in short, death—belongs among the conditions of real progress. Such progress always appears as a will and a path to greater power, and is always achieved at the expense of numerous smaller powers. Indeed, the greatness of a “step forward” is measured by the amount of everything that had to be sacrificed to it. Humanity as a mass sacrificed to the flourishing of a single stronger type of human being—that would be progress … I emphasize this main standpoint of historical method all the more because, at bottom, it goes against the prevailing instinct and taste of our time. These would rather accept the absolute randomness, even the mechanistic meaninglessness, of all events than the theory of a will to power at work in everything that happens. The democratic aversion to everything that rules and wants to rule, modern misarchism—to coin a bad word for a bad thing—has gradually been so thoroughly translated and disguised in intellectual, in the most intellectual forms, that today it is already advancing step by step into the strictest and apparently most objective sciences, and is allowed to do so. Indeed, it seems to me already to have mastered all physiology and the study of life—to their detriment, of course—by making a basic concept disappear: the concept of genuine activity. Under the pressure of this aversion, people instead put “adaptation” in the foreground. This is an activity of the second rank, a mere reactivity. They have even defined life itself as an increasingly suitable inner adaptation to outer circumstances (Herbert Spencer). But this misunderstands the essence of life, its will to power. It overlooks the basic priority of the spontaneous, attacking, encroaching, reinterpreting, redirecting, and shaping forces. “Adaptation” follows only after these forces have acted. It denies the ruling role within the organism itself of the highest officials, in whom the will to life appears as active and form-giving. We remember what Huxley criticized in Spencer: his “administrative nihilism.” But this involves more than just “administration” …
13 —To come back to the subject, punishment, we therefore have to distinguish two things in it. One is what stays relatively constant: the custom, the act, the “drama,” a certain strict sequence of procedures. The other is what changes: the meaning, the purpose, the expectation attached to carrying out those procedures. Following the main principle of historical method just developed, we simply assume by analogy that the procedure itself is older than its use as punishment. This use was only later put into the procedure, read into it. The procedure had long existed, but was customary in a different sense. In short, things are not as our naive genealogists of morality and law have so far assumed. They all imagined that the procedure was invented for the purpose of punishment, just as people once imagined that the hand was invented for grasping. As for the other, changing element of punishment, its “meaning,” at a very late stage of culture—for example, in Europe today—the concept of “punishment” no longer represents a single meaning at all. It represents a whole combination of “meanings.” The entire history of punishment so far, the history of its use for the most varied purposes, finally crystallizes into a kind of unity. This is hard to break down, hard to analyze, and, we must stress, completely impossible to define. (Today it is impossible to say definitely why people actually punish. Any concept in which an entire process is brought together in signs escapes definition. Only something with no history can be defined.) At an earlier stage, by contrast, this combination of “meanings” is still easier to break apart and rearrange. We can still see how, in each individual case, the elements in the combination change their relative weight and rearrange themselves accordingly. Now one element, now another comes forward and dominates at the expense of the rest. Sometimes a single element—for instance, the purpose of deterrence—seems to cancel out all the others. To give at least some idea of how uncertain, how much an afterthought, how incidental “the meaning” of punishment is, and how the very same procedure can be used, interpreted, and adjusted to serve fundamentally different intentions, here is an outline I arrived at myself from a relatively small, chance collection of material. Punishment as making someone harmless, as preventing further harm. Punishment as repayment in some form to the injured party for the harm done, including compensation in the emotions. Punishment as isolating a disturbance of balance to keep it from spreading. Punishment as instilling fear of those who decide on and carry out the punishment. Punishment as a kind of offset for the advantages the criminal has enjoyed up to that point—for example, when he is put to use as a slave in a mine. Punishment as removing a degenerating element, sometimes an entire family branch, as under Chinese law: thus as a means of keeping the race pure or preserving a social type. Punishment as a celebration, that is, as the violent abuse and mockery of an enemy finally brought down. Punishment as creating a memory, either for the person who suffers it—so-called “reform”—or for those who witness its execution. Punishment as payment of a fee demanded by the power that protects the wrongdoer from the excesses of revenge. Punishment as a compromise with revenge in its natural state, where powerful families still maintain it and claim it as their privilege. Punishment as a declaration of war and an act of war against an enemy of peace, law, order, and authority. Such a person is fought as a danger to the community, as someone who has broken the contract on which it rests, as a rebel, a traitor, and a breaker of the peace, using whatever means war provides.—
14 This list is certainly not complete. Clearly, punishment is overloaded with all kinds of uses. All the more reason to subtract one supposed use, though public opinion considers it the most essential one. Belief in punishment, shaky today for several reasons, still finds its strongest support here. Punishment is supposed to have the value of awakening the feeling of guilt in the guilty person. People look to it as the real tool for producing the inner reaction called “bad conscience” or “the bite of conscience.” But this gets both reality and psychology wrong even today—and how much more so for the longest part of human history, its prehistory! A real bite of conscience is extremely rare precisely among criminals and convicts. Prisons and penitentiaries are not the breeding grounds where this species of gnawing worm especially thrives. All careful observers agree on this, though many of them give such a judgment very reluctantly and against their own dearest wishes. Taken as a whole, punishment hardens people and makes them cold. It makes them concentrate. It sharpens their sense of alienation. It strengthens their power to resist. If it does happen to break someone's energy and bring about a miserable collapse and self-abasement, this result is certainly even less cheering than punishment's average effect, which is marked by a dry, gloomy seriousness. But if we think of those thousands of years before human history, we can safely judge that punishment itself did more than anything to hold back the development of the feeling of guilt—at least in the victims on whom the power to punish was vented. We must not underestimate how much the very sight of judicial proceedings and the carrying out of punishment prevents the criminal from feeling that his deed, his kind of action, is reprehensible in itself. He sees precisely the same kind of actions committed in the service of justice and then approved, committed with a good conscience: spying, outwitting, bribery, setting traps, all the cunning, crafty skills of policemen and prosecutors. Then there is the systematic robbing, overpowering, insulting, imprisoning, torturing, and murdering expressed in the various kinds of punishment—not even excused by passion. All these, then, are actions his judges do not reject and condemn in themselves, but only in a particular respect and application. “Bad conscience,” this most disturbing and interesting plant among the things that grow on our earth, did not grow in this soil. In fact, for the longest time, the awareness of the judges and punishers themselves expressed nothing to suggest that they were dealing with a “guilty person.” They were dealing instead with someone who had caused harm, with an unaccountable piece of fate. And when punishment then fell on that person, again like a piece of fate, he felt no other “inner torment” than he would at the sudden arrival of something he had not reckoned with: a terrible natural event, a falling boulder that crushes him, against which no further struggle is possible.
15 Spinoza once became aware of this in an awkwardly revealing way—to the annoyance of his interpreters, who actually work hard to misunderstand him at this point, Kuno Fischer, for example. One afternoon, chafing at who knows what memory, he pondered what, for him personally, was actually left of the famous bite of conscience. This was the man who had put good and evil among the things human beings imagine. He had angrily defended the honor of his “free” God against those blasphemers who claimed that God brings everything about with the good in view—“but that would mean subjecting God to fate, and would truly be the greatest of all absurdities.” For Spinoza, the world had returned to the innocence in which it lay before bad conscience was invented. What, then, had become of the bite of conscience? “The opposite of joy,” he finally told himself, “a sadness accompanied by the idea of something past that turned out contrary to all expectation.” Eth. III propos. XVIII schol. I. II. Just like Spinoza, for thousands of years the people who caused harm and were overtaken by punishment felt this way about their “offense”: “Something has unexpectedly gone wrong here,” not: “I shouldn't have done that.” They submitted to punishment as people submit to an illness, a misfortune, or death, with that brave fatalism, free of rebellion, which even today gives Russians, for example, an advantage over us Westerners in handling life. If there was any criticism of the deed back then, it was practical shrewdness that did the criticizing. Without question, we must look for punishment's actual effect above all in a sharpening of shrewdness, a lengthening of memory, a will to go about things more cautiously, suspiciously, and secretly from then on; in the realization that for many things one is simply too weak, once and for all; in a kind of improvement in judging oneself. What punishment can achieve on the whole, in humans and animals, is an increase in fear, a sharpening of shrewdness, and control over desires. Through this, punishment tames people, but it does not make them “better.” There would be more reason to claim the opposite. (“Harm makes you wise,” people say. To the extent that it makes you wise, it also makes you bad. Fortunately, it quite often makes you stupid.)
16 At this point I can no longer avoid giving a first, provisional statement of my own hypothesis about the origin of “bad conscience.” It is not easy to make it heard. It needs to be thought over, watched over, and slept on for a long time. I see bad conscience as the deep sickness human beings had to fall into under the pressure of the most thorough change they have ever experienced: the change that came when they finally found themselves confined within the rule of society and peace. These half animals, happily adapted to the wilderness, war, roaming, and adventure, fared just as water animals must have fared when forced either to become land animals or to die out. All at once, all their instincts lost their value and were “disconnected.” Now they were supposed to walk on their feet and “carry themselves,” where previously the water had carried them. A terrible weight lay on them. They felt clumsy at the simplest tasks. In this new, unknown world, they no longer had their old guides: the drives that regulated them and guided them surely without their being aware of it. These unfortunate creatures were reduced to thinking, drawing conclusions, calculating, combining causes and effects—to their “consciousness,” their poorest organ and the one most likely to go wrong! I believe there has never been such a feeling of misery on earth, such a leaden discomfort. And meanwhile those old instincts had not suddenly stopped making their demands! Only now it was difficult, and rarely possible, to give them what they wanted. For the most part, they had to look for new, underground satisfactions, so to speak. All instincts that do not discharge themselves outward turn inward. This is what I call the internalization of human beings. Only with this does what will later be called their “soul” develop in them. The whole inner world, originally thin, as though stretched between two skins, expanded and opened up. It gained depth, width, and height in proportion to how much the human discharge outward was held back. Those terrible defenses by which the organization of the state protected itself against the old instincts of freedom—punishments belong above all among these defenses—made all the instincts of the wild, free, roaming human being turn back, turn against the human being himself. Hostility, cruelty, pleasure in pursuit, in attack, in change, in destruction—all of this turning against the people who possess these instincts: that is the origin of “bad conscience.” Lacking external enemies and resistance, pressed into the oppressive narrowness and regularity of custom, the human being impatiently tore at himself, pursued, gnawed at, disturbed, and mistreated himself. This animal that people want to “tame,” which wounds itself against the bars of its cage, this deprived creature consumed by homesickness for the desert, had to make an adventure, a torture chamber, an uncertain and dangerous wilderness out of himself. This fool, this longing, desperate prisoner, became the inventor of “bad conscience.” But with him began the greatest and most disturbing sickness, from which humanity has still not recovered: human beings suffering from human beings, from themselves. It resulted from a violent separation from the animal past, a leap and fall, as it were, into new situations and conditions of existence, a declaration of war against the old instincts on which human strength, pleasure, and fearsomeness had rested until then. Let us add at once that, on the other hand, an animal soul turned against itself, taking sides against itself, brought something so new, deep, unheard-of, puzzling, contradictory, and full of a future into the world that the appearance of the earth changed fundamentally. In fact, it would take divine spectators to appreciate the spectacle that began then, whose end is still entirely out of sight. This spectacle is too subtle, too wonderful, too paradoxical to be allowed to play itself out meaninglessly and unnoticed on some ridiculous star! Since then, the human being has counted among the most unexpected and exciting lucky throws of the dice made by Heraclitus's “great child,” whether we call it Zeus or chance. The human being arouses interest, suspense, hope, almost certainty, as though something were announcing itself, preparing itself through him—as though the human being were not a goal, but only a path, an incident, a bridge, a great promise …
17 This hypothesis about the origin of bad conscience has two assumptions. First, the change was neither gradual nor voluntary. It did not take the form of organic growth into new conditions. It was a break, a leap, a compulsion, an unavoidable fate against which there was no struggle, not even ressentiment. Second, forcing a population that had previously been unrestrained and unshaped into a fixed form began with an act of violence and was completed only through one act of violence after another. Accordingly, the earliest “state” appeared as a terrible tyranny, a crushing, ruthless machine. It kept working until this raw material of people and half animals had finally been not just thoroughly kneaded and made obedient, but also shaped. I used the word “state.” It goes without saying who is meant: some pack of blond beasts of prey, a race of conquerors and masters, organized for war and able to organize, which unhesitatingly lays its terrible paws on a population perhaps vastly superior in numbers, but still without shape, still roaming. This is how the “state” begins on earth. I think we are done with the fanciful notion that it began with a “contract.” What does someone who can command, who is a “master” by nature, who acts violently in deed and gesture, have to do with contracts! Such beings cannot be reckoned with. They come like fate, without cause, reason, consideration, or pretext. They are there like a flash of lightning: too terrible, too sudden, too convincing, too “different” even to be hated. Their work is an instinctive creating and imposing of forms. They are the most involuntary, unconscious artists there are. Wherever they appear, something new soon stands there: a structure of rule that lives, whose parts and functions have been marked out and put into relation with one another. Nothing at all finds a place in it without first being given a “meaning” in relation to the whole. These born organizers do not know what guilt, responsibility, or consideration is. They are ruled by that terrible artist's selfishness which looks out with a gaze of bronze and knows itself justified in advance for all eternity by its “work,” as a mother does by her child. Obviously, “bad conscience” did not grow in them. But this ugly growth would not have developed without them. It would not exist if the pressure of their hammer blows, their violence as artists, had not removed an enormous amount of freedom from the world, or at least from sight, and made it latent, so to speak. This instinct of freedom made latent by violence—we have already understood this—this instinct of freedom pushed back, forced to retreat, imprisoned inside, and finally discharging and venting itself only on itself: that, and that alone, is bad conscience in its beginnings.
18 We should be careful not to think little of this whole phenomenon just because it is ugly and painful from the start. At bottom, it is the very same active force that works on a grander scale in those artists of violence and organizers, building states. Here, inwardly, on a smaller, pettier scale, working backward in the “labyrinth of the heart,” to use Goethe's words, it creates bad conscience for itself and builds negative ideals. It is that same instinct of freedom—in my language, the will to power. Only here, the material on which this force vents its shaping, violating nature is the human being himself, his whole old animal self, and not, as in that larger and more obvious phenomenon, the other person, other people. This secret violence against oneself, this artist's cruelty, this pleasure in giving oneself a form as though one were difficult, resistant, suffering material; in burning into oneself a will, a criticism, a contradiction, a contempt, a no; this disturbing and terribly pleasurable work of a soul willingly divided against itself, which makes itself suffer for the pleasure of making suffer—all this active “bad conscience” has finally, as we can already guess, also brought to light a wealth of new, strange beauty and affirmation. It has been the real womb of events in the world of ideals and imagination, and perhaps it has brought forth beauty itself for the very first time … What would be “beautiful” if contradiction had not first become aware of itself, if ugliness had not first said to itself, “I am ugly”? … At least this hint makes it less puzzling how an ideal, a beauty, can be suggested in contradictory concepts such as selflessness, self-denial, self-sacrifice. And from now on we know one thing—I have no doubt about it: what kind of pleasure the selfless, self-denying, self-sacrificing person feels from the very beginning. This pleasure belongs to cruelty.—So much for now about the origin of the “unselfish” as a moral value, and about marking out the soil from which this value grew. Only bad conscience, only the will to mistreat oneself, provides the condition for the value of the unselfish.—
19 Bad conscience is a sickness, beyond any doubt, but a sickness in the way that pregnancy is a sickness. Let us look for the conditions under which this sickness reached its most terrible and sublime height. We will see what really entered the world only with this. But it takes staying power to do so, and first we must return once more to an earlier point of view. The relationship in private law between debtor and creditor, which we have already discussed at length, was interpreted into yet another relationship. Historically, this happened in an extremely remarkable and troubling way, in a relationship where it may be hardest for us modern people to understand: that of people now living to their ancestors. Within the original clan community—we are speaking of primeval times—the living generation always recognizes a legal obligation to the earlier generation, and especially to the earliest one, which founded the clan. This is by no means a mere bond of feeling. Indeed, there would be some reason to deny that such a bond existed at all for the longest part of the human race's existence. The ruling conviction here is that the clan exists only through the ancestors' sacrifices and achievements, and that these must be paid back to them through sacrifices and achievements. People thus acknowledge a debt, which keeps growing because these ancestors, continuing to exist as powerful spirits, never stop using their strength to grant the clan new advantages and advances. For free, perhaps? But there is no “for free” in those crude ages so “poor in soul.” What can people give back to them? Sacrifices—originally food in the crudest sense—festivals, chapels, displays of honor, and above all obedience. For all customs, as the ancestors' works, are also their rules and commands. Do people ever give them enough? This suspicion remains and grows. From time to time it forces a great payment to clear the whole debt at once, some monstrous return payment to the “creditor”—the notorious sacrifice of firstborn children, for example; blood, human blood in any case. According to this kind of logic, fear of the founding ancestor and his power, the awareness of debts to him, necessarily grows in exact proportion to the power of the clan itself, as the clan becomes ever more victorious, independent, honored, and feared. Not the other way around! Rather, every step toward the clan's decline, every miserable accident, every sign of degeneration or approaching dissolution, always also reduces fear of the spirit of its founder. These things give an ever smaller idea of his shrewdness, his care for the future, and the presence of his power. Imagine this crude kind of logic carried through to the end. Through the imagination of growing fear, the founding ancestors of the most powerful clans must themselves finally have grown to monstrous size and been pushed back into the darkness of something divinely uncanny and unimaginable. The founding ancestor is finally, necessarily, transformed into a god. Perhaps this is even the origin of the gods—an origin, then, in fear! … Anyone who feels the need to add, “But also in reverence!” would hardly be right about that longest period of the human race, its primeval age. They would certainly be all the more right about the middle period, when noble clans took shape. These clans really did give back to their originators, the founding ancestors—heroes, gods—all the qualities that had meanwhile appeared in themselves, with interest: the noble qualities. Later we will take another look at the gods' elevation to noble rank and their refinement, which certainly does not mean making them “holy.” For now, let us simply bring this whole development of the awareness of debt and guilt to a provisional end.
20 History teaches that the awareness of having debts to the deity by no means came to an end when the form of “community” organized around blood relationships declined. Humanity inherited the concepts “good and bad” from the hereditary nobility, along with its basic psychological tendency to establish rankings. In the same way, with its inheritance of the clan and tribal deities, humanity also acquired the burden of still unpaid debts and the desire to clear them. (The transition is made by those large populations of slaves and serfs who adapted themselves to their masters' worship of the gods, whether through force or through submission and mimicry. From them, this inheritance then spreads in all directions.) For several thousand years, the feeling of guilt and debt toward the deity has never stopped growing, always in the same proportion as the concept of God and the feeling for God have grown and been raised higher on earth. (The whole history of ethnic struggles, victories, reconciliations, and mergers—everything that precedes the final ranking of all the component peoples in every great racial combination—is reflected in the tangled genealogies of their gods, in the legends of their struggles, victories, and reconciliations. Progress toward universal empires is always also progress toward universal deities. Despotism, by overpowering the independent nobility, always also clears a path for some kind of monotheism.) The rise of the Christian God, the greatest God reached so far, has therefore also brought about the greatest feeling of guilt on earth. Suppose that we have now entered the opposite movement. We could then infer, with considerable probability, from the unstoppable decline of belief in the Christian God that there is already a considerable decline in humanity's awareness of guilt as well. Indeed, we cannot dismiss the prospect that the complete and final victory of atheism might free humanity from this whole feeling of having debts to its beginning, its first cause. Atheism and a kind of second innocence belong together.—
21 So much for a brief, rough, provisional account of the connection between the concepts “guilt,” “duty,” and religious assumptions. Until now I have deliberately left aside the actual moralization of these concepts: pushing them back into the conscience, or more precisely, entangling bad conscience with the concept of God. At the end of the previous section, I even spoke as though this moralization did not exist at all, and therefore as though those concepts must now come to an end once their underlying assumption has fallen: belief in our “creditor,” in God. The actual situation differs terribly from this. Moralizing the concepts of guilt and duty, pushing them back into bad conscience, is quite specifically an attempt to reverse the direction of the development just described, or at least to bring its movement to a standstill. Now the prospect of finally clearing the debt is supposed to close off, pessimistically, once and for all. Now the gaze is supposed to strike a solid wall of impossibility and recoil without comfort. Now those concepts “guilt” and “duty” are supposed to turn backward—against whom? There can be no doubt: first against the “debtor.” Bad conscience now takes root in him, eats into him, spreads, and grows like a polyp in every direction and depth, until finally, along with the impossibility of clearing the guilt, comes the idea that the penance too cannot be cleared, can never be paid off—the idea of “eternal punishment.” But finally they turn even against the “creditor,” against the first cause of humanity. This may mean the beginning of the human race, its founding ancestor, who is now burdened with a curse—“Adam,” “original sin,” “unfreedom of the will.” Or it may mean nature, from whose womb human beings emerge, and into which the evil principle is now placed—the “demonization of nature.” Or it may mean existence as a whole, which is left standing as worthless in itself: a nihilistic turning away from it, a desire for nothingness or a desire for its “opposite,” for a different kind of being, Buddhism and related things. Then, all at once, we stand before the paradoxical and horrifying way out in which tormented humanity found temporary relief, that stroke of genius by Christianity: God himself sacrificing himself for humanity's guilt and debt; God himself getting payment from himself; God as the only one who can clear humanity's debt when it has become impossible for human beings themselves to clear it—the creditor sacrificing himself for his debtor, out of love (can you believe it?), out of love for his debtor! …
22 By now we will have guessed what has really happened in all this and underneath it all. That will to torment oneself, that cruelty driven back into the animal human being who has been turned inward, frightened back into himself, locked in the “state” to be tamed—this human being invented bad conscience to hurt himself after the more natural outlet for his wish to hurt had been blocked. This person of bad conscience has seized on the religious assumption in order to drive his self-torture to its most terrifying harshness and intensity. A debt to God: this thought becomes his instrument of torture. In “God” he takes hold of the most extreme opposites he can find to his own real, inseparable animal instincts. He reinterprets these animal instincts themselves as guilt before God—as hostility, defiance, rebellion against the “lord,” the “father,” the first ancestor and beginning of the world. He stretches himself between the opposing terms “God” and “devil.” He throws outside himself every no he says to himself, to nature, to the naturalness and factual reality of his being, and turns it into a yes, into something existing, embodied, real: God, God's holiness, God as judge, God as executioner, the afterlife, eternity, torment without end, hell, immeasurable punishment and guilt. This is a kind of madness of the will in psychological cruelty that has absolutely no equal. It is the human will to find oneself guilty and reprehensible beyond any possibility of atonement; the will to imagine oneself punished without the punishment ever being able to equal the guilt; the will to infect and poison the deepest foundation of things with the problem of punishment and guilt, cutting off one's escape from this labyrinth of “fixed ideas” once and for all; the will to set up an ideal—that of the “holy God”—so that, faced with it, one can be plainly certain of one's own absolute unworthiness. Oh, this mad, sad human beast! What notions it gets, what unnaturalness, what fits of nonsense, what beastliness in thought breaks out at once if it is prevented even a little from being a beast in action! … All this is interesting to excess, but also so full of black, gloomy, unnerving sadness that we must forcibly forbid ourselves to look too long into these abysses. Here is sickness, beyond any doubt, the most terrible sickness that has raged in humanity so far. And anyone who can still hear how, in this night of torture and absurdity, the cry of love, the cry of the most longing delight, of redemption in love, rang out—but people today no longer have the ears for it!—turns away, seized by an unconquerable horror … There is so much that is horrifying in human beings! … The earth has been a madhouse for far too long! …
23 Let that be enough, once and for all, about the origin of the “holy God.”—Fortunately, every look at the Greek gods still shows that the conception of gods in itself need not lead to this deterioration of the imagination, which we could not spare ourselves from picturing for a moment. There are nobler ways of using the invention of gods than for this human self-crucifixion and self-defilement, in which Europe has excelled over the last few thousand years. These Greek gods reflected noble, self-ruling human beings, in whom the animal in humanity felt itself made divine and did not tear itself apart, did not rage against itself! For the longest time, these Greeks used their gods precisely to keep “bad conscience” away from them, so that they could remain happy in their freedom of soul. They used them, then, in the opposite sense from Christianity's use of its God. These splendid, lionhearted overgrown children went very far in this. No less an authority than Homer's Zeus himself occasionally lets them know that they make things too easy for themselves. “Amazing!” he says once—the case is that of Aegisthus, a very bad case—
“Amazing, how much mortals complainagainst the gods!“Evil comes only from us, they think; butthey themselves,“Through lack of sense, even beyond their allotted fate,bring misery on themselves.”
Yet here we also hear and see that this Olympian spectator and judge is far from resenting them for it or thinking badly of them. “How foolish they are!”—that is what he thinks when mortals commit misdeeds. And “foolishness,” “lack of sense,” a little “disturbance in the head”—even the Greeks of the strongest, bravest age admitted this much in themselves as the cause of much that was bad and disastrous. Foolishness, not sin! Do you understand that? … But even this disturbance in the head was a problem. “How is it even possible? Where could it really have come from, in heads like ours, in us people of noble descent, good fortune, good breeding, the best society, nobility, and virtue?” For centuries, this is what the noble Greek asked himself when faced with any incomprehensible atrocity or outrage with which one of his equals had stained himself. “A god must have deluded him,” he finally told himself, shaking his head … This way out is typical of Greeks … In this way, the gods then served to justify human beings to a certain degree even in what was bad. They served as causes of evil. Back then they took on not the punishment, but, as is nobler, the guilt …
24 I end with three question marks, as you can see. Some of you may ask me: “Is this setting up an ideal, or tearing one down?” … But have you ever really asked yourselves how expensive it has been, on this earth, to set up any ideal? How much reality was slandered and dismissed every time, how much lying was made holy, how much conscience was thrown into confusion, how much “God” had to be sacrificed each time? To set up a holy place, a holy place must be broken: that is the law—show me the case where it is not fulfilled! … We modern people are the heirs of thousands of years of conscience-surgery and self-torture. That is what we have practiced longest, it is our art perhaps, and in any case it is our sophistication and our spoiled taste. For far too long man looked at his natural drives with an “evil eye,” until in the end they paired off inside him with the “bad conscience.” The opposite experiment would be possible in itself, but who is strong enough for it? I mean pairing the bad conscience with the unnatural drives, with all those longings for the beyond, for what opposes the senses, instinct, nature, the animal, in short, with the ideals so far, all of them hostile to life and all of them slanderers of the world. Who today could you approach with such hopes and demands? … You would instantly have the good people against you, and, as is only proper, the comfortable, the reconciled, the vain, the enthusiastic, and the tired … Nothing offends more deeply and separates people more completely than letting them notice the severity and the height with which you treat yourself. And at the same time, how forthcoming and how affectionate the whole world becomes toward us the moment we behave like everyone else and “let ourselves go” like everyone else! … To reach that goal, we would need a different kind of spirit than this age is likely to produce: spirits made strong by wars and victories, for whom conquest, adventure, danger, and even pain have become needs; we would need the habit of sharp, high air, of winter walks, of ice and mountains in every sense; we would need something like a sublime malice, a last and most self-assured mischief of knowledge, which belongs to great health; in short, and bad enough, we would need precisely this great health! … Is such a thing even possible today? … But at some point, in a stronger time than this crumbling, self-doubting present, he must come to us, the redeeming man of great love and great contempt, the creative spirit driven again and again by his own urgent strength out of every retreat and every beyond, whose solitude the crowd misunderstands, as though it were an escape from reality, when in fact it is only his sinking, burial, and deepening into reality, so that one day, when he comes back into the light, he may bring home the redemption of that reality: its redemption from the curse that the ideal so far has laid on it. This man of the future, who will redeem us from the ideal so far and from what had to grow out of it, from the great disgust, from the will to nothing, from nihilism, this stroke of the noon bell and of the great decision that sets the will free again, that gives the earth back its goal and man back his hope, this Antichrist and anti-nihilist, this conqueror of God and of nothing: he must come one day …
25 But what am I saying here? Enough! Enough! At this point only one thing is proper for me: to keep silent. Otherwise I would take liberties with what is allowed only to a younger man, a man with more future, a stronger man than I am, what is allowed only to Zarathustra, to Zarathustra the godless …
Essay III
Dritte Abhandlung:
Was bedeuten asketische Ideale?
Unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig— so will uns die Weisheit: sie istein Weib, sie liebt immer nur einenKriegsmann.
Also sprach Zarathustra.
1 Was bedeuten asketische Ideale? — Bei Künstlern Nichts oder zu Vielerlei; bei Philosophen und Gelehrten Etwas wie Witterung und Instinkt für die günstigsten Vorbedingungen hoher Geistigkeit; bei Frauen, besten Falls, eine Liebenswürdigkeit der Verführung mehr, ein wenig morbidezza auf schönem Fleische, die Engelhaftigkeit eines hübschen fetten Thiers; bei physiologisch Verunglückten und Verstimmten (bei der Mehrzahl der Sterblichen) einen Versuch, sich „zu gut“ für diese Welt vorzukommen, eine heilige Form der Ausschweifung, ihr Hauptmittel im Kampf mit dem langsamen Schmerz und der Langenweile; bei Priestern den eigentlichen Priesterglauben, ihr bestes Werkzeug der Macht, auch die „allerhöchste“ Erlaubniss zur Macht; bei Heiligen endlich einen Vorwand zum Winterschlaf, ihre novissima gloriae cupido, ihre Ruhe im Nichts („Gott“), ihre Form des Irrsinns. Dass aber überhaupt das asketische Ideal dem Menschen so viel bedeutet hat, darin drückt sich die Grundthatsache des menschlichen Willens aus, sein horror vacui: er braucht ein Ziel, — und eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen. — Versteht man mich?... Hat man mich verstanden?... „Schlechterdings nicht! mein Herr!“ — Fangen wir also von vorne an.
2 Was bedeuten asketische Ideale? — Oder, dass ich einen einzelnen Fall nehme, in Betreff dessen ich oft genug um Rath gefragt worden bin, was bedeutet es zum Beispiel, wenn ein Künstler wie Richard Wagner in seinen alten Tagen der Keuschheit eine Huldigung darbringt? In einem gewissen Sinne freilich hat er dies immer gethan; aber erst zu allerletzt in einem asketischen Sinne. Was bedeutet diese „Sinnes“-Änderung, dieser radikale Sinnes-Umschlag? — denn ein solcher war es, Wagner sprang damit geradewegs in seinen Gegensatz um. Was bedeutet es, wenn ein Künstler in seinen Gegensatz umspringt?... Hier kommt uns, gesetzt, dass wir bei dieser Frage ein wenig Halt machen wollen, alsbald die Erinnerung an die beste, stärkste, frohmüthigste, muthigste Zeit, welche es vielleicht im Leben Wagner’s gegeben hat: das war damals, als ihn innerlich und tief der Gedanke der Hochzeit Luther’s beschäftigte. Wer weiss, an welchen Zufällen es eigentlich gehangen hat, dass wir heute an Stelle dieser Hochzeits-Musik die Meistersinger besitzen? Und wie viel in diesen vielleicht noch von jener fortklingt? Aber keinem Zweifel unterliegt es, dass es sich auch bei dieser „Hochzeit Luther’s“ um ein Lob der Keuschheit gehandelt haben würde. Allerdings auch um ein Lob der Sinnlichkeit: — und gerade so schiene es mir in Ordnung, gerade so wäre es auch „Wagnerisch“ gewesen. Denn zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit giebt es keinen nothwendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede eigentliche Herzensliebschaft ist über diesen Gegensatz hinaus. Wagner hätte, wie mir scheint, wohlgethan, diese angenehme Thatsächlichkeit seinen Deutschen mit Hülfe einer holden und tapferen Luther-Komödie wieder einmal zu Gemüthe zu führen, denn es giebt und gab unter den Deutschen immer viele Verleumder der Sinnlichkeit; und Luther’s Verdienst ist vielleicht in Nichts grösser als gerade darin, den Muth zu seiner Sinnlichkeit gehabt zu haben (— man hiess sie damals, zart genug, die „evangelische Freiheit“...) Selbst aber in jenem Falle, wo es wirklich jenen Gegensatz zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit giebt, braucht es glücklicher Weise noch lange kein tragischer Gegensatz zu sein. Dies dürfte wenigstens für alle wohlgeratheneren, wohlgemutheren Sterblichen gelten, welche ferne davon sind, ihr labiles Gleichgewicht zwischen „Thier und Engel“ ohne Weiteres zu den Gegengründen des Daseins zu rechnen, — die Feinsten und Hellsten, gleich Goethen, gleich Hafis, haben darin sogar einen Lebensreiz mehr gesehn. Solche „Widersprüche“ gerade verführen zum Dasein... Andrerseits versteht es sich nur zu gut, dass wenn einmal die verunglückten Schweine dazu gebracht werden, die Keuschheit anzubeten — und es giebt solche Schweine! — sie in ihr nur ihren Gegensatz, den Gegensatz zum verunglückten Schweine sehn und anbeten werden — oh mit was für einem tragischen Gegrunz und Eifer! man kann es sich denken — jenen peinlichen und überflüssigen Gegensatz, den Richard Wagner unbestreitbar am Ende seines Lebens noch hat in Musik setzen und auf die Bühne stellen wollen. Wozu doch? wie man billig fragen darf. Denn was giengen ihn, was gehen uns die Schweine an? —
3 Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu umgehn, was ihn eigentlich jene männliche (ach, so unmännliche) „Einfalt vom Lande“ angieng, jener arme Teufel und Naturbursch Parsifal, der von ihm mit so verfänglichen Mitteln schliesslich katholisch gemacht wird — wie? war dieser Parsifal überhaupt ernst gemeint? Man könnte nämlich versucht sein, das Umgekehrte zu muthmaassen, selbst zu wünschen, — dass der Wagner’sche Parsifal heiter gemeint sei, gleichsam als Schlussstück und Satyrdrama, mit dem der Tragiker Wagner auf eine gerade ihm gebührende und würdige Weise von uns, auch von sich, vor Allem von der Tragödie habe Abschied nehmen wollen, nämlich mit einem Excess höchster und muthwilligster Parodie aut das Tragische selbst, auf den ganzen schauerlichen Erden-Ernst und Erden-Jammer von Ehedem, auf die endlich überwundene gröbste Form in der Widernatur des asketischen Ideals. So wäre es, wie gesagt, eines grossen Tragikers gerade würdig gewesen: als welcher, wie jeder Künstler, erst dann auf den letzten Gipfel seiner Grösse kommt, wenn er sich und seine Kunst unter sich zu sehn weiss, — wenn er über sich zu lachen weiss. Ist der „Parsifal“ Wagner’s sein heimliches Überlegenheits-Lachen über sich selbst, der Triumph seiner errungenen letzten höchsten Künstler-Freiheit, Künstler-Jenseitigkeit? Man möchte es, wie gesagt, wünschen: denn was würde der ernstgemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nöthig, in ihm (wie man sich gegen mich ausgedrückt hat) „die Ausgeburt eines tollgewordenen Hasses auf Erkenntniss, Geist und Sinnlichkeit“ zu sehn? Einen Fluch auf Sinne und Geist in Einem Hass und Athem? Eine Apostasie und Umkehr zu christlich-krankhaften und obskurantistischen Idealen? Und zuletzt gar ein Sich-selbst-Verneinen, Sich-selbst-Durchstreichen von Seiten eines Künstlers, der bis dahin mit aller Macht seines Willens auf das Umgekehrte, nämlich auf höchste Vergeistigung und Versinnlichung seiner Kunst aus gewesen war? Und nicht nur seiner Kunst: auch seines Lebens. Man erinnere sich, wie begeistert seiner Zeit Wagner in den Fusstapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist: Feuerbach’s Wort von der „gesunden Sinnlichkeit“ — das klang in den dreissiger und vierziger Jahren Wagner’n gleich vielen Deutschen (— sie nannten sich die „jungen Deutschen“) wie das Wort der Erlösung. Hat er schliesslich darüber umgelernt? Da es zum Mindesten scheint, dass er zuletzt den Willen hatte, darüber umzulehren... Und nicht nur mit den Parsifal-Posaunen von der Bühne herab: — in der trüben, ebenso unfreien als rathlosen Schriftstellerei seiner letzten Jahre giebt es hundert Stellen, in denen sich ein heimlicher Wunsch und Wille, ein verzagter, unsicherer, uneingeständlicher Wille verräth, ganz eigentlich Umkehr, Bekehrung, Verneinung, Christenthum, Mittelalter zu predigen und seinen Jüngern zu sagen „es ist Nichts! Sucht das Heil wo anders!“ Sogar das „Blut des Erlösers“ wird einmal angerufen...
