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Ecce Homo
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Ecce Homo

Friedrich Nietzsche · Plain English translation — Mouseia

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Preface

German

Ecce homo

Wie man wird – was man ist

1 In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muß, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerläßlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man’s wissen: denn ich habe mich nicht „unbezeugt gelassen“. Das Mißverhältniß aber zwischen der Größe meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, daß man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloß ein Vorurtheil, daß ich lebe?… Ich brauche nur irgend einen „Gebildeten“ zu sprechen, der im Sommer in’s Ober-Engadin kommt, um mich zu überzeugen, daß ich nicht lebe… Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht!

2 Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, – ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, daß gerade Das zu meinem Stolz gehört. Ich bin ein Jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein, als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu „verbessern“. Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen – mein Wort für Ideale – umwerfen, das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog… Die „wahre Welt“ und die „scheinbare Welt“ – auf deutsch: die erlogene Welt und die Realität… Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden, bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.

3 Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiß, weiß, daß es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muß für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht sein mag: Die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich an’s Licht. – Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (– der Glaube an’s Ideal –) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit… Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniß folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich… Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloß Handschuhe vor ihnen an… Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. –

4 Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das größte Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm –, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen. Hier redet kein „Prophet“, keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muß vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu thun. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt –“

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süß: und indem sie fallen, reißt ihnen die rothe Haut.

Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süßes Fleisch!

Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag –

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht „gepredigt“, hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, – eine zärtliche Langsamkeit ist das Tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen, hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben… Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?… Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgendein „Weiser“, „Heiliger“, „Welt-Erlöser“ und andrer décadent in einem solchen Falle sagen würde… Er redet nicht nur anders, er ist auch anders…

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniß muß nicht nur seine Feinde lieben, er muß auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, daß euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich.

So thun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…

Friedrich Nietzsche

English

Ecce homo

How you become—what you are

1 I expect that very soon I will have to make the hardest demand ever made on humanity. So I think I have to say who I am. People should really know already: I haven't left myself “without witnesses.” But the gap between the greatness of my task and the smallness of my contemporaries has shown itself in this: they haven't heard me or even seen me. I live on my own credit. Perhaps the idea that I'm alive is just a prejudice?… I only need to speak to some “educated” person visiting the Upper Engadin in summer to convince myself that I'm not alive… In these circumstances I have a duty that goes against my habits and, even more, the pride of my instincts. I have to say: Listen to me! This is who I am. Above all, don't mistake me for someone else!

2 For example, I'm certainly no bogeyman, no monster of morality. My nature is actually the opposite of the kind of person people have honored as virtuous until now. Between ourselves, I think that's precisely something to be proud of. I'm a follower of the philosopher Dionysus. I would rather be a satyr than a saint. But just read this book. Perhaps I've managed to express this contrast in a cheerful, friendly way; perhaps that was the whole point of writing it. The last thing I would promise is to “improve” humanity. I won't set up any new idols. Let the old ones find out what it means to have legs of clay. Knocking down idols—my word for ideals—is more my line of work. The more people lied an ideal world into existence, the more they robbed reality of its value, its meaning, its truthfulness… The “true world” and the “apparent world”—in plain language, the world made up by lies and reality… The lie of the ideal has been a curse on reality until now. Through it, humanity itself has become dishonest and false down to its deepest instincts. It has even come to worship values that are the reverse of those that alone could guarantee its flourishing, its future, its great right to a future.

3 Anyone who knows how to breathe the air in my writings knows it's mountain air, strong air. You have to be made for it. Otherwise there's a real danger of catching cold in it. The ice is close, the solitude is enormous—but how calmly everything lies in the light! How freely you breathe! How much you feel below you! Philosophy, as I've understood and lived it until now, means choosing to live among ice and high mountains. It means seeking out everything strange and questionable in existence, everything morality has forbidden until now. Long experience of traveling through forbidden territory taught me to see the reasons behind moralizing and idealizing very differently from how people might like me to see them. The hidden history of philosophers, the psychology behind their great names, came to light for me. How much truth can a mind bear? How much truth does it dare to face? More and more, that became my real measure of value. Error—belief in the ideal—isn't blindness. Error is cowardice… Every achievement, every step forward in knowledge, comes from courage, from being hard on yourself, from keeping yourself clean… I don't refute ideals; I just put on gloves before handling them… We strive for what is forbidden: under this sign my philosophy will one day win, because until now it has always been truth, and nothing else, that people have forbidden on principle.—

4 Among my writings, my Zarathustra stands apart. With it I've given humanity the greatest gift it has ever received. This book speaks across thousands of years. It isn't just the highest book there is, the true book of mountain air—the whole fact of being human lies immensely far below it. It's also the deepest book, born from the innermost richness of truth. It's a well that never runs dry: no bucket goes down into it without coming back up filled with gold and goodness. No “prophet” is speaking here, none of those horrifying mixtures of sickness and will to power that people call founders of religions. Above all, you have to hear the tone of this voice correctly, its deep calm, or you'll do a pitiful injustice to the meaning of its wisdom. “The quietest words are the ones that bring the storm. Thoughts that arrive on doves' feet guide the world—”

“Figs are falling from the trees. They're good and sweet, and as they fall their red skin splits.

“I'm a north wind to ripe figs.

“Like figs, these teachings fall to you, my friends. Now drink their juice and their sweet flesh!

“It's autumn all around, with clear skies and afternoon—”

No fanatic is speaking here. No one is “preaching”; no belief is demanded. Out of an endless abundance of light and depth of happiness, it falls drop by drop, word by word. These speeches move at a tender, slow pace. Something like this reaches only the most select few. To listen here is a privilege like no other. No one can just choose to have ears for Zarathustra… Doesn't all this make Zarathustra a seducer?… But what does he himself say when he returns to his solitude for the first time? Exactly the opposite of what any “sage,” “saint,” “savior of the world,” or other decadent would say in that situation… He doesn't just speak differently. He is different too…

“Now I go alone, my students! You too must leave now, and go alone! That's what I want.

“Leave me and defend yourselves against Zarathustra! Better still, be ashamed of him! Perhaps he deceived you.

“A person who seeks knowledge must not only love their enemies. They must also be able to hate their friends.

“You repay a teacher badly if you always remain just a student. And why don't you want to pull at my wreath?

“You admire me. But what if your admiration one day topples over? Be careful that a statue doesn't fall on you and kill you!

“You say you believe in Zarathustra? But what does Zarathustra matter! You're my believers, but what do any believers matter!

“You hadn't yet looked for yourselves when you found me.

“That's what all believers do. That's why all belief amounts to so little.

“Now I tell you to lose me and find yourselves. Only when you have all denied me will I return to you…”

Friedrich Nietzsche

Birthday Reflection

An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, – was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Das erste Buch der Umwerthung aller Werthe, die Lieder Zarathustra’s, die Götzen-Dämmerung, mein Versuch, mit dem Hammer zu philosophiren – Alles Geschenke dieses Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? –

Und so erzähle ich mirmein Leben.

On this perfect day, when everything is ripening and not just the grapes are turning brown, a ray of sunlight just fell on my life. I looked back, I looked outward; I'd never seen that many things at once, and never things that good. It wasn't for nothing that I buried my forty-fourth year today. I was allowed to bury it: whatever was alive in it has been saved and is immortal. The first book of the Revaluation of All Values, the Songs of Zarathustra, Twilight of the Idols, my attempt to philosophize with a hammer—all gifts from this year, even from its last three months! How could I not be grateful for my whole life?—

And so I tell myselfthe story of my life.

Why I Am So Wise

1 Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängniß: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang – dies, wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältniß zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excellence hierfür, – ich kenne Beides, ich bin Beides. – Mein Vater starb mit sechsunddreißig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, – eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im sechsunddreißigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität, – ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn. Damals – es war 1879 – legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: „Der Wanderer und sein Schatten“ entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf Schatten… Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene Versüßung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die „Morgenröthe“ hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem Exceß von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleim-Erbrechen mit sich bringt, – besaß ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall: im Fall des Sokrates. – Alle krankhaften Störungen des Intellekts, selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können. Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte schließlich: „Nein! an Ihren Nerven liegt’s nicht, ich selber bin nur nervös“. Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems. Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: sodaß mit jeder Zunahme an Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. – Eine lange, allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, – sie bedeutet leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence. Brauche ich, nach alledem, zu sagen, daß ich in Fragen der décadence erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger für nuances, jene Psychologie des „Um-die-Ecke-sehns“ und was sonst mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle und Selbstgewißheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des décadence-Instinkts – das war meine längste Übung, meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine „Umwerthung der Werthe“ überhaupt möglich ist. –

2 Abgerechnet nämlich, daß ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, daß ich instinktiv gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen – das verräth die unbedingte Instinkt-Gewißheit darüber, was damals vor Allem noth that: Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die Bedingung dazu – jeder Physiologe wird das zugeben – ist, daß man im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben, zum Mehrleben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen Dinge, wie sie Andere nicht leicht schmecken könnten, – ich machte aus meinem Willen zur Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie… Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und Entmuthigung… Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit! Daß ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: daß er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maaß des Zuträglichen überschritten wird. Er erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Princip, er läßt Viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zuläßt, indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an „Unglück“ noch an „Schuld“: er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiß zu vergessen, – er ist stark genug, daß ihm Alles zum Besten gereichen muß. – Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.

3 Diese doppelte Reihe von Erfahrungen, diese Zugänglichkeit zu anscheinend getrennten Welten wiederholt sich in meiner Natur in jeder Hinsicht, – ich bin ein Doppelgänger, ich habe auch das „zweite“ Gesicht noch außer dem ersten. Und vielleicht auch noch das dritte… Schon meiner Abkunft nach ist mir ein Blick erlaubt jenseits aller bloß lokal, bloß national bedingten Perspektiven, es kostet mich keine Mühe, ein „guter Europäer“ zu sein. Andrerseits bin ich vielleicht mehr deutsch, als jetzige Deutsche, bloße Reichsdeutsche es noch zu sein vermöchten, – ich, der letzte antipolitische Deutsche. Und doch waren meine Vorfahren polnische Edelleute: ich habe von daher viel Rassen-Instinkte im Leibe, wer weiß? zuletzt gar noch das liberum veto. Denke ich daran, wie oft ich unterwegs als Pole angeredet werde und von Polen selbst, wie selten man mich für einen Deutschen nimmt, so könnte es scheinen, daß ich nur zu den angesprenkelten Deutschen gehörte. Aber meine Mutter, Franziska Oehler, ist jedenfalls etwas sehr Deutsches; insgleichen meine Großmutter väterlicher Seits, Erdmuthe Krause. Letztere lebte ihre ganze Jugend mitten im guten alten Weimar, nicht ohne Zusammenhang mit dem Goethe’schen Kreise. Ihr Bruder, der Professor der Theologie Krause in Königsberg, wurde nach Herder’s Tode als Generalsuperintendent nach Weimar berufen. Es ist nicht unmöglich, daß ihre Mutter, meine Urgroßmutter, unter dem Namen „Muthgen“ im Tagebuch des jungen Goethe vorkommt. Sie verheirathete sich zum zweiten Mal mit dem Superintendenten Nietzsche in Eilenburg; an dem Tage des großen Kriegsjahres 1813, wo Napoleon mit seinem Generalstab in Eilenburg einzog, am 10. Oktober, hatte sie ihre Niederkunft. Sie war, als Sächsin, eine große Verehrerin Napoleon’s; es könnte sein, das ich’s auch noch bin. Mein Vater, 1813 geboren, starb 1849. Er lebte, bevor er das Pfarramt der Gemeinde Röcken unweit Lützen übernahm, einige Jahre auf dem Altenburger Schlosse und unterrichtete die vier Prinzessinnen daselbst. Seine Schülerinnen sind die Königin von Hannover, die Großfürstin Constantin, die Großherzogin von Oldenburg und die Prinzeß Therese von Sachsen-Altenburg. Er war voll tiefer Pietät gegen den preußischen König Friedrich Wilhelm den Vierten, von dem er auch sein Pfarramt erhielt; die Ereignisse von 1848 betrübten ihn über die Maaßen. Ich selber, am Geburtstage des genannten Königs geboren, am 15. Oktober, erhielt, wie billig, die Hohenzollern-Namen Friedrich Wilhelm. Einen Vorteil hatte jedenfalls die Wahl dieses Tages: mein Geburtstag war meine ganze Kindheit hindurch ein Festtag. – Ich betrachte es als ein großes Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: es scheint mir sogar, daß sich damit Alles erklärt, was ich sonst an Vorrechten habe, – das Leben, das große Ja zum Leben nicht eingerechnet. Vor Allem, daß es für mich keiner Absicht dazu bedarf, sondern eines bloßen Abwartens, um unfreiwillig in eine Welt hoher und zarter Dinge einzutreten: ich bin dort zu Hause, meine innerste Leidenschaft wird dort erst frei. Daß ich für dies Vorrecht beinahe mit dem Leben zahlte, ist gewiß kein unbilliger Handel. – Um nur Etwas von meinem Zarathustra zu verstehn, muß man vielleicht ähnlich bedingt sein, wie ich es bin, – mit Einem Fuße jenseits des Lebens…

4 Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen – auch das verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater –, und selbst noch, wenn es mir von großem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin nur selten, im Grunde nur Ein Mal Spuren davon entdecken, daß Jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte, – vielleicht aber etwas zu viel Spuren von gutem Willen… Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlaß gehabt, eine Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleißig. Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich muß unvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so verstimmt, wie nur das Instrument „Mensch“ verstimmt werden kann – ich müßte krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den „Instrumenten“ selber gehört, daß sie sich noch nie so gehört hätten… Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter Erlaubniß, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend, daß er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch, der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preußischen Junkers in den Wagner’schen Sumpf hineingewatet war (– und außerdem noch in den Dühring’schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die gute Luft hier oben, so gehe es Jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuß über Bayreuth, – aber er wollte mir’s nicht glauben… Wenn trotzdem an mir manche kleine und große Missethat verübt worden ist, so war nicht der „Wille“, am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon hätte ich mich – ich deutete es eben an – über den guten Willen zu beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat. Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Mißtrauen überhaupt hinsichtlich der sogenannten „selbstlosen“ Triebe, der gesammten zu Rath und That bereiten „Nächstenliebe“. Sie gilt mir an sich als Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, – das Mitleiden heißt nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den Mitleidigen vor, daß ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl vor Distanzen leicht abhanden kommt, daß Mitleiden im Handumdrehen nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich sieht, – daß mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch in ein großes Schicksal, in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als „Versuchung Zarathustra’s“ einen Fall gedichtet, wo ein großer Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat – sein eigentlicher Beweis von Kraft…

5 Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloß mein Vater noch einmal und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich Jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff „Vergeltung“ so unzugänglich ist wie etwa der Begriff „gleiche Rechte“, verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr große Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaaßregel, jede Schutzmaaßregel, – wie billig, auch jede Vertheidigung, jede „Rechtfertigung“. Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie vielleicht noch ein. Im Gleichniß geredet: ich schicke einen Topf mit Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden… Man hat nur Etwas an mir schlimm zu machen, ich „vergelte“ es, dessen sei man sicher: ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem „Missethäter“ meinen Dank auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) – oder ihn um Etwas zu bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben… Auch scheint es mir, daß das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, – es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind dyspeptisch. – Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. – Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun, als Unrecht, — nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen wäre erst göttlich.

6 DIE Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment — wer weiß, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muß es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend gemacht werden muß, so ist es, daß in ihm der eigentliche Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe wird. Man weiß von Nichts loszukommen, man weiß mit Nichts fertig zu werden, man weiß Nichts zurückzustoßen, — Alles verletzt. Mensch und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art Ressentiment selbst. — Hiergegen hat der Kranke nur Ein großes Heilmittel, — ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen, — überhaupt nicht mehr reagiren... Die große Vernunft dieses Fatalismus, der nicht immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf. Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir, der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab, als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne — das ist für Erschöpfte sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen, zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken — sein Böses: leider auch sein natürlichster Hang. — Das begriff jener tiefe Physiolog Buddha. Seine „Religion“, die man besser als eine Hygiene bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie das Christentum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen — erster Schritt zur Genesung. „Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende“: das steht am Anfang der Lehre Buddha’s — so redet nicht die Moral, so redet die Physiologie. — Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem schädlicher als dem Schwachen selbst, — im andern Falle, wo eine reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom „freien Willen“ hinein aufgenommen hat — der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein Einzelfall daraus — wird verstehn, weshalb ich mein persönliches Verhalten, meine Instinkt-Sicherheit in der Praxis hier gerade an’s Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war, verbot ich sie mir als unter mir. Jener „russische Fatalismus“, von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, daß ich beinahe unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, — es war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, — als sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: — in Wahrheit war es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. — Sich selbst wie ein Fatum nehmen, nicht sich „anders“ wollen — das ist in solchen Zuständen die große Vernunft selbst.

7 EIN ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein — das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. — Die Stärke des Angreifenden hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maaß; jedes Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners — oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen hat, — über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde — erste Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich sieht, hat man nicht Krieg zu führen. — Meine Kriegs-Praxis ist in vier Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich sind, — ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens: ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde, wo ich allein stehe, — wo ich mich allein compromittire... Ich habe nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie Personen an, — ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrößerungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen kann. So griff ich David Strauß an, genauer den Erfolg eines altersschwachen Buchs bei der deutschen „Bildung“, — ich ertappte diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer „Cultur“, welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Großen verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne aus damit, daß ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person verbinde: für oder wider — das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, — die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniß von Jahrtausenden ist. —

8 DARF ich noch einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des Reinlichkeits-Instinkts, so daß ich die Nähe oder — was sage ich? — das Innerlichste, die „Eingeweide“ jeder Seele physiologisch wahrnehme — rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner, mit denen ich jedes Geheimniß betaste und in die Hand bekomme: der viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir fast bei der ersten Berührung schon bewußt. Wenn ich recht beobachtet habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht wohlriechender... So wie ich mich immer gewöhnt habe — eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen —, schwimme und bade und plätschere ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, daß ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung. — Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen, Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden Luft... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit... Zum Glück nicht auf die reine Torheit... — Wer Augen für Farben hat, wird ihn diamanten nennen. — Der Ekel am Menschen, am „Gesindel“ war immer meine größte Gefahr... Will man die Worte hören, in denen Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?

»Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel?

Wer verjüngte mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, in’s Höchste mußte ich fliegen, daß ich den Born der Lust wiederfände! —

Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, daß du ihn füllen willst.

Und noch muß ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir noch mein Herz entgegen:

— mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heiße, schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag, —

— ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine Freunde, daß die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und zu steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften!

Feuer würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heißen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: hütet euch, gegen den Wind zu speien!...«

1 The good fortune of my life, perhaps its uniqueness, lies in its fate. To put it as a riddle: as my father, I have already died; as my mother, I am still alive and growing old. This double origin comes, as it were, from the highest and lowest rungs on the ladder of life. I am both a decadent and a beginning. If anything explains my neutrality toward the whole problem of life, my freedom from taking sides, which may set me apart, this does. I have a keener nose for signs of rising and decline than any human being has ever had. I am the supreme teacher in this field—I know both, I am both.—My father died at 36. He was delicate, lovable, and sickly, like a being meant only to pass through—more a kindly memory of life than life itself. At the same age when his life went downhill, mine did too. In my 36th year I reached the lowest point of my vitality. I was still alive, but unable to see three steps ahead. That was in 1879. I gave up my professorship at Basel, lived like a shadow in St. Moritz through the summer, and spent the next winter, the least sunny of my life, as a shadow in Naumburg. That was my lowest point. I wrote “The Wanderer and His Shadow” during that time. There is no doubt that I understood shadows then… The next winter, my first in Genoa, brought forth “Dawn.” It grew out of that sweetness and refinement of mind that almost inevitably come with an extreme lack of blood and muscle. The complete brightness and cheerfulness, even overflowing energy of mind, reflected in that work are compatible in me not just with the deepest physical weakness, but even with extreme pain. In the middle of the torments brought on by three days of unbroken pain in the brain and exhausting vomiting of mucus, I had the clearest possible grasp of logical argument. I thought things through very coolly that, in healthier conditions, I am not enough of a climber, not subtle enough, not cold enough to reach. My readers may know how far I see this kind of logical argument as a symptom of decadence—for example, in the most famous case of all, that of Socrates.—To this day, all sickly disturbances of the mind have remained completely foreign to me, even the half-stunned state that comes with fever. I had to learn about their nature and frequency from scholarly study. My blood runs slowly. No one has ever been able to detect a fever in me. A doctor who treated me for a nervous disorder for quite some time finally said: “No! Your nerves aren't the problem. I'm just nervous myself.” No localized degeneration can be demonstrated at all. There is no stomach disease with an organic cause, however extreme the weakness of my digestive system may be as a result of general exhaustion. Even my eye trouble, which at times came dangerously close to blindness, was only a result, not a cause. So every increase in vitality also brought an improvement in my eyesight.—For me, a long, far too long series of years means recovery. Unfortunately, it also means relapse, decline, the recurring cycle of a kind of decadence. After all this, do I need to say that I am experienced in questions of decadence? I have spelled it out forward and backward. Even that delicate art of grasping and understanding in general, those fingers for fine shades of difference, that psychology of “seeing around corners,” and whatever else belongs to me, were only learned then. They are the real gift of that time, when everything in me grew more sensitive, observation itself as well as all the organs of observation. To look from the sick person's point of view toward healthier ideas and values, and then, in reverse, to look down from the fullness and self-assurance of a rich life into the secret work of the instinct of decadence—that was my longest practice, my real experience. If I became a master at anything, it was this. Now it is in my hands; I have the skill to switch perspectives. That is the first reason why a “revaluation of values” may be possible for me alone.—

2 For, besides being a decadent, I am also its opposite. One proof is that I always instinctively chose the right remedies for bad conditions. A decadent as such always chooses remedies that harm him. Taken as a whole, I was healthy; in one corner, in one particular respect, I was decadent. That energy for complete isolation and breaking away from familiar circumstances, the force I used on myself to stop letting people look after me, wait on me, and doctor me—all this shows the absolute certainty of my instinct about what was needed above all at that time. I took myself in hand. I made myself healthy again. The condition for doing this—every physiologist will admit it—is that you are basically healthy. A being who is typically sickly cannot become healthy, still less make himself healthy. For someone typically healthy, on the other hand, sickness can even be a powerful spur to life, to more life. That is indeed how that long period of sickness looks to me now. I discovered life anew, as it were, including myself. I tasted all the good things, even the small things, as others could not easily taste them. I made my will to health, to life, into my philosophy… For notice this: it was in the years when my vitality was lowest that I stopped being a pessimist. The instinct to restore myself forbade me a philosophy of poverty and discouragement… And how, at bottom, do you recognize someone who has turned out well? Such a person is pleasant to our senses. He is carved from wood that is hard, delicate, and fragrant at the same time. He likes the taste only of what is good for him. His liking, his pleasure, stops where the limit of what benefits him is passed. He senses the remedies for injuries. He turns bad accidents to his advantage. What does not kill him makes him stronger. He instinctively gathers his own total from everything he sees, hears, and experiences. He is a principle of selection; he lets much fall away. Whether he is dealing with books, people, or landscapes, he is always in his own company. He honors things by choosing them, by admitting them, by trusting them. He responds slowly to every kind of stimulus, with the slowness that long caution and deliberate pride have trained into him. He examines the stimulus that approaches him; he is far from going out to meet it. He believes neither in “bad luck” nor in “guilt.” He comes to terms with himself and with others. He knows how to forget. He is strong enough that everything must turn out for his good.—Well then, I am the opposite of a decadent: what I just described was myself.

3 This double series of experiences, this access to apparently separate worlds, repeats itself in every part of my nature. I am a double; besides my first sight, I also have “second” sight. And perhaps third sight too… My ancestry alone lets me look beyond every perspective shaped merely by a locality or a nation. Being a “good European” takes no effort for me. On the other hand, perhaps I am more German than today's Germans, mere Germans of the Reich, could still manage to be—I, the last antipolitical German. And yet my ancestors were Polish noblemen. I carry many racial instincts in my body from that source. Who knows? Perhaps, in the end, even the unrestricted right to veto. When I think how often people address me as a Pole on my travels, even Poles themselves, and how rarely they take me for a German, it might seem that I was only one of the Germans speckled with foreign blood. But my mother, Franziska Oehler, is certainly something very German, as is my grandmother on my father's side, Erdmuthe Krause. The latter spent her whole youth in good old Weimar, with some connections to Goethe's circle. Her brother, Krause, a professor of theology in Königsberg, was called to Weimar as general superintendent after Herder's death. It is not impossible that her mother, my great-grandmother, appears under the name “Muthgen” in the young Goethe's diary. She married a second time, to Superintendent Nietzsche in Eilenburg. In the great war year of 1813, she gave birth on the day Napoleon entered Eilenburg with his general staff, October 10. As a Saxon, she was a great admirer of Napoleon. It could be that I still am too. My father, born in 1813, died in 1849. Before taking over as pastor of the congregation in Röcken, near Lützen, he lived for several years at Altenburg Castle, where he taught the four princesses. His pupils are the Queen of Hanover, the Grand Duchess Constantine, the Grand Duchess of Oldenburg, and Princess Therese of Saxe-Altenburg. He felt deep devotion to the Prussian king Friedrich Wilhelm IV, who also gave him his position as pastor. The events of 1848 saddened him beyond measure. I myself was born on that king's birthday, October 15, and, fittingly, received the Hohenzollern names Friedrich Wilhelm. The choice of that day had at least one advantage: throughout my childhood, my birthday was a holiday.—I see it as a great privilege to have had such a father. In fact, it seems to explain all my other privileges—not counting life, the great Yes to life. Above all, I do not need to make any deliberate effort, but only to wait, to enter without willing it a world of lofty and delicate things. I am at home there. Only there is my deepest passion set free. That I nearly paid for this privilege with my life is certainly no unfair bargain.—To understand even a little of my Zarathustra, perhaps you need to be constituted much as I am—with one foot beyond life…

4 I have never understood the art of turning people against me—another thing I owe to my incomparable father—even when doing so seemed very valuable to me. In fact, however unchristian it may seem, I am not even against myself. Turn my life this way and that, and you will rarely find traces of anyone having wished me harm—at bottom, only once. But perhaps you will find rather too many traces of good will… Even my experiences with people everyone else has bad experiences with speak without exception in their favor. I tame every bear; I even make clowns behave decently. In the seven years when I taught Greek to the highest class at the Basel preparatory school, I never had reason to give a punishment. The laziest students worked hard for me. I am always a match for chance. I have to be unprepared to be master of myself. Whatever the instrument, however out of tune it may be—even as out of tune as the instrument “human being” can become—I would have to be sick not to get something worth hearing out of it. And how often I have heard from the “instruments” themselves that they had never heard themselves like that before… Perhaps the finest case was Heinrich von Stein, who died unforgivably young. Once, after carefully obtaining permission, he appeared in Sils-Maria for three days, explaining to everyone that he was not coming because of the Engadin. This excellent man had waded into the Wagnerian swamp with all the headstrong simplicity of a Prussian landed nobleman—and into Dühring's swamp as well! During those three days, he seemed transformed by a gale of freedom, like someone suddenly lifted to his own height and given wings. I kept telling him it was the good air up here, that everyone felt that way, that we were not 6000 feet above Bayreuth for nothing—but he would not believe me… If, despite this, people have done me various small and large wrongs, “will” was not the reason, least of all ill will. Rather—as I have just suggested—I would have cause to complain about good will, which has done no small amount of mischief in my life. My experiences entitle me to distrust the so-called “selfless” drives in general, all that “love of one's neighbor” ready with advice and action. I see it as weakness in itself, as a particular case of being unable to resist stimuli. Only decadents call pity a virtue. My charge against the pitying is that they easily lose their sense of shame, their respect, their delicate feeling for distances. Pity quickly smells of the mob and looks so like bad manners that you can mistake one for the other. Under some circumstances, pitying hands can actually reach in and destroy a great destiny, a wounded solitude, a privilege of bearing grave guilt. I count overcoming pity among the noble virtues. In “Zarathustra's Temptation” I imagined a case in which a great cry of distress reaches him, and pity tries to fall on him like a final sin and turn him away from himself. To remain master here, to keep the height of his task free from the much lower and more shortsighted impulses at work in so-called selfless actions—that is the test, perhaps the final test, that a Zarathustra has to pass, his real proof of strength…

5 In one other respect, too, I am simply my father over again, as though he lived on after dying far too soon. Like anyone who has never lived among his equals, and to whom the idea of “retaliation” is as inaccessible as, say, the idea of “equal rights,” I forbid myself any countermeasure or protective measure when someone does something foolish to me, whether small or very large. Naturally, I also forbid any defense, any “justification.” My way of retaliating is to send something clever after the stupidity as quickly as possible: perhaps it can still catch up with it. To put it in an image: I send a jar of jam to get rid of a sour business… People only need to do me some harm, and I will “pay them back”—they can be sure of that. Before long, I find an opportunity to express my thanks to the “wrongdoer,” sometimes even for the wrongdoing, or to ask him for something, which can create a stronger bond than giving something… It also seems to me that the rudest word, the rudest letter, is still kinder and more honest than silence. Those who keep silent almost always lack delicacy and politeness of heart. Silence is an objection. Swallowing things down inevitably makes for a bad character—it even ruins the stomach. Everyone who keeps silent has indigestion.—You see, I do not want rudeness to be underrated. It is by far the most humane form of disagreement and, amid modern oversensitivity, one of our foremost virtues.—If you are rich enough for it, being in the wrong is even a piece of good fortune. A god who came to earth would have to do nothing but wrong. Taking on not the punishment but the guilt would be truly divine.