4 Dass ich in einem solchen Falle, der vieles Peinliche hat, meine Meinung sage — und es ist ein typischer Fall —: man thut gewiss am besten, einen Künstler in so weit von seinem Werke zu trennen, dass man ihn selbst nicht gleich ernst nimmt wie sein Werk. Er ist zuletzt nur die Vorausbedingung seines Werks, der Mutterschooss, der Boden, unter Umständen der Dünger und Mist, auf dem, aus dem es wächst, — und somit, in den meisten Fällen, Etwas, das man vergessen muss, wenn man sich des Werks selbst erfreuen will. Die Einsicht in die Herkunft eines Werks geht die Physiologen und Vivisektoren des Geistes an: nie und nimmermehr die ästhetischen Menschen, die Artisten! Dem Dichter und Ausgestalter des Parsifal blieb ein tiefes, gründliches, selbst schreckliches Hineinleben und Hinabsteigen in mittelalterliche Seelen-Contraste, ein feindseliges Abseits von aller Höhe, Strenge und Zucht des Geistes, eine Art intellektueller Perversität (wenn man mir das Wort nachsehen will) ebensowenig erspart als einem schwangeren Weibe die Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: als welche man, wie gesagt, vergessen muss, um sich des Kindes zu erfreuen. Man soll sich vor der Verwechselung hüten, in welche ein Künstler nur zu leicht selbst geräth, aus psychologischer contiguity, mit den Engländern zu reden: wie als ob er selber das wäre, was er darstellen, ausdenken, ausdrücken kann. Thatsächlich steht es so, dass, wenn er eben das wäre, er es schlechterdings nicht darstellen, ausdenken, ausdrücken würde; ein Homer hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust gedichtet, wenn Homer ein Achill und wenn Goethe ein Faust gewesen wäre. Ein vollkommner und ganzer Künstler ist in alle Ewigkeit von dem „Realen“, dem Wirklichen abgetrennt; andrerseits versteht man es, wie er an dieser ewigen „Unrealität“ und Falschheit seines innersten Daseins mitunter bis zur Verzweiflung müde werden kann, — und dass er dann wohl den Versuch macht, einmal in das gerade ihm Verbotenste, in’s Wirkliche überzugreifen, wirklich zu sein. Mit welchem Erfolge? Man wird es errathen... Es ist das die typische Velleität des Künstlers: dieselbe Velleität, welcher auch der altgewordne Wagner verfiel und die er so theuer, so verhängnissvoll hat büssen müssen (— er verlor durch sie den werthvollen Theil seiner Freunde). Zuletzt aber, noch ganz abgesehn von dieser Velleität, wer möchte nicht überhaupt wünschen, um Wagner’s selber willen, dass er anders von uns und seiner Kunst Abschied genommen hätte, nicht mit einem Parsifal, sondern siegreicher, selbstgewisser, Wagnerischer, — weniger irreführend, weniger zweideutig in Bezug auf sein ganzes Wollen, weniger Schopenhauerisch, weniger nihilistisch?...
5 — Was bedeuten also asketische Ideale? Im Falle eines Künstlers, wir begreifen es nachgerade: gar Nichts!... Oder so Vielerlei, dass es so gut ist wie gar Nichts!... Eliminiren wir zunächst die Künstler: dieselben stehen lange nicht unabhängig genug in der Welt und gegen die Welt, als dass ihre Werthschätzungen und deren Wandel an sich Theilnahme verdiente! Sie waren zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral oder Philosophie oder Religion; ganz abgesehn noch davon, dass sie leider oft genug die allzugeschmeidigen Höflinge ihrer Anhänger und Gönnerschaft und spürnasige Schmeichler vor alten oder eben neu heraufkommenden Gewalten gewesen sind. Zum Mindesten brauchen sie immer eine Schutzwehr, einen Rückhalt, eine bereits begründete Autorität: die Künstler stehen nie für sich, das Alleinstehn geht wider ihre tiefsten Instinkte. So nahm zum Beispiel Richard Wagner den Philosophen Schopenhauer, als „die Zeit gekommen war“, zu seinem Vordermann, zu seiner Schutzwehr: — wer möchte es auch nur für denkbar halten, dass er den Muth zu einem asketischen Ideal gehabt hätte, ohne den Rückhalt, den ihm die Philosophie Schopenhauer’s bot, ohne die in den siebziger Jahren in Europa zum Übergewicht gelangende Autorität Schopenhauer’s? (dabei noch nicht in Anschlag gebracht, ob im neuen Deutschland ein Künstler ohne die Milch frommer, reichsfrommer Denkungsart überhaupt möglich gewesen wäre). — Und damit sind wir bei der ernsthafteren Frage angelangt: was bedeutet es, wenn ein wirklicher Philosoph dem asketischen Ideale huldigt, ein wirklich auf sich gestellter Geist wie Schopenhauer, ein Mann und Ritter mit erzenem Blick, der den Muth zu sich selber hat, der allein zu stehn weiss und nicht erst auf Vordermänner und höhere Winke wartet? — Erwägen wir hier sofort die merkwürdige und für manche Art Mensch selbst fascinirende Stellung Schopenhauer’s zur Kunst: denn sie ist es ersichtlich gewesen, um derentwillen zunächst Richard Wagner zu Schopenhauern übertrat (überredet dazu durch einen Dichter, wie man weiss, durch Herwegh), und dies bis zu dem Maasse, dass sich damit ein vollkommner theoretischer Widerspruch zwischen seinem früheren und seinem späteren ästhetischen Glauben aufriss, — ersterer zum Beispiel in „Oper und Drama“ ausgedrückt, letzterer in den Schriften, die er von 1870 an herausgab. In Sonderheit änderte Wagner, was vielleicht am meisten befremdet, von da an rücksichtslos sein Urtheil über Werth und Stellung der Musik selbst: was lag ihm daran, dass er bisher aus ihr ein Mittel, ein Medium, ein „Weib“ gemacht hatte, das schlechterdings eines Zweckes, eines Manns bedürfe um zu gedeihn — nämlich des Drama’s! Er begriff mit Einem Male, dass mit der Schopenhauer’schen Theorie und Neuerung mehr zu machen sei in majorem musicae gloriam, — nämlich mit der Souverainetät der Musik, so wie sie Schopenhauer begriff: die Musik abseits gestellt gegen alle übrigen Künste, die unabhängige Kunst an sich, nicht, wie diese, Abbilder der Phänomenalität bietend, vielmehr die Sprache des Willens selbst redend, unmittelbar aus dem „Abgrunde“ heraus als dessen eigenste, ursprünglichste, unabgeleitetste Offenbarung. Mit dieser ausserordentlichen Werthsteigerung der Musik, wie sie aus der Schopenhauer’schen Philosophie zu erwachsen schien, stieg mit Einem Male auch der Musiker selbst unerhört im Preise: er wurde nunmehr ein Orakel, ein Priester, ja mehr als ein Priester, eine Art Mundstück des „An-sich“ der Dinge, ein Telephon des Jenseits, — er redete fürderhin nicht nur Musik, dieser Bauchredner Gottes, — er redete Metaphysik: was Wunder, dass er endlich eines Tags asketische Ideale redete?...
6 Schopenhauer hat sich die Kantische Fassung des ästhetischen Problems zu Nutze gemacht, — obwohl er es ganz gewiss nicht mit Kantischen Augen angeschaut hat. Kant gedachte der Kunst eine Ehre zu erweisen, als er unter den Prädikaten des Schönen diejenigen bevorzugte und in den Vordergrund stellte, welche die Ehre der Erkenntniss ausmachen: Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit. Ob dies nicht in der Hauptsache ein Fehlgriff war, ist hier nicht am Orte zu verhandeln; was ich allein unterstreichen will, ist, dass Kant, gleich allen Philosophen, statt von den Erfahrungen des Künstlers (des Schaffenden) aus das ästhetische Problem zu visiren, allein vom „Zuschauer“ aus über die Kunst und das Schöne nachgedacht und dabei unvermerkt den „Zuschauer“ selber in den Begriff „schön“ hinein bekommen hat. Wäre aber wenigstens nur dieser „Zuschauer“ den Philosophen des Schönen ausreichend bekannt gewesen! — nämlich als eine grosse persönliche Thatsache und Erfahrung, als eine Fülle eigenster starker Erlebnisse, Begierden, Überraschungen, Entzückungen auf dem Gebiete des Schönen! Aber das Gegentheil war, wie ich fürchte, immer der Fall: und so bekommen wir denn von ihnen gleich von Anfang an Definitionen, in denen, wie in jener berühmten Definition, die Kant vom Schönen giebt, der Mangel an feinerer Selbst-Erfahrung in Gestalt eines dicken Wurms von Grundirrthum sitzt. „Schön ist, hat Kant gesagt, was ohne Interesse gefällt.“ Ohne Interesse! Man vergleiche mit dieser Definition jene andre, die ein wirklicher „Zuschauer“ und Artist gemacht hat — Stendhal, der das Schöne einmal une promesse de bonheur nennt. Hier ist jedenfalls gerade Das abgelehnt und ausgestrichen, was Kant allein am ästhetischen Zustande hervorhebt: le désinteressement. Wer hat Recht, Kant oder Stendhal? — Wenn freilich unsre Aesthetiker nicht müde werden, zu Gunsten Kant’s in die Wagschale zu werfen, dass man unter dem Zauber der Schönheit sogar gewandlose weibliche Statuen „ohne Interesse“ anschauen könne, so darf man wohl ein wenig auf ihre Unkosten lachen: — die Erfahrungen der Künstler sind in Bezug auf diesen heiklen Punkt „interessanter“, und Pygmalion war jedenfalls nicht nothwendig ein „unästhetischer Mensch“. Denken wir um so besser von der Unschuld unsrer Aesthetiker, welche sich in solchen Argumenten spiegelt, rechnen wir es zum Beispiel Kanten zu Ehren an, was er über das Eigenthümliche des Tastsinns mit landpfarrermässiger Naivetät zu lehren weiss! — Und hier kommen wir auf Schopenhauer zurück, der in ganz andrem Maasse als Kant den Künsten nahestand und doch nicht aus dem Bann der Kantischen Definition herausgekommen ist: wie kam das? Der Umstand ist wunderlich genug: das Wort „ohne Interesse“ interpretirte er sich in der allerpersönlichsten Weise, aus einer Erfahrung heraus, die bei ihm zu den regelmässigsten gehört haben muss. Über wenig Dinge redet Schopenhauer so sicher wie über die Wirkung der ästhetischen Contemplation: er sagt ihr nach, dass sie gerade der geschlechtlichen „Interessirtheit“ entgegenwirke, ähnlich also wie Lupulin und Kampher, er ist nie müde geworden, dieses Loskommen vom „Willen“ als den grossen Vorzug und Nutzen des ästhetischen Zustandes zu verherrlichen. Ja man möchte versucht sein zu fragen, ob nicht seine Grundconception von „Willen und Vorstellung“, der Gedanke, dass es eine Erlösung vom „Willen“ einzig durch die „Vorstellung“ geben könne, aus einer Verallgemeinerung jener Sexual-Erfahrung ihren Ursprung genommen habe. (Bei allen Fragen in Betreff der Schopenhauer’schen Philosophie ist, anbei bemerkt, niemals ausser Acht zu lassen, dass sie die Conception eines sechsundzwanzigjährigen Jünglings ist; so dass sie nicht nur an dem Spezifischen Schopenhauer’s, sondern auch an dem Spezifischen jener Jahreszeit des Lebens Antheil hat.) Hören wir zum Beispiel eine der ausdrücklichsten Stellen unter den zahllosen, die er zu Ehren des ästhetischen Zustandes geschrieben hat (Welt als Wille und Vorstellung I 231), hören wir den Ton heraus, das Leiden, das Glück, die Dankbarkeit, mit der solche Worte gesprochen worden sind. „Das ist der schmerzenslose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut und als den Zustand der Götter pries; wir sind, für jenen Augenblick, des schnöden Willensdranges entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht still“... Welche Vehemenz der Worte! Welche Bilder der Qual und des langen Überdrusses! Welche fast pathologische Zeit-Gegenüberstellung „jenes Augenblicks“ und des sonstigen „Rads des Ixions“, der „Zuchthausarbeit des Wollens“, des „schnöden Willensdrangs“! — Aber gesetzt, dass Schopenhauer hundert Mal für seine Person Recht hätte, was wäre damit für die Einsicht in’s Wesen des Schönen gethan? Schopenhauer hat eine Wirkung des Schönen beschrieben, die willen-calmirende, — ist sie auch nur eine regelmässige? Stendhal, wie gesagt, eine nicht weniger sinnliche, aber glücklicher gerathene Natur als Schopenhauer, hebt eine andre Wirkung des Schönen hervor: „das Schöne verspricht Glück“, ihm scheint gerade die Erregung des Willens („des Interesses“) durch das Schöne der Thatbestand. Und könnte man nicht zuletzt Schopenhauern selber einwenden, dass er sehr mit Unrecht sich hierin Kantianer dünke, dass er ganz und gar nicht die Kantische Definition des Schönen Kantisch verstanden habe, — dass auch ihm das Schöne aus einem „Interesse“ gefalle, sogar aus dem allerstärksten, allerpersönlichsten Interesse: dem des Torturirten, der von seiner Tortur loskommt?... Und, um auf unsre erste Frage zurückzukommen, „was bedeutet es, wenn ein Philosoph dem asketischen Ideale huldigt?“ so bekommen wir hier wenigstens einen ersten Wink: er will von einer Tortur loskommen. —
7 Hüten wir uns, bei dem Wort „Tortur“ gleich düstere Gesichter zu machen: es bleibt gerade in diesem Falle genug dagegen zu rechnen, genug abzuziehn, — es bleibt selbst etwas zu lachen. Unterschätzen wir es namentlich nicht, dass Schopenhauer, der die Geschlechtlichkeit in der That als persönlichen Feind behandelt hat (einbegriffen deren Werkzeug, das Weib, dieses „instrumentum diaboli“), Feinde nöthig hatte, um guter Dinge zu bleiben; dass er die grimmigen galligen schwarzgrünen Worte liebte; dass er zürnte, um zu zürnen, aus Passion; dass er krank geworden wäre, Pessimist geworden wäre (— denn er war es nicht, so sehr er es auch wünschte) ohne seine Feinde, ohne Hegel, das Weib, die Sinnlichkeit und den ganzen Willen zum Dasein, Dableiben. Schopenhauer wäre sonst nicht dageblieben, darauf darf man wetten, er wäre davongelaufen: seine Feinde aber hielten ihn fest, seine Feinde verführten ihn immer wieder zum Dasein, sein Zorn war, ganz wie bei den antiken Cynikern, sein Labsal, seine Erholung, sein Entgelt, sein remedium gegen den Ekel, sein Glück. So viel in Hinsicht auf das Persönlichste am Fall Schopenhauer’s; andrerseits ist an ihm noch etwas Typisches, — und hier erst kommen wir wieder auf unser Problem. Es besteht unbestreitbar, so lange es Philosophen auf Erden giebt und überall, wo es Philosophen gegeben hat (von Indien bis England, um die entgegengesetzten Pole der Begabung für Philosophie zu nehmen) eine eigentliche Philosophen-Gereiztheit und -Rancune gegen die Sinnlichkeit — Schopenhauer ist nur deren beredtester und, wenn man das Ohr dafür hat, auch hinreissendster und entzückendster Ausbruch —; es besteht insgleichen eine eigentliche Philosophen-Voreingenommenheit und -Herzlichkeit in Bezug auf das ganze asketische Ideal, darüber und dagegen soll man sich nichts vormachen. Beides gehört, wie gesagt, zum Typus; fehlt Beides an einem Philosophen, so ist er — dessen sei man sicher — immer nur ein „sogenannter“. Was bedeutet das? Denn man muss diesen Thatbestand erst interpretiren: an sich steht er da dumm in alle Ewigkeit, wie jedes „Ding an sich“. Jedes Thier, somit auch la bête philosophe, strebt instinktiv nach einem Optimum von günstigen Bedingungen, unter denen es seine Kraft ganz herauslassen kann und sein Maximum im Machtgefühl erreicht; jedes Thier perhorreszirt ebenso instinktiv und mit einer Feinheit der Witterung, die „höher ist als alle Vernunft“, alle Art Störenfriede und Hindernisse, die sich ihm über diesen Weg zum Optimum legen oder legen könnten (— es ist nicht sein Weg zum „Glück“, von dem ich rede, sondern sein Weg zur Macht, zur That, zum mächtigsten Thun, und in den meisten Fällen thatsächlich sein Weg zum Unglück). Dergestalt perhorreszirt der Philosoph die Ehe sammt dem, was zu ihr überreden möchte, — die Ehe als Hinderniss und Verhängniss auf seinem Wege zum Optimum. Welcher grosse Philosoph war bisher verheirathet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer — sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie sich nicht einmal denken als verheirathet. Ein verheiratheter Philosoph gehört in die Komödie, das ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates, der boshafte Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheirathet, eigens um gerade diesen Satz zu demonstriren. Jeder Philosoph würde sprechen, wie einst Buddha sprach, als ihm die Geburt eines Sohnes gemeldet wurde: „Râhula ist mir geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet“ (Râhula bedeutet hier „ein kleiner Dämon“); jedem „freien Geiste“ müsste eine nachdenkliche Stunde kommen, gesetzt, dass er vorher eine gedankenlose gehabt hat, wie sie einst demselben Buddha kam — „eng bedrängt, dachte er bei sich, ist das Leben im Hause, eine Stätte der Unreinheit; Freiheit ist ein Verlassen des Hauses“: „dieweil er also dachte, verliess er das Haus“. Es sind im asketischen Ideale so viele Brücken zur Unabhängigkeit angezeigt, dass ein Philosoph nicht ohne ein innerliches Frohlocken und Händeklatschen die Geschichte aller jener Entschlossnen zu hören vermag, welche eines Tages Nein sagten zu aller Unfreiheit und in irgend eine Wüste giengen: gesetzt selbst, dass es bloss starke Esel waren und ganz und gar das Gegenstück eines starken Geistes. Was bedeutet demnach das asketische Ideal bei einem Philosophen? Meine Antwort ist — man wird es längst errathen haben: der Philosoph lächelt bei seinem Anblick einem Optimum der Bedingungen höchster und kühnster Geistigkeit zu, — er verneint nicht damit „das Dasein“, er bejaht darin vielmehr sein Dasein und nur sein Dasein, und dies vielleicht bis zu dem Grade, dass ihm der frevelhafte Wunsch nicht fern bleibt: pereat mundus, fiat philosophia, fiat philosophus, fiam!...
8 Man sieht, das sind keine unbestochnen Zeugen und Richter über den Werth des asketischen Ideals, diese Philosophen! Sie denken an sich, — was geht sie „der Heilige“ an! Sie denken an Das dabei, was ihnen gerade das Unentbehrlichste ist: Freiheit von Zwang, Störung, Lärm, von Geschäften, Pflichten, Sorgen; Helligkeit im Kopf; Tanz, Sprung und Flug der Gedanken; eine gute Luft, dünn, klar, frei, trocken, wie die Luft auf Höhen ist, bei der alles animalische Sein geistiger wird und Flügel bekommt; Ruhe in allen Souterrains; alle Hunde hübsch an die Kette gelegt; kein Gebell von Feindschaft und zotteliger Rancune; keine Nagewürmer verletzten Ehrgeizes; bescheidene und unterthänige Eingeweide, fleissig wie Mühlwerke, aber fern; das Herz fremd, jenseits, zukünftig, posthum, — sie denken, Alles in Allem, bei dem asketischen Ideal an den heiteren Asketismus eines vergöttlichten und flügge gewordnen Thiers, das über dem Leben mehr schweift als ruht. Man weiss, was die drei grossen Prunkworte des asketischen Ideals sind: Armuth, Demuth, Keuschheit: und nun sehe man sich einmal das Leben aller grossen fruchtbaren erfinderischen Geister aus der Nähe an, — man wird darin alle drei bis zu einem gewissen Grade immer wiederfinden. Durchaus nicht, wie sich von selbst versteht, als ob es etwa deren „Tugenden“ wären — was hat diese Art Mensch mit Tugenden zu schaffen! — sondern als die eigentlichsten und natürlichsten Bedingungen ihres besten Daseins, ihrer schönsten Fruchtbarkeit. Dabei ist es ganz wohl möglich, dass ihre dominirende Geistigkeit vorerst einem unbändigen und reizbaren Stolze oder einer muthwilligen Sinnlichkeit Zügel anzulegen hatte oder dass sie ihren Willen zur „Wüste“ vielleicht gegen einen Hang zum Luxus und zum Ausgesuchtesten, insgleichen gegen eine verschwenderische Liberalität mit Herz und Hand schwer genug aufrecht erhielt. Aber sie that es, eben als der dominirende Instinkt, der seine Forderungen bei allen andren Instinkten durchsetzte — sie thut es noch; thäte sie’s nicht, so dominirte sie eben nicht. Daran ist also nichts von „Tugend“. Die Wüste übrigens, von welcher ich eben sprach, in die sich die starken, unabhängig gearteten Geister zurückziehn und vereinsamen — oh wie anders sieht sie aus, als die Gebildeten sich eine Wüste träumen! — unter Umständen sind sie es nämlich selbst, diese Gebildeten. Und gewiss ist es, dass alle Schauspieler des Geistes es schlechterdings nicht in ihr aushielten, — für sie ist sie lange nicht romantisch und syrisch genug, lange nicht Theater-Wüste genug! Es fehlt allerdings auch in ihr nicht an Kameelen: darauf aber beschränkt sich die ganze Ähnlichkeit. Eine willkürliche Obskurität vielleicht; ein Aus-dem-Wege-Gehn vor sich selber; eine Scheu vor Lärm, Verehrung, Zeitung, Einfluss; ein kleines Amt, ein Alltag, Etwas, das mehr verbirgt als an’s Licht stellt; ein Umgang gelegentlich mit harmlosem heitrem Gethier und Geflügel, dessen Anblick erholt, ein Gebirge zur Gesellschaft, aber kein todtes, eins mit Augen (das heisst mit Seen); unter Umständen selbst ein Zimmer in einem vollen Allerwelts-Gasthof, wo man sicher ist, verwechselt zu werden, und ungestraft mit Jedermann reden kann, — das ist hier „Wüste“: oh sie ist einsam genug, glaubt es mir! Wenn Heraklit sich in die Freihöfe und Säulengänge des ungeheuren Artemis-Tempels zurückzog, so war diese „Wüste“ würdiger, ich gebe es zu: weshalb fehlen uns solche Tempel? (— sie fehlen uns vielleicht nicht: eben gedenke ich meines schönsten Studirzimmers der Piazza di San Marco, Frühling vorausgesetzt, insgleichen Vormittag, die Zeit zwischen 10 und 12.) Das aber, dem Heraklit auswich, ist das Gleiche noch, dem wir jetzt aus dem Wege gehn: der Lärm und das Demokraten-Geschwätz der Ephesier, ihre Politik, ihre Neuigkeiten vom „Reich“ (Persien, man versteht mich), ihr Markt-Kram von „Heute“, — denn wir Philosophen brauchen zu allererst vor Einem Ruhe: vor allem „Heute“. Wir verehren das Stille, das Kalte, das Vornehme, das Ferne, das Vergangne Jegliches überhaupt, bei dessen Aspekt die Seele sich nicht zu vertheidigen und zuzuschnüren hat, — Etwas, mit dem man reden kann, ohne laut zu reden. Man höre doch nur auf den Klang, den ein Geist hat, wenn er redet: jeder Geist hat seinen Klang, liebt seinen Klang. Das dort zum Beispiel muss wohl ein Agitator sein, will sagen ein Hohlkopf, Hohltopf: was auch nur in ihn hineingeht, jeglich Ding kommt dumpf und dick aus ihm zurück, beschwert mit dem Echo der grossen Leere. Jener dort spricht selten anders als heiser: hat er sich vielleicht heiser gedacht? Das wäre möglich — man frage die Physiologen —, aber wer in Worten denkt, denkt als Redner und nicht als Denker (es verräth, dass er im Grunde nicht Sachen, nicht sachlich denkt, sondern nur in Hinsicht auf Sachen, dass er eigentlich sich und seine Zuhörer denkt). Dieser Dritte da redet aufdringlich, er tritt zu nahe uns an den Leib, sein Athem haucht uns an, — unwillkürlich schliessen wir den Mund, obwohl es ein Buch ist, durch das er zu uns spricht: der Klang seines Stils sagt den Grund davon, — dass er keine Zeit hat, dass er schlecht an sich selber glaubt, dass er heute oder niemals mehr zu Worte kommt. Ein Geist aber, der seiner selbst gewiss ist, redet leise; er sucht die Verborgenheit, er lässt auf sich warten. Man erkennt einen Philosophen daran, dass er drei glänzenden und lauten Dingen aus dem Wege geht, dem Ruhme, den Fürsten und den Frauen: womit nicht gesagt ist, dass sie nicht zu ihm kämen. Er scheut allzuhelles Licht: deshalb scheut er seine Zeit und deren „Tag“. Darin ist er wie ein Schatten: je mehr ihm die Sonne sinkt, um so grösser wird er. Was seine „Demuth“ angeht, so verträgt er, wie er das Dunkel verträgt, auch eine gewisse Abhängigkeit und Verdunkelung: mehr noch, er fürchtet sich vor der Störung durch Blitze, er schreckt vor der Ungeschütztheit eines allzu isolirten und preisgegebenen Baums zurück, an dem jedes schlechte Wetter seine Laune, jede Laune ihr schlechtes Wetter auslässt. Sein „mütterlicher“ Instinkt, die geheime Liebe zu dem, was in ihm wächst, weist ihn auf Lagen hin, wo man es ihm abnimmt, an sich zu denken; in gleichem Sinne, wie der Instinkt der Mutter im Weibe die abhängige Lage des Weibes überhaupt bisher festgehalten hat. Sie verlangen zuletzt wenig genug, diese Philosophen, ihr Wahlspruch ist „wer besitzt, wird besessen“ —: nicht, wie ich wieder und wieder sagen muss, aus einer Tugend, aus einem verdienstlichen Willen zur Genügsamkeit und Einfalt, sondern weil es ihr oberster Herr so von ihnen verlangt, klug und unerbittlich verlangt: als welcher nur für Eins Sinn hat und Alles, Zeit, Kraft, Liebe, Interesse nur dafür sammelt, nur dafür aufspart. Diese Art Mensch liebt es nicht, durch Feindschaften gestört zu werden, auch durch Freundschaften nicht: sie vergisst oder verachtet leicht. Es dünkt ihr ein schlechter Geschmack, den Märtyrer zu machen; „für die Wahrheit zu leiden“ — das überlässt sie den Ehrgeizigen und Bühnenhelden des Geistes und wer sonst Zeit genug dazu hat (— sie selbst, die Philosophen, haben Etwas für die Wahrheit zu thun). Sie machen einen sparsamen Verbrauch von grossen Worten; man sagt, dass ihnen selbst das Wort „Wahrheit“ widerstehe: es klinge grossthuerisch... Was endlich die „Keuschheit“ der Philosophen anbelangt, so hat diese Art Geist ihre Fruchtbarkeit ersichtlich wo anders als in Kindern; vielleicht wo anders auch das Fortleben ihres Namens, ihre kleine Unsterblichkeit (noch unbescheidener drückte man sich im alten Indien unter Philosophen aus „wozu Nachkommenschaft Dem, dessen Seele die Welt ist?“). Darin ist Nichts von Keuschheit aus irgend einem asketischen Skrupel und Sinnenhass, so wenig es Keuschheit ist, wenn ein Athlet oder Jockey sich der Weiber enthält: so will es vielmehr, zum Mindesten für die Zeiten der grossen Schwangerschaft, ihr dominirender Instinkt. Jeder Artist weiss, wie schädlich in Zuständen grosser geistiger Spannung und Vorbereitung der Beischlaf wirkt; für die mächtigsten und Instinktsichersten unter ihnen gehört dazu nicht erst die Erfahrung, die schlimme Erfahrung, — sondern eben ihr „mütterlicher“ Instinkt ist es, der hier zum Vortheil des werdenden Werkes rücksichtslos über alle sonstigen Vorräthe und Zuschüsse von Kraft, von vigor des animalen Lebens verfügt: die grössere Kraft verbraucht dann die kleinere. — Man lege sich übrigens den oben besprochenen Fall Schopenhauer’s nach dieser Interpretation zurecht: der Anblick des Schönen wirkte offenbar bei ihm als auslösender Reiz auf die Hauptkraft seiner Natur (die Kraft der Besinnung und des vertieften Blicks); so dass diese dann explodirte und mit Einem Male Herr des Bewusstseins wurde. Damit soll durchaus die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sein, dass jene eigenthümliche Süssigkeit und Fülle, die dem ästhetischen Zustande eigen ist, gerade von der Ingredienz „Sinnlichkeit“ ihre Herkunft nehmen könnte, (wie aus derselben Quelle jener „Idealismus“ stammt, der mannbaren Mädchen eignet) — dass somit die Sinnlichkeit beim Eintritt des ästhetischen Zustandes nicht aufgehoben ist, wie Schopenhauer glaubte, sondern sich nur transfigurirt und nicht als Geschlechtsreiz mehr in’s Bewusstsein tritt. Auf diesen Gesichtspunkt werde ich ein andres Mal zurückkommen, im Zusammenhang mit noch delikateren Problemen der bisher so unberührten, so unaufgeschlossenen Physiologie der Ästhetik.)
9 Ein gewisser Asketismus, wir sahen es, eine harte und heitere Entsagsamkeit besten Willens gehört zu den günstigen Bedingungen höchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natürlichsten Folgen: so wird es von vornherein nicht Wunder nehmen, wenn das asketische Ideal gerade von den Philosophen nie ohne einige Voreingenommenheit behandelt worden ist. Bei einer ernsthaften historischen Nachrechnung erweist sich sogar das Band zwischen asketischem Ideal und Philosophie als noch viel enger und strenger. Man könnte sagen, dass erst am Gängelbande dieses Ideals die Philosophie überhaupt gelernt habe, ihre ersten Schritte und Schrittchen auf Erden zu machen — ach, noch so ungeschickt, ach, mit noch so verdrossnen Mienen, ach, so bereit, umzufallen und auf dem Bauch zu liegen, dieser kleine schüchterne Tapps und Zärtling mit krummen Beinen! Es ist der Philosophie anfangs ergangen wie allen guten Dingen, — sie hatten lange keinen Muth zu sich selber, sie sahen sich immer um, ob ihnen Niemand zu Hülfe kommen wolle, mehr noch, sie fürchteten sich vor Allen, die ihnen zusahn. Man rechne sich die einzelnen Triebe und Tugenden des Philosophen der Reihe nach vor — seinen anzweifelnden Trieb, seinen verneinenden Trieb, seinen abwartenden („ephektischen“) Trieb, seinen analytischen Trieb, seinen forschenden, suchenden, wagenden Trieb, seinen vergleichenden, ausgleichenden Trieb, seinen Willen zu Neutralität und Objektivität, seinen Willen zu jedem „sine ira et studio“ —: hat man wohl schon begriffen, dass sie allesammt die längste Zeit den ersten Forderungen der Moral und des Gewissens entgegen giengen? (gar nicht zu reden von der Vernunft überhaupt, welche noch Luther Fraw Klüglin die kluge Hur zu nennen liebte). Dass ein Philosoph, falls er sich zum Bewusstsein gekommen wäre, sich geradezu als das leibhafte „nitimur in vetitum“ hätte fühlen müssen — und sich folglich hütete, „sich zu fühlen“, sich zum Bewusstsein zu kommen?... Es steht, wie gesagt, nicht anders mit allen guten Dingen, auf die wir heute stolz sind; selbst noch mit dem Maasse der alten Griechen gemessen, nimmt sich unser ganzes modernes Sein, soweit es nicht Schwäche, sondern Macht und Machtbewusstsein ist, wie lauter Hybris und Gottlosigkeit aus: denn gerade die umgekehrten Dinge, als die sind, welche wir heute verehren, haben die längste Zeit das Gewissen auf ihrer Seite und Gott zu ihrem Wächter gehabt. Hybris ist heute unsre ganze Stellung zur Natur, unsre Natur-Vergewaltigung mit Hülfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit; Hybris ist unsre Stellung zu Gott, will sagen zu irgend einer angeblichen Zweck- und Sittlichkeits-Spinne hinter dem grossen Fangnetz-Gewebe der Ursächlichkeit — wir dürften wie Karl der Kühne im Kampfe mit Ludwig dem Elften sagen „je combats l’universelle araignée“ —; Hybris ist unsre Stellung zu uns, — denn wir experimentiren mit uns, wie wir es uns mit keinem Thiere erlauben würden und schlitzen uns vergnügt und neugierig die Seele bei lebendigem Leibe auf: was liegt uns noch am „Heil“ der Seele! Hinterdrein heilen wir uns selber: Kranksein ist lehrreich, wir zweifeln nicht daran, lehrreicher noch als Gesundsein, — die Krankmacher scheinen uns heute nöthiger selbst als irgend welche Medizinmänner und „Heilande“. Wir vergewaltigen uns jetzt selbst, es ist kein Zweifel, wir Nussknacker der Seele, wir Fragenden und Fragwürdigen, wie als ob Leben nichts Anderes sei, als Nüsseknacken; ebendamit müssen wir nothwendig täglich immer noch fragwürdiger, würdiger zu fragen werden, ebendamit vielleicht auch würdiger — zu leben?... Alle guten Dinge waren ehemals schlimme Dinge; aus jeder Erbsünde ist eine Erbtugend geworden. Die Ehe zum Beispiel schien lange eine Versündigung am Rechte der Gemeinde; man hat einst Busse dafür gezahlt, so unbescheiden zu sein und sich ein Weib für sich anzumaassen (dahin gehört zum Beispiel das jus primae noctis, heute noch in Cambodja das Vorrecht der Priester, dieser Bewahrer „alter guter Sitten“). Die sanften, wohlwollenden, nachgiebigen, mitleidigen Gefühle — nachgerade so hoch im Werthe, dass sie fast „die Werthe an sich“ sind — hatten die längste Zeit gerade die Selbstverachtung gegen sich: man schämte sich der Milde, wie man sich heute der Härte schämt (vergl. „Jenseits von Gut und Böse“ S. 232). Die Unterwerfung unter das Recht: — oh mit was für Gewissens-Widerstande haben die vornehmen Geschlechter überall auf Erden ihrerseits Verzicht auf Vendetta geleistet und dem Recht über sich Gewalt eingeräumt! Das „Recht“ war lange ein vetitum, ein Frevel, eine Neuerung, es trat mit Gewalt auf, als Gewalt, der man sich nur mit Scham vor sich selber fügte. Jeder kleinste Schritt auf der Erde ist ehedem mit geistigen und körperlichen Martern erstritten worden: dieser ganze Gesichtspunkt, „dass nicht nur das Vorwärtsschreiten, nein! das Schreiten, die Bewegung, die Veränderung ihre unzähligen Märtyrer nöthig gehabt hat“, klingt gerade heute uns so fremd, — ich habe ihn in der „Morgenröthe“ S. 17 ff. an’s Licht gestellt. „Nichts ist theurer erkauft, heisst es daselbst S. 19, als das Wenige von menschlicher Vernunft und vom Gefühle der Freiheit, was jetzt unsern Stolz ausmacht. Dieser Stolz aber ist es, dessentwegen es uns jetzt fast unmöglich wird, mit jenen ungeheuren Zeitstrecken der „Sittlichkeit der Sitte“ zu empfinden, welche der „Weltgeschichte“ vorausliegen, als die wirkliche und entscheidende Hauptgeschichte, welche den Charakter der Menschheit festgestellt hat: wo das Leiden als Tugend, die Grausamkeit als Tugend, die Verstellung als Tugend, die Rache als Tugend, die Verleugnung der Vernunft als Tugend, dagegen das Wohlbefinden als Gefahr, die Wissbegierde als Gefahr, der Friede als Gefahr, das Mitleiden als Gefahr, das Bemitleidetwerden als Schimpf, die Arbeit als Schimpf, der Wahnsinn als Göttlichkeit die Veränderung als das Unsittliche und Verderbenschwangere an sich überall in Geltung war!“ —
10 In demselben Buche S. 39 ist auseinander gesetzt, in welcher Schätzung, unter welchem Druck von Schätzung das älteste Geschlecht contemplativer Menschen zu leben hatte, — genau so weit verachtet als es nicht gefürchtet wurde! Die Contemplation ist in vermummter Gestalt, in einem zweideutigen Ansehn, mit einem bösen Herzen und oft mit einem geängstigten Kopfe zuerst auf der Erde erschienen: daran ist kein Zweifel. Das Inaktive, Brütende, Unkriegerische in den Instinkten contemplativer Menschen legte lange ein tiefes Misstrauen um sie herum: dagegen gab es kein anderes Mittel als entschieden Furcht vor sich erwecken. Und darauf haben sich zum Beispiel die alten Brahmanen verstanden! Die ältesten Philosophen wussten ihrem Dasein und Erscheinen einen Sinn, einen Halt und Hintergrund zu geben, auf den hin man sie fürchten lernte: genauer erwogen, aus einem noch fundamentaleren Bedürfnisse heraus, nämlich um vor sich selbst Furcht und Ehrfurcht zu gewinnen. Denn sie fanden in sich alle Werthurtheile gegen sich gekehrt, sie hatten gegen „den Philosophen in sich“ jede Art Verdacht und Widerstand niederzukämpfen. Dies thaten sie, als Menschen furchtbarer Zeitalter, mit furchtbaren Mitteln: die Grausamkeit gegen sich, die erfinderische Selbstkasteiung — das war das Hauptmittel dieser machtdurstigen Einsiedler und Gedanken-Neuerer, welche es nöthig hatten, in sich selbst erst die Götter und das Herkömmliche zu vergewaltigen, um selbst an ihre Neuerung glauben zu können. Ich erinnere an die berühmte Geschichte des Königs Viçvamitra, der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen neuen Himmel zu bauen: das unheimliche Symbol der ältesten und jüngsten Philosophen-Geschichte auf Erden, — Jeder, der irgendwann einmal einen „neuen Himmel“ gebaut hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle... Drücken wir den ganzen Thatbestand in kurze Formeln zusammen: der philosophische Geist hat sich zunächst immer in die früher festgestellten Typen des contemplativen Menschen verkleiden und verpuppen müssen, als Priester, Zauberer, Wahrsager, überhaupt als religiöser Mensch, um in irgend einem Maasse auch nur möglich zu sein: das asketische Ideal hat lange Zeit dem Philosophen als Erscheinungsform, als Existenz-Voraussetzung gedient, — er musste es darstellen, um Philosoph sein zu können, er musste an dasselbe glauben, um es darstellen zu können. Die eigenthümlich weltverneinende, lebensfeindliche, sinnenungläubige, entsinnlichte Abseits-Haltung der Philosophen, welche bis auf die neueste Zeit festgehalten worden ist und damit beinahe als Philosophen-Attitüde an sich Geltung gewonnen hat, — sie ist vor Allem eine Folge des Nothstandes von Bedingungen, unter denen Philosophie überhaupt entstand und bestand: insofern nämlich die längste Zeit Philosophie auf Erden gar nicht möglich gewesen wäre ohne eine asketische Hülle und Einkleidung, ohne ein asketisches Selbst-Missverständniss. Anschaulich und augenscheinlich ausgedrückt: der asketische Priester hat bis auf die neueste Zeit die widrige und düstere Raupenform abgegeben, unter der allein die Philosophie leben durfte und herumschlich... Hat sich das wirklich verändert? Ist das bunte und gefährliche Flügelthier, jener „Geist“, den diese Raupe in sich barg, wirklich, Dank einer sonnigeren, wärmeren, aufgehellteren Welt, zuletzt doch noch entkuttet und in’s Licht hinausgelassen worden? Ist heute schon genug Stolz, Wagniss, Tapferkeit, Selbstgewissheit, Wille des Geistes, Wille zur Verantwortlichkeit, Freiheit des Willens vorhanden, dass wirklich nunmehr auf Erden „der Philosoph“ — möglich ist?...