6 Freedom from resentment, insight into resentment—who knows how much I ultimately owe my long illness for these too! The problem is not exactly simple. You have to have experienced it from a position of strength and from a position of weakness. If anything must be held against sickness and weakness, it is that they wear down the real healing instinct in a person, the instinct to defend and arm oneself. You cannot get free of anything, cannot deal with anything, cannot push anything back—everything hurts you. People and things press too close. Experiences strike too deep. Memory is a festering wound. Being sick is itself a kind of resentment.—Against this, the sick person has just one great remedy. I call it Russian fatalism: that fatalism without rebellion with which a Russian soldier finally lies down in the snow when a campaign becomes too hard. To stop accepting anything at all, taking anything on, taking anything in—to stop reacting altogether… The great good sense of this fatalism, which is not always just the courage to die, lies in preserving life under the most dangerous conditions by reducing the metabolism, slowing it down—a kind of will to hibernate. Follow this logic a few steps further and you have the fakir who sleeps in a grave for weeks… Because you would use yourself up too quickly if you reacted at all, you stop reacting completely: that is the logic. And nothing burns you out faster than the emotions of resentment. Anger, sickly sensitivity to hurt, powerlessness to take revenge, the desire, the thirst for revenge, the mixing of poison in every sense—this is certainly the most harmful way for exhausted people to react. It necessarily brings a rapid drain on nervous energy, a sickly increase in harmful discharges, such as bile into the stomach. For the sick person, resentment is what is forbidden in itself—his evil. Unfortunately, it is also his most natural inclination.—That profound physiologist Buddha understood this. His “religion,” which would be better called a system of hygiene, so as not to confuse it with such pitiful things as Christianity, made its effect depend on victory over resentment. Freeing the soul from that is the first step toward recovery. “Hostility does not end through hostility; hostility ends through friendship”: this stands at the beginning of Buddha's teaching. That is not morality speaking; that is physiology.—Resentment is born of weakness, and harms no one more than the weak person himself. In the other case, where a rich nature is the starting point, it is a needless feeling. Keeping mastery over it is almost the proof of that richness. Anyone who knows how seriously my philosophy has taken up the struggle against feelings of revenge and lingering resentment, right into the doctrine of “free will”—the struggle against Christianity is only one particular case—will understand why I am bringing my personal conduct, my certainty of instinct in practice, to light on this very point. In times of decadence, I forbade myself those feelings as harmful. As soon as life was rich and proud enough again, I forbade them as beneath me. The “Russian fatalism” I spoke of showed itself in the way I stubbornly held on for years to almost unbearable situations, places, lodgings, and company once chance had put them there. This was better than changing them, than feeling that they could be changed, than rebelling against them… At that time I took deadly offense at anyone who disturbed me in this fatalism or forcibly woke me up. In truth, each time it was also a deadly danger.—To accept yourself as a fate, not to want yourself to be “different”—in such conditions, that is great good sense itself.

7 War is another matter. I am warlike by nature. Attacking is one of my instincts. Being able to be an enemy, being an enemy—perhaps this requires a strong nature; in any case, it is part of every strong nature. Such a nature needs resistance, so it seeks resistance. The aggressive passion belongs to strength as necessarily as feelings of revenge and lingering resentment belong to weakness. Woman, for example, is vengeful. That comes from her weakness, just as her sensitivity to other people's distress does.—The strength of an attacker has a kind of measure in the opposition he needs. Every growth in strength reveals itself in seeking a more powerful opponent—or problem. For a warlike philosopher challenges problems to single combat too. The task is not to overcome just any resistance, but resistance that requires you to use all your strength, flexibility, and skill with weapons—opponents who are your equals… Equality with the enemy is the first condition for an honest duel. Where you despise, you cannot wage war. Where you command, where you see something beneath you, you have no business waging war.—My practice in war can be summed up in four statements. First: I attack only causes that are victorious. Sometimes I wait until they are victorious. Second: I attack only causes against which I would find no allies, where I stand alone—where I alone put myself in a compromising position… I have never taken a public step that did not put me in a compromising position. That is my test of right action. Third: I never attack people. I use a person only as a powerful magnifying glass to make visible a general but creeping, hard-to-grasp state of distress. That is how I attacked David Strauss—more precisely, the success of a senile book among German “educated society.” I caught that society in the act… That is how I attacked Wagner—more precisely, the falseness and mongrel instincts of our “culture,” which confuses the refined with the rich, the latecomers with the great. Fourth: I attack only things where any personal disagreement is ruled out, where there is no background of bad experiences. On the contrary, with me an attack is proof of good will, sometimes of gratitude. I honor and single out a cause or a person by linking my name with theirs. Whether I am for or against them makes no difference to me in this respect. If I wage war on Christianity, I have the right to do so because I have suffered no misfortunes or obstacles from that quarter. The most serious Christians have always been well disposed toward me. I myself, an uncompromising opponent of Christianity, am far from holding against an individual what is the fate of thousands of years.—

8 May I dare to point out one final trait of my nature, one that causes me no small difficulty in dealing with people? My instinct for cleanliness is sensitive to a completely uncanny degree. I physically sense—smell—the presence, or rather, what am I saying?—the innermost part, the “guts,” of every soul… This sensitivity gives me psychological feelers with which I touch and take hold of every secret. The great amount of hidden dirt at the bottom of many a nature, perhaps rooted in bad blood but whitewashed by upbringing, becomes clear to me almost at the first contact. If I have observed correctly, these natures that are bad for my cleanliness also sense the caution of my disgust. That does not make them smell any better… As I have always been used to doing—complete honesty with myself is a condition of my existence; I perish in impure conditions—I am, as it were, constantly swimming, bathing, and splashing in water, in some completely transparent and shining element. This makes dealing with people no small test of patience for me. My humanity does not consist in feeling what people are like, but in enduring that I feel it… My humanity is a constant overcoming of myself.—But I need solitude, by which I mean recovery, a return to myself, the breath of free, light, playful air… My whole Zarathustra is a song of praise to solitude—or, if you have understood me, to purity… Fortunately, not to pure folly…—Anyone with eyes for colors will call it diamond-like.—Disgust with humanity, with the “rabble,” has always been my greatest danger… Would you like to hear the words in which Zarathustra speaks of release from disgust?

“What happened to me, then? How did I free myself from disgust?

Who made my eye young again? How did I fly up to the height where no rabble sits by the well anymore?

Did my disgust itself create wings for me, and powers to sense springs? Yes, I had to fly to the greatest heights to find the fountain of pleasure again!—

Oh, I found it, my brothers! Here at the greatest heights the fountain of pleasure springs up for me! And there is a life that no rabble drinks from!

You flow almost too fiercely for me, spring of pleasure! And often you empty the cup again by wanting to fill it.

And I must still learn to approach you more modestly: my heart still flows too fiercely toward you:

—my heart, on which my summer burns, that short, hot, sad, overjoyed summer: how my summer heart longs for your coolness!

The lingering sadness of my spring is past! The snowflakes of my malice in June are over! I have become all summer and summer noon—

—a summer at the greatest heights, with cold springs and blissful stillness. Oh, come, my friends, so the stillness may grow still more blissful!

For this is our height and our home. We live too high and steep here for all the unclean and their thirst.

Just cast your pure eyes into the fountain of my pleasure, my friends! How could that make it cloudy? It should laugh back at you with its own purity.

On the tree of the future we build our nest. Eagles are to bring food in their beaks to us who live alone!

Yes, no food that the unclean would be allowed to share!

They would think they were eating fire and would burn their mouths.

Yes, we keep no homes ready here for the unclean! Our happiness would mean a cave of ice to their bodies and their minds!

And like strong winds we want to live above them, neighbors to the eagles, neighbors to the snow, neighbors to the sun: that is how strong winds live.

And like a wind I want one day to blow among them and with my spirit take the breath away from their spirit: that is what my future wills.

Yes, Zarathustra is a strong wind to all lowlands. And this is the advice he gives his enemies and everything that spits and spews: beware of spitting against the wind!…”

Why I Am So Clever

1 WARUM ICH einiges mehr weiß? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, — ich habe mich nicht verschwendet. — Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen, inwiefern ich „sündhaft“ sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiß ist: nach dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiß nichts Achtbares... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man that: ein Gewissensbiß scheint mir eine Art „böser Blick.“ Etwas, das fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug — das gehört eher schon zu meiner Moral. — „Gott,“ „Unsterblichkeit der Seele,“ „Erlösung,“ „Jenseits“ lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, — ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? — Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniß, noch weniger als Ereigniß: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker —, im Grunde sogar bloß ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!... Ganz anders interessirt mich eine Frage, an der mehr das „Heil der Menschheit“ hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formuliren: „wie hast gerade du dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von virtù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?“ — Meine Erfahrungen sind hier so schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört, aus diesen Erfahrungen so spät „Vernunft“ gelernt zu haben. Nur die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung — ihr „Idealismus“ — erklärt mir einigermaaßen, weshalb ich gerade hier rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese „Bildung“, welche von vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen, sogenannten idealen Zielen nachzujagen, zum Beispiel der „klassischen Bildung“: — als ob es nicht von vornherein verurtheilt wäre, „klassisch“ und „deutsch“ in Einen Begriff zu einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, — man denke sich einmal einen „klassisch gebildeten“ Leipziger! — In der That, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, — moralisch ausgedrückt „unpersönlich“, „selbstlos“, „altruistisch“, zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer’s (1865), sehr ernsthaft meinen „Willen zum Leben“. Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben — dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen. (Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht —.) Aber die deutsche Küche überhaupt — was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguß-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloß alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes — aus betrübten Eingeweiden... Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. — Aber auch die englische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art „Rückkehr zur Natur“, nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, daß sie dem Geist schwere Füße giebt — Engländerinnen-Füße... Die beste Küche ist die Piemont’s. — Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein „Jammerthal“ zu machen, — in München leben meine Antipoden. Gesetzt, daß ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich’s eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, daß an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein mit schuld ist. Zu glauben, daß der Wein erheitert, dazu müßte ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzuthun, und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu gießen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu der des Sallust — wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes „geistige“ Getränk: ich, ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiß nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, aus fließenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, daß ich auch hier wieder über den Begriff „Wahrheit“ mit aller Welt uneins bin: — bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Daß der Magen als Ganzes in Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muß die Größe seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d’hôte. — Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig aber energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maaß, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Cacao’s den Anfang machen lassen. — So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, — in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. — Das Sitzfleisch — ich sagte es schon einmal — die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist. —

2 MIT der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluß auf den Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, daß ein Fehlgriff in Ort und Klima Jemanden nicht nur seiner Aufgabe entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische Vigor ist nie groß genug bei ihm geworden, daß jene in’s Geistigste überströmende Freiheit erreicht wird, wo Jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmäßiges, etwas „Deutsches“ zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen. Das Tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniß zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füße des Geistes; der „Geist“ selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz, Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft. Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen — diese Namen beweisen Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel, — das heißt durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit, große, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen. Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter Geist bloß durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng, verkrochen, Spezialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, daß mich nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit Schrecken an die unheimliche Thatsache, daß mein Leben bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel, Venedig — ebenso viele Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre es eine Thorheit, hier sogenannte „moralische“ Ursachen geltend zu machen, — etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, ohne daß er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die Unwissenheit in physiologicis — der verfluchte „Idealismus“ — ist das eigentliche Verhängniß in meinem Leben, das Überflüssige und Dumme darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses „Idealismus“ erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle großen Instinkt-Abirrungen und „Bescheidenheiten“ abseits der Aufgabe meines Lebens, zum Beispiel, daß ich Philologe wurde — warum zum Mindesten nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschließendes? In meiner Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Mißbrauch außerordentlicher Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften, ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine „Selbstlosigkeit“, ein Vergessen seiner Distanz, — Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als ich fast am Ende war, dadurch, daß ich fast am Ende war, wurde ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens — den „Idealismus“. Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. —

3 DIE Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; — das Dritte, worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heißt Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn läßt, — was ich nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich hüten, Jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und das hieße ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, daß in jener tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von außen her zu vehement wirkt, zu tief „einschlägt“? Man muß dem Zufall, dem Reiz von außen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, daß ein fremder Gedanke heimlich über die Mauer steigt? — Und das hieße ja lesen... Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr gescheuten Bücher! — Werden es deutsche Bücher sein?... Ich muß ein Halbjahr zurückrechnen, daß ich mich mit einem Buch in der Hand ertappe. Was war es doch? — Eine ausgezeichnete Studie von Victor Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerte Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!... Sonst nehme ich meine Zuflucht fast immer zu denselben Büchern, einer kleinen Zahl im Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher schon zu meinem Instinkte als „Toleranz“, „largeur du cœur“ und andre „Nächstenliebe“... Eine kleine Anzahl älterer Franzosen ist es, zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa „Bildung“ nennt, für Mißverständniß, nicht zu reden von der deutschen Bildung... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks, die ich gehört habe. — Daß ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten Form unmenschlicher Grausamkeit; daß ich Etwas von Montaigne’s Muthwillen im Geiste, wer weiß? vielleicht auch im Leibe habe; daß mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt: das schließt zuletzt nicht aus, daß mir nicht auch die allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise — denn ihre Zahl ist gar nicht klein — die Herren Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar ihren großen Lehrern vor, die allesamt durch deutsche Philosophie verdorben sind (Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das Mißverständniß großer Menschen und Zeiten verdankt). Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den Geist in Frankreich „erlöst“... Stendhal, einer der schönsten Zufälle meines Lebens — denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall, niemals eine Empfehlung, mir zugetrieben — ist ganz unschätzbar mit seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff, der an die Nähe des größten Thatsächlichen erinnert (ex ungue Napoleonem —); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist — eine in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare Species – Prosper Mérimée in Ehren… Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch? Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte machen können: „die einzige Entschuldigung Gottes ist, daß er nicht existirt“… Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der größte Einwand gegen das Dasein bisher? Gott…

4 Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik. Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, – ich schätze den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehn wissen. – Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, daß Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind – in einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was bloße Deutsche mit ihr gemacht haben. – Mit Byron’s Manfred muß ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, – mit dreizehn Jahren war ich für dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloß einen Blick für Die, welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Größe: Beweis Schumann. Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süßlichen Sachsen, eine Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte, dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an der Euterpe. – Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche, so finde ich immer nur die, daß er den Typus Cäsar concipirt hat. Dergleichen erräth man nicht, – man ist es oder man ist es nicht. Der große Dichter schöpft nur aus seiner Realität – bis zu dem Grade, daß er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält… Wenn ich einen Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von Schluchzen Herr zu werden. – Ich kenne keine herzzerreißendere Lektüre als Shakespeare: was muß ein Mensch gelitten haben, um dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! – Versteht man den Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewißheit ist Das, was wahnsinnig macht… Aber dazu muß man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu fühlen… Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit… Und, daß ich es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiß, daß Lord Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen – sie setzt sie selbst voraus… Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem ersten Realisten in jedem großen Sinn des Wortes, um zu wissen, was er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat… Und zum Teufel, meine Herren Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den Richard Wagner’s, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht, zu errathen, daß der Verfasser von „Menschliches, Allzumenschliches“ der Visionär des Zarathustra ist…

5 Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für Das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke… Ich weiß nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. – Und hiermit komme ich nochmals auf Frankreich zurück, – ich habe keine Gründe, ich habe bloß einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, daß sie ihn sich ähnlich finden… So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten Allem, was deutsch ist, fremd, so daß schon die Nähe eines Deutschen meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle „deutschen Tugenden“. – Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff „deutsch“; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, – wir werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andern Farben spielt, ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht… Wohlan! Wagner war ein Revolutionär – er lief vor den Deutschen davon… Als Artist hat man keine Heimat in Europa außer Paris; die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner’s Kunst voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität, findet sich nur in Paris. Man hat nirgendwo sonst diese Leidenschaft in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène – es ist der Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig – Wagner war durchaus nicht gutmüthig… Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in „Jenseits von Gut und Böse“ S. 256f.), wohin Wagner gehört, wem er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, jene hochfliegende und hochemporreißende Art von Künstlern wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen durch und durch… Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner’s überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artisten wiedererkannt hat – er war vielleicht auch der letzte… Was ich Wagnern nie vergeben habe? Daß er zu den Deutschen condescendirte, – daß er reichsdeutsch wurde… So weit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. –

6 Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift gegen alles Deutsche par excellence, – Gift, ich bestreite es nicht… Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab – mein Compliment, Herr von Bülow! –, war ich Wagnerianer. Die älteren Werke Wagner’s sah ich ich unter mir – noch zu gemein, zu „deutsch“… Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher Fascination, von einer gleich schauerlichen und süßen Unendlichkeit, wie der Tristan ist, – ich suche in allen Künsten vergebens. Alle Fremdheiten Lionardo da Vinci’s entzaubern sich beim ersten Tone des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner’s; er erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder werden – das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner… Ich nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für Den, der niemals krank genug für diese „Wollust der Hölle“ gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel anzuwenden. – Ich denke, ich kenne besser als irgend Jemand das Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, zu denen Niemand außer ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den großen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, daß wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder zusammenbringen; und so gewiß Wagner unter Deutschen bloß ein Mißverständniß ist, so gewiß bin ich’s und werde es immer sein. – Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Disciplin zuerst, meine Herrn Germanen!… Aber das holt man nicht nach. –

7 Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich eigentlich von der Musik will. Daß sie heiter und tief ist, wie ein Nachmittag im Oktober. Daß sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süßes Weib von Niedertracht und Anmuth ist… Ich werde nie zulassen, daß ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man deutsche Musiker nennt, die größten voran, sind Ausländer, Slaven, Croaten, Italiäner, Niederländer – oder Juden; im andern Falle Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei Gründen, Wagner’s Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Einiges von Liszt, der die vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist – diesseits… Ich würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der Musik, die Musik meines Venediger mästro Pietro Gasti. Und wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig. Ich weiß keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, – ich weiß das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu denken.

An der Brücke standjüngst ich in brauner Nacht.Ferner kam Gesang;goldener Tropfen quoll’süber die zitternde Fläche weg.Gondeln, Lichter, Musik –trunken schwamm’s in die Dämmrung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,sang sich, unsichtbar berührt,heimlich ein Gondellied dazu,zitternd vor bunter Seligkeit.– Hörte Jemand ihr zu?…

8 In Alledem – in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung – gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen – erste Klugheit, erster Beweis dafür, daß man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine „Selbstlosigkeit“ sein würde, sondern auch so wenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, daß Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit werdend, eine außerordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung bedingen. Unsere großen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe – man täusche sich hierüber nicht –, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft. Man kann, bloß in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug werden, um sich nicht mehr wehren zu können. – Gesetzt, ich trete aus meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche Großstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müßte ich nicht darüber zum Igel werden? – Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben, sondern offne Hände…

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, daß man so selten als möglich reagirt und daß man sich Lagen und Bedingungen entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine „Freiheit“, seine Initiative gleichsam auszuhängen und ein bloßes Reagens zu werden. Ich nehme als Gleichniß den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher „wälzt“ – der Philologe mit mäßigem Ansatz des Tags ungefähr 200 – verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (– einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, – er reagirt zuletzt bloß noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja- und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, – er selber denkt nicht mehr… Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe geworden; im andern Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der Gelehrte – ein décadent. – Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreißiger Jahren „zu Schanden gelesen“, bloß noch Streichhölzer, die man reiben muß, damit sie Funken –, „Gedanken“ geben. – Frühmorgens beim Anbruch des Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch lesen – das nenne ich lasterhaft! –

9 An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn, die eigentliche Antwort auf die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung – der Selbstsucht… Angenommen nämlich, daß die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal der Aufgabe über ein durchschnittliches Maaß bedeutend hinausliegt, so würde keine Gefahr größer sein, als sich selbst mit dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen. Daß man wird, was man ist, setzt voraus, daß man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die Verzögerungen, die „Bescheidenheiten“, der Ernst, auf Aufgaben verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kommt eine große Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck: wo nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen, Sich-Mißverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmäßigen zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben für Andre und Anderes kann die Schutzmaaßregel zur Erhaltung der härtesten Selbstigkeit sein: Dies ist der Ausnahmefall, in welchem ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der „selbstlosen“ Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht, Selbstzucht. – Man muß die ganze Oberfläche des Bewußtseins – Bewußtsein ist eine Oberfläche – rein erhalten von irgend einem der großen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem großen Worte, jeder großen Attitüde! Lauter Gefahren, daß der Instinkt zu früh „sich versteht“. – Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur Herrschaft berufene „Idee“ in der Tiefe, – sie beginnt zu befehlen, sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, – sie bildet der Reihe nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der dominirenden Aufgabe, von „Ziel“, „Zweck“, „Sinn“ verlauten läßt. – Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll. Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne daß diese sich stören, zerstören dürften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts „versöhnen“; eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist – dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maaße stark, daß ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst, – daß alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner Erinnerung, daß ich mich je bemüht hätte, – es ist kein Zug von Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer heroischen Natur. Etwas „wollen“, nach Etwas „streben“, einen „Zweck“, einen „Wunsch“ im Auge haben – das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft – eine weite Zukunft! – wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, daß Etwas anders wird als es ist; ich selber will nicht anders werden… Aber so habe ich immer gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, daß er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat! – Nicht daß sie mir gefehlt hätten… So war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, – ich hatte nie im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne, daß meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von meinem Lehrer Ritschl für sein „Rheinisches Museum“ zum Druck verlangt wurde (Ritschl – ich sage es mit Verehrung – der einzige geniale Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besaß jene angenehme Verderbtheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: – wir ziehn selbst, um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke, durchaus nicht unterschätzt haben…).

10 Man wird mich fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst damit, um so mehr, wenn ich große Aufgaben zu vertreten bestimmt sei. Antwort: diese kleinen Dinge – Ernährung, Ort, Klima, Erholung, die ganze Casuistik der Selbstsucht – sind über alle Begriffe hinaus wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muß man anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitäten, bloße Einbildungen, strenger geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten Sinne schädlicher Naturen heraus – alle die Begriffe „Gott“, „Seele“, „Tugend“, „Sünde“, „Jenseits“, „Wahrheit“, „ewiges Leben“… Aber man hat die Größe der menschlichen Natur, ihre „Göttlichkeit“ in ihnen gesucht… Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, daß man die schädlichsten Menschen für große Menschen nahm, – daß man die „kleinen“ Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens selber, verachten lehrte… Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese angeblich „Ersten“ nicht einmal zu den Menschen überhaupt, – sie sind für mich Ausschuß der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen… Ich will dazu der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden; umsonst, daß man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus sucht. Man wird mir aus keinem Augenblicke meines Lebens irgend eine anmaaßliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos der Attitüde gehört nicht zur Größe; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch… Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! – Das Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges gemacht habe, die kein Mensch mir nachmacht – oder vormacht, mit einer Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende Frische und Heiterkeit. Ich aß nie mit angenehmeren Gefühlen, ich schlief nie besser. – Ich kenne keine andre Art, mit großen Aufgaben zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Größe, eine wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene, irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!… Man darf keine Nerven haben… Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, – ich habe immer nur an der „Vielsamkeit“ gelitten… In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wußte ich bereits, daß mich nie ein menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt gesehn? – Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung. Wen ich verachte, der erräth, daß er von mir verachtet wird: ich empöre durch mein bloßes Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe hat… Meine Formel für die Größe am Menschen ist amor fati: daß man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloß ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen –, sondern es lieben…

1 Why do I know a little more? Why am I so clever at all? I have never thought about questions that aren't really questions—I haven't wasted myself.—For example, I have no firsthand experience of real religious difficulties. I have completely failed to see how I could be “sinful.” I also have no reliable way to tell what a guilty conscience is. From what one hears about it, a guilty conscience seems to me nothing to respect… I wouldn't want to abandon an action afterward. I would rather leave a bad outcome, the consequences, out of the question of its value altogether. When something ends badly, it's all too easy to lose the right view of what one did. A guilty conscience seems to me a kind of “evil eye.” To value something all the more in one's own eyes when it fails, because it failed—that's closer to my morality.—“God,” “immortality of the soul,” “redemption,” “the afterlife”: I have given none of these ideas any attention or time, not even as a child. Perhaps I was never childish enough for that?—For me, atheism is certainly not a conclusion, still less an event. It comes naturally, by instinct. I am too curious, too full of questions, too high-spirited to accept a crude, heavy-handed answer. God is a crude, heavy-handed answer, an offense against the good taste of us thinkers. At bottom, he is even just a crude ban imposed on us: you must not think!… A very different question interests me. The “salvation of humanity” depends on it more than on any theological oddity: the question of food. For practical use, you can put it this way: “How should you, in particular, eat to reach your greatest strength, your greatest force of character in the Renaissance sense, your greatest virtue free from moralizing?”—My experiences here have been as bad as possible. I am amazed that I heard this question so late and learned “sense” from these experiences so late. Only the complete worthlessness of our German education—its “idealism”—helps me understand why, in this very matter, I was backward enough to be a saint. This “education” teaches people from the start to lose sight of realities and chase thoroughly questionable, so-called ideal goals, such as a “classical education.” As if joining “classical” and “German” in one idea weren't doomed from the start! More than that, it's funny. Just picture a “classically educated” man from Leipzig!—In fact, until I was well into adulthood, I always ate badly. In moral language, I ate “impersonally,” “selflessly,” “altruistically,” for the good of cooks and other fellow Christians. Through Leipzig cooking, for example, I very seriously denied my “will to live” at the same time as I first studied Schopenhauer (1865). To upset your stomach while also getting too little nourishment—this was a problem that cooking seemed to solve with astonishing success. (People say 1866 brought a change in this respect.) But German cooking in general—what doesn't it have on its conscience! Soup before the meal, still called “in the German style” in Venetian cookbooks of the 16th century. Meat boiled to death. Vegetables made fatty and floury. Flour-based dishes turned into paperweights! Add to that the downright animal need of the old Germans—and by no means just the old ones—to pour drink on top, and you can also understand where the German spirit comes from: unhappy bowels… The German spirit is indigestion. It can't get through anything.—But the English diet also goes deeply against my own instinct. Compared with the German diet, even with the French, it is a kind of “return to nature”—that is, to cannibalism. It seems to give the mind heavy feet—the feet of Englishwomen… The best cooking is Piedmont's.—Alcohol is bad for me. One glass of wine or beer a day is quite enough to turn my life into a “vale of tears.” My complete opposites live in Munich. Though I understood this rather late, I have actually experienced it since childhood. As a boy, I thought drinking wine, like smoking tobacco, was at first just young men's vanity and later a bad habit. Perhaps Naumburg wine also had something to do with this harsh judgment. To believe that wine cheers people up, I would have to be a Christian. In other words, I would have to believe something that is absurd precisely for me. Strangely enough, though small, heavily diluted doses of alcohol can upset my mood so badly, I become almost a sailor when it comes to strong doses. Even as a boy, I was brave in this respect. I could write a long essay in Latin in a single night and then make a clean copy of it too. My pen was driven by the ambition to match my model Sallust in strictness and conciseness, and I poured several very strong grogs over my Latin. Even when I was a pupil at the venerable Schulpforta, this was in no way at odds with my body's nature. Perhaps it wasn't at odds with Sallust's either—however much it was at odds with the venerable Schulpforta… Later, toward the middle of my life, I did take an ever firmer stand against every kind of “spirited” drink. I oppose vegetarianism on the basis of experience, just like Richard Wagner, who converted me. And I can't urge complete abstinence from alcohol strongly enough on all more intellectual people. Water does the job… I prefer places where you can draw water from flowing fountains everywhere: Nice, Turin, Sils. A little glass follows me around like a dog. In wine there is truth: it seems that here too I disagree with everyone else about the meaning of “truth.” In my case, the spirit hovers over the water… A few more hints from my morality. A substantial meal is easier to digest than one that's too small. The first condition for good digestion is that the stomach gets to work as a whole. You must know the size of your stomach. For the same reason, I advise against those drawn-out meals at the communal hotel table, which I call interrupted sacrificial feasts.—No snacks between meals, no coffee: coffee darkens the mood. Tea is good for you only in the morning. A little, but strong. Tea is very harmful and makes you feel ill all day if it is even one degree too weak. Everyone has their own measure here, often within very narrow and delicate limits. In a very irritating climate, tea isn't a good way to start. You should begin with a cup of thick, defatted cocoa an hour earlier.—Sit as little as possible. Don't trust any thought that wasn't born outdoors and in free movement—one in which the muscles aren't holding a celebration too. All prejudices come from the bowels.—Sitting on your backside—I have said this before—is the real sin against the Holy Spirit.—

2 Closely related to the question of food is the question of place and climate. No one is free to live just anywhere. And anyone who has great tasks to carry out, tasks that demand all their strength, has a very narrow choice here. Climate affects the metabolism, slowing it down or speeding it up, so much that a wrong choice of place and climate can do more than separate someone from their task. It can keep the task from them altogether. They never even see it. Their physical energy has never grown strong enough to reach that freedom which overflows into the highest activity of the mind, where someone realizes: only I can do this… Even the slightest sluggishness of the bowels, once it has become a bad habit, is quite enough to turn a genius into something average, something “German.” The German climate alone is enough to discourage strong bowels, even bowels with a heroic bent. The speed of the metabolism is directly linked to how nimble or lame the mind's feet are. The “mind” itself is only a form of this metabolism. Make a list of the places where people with lively minds live and have lived, where wit, refinement, and malice were part of happiness, where genius almost inevitably made itself at home. They all have remarkably dry air. Paris, Provence, Florence, Jerusalem, Athens—these names prove something. Genius depends on dry air, on clear skies—that is, on a rapid metabolism, on the ability to take in large, even enormous amounts of energy again and again. I have a case in mind where a mind built for greatness and freedom became narrow, withdrawn, specialized, and sour, simply because its instinct wasn't sensitive enough to climate. And I myself might have ended up as that case, if illness hadn't forced me to see sense, to think about the sense in reality. Now, after long practice, I read the effects of climate and weather in myself as on a very fine and reliable instrument. Even on a short trip, say from Turin to Milan, I work out the change in degrees of humidity from its effects on my body. So I look back with horror at the unnerving fact that, except for the last 10 years, the years when my life was in danger, I have always lived in the wrong places, places positively forbidden to me. Naumburg, Schulpforta, Thuringia in general, Leipzig, Basel, Venice—every one of them a place of disaster for my body. I have no welcome memory of my entire childhood and youth. But it would be foolish to blame so-called “moral” causes for this—for instance, the undeniable lack of suitable company. That lack exists today just as it always did, without stopping me from being cheerful and brave. Instead, ignorance about the body—that damned “idealism”—has been the real curse of my life, the needless and stupid part of it. Nothing good has grown from it, and nothing makes up for it or balances it out. I explain all my wrong choices, all my great failures of instinct and acts of “modesty” away from my life's task, as the results of this “idealism.” For example, that I became a philologist. Why not at least a doctor, or something else that opens one's eyes? During my time in Basel, my whole mental diet, including how I divided up the day, was a completely senseless misuse of extraordinary powers. I took in nothing like enough strength to cover what I used up. I didn't even think about what I spent and how to replace it. I lacked any finer sense of myself, any care from an instinct that knew how to command. I put myself on a level with just anyone. It was “selflessness,” a forgetting of my distance from others—something I never forgive myself for. When I was almost at the end, because I was almost at the end, I began thinking about this basic unreason in my life—“idealism.” Only illness brought me to my senses.—