11 Jetzt erst, nachdem wir den asketischen Priester in Sicht bekommen haben, rücken wir unsrem Probleme: was bedeutet das asketische Ideal? ernsthaft auf den Leib, — jetzt erst wird es „Ernst“: wir haben nunmehr den eigentlichen Repräsentanten des Ernstes überhaupt uns gegenüber. „Was bedeutet aller Ernst?“ — diese noch grundsätzlichere Frage legt sich vielleicht hier schon auf unsre Lippen: eine Frage für Physiologen, wie billig, an der wir aber einstweilen noch vorüberschlüpfen. Der asketische Priester hat in jenem Ideale nicht nur seinen Glauben, sondern auch seinen Willen, seine Macht, sein Interesse. Sein Recht zum Dasein steht und fällt mit jenem Ideale: was Wunder, dass wir hier auf einen furchtbaren Gegner stossen, gesetzt nämlich, das wir die Gegner jenes Ideals wären? eines solchen, der um seine Existenz gegen die Leugner jenes Ideales kämpft?... Andrerseits ist es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass eine dergestalt interessirte Stellung zu unsrem Probleme diesem sonderlich zu Nutze kommen wird; der asketische Priester wird schwerlich selbst nur den glücklichsten Vertheidiger seines Ideals abgeben, aus dem gleichen Grunde, aus dem es einem Weibe zu misslingen pflegt, wenn es „das Weib an sich“ vertheidigen will, — geschweige denn den objektivsten Beurtheiler und Richter der hier aufgeregten Controverse. Eher also werden wir ihm noch zu helfen haben — so viel liegt jetzt schon auf der Hand — sich gut gegen uns zu vertheidigen als dass wir zu fürchten hätten, zu gut von ihm widerlegt zu werden... Der Gedanke, um den hier gekämpft wird, ist die Werthung unsres Lebens seitens der asketischen Priester: dasselbe wird (sammt dem, wozu es gehört, „Natur“, „Welt“, die gesammte Sphäre des Werdens und der Vergänglichkeit) von ihnen in Beziehung gesetzt zu einem ganz andersartigen Dasein, zu dem es sich gegensätzlich und ausschliessend verhält, es sei denn, dass es sich etwa gegen sich selber wende, sich selbst verneine: in diesem Falle, dem Falle eines asketischen Lebens, gilt das Leben als eine Brücke für jenes andre Dasein. Der Asket behandelt das Leben wie einen Irrweg, den man endlich rückwärts gehn müsse, bis dorthin, wo er anfängt; oder wie einen Irrthum, den man durch die That widerlege — widerlegen solle: denn er fordert, dass man mit ihm gehe, er erzwingt, wo er kann, seine Werthung des Daseins. Was bedeutet das? Eine solche ungeheuerliche Werthungsweise steht nicht als Ausnahmefall und Curiosum in die Geschichte des Menschen eingeschrieben: sie ist eine der breitesten und längsten Thatsachen, die es giebt. Von einem fernen Gestirn aus gelesen, würde vielleicht die Majuskel-Schrift unsres Erden-Daseins zu dem Schluss verführen, die Erde sei der eigentlich asketische Stern, ein Winkel missvergnügter, hochmüthiger und widriger Geschöpfe, die einen tiefen Verdruss an sich, an der Erde, an allem Leben gar nicht loswürden und sich selber so viel Wehe thäten als möglich, aus Vergnügen am Wehethun: — wahrscheinlich ihrem einzigen Vergnügen. Erwägen wir doch, wie regelmässig, wie allgemein, wie fast zu allen Zeiten der asketische Priester in die Erscheinung tritt; er gehört keiner einzelnen Rasse an; er gedeiht überall; er wächst aus allen Ständen heraus. Nicht dass er etwa seine Werthungsweise durch Vererbung züchtete und weiterpflanzte: das Gegentheil ist der Fall, — ein tiefer Instinkt verbietet ihm vielmehr, in’s Grosse gerechnet, die Fortpflanzung. Es muss eine Necessität ersten Rangs sein, welche diese lebensfeindliche Species immer wieder wachsen und gedeihen macht, — es muss wohl ein Interesse des Lebens selbst sein, dass ein solcher Typus des Selbstwiderspruchs nicht ausstirbt. Denn ein asketisches Leben ist ein Selbstwiderspruch: hier herrscht ein Ressentiment sonder Gleichen, das eines ungesättigten Instinktes und Machtwillens, der Herr werden möchte, nicht über Etwas am Leben, sondern über das Leben selbst, über dessen tiefste, stärkste, unterste Bedingungen; hier wird ein Versuch gemacht, die Kraft zu gebrauchen, um die Quellen der Kraft zu verstopfen; hier richtet sich der Blick grün und hämisch gegen das physiologische Gedeihen selbst, in Sonderheit gegen deren Ausdruck, die Schönheit, die Freude; während am Missrathen, Verkümmern, am Schmerz, am Unfall, am Hässlichen, an der willkürlichen Einbusse, an der Entselbstung, Selbstgeisselung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und gesucht wird. Dies ist Alles im höchsten Grade paradox: wir stehen hier vor einer Zwiespältigkeit, die sich selbst zwiespältig will, welche sich selbst in diesem Leiden geniesst und in dem Maasse sogar immer selbstgewisser und triumphirender wird, als ihre eigne Voraussetzung, die physiologische Lebensfähigkeit, abnimmt. „Der Triumph gerade in der letzten Agonie“: unter diesem superlativischen Zeichen kämpfte von jeher das asketische Ideal; in diesem Räthsel von Verführung, in diesem Bilde von Entzücken und Qual erkannte es sein hellstes Licht, sein Heil, seinen endlichen Sieg. Crux, nux, lux — das gehört bei ihm in Eins. —
12 Gesetzt, dass ein solcher leibhafter Wille zur Contradiction und Widernatur dazu gebracht wird, zu philosophiren: woran wird er seine innerlichste Willkür auslassen? An dem, was am allersichersten als wahr, als real empfunden wird: er wird den Irrthum gerade dort suchen, wo der eigentliche Lebens-Instinkt die Wahrheit am unbedingtesten ansetzt. Er wird zum Beispiel, wie es die Asketen der Vedânta-Philosophie thaten, die Leiblichkeit zur Illusion herabsetzen, den Schmerz insgleichen, die Vielheit, den ganzen Begriffs-Gegensatz „Subjekt“ und „Objekt“ — Irrthümer, Nichts als Irrthümer! Seinem Ich den Glauben versagen, sich selber seine „Realität“ verneinen — welcher Triumph! — schon nicht mehr bloss über die Sinne, über den Augenschein, eine viel höhere Art Triumph, eine Vergewaltigung und Grausamkeit an der Vernunft: als welche Wollust damit auf den Gipfel kommt, dass die asketische Selbstverachtung, Selbstverhöhnung der Vernunft dekretirt: „es giebt ein Reich der Wahrheit und des Seins, aber gerade die Vernunft ist davon ausgeschlossen!“... (Anbei gesagt: selbst noch in dem Kantischen Begriff „intelligibler Charakter der Dinge“ ist Etwas von dieser lüsternen Asketen-Zwiespältigkeit rückständig, welche Vernunft gegen Vernunft zu kehren liebt: „intelligibler Charakter“ bedeutet nämlich bei Kant eine Art Beschaffenheit der Dinge, von der der Intellekt gerade soviel begreift, dass sie für den Intellekt — ganz und gar unbegreiflich ist.) — Seien wir zuletzt, gerade als Erkennende, nicht undankbar gegen solche resolute Umkehrungen der gewohnten Perspektiven und Werthungen, mit denen der Geist allzulange scheinbar freventlich und nutzlos gegen sich selbst gewüthet hat: dergestalt einmal anders sehn, anders-sehn-wollen ist keine kleine Zucht und Vorbereitung des Intellekts zu seiner einstmaligen „Objektivität“, — letztere nicht als „interesselose Anschauung“ verstanden (als welche ein Unbegriff und Widersinn ist), sondern als das Vermögen, sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der Affekt-Interpretationen für die Erkenntnisse nutzbar zu machen weiss. Hüten wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen, von nun an besser vor der gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein „reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntniss“ angesetzt hat, hüten wir uns vor den Fangarmen solcher contradiktorischen Begriffe wie „reine Vernunft“, „absolute Geistigkeit“, „Erkenntniss an sich“: — hier wird immer ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die aktiven und interpretirenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen, durch die doch Sehen erst ein Etwas-Sehen wird, hier wird also immer ein Widersinn und Unbegriff von Auge verlangt. Es giebt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches „Erkennen“; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser „Begriff“ dieser Sache, unsre „Objektivität“ sein. Den Willen aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt castriren?...
13 Aber kehren wir zurück. Ein solcher Selbstwiderspruch, wie er sich im Asketen darzustellen scheint, „Leben gegen Leben“ ist — so viel liegt zunächst auf der Hand — physiologisch und nicht mehr psychologisch nachgerechnet, einfach Unsinn. Er kann nur scheinbar sein; er muss eine Art vorläufigen Ausdrucks, eine Auslegung, Formel, Zurechtmachung, ein psychologisches Missverständniss von Etwas sein, dessen eigentliche Natur lange nicht verstanden, lange nicht an sich bezeichnet werden konnte, — ein blosses Wort, eingeklemmt in eine alte Lücke der menschlichen Erkenntniss. Und dass ich kurz den Thatbestand dagegen stelle: das asketische Ideal entspringt dem Schutz- und Heil-Instinkte eines degenerirenden Lebens, welches sich mit allen Mitteln zu halten sucht und um sein Dasein kämpft; es deutet auf eine partielle physiologische Hemmung und Ermüdung hin, gegen welche die tiefsten, intakt gebliebenen Instinkte des Lebens unausgesetzt mit neuen Mitteln und Erfindungen ankämpfen. Das asketische Ideal ist ein solches Mittel: es steht also gerade umgekehrt als es die Verehrer dieses Ideals meinen, — das Leben ringt in ihm und durch dasselbe mit dem Tode und gegen den Tod, das asketische Ideal ist ein Kunstgriff in der Erhaltung des Lebens. Dass dasselbe in dem Maasse, wie die Geschichte es lehrt, über den Menschen walten und mächtig werden konnte, in Sonderheit überall dort, wo die Civilisation und Zähmung des Menschen durchgesetzt wurde, darin drückt sich eine grosse Thatsache aus, die Krankhaftigkeit im bisherigen Typus des Menschen, zum Mindesten des zahm gemachten Menschen, das physiologische Ringen des Menschen mit dem Tode (genauer: mit dem Überdrusse am Leben, mit der Ermüdung, mit dem Wunsche nach dem „Ende“). Der asketische Priester ist der fleischgewordne Wunsch nach einem Anders-sein, Anderswosein, und zwar der höchste Grad dieses Wunsches, dessen eigentliche Inbrunst und Leidenschaft: aber eben die Macht seines Wünschens ist die Fessel, die ihn hier anbindet, eben damit wird er zum Werkzeug, das daran arbeiten muss, günstigere Bedingungen für das Hiersein und Mensch-sein zu schaffen, — eben mit dieser Macht hält er die ganze Heerde der Missrathnen, Verstimmten, Schlechtweggekommnen, Verunglückten, An-sich-Leidenden jeder Art am Dasein fest, indem er ihnen instinktiv als Hirt vorangeht. Man versteht mich bereits: dieser asketische Priester, dieser anscheinende Feind des Lebens, dieser Verneinende, — er gerade gehört zu den ganz grossen conservirenden und Ja-schaffenden Gewalten des Lebens... Woran sie hängt, jene Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als irgend ein Thier sonst, daran ist kein Zweifel, — er ist das kranke Thier: woher kommt das? Sicherlich hat er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal herausgefordert als alle übrigen Thiere zusammen genommen: er, der grosse Experimentator mit sich, der Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft mit Thier, Natur und Göttern ringt, — er, der immer noch Unbezwungne, der ewig-Zukünftige, der vor seiner eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im Fleische jeder Gegenwart wühlt: — wie sollte ein solches muthiges und reiches Thier nicht auch das am meisten gefährdete, das am Längsten und Tiefsten kranke unter allen kranken Thieren sein?... Der Mensch hat es satt, oft genug, es giebt ganze Epidemien dieses Satthabens (— so um 1348 herum, zur Zeit des Todtentanzes): aber selbst noch dieser Ekel, diese Müdigkeit, dieser Verdruss an sich selbst — Alles tritt an ihm so mächtig heraus, dass es sofort wieder zu einer neuen Fessel wird. Sein Nein, dass er zum Leben spricht, bringt wie durch einen Zauber eine Fülle zarterer Ja’s an’s Licht; ja wenn er sich verwundet, dieser Meister der Zerstörung, Selbstzerstörung, — hinterdrein ist es die Wunde selbst, die ihn zwingt, zu leben...
14 Je normaler die Krankhaftigkeit am Menschen ist — und wir können diese Normalität nicht in Abrede stellen —, um so höher sollte man die seltnen Fälle der seelisch-leiblichen Mächtigkeit, die Glücksfälle des Menschen in Ehren halten, um so strenger die Wohlgerathnen vor der schlechtesten Luft, der Kranken-Luft behüten. Thut man das?... Die Kranken sind die grösste Gefahr für die Gesunden; nicht von den Stärksten kommt das Unheil für die Starken, sondern von den Schwächsten. Weiss man das?... In’s Grosse gerechnet, ist es durchaus nicht die Furcht vor dem Menschen, deren Verminderung man wünschen dürfte: denn diese Furcht zwingt die Starken dazu, stark, unter Umständen furchtbar zu sein, — sie hält den wohlgerathenen Typus Mensch aufrecht. Was zu fürchten ist, was verhängnissvoll wirkt wie kein andres Verhängniss, das wäre nicht die grosse Furcht, sondern der grosse Ekel vor dem Menschen; insgleichen das grosse Mitleid mit dem Menschen. Gesetzt, dass diese beiden eines Tages sich begatteten, so würde unvermeidlich sofort etwas vom Unheimlichsten zur Welt kommen, der „letzte Wille“ des Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus. Und in der That: hierzu ist Viel vorbereitet. Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft, — ich rede, wie billig, von den Culturgebieten des Menschen, von jeder Art „Europa“, das es nachgerade auf Erden giebt. Die Krankhaften sind des Menschen grosse Gefahr: nicht die Bösen, nicht die „Raubthiere“. Die von vorn herein Verunglückten, Niedergeworfnen, Zerbrochnen — sie sind es, die Schwächsten sind es, welche am Meisten das Leben unter Menschen unterminiren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen. Wo entgienge man ihm, jenem verhängten Blick, von dem man eine tiefe Traurigkeit mit fortträgt, jenem zurückgewendeten Blick des Missgebornen von Anbeginn, der es verräth, wie ein solcher Mensch zu sich selber spricht, — jenem Blick, der ein Seufzer ist. „Möchte ich irgend Jemand Anderes sein! so seufzt dieser Blick: aber da ist keine Hoffnung. Ich bin, der ich bin: wie käme ich von mir selber los? Und doch — habe ich mich satt!“... Auf solchem Boden der Selbstverachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes Unkraut, jedes Giftgewächs, und alles so klein, so versteckt, so unehrlich, so süsslich. Hier wimmeln die Würmer der Rach- und Nachgefühle; hier stinkt die Luft nach Heimlichkeiten und Uneingeständlichkeiten; hier spinnt sich beständig das Netz der bösartigsten Verschwörung, — der Verschwörung der Leidenden gegen die Wohlgerathenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt des Siegreichen gehasst. Und welche Verlogenheit, um diesen Hass nicht als Hass einzugestehn! Welcher Aufwand an grossen Worten und Attitüden, welche Kunst der „rechtschaffnen“ Verleumdung! Diese Missrathenen: welche edle Beredsamkeit entströmt ihren Lippen! Wie viel zuckrige, schleimige demüthige Ergebung schwimmt in ihren Augen! Was wollen sie eigentlich? Die Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit wenigstens darstellen — das ist der Ehrgeiz dieser „Untersten“, dieser Kranken! Und wie geschickt macht ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge der Tugend, selbst der Klingklang, der Goldklang der Tugend nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen, diese Schwachen und Heillos-Krankhaften, daran ist kein Zweifel: „wir allein sind die Guten, die Gerechten, so sprechen sie, wir allein sind die homines bonae voluntatis“. Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns, — wie als ob Gesundheit, Wohlgerathenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büssen, bitter büssen müsse: oh wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein! Unter ihnen giebt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort „Gerechtigkeit“ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, Alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten Muths seine Strasse zieht. Unter ihnen fehlt auch jene ekelhafteste Species der Eitlen nicht, die verlognen Missgeburten, die darauf aus sind, „schöne Seelen“ darzustellen und etwa ihre verhunzte Sinnlichkeit, in Verse und andere Windeln gewickelt, als „Reinheit des Herzens“ auf den Markt bringen: die Species der moralischen Onanisten und „Selbstbefriediger“. Der Wille der Kranken, irgend eine Form der Überlegenheit darzustellen, ihr Instinkt für Schleichwege, die zu einer Tyrannei über die Gesunden führen, — wo fände er sich nicht, dieser Wille gerade der Schwächsten zur Macht! Das kranke Weib in Sonderheit: Niemand übertrifft es in Raffinements, zu herrschen, zu drücken, zu tyrannisiren. Das kranke Weib schont dazu nichts Lebendiges, nichts Todtes, es gräbt die begrabensten Dinge wieder auf (die Bogos sagen: „das Weib ist eine Hyäne“). Man blicke in die Hintergründe jeder Familie, jeder Körperschaft, jedes Gemeinwesens: überall der Kampf der Kranken gegen die Gesunden, — ein stiller Kampf zumeist mit kleinen Giftpulvern, mit Nadelstichen, mit tückischem Dulder-Mienenspiele, mitunter aber auch mit jenem Kranken-Pharisäismus der lauten Gebärde, der am liebsten „die edle Entrüstung“ spielt. Bis in die geweihten Räume der Wissenschaft hinein möchte es sich hörbar machen, das heisere Entrüstungsgebell der krankhaften Hunde, die bissige Verlogenheit und Wuth solcher „edlen“ Pharisäer ( — ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bumbum macht: Dühring, das erste Moral-Grossmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten). Das sind alles Menschen des Ressentiment, diese physiologisch Verunglückten und Wurmstichigen, ein ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache, unerschöpflich, unersättlich in Ausbrüchen gegen die Glücklichen und ebenso in Maskeraden der Rache, in Vorwänden zur Rache: wann würden sie eigentlich zu ihrem letzten, feinsten, sublimsten Triumph der Rache kommen? Dann unzweifelhaft, wenn es ihnen gelänge, ihr eignes Elend, alles Elend überhaupt den Glücklichen in’s Gewissen zu schieben: so dass diese sich eines Tags ihres Glücks zu schämen begönnen und vielleicht unter einander sich sagten: „es ist eine Schande, glücklich zu sein! es giebt zu viel Elend!“... Aber es könnte gar kein grösseres und verhängnissvolleres Missverständniss geben, als wenn dergestalt die Glücklichen, die Wohlgerathenen, die Mächtigen an Leib und Seele anfiengen, an ihrem Recht auf Glück zu zweifeln. Fort mit dieser „verkehrten Welt“! Fort mit dieser schändlichen Verweichlichung des Gefühls! Dass die Kranken nicht die Gesunden krank machen — und dies wäre eine solche Verweichlichung —, das sollte doch der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein: — dazu aber gehört vor allen Dingen, dass die Gesunden von den Kranken abgetrennt bleiben, behütet selbst vor dem Anblick der Kranken, dass sie sich nicht mit den Kranken verwechseln. Oder wäre es etwa ihre Aufgabe, Krankenwärter oder Ärzte zu sein?... Aber sie könnten ihre Aufgabe gar nicht schlimmer verkennen und verleugnen, — das Höhere soll sich nicht zum Werkzeug des Niedrigen herabwürdigen, das Pathos der Distanz soll in alle Ewigkeit auch die Aufgaben aus einander halten! Ihr Recht, dazusein, das Vorrecht der Glocke mit vollem Klange vor der misstönigen, zersprungenen, ist ja ein tausendfach grösseres: sie allein sind die Bürgen der Zukunft, sie allein sind verpflichtet für die Menschen-Zukunft. Was sie können, was sie sollen, das dürften niemals Kranke können und sollen: aber damit sie können, was nur sie sollen, wie stünde es ihnen noch frei, den Arzt, den Trostbringer, den „Heiland“ der Kranken zu machen?... Und darum gute Luft! gute Luft! Und weg jedenfalls aus der Nähe von allen Irren- und Krankenhäusern der Cultur! Und darum gute Gesellschaft, unsre Gesellschaft! Oder Einsamkeit, wenn es sein muss! Aber weg jedenfalls von den üblen Dünsten der innewendigen Verderbniss und des heimlichen Kranken-Wurmfrasses!... Damit wir uns selbst nämlich, meine Freunde, wenigstens eine Weile noch gegen die zwei schlimmsten Seuchen vertheidigen, die gerade für uns aufgespart sein mögen, — gegen den grossen Ekel am Menschen! gegen das grosse Mitleid mit dem Menschen!...
15 Hat man in aller Tiefe begriffen — und ich verlange, dass man hier gerade tief greift, tief begreift — inwiefern es schlechterdings nicht die Aufgabe der Gesunden sein kann, Kranke zu warten, Kranke gesund zu machen, so ist damit auch eine Nothwendigkeit mehr begriffen, — die Nothwendigkeit von Ärzten und Krankenwärtern, die selber krank sind: und nunmehr haben und halten wir den Sinn des asketischen Priesters mit beiden Händen. Der asketische Priester muss uns als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Heerde gelten: damit erst verstehen wir seine ungeheure historische Mission. Die Herrschaft über Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein Instinkt an, in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art von Glück. Er muss selber krank sein, er muss den kranken und Schlechtweggekommenen von Grund aus verwandt sein, um sie zu verstehen, — um sich mit ihnen zu verstehen; aber er muss auch stark sein, mehr Herr noch über sich als über Andere, unversehrt namentlich in seinem Willen zur Macht, damit er das Vertrauen und die Furcht der Kranken hat, damit er ihnen Halt, Widerstand, Stütze, Zwang, Zuchtmeister, Tyrann, Gott sein kann. Er hat sie zu vertheidigen, seine Heerde — gegen wen? Gegen die Gesunden, es ist kein Zweifel, auch gegen den Neid auf die Gesunden; er muss der natürliche Widersacher und Verächter aller rohen, stürmischen, zügellosen, harten, gewaltthätig-raubthierhaften Gesundheit und Mächtigkeit sein. Der Priester ist die erste Form des delikateren Thiers, das leichter noch verachtet als hasst. Es wird ihm nicht erspart bleiben, Krieg zu führen mit den Raubthieren, einen Krieg der List (des „Geistes“) mehr als der Gewalt, wie sich von selbst versteht, — er wird es dazu unter Umständen nöthig haben, beinahe einen neuen Raubthier-Typus an sich herauszubilden, mindestens zu bedeuten, — eine neue Thier-Furchtbarkeit, in welcher der Eisbär, die geschmeidige kalte abwartende Tigerkatze und nicht am wenigsten der Fuchs zu einer ebenso anziehenden als furchteinflössenden Einheit gebunden scheinen. Gesetzt, dass die Noth ihn zwingt, so tritt er dann wohl bärenhaft-ernst, ehrwürdig, klug, kalt, trügerisch-überlegen, als Herold und Mundstück geheimnissvollerer Gewalten, mitten unter die andere Art Raubthiere selbst, entschlossen, auf diesem Boden Leid, Zwiespalt, Selbstwiderspruch, wo er kann, auszusäen und, seiner Kunst nur zu gewiss, über Leidende jederzeit Herr zu werden. Er bringt Salben und Balsam mit, es ist kein Zweifel; aber erst hat er nöthig, zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die Wunde macht, vergiftet er zugleich die Wunde — darauf vor Allem nämlich versteht er sich, dieser Zauberer und Raubthier-Bändiger, in dessen Umkreis alles Gesunde nothwendig krank und alles Kranke nothwendig zahm wird. Er vertheidigt in der That gut genug seine kranke Heerde, dieser seltsame Hirt, — er vertheidigt sie auch gegen sich, gegen die in der Heerde selbst glimmende Schlechtigkeit, Tücke, Böswilligkeit und was sonst allen Süchtigen und Kranken unter einander zu eigen ist, er kämpft klug, hart und heimlich mit der Anarchie und der jederzeit beginnenden Selbstauflösung innerhalb der Heerde, in welcher jener gefährlichste Spreng- und Explosivstoff, das Ressentiment, sich beständig häuft und häuft. Diesen Sprengstoff so zu entladen, dass er nicht die Heerde und nicht den Hirten zersprengt, das ist sein eigentliches Kunststück, auch seine oberste Nützlichkeit; wollte man den Werth der priesterlichen Existenz in die kürzeste Formel fassen, so wäre geradewegs zu sagen: der Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment. Jeder Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Thäter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Thäter, — kurz, irgend etwas Lebendiges, an dem er seine Affekte thätlich, oder in effigie auf irgend einen Vorwand hin entladen kann: denn die Affekt-Entladung ist der grösste Erleichterungs- nämlich Betäubungs-Versuch des Leidenden, sein unwillkürlich begehrtes Narcoticum gegen Qual irgend welcher Art. Hierin allein ist, meiner Vermuthung nach, die wirkliche physiologische Ursächlichkeit des Ressentiment, der Rache und ihrer Verwandten, zu finden, in einem Verlangen also nach Betäubung von Schmerz durch Affekt: — man sucht dieselbe gemeinhin, sehr irrthümlich, wie mich dünkt, in dem Defensiv-Gegenschlag, einer blossen Schutzmaassregel der Reaktion, einer „Reflexbewegung“ im Falle irgend einer plötzlichen Schädigung und Gefährdung, von der Art, wie sie ein Frosch ohne Kopf noch vollzieht, um eine ätzende Säure loszuwerden. Aber die Verschiedenheit ist fundamental: im Einen Falle will man weiteres Beschädigtwerden hindern, im anderen Falle will man einen quälenden, heimlichen, unerträglich-werdenden Schmerz durch eine heftigere Emotion irgend welcher Art betäuben und für den Augenblick wenigstens aus dem Bewusstsein schaffen, — dazu braucht man einen Affekt, einen möglichst wilden Affekt und, zu dessen Erregung, den ersten besten Vorwand. „Irgend Jemand muss schuld daran sein, dass ich mich schlecht befinde“ — diese Art zu schliessen ist allen Krankhaften eigen, und zwar je mehr ihnen die wahre Ursache ihres Sich-Schlecht-Befindens, die physiologische, verborgen bleibt ( — sie kann etwa in einer Erkrankung des nervus sympathicus liegen oder in einer übermässigen Gallen-Absonderung, oder an einer Armuth des Blutes an schwefel- und phosphorsaurem Kali oder in Druckzuständen des Unterleibes, welche den Blutumlauf stauen, oder in Entartung der Eierstöcke und dergleichen). Die Leidenden sind allesammt von einer entsetzlichen Bereitwilligkeit und Erfindsamkeit in Vorwänden zu schmerzhaften Affekten; sie geniessen ihren Argwohn schon, das Grübeln über Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen Geschichten, wo es ihnen freisteht, in einem quälerischen Verdachte zu schwelgen und am eignen Gifte der Bosheit sich zu berauschen — sie reissen die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Narben, sie machen Übelthäter aus Freund, Weib, Kind und was sonst ihnen am nächsten steht. „Ich leide: daran muss irgend Jemand schuld sein“ — also denkt jedes krankhafte Schaf. Aber sein Hirt, der asketische Priester, sagt zu ihm: „Recht so, mein Schaf! irgend wer muss daran schuld sein: aber du selbst bist dieser Irgend-Wer, du selbst bist daran allein schuld, — du selbst bist an dir allein schuld!“... Das ist kühn genug, falsch genug; aber Eins ist damit wenigstens erreicht, damit ist, wie gesagt, die Richtung des Ressentiment — verändert.
16 Man erräth nunmehr, was nach meiner Vorstellung der Heilkünstler-Instinkt des Lebens durch den asketischen Priester zum Mindesten versucht hat und wozu ihm eine zeitweilige Tyrannei solcher paradoxer und paralogischer Begriffe wie „Schuld“, „Sünde“, „Sündhaftigkeit“, „Verderbniss“, „Verdammniss“ hat dienen müssen: die Kranken bis zu einem gewissen Grade unschädlich zu machen, die Unheilbaren durch sich selbst zu zerstören, den Milder-Erkrankten streng die Richtung auf sich selbst, eine Rückwärtsrichtung ihres Ressentiments zu geben („Eins ist noth“ —) und die schlechten Instinkte aller Leidenden dergestalt zum Zweck der Selbstdisciplinirung, Selbstüberwachung, Selbstüberwindung auszunützen. Es kann sich, wie sich von selbst versteht, mit einer „Medikation“ dieser Art, einer blossen Affekt-Medikation, schlechterdings nicht um eine wirkliche Kranken-Heilung im physiologischen Verstände handeln; man dürfte selbst nicht einmal behaupten, dass der Instinkt des Lebens hierbei irgendwie die Heilung in Aussicht und Absicht genommen habe. Eine Art Zusammendrängung und Organisation der Kranken auf der einen Seite (— das Wort „Kirche“ ist dafür der populärste Name), eine Art vorläufiger Sicherstellung der Gesünder-Gerathenen, der Voller-Ausgegossenen auf der andern, die Aufreissung einer Kluft somit zwischen Gesund und Krank — das war für lange Alles! Und es war Viel! es war sehr Viel!... [Ich gehe in dieser Abhandlung, wie man sieht, von einer Voraussetzung aus, die ich in Hinsicht auf Leser, wie ich sie brauche, nicht erst zu begründen habe: dass „Sündhaftigkeit“ am Menschen kein Thatbestand ist, vielmehr nur die Interpretation eines Thatbestandes, nämlich einer physiologischen Verstimmung, — letztere unter einer moralisch-religiösen Perspektive gesehn, welche für uns nichts Verbindliches mehr hat. — Damit, dass Jemand sich „schuldig“, „sündig“ fühlt, ist schlechterdings noch nicht bewiesen, dass er sich mit Recht so fühlt; so wenig Jemand gesund ist, bloss deshalb, weil er sich gesund fühlt. Man erinnere sich doch der berühmten Hexen-Prozesse: damals zweifelten die scharfsichtigsten und menschenfreundlichsten Richter nicht daran, dass hier eine Schuld vorliege; die „Hexen“ selbst zweifelten nicht daran, — und dennoch fehlte die Schuld. — Um jene Voraussetzung in erweiterter Form auszudrücken: der „seelische Schmerz“ selbst gilt mir überhaupt nicht als Thatbestand, sondern nur als eine Auslegung (Causal-Auslegung) von bisher nicht exakt zu formulirenden Thatbeständen: somit als Etwas, das vollkommen noch in der Luft schwebt und wissenschaftlich unverbindlich ist, — ein fettes Wort eigentlich nur an Stelle eines sogar spindeldürren Fragezeichens. Wenn Jemand mit einem „seelischen Schmerz“ nicht fertig wird, so liegt das, grob geredet, nicht an seiner „Seele“; wahrscheinlicher noch an seinem Bauche (grob geredet, wie gesagt: womit noch keineswegs der Wunsch ausgedrückt ist, auch grob gehört, grob verstanden zu werden...) Ein starker und wohlgerathener Mensch verdaut seine Erlebnisse (Thaten, Unthaten eingerechnet) wie er seine Mahlzeiten verdaut, selbst wenn er harte Bissen zu verschlucken hat. Wird er mit einem Erlebnisse „nicht fertig“, so ist diese Art Indigestion so gut physiologisch wie jene andere — und vielfach in der That nur eine der Folgen jener anderen. — Mit einer solchen Auffassung kann man, unter uns gesagt, immer noch der strengste Gegner alles Materialismus sein...]
17 Ist er aber eigentlich ein Arzt, dieser asketische Priester? — Wir begriffen schon, inwiefern es kaum erlaubt ist, ihn einen Arzt zu nennen, so gern er auch selbst sich als „Heiland“ fühlt, als „Heiland“ verehren lässt. Nur das Leiden selbst, die Unlust des Leidenden wird von ihm bekämpft, nicht deren Ursache, nicht das eigentliche Kranksein, — das muss unsren grundsätzlichsten Einwand gegen die priesterliche Medikation abgeben. Stellt man sich aber erst einmal in die Perspektive, wie der Priester sie allein kennt und hat, so kommt man nicht leicht zu Ende in der Bewunderung, was er unter ihr Alles gesehn, gesucht und gefunden hat. Die Milderung des Leidens, das „Trösten“ jeder Art, — das erweist sich als sein Genie selbst: wie erfinderisch hat er seine Tröster-Aufgabe verstanden, wie unbedenklich und kühn hat er zu ihr die Mittel gewählt! Das Christenthum in Sonderheit dürfte man eine grosse Schatzkammer geistreichster Trostmittel nennen, so viel Erquickliches, Milderndes, Narkotisirendes ist in ihm gehäuft, so viel Gefährlichstes und Verwegenstes zu diesem Zweck gewagt, so fein, so raffinirt, so südländisch-raffinirt ist von ihm insbesondere errathen worden, mit was für Stimulanz-Affekten die tiefe Depression, die bleierne Ermüdung, die schwarze Traurigkeit der Physiologisch-Gehemmten wenigstens für Zeiten besiegt werden kann. Denn allgemein gesprochen: bei allen grossen Religionen handelte es sich in der Hauptsache um die Bekämpfung einer gewissen, zur Epidemie gewordnen Müdigkeit und Schwere. Man kann es von vornherein als wahrscheinlich ansetzen, dass von Zeit zu Zeit an bestimmten Stellen der Erde fast nothwendig ein physiologisches Hemmungsgefühl über breite Massen Herr werden muss, welches aber, aus Mangel an physiologischem Wissen, nicht als solches in’s Bewusstsein tritt, so dass dessen „Ursache“, dessen Remedur auch nur psychologisch-moralisch gesucht und versucht werden kann (— dies nämlich ist meine allgemeinste Formel für Das, was gemeinhin eine „Religion“ genannt wird). Ein solches Hemmungsgefühl kann verschiedenster Abkunft sein: etwa als Folge der Kreuzung von zu fremdartigen Rassen (oder von Ständen — Stände drücken immer auch Abkunfts- und Rassen-Differenzen aus: der europäische „Weltschmerz“, der „Pessimismus“ des neunzehnten Jahrhunderts ist wesentlich die Folge einer unsinnig plötzlichen Stände-Mischung); oder bedingt durch eine fehlerhafte Emigration — eine Rasse in ein Klima gerathen, für das ihre Anpassungskraft nicht ausreicht (der Fall der Inder in Indien); oder die Nachwirkung von Alter und Ermüdung der Rasse (Pariser Pessimismus von 1850 an); oder einer falschen Diät (Alkoholismus des Mittelalters; der Unsinn der Vegetarians, welche freilich die Autorität des Junker Christoph bei Shakespeare für sich haben); oder vom Blutverderbniss, Malaria, Syphilis und dergleichen (deutsche Depression nach dem dreissigjährigen Kriege, welcher halb Deutschland mit schlechten Krankheiten durchseuchte und damit den Boden für deutsche Servilität, deutschen Kleinmuth vorbereitete). In einem solchen Falle wird jedes Mal im grössten Stil ein Kampf mit dem Unlustgefühl versucht; unterrichten wir uns kurz über dessen wichtigste Praktiken und Formen. (Ich lasse hier, wie billig, den eigentlichen Philosophen-Kampf gegen das Unlustgefühl, der immer gleichzeitig zu sein pflegt, ganz bei Seite — er ist interessant genug, aber zu absurd, zu praktisch-gleichgültig, zu spinneweberisch und eckensteherhaft, etwa wenn der Schmerz als ein Irrthum bewiesen werden soll, unter der naiven Voraussetzung, dass der Schmerz schwinden müsse, wenn erst der Irrthum in ihm erkannt ist — aber siehe da! er hütete sich, zu schwinden...) Man bekämpft erstens jene dominirende Unlust durch Mittel, welche das Lebensgefühl überhaupt auf den niedrigsten Punkt herabsetzen. Womöglich überhaupt kein Wollen, kein Wunsch mehr; Allem, was Affekt macht, was „Blut“ macht, ausweichen (kein Salz essen: Hygiene des Fakirs); nicht lieben; nicht hassen; Gleichmuth; nicht sich rächen; nicht sich bereichern; nicht arbeiten; betteln; womöglich kein Weib, oder so wenig Weib als möglich: in geistiger Hinsicht das Princip Pascal’s „il faut s’abêtir“. Resultat, psychologisch-moralisch ausgedrückt: „Entselbstung“, „Heiligung“, physiologisch ausgedrückt: Hypnotisirung, — der Versuch Etwas für den Menschen annähernd zu erreichen, was der Winterschlaf für einige Thierarten, der Sommerschlaf für viele Pflanzen der heissen Klimaten ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, bei dem das Leben gerade noch besteht, ohne eigentlich noch in’s Bewusstsein zu treten. Auf dieses Ziel ist eine erstaunliche Menge menschlicher Energie verwandt worden — umsonst etwa?... Dass solche sportsmen der „Heiligkeit“, an denen alle Zeiten, fast alle Völker reich sind, in der That eine wirkliche Erlösung von dem gefunden haben, was sie mit einem so rigorosen training bekämpften, daran darf man durchaus nicht zweifeln, — sie kamen von jener tiefen physiologischen Depression mit Hülfe ihres Systems von Hypnotisirungs-Mitteln in unzähligen Fällen wirklich los: weshalb ihre Methodik zu den allgemeinsten ethnologischen Thatsachen zählt. Insgleichen fehlt jede Erlaubniss dazu, um schon an sich eine solche Absicht auf Aushungerung der Leiblichkeit und der Begierde unter die Irrsinns-Symptome zu rechnen (wie es eine täppische Art von Roastbeef fressenden „Freigeistern“ und Junker Christophen zu thun beliebt). Um so sicherer ist es, dass sie den Weg zu allerhand geistigen Störungen abgiebt, abgeben kann, zu „inneren Lichtern“ zum Beispiel, wie bei den Hesychasten vom Berge Athos, zu Klang- und Gestalt-Hallucinationen, zu wollüstigen Überströmungen und Ekstasen der Sinnlichkeit (Geschichte der heiligen Therese). Die Auslegung, welche derartigen Zuständen von den mit ihnen Behafteten gegeben wird, ist immer so schwärmerisch-falsch wie möglich gewesen, dies versteht sich von selbst: nur überhöre man den Ton überzeugtester Dankbarkeit nicht, der eben schon im Willen zu einer solchen Interpretations-Art zum Erklingen kommt. Der höchste Zustand, die Erlösung selbst, jene endlich erreichte Gesammt-Hypnotisirung und Stille, gilt ihnen immer als das Geheimniss an sich, zu dessen Ausdruck auch die höchsten Symbole nicht ausreichen, als Ein- und Heimkehr in den Grund der Dinge, als Freiwerden von allem Wahne, als „Wissen“, als „Wahrheit“, als „Sein“, als Loskommen von jedem Ziele, jedem Wunsche, jedem Thun, als ein Jenseits auch von Gut und Böse. „Gutes und Böses, sagt der Buddhist, — Beides sind Fesseln: über Beides wurde der Vollendete Herr“; „Gethanes und Ungethanes, sagt der Gläubige des Vedânta, schafft ihm keinen Schmerz; das Gute und das Böse schüttelt er als ein Weiser von sich; sein Reich leidet durch keine That mehr; über Gutes und Böses, über Beides gieng er hinaus“: — eine gesammt-indische Auffassung also, ebenso brahmanistisch als buddhistisch. (Weder in der indischen, noch in der christlichen Denkweise gilt jene „Erlösung“ als erreichbar durch Tugend, durch moralische Besserung, so hoch der Hypnotisirungs-Werth der Tugend auch von ihnen angesetzt wird: dies halte man fest, — es entspricht dies übrigens einfach dem Thatbestande. Hierin wahr geblieben zu sein, darf vielleicht als das beste Stück Realismus in den drei grössten, sonst so gründlich vermoralisirten Religionen betrachtet werden. „Für den Wissenden giebt es keine Pflicht“... „Durch Zulegung von Tugenden kommt Erlösung nicht zu Stande: denn sie besteht im Einssein mit dem keiner Zulegung von Vollkommenheit fähigen Brahman; und ebensowenig in der Ablegung von Fehlern: denn das Brahman, mit dem Eins zu sein Das ist, was Erlösung ausmacht, ist ewig rein“ — diese Stellen aus dem Commentare des Çankara, citirt von dem ersten wirklichen Kenner der indischen Philosophie in Europa, meinem Freunde Paul Deussen.) Die „Erlösung“ in den grossen Religionen wollen wir also in Ehren halten; dagegen wird es uns ein wenig schwer, bei der Schätzung, welche schon der tiefe Schlaf durch diese selbst für das Träumen zu müd gewordnen Lebensmüden erfährt, ernsthaft zu bleiben, — der tiefe Schlaf nämlich bereits als Eingehen in das Brahman, als erreichte unio mystica mit Gott. „Wenn er dann eingeschlafen ist ganz und gar — heisst es darüber in der ältesten ehrwürdigsten „Schrift“ — und völlig zur Ruhe gekommen, dass er kein Traumbild mehr schaut, alsdann ist er, oh Theurer, vereinigt mit dem Seienden, in sich selbst ist er eingegangen, — von dem erkenntnissartigen Selbste umschlungen hat er kein Bewusstsein mehr von dem, was aussen oder innen ist. Diese Brücke überschreiten nicht Tag und Nacht, nicht das Alter, nicht der Tod, nicht das Leiden, nicht gutes Werk, noch böses Werk.“ „Im tiefen Schlafe, sagen insgleichen die Gläubigen dieser tiefsten der drei grossen Religionen, hebt sich die Seele heraus aus diesem Leibe, geht ein in das höchste Licht und tritt dadurch hervor in eigener Gestalt: da ist sie der höchste Geist selbst, der herumwandelt, indem er scherzt und spielt und sich ergötzt, sei es mit Weibern oder mit Wagen oder mit Freunden, da denkt sie nicht mehr zurück an dieses Anhängsel von Leib, an welches der prâna (der Lebensodem) angespannt ist wie ein Zugthier an den Karren.“ Trotzdem wollen wir auch hier, wie im Falle der „Erlösung“, uns gegenwärtig halten, dass damit im Grunde, wie sehr auch immer in der Pracht orientalischer Übertreibung, nur die gleiche Schätzung ausgedrückt ist, welche die des klaren, kühlen, griechisch-kühlen, aber leidenden Epikur war: das hypnotische Nichts-Gefühl, die Ruhe des tiefsten Schlafes, Leidlosigkeit kurzum — das darf Leidenden und Gründlich-Verstimmten schon als höchstes Gut, als Werth der Werthe gelten, das muss von ihnen als positiv abgeschätzt, als das Positive selbst empfunden werden. (Nach derselben Logik des Gefühls heisst in allen pessimistischen Religionen das Nichts Gott.)
18 Viel häufiger als eine solche hypnotistische Gesammtdämpfung der Sensibilität, der Schmerzfähigkeit, welche schon seltnere Kräfte, vor Allem Muth, Verachtung der Meinung, „intellektuellen Stoicismus“ voraussetzt, wird gegen Depressions-Zustände ein anderes training versucht, welches jedenfalls leichter ist: die machinale Thätigkeit. Dass mit ihr ein leidendes Dasein in einem nicht unbeträchtlichen Grade erleichtert wird, steht ausser allem Zweifel: man nennt heute diese Thatsache, etwas unehrlich, „den Segen der Arbeit“. Die Erleichterung besteht darin, dass das Interesse des Leidenden grundsätzlich, vom Leiden abgelenkt wird, — dass beständig ein Thun und wieder nur ein Thun in’s Bewusstsein tritt und folglich wenig Platz darin für Leiden bleibt: denn sie ist eng, diese Kammer des menschlichen Bewusstseins! Die machinale Thätigkeit und was zu ihr gehört — wie die absolute Regularität, der pünktliche besinnungslose Gehorsam, das Ein-für-alle-Mal der Lebensweise, die Ausfüllung der Zeit, eine gewisse Erlaubniss, ja eine Zucht zur „Unpersönlichkeit“, zum Sich-selbst-Vergessen, zur „incuria sui“ —: wie gründlich, wie fein hat der asketische Priester sie im Kampf mit dem Schmerz zu benutzen gewusst! Gerade wenn er mit Leidenden der niederen Stände, mit Arbeitssklaven oder Gefangenen zu thun hatte (oder mit Frauen: die ja meistens Beides zugleich sind, Arbeitssklaven und Gefangene), so bedurfte es wenig mehr als einer kleinen Kunst des Namenwechseln und der Umtaufung, um sie in verhassten Dingen fürderhin eine Wohlthat, ein relatives Glück sehn zu machen: — die Unzufriedenheit des Sklaven mit seinem Loos ist jedenfalls nicht von den Priestern erfunden worden. — Ein noch geschätzteres Mittel im Kampf mit der Depression ist die Ordinirung einer kleinen Freude, die leicht zugänglich ist und zur Regel gemacht werden kann; man bedient sich dieser Medikation häufig in Verbindung mit der eben besprochnen. Die häufigste Form, in der die Freude dergestalt als Kurmittel ordinirt wird, ist die Freude des Freude-Machens (als Wohlthun, Beschenken, Erleichtern, Helfen, Zureden, Trösten, Loben, Auszeichnen); der asketische Priester verordnet damit, dass er „Nächstenliebe“ verordnet, im Grunde eine Erregung des stärksten, lebenbejahendsten Triebes, wenn auch in der vorsichtigsten Dosirung, — des Willens zur Macht. Das Glück der „kleinsten Überlegenheit“, wie es alles Wohlthun, Nützen, Helfen, Auszeichnen mit sich bringt, ist das reichlichste Trostmittel, dessen sich die Physiologisch-Gehemmten zu bedienen pflegen, gesetzt dass sie gut berathen sind: im andern Falle thun sie einander weh, natürlich im Gehorsam gegen den gleichen Grundinstinkt. Wenn man nach den Anfängen des Christenthums in der römischen Welt sucht, so findet man Vereine zu gegenseitiger Unterstützung, Armen-, Kranken-, Begräbniss-Vereine, aufgewachsen auf dem untersten Boden der damaligen Gesellschaft, in denen mit Bewusstsein jenes Hauptmittel gegen die Depression, die kleine Freude, die des gegenseitigen Wohlthuns gepflegt wurde, — vielleicht war dies damals etwas Neues, eine eigentliche Entdeckung? In einem dergestalt hervorgerufnen „Willen zur Gegenseitigkeit“, zur Heerdenbildung, zur „Gemeinde“, zum „Cönakel“ muss nun wiederum jener damit, wenn auch im Kleinsten, erregte Wille zur Macht, zu einem neuen und viel volleren Ausbruch kommen: die Heerdenbildung ist im Kampf mit der Depression ein wesentlicher Schritt und Sieg. Im Wachsen der Gemeinde erstarkt auch für den Einzelnen ein neues Interesse, das ihn oft genug über das Persönlichste seines Missmuths, seine Abneigung gegen sich (die „despectio sui“ des Geulinx) hinweghebt. Alle Kranken, Krankhaften streben instinktiv, aus einem Verlangen nach Abschüttelung der dumpfen Unlust und des Schwächegefühls, nach einer Heerden-Organisation: der asketische Priester erräth diesen Instinkt und fördert ihn; wo es Heerden giebt, ist es der Schwäche-Instinkt, der die Heerde gewollt hat, und die Priester-Klugheit, die sie organisirt hat. Denn man übersehe dies nicht: die Starken streben ebenso naturnothwendig aus einander, als die Schwachen zu einander; wenn erstere sich verbinden, so geschieht es nur in der Aussicht auf eine aggresive Gesammt-Aktion und Gesammt-Befriedigung ihres Willens zur Macht, mit vielem Widerstande des Einzel-Gewissens; letztere dagegen ordnen sich zusammen, mit Lust gerade an dieser Zusammenordnung, — ihr Instinkt ist dabei ebenso befriedigt, wie der Instinkt der geborenen „Herren“ (das heisst der solitären Raubthier-Species Mensch) im Grunde durch Organisation gereizt und beunruhigt wird. Unter jeder Oligarchie liegt — die ganze Geschichte lehrt es — immer das tyrannische Gelüst versteckt; jede Oligarchie zittert beständig von der Spannung her, welche jeder Einzelne in ihr nöthig hat, Herr über dies Gelüst zu bleiben. (So war es zum Beispiel griechisch: Plato bezeugt es an hundert Stellen, Plato, der seines Gleichen kannte — und sich selbst...)
19 Die Mittel des asketischen Priesters, welche wir bisher kennen lernten — die Gesammt-Dämpfung des Lebensgefühls, die machinale Thätigkeit, die kleine Freude, vor Allem die der „Nächstenliebe“, die Heerden-Organisation, die Erweckung des Gemeinde-Machtgefühls, demzufolge der Verdruss des Einzelnen an sich durch seine Lust am Gedeihen der Gemeinde übertäubt wird — das sind, nach modernem Maasse gemessen, seine unschuldigen Mittel im Kampfe mit der Unlust: wenden wir uns jetzt zu den interessanteren, den „schuldigen“. Bei ihnen allen handelt es sich um Eins: um irgend eine Ausschweifung des Gefühls, — diese gegen die dumpfe lähmende lange Schmerzhaftigkeit als wirksamstes Mittel der Betäubung benutzt; weshalb die priesterliche Erfindsamkeit im Ausdenken dieser Einen Frage geradezu unerschöpflich gewesen ist: „wodurch erzielt man eine Ausschweifung des Gefühls?“... Das klingt hart: es liegt auf der Hand, dass es lieblicher klänge und besser vielleicht zu Ohren gienge, wenn ich etwa sagte „der asketische Priester hat sich jederzeit die Begeisterung zu Nutze gemacht, die in allen starken Affekten liegt“. Aber wozu die verweichlichten Ohren unsrer modernen Zärtlinge noch streicheln? Wozu unsrerseits ihrer Tartüfferie der Worte auch nur einen Schritt breit nachgeben? Für uns Psychologen läge darin bereits eine Tartüfferie der That; abgesehen davon, dass es uns Ekel machen würde. Ein Psychologe nämlich hat heute darin, wenn irgend worin, seinen guten Geschmack ( — Andre mögen sagen: seine Rechtschaffenheit), dass er der schändlich vermoralisirten Sprechweise widerstrebt, mit der nachgerade alles moderne Urtheilen über Mensch und Ding angeschleimt ist. Denn man täusche sich hierüber nicht: was das eigentlichste Merkmal moderner Seelen, moderner Bücher ausmacht, das ist nicht die Lüge, sondern die eingefleischte Unschuld in der moralistischen Verlogenheit. Diese „Unschuld“ überall wieder entdecken müssen — das macht vielleicht unser widerlichstes Stück Arbeit aus, an all der an sich nicht unbedenklichen Arbeit, deren sich heute ein Psychologe zu unterziehn hat; es ist ein Stück unsrer grossen Gefahr, — es ist ein Weg, der vielleicht gerade uns zum grossen Ekel führt... Ich zweifle nicht daran, wozu allein moderne Bücher (gesetzt, dass sie Dauer haben, was freilich nicht zu fürchten ist, und ebenfalls gesetzt, dass es einmal eine Nachwelt mit strengerem härteren gesünderen Geschmack giebt) — wozu alles Moderne überhaupt dieser Nachwelt dienen würde, dienen könnte: zu Brechmitteln, — und das vermöge seiner moralischen Versüsslichung und Falschheit, seines innerlichsten Femininismus, der sich gern „Idealismus“ nennt und jedenfalls Idealismus glaubt. Unsre Gebildeten von Heute, unsre „Guten“ lügen nicht — das ist wahr; aber es gereicht ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die ächte resolute „ehrliche“ Lüge (über deren Werth man Plato hören möge) wäre für sie etwas bei weitem zu Strenges, zu Starkes; es würde verlangen, was man von ihnen nicht verlangen darf, dass sie die Augen gegen sich selbst aufmachten, dass sie zwischen „wahr“ und „falsch“ bei sich selber zu unterscheiden wüssten. Ihnen geziemt allein die unehrliche Lüge; Alles, was sich heute als „guter Mensch“ fühlt, ist vollkommen unfähig, zu irgend einer Sache anders zu stehn als unehrlich-verlogen, abgründlich-verlogen, aber unschuldig-verlogen, treuherzig-verlogen, blauäugig-verlogen, tugendhaft-verlogen. Diese „guten Menschen“, — sie sind allesammt jetzt in Grund und Boden vermoralisirt und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zu Schanden gemacht und verhunzt für alle Ewigkeit: wer von ihnen hielte noch eine Wahrheit „über den Menschen“ aus!... Oder, greiflicher gefragt: wer von ihnen ertrüge eine wahre Biographie!... Ein paar Anzeichen: Lord Byron hat einiges Persönlichste über sich aufgezeichnet, aber Thomas Moore war „zu gut“ dafür: er verbrannte die Papiere seines Freundes. Dasselbe soll Dr. Gwinner gethan haben, der Testaments-Vollstrecker Schopenhauers: denn auch Schopenhauer hatte Einiges über sich und vielleicht auch gegen sich („εἰς ἑαυτόν“) aufgezeichnet. Der tüchtige Amerikaner Thayer, der Biograph Beethoven’s, hat mit Einem Male in seiner Arbeit Halt gemacht: an irgend einem Punkte dieses ehrwürdigen und naiven Lebens angelangt, hielt er dasselbe nicht mehr aus... Moral: welcher kluge Mann schriebe heute noch ein ehrliches Wort über sich? — er müsste denn schon zum Orden der heiligen Tollkühnheit gehören. Man verspricht uns eine Selbstbiographie Richard Wagner’s: wer zweifelt daran, dass es eine kluge Selbstbiographie sein wird?... Gedenken wir noch des komischen Entsetzens, welches der katholische Priester Janssen mit seinem über alle Begriffe viereckig und harmlos gerathenen Bilde der deutschen Reformations-Bewegung in Deutschland erregt hat; was würde man erst beginnen, wenn uns Jemand diese Bewegung einmal anders erzählte, wenn uns einmal ein wirklicher Psycholog einen wirklichen Luther erzählte, nicht mehr mit der moralistischen Einfalt eines Landgeistlichen, nicht mehr mit der süsslichen und rücksichtsvollen Schamhaftigkeit protestantischer Historiker, sondern etwa mit einer Taine’schen Unerschrockenheit, aus einer Stärke der Seele heraus und nicht aus einer klugen Indulgenz gegen die Stärke?... (Die Deutschen, anbei gesagt, haben den klassischen Typus der letzteren zuletzt noch schön genug herausgebracht, — sie dürfen ihn sich schon zurechnen, zu Gute rechnen: nämlich in ihrem Leopold Ranke, diesem gebornen klassischen advocatus jeder causa fortior, diesem klügsten aller klugen „Thatsächlichen“.)
20 Aber man wird mich schon verstanden haben: — Grund genug, nicht wahr, Alles in Allem, dass wir Psychologen heutzutage einiges Misstrauen gegen uns selbst nicht los werden?... Wahrscheinlich sind auch wir noch „zu gut“ für unser Handwerk, wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die Beute, die Kranken dieses vermoralisirten Zeitgeschmacks, so sehr wir uns auch als dessen Verächter fühlen, — wahrscheinlich inficirt er auch noch uns. Wovor warnte doch jener Diplomat, als er zu seines Gleichen redete? „Misstrauen wir vor Allem, meine Herrn, unsren ersten Regungen! sagte er, sie sind fast immer gut“... So sollte auch jeder Psycholog heute zu seines Gleichen reden... Und damit kommen wir zu unserm Problem zurück, das in der That von uns einige Strenge verlangt, einiges Misstrauen in Sonderheit gegen die „ersten Regungen“. Das asketische Ideal im Dienste einer Absicht auf Gefühls-Ausschweifung: — wer sich der vorigen Abhandlung erinnert, wird den in diese neun Worte gedrängten Inhalt des nunmehr Darzustellenden im Wesentlichen schon vorwegnehmen. Die menschliche Seele einmal aus allen ihren Fugen zu lösen, sie in Schrecken, Fröste, Gluthen und Entzückungen derartig unterzutauchen, dass sie von allem Kleinen und Kleinlichen der Unlust, der Dumpfheit, der Verstimmung wie durch einen Blitzschlag loskommt: welche Wege führen zu diesem Ziele? Und welche von ihnen am sichersten?... Im Grunde haben alle grossen Affekte ein Vermögen dazu, vorausgesetzt, dass sie sich plötzlich entladen, Zorn, Furcht, Wollust, Rache, Hoffnung, Triumph, Verzweiflung, Grausamkeit; und wirklich hat der asketische Priester unbedenklich die ganze Meute wilder Hunde im Menschen in seinen Dienst genommen und bald diesen, bald jenen losgelassen, immer zu dem gleichen Zwecke, den Menschen aus der langsamen Traurigkeit aufzuwecken, seinen dumpfen Schmerz, sein zögerndes Elend für Zeiten wenigstens in die Flucht zu jagen, immer auch unter einer religiösen Interpretation und „Rechtfertigung“. Jede derartige Ausschweifung des Gefühls macht sich hinterdrein bezahlt, das versteht sich von selbst — sie macht den Kranken kränker —: und deshalb ist diese Art von Remeduren des Schmerzes, nach modernem Maasse gemessen, eine „schuldige“ Art. Man muss jedoch, weil es die Billigkeit verlangt, um so mehr darauf bestehen, dass sie mit gutem Gewissen angewendet worden ist, dass der asketische Priester sie im tiefsten Glauben an ihre Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit verordnet hat, — und oft genug selbst vor dem Jammer, den er schuf, fast zerbrechend; insgleichen, dass die vehementen physiologischen Revanchen solcher Excesse, vielleicht sogar geistige Störungen, im Grunde dem ganzen Sinne dieser Art Medikation nicht eigentlich widersprechen: als welche, wie vorher gezeigt worden ist, nicht auf Heilung von Krankheiten, sondern auf Bekämpfung der Depressions-Unlust, auf deren Linderung, deren Betäubung aus war. Dies Ziel wurde auch so erreicht. Der Hauptgriff, den sich der asketische Priester erlaubte, um auf der menschlichen Seele jede Art von zerreissender und verzückter Musik zum Erklingen zu bringen, war damit gethan — Jedermann weiss das —, dass er sich das Schuldgefühl zu Nutze machte. Dessen Herkunft hat die vorige Abhandlung kurz angedeutet — als ein Stück Thierpsychologie, als nicht mehr: das Schuldgefühl trat uns dort gleichsam in seinem Rohzustande entgegen. Erst unter den Händen des Priesters, dieses eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen, hat es Gestalt gewonnen — oh was für eine Gestalt! Die „Sünde“ — denn so lautet die priesterliche Umdeutung des thierischen „schlechten Gewissens“ (der rückwärts gewendeten Grausamkeit) — ist bisher das grösste Ereigniss in der Geschichte der kranken Seele gewesen: in ihr haben wir das gefährlichste und verhängnissvollste Kunststück der religiösen Interpretation. Der Mensch, an sich selbst leidend, irgendwie, jedenfalls physiologisch, etwa wie ein Thier, das in den Käfig gesperrt ist, unklar, warum, wozu? begehrlich nach Gründen — Gründe erleichtern —, begehrlich auch nach Mitteln und Narkosen, beräth sich endlich mit Einem, der auch das Verborgene weiss — und siehe da! er bekommt einen Wink, er bekommt von seinem Zauberer, dem asketischen Priester, den ersten Wink über die „Ursache“ seines Leidens: er soll sie in sich suchen, in einer Schuld, in einem Stück Vergangenheit, er soll sein Leiden selbst als einen Strafzustand verstehn... Er hat gehört, er hat verstanden, der Unglückliche: jetzt geht es ihm wie der Henne, um die ein Strich gezogen ist. Er kommt aus diesem Kreis von Strichen nicht wieder heraus: aus dem Kranken ist „der Sünder“ gemacht... Und nun wird man den Aspekt dieses neuen Kranken, „des Sünders“, für ein paar Jahrtausende nicht los, — wird man ihn je wieder los? — wohin man nur sieht, überall der hypnotische Blick des Sünders, der sich immer in der Einen Richtung bewegt (in der Richtung auf „Schuld“, als der einzigen Leidens-Causalität); überall das böse Gewissen, dies „grewliche thier“, mit Luther zu reden; überall die Vergangenheit zurückgekäut, die That verdreht, das „grüne Auge“ für alles Thun; überall das zum Lebensinhalt gemachte Missverstehen-Wollen des Leidens, dessen Umdeutung in Schuld-, Furcht- und Strafgefühle; überall die Geissei, das härene Hemd, der verhungernde Leib, die Zerknirschung; überall das sich-selbst-Rädern des Sünders in dem grausamen Räderwerk eines unruhigen, krankhaft-lüsternen Gewissens; überall die stumme Qual, die äusserste Furcht, die Agonie des gemarterten Herzens, die Krämpfe eines unbekannten Glücks, der Schrei nach „Erlösung“. In der That, mit diesem System von Prozeduren war die alte Depression, Schwere und Müdigkeit gründlich überwunden, das Leben wurde wieder sehr interessant: wach, ewig wach, übernächtig, glühend, verkohlt, erschöpft und doch nicht müde — so nahm sich der Mensch aus, „der Sünder“, der in diese Mysterien eingeweiht war. Dieser alte grosse Zauberer im Kampf mit der Unlust, der asketische Priester — er hatte ersichtlich gesiegt, sein Reich war gekommen: schon klagte man nicht mehr gegen den Schmerz, man lechzte nach dem Schmerz; „mehr Schmerz! mehr Schmerz!“ so schrie das Verlangen seiner Jünger und Eingeweihten Jahrhunderte lang. Jede Ausschweifung des Gefühls, die wehe that, Alles was zerbrach, umwarf, zermalmte, entrückte, verzückte, das Geheimniss der Folterstätten, die Erfindsamkeit der Hölle selbst — Alles war nunmehr entdeckt, errathen, ausgenützt, Alles stand dem Zauberer zu Diensten, Alles diente fürderhin dem Siege seines Ideals, des asketischen Ideals... „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ — redete er nach wie vor: hatte er wirklich das Recht noch, so zu reden?... Goethe hat behauptet, es gäbe nur sechs und dreissig tragische Situationen: man erräth daraus, wenn man’s sonst nicht wüsste, dass Goethe kein asketischer Priester war. Der — kennt mehr...
21 In Hinsicht auf diese ganze Art der priesterlichen Medikation, die „schuldige“ Art, ist jedes Wort Kritik zu viel. Dass eine solche Ausschweifung des Gefühls, wie sie in diesem Falle der asketische Priester seinen Kranken zu verordnen pflegt (unter den heiligsten Namen, wie sich von selbst versteht, insgleichen durchdrungen von der Heiligkeit seines Zwecks), irgend einem Kranken wirklich genützt habe, wer hätte wohl Lust, eine Behauptung der Art aufrecht zu halten? Zum Mindesten sollte man sich über das Wort „nützen“ verstehn. Will man damit ausdrücken, ein solches System von Behandlung habe den Menschen verbessert, so widerspreche ich nicht: nur dass ich hinzufüge, was bei mir „verbessert“ heisst — ebenso viel wie „gezähmt“, „geschwächt“, „entmuthigt“, „raffinirt“, „verzärtlicht“, „entmannt“ (also beinahe so viel als geschädigt...) Wenn es sich aber in der Hauptsache um Kranke, Verstimmte, Deprimirte handelt, so macht ein solches System den Kranken, gesetzt selbst, dass es ihn „besser“ machte, unter allen Umständen kränker; man frage nur die Irrenärzte, was eine methodische Anwendung von Buss-Quälereien, Zerknirschungen und Erlösungskrämpfen immer mit sich führt. Insgleichen befrage man die Geschichte: überall, wo der asketische Priester diese Krankenbehandlung durchgesetzt hat, ist jedes Mal die Krankhaftigkeit unheimlich schnell in die Tiefe und Breite gewachsen. Was war immer der „Erfolg“? Ein zerrüttetes Nervensystem, hinzu zu dem, was sonst schon krank war; und das im Grössten wie im Kleinsten, bei Einzelnen wie bei Massen. Wir finden im Gefolge des Buss- und Erlösungs-training ungeheure epileptische Epidemien, die grössten, von denen die Geschichte weiss, wie die der St. Veit- und St. Johann-Tänzer des Mittelalters; wir finden als andre Form seines Nachspiels furchtbare Lähmungen und Dauer-Depressionen, mit denen unter Umständen das Temperament eines Volkes oder einer Stadt (Genf, Basel) ein für alle Mal in sein Gegentheil umschlägt; — hierher gehört auch die Hexen-Hysterie, etwas dem Somnambulismus Verwandtes (acht grosse epidemische Ausbrüche derselben allein zwischen 1564 und 1605) —; wir finden in seinem Gefolge insgleichen jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei „evviva la morte“ über ganz Europa weg gehört wurde, unterbrochen bald von wollüstigen, bald von zerstörungswüthigen Idiosynkrasien: wie der gleiche Affektwechsel, mit den gleichen Intermittenzen und Umsprüngen auch heute noch überall beobachtet wird, in jedem Falle, wo die asketische Sündenlehre es wieder einmal zu einem grossen Erfolge bringt (die religiöse Neurose erscheint als eine Form des „bösen Wesens“: daran ist kein Zweifel. Was sie ist? Quaeritur). In’s Grosse gerechnet, so hat sich das asketische Ideal und sein sublim-moralischer Cultus, diese geistreichste, unbedenklichste und gefährlichste Systematisirung aller Mittel der Gefühls-Ausschweifung unter dem Schutz heiliger Absichten auf eine furchtbare und unvergessliche Weise in die ganze Geschichte des Menschen eingeschrieben; und leider nicht nur in seine Geschichte... Ich wüsste kaum noch etwas Anderes geltend zu machen, was dermaassen zerstörerisch der Gesundheit und Rassen-Kräftigkeit, namentlich der Europäer, zugesetzt hat als dies Ideal; man darf es ohne alle Übertreibung das eigentliche Verhängniss in der Gesundheitsgeschichte des europäischen Menschen nennen. Höchstens, dass seinem Einflüsse noch der spezifisch-germanische Einfluss gleichzusetzen wäre: ich meine die Alkohol-Vergiftung Europa’s, welche streng mit dem politischen und Rassen-Übergewicht der Germanen bisher Schritt gehalten hat ( — wo sie ihr Blut einimpften, impften sie auch ihr Laster ein). — Zudritt in der Reihe wäre die Syphilis zu nennen, — magno sed proxima intervallo.