3 The choice of food; the choice of climate and place. The third choice one must never get wrong, at any price, is the choice of one's own kind of relaxation. Here too, the more a mind is one of a kind, the narrower the limits of what is allowed it—that is, what is useful to it. In my case, all reading is a form of relaxation. So it belongs among the things that free me from myself, that let me go for a walk through other people's fields of knowledge and minds—things I no longer take seriously. Reading gives me a rest from my own seriousness. When I am deeply at work, you won't see any books around me. I would take care not to let anyone speak near me, or even think. And reading would mean just that… Has anyone really noticed how, in the deep tension that pregnancy imposes on the mind and basically on the whole body, chance, any kind of stimulus from outside, acts too strongly, “strikes home” too deeply? One must avoid chance and outside stimulation as much as possible. A kind of walling oneself in is among the first wise moves of instinct during a pregnancy of the mind. Will I allow a foreign thought to climb secretly over the wall? And reading would mean just that… After the times of work and fertility comes the time of relaxation. Come here, you pleasant, witty, clever books!—Will they be German books?… I have to look back six months to catch myself with a book in my hand. What was it? An excellent study by Victor Brochard, les Sceptiques Grecs, which also makes good use of my Laertiana. The skeptics, the only honorable type in that two-to-five-faced tribe of philosophers!… Otherwise, I almost always turn to the same books. There are only a few of them, really: the books that have proved their worth specifically for me. Perhaps it's not in my nature to read a lot or to read widely. A reading room makes me ill. Nor is it in my nature to love a lot or to love widely. Caution, even hostility toward new books, is more a part of my instinct than “tolerance,” “generosity of heart,” and other forms of “love of one's neighbor”… I keep returning to a small number of older French writers. I believe only in French culture. I consider everything else in Europe that calls itself “culture” a misunderstanding, not to mention German culture… The few examples of high culture I found in Germany were all French in origin. Above all, Mrs. Cosima Wagner, by far the foremost voice on questions of taste that I have ever heard.—I don't read Pascal, I love him, as Christianity's most instructive victim: slowly murdered, first physically, then psychologically, with all the logic of this most horrifying form of inhuman cruelty. I have something of Montaigne's mischievous high spirits in my mind, and who knows, perhaps in my body too. My artistic taste defends the names Molière, Corneille, and Racine, not without anger at a wild genius like Shakespeare. But none of this rules out my also finding the very latest French writers charming company. I simply can't see in what century of history one could gather psychologists as curious and at the same time as sensitive as those in Paris today. Let me name a few—for there are quite a lot of them—Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître. Or, to single out one of the strong race, a true Latin whom I especially like, Guy de Maupassant. Between ourselves, I even prefer this generation to their great teachers. All those teachers have been spoiled by German philosophy—Mr. Taine, for example, by Hegel, to whom he owes his misunderstanding of great people and periods. Wherever Germany reaches, it spoils culture. Only the war “set free” the mind in France… Stendhal, one of the finest chance discoveries of my life—for everything that marks a turning point in my life has come to me by chance, never through a recommendation—is quite priceless. He has a psychologist's eye that sees things ahead of time, and a grip on facts that recalls his closeness to the greatest realist: you can tell Napoleon by his claw.—Not least, he is priceless as an honest atheist, a rare and almost impossible-to-find species in France, with all due respect to Prosper Mérimée… Perhaps I myself envy Stendhal? He took away from me the best atheist joke, the one I in particular could have made: “God's only excuse is that he doesn't exist”… I myself have said somewhere: what has been the greatest objection to existence up to now? God…

4 Heinrich Heine gave me the highest idea of what a lyric poet can be. I search in vain through all the realms of thousands of years for music as sweet and passionate. He had that divine malice without which I can't imagine perfection. I judge the value of people and races by how necessary they find it to see the god and the satyr as inseparable.—And how he handles German! One day people will say that Heine and I were by far the greatest artists of the German language—at an incalculable distance from everything that mere Germans have done with it.—I must be deeply related to Byron's Manfred. I found all those depths within myself. At thirteen, I was ready for this work. I have no words, only a look, for those who dare to mention Faust in the presence of Manfred. The Germans are incapable of any idea of greatness. Schumann is the proof. Out of anger at this sugary Saxon, I deliberately composed a counter-overture to Manfred. Hans von Bülow said he had never seen anything like it on music paper: it was rape of Euterpe.—When I look for my highest way of describing Shakespeare, I always find only this: he conceived the Caesar type. You don't guess something like that. You either are it or you aren't. A great poet draws only on his own reality—to the point that afterward he can no longer bear his own work… After I have glanced into my Zarathustra, I walk up and down the room for half an hour, unable to control an unbearable fit of sobbing.—I know no reading more heartbreaking than Shakespeare. How much a person must have suffered to need so badly to play the clown!—Does anyone understand Hamlet? It's not doubt but certainty that drives people mad… But to feel that way, you have to be deep, an abyss, a philosopher… We are all afraid of the truth… And let me admit it: I am instinctively sure and certain that Lord Bacon is the creator of this most unnerving kind of literature, torturing the animal in himself. What do I care about the pitiful chatter of muddled and shallow American minds? But the power to make visions overwhelmingly real is not just compatible with the greatest power to act, to carry out monstrous deeds, to commit crime—it actually requires that power… We know nowhere near enough about Lord Bacon, the first realist in every great sense of the word, to know all that he did, all that he wanted, all that he experienced within himself… And damn you, gentlemen critics! Suppose I had put someone else's name on my Zarathustra, Richard Wagner's, for example. The sharp insight of two thousand years would not have been enough to guess that the author of “Human, All Too Human” was the visionary of Zarathustra…

5 Here, as I speak of the things that have refreshed me in life, I need to say a word of thanks for what has refreshed me by far the most deeply and warmly. Without any doubt, this was my close friendship with Richard Wagner. I would let the rest of my human relationships go cheap. I wouldn't give up the days at Tribschen from my life at any price: days of trust, cheerfulness, sublime moments of chance—the deep moments… I don't know what others experienced with Wagner. No cloud ever crossed our sky.—And this brings me back to France once more. I have no arguments left for Wagnerians and all that sort, only a contemptuous curl of the lip. They think they honor Wagner by finding him like themselves… Being who I am, a stranger in my deepest instincts to everything German, so much so that just being near a German slows my digestion, my first contact with Wagner was also the first time in my life I could breathe freely. I felt and honored him as a foreign country, as an opposite, as a living protest against all the “German virtues.”—We who were children in the swampy air of the fifties are necessarily pessimists about the idea of “German.” We can be nothing but revolutionaries. We will accept no state of affairs in which the religious hypocrite comes out on top. I don't care at all whether he appears in different colors today, whether he dresses in scarlet and puts on hussar uniforms… Well then! Wagner was a revolutionary—he ran away from the Germans… As an artist, one has no home in Europe except Paris. The delicacy in all five artistic senses that Wagner's art requires, the fingers sensitive to fine shades of difference, the sickliness of the mind—these are found only in Paris. Nowhere else is there this passion about form, this seriousness about staging. It is Parisian seriousness in its fullest sense. In Germany, people have no idea of the enormous ambition living in the soul of a Parisian artist. The German is good-natured. Wagner was not good-natured at all… But I have already said enough (in “Beyond Good and Evil,” S. 256f.) about where Wagner belongs, who his closest relatives are. They belong to late French Romanticism: that kind of artist who soars high and sweeps others high along with him, like Delacroix, like Berlioz. All of them have a foundation of sickness, of something incurable in their nature. All are fanatics of expression, masters of technique through and through… Who was Wagner's first intelligent follower? Charles Baudelaire, the same man who first understood Delacroix, that typical decadent in whom a whole generation of artists recognized itself. Perhaps he was also the last… What have I never forgiven Wagner for? That he stooped to the Germans—that he became a German of the empire… Wherever Germany reaches, it spoils culture.—

6 All things considered, I couldn't have endured my youth without Wagner's music. For I was condemned to Germans. When you want to escape an unbearable pressure, you need hashish. Well, I needed Wagner. Wagner is the supreme antidote to everything German—a poison, I don't deny it… From the moment a piano arrangement of Tristan appeared—my compliments, Mr. von Bülow!—I was a Wagnerian. I saw Wagner's earlier works as beneath me: still too vulgar, too “German”… But even today I am looking for a work as dangerously fascinating, with an infinity as frightening and sweet, as Tristan. I search in vain through all the arts. All the strangeness of Lionardo da Vinci loses its spell at the first note of Tristan. This work is Wagner's very highest achievement. He recovered from it with Meistersinger and the Ring. Getting healthier is a step backward for someone with Wagner's nature… I count it a piece of the very greatest luck that I lived at the right time, and lived precisely among Germans, so that I was ready for this work. That is how far my curiosity as a psychologist goes. The world is poor for anyone who has never been sick enough for this “sensual pleasure of hell.” We may, we almost must, use a mystic's phrase here.—I think I know better than anyone the enormous things Wagner can do, the fifty worlds of unfamiliar ecstasy for which no one but him had wings. And being who I am, strong enough to turn even the most questionable and dangerous things to my advantage and grow stronger through them, I call Wagner the great benefactor of my life. What we have in common is that we have suffered more deeply, even from each other, than people of this century could suffer. This will keep bringing our names together forever. And just as surely as the Germans simply misunderstand Wagner, they misunderstand me and always will.—Two centuries of psychological and artistic training first, my Germanic gentlemen!… But you can't make up for missing that.—

7 One more word for the most sensitive ears: what I really want from music. I want it to be cheerful and deep, like an afternoon in October. I want it to have a character of its own, to be wild, tender, a sweet little woman full of malice and grace… I will never admit that a German could know what music is. Those called German musicians, the greatest first of all, are foreigners: Slavs, Croats, Italians, Dutch—or Jews. Otherwise they are Germans of the strong race, Germans who have died out, like Heinrich Schütz, Bach, and Handel. I myself am still Polish enough to give up all other music for Chopin. For three reasons, I make an exception for Wagner's Siegfried-Idyll, perhaps also for some things by Liszt, who surpasses all other musicians in the noble accents of his orchestration. Finally, I also except everything that has grown on the far side of the Alps—on this side… I couldn't do without Rossini, still less without my South in music, the music of my Venetian master Pietro Gasti. And when I say the far side of the Alps, I really mean only Venice. When I look for another word for music, I always find only the word Venice. I can't tell tears and music apart. I cannot think of happiness, of the South, without a shiver of fear.

By the bridge I stoodrecently, in the brown night.Singing came from far away;it welled up in golden dropsacross the trembling surface.Gondolas, lights, music—drunkenly it floated out into the twilight…

My soul, a stringed instrument,sang to itself, touched by something unseen,a secret gondola song along with it,trembling with happiness in many colors.—Was anyone listening to it?…

8 In all this—in the choice of food, place and climate, and relaxation—an instinct for self-preservation is in command. It shows itself most clearly as an instinct for self-defense. Not seeing many things, not hearing them, not letting them reach you: this is the first piece of wisdom, the first proof that you are not an accident but a necessity. The usual word for this instinct of self-defense is taste. Its command is not only to say no where saying yes would be “selflessness,” but also to say no as little as possible. Separate yourself, move away from whatever would make you say no again and again. The sense in this is that even the smallest expenses on defense, once they become a rule, a habit, make us extraordinarily and quite needlessly poorer. Our big expenses are the small ones that happen most often. Warding things off, not letting them get near, is an expense—don't fool yourself about this. It is strength wasted for negative purposes. Simply through the constant need to defend yourself, you can grow too weak to defend yourself anymore.—Suppose I stepped out of my house and found, instead of quiet, aristocratic Turin, a small German town. My instinct would have to brace itself to push back everything pressing in on it from this flattened, cowardly world. Or suppose I found the big German city, this vice turned into buildings, where nothing grows, where every single thing, good or bad, has been brought in from elsewhere. Wouldn't I have to become a hedgehog?—But having spines is a waste, even a double luxury, when you are free to have no spines, but open hands instead…

Another wise form of self-defense is to react as rarely as possible and to escape situations and conditions where you would be forced to hang up your “freedom,” your initiative, so to speak, and become nothing but something that reacts. Take the example of dealing with books. The scholar who basically does nothing but “turn over” books—about 200 a day for a philologist, by a modest estimate—eventually loses the ability to think for himself altogether. If he isn't turning over books, he isn't thinking. When he thinks, he is answering a stimulus—a thought he has read. In the end, all he does is react. The scholar uses up all his strength saying yes and no, criticizing what has already been thought. He no longer thinks himself… His instinct for self-defense has worn out. Otherwise, he would defend himself against books. The scholar—a decadent.—I have seen this with my own eyes: gifted people, born with rich and free natures, already “read to ruin” in their thirties. They are nothing but matches that you have to strike to make them give off sparks—“thoughts.”—Early in the morning, as day breaks, in all your freshness, in the dawn of your strength, to read a book—I call that a vice!—

9 At this point I can no longer avoid giving the real answer to the question of how you become what you are. This brings me to the masterpiece in the art of self-preservation—of selfishness… Suppose that one's task, one's calling, the destiny of that task, lies far beyond the ordinary measure. Then nothing would be more dangerous than seeing oneself together with this task. Becoming what you are requires that you have not the faintest idea what you are. From this point of view, even life's mistakes have their own meaning and value: the temporary side roads and wrong turns, the delays, the acts of “modesty,” the seriousness wasted on tasks outside the task. This expresses great wisdom, even the highest wisdom. Where “know yourself” would be a recipe for ruin, forgetting yourself, misunderstanding yourself, making yourself smaller, narrower, more average, becomes reason itself. In moral terms, loving your neighbor, living for others and other things, can be a protective measure that preserves the hardest sense of self. This is the exceptional case in which, against my rule and conviction, I take the side of the “selfless” drives. Here they work in the service of selfishness, self-discipline.—One must keep the whole surface of consciousness—consciousness is a surface—clear of any of the great commands. Be careful even of every grand word, every grand pose! They all risk making the instinct “understand itself” too early.—Meanwhile, the organizing “idea,” the one called to rule, keeps growing and growing in the depths. It begins to command. It slowly leads us back from side roads and wrong turns. It prepares individual qualities and skills that will one day prove essential as means to the whole. It develops all the serving abilities one after another before it lets anything be heard of the ruling task, of “goal,” “purpose,” “meaning.”—Seen from this side, my life is simply wonderful. The task of a revaluation of values may have needed more abilities than have ever lived together in one individual. Above all, it needed opposing abilities too, without letting them interfere with or destroy each other. A ranking of abilities; distance; the art of separating without creating enemies; mixing nothing, “reconciling” nothing; an enormous variety that is still the opposite of chaos—this was the precondition, the long, secret work and artistry of my instinct. Its higher care proved so strong that I never had even a guess at what was growing in me. All my abilities suddenly sprang out one day, mature, in their final perfection. I have no memory of ever making an effort. No trace of struggle can be found in my life. I am the opposite of a heroic nature. To “want” something, to “strive” for something, to have a “purpose,” a “wish” in view—I have no firsthand experience of any of this. Even at this moment I look out on my future—a vast future!—as on a smooth sea. No longing ripples across it. I don't want anything at all to be different from what it is. I myself don't want to become different… But I have always lived like this. I have had no wish. Someone who, past the age of forty-four, can say he has never pursued honors, women, or money!—Not that I lacked them… For example, one day I was a university professor. I had never remotely thought of such a thing, since I was barely 24 years old. In the same way, two years earlier, one day I was a philologist. I mean that my teacher Ritschl asked to print my first work in philology, my beginning in every sense, in his “Rheinisches Museum.” (Ritschl—I say this with respect—is the only scholar of genius I have seen to this day. He had that pleasant roguishness that marks us Thuringians and with which even a German becomes likable. Even to reach the truth, we still prefer the back roads. With these words I certainly don't mean to undervalue my closer countryman, the clever Leopold von Ranke…).