22 Der asketische Priester hat die seelische Gesundheit verdorben, wo er auch nur zur Herrschaft gekommen ist, er hat folglich auch den Geschmack verdorben in artibus et litteris, — er verdirbt ihn immer noch. „Folglich“? — Ich hoffe, man giebt mir dies Folglich einfach zu; zum Mindesten will ich es nicht erst beweisen. Ein einziger Fingerzeig: er gilt dem Grundbuche der christlichen Litteratur, ihrem eigentlichen Modell, ihrem „Buche an sich“. Noch inmitten der griechisch-römischen Herrlichkeit, welche auch eine Bücher-Herrlichkeit war, Angesichts einer noch nicht verkümmerten und zertrümmerten antiken Schriften-Welt, zu einer Zeit, da man noch einige Bücher lesen konnte, um deren Besitz man jetzt halbe Literaturen eintauschen würde, wagte es bereits die Einfalt und Eitelkeit christlicher Agitatoren — man heisst sie Kirchenväter — zu dekretiren: „auch wir haben unsre klassische Litteratur, wir brauchen die der Griechen nicht“, — und dabei wies man stolz auf Legendenbücher, Apostelbriefe und apologetische Traktätlein hin, ungefähr so, wie heute die englische „Heilsarmee“ mit einer verwandten Litteratur ihren Kampf gegen Shakespeare und andre „Heiden“ kämpft. Ich liebe das „neue Testament“ nicht, man erräth es bereits; es beunruhigt mich beinahe, mit meinem Geschmack in Betreff dieses geschätztesten, überschätztesten Schriftwerks dermaassen allein zu stehn (der Geschmack zweier Jahrtausende ist gegen mich): aber was hilft es! „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, — ich habe den Muth zu meinem schlechten Geschmack. Das alte Testament — ja das ist ganz etwas Anderes: alle Achtung vor dem alten Testament! In ihm finde ich grosse Menschen, eine heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivetät des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk. Im neuen dagegen lauter kleine Sekten-Wirthschaft, lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches, lauter Conventikel-Luft, nicht zu vergessen einen gelegentlichen Hauch bukolischer Süsslichkeit, welcher der Epoche (und der römischen Provinz) angehört und nicht sowohl jüdisch als hellenistisch ist. Demuth und Wichtigthuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft; peinliches Gebärdenspiel; hier hat ersichtlich jede gute Erziehung gefehlt. Wie darf man von seinen kleinen Untugenden so viel Wesens machen, wie es diese frommen Männlein thun! Kein Hahn kräht darnach; geschweige denn Gott. Zuletzt wollen sie gar noch „die Krone des ewigen Lebens“ haben, alle diese kleinen Leute der Provinz: wozu doch? wofür doch? man kann die Unbescheidenheit nicht weiter treiben. Ein „unsterblicher“ Petrus: wer hielte den aus! Sie haben einen Ehrgeiz, der lachen macht: das käut sein Persönlichstes, seine Dummheiten, Traurigkeiten und Eckensteher-Sorgen vor, als ob das An-sich-der-Dinge verpflichtet sei, sich darum zu kümmern, das wird nicht müde, Gott selber in den kleinsten Jammer hinein zu wickeln, in dem sie drin stecken. Und dieses beständige Auf-du-und-du mit Gott des schlechtesten Geschmacks! Diese jüdische, nicht bloss jüdische Zudringlichkeit gegen Gott mit Maul und Tatze!... Es giebt kleine verachtete „Heidenvölker“ im Osten Asien’s, von denen diese ersten Christen etwas Wesentliches hätten lernen können, etwas Takt der Ehrfurcht; jene erlauben sich nicht, wie christliche Missionare bezeugen, den Namen ihres Gottes überhaupt in den Mund zu nehmen. Dies dünkt mich delikat genug; gewiss ist, dass es nicht nur für „erste“ Christen zu delikat ist: man erinnere sich doch etwa, um den Gegensatz zu spüren, an Luther, diesen „beredtesten“ und unbescheidensten Bauer, den Deutschland gehabt hat, und an die Lutherische Tonart, die gerade ihm in seinen Zwiegesprächen mit Gott am besten gefiel. Luther’s Widerstand gegen die Mittler-Heiligen der Kirche (insbesondere gegen „des Teuffels Saw den Bapst“) war, daran ist kein Zweifel, im letzten Grunde der Widerstand eines Rüpels, den die gute Etiquette der Kirche verdross, jene Ehrfurchts-Etiquette des hieratischen Geschmacks, welche nur die Geweihteren und Schweigsameren in das Allerheiligste einlässt und es gegen die Rüpel zuschliesst. Diese sollen ein für alle Mal gerade hier nicht das Wort haben, — aber Luther, der Bauer, wollte es schlechterdings anders, so war es ihm nicht deutsch genug: er wollte vor Allem direkt reden, selber reden, „ungenirt“ mit seinem Gotte reden... Nun, er hat’s gethan. — Das asketische Ideal, man erräth es wohl, war niemals und nirgendswo eine Schule des guten Geschmacks, noch weniger der guten Manieren, — es war im besten Fall eine Schule der hieratischen Manieren —: das macht, es hat selber Etwas im Leibe, das allen guten Manieren todtfeind ist, — Mangel an Maass, Widerwillen gegen Maass, es ist selbst ein „non plus ultra“.
23 Das asketische Ideal hat nicht nur die Gesundheit und den Geschmack verdorben, es hat noch etwas Drittes, Viertes, Fünftes, Sechstes verdorben — ich werde mich hüten zu sagen was Alles (wann käme ich zu Ende!). Nicht was dies Ideal gewirkt hat, soll hier von mir an’s Licht gestellt werden; vielmehr ganz allein nur, was es bedeutet, worauf es rathen lässt, was hinter ihm, unter ihm, in ihm versteckt liegt, wofür es der vorläufige, undeutliche, mit Fragezeichen und Miss-Verständnissen überladene Ausdruck ist. Und nur in Hinsicht auf diesen Zweck durfte ich meinen Lesern einen Blick auf das Ungeheure seiner Wirkungen, auch seiner verhängnissvollen Wirkungen nicht ersparen: um sie nämlich zum letzten und furchtbarsten Aspekt vorzubereiten, den die Frage nach der Bedeutung jenes Ideals für mich hat. Was bedeutet eben die Macht jenes Ideals, das Ungeheure seiner Macht? Weshalb ist ihm in diesem Maasse Raum gegeben worden? weshalb nicht besser Widerstand geleistet worden? Das asketische Ideal drückt einen Willen aus: wo ist der gegnerische Wille, in dem sich ein gegnerisches Ideal ausdrückte? Das asketische Ideal hat ein Ziel, — dasselbe ist allgemein genug, dass alle Interessen des menschlichen Daseins sonst, an ihm gemessen, kleinlich und eng erscheinen; es legt sich Zeiten, Völker, Menschen unerbittlich auf dieses Eine Ziel hin aus, es lässt keine andere Auslegung, kein andres Ziel gelten, es verwirft, verneint, bejaht, bestätigt allein im Sinne seiner Interpretation ( — und gab es je ein zu Ende gedachteres System von Interpretation?); es unterwirft sich keiner Macht, es glaubt vielmehr an sein Vorrecht vor jeder Macht, an seine unbedingte Rang-Distanz in Hinsicht auf jede Macht, — es glaubt daran, dass Nichts auf Erden von Macht da ist, das nicht von ihm aus erst einen Sinn, ein Daseins-Recht, einen Werth zu empfangen habe, als Werkzeug zu seinem Werke, als Weg und Mittel zu seinem Ziele, zu Einem Ziele... Wo ist das Gegenstück zu diesem geschlossenen System von Wille, Ziel und Interpretation? Warum fehlt das Gegenstück?... Wo ist das andre „Eine Ziel“?... Aber man sagt mir, es fehle nicht, es habe nicht nur einen langen glücklichen Kampf mit jenem Ideale gekämpft, es sei vielmehr in allen Hauptsachen bereits über jenes Ideal Herr geworden: unsre ganze moderne Wissenschaft sei das Zeugniss dafür, — diese moderne Wissenschaft, welche, als eine eigentliche Wirklichkeits-Philosophie, ersichtlich allein an sich selber glaube, ersichtlich den Muth zu sich, den Willen zu sich besitze und gut genug bisher ohne Gott, Jenseits und verneinende Tugenden ausgekommen sei. Indessen mit solchem Lärm und Agitatoren-Geschwätz richtet man Nichts bei mir aus: diese Wirklichkeits-Trompeter sind schlechte Musikanten, ihre Stimmen kommen hörbar genug nicht aus der Tiefe, aus ihnen redet nicht der Abgrund des wissenschaftlichen Gewissens — denn heute ist das wissenschaftliche Gewissen ein Abgrund —, das Wort „Wissenschaft“ ist in solchen Trompeter-Mäulern einfach eine Unzucht, ein Missbrauch, eine Schamlosigkeit. Gerade das Gegentheil von dem, was hier behauptet wird, ist die Wahrheit: die Wissenschaft hat heute schlechterdings keinen Glauben an sich, geschweige ein Ideal über sich, — und wo sie überhaupt noch Leidenschaft, Liebe, Gluth, Leiden ist, da ist sie nicht der Gegensatz jenes asketischen Ideals, vielmehr dessen jüngste und vornehmste Form selber. Klingt auch das fremd?... Es giebt ja genug braves und bescheidenes Arbeiter-Volk auch unter den Gelehrten von Heute, dem sein kleiner Winkel gefällt, und das darum, weil es ihm darin gefällt, bisweilen ein wenig unbescheiden mit der Forderung laut wird, man solle überhaupt heute zufrieden sein, zumal in der Wissenschaft, — es gäbe da gerade so viel Nützliches zu thun. Ich widerspreche nicht; am wenigsten möchte ich diesen ehrlichen Arbeitern ihre Lust am Handwerk verderben: denn ich freue mich ihrer Arbeit. Aber damit, dass jetzt in der Wissenschaft streng gearbeitet wird und dass es zufriedne Arbeiter giebt, ist schlechterdings nicht bewiesen, dass die Wissenschaft als Ganzes heute ein Ziel, einen Willen, ein Ideal, eine Leidenschaft des grossen Glaubens habe. Das Gegentheil, wie gesagt, ist der Fall: wo sie nicht die jüngste Erscheinungsform des asketischen Ideals ist, — es handelt sich da um zu seltne, vornehme, ausgesuchte Fälle, als dass damit das Gesammturtheil umgebogen werden könnte — ist die Wissenschaft heute ein Versteck für alle Art Missmuth, Unglauben, Nagewurm, despectio sui, schlechtes Gewissen, — sie ist die Unruhe der Ideallosigkeit selbst, das Leiden am Mangel der grossen Liebe, das Ungenügen an einer unfreiwilligen Genügsamkeit. Oh was verbirgt heute nicht Alles Wissenschaft! wie viel soll sie mindestens verbergen! Die Tüchtigkeit unsrer besten Gelehrten, ihr besinnungsloser Fleiss, ihr Tag und Nacht rauchender Kopf, ihre Handwerks-Meisterschaft selbst — wie oft hat das Alles seinen eigentlichen Sinn darin, sich selbst irgend Etwas nicht mehr sichtbar werden zu lassen! Die Wissenschaft als Mittel der Selbst-Betäubung: kennt ihr das?... Man verwundet sie — Jeder erfährt es, der mit Gelehrten umgeht — mitunter durch ein harmloses Wort bis auf den Knochen, man erbittert seine gelehrten Freunde gegen sich, im Augenblick, wo man sie zu ehren meint, man bringt sie ausser Rand und Band, bloss weil man zu grob war, um zu errathen, mit wem man es eigentlich zu thun hat, mit Leidenden, die es sich selbst nicht eingestehn wollen, was sie sind, mit Betäubten und Besinnungslosen, die nur Eins fürchten: zum Bewusstsein zu kommen...
24 — Und nun sehe man sich dagegen jene seltneren Fälle an, von denen ich sprach, die letzten Idealisten, die es heute unter Philosophen und Gelehrten giebt: hat man in ihnen vielleicht die gesuchten Gegner des asketischen Ideals, dessen Gegen-Idealisten? In der That, sie glauben sich als solche, diese „Ungläubigen“ (denn das sind sie allesammt); es scheint gerade Das ihr letztes Stück Glaube, Gegner dieses Ideals zu sein, so ernsthaft sind sie an dieser Stelle, so leidenschaftlich wird da gerade ihr Wort, ihre Gebärde: — brauchte es deshalb schon wahr zu sein, was sie glauben?... Wir „Erkennenden“ sind nachgerade misstrauisch gegen alle Art Gläubige; unser Misstrauen hat uns allmählich darauf eingeübt, umgekehrt zu schliessen, als man ehedem schloss: nämlich überall, wo die Stärke eines Glaubens sehr in den Vordergrund tritt, auf eine gewisse Schwäche der Beweisbarkeit, auf Unwahrscheinlichkeit selbst des Geglaubten zu schliessen. Auch wir leugnen nicht, dass der Glaube „selig macht“: eben deshalb leugnen wir, dass der Glaube Etwas beweist, — ein starker Glaube, der selig macht, ist ein Verdacht gegen Das, woran er glaubt, er begründet nicht „Wahrheit“, er begründet eine gewisse Wahrscheinlichkeit — der Täuschung. Wie steht es nun in diesem Falle? — Diese Verneinenden und Abseitigen von Heute, diese Unbedingten in Einem, im Anspruch auf intellektuelle Sauberkeit, diese harten, strengen, enthaltsamen, heroischen Geister, welche die Ehre unsrer Zeit ausmachen, alle diese blassen Atheisten, Antichristen, Immoralisten, Nihilisten, diese Skeptiker, Ephektiker, Hektiker des Geistes (letzteres sind sie sammt und sonders, in irgend einem Sinne), diese letzten Idealisten der Erkenntniss, in denen allein heute das intellektuelle Gewissen wohnt und leibhaft ward, — sie glauben sich in der That so losgelöst als möglich vom asketischen Ideale, diese „freien, sehr freien Geister“: und doch, dass ich ihnen verrathe, was sie selbst nicht sehen können — denn sie stehen sich zu nahe — dies Ideal ist gerade auch ihr Ideal, sie selbst stellen es heute dar, und Niemand sonst vielleicht, sie selbst sind seine vergeistigtste Ausgeburt, seine vorgeschobenste Krieger- und Kundschafter-Schaar, seine verfänglichste, zarteste, unfasslichste Verführungsform: — wenn ich irgend worin Räthselrather bin, so will ich es mit diesem Satze sein. Das sind noch lange keine freien Geister: denn sie glauben noch an die Wahrheit... Als die christlichen Kreuzfahrer im Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinen-Orden stiessen, jenen Freigeister-Orden par excellence, dessen unterste Grade in einem Gehorsame lebten, wie einen gleichen kein Mönchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf irgend welchem Wege auch einen Wink über jenes Symbol und Kerbholz-Wort, das nur den obersten Graden, als deren Secretum, vorbehalten war: „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt“... Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt... Hat wohl je schon ein europäischer, ein christlicher Freigeist sich in diesen Satz und seine labyrinthischen Folgerungen verirrt? kennt er den Minotauros dieser Höhle aus Erfahrung?... Ich zweifle daran, mehr noch, ich weiss es anders: — Nichts ist diesen Unbedingten in Einem, diesen sogenannten „freien Geistern“ gerade fremder als Freiheit und Entfesselung in jenem Sinne, in keiner Hinsicht sind sie gerade fester gebunden, im Glauben gerade an die Wahrheit sind sie, wie Niemand anders sonst, fest und unbedingt. Ich kenne dies Alles vielleicht zu sehr aus der Nähe: jene verehrenswürdige Philosophen-Enthaltsamkeit, zu der ein solcher Glaube verpflichtet, jener Stoicismus des Intellekts, der sich das Nein zuletzt eben so streng verbietet wie das Ja, jenes Stehenbleiben-Wollen vor dem Thatsächlichen, dem factum brutum, jener Fatalismus der „petits faits“ (ce petit faitalisme, wie ich ihn nenne), worin die französische Wissenschaft jetzt eine Art moralischen Vorrangs vor der deutschen sucht, jenes Verzichtleisten auf Interpretation überhaupt (auf das Vergewaltigen, Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen und was sonst zum Wesen alles Interpretirens gehört) — das drückt, in’s Grosse gerechnet, ebensogut Asketismus der Tugend aus, wie irgend eine Verneinung der Sinnlichkeit (es ist im Grunde nur ein modus dieser Verneinung). Was aber zu ihm zwingt, jener unbedingte Wille zur Wahrheit, das ist der Glaube an das asketische Ideal selbst, wenn auch als sein unbewusster Imperativ, man täusche sich hierüber nicht, — das ist der Glaube an einen metaphysischen Werth, einen Werth an sich der Wahrheit, wie er allein in jenem Ideal verbürgt und verbrieft ist (er steht und fällt mit jenem Ideal). Es giebt, streng geurtheilt, gar keine „voraussetzungslose“ Wissenschaft, der Gedanke einer solchen ist unausdenkbar, paralogisch: eine Philosophie, ein „Glaube“ muss immer erst da sein, damit aus ihm die Wissenschaft eine Richtung, einen Sinn, eine Grenze, eine Methode, ein Recht auf Dasein gewinnt. (Wer es umgekehrt versteht, wer zum Beispiel sich anschickt, die Philosophie „auf streng wissenschaftliche Grundlage“ zu stellen, der hat dazu erst nöthig, nicht nur die Philosophie sondern auch die Wahrheit selber auf den Kopf zu stellen: die ärgste Anstands-Verletzung, die es in Hinsicht auf zwei so ehrwürdige Frauenzimmer geben kann!) Ja, es ist kein Zweifel — und hiermit lasse ich meine „fröhliche Wissenschaft“ zu Worte kommen, vergl. deren fünftes Buch S. 263 — „der Wahrhaftige, in jenem verwegenen und letzten Sinne, wie ihn der Glaube an die Wissenschaft voraussetzt, bejaht damit eine andre Welt als die des Lebens, der Natur und der Geschichte; und insofern er diese „andre Welt“ bejaht, wie? muss er nicht eben damit ihr Gegenstück, diese Welt, unsre Welt — verneinen?... Es ist immer noch ein metaphysischer Glaube, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht, — auch wir Erkennenden von Heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen unser Feuer noch von jenem Brande, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Plato’s war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist... Aber wie, wenn gerade dies immer mehr unglaubwürdig wird, wenn Nichts sich mehr als göttlich erweist, es sei denn der Irrthum, die Blindheit, die Lüge, — wenn Gott selbst sich als unsre längste Lüge erweist?“ — — An dieser Stelle thut es Noth, Halt zu machen und sich lange zu besinnen. Die Wissenschaft selber bedarf nunmehr einer Rechtfertigung (womit noch nicht einmal gesagt sein soll, dass es eine solche für sie giebt). Man sehe sich auf diese Frage die ältesten und die jüngsten Philosophien an: in ihnen allen fehlt ein Bewusstsein darüber inwiefern der Wille zur Wahrheit selbst erst einer Rechtfertigung bedarf, hier ist eine Lücke in jeder Philosophie — woher kommt das? Weil das asketische Ideal über alle Philosophie bisher Herr war, weil Wahrheit als Sein, als Gott, als oberste Instanz selbst gesetzt wurde, weil Wahrheit gar nicht Problem sein durfte. Versteht man dies „durfte“? — Von dem Augenblick an, wo der Glaube an den Gott des asketischen Ideals verneint ist, giebt es auch ein neues Problem: das vom Werthe der Wahrheit. — Der Wille zur Wahrheit bedarf einer Kritik — bestimmen wir hiermit unsre eigene Aufgabe —, der Werth der Wahrheit ist versuchsweise einmal in Frage zu stellen... (Wem dies zu kurz gesagt scheint, dem sei empfohlen, jenen Abschnitt der „fröhlichen Wissenschaft“ nachzulesen, welcher den Titel trägt: „Inwiefern auch wir noch fromm sind“ S. 260 ff. am besten das ganze fünfte Buch des genannten Werks, insgleichen die Vorrede zur „Morgenröthe“.)
25 Nein! Man komme mir nicht mit der Wissenschaft, wenn ich nach dem natürlichen Antagonisten des asketischen Ideals suche, wenn ich frage: „wo ist der gegnerische Wille, in dem sich sein gegnerisches Ideal ausdrückt?“ Dazu steht die Wissenschaft lange nicht genug auf sich selber, sie bedarf in jedem Betrachte erst eines Werth-Ideals, einer wertheschaffenden Macht, in deren Dienste sie an sich selber glauben darf, — sie selbst ist niemals wertheschaffend. Ihr Verhältniss zum asketischen Ideal ist an sich durchaus noch nicht antagonistisch; sie stellt in der Hauptsache sogar eher noch die vorwärtstreibende Kraft in dessen innerer Ausgestaltung dar. Ihr Widerspruch und Kampf bezieht sich, feiner geprüft, gar nicht auf das Ideal selbst, sondern nur auf dessen Aussenwerke, Einkleidung, Maskenspiel, auf dessen zeitweilige Verhärtung, Verholzung, Verdogmatisirung — sie macht das Leben in ihm wieder frei, indem sie das Exoterische an ihm verneint. Diese Beiden, Wissenschaft und asketisches Ideal, sie stehen ja auf Einem Boden — ich gab dies schon zu verstehn —: nämlich auf der gleichen Überschätzung der Wahrheit (richtiger: auf dem gleichen Glauben an die Unabschätzbarkeit, Unkritisirbarkeit der Wahrheit), eben damit sind sie sich nothwendig Bundesgenossen, — so dass sie, gesetzt, dass sie bekämpft werden, auch immer nur gemeinsam bekämpft und in Frage gestellt werden können. Eine Werthabschätzung des asketischen Ideals zieht unvermeidlich auch eine Werthabschätzung der Wissenschaft nach sich: dafür mache man sich bei Zeiten die Augen hell, die Ohren spitz! (Die Kunst, vorweg gesagt, denn ich komme irgendwann des Längeren darauf zurück, — die Kunst, in der gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen zur Seite hat, ist dem asketischen Ideale viel grundsätzlicher entgegengestellt als die Wissenschaft: so empfand es der Instinkt Plato’s, dieses grössten Kunstfeindes, den Europa bisher hervorgebracht hat. Plato gegen Homer: das ist der ganze, der ächte Antagonismus — dort der „Jenseitige“ besten Willens, der grosse Verläumder des Lebens, hier dessen unfreiwilliger Vergöttlicher, die goldene Natur. Eine Künstler-Dienstbarkeit im Dienste des asketischen Ideals ist deshalb die eigentlichste Künstler-Corruption, die es geben kann, leider eine der allergewöhnlichsten: denn Nichts ist corruptibler, als ein Künstler.) Auch physiologisch nachgerechnet, ruht die Wissenschaft auf dem gleichen Boden wie das asketische Ideal: eine gewisse Verarmung des Lebens ist hier wie dort die Voraussetzung, — die Affekte kühl geworden, das tempo verlangsamt, die Dialektik an Stelle des Instinktes, der Ernst den Gesichtern und Gebärden aufgedrückt (der Ernst, dieses unmissverständlichste Abzeichen des mühsameren Stoffwechsels, des ringenden, schwerer arbeitenden Lebens). Man sehe sich die Zeiten eines Volkes an, in denen der Gelehrte in den Vordergrund tritt: es sind Zeiten der Ermüdung, oft des Abends, des Niederganges, — die überströmende Kraft, die Lebens-Gewissheit, die Zukunfts-Gewissheit sind dahin. Das Übergewicht des Mandarinen bedeutet niemals etwas Gutes: so wenig als die Heraufkunft der Demokratie, der Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der Kriege, der Frauen-Gleichberechtigung, der Religion des Mitleids und was es sonst Alles für Symptome des absinkenden Lebens giebt. (Wissenschaft als Problem gefasst; was bedeutet Wissenschaft? — vergl. darüber die Vorrede zur „Geburt der Tragödie“.) — Nein! diese „moderne Wissenschaft“ — macht euch nur dafür die Augen auf! — ist einstweilen die beste Bundesgenossin des asketischen Ideals, und gerade deshalb, weil sie die unbewussteste, die unfreiwilligste, die heimlichste und unterirdischste ist! Sie haben bis jetzt Ein Spiel gespielt, die „Armen des Geistes“ und die wissenschaftlichen Widersacher jenes Ideals (man hüte sich, anbei gesagt, zu denken, dass sie deren Gegensatz seien, etwa als die Reichen des Geistes: — das sind sie nicht, ich nannte sie Hektiker des Geistes). Diese berühmten Siege der letzteren: unzweifelhaft, es sind Siege — aber worüber? Das asketische Ideal wurde ganz und gar nicht in ihnen besiegt, es wurde eher damit stärker, nämlich unfasslicher, geistiger, verfänglicher gemacht, dass immer wieder eine Mauer, ein Aussenwerk, das sich an dasselbe angebaut hatte und seinen Aspekt vergröberte, seitens der Wissenschaft schonungslos abgelöst, abgebrochen worden ist. Meint man in der That, dass etwa die Niederlage der theologischen Astronomie eine Niederlage jenes Ideals bedeute?... Ist damit vielleicht der Mensch weniger bedürftig nach einer Jenseitigkeits-Lösung seines Räthsels von Dasein geworden, dass dieses Dasein sich seitdem noch beliebiger, eckensteherischer, entbehrlicher in der sichtbaren Ordnung der Dinge ausnimmt? Ist nicht gerade die Selbstverkleinerung des Menschen, sein Wille zur Selbstverkleinerung seit Kopernikus in einem unaufhaltsamen Fortschritte? Ach, der Glaube an seine Würde, Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der Wesen ist dahin, — er ist Thier geworden, Thier, ohne Gleichniss, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinem früheren Glauben beinahe Gort („Kind Gottes“, „Gottmensch“) war... Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene gerathen, — er rollt immer schneller nunmehr aus dem Mittelpunkt weg — wohin? in’s Nichts? in’s „durchbohrende Gefühl seines Nichts“?... Wohlan! dies eben wäre der gerade Weg — in’s alte Ideal?... Alle Wissenschaft (und keineswegs nur die Astronomie, über deren demüthigende und herunterbringende Wirkung Kant ein bemerkenswerthes Geständniss gemacht hat, „sie vernichtet meine Wichtigkeit“...) alle Wissenschaft, die natürliche sowohl, wie die unnatürliche — so heisse ich die Erkenntniss-Selbstkritik — ist heute darauf aus, dem Menschen seine bisherige Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe Nichts als ein bizarrer Eigendünkel gewesen sei; man könnte sogar sagen, sie habe ihren eigenen Stolz, ihre eigene herbe Form von stoischer Ataraxie darin, diese mühsam errungene Selbstverachtung des Menschen als dessen letzten, ernstesten Anspruch auf Achtung bei sich selbst aufrecht zu erhalten (mit Recht, in der That: denn der Verachtende ist immer noch Einer, der „das Achten nicht verlernt hat“...) Wird damit dem asketischen Ideale eigentlich entgegengearbeitet? Meint man wirklich alles Ernstes noch (wie es die Theologen eine Zeit lang sich einbildeten), dass etwa Kant’s Sieg über die theologische Begriffs-Dogmatik („Gott“, „Seele“, „Freiheit“, „Unsterblichkeit“) jenem Ideale Abbruch gethan habe? — wobei es uns einstweilen Nichts angehen soll, ob Kant selber etwas Derartiges überhaupt auch nur in Absicht gehabt hat. Gewiss ist, das alle Art Transcendentalisten seit Kant wieder gewonnenes Spiel haben, — sie sind von den Theologen emancipirt: welches Glück! — er hat ihnen jenen Schleichweg verrathen, auf dem sie nunmehr auf eigne Faust und mit dem besten wissenschaftlichen Anstände den „Wünschen ihres Herzens“ nachgehen dürfen. Insgleichen: wer dürfte es nunmehr den Agnostikern verargen, wenn sie, als die Verehrer des Unbekannten und Geheimnissvollen an sich, das Fragezeichen selbst jetzt als Gott anbeten? (Xaver Doudan spricht einmal von den ravages, welche „l’habitude d’admirer l’inintelligible au lieu de rester tout simplement dans l’inconnu“ angerichtet habe; er meint, die Alten hätten dessen entrathen.) Gesetzt, dass Alles, was der Mensch „erkennt“, seinen Wünschen nicht genug thut, ihnen vielmehr widerspricht und Schauder macht, welche göttliche Ausflucht, die Schuld davon nicht im „Wünschen“, sondern im „Erkennen“ suchen zu dürfen!... „Es giebt kein Erkennen: folglich — giebt es einen Gott“: welche neue elegantia syllogismi! welcher Triumph des asketischen Ideals! —
26 — Oder zeigte vielleicht die gesammte moderne Geschichtsschreibung eine lebensgewissere, idealgewissere Haltung? Ihr vornehmster Anspruch geht jetzt dahin, Spiegel zu sein; sie lehnt alle Teleologie ab; sie will Nichts mehr „beweisen“; sie verschmäht es, den Richter zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack, — sie bejaht so wenig als sie verneint, sie stellt fest, sie „beschreibt“... Dies Alles ist in einem hohen Grade asketisch; es ist aber zugleich in einem noch höheren Grade nihilistisch, darüber täusche man sich nicht! Man sieht einen traurigen, harten, aber entschlossenen Blick, — ein Auge, das hinausschaut, wie ein vereinsamter Nordpolfahrer hinausschaut, (vielleicht um nicht hineinzuschauen? um nicht zurückzuschauen?...) Hier ist Schnee, hier ist das Leben verstummt; die letzten Krähen, die hier laut werden, heissen „Wozu?“, „Umsonst!“, „Nada!“ — hier gedeiht und wächst Nichts mehr, höchstens Petersburger Metapolitik und Tolstoi’sches „Mitleid“. Was aber jene andre Art von Historikern betrifft, eine vielleicht noch „modernere“ Art, eine genüssliche, wollüstige, mit dem Leben ebenso sehr als mit dem asketischen Ideal liebäugelnde Art, welche das Wort „Artist“ als Handschuh gebraucht und heute das Lob der Contemplation ganz und gar für sich in Pacht genommen hat: oh welchen Durst erregen diese süssen Geistreichen selbst noch nach Asketen und Winterlandschaften! Nein! dies „beschauliche“ Volk mag sich der Teufel holen! Um wie viel lieber will ich noch mit jenen historischen Nihilisten durch die düstersten grauen kalten Nebel wandern! — ja, es soll mir nicht darauf ankommen, gesetzt, dass ich wählen muss, selbst einem ganz eigentlich Unhistorischen, Widerhistorischen Gehör zu schenken (wie jenem Dühring, an dessen Tönen sich im heutigen Deutschland eine bisher noch schüchterne, noch uneingeständliche Species „schöner Seelen“ berauscht, die Species anarchistica innerhalb des gebildeten Proletariats). Hundert Mal schlimmer sind die „Beschaulichen“ —: ich wüsste Nichts, was so sehr Ekel machte, als solch ein „objektiver“ Lehnstuhl, solch ein duftender Genüssling vor der Historie, halb Pfaff, halb Satyr, Parfüm Renan, der schon mit dem hohen Falsett seines Beifalls verräth, was ihm abgeht, wo es ihm abgeht, wo in diesem Falle die Parze ihre grausame Scheere ach! allzu chirurgisch gehandhabt hat! Das geht mir wider den Geschmack, auch wider die Geduld: behalte bei solchen Aspekten seine Geduld, wer Nichts an ihr zu verlieren hat, — mich ergrimmt solch ein Aspekt, solche „Zuschauer“ erbittern mich gegen das „Schauspiel“, mehr noch als das Schauspiel (die Historie selbst, man versteht mich), unversehens kommen mir dabei anakreontische Launen. Diese Natur, die dem Stier das Horn, dem Löwen das χάσμ’ ὀδόντων gab wozu gab mir die Natur den Fuss?... Zum Treten, beim heiligen Anakreon! und nicht nur zum Davonlaufen: zum Zusammentreten der morschen Lehnstühle, der feigen Beschaulichkeit, des lüsternen Eunuchenthums vor der Historie, der Liebäugelei mit asketischen Idealen, der Gerechtigkeits-Tartüfferie der Impotenz! Alle meine Ehrfurcht dem asketischen Ideale, sofern es ehrlich ist! so lange es an sich selber glaubt und uns keine Possen vormacht! Aber ich mag alle diese koketten Wanzen nicht, deren Ehrgeiz unersättlich darin ist, nach dem Unendlichen zu riechen, bis zuletzt das Unendliche nach Wanzen riecht; ich mag die übertünchten Gräber nicht, die das Leben schauspielern; ich mag die Müden und Vernutzten nicht, welche sich in Weisheit einwickeln und „objektiv“ blicken; ich mag die zu Helden aufgeputzten Agitatoren nicht, die eine Tarnkappe von Ideal um ihren Strohwisch von Kopf tragen; ich mag die ehrgeizigen Künstler nicht, die den Asketen und Priester bedeuten möchten und im Grunde nur tragische Hanswürste sind; ich mag auch sie nicht, diese neuesten Spekulanten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich-arisch-biedermännisch verdrehn und durch einen jede Geduld erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen ( — dass jede Art Schwindel-Geisterei im heutigen Deutschland nicht ohne Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unableugbaren und bereits handgreiflichen Verödung des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer allzu-ausschliesslichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und Wagnerischer Musik suche, hinzugerechnet, was die Voraussetzung für diese Diät abgiebt: einmal die nationale Einklemmung und Eitelkeit, das starke, aber enge Princip „Deutschland, Deutschland über Alles“, sodann aber die Paralysis agitans der „modernen Ideen“). Europa ist heute reich und erfinderisch vor Allem in Erregungsmitteln, es scheint Nichts nöthiger zu haben als Stimulantia und gebrannte Wasser: daher auch die ungeheure Fälscherei in Idealen, diesen gebranntesten Wassern des Geistes, daher auch die widrige, übelriechende, verlogne, pseudo-alkoholische Luft überall. Ich möchte wissen, wie viel Schiffsladungen von nachgemachtem Idealismus, von Helden-Kostümen und Klapperblech grosser Worte, wie viel Tonnen verzuckerten spirituosen Mitgefühls (Firma: la religion de la souffrance), wie viel Stelzbeine „edler Entrüstung“ zur Nachhülfe geistig Plattfüssiger, wie viel Komödianten des christlich-moralischen Ideals heute aus Europa exportirt werden müssten, damit seine Luft wieder reinlicher röche... Ersichtlich steht in Hinsicht auf diese Überproduktion eine neue Handels-Möglichkeit offen, ersichtlich ist mit kleinen Ideal-Götzen und zugehörigen „Idealisten“ ein neues „Geschäft“ zu machen — man überhöre diesen Zaunspfahl nicht! Wer hat Muth genug dazu? — wir haben es in der Hand, die ganze Erde zu „idealisiren“!... Aber was rede ich von Muth: hier thut Eins nur Noth, eben die Hand, eine unbefangne, eine sehr unbefangne Hand...
27 — Genug! Genug! Lassen wir diese Curiositäten und Complexitäten des modernsten Geistes, an denen ebensoviel zum Lachen als zum Verdriessen ist: gerade unser Problem kann deren entrathen, das Problem von der Bedeutung des asketischen Ideals, — was hat dasselbe mit Gestern und Heute zu thun! Jene Dinge sollen von mir in einem andren Zusammenhange gründlicher und härter angefasst werden (unter dem Titel „Zur Geschichte des europäischen Nihilismus“; ich verweise dafür auf ein Werk, das ich vorbereite: Der Wille zur Macht, Versuch einer Umwerthung aller Werthe). Worauf es mir allein ankommt hier hingewiesen zu haben, ist dies: das asketische Ideal hat auch in der geistigsten Sphäre einstweilen immer nur noch Eine Art von wirklichen Feinden und Schädigern: das sind die Komödianten dieses Ideals, — denn sie wecken Misstrauen. Überall sonst, wo der Geist heute streng, mächtig und ohne Falschmünzerei am Werke ist, entbehrt er jetzt überhaupt des Ideals — der populäre Ausdruck für diese Abstinenz ist „Atheismus“ —: abgerechnet seines Willens zur Wahrheit. Dieser Wille aber, dieser Rest von Ideal, ist, wenn man mir glauben will, jenes Ideal selbst in seiner strengsten, geistigsten Formulirung, esoterisch ganz und gar, alles Aussenwerks entkleidet, somit nicht sowohl sein Rest, als sein Kern. Der unbedingte redliche Atheismus ( — und seine Luft allein athmen wir, wir geistigeren Menschen dieses Zeitalters!) steht demgemäss nicht im Gegensatz zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine seiner Schlussformen und inneren Folgerichtigkeiten, — er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlüsse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet. (Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in vollkommner Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend; dasselbe Ideal zum gleichen Schlüsse zwingend; der entscheidende Punkt fünf Jahrhunderte vor der europäischen Zeitrechnung erreicht, mit Buddha, genauer: schon mit der Sankhyam-Philosophie, diese dann durch Buddha popularisirt und zur Religion gemacht.) Was, in aller Strenge gefragt, hat eigentlich über den christlichen Gott gesiegt? Die Antwort steht in meiner „fröhlichen Wissenschaft“ S. 290: „die christliche Moralität selbst, der immer strenger genommene Begriff der Wahrhaftigkeit, die Beichtväter-Feinheit des christlichen Gewissens, übersetzt und sublimirt zum wissenschaftlichen Gewissen, zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur ansehn, alt ob sie ein Beweis für die Güte und Obhut eines Gottes sei; die Geschichte interpretiren zu Ehren einer göttlichen Vernunft, als beständiges Zeugniss einer sittlichen Weltordnung und sittlicher Schlussabsichten; die eigenen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme Menschen lange genug ausgelegt haben, wie als ob Alles Fügung, Alles Wink, Alles dem Heil der Seele zu Liebe ausgedacht und geschickt sei: das ist nunmehr vorbei, das hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren Gewissen als unanständig, unehrlich, als Lügnerei, Femininismus, Schwachheit, Feigkeit, — mit dieser Strenge, wenn irgend womit, sind wir eben gute Europäer und Erben von Europa’s längster und tapferster Selbstüberwindung“... Alle grossen Dinge gehen durch sich selbst zu Grunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: so will es das Gesetz des Lebens, das Gesetz der nothwendigen „Selbstüberwindung“ im Wesen des Lebens, — immer ergeht zuletzt an den Gesetzgeber selbst der Ruf: „patere legem, quam ipse tulisti.“ Dergestalt gieng das Christenthum als Dogma zu Grunde, an seiner eignen Moral; dergestalt muss nun auch das Christenthum als Moral noch zu Grunde gehn, wir stehen an der Schwelle dieses Ereignisses. Nachdem die christliche Wahrhaftigkeit einen Schluss nach dem andern gezogen hat, zieht sie am Ende ihren stärksten Schluss, ihren Schluss gegen sich selbst; dies aber geschieht, wenn sie die Frage stellt „was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?“... Und hier rühre ich wieder an mein Problem, an unser Problem, meine unbekannten Freunde ( — denn noch weiss ich von keinem Freunde): welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, dass in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewusstsein gekommen wäre?... An diesem Sich-bewusst-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an — daran ist kein Zweifel — die Moral zu Grunde: jenes grosse Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europa’s aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele...
28 Sieht man vom asketischen Ideale ab: so hatte der Mensch, das Thier Mensch bisher keinen Sinn. Sein Dasein auf Erden enthielt kein Ziel; „wozu Mensch überhaupt?“ — war eine Frage ohne Antwort; der Wille für Mensch und Erde fehlte; hinter jedem grossen Menschen-Schicksale klang als Refrain ein noch grösseres „Umsonst!“ Das eben bedeutet das asketische Ideal: dass Etwas fehlte, dass eine ungeheure Lücke den Menschen umstand, — er wusste sich selbst nicht zu rechtfertigen, zu erklären, zu bejahen, er litt am Probleme seines Sinns. Er litt auch sonst, er war in der Hauptsache ein krankhaftes Thier: aber nicht das Leiden selbst war sein Problem, sondern dass die Antwort fehlte für den Schrei der Frage „wozu leiden?“ Der Mensch, das tapferste und leidgewohnteste Thier, verneint an sich nicht das Leiden: er will es, er sucht es selbst auf, vorausgesetzt, dass man ihm einen Sinn dafür aufzeigt, ein Dazu des Leidens. Die Sinnlosigkeit des Leidens, nicht das Leiden, war der Fluch, der bisher über der Menschheit ausgebreitet lag, — und das asketische Ideal bot ihr einen Sinn! Es war bisher der einzige Sinn; irgend ein Sinn ist besser als gar kein Sinn; das asketische Ideal war in jedem Betracht das „faute de mieux“ par excellence, das es bisher gab. In ihm war das Leiden ausgelegt; die ungeheure Leere schien ausgefüllt; die Thür schloss sich vor allem selbstmörderischen Nihilismus zu. Die Auslegung — es ist kein Zweifel — brachte neues Leiden mit sich, tieferes, innerlicheres, giftigeres, am Leben nagenderes: sie brachte alles Leiden unter die Perspektive der Schuld... Aber trotzalledem — der Mensch war damit gerettet, er hatte einen Sinn, er war fürderhin nicht mehr wie ein Blatt im Winde, ein Spielball des Unsinns, des „Ohne-Sinns“, er konnte nunmehr Etwas wollen, — gleichgültig zunächst, wohin, wozu, womit er wollte: der Wille selbst war gerettet. Man kann sich schlechterdings nicht verbergen, was eigentlich jenes ganze Wollen ausdrückt, das vom asketischen Ideale her seine Richtung bekommen hat: dieser Hass gegen das Menschliche, mehr noch gegen das Thierische, mehr noch gegen das Stoffliche, dieser Abscheu vor den Sinnen, vor der Vernunft selbst, diese Furcht vor dem Glück und der Schönheit, dieses Verlangen hinweg aus allem Schein, Wechsel, Werden, Tod, Wunsch, Verlangen selbst — das Alles bedeutet, wagen wir es, dies zu begreifen, einen Willen zum Nichts, einen Widerwillen gegen das Leben, eine Auflehnung gegen die grundsätzlichsten Voraussetzungen des Lebens, aber es ist und bleibt ein Wille!... Und, um es noch zum Schluss zu sagen, was ich Anfangs sagte: lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen...
Third Essay:
What Do Ascetic Ideals Mean?
Carefree, mocking, violent—that is how wisdom wants us: she isa woman, she only ever loves awarrior.
Thus Spoke Zarathustra.
1 What do ascetic ideals mean?—For artists, nothing, or too many different things. For philosophers and scholars, something like a nose and an instinct for the best conditions for highly developed intellectual life. For women, at best, one more charm to help them seduce: a little softness on beautiful flesh, the angelic quality of a pretty, plump animal. For people whose bodies have turned out badly and whose moods are disturbed (the majority of mortals), an attempt to feel “too good” for this world, a holy form of debauchery, their main weapon against persistent pain and boredom. For priests, the actual priestly faith, their best tool of power, and also the “highest” permission to wield power. Finally, for saints, an excuse to hibernate, their last craving for glory, their rest in nothingness (“God”), their form of madness. But the very fact that the ascetic ideal has meant so much to humanity expresses the basic fact about the human will: its fear of emptiness. It needs a goal—and it would rather will nothingness than not will.—Do you understand me?… Have you understood me?… “Absolutely not, sir!”—Then let's start again.
2 What do ascetic ideals mean?—Or let me take a particular case, one I have often enough been asked to advise on. What does it mean, for example, when an artist like Richard Wagner pays tribute to chastity in his old age? In one sense, of course, he had always done this. But only at the very end did he do it in an ascetic sense. What does this change of “sense” mean, this radical reversal of outlook?—For that is what it was: Wagner jumped straight into his own opposite. What does it mean when an artist turns into his opposite?… Suppose we pause over this question for a moment. We immediately remember what may have been the best, strongest, most cheerful, most courageous period in Wagner's life. That was when the idea of Luther's wedding occupied him deeply and inwardly. Who knows what accidents left us with the Mastersingers today instead of that wedding music? And how much of the latter may still echo in the former? But there is no doubt that this “Luther's Wedding,” too, would have praised chastity. Admittedly, it would also have praised sensuality—and that seems just right to me. That would also have been “Wagnerian.” For chastity and sensuality are not necessarily opposites. Every good marriage, every true love affair, goes beyond that opposition. Wagner would have done well, I think, to remind his Germans once again of this pleasant fact with a charming, bold comedy about Luther. There are, and always have been, many slanderers of sensuality among the Germans. And perhaps Luther's greatest achievement was precisely that he had the courage to own his sensuality (—in those days they called it, delicately enough, “evangelical freedom”…). But even where chastity and sensuality really do oppose each other, fortunately their opposition need not be tragic. At least this should hold for all those mortals who have turned out better and are in better spirits. They are far from simply counting their unstable balance between “animal and angel” as an argument against existence. The subtlest and brightest, like Goethe, like Hafiz, have even seen it as one more attraction of life. These very “contradictions” tempt us into existence… On the other hand, it is only too understandable that if badly turned-out pigs are persuaded to worship chastity—and there are such pigs!—they will see and worship in it only their own opposite, the opposite of the badly turned-out pig. Oh, with what tragic grunting and zeal! You can imagine it. That painful, unnecessary opposition is what Richard Wagner unquestionably still wanted to set to music and put on stage at the end of his life. But what for? We may fairly ask. For what were the pigs to him? What are they to us?—
3 Of course, we cannot avoid the other question here. What did that manly (oh, so unmanly) “country innocent” matter to him? That poor devil and child of nature, Parsifal, whom he finally makes Catholic by such compromising means—what? Was this Parsifal even meant seriously? We might be tempted to suspect, even to wish, the opposite. Perhaps Wagner meant Parsifal lightheartedly, as a kind of final piece and satyr play. Through it, Wagner the writer of tragedies might have wished to say goodbye to us, and to himself, and above all to tragedy, in a way that suited him and was worthy of him: with an outburst of the most extreme and mischievous parody. A parody of tragedy itself, of all the dreadful earthly seriousness and earthly misery of the past, of the finally overcome crudest form of the ascetic ideal's opposition to nature. As I said, this would have been worthy of a great writer of tragedies. Like every artist, he only reaches the final peak of his greatness when he can see himself and his art beneath him—when he can laugh at himself. Is Wagner's “Parsifal” his secret laugh of superiority at himself? Is it the triumph of the final, highest artistic freedom he has won, of his position beyond his art? As I said, we might wish so. For what would a seriously intended Parsifal be? Must we really see it—as someone put it to me—as “the offspring of a hatred of knowledge, intellect, and sensuality that has gone mad”? A curse on the senses and the intellect in a single breath of hatred? A renunciation of his faith and a return to sickly Christian ideals hostile to enlightenment? And finally, even a denial and cancellation of himself by an artist who until then had used all the force of his will to pursue the opposite: to make his art as intellectual and as sensual as possible? And not only his art: his life, too. Remember how enthusiastically Wagner once followed in the footsteps of the philosopher Feuerbach. Feuerbach's phrase “healthy sensuality” sounded like a message of salvation to Wagner in the thirties and forties, as it did to many Germans (—they called themselves the “young Germans”). Had he finally learned to think differently about this? At the very least, he seems to have wanted, in the end, to teach a different view of it… And not just from the stage, with Parsifal's trombones. In the murky writing of his last years, as constrained as it is bewildered, there are a hundred passages that reveal a secret wish and will: a discouraged, uncertain will that he could not admit to. It wanted, in quite literal terms, to preach reversal, conversion, denial, Christianity, the Middle Ages, and to tell his disciples: “It is nothing! Look for salvation somewhere else!” Even the “blood of the Redeemer” is invoked once…
4 Let me give my view of a case like this, which has many painful sides—and it is a typical case. Surely we do best to separate an artist from his work far enough not to take him as seriously as we take his work. After all, he is only the precondition of his work: the womb, the soil, sometimes the fertilizer and manure on which, and out of which, it grows. So in most cases he is something we have to forget if we want to enjoy the work itself. Understanding a work's origin is a matter for the physiologists and vivisectors of the mind: never, ever for people with an aesthetic sense, for artists! The poet who shaped Parsifal could not be spared a deep, thorough, even dreadful immersion and descent into the conflicting states of medieval souls. He could not be spared a hostile withdrawal from all intellectual elevation, rigor, and discipline, a kind of intellectual perversity (if you will forgive the word). No more could a pregnant woman be spared the disgusting things and oddities of pregnancy. As I said, these must be forgotten if we are to enjoy the child. We must avoid a confusion that an artist himself all too easily falls into through psychological contiguity, to use the English term. He acts as though he himself were what he can portray, think up, and express. In fact, if that were what he was, he would certainly not portray it, think it up, or express it. Homer would not have written an Achilles, nor Goethe a Faust, if Homer had been an Achilles and Goethe a Faust. A complete and fully developed artist is forever cut off from the “real,” from actuality. On the other hand, we can understand how he sometimes grows tired, to the point of despair, of the eternal “unreality” and falseness of his innermost existence. Then he may try to reach over into what is most forbidden to him, into actuality, and be real. With what success? You can guess… This is the artist's typical idle wish. The aging Wagner, too, fell prey to it, and had to pay so dearly, so disastrously for it (—it cost him the valuable part of his circle of friends). But finally, even quite apart from this idle wish, who would not wish, for Wagner's own sake, that he had said goodbye to us and to his art differently? Not with a Parsifal, but more victoriously, more sure of himself, more like Wagner—less misleading, less ambiguous about everything he wanted, less like Schopenhauer, less nihilistic?…
5 —So what do ascetic ideals mean? In an artist's case, we are gradually coming to understand: nothing at all!… Or so many different things that they amount to nothing at all!… Let us leave artists out for now. They are nowhere near independent enough in the world and against the world for their judgments of value, and changes in those judgments, to deserve attention in themselves. At all times they have been valets to some morality or philosophy or religion. This is quite apart from the fact that, sadly, they have often enough been all-too-flexible courtiers to their followers and patrons, and sharp-nosed flatterers of powers that are old or just coming to the top. At the very least, they always need a protective wall, something to fall back on, an already established authority. Artists never stand on their own. Standing alone goes against their deepest instincts. So Richard Wagner, for example, when “the time had come,” took the philosopher Schopenhauer as the man in front of him, as his protective wall. Who could even imagine that he would have had the courage for an ascetic ideal without the support Schopenhauer's philosophy offered him? Without Schopenhauer's authority, which gained the upper hand in Europe in the seventies? (This does not yet take into account whether an artist in the new Germany could have existed at all without the milk of a pious outlook, pious toward the empire.)—And this brings us to the more serious question. What does it mean when a real philosopher pays tribute to the ascetic ideal? A truly self-reliant mind like Schopenhauer, a man and knight with a gaze of bronze, who has the courage to be himself, who knows how to stand alone and does not wait for leaders in front of him or signals from above? Let us consider right away Schopenhauer's remarkable attitude toward art, an attitude that even fascinates certain kinds of people. Clearly, it was first for this that Richard Wagner went over to Schopenhauer (persuaded, as we know, by a poet, Herwegh). He went so far that a complete theoretical contradiction opened up between his earlier and his later beliefs about aesthetics. The former are expressed, for example, in “Opera and Drama”; the latter in the writings he published from 1870 onward. In particular, and perhaps most surprisingly, from that time Wagner changed his judgment about the value and position of music itself without a second thought. What did it matter to him that until then he had made music a means, a medium, a “woman” who absolutely needed a purpose, a man, in order to flourish—namely, drama! He suddenly realized that Schopenhauer's theory and innovation could do more for the greater glory of music. That is, music's sovereignty, as Schopenhauer understood it. Music stood apart from all the other arts, the independent art in itself. It did not, like them, provide images of the world of appearances. Instead it spoke the language of the will itself, directly out of the “abyss,” as the will's own most original revelation, derived from nothing else. With this extraordinary rise in music's value, which seemed to follow from Schopenhauer's philosophy, the musician himself suddenly rose to an unheard-of price. He now became an oracle, a priest, indeed more than a priest: a kind of mouthpiece for the “in-itself” of things, a telephone from the world beyond. From then on this ventriloquist of God did not just speak music—he spoke metaphysics. Is it any wonder that one day he finally spoke ascetic ideals?…
6 Schopenhauer made use of Kant's formulation of the aesthetic problem—though he certainly did not look at it through Kant's eyes. Kant thought he was honoring art when, among the qualities of beauty, he favored and emphasized those that make knowledge honorable: impersonality and universal validity. Whether this was fundamentally a mistake is not something to discuss here. I only want to stress that Kant, like all philosophers, did not approach the aesthetic problem through the artist's experience—the experience of the person creating. He thought about art and beauty only from the “spectator's” point of view. In the process he quietly slipped the “spectator” himself into the concept of “beautiful.” If only the philosophers of beauty had at least known this “spectator” well enough! Known him, that is, as a great personal fact and experience, as a wealth of strong experiences of his very own, of desires, surprises, and delights in the field of beauty! But I fear it was always the opposite. So from the very start they give us definitions that harbor a basic error like a fat worm, born of a lack of finer experience of themselves. One is Kant's famous definition of beauty. “Beautiful,” Kant said, “is what pleases without interest.” Without interest! Compare this definition with another, made by a real “spectator” and artist: Stendhal, who once called beauty a promise of happiness. At any rate, this explicitly rejects and crosses out just what Kant alone emphasizes in the aesthetic state: disinterestedness. Who is right, Kant or Stendhal?—Our theorists of aesthetics never tire of arguing for Kant by saying that, under beauty's spell, we can even look at unclothed female statues “without interest.” Surely we may laugh a little at their expense. The experiences of artists on this delicate point are “more interesting.” And Pygmalion, at any rate, did not necessarily lack an aesthetic sense. Let us think all the better of our aesthetic theorists' innocence, reflected in arguments like these. Let us count it to Kant's credit, for instance, that he can teach us about the special nature of the sense of touch with the innocence of a country parson!—And here we return to Schopenhauer. He was much closer to the arts than Kant, yet he did not escape the spell of Kant's definition. How did that happen? The circumstances are strange enough. He interpreted the words “without interest” in the most personal way possible, on the basis of an experience that must have been among his most regular. Schopenhauer speaks about few things with such certainty as the effect of aesthetic contemplation. He says that it works precisely against sexual “interest,” much like lupulin and camphor. He never tired of praising this escape from the “will” as the great advantage and benefit of the aesthetic state. Indeed, we might be tempted to ask whether his basic conception of “will and representation” originated in a generalization from that sexual experience: the thought that deliverance from the “will” is possible only through “representation.” (Incidentally, in all questions about Schopenhauer's philosophy, we must never forget that it was conceived by a young man of twenty-six. So it bears not only Schopenhauer's particular stamp, but also the particular stamp of that season of life.) Listen, for example, to one of the most explicit among the countless passages he wrote in honor of the aesthetic state (Welt als Wille und Vorstellung I 231). Listen for the tone, the suffering, the happiness, the gratitude with which these words were spoken. “That is the painless state that Epicurus praised as the highest good and as the state of the gods. For that moment, we are freed from the vile pressure of the will. We celebrate the Sabbath of the penal labor of willing; the wheel of Ixion stands still”… What forceful words! What images of torment and prolonged weariness! What an almost pathological contrast in time between “that moment” and the usual “wheel of Ixion,” the “penal labor of willing,” the “vile pressure of the will”!—But suppose Schopenhauer was right a hundred times over about his own experience. What would that contribute to understanding the nature of beauty? Schopenhauer described one effect of beauty, its calming of the will. Is it even a regular effect? As I said, Stendhal was no less sensual a person, but had a happier disposition than Schopenhauer. He emphasizes another effect of beauty: “Beauty promises happiness.” For him, the actual fact seems to be precisely beauty's arousal of the will (“of interest”). And finally, could we not object to Schopenhauer himself that he is quite wrong to think himself a Kantian here? That he has not understood Kant's definition of beauty in a Kantian way at all? That for him, too, beauty pleases because of an “interest”—indeed, the strongest, most personal interest of all: that of a tortured man escaping his torture?… And to return to our first question, “What does it mean when a philosopher pays tribute to the ascetic ideal?”—here, at least, we get a first hint: he wants to get away from torture.—
7 Let us not pull gloomy faces as soon as we hear the word “torture.” In this particular case there is plenty to set against it, plenty to subtract—even something to laugh at. Above all, we should not underestimate this: Schopenhauer, who really did treat sexuality as a personal enemy (including its tool, woman, this “instrument of the devil”), needed enemies to stay in good spirits. He loved savage, bitter, black-green words. He raged for the sake of raging, out of passion. Without his enemies, without Hegel, woman, sensuality, and the whole will to exist and go on existing, he would have become sick, would have become a pessimist (—for he was not one, however much he wished he were). Otherwise Schopenhauer would not have stayed here, you can bet on it. He would have run away. But his enemies held him fast. His enemies tempted him into existence again and again. Just as with the ancient Cynics, his anger was his refreshment, his recreation, his compensation, his remedy for disgust, his happiness. So much for the most personal side of Schopenhauer's case. On the other hand, there is also something typical about him—and only here do we come back to our problem. As long as there have been philosophers on earth, and wherever there have been philosophers (from India to England, to take the opposite poles of talent for philosophy), there has undeniably been a distinctively philosophical irritation and grudge against sensuality. Schopenhauer is only its most eloquent outburst—and, if you have an ear for it, also its most captivating and delightful. Likewise, philosophers have a distinctive partiality and affection for the entire ascetic ideal. We should not deceive ourselves about this or try to talk it away. As I said, both belong to the type. If a philosopher lacks both, you can be sure he is only a “so-called” philosopher. What does this mean? For we must first interpret this fact. In itself, it just stands there stupidly for all eternity, like every “thing in itself.” Every animal, including the philosophical beast, instinctively strives for the best possible set of favorable conditions. Under them, it can fully release its strength and reach its greatest feeling of power. Just as instinctively, and with a keen nose that “surpasses all reason,” every animal recoils in horror from all kinds of troublemakers and obstacles that block, or might block, its path to those best conditions. (I am not talking about its path to “happiness,” but its path to power, to action, to the most powerful activity—and in most cases, in fact, its path to unhappiness.) In this way, the philosopher recoils in horror from marriage and everything that might persuade him to marry: marriage as an obstacle and a disaster on his path to the best conditions. What great philosopher has ever been married? Heraclitus, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer—they were not. More than that, we cannot even imagine them married. A married philosopher belongs in a comedy: that is my claim. And that exception, Socrates, malicious Socrates, seems to have married as an act of irony, precisely to demonstrate this claim. Every philosopher would speak as Buddha once did when he was told of the birth of a son: “Râhula has been born to me; a shackle has been forged for me” (Râhula here means “a little demon”). Every “free spirit” would have to have a thoughtful hour, assuming he had previously had a thoughtless one, like the hour that once came to that same Buddha: “Life at home, he thought to himself, is cramped and crowded, a place of impurity. Freedom means leaving home.” “Thinking this, he left home.” The ascetic ideal points to so many bridges to independence that a philosopher cannot hear without inward rejoicing and applause the history of all those determined people who one day said No to every kind of unfreedom and went off into some desert. This holds even if they were merely strong donkeys, the very opposite of a strong mind. So what does the ascetic ideal mean for a philosopher? My answer is—you will have guessed it long ago: when the philosopher sees it, he smiles at the best possible conditions for the highest and boldest intellectual life. In doing so, he does not deny “existence.” Rather, he affirms his existence, and only his existence. Perhaps he does so to the point of nearly wishing something outrageous: let the world perish, let philosophy exist, let the philosopher exist, let me exist!…
8 You see, these philosophers are not neutral witnesses and judges of the ascetic ideal's value! They are thinking of themselves—what does “the saint” matter to them! They are thinking of what is most indispensable to them in it. Freedom from pressure, disturbance, noise, business, duties, worries. A clear head. Thoughts that dance, leap, and fly. Good air, thin, clear, free, dry, like mountain air, in which all animal life becomes more intellectual and grows wings. Quiet in all the basements. All the dogs neatly chained up. No barking of hostility and shaggy grudges. No worms of wounded ambition gnawing away. Modest, obedient guts, working busily like mills, but far away. The heart detached, beyond, in the future, posthumous. All in all, when they think of the ascetic ideal, they think of the cheerful asceticism of an animal that has become divine and grown wings, roaming above life more than it rests. We know the ascetic ideal's three great showy words: poverty, humility, chastity. Now look closely at the lives of all the great, productive, inventive minds. You will always find all three there to some extent. Certainly not, as goes without saying, as though these were their “virtues”—what does this kind of person have to do with virtues! Rather, they are the most basic and natural conditions for their best existence, their finest productivity. Their dominant intellectual drive may well have had to rein in an unruly, touchy pride or a reckless sensuality at first. Or it may have had a hard enough time keeping up its will to the “desert” against a liking for luxury and the most exquisite things, and also against lavish generosity of heart and hand. But it did so precisely as the dominant instinct, which forced all the other instincts to meet its demands—and it still does. If it did not, it would not be dominant. So there is nothing of “virtue” in this. As for the desert I just mentioned, where strong, independently minded spirits withdraw to be alone—oh, how different it looks from the desert educated people dream of! Sometimes, in fact, the desert consists of these educated people themselves. And certainly none of the actors of the intellect could bear it there. It is nowhere near romantic and Syrian enough for them, nowhere near enough of a stage desert! Admittedly, it does not lack camels either. But that is where all resemblance ends. Perhaps a deliberately chosen obscurity; getting out of one's own way; shying away from noise, admiration, newspapers, influence. A small job, an everyday routine, something that conceals more than it brings to light. Occasional company with harmless, cheerful animals and birds, whose sight refreshes us. Mountains for company—but not dead ones: mountains with eyes (that is, with lakes). Sometimes even a room in a crowded hotel for all comers, where you can be sure of being mistaken for someone else, and can talk with anyone without being punished for it. That is “desert” here. Oh, it is lonely enough, believe me! When Heraclitus withdrew into the courtyards and colonnades of the enormous temple of Artemis, that “desert” was more dignified, I admit. Why do we lack such temples? (—Perhaps we do not lack them: I am just thinking of my finest study, the Piazza di San Marco, provided it is spring, and also morning, between 10 and 12.) But what Heraclitus avoided is still the same thing that we avoid now: the noise and chatter of the Ephesian democrats, their politics, their news of the “empire” (Persia, you understand me), their market junk of “today.” For we philosophers need peace from one thing above all: from everything “today.” We revere the quiet, the cold, the noble, the distant, the past—anything whose appearance does not force the soul to defend itself and lace itself tight. Something we can talk to without talking loudly. Just listen to the sound a mind makes when it speaks: every mind has its own sound, loves its own sound. That one over there, for example, must be an agitator—in other words, an empty head, an empty pot. Whatever goes into him, everything comes back out dull and thick, weighed down by the echo of the great emptiness. That one over there rarely speaks without being hoarse. Perhaps he has thought himself hoarse? That would be possible—ask the physiologists—but anyone who thinks in words thinks as a speaker, not as a thinker. (It reveals that at bottom he is not thinking about things themselves, not thinking in terms of facts, but only in relation to things; what he is actually thinking about is himself and his listeners.) This third one speaks pushily. He comes too close to our bodies, we feel his breath on us. We involuntarily close our mouths, even though it is through a book that he speaks to us. The sound of his style tells us why: he has no time, he has little faith in himself, he must get a word in today or never again. But a mind sure of itself speaks quietly. It seeks concealment, makes people wait for it. You recognize a philosopher by the way he avoids three glittering, noisy things: fame, princes, and women. That does not mean they do not come to him. He shuns overly bright light, and therefore shuns his age and its “day.” In this he is like a shadow: the lower the sun sinks for him, the larger he grows. As for his “humility,” he can tolerate a certain dependence and obscuring of himself, just as he tolerates the dark. More than that, he fears the disturbance of lightning strikes. He shrinks from the exposure of a tree standing too isolated and unprotected, on which every spell of bad weather vents its mood, every mood its bad weather. His “maternal” instinct, his secret love for what is growing inside him, points him toward situations where he is relieved of having to think about himself. In the same way, the mother's instinct in woman has, until now, kept woman in a dependent position in general. In the end, these philosophers ask for little enough. Their motto is “Whoever owns is owned.” Not, as I must say again and again, out of some virtue or some praiseworthy will to be content with little and live simply. It is because their supreme master demands this of them, demands it wisely and relentlessly. This master cares about only one thing, and gathers and saves everything—time, strength, love, interest—for that alone. This kind of person does not like being disturbed by hostilities, or by friendships either: such people easily forget or despise. They think playing the martyr is bad taste. “To suffer for the truth”—they leave that to the ambitious and the stage heroes of the intellect, and anyone else with time enough for it (—the philosophers themselves have something to do for the truth). They are sparing with big words. People say even the word “truth” goes against their grain: it sounds boastful… Finally, as for the philosophers' “chastity,” this kind of mind clearly bears its fruit somewhere other than in children. Perhaps the survival of its name, its little immortality, lies somewhere else too. (In ancient India, philosophers put this even less modestly: “Why does someone whose soul is the world need descendants?”) There is no chastity here based on some ascetic scruple and hatred of the senses, any more than it is chastity when an athlete or jockey keeps away from women. Rather, this is what their dominant instinct wants, at least during periods of great pregnancy. Every artist knows how harmful sexual intercourse is during states of great intellectual tension and preparation. The most powerful, most sure in their instincts, do not even need experience, bad experience, to know this. Instead, their “maternal” instinct ruthlessly takes charge of all the other stores and extra supplies of strength, of the vigor of animal life, for the benefit of the developing work. Then the greater strength uses up the lesser.—Apply this interpretation, by the way, to Schopenhauer's case, which we discussed above. For him, the sight of beauty clearly worked as a trigger for the main strength in his nature: the strength of reflection and of the deeply searching gaze. It then exploded and suddenly took control of consciousness. This certainly does not rule out the possibility that the special sweetness and fullness of the aesthetic state might originate precisely in the ingredient “sensuality” (just as the “idealism” of girls of marriageable age comes from the same source). In that case, sensuality is not canceled when the aesthetic state begins, as Schopenhauer believed. It is only transformed, and no longer enters consciousness as sexual arousal. I will return to this point of view another time, in connection with still more delicate problems in the physiology of aesthetics, so untouched and unexplored until now.