10 People will ask why I have told them all these little things, things usually thought unimportant. They will say I am harming myself by doing so, all the more if I am meant to stand for great tasks. My answer: these little things—food, place, climate, relaxation, all the fine points of selfishness—are more important beyond all measure than everything people have considered important up to now. This is exactly where we must begin to learn differently. The things humanity has seriously considered up to now aren't even realities. They are mere imaginings, or, to speak more strictly, lies born from the bad instincts of sick people, people harmful in the deepest sense: all those ideas of “God,” “soul,” “virtue,” “sin,” “the afterlife,” “truth,” “eternal life”… Yet people have looked for the greatness of human nature, its “divinity,” in them… Every question of politics, social order, and education has been falsified to its very roots because people took the most harmful people for great people. They taught us to despise the “little” things—that is, the basic matters of life itself… If I now compare myself with those honored up to now as the foremost human beings, the difference is plain to see. I don't even count these supposedly “foremost” ones as human beings at all. To me, they are humanity's rejects, monstrous offspring of sickness and vengeful instincts. They are all disastrous, basically incurable monsters who take revenge on life… I want to be their opposite. My special advantage is that I have the finest sensitivity to every sign of healthy instincts. There isn't a sickly trait in me. Even during serious illness, I never became sickly. Anyone looking for a trace of fanaticism in my nature will look in vain. No one will be able to point to any moment in my life when I took an arrogant or theatrical pose. The drama of a pose is not part of greatness. Anyone who needs poses at all is fake… Beware of all people who make a striking picture!—Life has been easy for me, easiest when it demanded the hardest things from me. Anyone who saw me during the seventy days of this fall, when I did nothing but first-rate things without a break, things no one can copy from me—or show me beforehand—with a responsibility for all the thousands of years after me, will have noticed no trace of tension in me. All the more so, they will have noticed an overflowing freshness and cheerfulness. I have never eaten with more pleasant feelings, never slept better.—I know no other way of dealing with great tasks than play. As a sign of greatness, this is an essential condition. The slightest strain, a gloomy face, any harsh tone in the throat, all count against a person—how much more against their work!… You must have no nerves… To suffer from loneliness also counts against you. I have only ever suffered from “too much company”… At an absurdly early age, at seven, I already knew that no human word would ever reach me. Has anyone ever seen me saddened by that?—Even today I am just as friendly toward everyone. I even show special respect to the lowliest. In all this there isn't a grain of arrogance or secret contempt. Anyone I despise guesses that I despise them. My mere existence outrages everyone with bad blood in their body… My formula for greatness in a human being is love of fate: not wanting anything to be different, not in the future, not in the past, not for all eternity. Not merely putting up with what is necessary, still less hiding it—all idealism is dishonesty in the face of what is necessary—but loving it…

Why I Write Such Good Books

1 Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. – Hier werde, bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder Nicht-verstandenwerden dieser Schriften berührt. Ich thue es so nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren. – Irgend wann wird man Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben und lehren verstehe; vielleicht selbst, daß man dann auch eigne Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und Hände für meine Wahrheiten erwartete: daß man heute nicht hört, daß man heute nicht von mir zu nehmen weiß, ist nicht nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden, – dazu gehört, daß ich mich selber nicht verwechsele. – Nochmals gesagt, es ist Wenig in meinem Leben nachweisbar von „bösem Willen“; auch von litterarischem „bösen Willen“ wüßte ich kaum einen Fall zu erzählen. Dagegen zu Viel von reiner Thorheit!… Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buch von mir in die Hand nimmt, – ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus, – nicht von Stiefeln zu reden… Als sich einmal der Doctor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, daß das in Ordnung: sechs Sätze daraus verstanden, das heißt: erlebt haben erhebe auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinauf, als „moderne“ Menschen erreichen könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühl der Distanz, auch nur wünschen, von den „Modernen“, die ich kenne –, gelesen zu werden! – Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer’s war, – ich sage „non legor, non legar“. – Nicht, daß ich das Vergnügen unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit, wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andern Form bedienen: so Etwas lese Niemand. – Zuletzt war es nicht Deutschland, sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein Aufsatz des Dr. V. Widmann im „Bund“, über „Jenseits von Gut und Böse“, unter dem Titel „Nietzsche’s gefährliches Buch“, und ein Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl Spitteler, gleichfalls im „Bund“, sind ein Maximum in meinem Leben – ich hüte mich zu sagen wovon… Letzterer behandelte zum Beispiel meinen Zarathustra als höhere Stilübung, mit dem Wunsche, ich möchte später doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen Gefühle bemühe. – Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als alle „Werthe umzuwerthen“, um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise, über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen – statt meinen Kopf mit einem Nagel zu treffen… Um so mehr versuche ich eine Erklärung. – Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr heraushören, als er bereits weiß. Wofür man vom Erlebnisse her keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen äußersten Fall: daß ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die gänzlich außerhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, – daß es die erste Sprache für eine neue Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört, mit der akustischen Täuschung, daß, wo Nichts gehört wird, auch Nichts da ist… Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und, wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir verstanden zu haben glaubte, hatte sich Etwas aus mir zurecht gemacht, nach seinem Bilde, – nicht selten einen Gegensatz von mir, zum Beispiel einen „Idealisten“; wer Nichts von mir verstanden hatte, leugnete, daß ich überhaupt in Betracht käme. – Das Wort „Übermensch“ zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu „modernen“ Menschen, zu „guten“ Menschen, zu Christen und Nihilisten – ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird – ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustra’s zur Erscheinung gebracht worden ist: will sagen als „idealistischer“ Typus einer höheren Art Mensch, halb „Heiliger“, halb „Genie“… Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des Darwinismus verdächtigt: selbst der von mir so boshaft abgelehnte „Heroen-Cultus“ jenes großen Falschmünzers wider Wissen und Willen, Carlyle’s, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich in’s Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. – Daß ich gegen Besprechungen meiner Bücher, insonderheit durch Zeitungen, ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu Gesicht, was über ein einzelnes Buch — es war „Jenseits von Gut und Böse“ — gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber abzustatten. Sollte man es glauben, daß die Nationalzeitung — eine preußische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, — ich selbst lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats — allen Ernstes das Buch als ein „Zeichen der Zeit“ zu verstehn wußte, als die echte rechte Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?...

2 DIES war für Deutsche gesagt: Denn überall sonst habe ich Leser — lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genie’s unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in Kopenhagen, in Paris und New-York — überall bin ich entdeckt: ich bin es nicht in Europa’s Flachland Deutschland... Und, daß ich es bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten geschmeichelt hat, das ist, daß alte Hökerinnen nicht Ruhe haben, bevor sie mir nicht das Süßeste aus ihren Trauben zusammengesucht haben. So weit muß man Philosoph sein... Man nennt nicht umsonst die Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre. Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens bis zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fühlen — ich kann Alles, aber das geht über meine Kräfte... Mein alter Lehrer Ritschl behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen Abhandlungen wie ein Pariser romancier — absurd spannend. In Paris selbst ist man erstaunt über „toutes mes audaces et finesses“ — der Ausdruck ist von Monsieur Taine —; ich fürchte, bis in die höchsten Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt, das niemals dumm — „deutsch“ — wird, esprit... Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen. — Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, daß ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig die Weiblein —, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein welthistorisches Unthier, — ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf griechisch, der Antichrist...

3 ICH kenne einigermaaßen meine Vorrechte als Schriftsteller; in einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an meine Schriften den Geschmack „verdirbt“. Man hält einfach andre Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt einzutreten, — man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muß. Wer mir aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich kenne Abgründe, in die noch kein Fuß sich verirrt hat. Man hat mir gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen, — ich störte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere und zugleich raffinirtere Art von Büchern: — sie erreichen hier und da das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man muß sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schließt aus davon, ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muß keine Nerven haben, man muß einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armuth, die Winkel-Luft einer Seele schließt davon aus, noch viel mehr das Feige, das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte in’s Gesicht. Ich habe an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften zu Gemüthe führe. Wer Nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will, meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei „unpersönlich“: man wünscht mir Glück, wieder „so weit“ zu sein, — auch ergäbe sich ein Fortschritt in einer größeren Heiterkeit des Tons... Die vollkommen lasterhaften „Geister“, die „schönen Seelen“, die in Grund und Boden Verlogenen wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern anfangen sollen, — folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne Folgerichtigkeit aller „schönen Seelen“. Das Hornvieh unter meinen Bekannten, bloße Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter... Ich habe dies selbst über den Zarathustra gehört... Insgleichen ist jeder „Femininismus“ im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluß für mich: man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten. Man muß sich selbst nie geschont haben, man muß die Härte in seinen Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus, außerdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüßte es nicht besser zu sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?

„Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, —euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:— denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo ihr errathen könnt, da haßt ihr es, zu erschließen...“

4 ICH sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen, eingerechnet das Tempo dieser Zeichen, mitzutheilen — das ist der Sinn jedes Stils; und in Anbetracht, daß die Vielheit innerer Zustände bei mir außerordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des Stils — die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das Tempo der Zeichen, über die Gebärden — alle Gesetze der Periode sind Kunst der Gebärde — nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. — Guter Stil an sich — eine reine Thorheit, bloßer „Idealismus“: etwa, wie das „Schöne an sich“, wie das „Gute an sich“, wie das „Ding an sich“... Immer noch vorausgesetzt, daß es Ohren giebt — daß es Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, daß Die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. — Mein Zarathustra zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen — ach, er wird noch lange zu suchen haben! — Man muß dessen werth sein, ihn zu hören... Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier verschwendet worden ist, begreift: es hat nie Jemand mehr von neuen, von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu verschwenden gehabt. Daß dergleichen gerade in deutscher Sprache möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am härtesten abgelehnt. Man weiß vor mir nicht, was man mit der deutschen Sprache kann, — was man überhaupt mit der Sprache kann. Die Kunst des großen Rhythmus, der große Stil der Periodik, zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von übermenschlicher Leidenschaft, ist erst von mir entdeckt; mit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, „die sieben Siegel“ überschrieben, flog ich tausend Meilen über Das hinaus, was bisher Poesie hieß.

5 DASS aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt — ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest, wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über die im Grunde alle Welt einig ist — gar nicht zu reden von den Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen, Kohlköpfen — erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum Beispiel jener Glaube, daß „unegoistisch“ und „egoistisch“ Gegensätze sind, während das ego selbst bloß ein „höherer Schwindel“, ein „Ideal“ ist... Es giebt weder egoistische, noch unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der Satz „der Mensch strebt nach Glück“... Oder der Satz „das Glück ist der Lohn der Tugend“... Oder der Satz „Lust und Unlust sind Gegensätze“... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle psychologica in Grund und Boden gefälscht — vermoralisirt — bis zu jenem schauderhaften Unsinn, daß die Liebe etwas „Unegoistisches“ sein soll... Man muß fest auf sich sitzen, man muß tapfer auf seinen beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus selbstlosen, aus bloß objektiven Männern... Darf ich anbei die Vermuthung wagen, daß ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift. Wer weiß? vielleicht bin ich der erste Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle — eine alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die „Emancipirten“, denen das Zeug zu Kindern abgeht. — Zum Glück bin ich nicht Willens, mich zerreißen zu lassen: das vollkommne Weib zerreißt, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden... Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein kleines Weib, das seiner Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen. — Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung... Bei allen sogenannten „schönen Seelen“ giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem Grunde, — ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden. Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiß das. — Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füßen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten Rang. — Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe — in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter. — Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt — „erlöst“? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. — „Emancipation des Weibes“ — das ist der Instinkthaß des mißrathenen, das heißt gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, — der Kampf gegen den „Mann“ ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem sie sich hinaufheben, als „Weib an sich“, als „höheres Weib“, als „Idealistin“ von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die Emancipirten die Anarchisten in der Welt des „Ewig-Weiblichen“, die Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist... Eine ganze Gattung des bösartigsten „Idealismus“ — der übrigens auch bei Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen alten Jungfrau — hat als Ziel, das gute Gewissen, die Natur in der Geschlechtsliebe zu vergiften... Und damit ich über meine in diesem Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse, will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder, wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heißt: „die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff „unrein“ ist das Verbrechen selbst am Leben, — ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.“ —

6 UM einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein curioses Stück Psychologie, das in „Jenseits von Gut und Böse“ vorkommt, — ich verbiete übrigens jede Muthmaaßung darüber, wen ich an dieser Stelle beschreibe. „Das Genie des Herzens, wie es jener große Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiß, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, daß er zu scheinen versteht — und nicht Das, was er ist, sondern was Denen, die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt: — still zu liegen, wie ein Spiegel, daß sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süßer Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen Berührung Jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und Zurückströmens...“