9 We have seen that a certain asceticism—a tough, cheerful willingness to go without things, undertaken with the best will—belongs among the favorable conditions for the highest intellectual life, and also among its most natural results. So from the outset it is no surprise that philosophers, in particular, have never treated the ascetic ideal without some bias in its favor. A serious historical reckoning even shows that the bond between the ascetic ideal and philosophy is much closer and tighter still. We might say that philosophy only learned to take its first steps and baby steps on earth with this ideal's walking harness to hold it up. Oh, still so clumsy, oh, with such sulky faces, oh, so ready to fall over and lie on its belly, this timid little bowlegged clumsy creature, this pampered darling! At first philosophy fared like all good things. For a long time they had no courage to be themselves. They kept looking around to see if anyone would come to their help. More than that, they were afraid of everyone watching them. Consider the philosopher's individual drives and virtues one by one: his drive to doubt, his drive to deny, his drive to wait and suspend judgment (his “ephectic” drive), his drive to analyze; his drive to investigate, search, and take risks; his drive to compare and balance; his will to neutrality and objectivity, his will to every kind of “without anger and bias.” Have people really understood that for the longest time every one of these went against the first demands of morality and conscience? (Not to mention reason in general, which even Luther still liked to call Lady Clever, the clever whore.) That if a philosopher had become conscious of himself, he would have had to feel himself the very embodiment of “we strive for the forbidden”—and consequently took care not to “feel himself,” not to become conscious of himself?… As I said, it is no different with all the good things we are proud of today. Even measured by the standards of the ancient Greeks, our whole modern existence, wherever it is not weakness but power and awareness of power, looks like nothing but hubris and godlessness. For during the longest stretch of time, it was precisely the opposite of what we honor today that had conscience on its side and God as its guardian. Our whole attitude to nature today is hubris: our violation of nature with machines and the inventive skills of technicians and engineers who have so few scruples. Our attitude to God is hubris: that is, to any supposed spider of purpose and morality behind the great trapping web of causation. Like Charles the Bold fighting Louis the Eleventh, we could say, “I fight the universal spider.” Our attitude to ourselves is hubris. For we experiment on ourselves in ways we would never allow ourselves to use on any animal. With pleasure and curiosity we slit our souls open while we are still alive. What do we care any longer about the soul's “salvation”! Afterward we heal ourselves. Being sick is instructive, we do not doubt it—more instructive than being healthy. Today, those who make us sick seem more necessary to us even than any medicine men and “saviors.” We now violate ourselves, there is no doubt of that: we nutcrackers of the soul, we who ask questions and are open to question, as though life were nothing but cracking nuts. Precisely through this, every day we must necessarily become still more open to question, more worthy of being questioned—and perhaps, through this, also more worthy—of living?… All good things were once bad things. Every original sin has become an inherited virtue. Marriage, for instance, long seemed a sin against the community's rights. People once paid a penalty for being so immodest as to claim a woman for themselves (this includes, for example, the right of the first night, still today in Cambodia the privilege of the priests, those guardians of “good old customs”). Gentle, kindly, yielding, compassionate feelings—now valued so highly that they are almost “values in themselves”—for the longest time had self-contempt working against them. People were ashamed of gentleness, as they are ashamed of harshness today (cf. “Beyond Good and Evil,” p. 232). Submission to the law: oh, how their consciences resisted when the noble families, everywhere on earth, gave up vendetta on their own part and allowed the law power over them! For a long time “law” was something forbidden, an outrage, an innovation. It arrived with violence, as a power to which people submitted only with shame before themselves. Every tiniest step on earth was once won through mental and physical tortures. Today this whole way of looking at things sounds so strange to us: “It was not only stepping forward—no! Stepping, movement, change itself needed countless martyrs.” I brought it to light in “Daybreak,” pp. 17 ff. “Nothing,” it says there (p. 19), “has been bought more dearly than the little bit of human reason and feeling of freedom that now makes us proud. Yet this pride is what now makes it almost impossible for us to feel as people did during those immense stretches of time under the ‘morality of custom’ that came before ‘world history’: the real, decisive main history, which fixed humanity's character. Throughout that time, suffering counted as a virtue, cruelty as a virtue, pretending as a virtue, revenge as a virtue, denial of reason as a virtue. Well-being, on the other hand, counted as a danger, the desire for knowledge as a danger, peace as a danger, compassion as a danger; being pitied as a disgrace, work as a disgrace, madness as divinity, and change as the very essence of immorality and a thing pregnant with ruin!”—
10 The same book, p. 39, explains how the earliest generation of contemplative people was valued, and what pressure that judgment put them under. They were despised exactly to the extent that they were not feared! Contemplation first appeared on earth in disguise, with a doubtful reputation, a wicked heart, and often a frightened head. There is no doubt about that. For a long time, the inactive, brooding, unwarlike side of contemplative people's instincts surrounded them with deep distrust. There was only one remedy: make people decidedly afraid of them. The ancient Brahmins, for example, knew how to do that! The earliest philosophers knew how to give their existence and appearance a meaning, a foundation and background, that taught people to fear them. More precisely, they did this out of an even more basic need: to feel fear and respect for themselves. They found every value judgment within them turned against them. They had to fight down every kind of suspicion and resistance to “the philosopher in themselves.” As people of terrible times, they did this by terrible means. Cruelty to themselves, inventive self-torment—these were the chief means used by those power-hungry hermits and innovators in thought. They first needed to violate the gods and accepted traditions within themselves before they could believe in their own innovation. Think of the famous story of King Vishvamitra. After tormenting himself for a thousand years, he gained such a sense of power and such confidence in himself that he set out to build a new heaven. It is an unsettling symbol of both the earliest and the latest history of philosophy on earth. Everyone who has ever built a “new heaven” first found the power to do it in his own hell … Let us reduce the whole situation to a few short formulas. At first, the philosophical spirit always had to disguise itself and cocoon itself in the already established types of contemplative person: priest, magician, fortune-teller, religious person generally. Only then could it be possible at all, even to a degree. For a long time, the ascetic ideal provided the philosopher with a form in which to appear and a condition of existence. He had to embody it to be a philosopher. He had to believe in it to embody it. Philosophers' peculiar stance of standing apart—denying the world, hostile to life, distrusting the senses, stripped of sensuality—has lasted into the most recent times. It has almost come to count as the philosophical attitude itself. Above all, it results from the desperate conditions in which philosophy first arose and survived. For most of its history, philosophy could not have existed on earth without an ascetic covering and disguise, without an ascetic misunderstanding of itself. To put it in a clear, visible image: until the most recent times, the ascetic priest provided the repulsive, gloomy caterpillar form in which alone philosophy was allowed to live and creep about … Has that really changed? Has the colorful, dangerous winged creature, that “spirit” the caterpillar held inside it, finally shed its monk's robe and been let out into the light, thanks to a sunnier, warmer, brighter world? Is there already enough pride, daring, courage, self-confidence, will of the spirit, will to take responsibility, freedom of the will, for “the philosopher” really to be possible on earth now? …
11 Only now that the ascetic priest has come into view are we seriously closing in on our problem: what does the ascetic ideal mean? Only now does it become “serious.” We are now facing the true representative of seriousness as such. “What does all seriousness mean?” Perhaps that still more basic question is already coming to our lips. It is a question for physiologists, naturally, but for now we will slip past it. The ascetic priest has not only his faith in that ideal, but also his will, his power, his interest. His right to exist stands or falls with it. No wonder we meet a terrible opponent here—assuming, that is, that we are opponents of the ideal. He is fighting for his existence against those who deny it … On the other hand, an approach with so much at stake is unlikely from the start to help us much with our problem. The ascetic priest will hardly even be the most effective defender of his ideal. The reason is the same as the one that usually makes a woman fail when she tries to defend “woman as such.” Still less will he be the most objective assessor and judge of the controversy raised here. So we are more likely to have to help him defend himself well against us—that much is already clear—than to fear that he will refute us too well … What is being fought over here is the ascetic priests' assessment of our life. They set it, together with everything it belongs to—“nature,” “the world,” the whole realm of becoming and passing away—in relation to an entirely different kind of existence. Our life stands opposed to that existence and excludes it, unless it happens to turn against itself and deny itself. In that case, the case of an ascetic life, life counts as a bridge to that other existence. The ascetic treats life as a wrong turn that we must finally retrace to its starting point. Or he treats it as an error that we refute through action—that we should refute. For he demands that we go with him. Wherever he can, he forces his assessment of existence on others. What does that mean? Such a monstrous way of assigning value is not written into human history as an exception or a curiosity. It is one of the most widespread and longest-lasting facts there are. If the capital letters of our earthly existence were read from a distant star, they might tempt the reader to conclude that earth was the truly ascetic star. A corner full of discontented, arrogant, repulsive creatures who could never get rid of their deep disgust with themselves, the earth, and all life, and who hurt themselves as much as possible for the pleasure of causing pain—probably their only pleasure. Just consider how regularly, how universally, at almost all times, the ascetic priest appears. He belongs to no single race. He thrives everywhere. He grows out of every social class. Not that he breeds and passes on his way of assigning value through heredity. The opposite is true. A deep instinct forbids him to reproduce on any large scale. It must be a necessity of the highest order that keeps making this life-hostile species grow and thrive. It must be in the interest of life itself that such a type of self-contradiction does not die out. For an ascetic life is a self-contradiction. Here an unparalleled resentment rules: the resentment of an unsatisfied instinct and will to power that wants to master not something in life, but life itself, its deepest, strongest, most basic conditions. Here an attempt is made to use strength to block the sources of strength. Here a green, spiteful gaze turns against physiological flourishing itself, especially against its expressions: beauty and joy. Meanwhile, pleasure is felt and sought in failure, wasting away, pain, misfortune, ugliness, deliberately chosen loss, stripping away the self, self-whipping, self-sacrifice. All this is paradoxical to the highest degree. We face a division that wants itself to be divided, that enjoys itself in this very suffering. It becomes still more sure of itself and triumphant as its own necessary condition, physiological ability to live, declines. “Triumph precisely in the final agony”: the ascetic ideal has always fought under this most extreme of signs. In this seductive riddle, this picture of delight and torment, it recognized its brightest light, its salvation, its final victory. Cross, nut, light—crux, nux, lux—for it they belong together. —
12 Suppose such an embodied will to contradiction and opposition to nature is made to philosophize. On what will it unleash its deepest arbitrary urge? On whatever is felt most certainly to be true and real. It will look for error precisely where the basic instinct of life most firmly places truth. For example, like the ascetics of Vedanta philosophy, it will reduce bodily existence to an illusion. The same goes for pain, for multiplicity, for the whole conceptual opposition between “subject” and “object”—errors, nothing but errors! To refuse to believe in one's own self, to deny one's own “reality”—what a triumph! No longer just over the senses, over what plainly appears, but a much higher kind of triumph: a violation of reason, cruelty toward reason. That pleasure reaches its peak when reason's ascetic self-contempt and self-mockery decree: “There is a realm of truth and being, but reason itself is excluded from it!” … (In passing: even Kant's concept of the “intelligible character of things” retains something of this lustful ascetic division, which loves to turn reason against reason. For in Kant, “intelligible character” means a kind of constitution of things about which the intellect understands just this much: that it is utterly incomprehensible to the intellect.)—In the end, as people seeking knowledge, let us not be ungrateful for such determined reversals of the usual perspectives and value judgments. Through them, for far too long, the spirit has raged against itself in ways that seemed outrageous and useless. Seeing differently like this for once, wanting to see differently, is no small discipline and preparation of the intellect for its eventual “objectivity.” By that I do not mean “disinterested contemplation,” which is an incoherent and absurd concept. I mean the ability to control one's reasons for and against, to disconnect and reconnect them. That allows us to use the differences between perspectives and between interpretations driven by emotions for the sake of knowledge. From now on, my fellow philosophers, let us be more on guard against that dangerous old fiction of a “pure, will-less, painless, timeless subject of knowledge.” Let us beware of the grasping arms of such contradictory concepts as “pure reason,” “absolute spirituality,” “knowledge as such.” They always ask us to imagine an eye that cannot possibly be imagined: an eye that is to have no direction at all, in which the active and interpreting forces are to be restrained or absent. Yet only through these forces does seeing become seeing something. So they always ask for an absurd, incoherent concept of an eye. There is only seeing from a perspective, only “knowing” from a perspective. The more emotions we allow to speak about a thing, the more eyes, different eyes, we know how to bring to bear on the same thing, the more complete our “concept” of that thing, our “objectivity,” will be. But eliminating the will altogether, disconnecting every last emotion—supposing we could do it—what? Wouldn't that mean castrating the intellect? …
13 But let us return. A self-contradiction like the one apparently embodied in the ascetic, “life against life,” is simply nonsense when considered physiologically rather than psychologically. That much is clear at once. It can only be apparent. It must be a provisional expression, an interpretation, a formula, an adjustment, a psychological misunderstanding of something whose real nature could not be understood for a long time, or named in itself for a long time. Just a word wedged into an old gap in human knowledge. To put the facts against it briefly: the ascetic ideal comes from a degenerating life's instinct to protect and heal itself. That life tries every means to keep itself going and fights for its existence. The ideal points to a partial physiological obstruction and exhaustion. The deepest instincts of life, which have remained intact, constantly fight against these with new means and inventions. The ascetic ideal is one such means. So the situation is exactly the reverse of what its worshippers think. In and through this ideal, life wrestles with death and against death. The ascetic ideal is a device for preserving life. History shows how much it has been able to rule over humanity and gain power, especially wherever human civilization and domestication have been imposed. This expresses a great fact: the sickliness of the human type up to now, at least of domesticated humanity. It expresses the human being's physiological struggle with death—more precisely, with disgust at life, with exhaustion, with the wish for “the end.” The ascetic priest is the wish to be different, to be elsewhere, made flesh. He is this wish at its highest degree, its true intensity and passion. But the very power of his wishing is the chain that binds him here. This very thing makes him a tool that must work to create better conditions for being here and being human. With this same power, he holds the whole herd of failures, the depressed, those who have come off badly, those who have met with disaster, all kinds of people who suffer from themselves, fast to existence. Instinctively, he goes ahead as their shepherd. You already understand me: this ascetic priest, this apparent enemy of life, this denier—he belongs precisely among life's greatest preserving and yes-creating powers … What is behind that sickliness? For the human being is sicker, more uncertain, more changeable, less settled than any other animal. There is no doubt of that. The human being is the sick animal. Where does that come from? Certainly, humans have also dared more, innovated more, defied more, challenged fate more than all the other animals put together. The human being, the great experimenter on himself, the dissatisfied, insatiable one, who struggles for final mastery with animals, nature, and gods. Still unconquered, forever belonging to the future, he finds no more rest from his own driving strength. His future relentlessly digs like a spur in the flesh of every present. How could such a courageous and richly gifted animal not also be the most endangered, the longest and most deeply sick of all sick animals? … Humans often have had enough. There are whole epidemics of this feeling of having had enough—for example around 1348, at the time of the dance of death. But even this disgust, this exhaustion, this discontent with oneself—everything comes out so powerfully in humans that it immediately becomes a new chain. The no that humans say to life brings a wealth of more delicate yeses to light, as if by magic. Indeed, when this master of destruction and self-destruction wounds himself, afterward it is the wound itself that forces him to live …
14 The more normal sickliness is in humans—and we cannot deny that it is normal—the more highly we should honor the rare cases of strength in body and soul, the fortunate cases among humans. The more strictly we should protect those who have turned out well from the worst air, the air of the sick. Do people do that? … The sick are the greatest danger to the healthy. Harm to the strong comes not from the strongest, but from the weakest. Do people know that? … On the whole, fear of human beings is certainly not something we should wish to reduce. This fear forces the strong to be strong, sometimes terrible. It keeps the successful human type upright. What we should fear, what has a more disastrous effect than any other disaster, is not great fear, but great disgust with human beings, and likewise great pity for them. Suppose these two mated one day. Something of the most terrible kind would inevitably be born at once: humanity's “last will,” its will to nothingness, nihilism. And in fact, much has been done to prepare for this. Anyone who can smell with not just his nose but his eyes and ears senses something like the air of an insane asylum or a hospital almost everywhere he steps today. I am speaking, of course, of the areas of human culture, of every kind of “Europe” that now exists on earth. The sickly are the great danger to humanity, not the evil, not the “beasts of prey.” Those who have been failures, beaten down, broken from the start—they, the weakest, do the most to undermine life among humans. They most dangerously poison and call into question our trust in life, in humanity, in ourselves. Where could we escape that doomed look that leaves us with a deep sadness? That backward-turned look of someone malformed from the beginning, which reveals how such a person speaks to himself? That look which is a sigh? “I wish I were someone else!” this look sighs. “But there is no hope. I am who I am. How could I get free of myself? And yet—I have had enough of myself!” … Every weed, every poisonous plant grows in this soil of self-contempt, a truly swampy soil. Everything is so small, so hidden, so dishonest, so sickly sweet. Here the worms of revenge and lingering resentment swarm. Here the air stinks of secrets and things people will not admit. Here the web of the most malicious conspiracy is constantly being spun: the conspiracy of the suffering against those who have turned out well and won. Here the very sight of the victorious is hated. And what lying goes on to avoid admitting that this hatred is hatred! What a display of grand words and attitudes, what an art of “honest” slander! These failures—what noble eloquence flows from their lips! How much sugary, slimy, humble submission swims in their eyes! What do they really want? At least to appear just, loving, wise, superior—that is the ambition of these “lowest” people, these sick people! And how skilled that ambition makes them! Especially admire their skill as counterfeiters: how they imitate the stamp of virtue, even its ring, its golden ring. These weak and hopelessly sickly people have now taken an exclusive lease on virtue. There is no doubt about that. “We alone are the good, the just,” they say. “We alone are the people of good will.” They walk around among us as reproaches in the flesh, as warnings to us—as though health, turning out well, strength, pride, a feeling of power were already vices in themselves. As though one would someday have to pay, bitterly pay, for them. Oh, how ready they really are to make others pay! How they thirst to be executioners! Among them are plenty of revenge-seekers dressed up as judges. They constantly carry the word “justice” in their mouths like poisonous spit, their lips always pursed, always ready to spit at anything that does not look dissatisfied and goes cheerfully on its way. They also include that most disgusting species of the vain: the lying monstrosities who want to appear to be “beautiful souls.” They market their botched sensuality, wrapped in verses and other diapers, as “purity of heart”: the species of moral masturbators and “self-gratifiers.” The sick people's will to appear superior in some form, their instinct for secret paths leading to tyranny over the healthy—where would we not find it, this will to power of the very weakest! The sick woman especially: no one outdoes her in clever ways of ruling, pressing down, tyrannizing. In doing so, the sick woman spares nothing living and nothing dead. She digs up even the most deeply buried things. (The Bogos say: “Woman is a hyena.”) Look behind the scenes of every family, every association, every community. Everywhere there is the struggle of the sick against the healthy. Mostly it is a quiet struggle, using little poisonous powders, pinpricks, treacherous facial expressions of patient suffering. But sometimes it uses the sick person's Pharisee-like show of noisy gestures, which most likes to act out “noble indignation.” Even in the sacred rooms of scholarship, the hoarse, indignant barking of sickly dogs tries to make itself heard: the biting dishonesty and rage of such “noble” Pharisees. (I remind readers who have ears once again of that Berlin apostle of revenge, Eugen Dühring. In today's Germany, he makes the most indecent and repulsive use of moral drumbeating. Dühring is the foremost moral loudmouth alive today, even among his own kind, the antisemites.) All these physiological failures, these worm-eaten people, are people of resentment: a whole trembling terrain of underground revenge. They are inexhaustible and insatiable in outbursts against the happy, and just as much in disguises for revenge and excuses for revenge. When would they actually reach their final, subtlest, most sublime triumph of revenge? Undoubtedly, when they managed to push their own misery, all misery generally, onto the consciences of the happy. Then one day the happy would begin to feel ashamed of their happiness and perhaps say to one another: “It is a disgrace to be happy! There is too much misery!” … But there could be no greater or more disastrous misunderstanding than if the happy, those who have turned out well, the powerful in body and soul, began in this way to doubt their right to happiness. Away with this “upside-down world”! Away with this shameful softening of feeling! Making sure the sick do not make the healthy sick—and such a softening would do that—should be the highest priority on earth. Above all, this requires the healthy to remain separated from the sick, protected even from the sight of them, so that they do not confuse themselves with the sick. Or is it perhaps their task to be nurses or doctors? … But they could not misunderstand and deny their task more badly. What is higher should not lower itself into a tool of what is lower. The feeling of distance should keep their tasks apart for all eternity too! Their right to exist, the privilege a bell with a full sound has over a cracked, discordant one, is a thousand times greater. They alone are the guarantors of the future. They alone are responsible for humanity's future. The sick must never be able or required to do what they can and should do. But if they are to be able to do what only they should do, how could they still be free to play doctor, comforter, “savior” to the sick? … So, good air! Good air! And in any case, away from the neighborhood of all the insane asylums and hospitals of culture! So, good company, our company! Or solitude, if necessary! But in any case, away from the foul fumes of inward decay and the hidden worm-damage of sickness! … So that we ourselves, my friends, can defend ourselves for at least a little longer against the two worst epidemics that may be reserved just for us: against great disgust with humanity! Against great pity for humanity! …
15 Once we understand in depth—and here I demand that we reach deep and understand deeply—why it simply cannot be the task of the healthy to nurse the sick or make them healthy, we also understand another necessity. We need doctors and nurses who are sick themselves. Now we have the meaning of the ascetic priest firmly in both hands. We must see him as the predestined savior, shepherd, and advocate of the sick herd. Only then do we understand his enormous historical mission. Rule over the suffering is his realm. His instinct directs him to it. In it he has his own particular art, his mastery, his kind of happiness. He must be sick himself. He must be fundamentally related to the sick and those who have come off badly, so that he can understand them—and come to an understanding with them. But he must also be strong, master of himself even more than of others, and especially undamaged in his will to power. Then he can have the trust and fear of the sick and be their anchor, resistance, support, constraint, disciplinarian, tyrant, god. He has to defend his herd—against whom? Against the healthy, there is no doubt, and also against envy of the healthy. He must be the natural opponent and despiser of all rough, stormy, unrestrained, hard health and strength, all health and strength that is violent like a beast of prey. The priest is the first form of the more delicate animal, which despises even more readily than it hates. He will not be spared war with the beasts of prey. Naturally, this is a war of cunning (of “spirit”) more than of force. For it, he may sometimes need almost to develop a new type of beast of prey in himself, or at least to represent one: a new animal terribleness that seems to combine the polar bear, the supple, cold, waiting tiger-cat, and not least the fox into a unity as attractive as it is frightening. If necessity forces him, he may step right among the other kind of beasts of prey, serious as a bear, worthy of respect, clever, cold, deceptively superior, as the herald and mouthpiece of more mysterious powers. He is determined to sow suffering, division, self-contradiction wherever he can on this ground, and is only too sure of his skill in gaining mastery over sufferers at any time. He brings ointments and balms, no doubt. But first he needs to wound in order to be a doctor. Then, as he soothes the pain the wound causes, he also poisons the wound. That, above all, is what this magician and tamer of beasts of prey understands: within his circle, everything healthy necessarily becomes sick and everything sick necessarily becomes tame. This strange shepherd does defend his sick herd well enough. He also defends it against itself: against the badness, treachery, malice, and everything else that smolders within the herd and is shared by all addicts and sick people in their dealings with one another. Cleverly, harshly, secretly, he fights the anarchy and the constant beginnings of self-dissolution within the herd. There, the most dangerous explosive material, resentment, keeps accumulating and accumulating. Discharging this explosive without blowing up either the herd or the shepherd is his real trick, and also his greatest usefulness. To put the value of the priest's existence in the shortest formula, we could say directly: the priest changes the direction of resentment. For every sufferer instinctively seeks a cause of his suffering. More precisely, he seeks a perpetrator; more precisely still, a guilty perpetrator who can suffer. In short, some living thing on which he can discharge his emotions through physical action, or against an image of it, on some pretext. For discharging emotion is the sufferer's greatest attempt at relief—that is, at numbing himself. It is the narcotic he wants involuntarily against torment of any kind. I suspect that here alone we can find the real physiological cause of resentment, revenge, and their relatives: in a desire to numb pain through emotion. People generally look for it, quite wrongly I think, in a defensive counterblow, a mere protective reaction, a “reflex movement” in response to sudden harm and danger. Like the movement a headless frog still makes to get rid of a burning acid. But the difference is fundamental. In one case, the aim is to prevent further injury. In the other, it is to numb a tormenting, hidden, increasingly unbearable pain through a more violent emotion of any kind, and at least for the moment remove it from consciousness. For that, one needs an emotion, the wildest possible emotion, and the first available pretext to arouse it. “Someone must be to blame for my feeling bad”—this way of reasoning is common to all sickly people, all the more when the true cause of their feeling bad, the physiological cause, remains hidden from them. (It may lie in a disease of the sympathetic nerve, excessive secretion of bile, a shortage of potassium sulfate and phosphate in the blood, pressure in the lower abdomen that obstructs blood circulation, degeneration of the ovaries, and the like.) All sufferers are terrifyingly ready and inventive when it comes to pretexts for painful emotions. They already enjoy their suspicion, their brooding over wickedness and apparent wrongs done to them. They rummage through the guts of their past and present for dark, questionable stories that allow them to revel in a tormenting suspicion and intoxicate themselves with their own poison of malice. They tear open the oldest wounds. They bleed to death from scars that healed long ago. They turn friends, wives, children, and everyone else closest to them into wrongdoers. “I am suffering. Someone must be to blame for it”—that is how every sickly sheep thinks. But its shepherd, the ascetic priest, says to it: “Quite right, my sheep! Someone must be to blame for it. But you yourself are that someone. You alone are to blame for it—you alone are to blame for yourself!” … That is bold enough, false enough. But at least one thing has been achieved: as I said, the direction of resentment has been changed.
16 We can now guess what, in my view, life's instinct as a healer has at least tried to do through the ascetic priest. We can see what use it had to make of the temporary tyranny of such paradoxical and falsely reasoned concepts as “guilt,” “sin,” “sinfulness,” “corruption,” “damnation”: to make the sick harmless to a degree, to make the incurable destroy themselves, to direct the less seriously sick firmly toward themselves, turning their resentment backward (“One thing is needed”—), and in this way to use the bad instincts of all sufferers for self-discipline, self-monitoring, self-overcoming. Of course, a “medication” like this, which works only on emotions, cannot possibly be a real cure for the sick in the physiological sense. We could not even claim that life's instinct had in any way envisioned or intended a cure here. On one side, a kind of crowding together and organization of the sick—the most popular name for it is “church.” On the other, a kind of provisional protection for those who have turned out healthier, those more generously cast. Thus the opening of a gulf between healthy and sick—that was all, for a long time! And it was much! It was very much! … [As you can see, I start this essay from an assumption that I do not first need to justify to the kind of readers I need: that human “sinfulness” is not a fact, but only an interpretation of a fact, namely a physiological disturbance. It is that disturbance seen from a moral and religious perspective that no longer has any binding force for us.—The fact that someone feels “guilty,” “sinful,” in no way proves that he is right to feel that way, any more than someone is healthy simply because he feels healthy. Just recall the famous witch trials. At the time, the most perceptive and humane judges did not doubt that there was guilt here. The “witches” themselves did not doubt it. Yet there was no guilt.—To state that assumption more broadly: I do not regard “pain of the soul” itself as a fact at all, but only as an interpretation—a causal interpretation—of facts that still cannot be precisely formulated. So it is something that remains entirely up in the air and has no scientific authority: really just a fat word in place of an actually spindly question mark. If someone cannot get over a “pain of the soul,” that is, crudely put, not because of his “soul.” More likely it is because of his belly. (Crudely put, as I said: this by no means expresses a wish to be heard crudely or understood crudely as well …) A strong person who has turned out well digests his experiences, including deeds and misdeeds, as he digests his meals, even when he has hard mouthfuls to swallow. If he “cannot get over” an experience, this kind of indigestion is just as physiological as the other kind—and is actually often just one of the results of that other kind.—Between ourselves, one can hold this view and still be the strictest opponent of all materialism …]
17 But is this ascetic priest really a doctor?—We have already understood why we can hardly allow ourselves to call him one, however much he likes to feel like a “savior” and be honored as one. He fights only the suffering itself, the sufferer's distress, not its cause, not the actual sickness. That must be our most basic objection to priestly medication. But once we adopt the perspective that is the only one the priest knows and has, there is almost no end to our admiration for everything he has seen, sought, and found within it. Easing suffering, “comforting” of every kind—that turns out to be his genius itself. How inventively he has understood his task of comforting! How boldly and without hesitation he has chosen the means for it! Christianity in particular could be called a great storehouse of the most ingenious means of comfort. So much that refreshes, eases, and numbs has been piled up in it. So much that is supremely dangerous and daring has been attempted for this purpose. In particular, with such subtle, refined, southern refinement, it has guessed what stimulating emotions can overcome, at least for a while, the deep depression, the leaden exhaustion, the black sadness of people whose physiology is inhibited. For in general, all great religions have mainly been concerned with fighting a certain exhaustion and heaviness that has become epidemic. From the start, we can take it as probable that, from time to time in certain places on earth, a feeling of physiological inhibition must almost necessarily take hold of broad masses of people. But because physiological knowledge is lacking, people do not become conscious of it as such. Its “cause” and its remedy can therefore only be sought and attempted in psychological and moral terms. (This is my most general formula for what is commonly called a “religion.”) Such a feeling of inhibition can have the most varied origins. It may result from the crossing of races that differ too much, or of social classes. Classes always also express differences in ancestry and race: the European “world-weariness,” the “pessimism” of the nineteenth century, is essentially the result of an absurdly sudden mixing of classes. Or it may be caused by a mistaken emigration: a race has ended up in a climate beyond its powers of adaptation, as happened to the Indians in India. Or it may be the aftereffect of a race's age and exhaustion, as with Parisian pessimism from 1850 onward. Or of a wrong diet: the alcoholism of the Middle Ages; the nonsense of the vegetarians, who admittedly have the authority of Shakespeare's Sir Andrew Aguecheek on their side. Or of corruption of the blood, malaria, syphilis, and the like: German depression after the Thirty Years' War, which infected half of Germany with nasty diseases and so prepared the ground for German servility, German faintheartedness. In each such case, an attempt is made on the grandest scale to fight the feeling of distress. Let us briefly look into its most important practices and forms. (Naturally, I leave entirely aside here the actual philosophers' fight against the feeling of distress, which usually goes on at the same time. It is interesting enough, but too absurd, too irrelevant in practice, too much like spinning cobwebs and hanging around street corners. For instance, when pain is supposed to be proved an error, on the naive assumption that pain must disappear once the error in it is recognized—but look! It took care not to disappear …) First, this dominant distress is fought by means that reduce the overall feeling of being alive to its lowest point. If possible, no more willing, no more wishing at all. Avoid anything that creates emotion, that stirs the “blood” (eat no salt: the fakir's health rule). Do not love; do not hate; be even-tempered; do not take revenge; do not enrich yourself; do not work; beg. If possible, no woman, or as little woman as possible. Intellectually, Pascal's principle: “One must make oneself stupid.” The result, in psychological and moral terms: “stripping away the self,” “sanctification.” In physiological terms: hypnotizing. An attempt to achieve something for humans approximating what hibernation is for some animal species, what summer sleep is for many plants in hot climates: a minimum of consumption and metabolism, at which life only just continues without really entering consciousness anymore. An astonishing amount of human energy has been spent on this goal—was it perhaps in vain? … There can be no doubt at all that such athletes of “holiness,” who abound in every age and almost every people, really did find genuine release from what they fought with such rigorous training. In countless cases they really did get free of that deep physiological depression with the help of their system of hypnotizing methods. That is why their method is among the most universal facts of ethnology. Nor do we have any right to count such an intention to starve bodily life and desire as a symptom of insanity in itself, as a clumsy breed of roast-beef-gobbling “free spirits” and other Sir Andrew Aguecheeks like to do. It is all the more certain that this provides, or can provide, the path to all kinds of mental disorders. To “inner lights,” for instance, as among the Hesychasts of Mount Athos; to hallucinations of sounds and shapes; to floods of lust and ecstasies of sensuality (the history of Saint Teresa). Naturally, those afflicted by such states have always given them the most extravagantly false interpretation possible. But we should not miss the tone of utterly convinced gratitude that already sounds in the very will to interpret them this way. The highest state, redemption itself, that finally achieved complete hypnosis and stillness, always counts for them as the mystery itself, which even the highest symbols cannot adequately express. It is entering and returning home to the ground of things, becoming free of all delusion, “knowledge,” “truth,” “being,” release from every goal, every wish, every action. It is a beyond even of good and evil. “Good and evil,” says the Buddhist, “both are chains. The perfected one has become master over both.” “Things done and undone,” says the believer in Vedanta, “cause him no pain. As a wise man he shakes off good and evil. His realm no longer suffers from any deed. He has gone beyond good and evil, beyond both.” So this is an outlook shared throughout India, as Brahmanist as it is Buddhist. (Neither in Indian nor in Christian thought does that “redemption” count as achievable through virtue, through moral improvement, however highly they rate the hypnotizing value of virtue. Keep that firmly in mind. It simply corresponds to the facts, incidentally. Having remained truthful here may count as the best piece of realism in the three greatest religions, which are otherwise so thoroughly moralized. “For the one who knows, there is no duty” … “Redemption does not come about through the addition of virtues, for it consists in being one with Brahman, to which no perfection can be added. Nor does it consist in the removal of faults, for Brahman, oneness with which constitutes redemption, is eternally pure.” These passages are from Shankara's commentary, quoted by the first real expert on Indian philosophy in Europe, my friend Paul Deussen.) So let us honor “redemption” in the great religions. On the other hand, we find it a little hard to stay serious about the value these people, tired of life and too tired even to dream, already place on deep sleep. Deep sleep is already entering Brahman, already an achieved mystical union with God. “When he has fallen asleep completely,” says the oldest, most respected “scripture” on this subject, “and has come entirely to rest, so that he no longer sees any dream image, then, dear one, he is united with what is; he has entered into himself. Embraced by the knowing self, he is no longer conscious of what is outside or inside. Neither day nor night crosses this bridge, nor old age, nor death, nor suffering, nor good deed, nor evil deed.” “In deep sleep,” the believers in this deepest of the three great religions likewise say, “the soul rises out of this body, enters the highest light, and thereby comes forth in its own form. There it is the highest spirit itself, which wanders about joking, playing, and enjoying itself, whether with women or with chariots or with friends. There it no longer thinks back to this appendage of a body, to which prana (the breath of life) is harnessed like a draft animal to a cart.” Still, here too, as in the case of “redemption,” let us remember that, however magnificent the oriental exaggeration, what is basically being expressed is only the same assessment made by the clear, cool, Greek-cool, but suffering Epicurus. The hypnotic feeling of nothingness, the peace of the deepest sleep, freedom from suffering, in short—sufferers and the profoundly distressed may indeed count that as the highest good, the value of values. They must value it positively and feel it to be the positive itself. (By the same logic of feeling, nothingness is called God in all pessimistic religions.)
18 Much more often than such a hypnotic overall reduction of sensitivity, of the ability to feel pain, people try another kind of training against depressed states. That hypnotic reduction already requires rarer strengths, above all courage, contempt for opinion, “intellectual stoicism.” The other training is easier in any case: mechanical activity. There is no doubt at all that it considerably eases a suffering existence. Today people call this fact, somewhat dishonestly, “the blessing of work.” The relief consists in systematically diverting the sufferer's interest from his suffering. An action, and then only another action, constantly enters consciousness. As a result, little room remains there for suffering. For this room of human consciousness is narrow! Mechanical activity and everything that goes with it: absolute regularity, punctual obedience without thought, a way of life fixed once and for all, filling up time, a certain permission, even a training, to be “impersonal,” to forget oneself, to “neglect oneself.” How thoroughly and subtly the ascetic priest has known how to use these in fighting pain! Especially when he dealt with sufferers from the lower classes, with work slaves or prisoners—or with women, who are usually both at once, work slaves and prisoners—he needed little more than a little skill in renaming and rechristening things. Then they could see a benefit, a relative happiness, in things they had hated. The slave's dissatisfaction with his lot was certainly not invented by the priests.—An even more valued means of fighting depression is to prescribe a small pleasure, one that is easily accessible and can be made a regular practice. This medication is often used together with the one just discussed. The most common form in which pleasure is prescribed as a remedy in this way is the pleasure of giving pleasure: doing good, giving gifts, easing burdens, helping, encouraging, comforting, praising, honoring. By prescribing “love of one's neighbor,” the ascetic priest is basically prescribing stimulation of the strongest, most life-affirming drive, although in the most cautious dose: the will to power. The happiness of the “smallest superiority,” which comes with all doing good, being useful, helping, honoring, is the most abundant means of comfort that the physiologically inhibited commonly use, provided they are well advised. Otherwise, they hurt one another, naturally obeying the same basic instinct. When we look for the beginnings of Christianity in the Roman world, we find mutual-support associations, associations for the poor, the sick, and burials, grown up on the lowest ground of the society of that time. In them, that chief means against depression, the small pleasure of doing good to one another, was consciously cultivated. Perhaps this was something new then, a real discovery? Now, in a “will to mutuality” aroused this way, a will to form a herd, a “congregation,” a “small gathering,” that will to power, stimulated even if only in the smallest way, must in turn erupt in a new and much fuller form. Forming a herd is an essential step and victory in the fight against depression. As the congregation grows, a new interest also strengthens in the individual. Often enough it lifts him above the most personal part of his discontent, his aversion to himself (Geulincx's “self-contempt”). All the sick and sickly instinctively seek an organization into a herd, out of a desire to shake off dull distress and the feeling of weakness. The ascetic priest guesses this instinct and encourages it. Wherever there are herds, it was the instinct of weakness that wanted the herd, and priestly cleverness that organized it. For we must not overlook this: by the same necessity of nature, the strong seek to move apart, while the weak seek to come together. When the strong join forces, it is only in the prospect of a shared aggressive action and a shared satisfaction of their will to power, with much resistance from each individual's conscience. The weak, by contrast, arrange themselves together, taking pleasure in this very arrangement. Their instinct is as satisfied by it as the instinct of the born “masters”—that is, the solitary beast-of-prey species of human being—is basically irritated and unsettled by organization. Under every oligarchy—as all history teaches—there is always a hidden tyrannical craving. Every oligarchy constantly trembles from the tension each of its members needs to keep this craving under control. (That, for example, was the Greek way. Plato testifies to it in a hundred passages: Plato, who knew his own kind—and himself …)
19 The ascetic priest's methods that we have met so far are these: lowering the overall feeling of being alive; mechanical activity; small pleasures, especially the pleasure of “loving your neighbor”; organizing people into a herd; awakening a sense of the community's power, so that the individual's pleasure in the community's success drowns out his unhappiness with himself. By modern standards, these are his innocent methods of fighting distress. Let us now turn to the more interesting ones, the “guilty” ones. They all involve one thing: some kind of emotional excess, used as the most effective way to numb dull, paralyzing, long-lasting pain. This is why priests have shown almost endless inventiveness in thinking through this one question: “How can emotional excess be produced?” … That sounds harsh. It would obviously sound sweeter, and perhaps go down better, if I said something like “the ascetic priest has always made use of the inspiration found in all strong emotions.” But why keep stroking the pampered ears of our modern softies? Why should we give even an inch to their Tartuffe-style hypocrisy with words? For us psychologists, that would already be Tartuffe-style hypocrisy in action, quite apart from the disgust it would cause us. If a psychologist today shows good taste in anything—others might say integrity—it is in resisting the shamefully moralized way of speaking that has gradually covered all modern judgments about people and things with slime. Let us be clear about this. The most distinctive mark of modern souls and modern books is not lying. It is their deeply ingrained innocence in moralistic dishonesty. Having to keep discovering this “innocence” everywhere may be the most disgusting part of all the far from harmless work a psychologist must do today. It is part of our great danger. It is a path that may lead precisely us to the great disgust … I have no doubt about the only use modern books would or could have for later generations—assuming they last, which is admittedly nothing to fear, and assuming there will one day be later generations with stricter, harder, healthier taste. Indeed, this is the use everything modern could have for them: as something to make them vomit. That is because of its moral sugarcoating and falseness, its deepest effeminacy, which likes to call itself “idealism” and certainly believes itself to be idealism. Our educated people today, our “good people,” do not lie—that is true. But it is not to their credit! The real lie, the genuine, determined, “honest” lie—on whose value one should hear Plato—would be far too hard, too strong for them. It would demand something we must not demand of them: that they open their eyes to themselves, that they know how to tell “true” from “false” in themselves. Only the dishonest lie suits them. Anyone who considers himself a “good person” today is completely incapable of taking any position on anything except a dishonestly deceitful one: profoundly deceitful, but innocently deceitful, sincerely deceitful, wide-eyed and deceitful, virtuously deceitful. These “good people” have all now been moralized through and through. As far as honesty goes, they have been disgraced and ruined for all eternity. Which of them could still stand a truth “about human beings”! … Or, to put the question more concretely: which of them could bear a true biography! … A few signs: Lord Byron wrote down some intensely personal things about himself. But Thomas Moore was “too good” for them: he burned his friend's papers. Dr. Gwinner, the executor of Schopenhauer's will, is said to have done the same. Schopenhauer too had written some things about himself and perhaps against himself as well (“to himself”). The capable American Thayer, Beethoven's biographer, suddenly stopped his work. Once his account reached a certain point in this venerable and naive life, he could no longer stand it … The moral: what clever man today would still write an honest word about himself? Unless, of course, he belonged to the order of holy recklessness. We are promised an autobiography by Richard Wagner. Who doubts that it will be a clever autobiography? … Let us also remember the comical horror that the Catholic priest Janssen caused in Germany with his unimaginably blockish and harmless picture of the German Reformation movement. What would people do if someone once told us about this movement differently? If a real psychologist once told us about a real Luther? No longer with a country pastor's moralistic simplicity, no longer with Protestant historians' sugary, considerate bashfulness, but with, say, the fearlessness of a Taine, from a position of strength of soul, rather than clever indulgence toward strength? … (The Germans, incidentally, have recently produced a fine enough example of the classic type of this last quality. They may certainly claim him for themselves, and to their credit: their Leopold Ranke, that born, classic advocate of every stronger cause, that cleverest of all clever “men of facts.”)
20 But I expect I have made myself understood. All in all, there is reason enough, isn't there, for us psychologists today to remain somewhat suspicious of ourselves? … Probably we too are still “too good” for our trade. Probably we too are still the victims, the prey, the sick products of this moralized taste of our time, however much we feel we despise it. Probably it still infects us as well. What was that diplomat's warning when he spoke to his own kind? “Above all, gentlemen, let us distrust our first impulses!” he said. “They are almost always good” … Every psychologist today should speak to his own kind in the same way … And that brings us back to our problem. It really does demand some strictness from us, some distrust, especially of our “first impulses.” The ascetic ideal serving an aim of emotional excess: anyone who remembers the previous essay will already anticipate the main substance of what comes next, compressed into those nine words. To wrench the human soul out of all its joints, to plunge it into terror, chills, burning heat, and rapture so completely that it escapes, as if struck by lightning, from everything small and petty in distress, dullness, and low spirits: what paths lead to this goal? And which of them are the surest? … Basically, all the great emotions can do it, provided they discharge suddenly: anger, fear, lust, revenge, hope, triumph, despair, cruelty. And the ascetic priest really has enlisted, without a second thought, the whole pack of wild dogs in human beings. He has let loose now this one, now that one, always for the same purpose: to wake people from their slow sadness, to drive off their dull pain and lingering misery, at least for a while. He has always done this under a religious interpretation and “justification” as well. Every such emotional excess demands its payment afterward, of course: it makes the sick person sicker. By modern standards, that makes this kind of remedy for pain a “guilty” one. Yet fairness requires us to insist all the more that it was used with a good conscience. The ascetic priest prescribed it with the deepest belief that it was useful, indeed essential—often enough almost breaking down himself before the misery he created. We must also insist that the violent physical backlash from such excesses, perhaps even mental disorders, does not really conflict with the basic purpose of this kind of treatment. As shown earlier, it was not aimed at curing diseases. It aimed to fight the distress of depression, to ease it, to numb it. This goal was reached this way too. The main trick the ascetic priest allowed himself, to make the human soul play every kind of agonizing and ecstatic music, was—everyone knows this—to exploit the feeling of guilt. The previous essay briefly suggested where it came from, as a piece of animal psychology and nothing more. There we met the feeling of guilt in something like its raw state. Only in the hands of the priest, the true artist in feelings of guilt, did it take shape—and what a shape! “Sin”—the priest's reinterpretation of the animal's “bad conscience,” its cruelty turned backward—has so far been the greatest event in the history of the sick soul. In it we have religious interpretation's most dangerous and disastrous feat of artistry. A person suffers from himself, somehow, at any rate physically, rather like an animal locked in a cage, unsure why or what for. He longs for reasons—reasons bring relief—and also for remedies and narcotics. At last he consults someone who knows even hidden things. And look! He gets a hint. His magician, the ascetic priest, gives him the first hint about the “cause” of his suffering. He must look for it in himself, in some guilt, in a piece of the past. He must understand his suffering itself as a state of punishment … The unhappy man has listened and understood. Now he is like a hen with a line drawn around it. He can no longer get out of this circle of lines. The sick person has been turned into “the sinner” … And now, for a few thousand years, we cannot escape the sight of this new sick person, “the sinner”—will we ever escape it again? Wherever we look, we find the sinner's hypnotic gaze, always moving in one direction: toward “guilt” as the only cause of suffering. Everywhere the evil conscience, that “horrible beast,” to use Luther's words. Everywhere the past chewed over again, the deed distorted, the “green eye” for every action. Everywhere the will to misunderstand suffering made into the substance of life, its reinterpretation as feelings of guilt, fear, and punishment. Everywhere the scourge, the hair shirt, the starving body, remorse. Everywhere the sinner breaking himself on the wheel, in the cruel machinery of a restless, sickly lustful conscience. Everywhere silent torment, extreme fear, the tortured heart's agony, the spasms of an unknown happiness, the cry for “redemption.” This system of procedures really did thoroughly overcome the old depression, heaviness, and weariness. Life became very interesting again. Awake, eternally awake, sleepless, burning, charred, exhausted and yet not tired—that was how the person looked, “the sinner,” who had been initiated into these mysteries. This old, great magician in the fight against distress, the ascetic priest, had clearly won. His kingdom had come. People no longer complained against pain; they thirsted for pain. “More pain! More pain!” That was the craving cry of his disciples and initiates for centuries. Every emotional excess that hurt, everything that broke, overthrew, crushed, transported, enraptured, the secret of torture chambers, the inventiveness of hell itself—everything had now been discovered, guessed, exploited. Everything was at the magician's command. From then on, everything served the victory of his ideal, the ascetic ideal … “My kingdom is not of this world,” he said, as he had before. Did he really still have the right to say that? … Goethe claimed that there were only thirty-six tragic situations. From this we can guess, if we did not already know, that Goethe was no ascetic priest. That priest knows more …
21 For this whole kind of priestly treatment, the “guilty” kind, every word of criticism is one word too many. Would anyone care to maintain that the kind of emotional excess the ascetic priest usually prescribes for his sick people has ever really helped any sick person? Of course, he prescribes it under the holiest names, and is himself filled with a sense of his purpose's holiness. At least we should agree on what “help” means. If it means that such a system of treatment has improved human beings, I do not object. I only add what “improved” means to me: the same as “tamed,” “weakened,” “discouraged,” “made more refined,” “made soft,” “emasculated”—so almost the same as harmed … But when we are dealing mainly with sick, gloomy, depressed people, such a system makes the sick person sicker in every case, even assuming it makes him “better.” Just ask psychiatrists what systematically applied torments of penance, remorse, and spasms of redemption always bring with them. Ask history as well. Wherever the ascetic priest has imposed this treatment on the sick, sickness has grown alarmingly fast, both deeper and wider. What was always the “result”? A shattered nervous system, added to whatever was already sick. And this happened on the largest and smallest scales, in individuals and in masses. Following this training in penance and redemption, we find enormous epidemics of epilepsy, the greatest history knows, such as the medieval dancers of St. Vitus and St. John. We find another form of its aftermath in terrible paralysis and lasting depression, which can sometimes turn the character of a people or a city—Geneva, Basel—into its opposite once and for all. Witchcraft hysteria belongs here too, something related to sleepwalking: eight major epidemic outbreaks of it between 1564 and 1605 alone. Following this training, we also find those mass deliriums that longed for death. Their dreadful cry, “Long live death,” could be heard across all Europe, interrupted now by outbreaks of lust, now by frenzies of destruction. The same changes of emotion, with the same pauses and sudden turns, can still be observed everywhere today whenever the ascetic teaching of sin once again achieves a great success. (Religious neurosis appears as a form of “epilepsy”: there is no doubt of that. What it is? That remains the question.) Taken as a whole, the ascetic ideal and its sublimely moral worship have written themselves into the whole history of humanity in a terrible and unforgettable way—and unfortunately not only into its history … This is the cleverest, most unscrupulous, and most dangerous system for organizing all the means of emotional excess under the protection of holy intentions. I can think of hardly anything else that has done such destructive damage to health and racial strength, especially among Europeans, as this ideal. Without any exaggeration, we may call it the real catastrophe in the history of European health. At most, the specifically Germanic influence might rank alongside it. I mean Europe's poisoning by alcohol, which has so far kept strict pace with the Germanic peoples' political and racial supremacy—wherever they injected their blood, they also injected their vice. Third in line we should name syphilis—next, but a long way behind.
22 Wherever the ascetic priest has gained power, he has damaged mental health. As a result, he has also damaged taste in the arts and literature—and he is still damaging it. “As a result”? I hope people will simply grant me that “as a result.” At least, I do not intend to prove it first. Just one pointer: it concerns the foundational book of Christian literature, its real model, its “book in itself.” Even amid the splendor of Greece and Rome, which was also a splendor of books, with the ancient world's writings still before them, not yet stunted and smashed, Christian agitators in their simplicity and vanity already dared to decree: “We too have our classical literature; we do not need the Greeks' literature.” We call them Church Fathers. They said this at a time when people could still read certain books we would now trade half of entire literatures to own. And they pointed proudly to books of legends, letters from apostles, and little tracts defending the faith. Much as the English “Salvation Army” today fights its battle against Shakespeare and other “heathens” with a related literature. I do not love the “New Testament,” as you will already have guessed. It almost troubles me to stand so alone in my taste concerning this most valued, most overvalued piece of writing—the taste of two thousand years is against me. But what can I do! “Here I stand, I cannot do otherwise”—I have the courage to own my bad taste. The Old Testament—yes, that is something quite different. All respect to the Old Testament! In it I find great human beings, a heroic landscape, and something extremely rare on earth: the unmatched naivety of the strong heart. More than that, I find a people. In the New Testament, by contrast, nothing but petty sectarian goings-on, nothing but rococo ornamentation of the soul, nothing but flourishes, nooks, and oddities, nothing but the atmosphere of little religious gatherings. Nor should we forget an occasional touch of sugary pastoral life. That belongs to the period and to the Roman province, and is Hellenistic rather than Jewish. Humility and self-importance side by side. A chattering of feelings that almost numbs you. Emotional intensity, no passion. Embarrassing gestures. Clearly, all good upbringing was missing here. How can people make as much fuss about their little vices as these pious little men do! Not a rooster crows about them, much less God. In the end, all these little provincial people even want “the crown of eternal life.” What for? In return for what? Presumption cannot go any further. An “immortal” Peter: who could stand him! Their ambition is laughable. They chew over their most personal affairs, their stupidities, sorrows, and street-corner idlers' worries, as if reality in itself were obliged to bother with them. They never tire of dragging God himself into the tiniest misery they find themselves in. And this constant first-name familiarity with God, in the worst taste! This Jewish, not only Jewish, pushing themselves on God with mouth and paw! … There are small, despised “heathen peoples” in eastern Asia from whom these first Christians could have learned something essential: some tact in showing reverence. As Christian missionaries report, those peoples do not allow themselves even to speak their god's name. That seems refined enough to me. It is certainly too refined not just for the “first” Christians. To feel the contrast, remember Luther, that “most eloquent” and most presumptuous peasant Germany ever had. Remember the Lutheran tone that he himself liked best in his private conversations with God. Luther's resistance to the Church's saints as intermediaries—especially to “the devil's sow, the pope”—was undoubtedly, at bottom, the resistance of a lout annoyed by the Church's good etiquette. That etiquette of reverence, born of priestly taste, admits only the more consecrated and quieter people to the holy of holies, and shuts the louts out. Here, of all places, they are never to have a say. But Luther the peasant absolutely wanted things otherwise. This was not German enough for him. Above all, he wanted to speak directly, speak for himself, speak “without restraint” with his God … Well, he did it. The ascetic ideal, as you may guess, has never been a school of good taste anywhere, still less of good manners. At best, it was a school of priestly manners. That is because it has something inside it that is the mortal enemy of all good manners: a lack of restraint, a dislike of restraint. It is itself an “absolute extreme.”
23 The ascetic ideal has damaged not only health and taste. It has damaged a third, fourth, fifth, and sixth thing as well. I will take care not to say everything it has damaged—when would I ever finish! What I want to bring to light here is not what this ideal has done. It is only what it means, what it lets us infer, what lies hidden behind it, beneath it, inside it, what it provisionally and unclearly expresses, overloaded with question marks and misunderstandings. Only for this purpose could I not spare my readers a look at the enormous scale of its effects, including its disastrous effects: to prepare them for the final and most terrible aspect that the question of this ideal's meaning has for me. What does the power of this ideal mean, the enormous scale of its power? Why has it been given so much room? Why hasn't it met with better resistance? The ascetic ideal expresses a will. Where is the opposing will that expresses an opposing ideal? The ascetic ideal has a goal. That goal is broad enough to make all the other interests of human existence seem petty and narrow beside it. It ruthlessly interprets ages, peoples, and individuals in terms of this one goal. It accepts no other interpretation, no other goal. It rejects, denies, affirms, and confirms only in terms of its interpretation—and has any system of interpretation ever been thought through more completely? It submits to no power. Instead, it believes it has priority over every power, that it stands unconditionally apart and above every power in rank. It believes that no power on earth exists without first having to receive from it a meaning, a right to exist, a value, as a tool for its work, as a path and means to its goal, to one goal … Where is the counterpart to this closed system of will, goal, and interpretation? Why is that counterpart missing? … Where is the other “one goal”? … But people tell me it is not missing. It has not only fought a long and successful battle with that ideal; in all the main points it has already gained mastery over it. Our whole modern science is said to prove this. This modern science, a genuine philosophy of reality, clearly believes in itself alone, clearly has the courage to be itself and the will to be itself, and has so far managed perfectly well without God, an afterlife, or virtues of denial. But such noise and agitators' chatter get nowhere with me. These trumpeters of reality are bad musicians. It is easy enough to hear that their voices do not come from the depths. The abyss of the scientific conscience does not speak through them—for today the scientific conscience is an abyss. The word “science” in such trumpeters' mouths is simply an obscenity, an abuse, a shamelessness. The truth is exactly the opposite of what is claimed here. Science today has absolutely no faith in itself, let alone an ideal above itself. And where it is still passion, love, burning heat, suffering, it is not the opposite of that ascetic ideal, but its latest and noblest form itself. Does that sound strange too? … Certainly, today's scholars also include plenty of decent, modest working people who like their little corner. Because they like it there, they sometimes grow a little immodest in loudly demanding that people in general ought to be satisfied today, especially in science: there is so much useful work to do in it. I do not object. Least of all would I want to spoil these honest workers' enjoyment of their craft, for I take pleasure in their work. But the fact that hard work is now being done in science, and that there are satisfied workers, does not in any way prove that science as a whole today has a goal, a will, an ideal, a passion born of great faith. As I said, the opposite is true. Where science is not the latest form of the ascetic ideal—the cases in question are too rare, noble, and select to change the overall judgment—it is today a hiding place for every kind of discontent, disbelief, gnawing worm, self-contempt, and bad conscience. It is the very restlessness of having no ideal, the suffering caused by a lack of great love, the dissatisfaction with an unwilling contentment. Oh, what doesn't science hide today! How much it is at least supposed to hide! The competence of our best scholars, their thoughtlessly intense hard work, their heads smoking day and night, their mastery of their craft itself—how often the real point of all this is to keep themselves from seeing something! Science as a means of numbing oneself: do you know about that? … Anyone who deals with scholars discovers that sometimes a harmless word wounds them to the bone. You turn your scholarly friends bitterly against you at the very moment when you think you are honoring them. You drive them completely out of control, simply because you were too insensitive to guess whom you were really dealing with: sufferers who refuse to admit to themselves what they are, numbed people without self-awareness, who fear only one thing: coming to consciousness …
24 Now look, by contrast, at those rarer cases I mentioned, the last idealists among today's philosophers and scholars. Have we perhaps found in them the opponents of the ascetic ideal we were looking for, the holders of its counterideal? These “unbelievers”—for that is what they all are—really do believe they are its opponents. It seems to be their last piece of faith. They are so serious on this point; it is precisely here that their words and gestures become passionate. But must what they believe therefore be true? … We “knowers” have gradually become suspicious of every kind of believer. Our suspicion has gradually trained us to draw the opposite conclusion from the one people used to draw. Wherever the strength of a belief becomes very prominent, we infer a certain weakness in its provability, even the improbability of what is believed. We too do not deny that faith “makes people blessed.” Precisely for that reason, we deny that faith proves anything. A strong faith that makes people blessed casts suspicion on what it believes. It does not establish “truth”; it establishes a certain probability—of deception. How do things stand in this case? These people today who say no and stand apart, these people uncompromising on one point, their demand for intellectual cleanliness; these hard, strict, self-denying, heroic minds who do honor to our age; all these pale atheists, anti-Christians, immoralists, nihilists; these skeptics, these minds withholding judgment, these minds withering with fever—for in some sense they are all that; these last idealists of knowledge, in whom alone the intellectual conscience lives and has taken flesh today: they really believe they are as free as possible from the ascetic ideal, these “free, very free spirits.” And yet, let me tell them what they cannot see for themselves, because they stand too close to themselves: this ideal is precisely their ideal too. They themselves embody it today, perhaps nobody else does. They are its most spiritualized offspring, its most advanced troop of warriors and scouts, its most insidious, delicate, elusive form of seduction. If I can claim to solve riddles in anything, let it be in this statement. They are far from being free spirits, because they still believe in truth … When the Christian Crusaders in the East encountered that invincible order of Assassins, that supreme order of free spirits, whose lowest ranks lived in an obedience no monastic order has ever matched, they somehow also received a hint about the symbol and secret password reserved for the highest ranks as their secret: “Nothing is true, everything is permitted” … Well, that was freedom of spirit. That meant giving up faith in truth itself … Has any European, any Christian free spirit ever strayed into this statement and its labyrinthine consequences? Does he know the Minotaur of this cave from experience? … I doubt it. More than that, I know otherwise. Nothing is more foreign to these people who are uncompromising on one point, these so-called “free spirits,” than freedom and release from restraints in that sense. In no respect are they more tightly bound. In their very faith in truth they are firm and unconditional as nobody else is. Perhaps I know all this at too close a range: that admirable self-denial of philosophers to which such a faith commits them; that stoicism of the intellect that finally forbids itself to say no just as strictly as it forbids itself to say yes; that wish to stop at the factual, at the brute fact; that fatalism of “little facts”—that little fact-alism, as I call it—in which French science now seeks a kind of moral superiority over German science; that refusal to interpret at all, to do violence, rearrange, shorten, omit, stuff, invent, falsify, and do whatever else belongs to the essence of all interpretation. Taken as a whole, this expresses self-denial as a virtue just as much as any rejection of sensuality does. Basically, it is only a form of that denial. But what compels it, that unconditional will to truth, is faith in the ascetic ideal itself, even if it operates as that ideal's unconscious command. Let us not deceive ourselves about this. It is faith in a metaphysical value, a value of truth in itself, guaranteed and certified by that ideal alone. It stands and falls with that ideal. Strictly speaking, there is no science “without assumptions” at all. The thought of such a science cannot be thought through; it is logically unsound. A philosophy, a “faith,” must always come first, so that science can gain from it a direction, a meaning, a boundary, a method, a right to exist. (Anyone who understands this the other way around, anyone who sets out, for example, to put philosophy “on a strictly scientific foundation,” first needs to turn not just philosophy but truth itself upside down: the worst possible breach of decency toward two such venerable ladies!) Yes, there is no doubt—and here I let my “Gay Science” speak; see its fifth book, p. 263—“the truthful person, in that daring and ultimate sense presupposed by faith in science, thereby affirms a different world from that of life, nature, and history. And insofar as he affirms this ‘other world,’ what then? Mustn't he thereby deny its counterpart, this world, our world? … It is still a metaphysical faith on which our faith in science rests. We too, today's knowers, we godless people and opponents of metaphysics, still take our fire from the blaze lit by a faith thousands of years old: that Christian faith, which was also Plato's faith, that God is truth, that truth is divine … But what if precisely this grows more and more unbelievable? What if nothing turns out to be divine except error, blindness, the lie? What if God himself turns out to be our longest lie?”—Here we need to stop and think for a long time. Science itself now needs a justification—which is not even to say that there is one for it. Look at the oldest and the newest philosophies with this question in mind. None of them shows any awareness of how far the will to truth itself first needs a justification. There is a gap here in every philosophy. Why? Because the ascetic ideal has so far been master over all philosophy. Because truth was set up as being, as God, as the highest authority itself. Because truth was not allowed to be a problem at all. Do you understand this “allowed”? From the moment that faith in the God of the ascetic ideal is denied, there is also a new problem: the problem of the value of truth. The will to truth needs a critique—let us define our own task this way. We must, as an experiment, once call into question the value of truth … (Anyone who finds this too briefly stated should read the section of “The Gay Science” titled “To What Extent We Too Are Still Pious,” pp. 260 ff. Better still, read the whole fifth book of that work, and also the preface to “Daybreak.”)
25 No! Do not offer me science when I am looking for the natural opponent of the ascetic ideal, when I ask: “Where is the opposing will that expresses its opposing ideal?” Science cannot stand on its own nearly well enough for that. In every respect, it first needs an ideal of value, a power that creates values, in whose service it is allowed to believe in itself. It never creates values itself. Its relationship to the ascetic ideal is still by no means inherently hostile. For the most part, it is actually the driving force in that ideal's inner development. Look more closely, and its opposition and struggle do not concern the ideal itself at all. They concern only its outer defenses, its clothing, its play of masks, its temporary hardening, its turning wooden and dogmatic. Science frees up the life within the ideal again by denying its outward, public form. These two, science and the ascetic ideal, stand on the same ground, as I have already suggested. They share the same overvaluation of truth—or, more accurately, the same belief that truth cannot be assessed in value, cannot be criticized. This makes them necessarily allies. So if they are fought, they can only ever be fought and called into question together. An assessment of the ascetic ideal's value inevitably brings with it an assessment of science's value. Get your eyes clear and your ears sharp for this in good time! (Art, let me say in advance, since I will come back to this at length sometime, is much more fundamentally opposed to the ascetic ideal than science is. In art, the lie itself is sanctified, and the will to deceive has a good conscience on its side. Plato's instinct sensed this: he was the greatest enemy of art Europe has yet produced. Plato against Homer: that is the whole, the genuine opposition. On one side, the man of the “beyond,” with the best of intentions, the great slanderer of life; on the other, the one who unintentionally makes life divine, the golden nature. An artist's servitude to the ascetic ideal is therefore the truest possible corruption of an artist, unfortunately one of the most common. For nothing is more corruptible than an artist.) Calculated in physiological terms too, science rests on the same ground as the ascetic ideal. A certain impoverishment of life is the prerequisite in both: emotions grown cool, a slower pace, dialectic in place of instinct, seriousness stamped on faces and gestures. Seriousness, that most unmistakable badge of a more laborious metabolism, of life struggling and working harder. Look at the periods in a people's history when the scholar steps to the front. They are periods of fatigue, often of evening, of decline. Overflowing strength, confidence in life, confidence in the future are gone. The predominance of mandarins never means anything good. No more than the rise of democracy, of tribunals to arbitrate peace instead of wars, of equal rights for women, of the religion of pity, and all the other symptoms of declining life. (Science understood as a problem: what does science mean? On this, see the preface to “The Birth of Tragedy.”) No! This “modern science”—just open your eyes to it!—is for now the ascetic ideal's best ally, precisely because it is the least aware of its role, the least intentional, the most hidden and underground! Until now, they have played the same game, the “poor in spirit” and the scientific opponents of that ideal. (Incidentally, take care not to think of the latter as their opposites, as the rich in spirit, say. They are not. I called them minds withering with fever.) Those famous victories of theirs: undoubtedly they are victories—but over what? The ascetic ideal was not defeated in them at all. Rather, it was made stronger, harder to grasp, more spiritual, more insidious, as science repeatedly and ruthlessly stripped off and tore down a wall, an outer defense that had been built onto it and coarsened its appearance. Does anyone really think that the defeat of theological astronomy, for example, means the defeat of that ideal? … Has the human being perhaps grown less in need of an otherworldly solution to the riddle of his existence because that existence has since looked still more arbitrary, more like a street-corner idler, more dispensable in the visible order of things? Hasn't human self-belittlement, the will to self-belittlement, been progressing unstoppably since Copernicus? Ah, faith in human dignity, uniqueness, irreplaceability in the order of beings is gone. The human being has become an animal, an animal without metaphor, qualification, or reservation—he who in his earlier faith was almost God, a “child of God,” a “God-man” … Since Copernicus, humanity seems to have landed on a slope. It now rolls faster and faster away from the center—where to? Into nothingness? Into the “piercing feeling of its nothingness”? … Well! Wouldn't that be the straight road—into the old ideal? … All science—and by no means just astronomy, about whose humbling and degrading effect Kant made a remarkable confession, “it destroys my importance” …—all science today, both natural and unnatural, as I call the self-critique of knowledge, is out to talk people out of their former self-respect, as if it had been nothing but a bizarre conceit. One might even say that science finds its own pride, its own harsh form of stoic peace of mind, in maintaining this hard-won human self-contempt as humanity's last and most serious claim to self-respect. (Rightly so, in fact: for the person who despises is still someone who “has not forgotten how to respect” …) Does this really work against the ascetic ideal? Does anyone still seriously think, as the theologians imagined for a while, that Kant's victory over the dogmatic theology of concepts—“God,” “soul,” “freedom,” “immortality”—harmed that ideal? For now, we need not concern ourselves with whether Kant himself ever even intended anything of the sort. What is certain is that, since Kant, transcendentalists of every kind once again hold a winning hand. They are freed from the theologians: what good luck! He showed them the secret path along which they may now pursue the “wishes of their hearts” on their own initiative and with the utmost scientific respectability. Likewise, who could now blame the agnostics if, as worshippers of the unknown and mysterious in itself, they now worship the question mark itself as God? (Xaver Doudan once speaks of the ravages caused by “the habit of admiring the unintelligible instead of simply remaining in the unknown.” He thinks the ancients managed without it.) Suppose everything that a person “knows” fails to satisfy his wishes, instead contradicting them and making him shudder. What a divine escape, to be allowed to find the fault in “knowing” rather than in “wishing”! … “There is no knowing: therefore—there is a God.” What a new elegance of logical inference! What a triumph for the ascetic ideal!—
26 Or has the whole of modern history writing perhaps shown more confidence in life and in its ideal? Its noblest ambition now is to be a mirror. It rejects every idea of a guiding purpose. It no longer wants to “prove” anything. It refuses to play the judge, and shows good taste in that. It neither affirms nor denies; it establishes facts, it “describes” … All this is highly ascetic. But at the same time, and to an even higher degree, it is nihilistic. Let us not deceive ourselves about that! We see a sad, hard, but determined gaze—an eye that looks outward, as a solitary explorer at the North Pole looks outward. Perhaps to avoid looking inward? To avoid looking back? … Here there is snow; here life has fallen silent. The last crows to make themselves heard here are called “What for?”, “In vain!”, “Nothing!” Nothing grows or thrives here anymore, except perhaps Petersburg metapolitics and Tolstoyan “pity.” But as for that other kind of historian, a perhaps even more “modern” kind, pleasure-loving, lustful, flirting as much with life as with the ascetic ideal, using the word “artist” as a glove and now claiming an exclusive lease on the praise of contemplation—oh, what a thirst these sweet, clever people awaken even for ascetics and winter landscapes! No! The devil take these “contemplative” people! How much rather I would wander through the darkest gray, cold mists with those historical nihilists! Yes, if I must choose, I would not even object to listening to someone genuinely unhistorical and anti-historical. (Like that Dühring, whose tones intoxicate a still-shy, still-unacknowledged species of “beautiful souls” in today's Germany, the anarchist species within the educated proletariat.) The “contemplative” ones are a hundred times worse. I know nothing so disgusting as such an “objective” armchair, such a perfumed pleasure-seeker before history, half priest, half satyr, Renan perfume. The high falsetto of his applause already betrays what he lacks, where he lacks it, where in this case Fate wielded her cruel scissors, alas, all too surgically! This goes against my taste, and my patience too. Anyone who has nothing to lose by being patient may stay patient at such sights. Such a sight enrages me. Such “spectators” turn me more bitterly against the “spectacle” than the spectacle itself does—history itself, you understand. Without warning, all this puts me in moods like Anacreon's. This nature that gave the bull its horn and the lion its gaping, tooth-filled jaws—why did nature give me a foot? … To kick with, by holy Anacreon! And not just to run away with. To kick apart rotten armchairs, cowardly contemplation, the lustful eunuchs before history, flirting with ascetic ideals, impotence's Tartuffe-style hypocritical show of justice! All my respect to the ascetic ideal, insofar as it is honest! As long as it believes in itself and does not play tricks on us! But I do not like all these flirtatious bedbugs whose insatiable ambition is to smell of the infinite, until at last the infinite smells of bedbugs. I do not like the whitewashed tombs that act out life. I do not like the tired and worn-out people who wrap themselves in wisdom and look “objective.” I do not like the agitators dressed up as heroes, wearing an ideal as a cap of invisibility around their straw-bundle heads. I do not like the ambitious artists who want to pass for ascetics and priests and are basically only tragic clowns. I do not like them either, these latest speculators in idealism, the anti-Semites, who today roll their eyes in a Christian-Aryan-respectable way. Through a misuse of the cheapest means of agitation, the moral pose, that exhausts all patience, they seek to stir up all the cattle-like elements of the people. (That every kind of fraudulent spiritual hocus-pocus in today's Germany has some success is connected with the now undeniable, already tangible desolation of the German mind. I look for its cause in an all too exclusive diet of newspapers, politics, beer, and Wagnerian music. Add to this what makes such a diet possible: first, national confinement and vanity, the strong but narrow principle “Germany, Germany above everything”; then the shaking palsy of “modern ideas.”) Europe today is rich and inventive above all in stimulants. It seems to need nothing more than stimulants and distilled spirits. Hence the enormous counterfeiting of ideals, those most highly distilled spirits of the mind. Hence, too, the repulsive, foul-smelling, dishonest, pseudo-alcoholic air everywhere. I would like to know how many shiploads of imitation idealism, of heroes' costumes and the clattering tin of grand words, how many tons of sugared, alcoholic sympathy—trading as “the religion of suffering”—how many stilts of “noble indignation” to help the mentally flat-footed, how many people pretending to embody the Christian-moral ideal would have to be exported from Europe today to make its air smell cleaner again … Clearly, this overproduction opens up a new possibility for trade. Clearly, there is a new “business” to be done in little idols of ideals and their accompanying “idealists”—do not miss this fence-post-sized hint! Who has enough courage for it? We have it in our hands to “idealize” the whole earth! … But why do I speak of courage? Only one thing is needed here: the hand itself, an uninhibited hand, a very uninhibited hand …
27 Enough! Enough! Let us leave these curiosities and complexities of the most modern mind, which give as much cause for laughter as for annoyance. Our particular problem can do without them: the problem of the meaning of the ascetic ideal. What does it have to do with yesterday and today! I will deal with those things more thoroughly and harshly in another setting, under the title “On the History of European Nihilism.” For that, I refer readers to a work I am preparing: The Will to Power, An Attempt to Revalue All Values. The only thing I wanted to point out here is this: even in the most intellectual sphere, the ascetic ideal still has for now only one kind of real enemies and people who harm it: those who pretend to embody this ideal, for they awaken distrust. Everywhere else that the mind works strictly, powerfully, and without counterfeiting today, it now has no ideal at all—the popular name for this abstinence is “atheism”—except for its will to truth. But this will, this remnant of an ideal, is, if you will believe me, that very ideal in its strictest, most intellectual formulation, entirely inward and secret, stripped of all outer defenses. It is therefore not so much its remnant as its core. Unconditional, honest atheism—and we, the more intellectual people of this age, breathe only its air!—is accordingly not opposed to that ideal, as it appears to be. Rather, it is only one of the ideal's last stages of development, one of its final forms and inner logical consequences. It is the awe-inspiring catastrophe of a two-thousand-year training in truthfulness, which finally forbids itself the lie in belief in God. (The same course of development occurred in India, completely independently, and therefore proving something. The same ideal forced the same conclusion. The decisive point was reached five centuries before the European calendar's starting point, with Buddha—or, more precisely, already with Sankhyam philosophy, which Buddha then popularized and made into a religion.) What, if we ask with complete strictness, has actually defeated the Christian God? The answer is in my “Gay Science,” p. 290: “Christian morality itself, the concept of truthfulness taken more and more strictly, the Christian conscience's confessor-like subtlety, translated and raised into the scientific conscience, into intellectual cleanliness at any price. Looking at nature as if it were evidence of a god's goodness and care; interpreting history in honor of a divine reason, as constant evidence of a moral world order and moral ultimate purposes; interpreting one's own experiences as pious people interpreted them for so long, as if everything were providence, everything a sign, everything devised and sent for the soul's salvation: that is now over. It has conscience against it. Every more sensitive conscience regards it as indecent, dishonest, as lying, effeminacy, weakness, cowardice. Through this strictness, if through anything, we are good Europeans and heirs to Europe's longest and bravest self-overcoming” … All great things destroy themselves through an act of self-cancellation. That is what the law of life demands, the law of necessary “self-overcoming” in the essence of life. In the end, the lawgiver himself always hears the call: “Submit to the law you yourself have laid down.” In this way, Christianity as dogma was destroyed by its own morality. In this way, Christianity as morality must now also be destroyed. We stand on the threshold of this event. After Christian truthfulness has drawn one conclusion after another, it finally draws its strongest conclusion, its conclusion against itself. This happens when it asks: “What does all will to truth mean?” … And here I touch again on my problem, on our problem, my unknown friends—for as yet I know of no friend. What meaning would our whole existence have, if not that in us this will to truth had become conscious of itself as a problem? … From now on, this coming to consciousness of the will to truth will cause morality to perish. There is no doubt of that. That great spectacle in a hundred acts, reserved for Europe's next two centuries, the most terrible, most questionable, and perhaps also the most hopeful of all spectacles …
28 Apart from the ascetic ideal, the human being, the human animal, has so far had no meaning. His existence on earth had no goal. “What are human beings for at all?” was a question without an answer. The will for humanity and the earth was missing. Behind every great human fate, an even greater “In vain!” sounded as a refrain. That is precisely what the ascetic ideal means: something was missing, an enormous gap surrounded humanity. Human beings did not know how to justify, explain, or affirm themselves. They suffered from the problem of their own meaning. They suffered in other ways too; for the most part, they were sickly animals. But their problem was not suffering itself. It was the lack of an answer to the questioning cry, “What is the point of suffering?” The human being, the bravest animal and the one most used to suffering, does not reject suffering in itself. He wants it, even seeks it out, provided he is shown a meaning for it, a purpose for suffering. The meaninglessness of suffering, not suffering itself, was the curse that had so far lain over humanity—and the ascetic ideal offered it a meaning! So far, it was the only meaning. Any meaning is better than no meaning at all. In every respect, the ascetic ideal was the supreme case of “for lack of anything better” that had so far existed. In it, suffering was interpreted. The enormous emptiness seemed filled. The door closed against all suicidal nihilism. The interpretation—there is no doubt—brought new suffering with it: deeper, more inward, more poisonous suffering that gnawed more at life. It placed all suffering under the perspective of guilt … But despite everything, human beings were thereby saved. They had a meaning. They were no longer like a leaf in the wind, a ball tossed around by nonsense, by “no-sense.” They could now will something. At first, it did not matter toward what, for what, or with what they willed: the will itself was saved. There is no hiding what all that willing, which took its direction from the ascetic ideal, really expresses. This hatred of the human, still more of the animal, still more of the material; this horror of the senses, of reason itself; this fear of happiness and beauty; this desire to get away from all appearance, change, becoming, death, wish, desire itself—all this means, let us dare to understand it, a will to nothingness, an aversion to life, a rebellion against life's most basic conditions. But it is and remains a will! … And, to end by saying what I said at the start: human beings would still rather will nothingness than not will …