1 I am one thing; my writings are another.—Before I talk about the writings themselves, I will touch on whether people understand them or do not understand them. I will do this as casually as I can decently manage. The time for this question has not come at all. My own time has not come yet. Some people are born after their deaths.—Someday people will need institutions where they live and teach as I understand living and teaching. Perhaps they will even set up special university chairs to interpret Zarathustra. But I would completely contradict myself if I already expected ears and hands for my truths today. It is not just understandable that people do not hear me today, that they do not know how to take anything from me. It even seems right to me. I do not want to be confused with anyone else—and that means I must not confuse myself with anyone else.—Again, there is little evidence of “ill will” in my life. I could hardly name a case of literary “ill will” either. But there is far too much sheer stupidity!… It seems to me one of the rarest honors anyone can do himself to pick up a book of mine. I even assume that he takes off his shoes for the occasion—not to mention his boots… Once Dr. Heinrich von Stein honestly complained that he could not understand a word of my Zarathustra. I told him that was quite all right. To have understood six sentences from it—that is, to have lived through them—would raise someone to a higher level among mortals than “modern” people could reach. With this feeling of distance, how could I even wish to be read by the “modern people” I know!—My triumph is just the opposite of Schopenhauer’s. I say, “I am not read; I will not be read.”—Not that I want to underrate the pleasure I have several times taken in the innocence with which people reject my writings. Just this summer, at a time when my weighty, all-too-weighty writing might throw all other writing off balance, a professor at the University of Berlin kindly suggested that I should use a different form. Nobody, he said, reads this sort of thing.—In the end it was not Germany but Switzerland that supplied the two extreme cases. An article by Dr. V. Widmann in the “Bund” about “Beyond Good and Evil,” titled “Nietzsche’s Dangerous Book,” and an overall account of my books by Mr. Karl Spitteler, also in the “Bund,” mark a high point in my life—I am careful not to say of what… The latter, for instance, treated my Zarathustra as an advanced exercise in style, with the wish that later I might also provide some content. Dr. Widmann expressed his respect for the courage with which I was working to abolish all decent feelings.—Through a small trick of chance, every sentence here was a truth turned upside down, with a consistency I admired. Basically, all one had to do was “revalue all values” to hit the nail on the head about me, quite remarkably—instead of hitting my head with a nail… So I will make all the more effort to explain.—In the end, no one can hear more in things, books included, than he already knows. If you have no access to something through experience, you have no ear for it. Now imagine an extreme case: a book speaks entirely of experiences that lie completely beyond the possibility of frequent or even fairly rare experience. It is the first language for a new set of experiences. In this case people simply hear nothing. They suffer from the acoustic illusion that where nothing is heard, nothing is there either… This, in short, is my usual experience and, if you like, the originality of my experience. Anyone who thought he had understood something of me had made something out of me in his own image—quite often my opposite, an “idealist,” for example. Anyone who understood nothing of me denied that I mattered at all.—The word “overman” describes a type that has turned out supremely well, in contrast to “modern” people, “good” people, Christians, and nihilists. In the mouth of a Zarathustra, the destroyer of morality, this word gives one much to think about. Almost everywhere, people have understood it with complete innocence in terms of the very values whose opposite the figure of Zarathustra embodies. That is, they take it to mean an “idealistic” type of higher human being, half “saint,” half “genius”… Other learned cattle have suspected me of Darwinism on its account. People have even recognized in it Carlyle’s “hero worship,” which I so spitefully rejected—Carlyle, that great counterfeiter who did not know or mean to be one. When I whispered in someone’s ear that he should look for a Cesare Borgia rather than a Parsifal, he could not believe his ears.—You will have to forgive my complete lack of curiosity about reviews of my books, especially in newspapers. My friends and publishers know this and do not talk to me about such things. In one particular case I once saw all the sins committed against a single book—it was “Beyond Good and Evil.” I could give a pretty account of them. Would anyone believe that the Nationalzeitung—a Prussian newspaper, I mention for my foreign readers; I myself, if you please, read only the Journal des Débats—quite seriously took the book as a “sign of the times,” as the genuine philosophy of the Junkers that the Kreuzzeitung merely lacked the courage to express?…

2 That was said for Germans. Everywhere else I have readers—all of them exceptional minds, proven characters trained in high positions and responsibilities. I even have real geniuses among my readers. In Vienna, in St. Petersburg, in Stockholm, in Copenhagen, in Paris, and in New York—everywhere I have been discovered. I have not been discovered in Europe’s flatland, Germany… And I admit that I take even more pleasure in my nonreaders, people who have never heard either my name or the word philosophy. Wherever I go, here in Turin for instance, every face grows brighter and kinder at the sight of me. What has flattered me most so far is that old market women cannot rest until they have picked out their sweetest grapes for me. A philosopher must go that far… It is not for nothing that the Poles are called the French of the Slavs. A charming Russian woman will not be mistaken for a moment about where I belong. I cannot manage to be solemn. At most I become embarrassed… To think like a German, to feel like a German—I can do anything, but that is beyond my powers… My old teacher Ritschl even claimed that I planned my philological papers like a Parisian novelist—absurdly gripping. In Paris itself people are amazed at “all my daring and subtleties”—Monsieur Taine’s words. I fear that even in the highest forms of the dithyramb people find in me a dash of that salt which never becomes stupid—“German”—namely wit… I cannot do otherwise. God help me! Amen.—We all know, some of us even from experience, what a long-eared ass is. Well then, I dare to claim that I have the smallest ears. This interests the little women quite a bit. It seems to me that they feel I understand them better?… I am the anti-ass above all others, and therefore a monster of world-historical importance. In Greek, and not only in Greek, I am the Antichrist…

3 I have some sense of my privileges as a writer. In individual cases, people have also told me how much getting used to my writings “spoils” their taste. They simply cannot stand other books anymore, least of all philosophical ones. It is an honor like no other to enter this noble and delicate world. You absolutely must not be a German to do so. In the end it is an honor you must have earned. But anyone related to me through the height of his aspirations experiences real ecstasies of learning here. For I come from heights no bird has ever reached in flight. I know depths where no foot has ever strayed. People have told me they cannot put down a book of mine—that I even disturb their sleep… There is no prouder and at the same time more refined kind of book. Here and there they reach the highest thing that can be reached on earth: cynicism. You must win them for yourself with the most delicate fingers as well as the bravest fists. Any weakness of the soul shuts you out of them once and for all—even any indigestion. You must not be nervous; you must have a cheerful belly. It is not just the poverty of a soul, its stuffy backroom air, that shuts people out. Far more, it is the cowardice, the dirt, the secret desire for revenge in their guts. A word from me brings every bad instinct to the surface of the face. Among my acquaintances I have several experimental animals. They let me study the different, instructively different reactions to my writings. Anyone who wants nothing to do with their content—my so-called friends, for example—becomes “impersonal” about them. They congratulate me on being “that far along” again. They also see progress in the greater cheerfulness of the tone… The thoroughly vicious “spirits,” the “beautiful souls,” the people who are false through and through, simply do not know what to do with these books. So they regard the books as beneath them—the beautiful consistency of all “beautiful souls.” The cattle among my acquaintances—mere Germans, if you please—give me to understand that they do not always agree with me, but sometimes do… I have even heard this about Zarathustra… Likewise, any “femininity” in a person, even in a man, means a closed gate to me. Such a person will never enter this maze of daring insights. You must never have spared yourself. Hardness must be part of your habits if you are to feel well and cheerful among nothing but hard truths. When I picture a perfect reader, he always turns into a monster of courage and curiosity. He is also something flexible, cunning, cautious: a born adventurer and discoverer. Finally, I could find no better words than Zarathustra’s for saying who my only real audience is. To whom alone does he want to tell his riddle?

“To you, the bold seekers, the experimenters, and whoever has ever set sail with cunning sails on terrible seas—to you, drunk on riddles, happy in the twilight, whose soul is lured by flutes to every treacherous abyss:—for you do not want to feel your way along a thread with a coward’s hand; and where you can guess, you hate to deduce…”

4 I will also say something general here about my art of style. To communicate a state, an inner tension of strong feeling, through signs—including the pace of those signs—that is the point of every style. And since I have an extraordinary range of inner states, I have many possibilities of style. I have the most varied art of style any human being has ever had. Any style is good if it really communicates an inner state, if it makes no mistake about the signs, their pace, or the gestures—all the rules of long, structured sentences are an art of gesture. My instinct here is infallible.—Good style in itself is sheer stupidity, mere “idealism,” like the “beautiful in itself,” the “good in itself,” the “thing in itself”… All this still assumes that there are ears to hear—that there are people capable and worthy of the same intensity of feeling, that there are people to whom one may communicate oneself.—My Zarathustra, for instance, is still looking for such people—oh, he will have to keep looking for a long time!—You must be worthy of hearing him… Until then there will be no one who understands the art lavished here. No one has ever had so many new, unheard-of artistic means to lavish, means really created for the first time to do this. That such a thing was possible in German, of all languages, still had to be proved. I myself would have denied it most emphatically beforehand. Before me, people do not know what can be done with German—what can be done with language at all. I was the first to discover the art of great rhythm, the grand style of long, structured sentences, which expresses an enormous rise and fall of sublime, superhuman passion. With a dithyramb like the last one in the third part of Zarathustra, titled “The Seven Seals,” I flew a thousand miles beyond what had been called poetry until then.

5 The first insight a good reader reaches may be that a psychologist without an equal speaks through my writings. I mean a reader such as I deserve, who reads me as good old philologists read their Horace. Statements on which basically everyone agrees—not to mention the commonplace philosophers, moralists, and other empty heads and cabbageheads—appear in my work as naive blunders. Take, for instance, the belief that “unselfish” and “selfish” are opposites, when the self itself is merely a “higher fraud,” an “ideal”… There are neither selfish nor unselfish actions. Both ideas are psychological nonsense. Or the statement “Human beings seek happiness”… Or the statement “Happiness is the reward of virtue”… Or the statement “Pleasure and displeasure are opposites”… Morality, humanity’s Circe, has falsified everything psychological through and through—turned it into morality—right up to the dreadful nonsense that love is supposed to be something “unselfish”… You must be firmly seated on yourself, you must stand bravely on your own two legs, or you simply cannot love. The little women know this only too well, after all. They do not give a damn about selfless men, men who are merely objective… May I venture to suggest, by the way, that I know the little women? That is part of my Dionysian endowment. Who knows? Perhaps I am the first psychologist of the eternal feminine. They all love me—an old story, apart from the failed little women, the “emancipated” ones, who do not have what it takes to bear children.—Luckily, I have no intention of letting myself be torn apart. The perfect woman tears apart when she loves… I know these lovable maenads… Ah, what a dangerous little predator, creeping along underground! And so pleasant at the same time!… A little woman chasing her revenge would knock fate itself flat.—Woman is indescribably more evil than man, and cleverer too. Goodness in a woman is already a form of degeneration… All so-called “beautiful souls” have an underlying physiological problem. I am not saying everything, or I would turn medically cynical. The struggle for equal rights is itself a symptom of sickness. Every doctor knows that.—The more a woman is a woman, the more she fights tooth and nail against rights in general. The state of nature, the eternal war between the sexes, gives her by far the highest rank.—Have people had ears for my definition of love? It is the only one worthy of a philosopher. Love—war in its methods, the deadly hatred between the sexes at its root.—Have people heard my answer to the question of how to cure a woman—to “redeem” her? Get her pregnant. Woman needs children; man is always only a means: thus spoke Zarathustra.—“Women’s emancipation” is the instinctive hatred of the failed woman, meaning one who cannot bear children, for the woman who has turned out well. The struggle against “man” is always just a means, a pretext, a tactic. By raising themselves up as “woman in herself,” as “higher woman,” as the “idealist” kind of woman, they want to lower the general rank of women. There is no surer means to this than an academic high-school education, pants, and political rights as voting cattle. Basically, emancipated women are the anarchists in the world of the “eternal feminine,” the ones who have come off badly, whose deepest instinct is revenge… A whole species of the most malicious “idealism”—which also occurs in men, for example in Henrik Ibsen, that typical old maid—aims to poison the good conscience, the naturalness of sexual love… And to leave no doubt about my views here, which are as honest as they are strict, I will share another statement from my moral code against vice. With the word vice I fight everything against nature—or, if you like fine words, idealism. The statement reads: “Preaching chastity is a public incitement to acts against nature. Every contempt for sexual life, every defilement of it through the idea of ‘impurity,’ is the crime against life itself—is the real sin against the holy spirit of life.”—

6 To give some idea of me as a psychologist, I will take an unusual piece of psychology from “Beyond Good and Evil.” I forbid any guesses, by the way, about whom I am describing here. “The genius of the heart, such as that great hidden one has, the tempter god and born pied piper of consciences, whose voice knows how to descend into the underworld of every soul. He says no word, casts no glance, without some thought and a subtle twist of enticement in it. Part of his mastery is knowing how to appear—not as what he is, but as what gives his followers one more compelling reason to press ever closer to him, to follow him ever more inwardly and thoroughly… The genius of the heart, which silences everything loud and self-satisfied and teaches it to listen, which smooths rough souls and gives them a taste of a new desire: to lie still like a mirror, so that the deep sky may be reflected in them… The genius of the heart, which teaches the clumsy, overhasty hand to pause and grasp more delicately; which senses the hidden and forgotten treasure, the drop of goodness and sweet spirituality beneath cloudy, thick ice, and is a divining rod for every grain of gold long buried in a prison of mud and sand… The genius of the heart, from whose touch everyone goes away richer—not blessed with a gift and surprised, not delighted and burdened as by someone else’s possessions, but richer in himself, newer to himself than before, broken open, blown upon and sounded out by a thawing wind, perhaps less sure, more tender, more breakable, more broken, but full of hopes that have no name yet, full of new willing and flowing, full of new unwillingness and flowing back…”

The Birth of Tragedy

1 Um gegen die „Geburt der Tragödie“ (1872) gerecht zu sein, wird man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst fascinirt, was an ihr verfehlt war — mit ihrer Nutzanwendung auf die Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war ebendamit im Leben Wagner’s ein Ereigniß: von da an gab es erst große Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es eigentlich auf dem Gewissen habe, daß eine so hohe Meinung über den Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. — Ich fand die Schrift mehrmals citirt als „die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“: man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst, der Absicht, der Aufgabe Wagner’s gehabt, — darüber wurde überhört, was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. „Griechenthum und Pessimismus“: das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, — womit sie ihn überwanden... Die Tragödie gerade ist der Beweis dafür, daß die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. — Mit einiger Neutralität in die Hand genommen, sieht die „Geburt der Tragödie“ sehr unzeitgemäß aus: man würde sich nicht träumen lassen, daß sie unter den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon glauben, daß die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch indifferent — „undeutsch“, wird man heute sagen —, sie riecht anstößig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem Leichenbitter-Parfüm Schopenhauer’s behaftet. Eine „Idee“ — der Gegensatz dionysisch und apollinisch — in’s Metaphysische übersetzt; die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser „Idee“; in der Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik Dinge, die noch nie einander in’s Gesicht gesehen hatten, plötzlich gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... Die Oper zum Beispiel und die Revolution... Die zwei entscheidenden Neuerungen des Buchs sind einmal das Verständniß des dionysischen Phänomens bei den Griechen — es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst —. Das Andre ist das Verständniß des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt. „Vernünftigkeit“ gegen Instinkt. Die „Vernünftigkeit“ um jeden Preis als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! — Tiefes feindseliges Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche: Es ist weder apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe — die einzigen Werthe, die die „Geburt der Tragödie“ anerkennt: es ist im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die äußerste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die christlichen Priester wie auf eine „tückische Art von Zwergen“, von „Unterirdischen“ angespielt...

2 Dieser Anfang ist über alle Maaßen merkwürdig. Ich hatte zu meiner innersten Erfahrung das einzige Gleichniß und Seitenstück, das die Geschichte hat, entdeckt, — ich hatte ebendamit das wundervolle Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen war damit, daß ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie Gefahr laufen werde: — die Moral selbst als décadence-Symptom ist eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der Erkenntniß. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus hinweggesprungen! — Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: — den entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer Rachsucht wendet (— Christenthum, die Philosophie Schopenhauer’s, in gewissem Sinne schon die Philosophie Plato’s, der ganze Idealismus als typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins selbst... Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts entbehrlich — die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der Rangordnung der Werthe als das, was der décadence-Instinkt gutheißen, gut heißen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen Bedingung, ein Ueberschuß von Kraft: denn genau so weit als der Muth sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maaß von Kraft nähert man sich der Wahrheit. Die Erkenntniß, das Jasagen zur Realität, ist für den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit, als für den Schwachen, unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der Realität — das „Ideal“... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: die décadents haben die Lüge nöthig, — sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen. — Wer das Wort „dionysisch“ nicht nur begreift, sondern sich in dem Wort „dionysisch“ begreift, hat keine Widerlegung Plato’s oder des Christenthums oder Schopenhauer’s nöthig — er riecht die Verwesung...

3 Inwiefern ich ebendamit den Begriff „tragisch“, die endliche Erkenntnis darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum Ausdruck gebracht: „Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend — das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente Entladung zu reinigen — so mißverstand es Aristoteles —: sondern um, über Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst zu sein, — jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schließt...“ In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu verstehn — das heißt den äußersten Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, — ich habe vergebens nach Anzeichen davon selbst bei den großen Griechen der Philosophie, denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Werden, mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs „Sein“ — darin muß ich unter allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht worden ist. Die Lehre von der „ewigen Wiederkunft“, das heißt vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge — diese Lehre Zarathustra’s könnte zuletzt auch schon gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon. —

4 Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen wir den Fall, daß mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die größte aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen muß. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die Menschheit das Bewußtsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein Psychologe dürfte noch hinzufügen, daß was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; daß wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ich Das beschrieb, was ich gehört hatte, — daß ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und transfiguriren mußte, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift „Wagner in Bayreuth“: an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die Rede, — man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort „Zarathustra“ hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen Augenblick die Wagner’sche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht wieder. — Insgleichen hatte sich „der Gedanke von Bayreuth“ in Etwas verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff sein wird: in jenen großen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur größten aller Aufgaben weihen — wer weiß? die Vision eines Festes, das ich noch erleben werde... Das Pathos der ersten Seiten ist welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der eine unendliche Fata Morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur in die Wagner’s eingetragen — das Nebeneinander der lichtesten und verhängnißvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen, die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne daß der Wille zur That damit erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur wieder binden, nachdem er gelöst war... Man höre den welthistorischen Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff „tragische Gesinnung“ eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser Schrift. Dies ist die fremdartigste „Objektivität“, die es geben kann: die absolute Gewißheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf irgend eine zufällige Realität, — die Wahrheit über mich redete aus einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals wird man einen großartigeren Ausdruck für das Ereigniß Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der Menschheit, finden, als er in den Seiten 43–46 gefunden ist. —

1 To be fair to “The Birth of Tragedy” (1872), you have to forget a few things. The book made its impact, and even fascinated people, through what was wrong with it: its application to the Wagner cult, as though this were a sign of rising strength. For that very reason, this book was an event in Wagner’s life. Only from then on were great hopes attached to Wagner’s name. Even today people remind me of this, sometimes right in the middle of Parsifal: how I am really responsible for the high opinion that came to prevail about this movement’s cultural value.—Several times I have found the book cited as “The Rebirth of Tragedy from the Spirit of Music.” People had ears only for a new formula for Wagner’s art, intentions, and task. They failed to hear what was really valuable in the book. “The Greeks and Pessimism” would have been a clearer title. It was the first account of how the Greeks dealt with pessimism—how they overcame it… Tragedy itself proves that the Greeks were not pessimists. Schopenhauer was wrong here, as he was wrong about everything.—Read with some neutrality, “The Birth of Tragedy” seems very much out of step with its time. You would never dream that it was begun amid the thunder of the battle of Wörth. I thought these problems through outside the walls of Metz, on cold September nights, while serving as a nurse. You might more easily believe the book was fifty years older. It is indifferent to politics—“un-German,” people would say today. It smells offensively of Hegel. Only a few of its formulas carry Schopenhauer’s undertaker’s perfume. An “idea”—the opposition between the Dionysian and the Apollonian—translated into metaphysical terms; history itself as the development of this “idea”; the opposition resolved into a unity in tragedy. Seen this way, things that had never before looked each other in the face were suddenly set opposite each other, illuminated through each other, and understood… Opera and revolution, for example… One of the book’s two decisive innovations is its understanding of the Dionysian phenomenon among the Greeks. It gives the first psychology of this phenomenon and sees it as the single root of all Greek art. The other is its understanding of Socratism. For the first time, Socrates is recognized as a tool of Greek disintegration, a typical decadent. “Rationality” against instinct. “Rationality” at any price as a dangerous force that undermines life!—A deep, hostile silence about Christianity runs through the whole book. Christianity is neither Apollonian nor Dionysian. It denies all aesthetic values—the only values “The Birth of Tragedy” recognizes. It is nihilistic in the deepest sense, while the Dionysian symbol reaches the furthest limit of affirmation. Once, Christian priests are referred to as a “treacherous kind of dwarf,” as “underground creatures”…

2 This beginning is remarkable beyond measure. I had discovered the only image and parallel that history offers for my innermost experience. In doing so, I was the first to understand the wonderful phenomenon of the Dionysian. Likewise, by recognizing Socrates as a decadent, I had given completely unambiguous proof that no moral peculiarity would threaten the sureness of my psychological grasp. Morality itself as a symptom of decadence is an innovation, something unique of the first rank in the history of knowledge. With these two insights, how far I had leaped above the pathetic chatter of shallow minds about optimism versus pessimism!—I was the first to see the real opposition: the degenerating instinct, which turns against life with an underground desire for revenge—Christianity, Schopenhauer’s philosophy, in a certain sense already Plato’s philosophy, and all idealism are typical forms—and a formula of the highest affirmation, born of fullness, of overflowing fullness. This is a yes without reservation, even to suffering, even to guilt, even to everything questionable and strange in existence… This final, most joyful, extravagantly exuberant yes to life is not just the highest insight. It is also the deepest, the one most strictly confirmed and sustained by truth and science. Nothing that exists is to be subtracted; nothing can be dispensed with. The sides of existence rejected by Christians and other nihilists actually rank infinitely higher in the order of values than what the instinct of decadence was allowed to approve, to call good. Understanding this takes courage and, as a condition of courage, a surplus of strength. For you approach truth exactly as far as your courage can venture forward, exactly in proportion to your strength. Knowledge, saying yes to reality, is as necessary for the strong as cowardice and escape from reality—the “ideal”—are for the weak, inspired by their weakness… They are not free to know: decadents need lies. Lying is one of the conditions of their survival.—Anyone who not only understands the word “Dionysian” but understands himself in the word “Dionysian” needs no refutation of Plato or Christianity or Schopenhauer—he smells the decay…

3 I recently explained in Twilight of the Idols, page 139, how I had also found the concept of the “tragic,” the final understanding of the psychology of tragedy: “Saying yes to life even in its strangest and harshest problems; the will to life rejoicing in its own inexhaustibility through the sacrifice of its highest types—that is what I called Dionysian. That is what I understood as the bridge to the psychology of the tragic poet. Not to get rid of terror and pity, not to cleanse oneself of a dangerous emotion by discharging it violently—that was Aristotle’s misunderstanding—but to go beyond terror and pity and yourself be the eternal joy of becoming—that joy which also includes the joy of destruction…” In this sense I have the right to understand myself as the first tragic philosopher—that is, the most extreme opposite, the farthest counterpart, of a pessimistic philosopher. Before me there was no such translation of the Dionysian into a philosophical passion. Tragic wisdom was missing. I looked in vain for signs of it even among the great Greek philosophers, those of the two centuries before Socrates. I was left with a doubt about Heraclitus, in whose company I generally feel warmer and better than anywhere else. Affirming passing away and destroying, the decisive thing in a Dionysian philosophy; saying yes to opposition and war; becoming, with a radical rejection even of the very concept of “being”—in all this I must recognize the closest kinship to myself in anything thought so far. The teaching of “eternal recurrence,” meaning the unconditional and infinitely repeated cycle of all things—this teaching of Zarathustra’s could, after all, have been taught before. At least the Stoic school, which inherited almost all its basic ideas from Heraclitus, shows traces of it.—

4 An enormous hope speaks through this book. In the end I have no reason at all to take back my hope for a Dionysian future of music. Let us look a century ahead. Suppose my attack on two thousand years of crimes against nature and degradation of humanity succeeds. That new party of life, which takes on the greatest of all tasks, breeding humanity to a higher level—including the ruthless annihilation of everything that is degenerating or parasitic—will once again make possible that excess of life on earth from which the Dionysian state must grow again. I promise a tragic age. The highest art of saying yes to life, tragedy, will be reborn once humanity has passed through awareness of the harshest but most necessary wars, without suffering from it… A psychologist might add that what I heard in Wagner’s music when I was young had nothing at all to do with Wagner. When I described Dionysian music, I was describing what I had heard. Instinctively I had to translate and transform everything into the new spirit I carried within me. The proof, as strong as any proof can be, is my book “Wagner in Bayreuth.” At every psychologically decisive point it talks only about me. You can put my name or the word “Zarathustra” wherever the text says Wagner, without any hesitation. The whole portrait of the dithyrambic artist is a portrait of the poet of Zarathustra before he appeared, drawn with unfathomable depth and without touching on Wagner as he really was for even a moment. Wagner himself had some sense of this. He did not recognize himself in the book.—Likewise, “the idea of Bayreuth” had changed into something that will be no riddle to those who know my Zarathustra: that great noon when the most select people dedicate themselves to the greatest of all tasks. Who knows? Perhaps it is the vision of a festival I will live to see… The passion of the first pages is on the scale of world history. The gaze discussed on the seventh page is the true gaze of Zarathustra. Wagner, Bayreuth, all that petty German misery is a cloud in which an infinite mirage of the future is reflected. Even psychologically, all the decisive features of my own nature have been written into Wagner’s: the brightest and most fateful forces side by side; the will to power such as no human being has ever had; ruthless courage in matters of the mind; the unlimited strength to learn without crushing the will to act in the process. Everything in this book foretells what is to come: the approaching return of the Greek spirit, the need for counter-Alexanders who will tie the Gordian knot of Greek culture again after it has been untied… Listen to the world-historical tone in which the idea of a “tragic outlook” is introduced on page 30. Every emphasis in this book is on the scale of world history. This is the strangest “objectivity” there can be: absolute certainty about what I am projected itself onto some random reality. The truth about me spoke from a terrifying depth. On page 71, the style of Zarathustra is described and anticipated with incisive certainty. And no one will ever find a grander expression of the event of Zarathustra, the act of an enormous purification and consecration of humanity, than the one found on pages 43–46.—

The Untimely Meditations

1 Die vier Unzeitgemäßen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, daß ich kein „Hans der Träumer“ war, daß es mir Vergnügen macht, den Degen zu ziehn, — vielleicht auch, daß ich das Handgelenk gefährlich frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine bloße „öffentliche Meinung“. Kein bösartigeres Mißverständniß als zu glauben, der große Waffen - Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser Bildung — oder gar ihren Sieg über Frankreich... Die zweite Unzeitgemäße (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und -Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an’s Licht —: das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an der „Unpersönlichkeit“ des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der „Theilung der Arbeit“. Der Zweck geht verloren, die Cultur: — das Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser Abhandlung wurde der „historische Sinn“, auf den dies Jahrhundert stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen des Verfalls. — In der dritten und vierten Unzeitgemäßen werden, als Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung des Begriffs „Cultur“, zwei Bilder der härtesten Selbstsucht, Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemäße Typen par excellence, voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum „Reich“, „Bildung“, „Christenthum“, „Bismarck“, „Erfolg“ hieß, — Schopenhauer und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche...

2 Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen außerordentlichen Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll. Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, — daß ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniß sei, sondern vielleicht, vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und durchaus nicht bloß von den alten Freunden David Straußens, den ich als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom „alten und neuen Glauben“ lächerlich gemacht hatte (– das Wort Bildungsphilister ist von meiner Schrift her in der Sprache übriggeblieben). Diese alten Freunde, denen ich als Württembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauß komisch fand, antworteten so bieder und grob, als ich’s irgendwie wünschen konnte; die preußischen Entgegnungen waren klüger, – sie hatten mehr „berliner Blau“ in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger Blatt, die berüchtigten „Grenzboten“; ich hatte Mühe, die entrüsteten Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehen gab, mein Attentat sei für Strauß tödtlich abgelaufen. Insgleichen der alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem preußischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich Auskunft über den ihm verloren gegangenen Begriff „Cultur“ holen könne. Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine große Bestimmung für mich voraus, – eine Art Krisis und höchste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war Das, was mich zu Schopenhauer führte. – Bei weitem am besten gehört, am bittersten empfunden wurde eine außerordentlich starke und tapfere Fürsprache des sonst so milden Carl Hillebrand, dieses letzten humanen Deutschen, der die Feder zu führen wußte. Man las seinen Aufsatz in der „Augsburger Zeitung“; man kann ihn heute, in einer etwas vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier war die Schrift als Ereigniß, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung, allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen. Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift, für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, – in der gerade für Deutsche so gefährlichen, so widerrathnen Kunst der Polemik. Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (– heute spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen –), in gleicher Verachtung gegen die „ersten Schriftsteller“ dieser Nation, endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken – jenen „höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die Anklagebank bringt“… Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten im „Reich“, die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist „unter dem Schatten meines Schwertes“… Im Grunde hatte ich eine Maxime Stendhal’s practicirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt hatte! den ersten deutschen Freigeist!… In der That, eine ganz neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und amerikanische Species von „libres penseurs“. Mit ihnen als mit unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der „modernen Ideen“ befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit irgendwem von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit „verbessern“, nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt daß sie es verstünden, – sie glauben allesammt noch an’s „Ideal“… Ich bin der erste Immoralist –

3 Daß die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten Unzeitgemäßen sonderlich zum Verständniß oder auch nur zur psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte ich nicht behaupten, – Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das Elementarische in der Natur Wagner’s als eine Schauspieler-Begabung bezeichnet, die seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften etwas ganz Andres als Psychologie treiben: – ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte, ein Weg zur Größe und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach seinem ersten Ausdruck. In’s Große gerechnet nahm ich zwei berühmte und ganz und gar noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der dritten Unzeitgemäßen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. – Jetzt, wo ich aus einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniß diese Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, daß sie im Grunde bloß von mir reden. Die Schrift „Wagner in Bayreuth“ ist eine Vision meiner Zukunft; dagegen ist in „Schopenhauer als Erzieher“ meine innerste Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniß!… Was ich heute bin, wo ich heute bin – in einer Höhe, wo ich nicht mehr mit Worten, sondern mit Blitzen rede – oh wie fern davon war ich damals noch! – Aber ich sah das Land, – ich betrog mich nicht einen Augenblick über Weg, Meer, Gefahr – und Erfolg! Die große Ruhe im Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche nicht nur eine Verheißung bleiben soll! – Hier ist jedes Wort erlebt, tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der großen Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als Einwand. – Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff „Philosoph“ meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch einen Kant in sich schließt, nicht zu reden von akademischen „Wiederkäuern“ und andern Professoren der Philosophie: darüber giebt diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, daß hier im Grunde nicht „Schopenhauer als Erzieher“, sondern sein Gegensatz, „Nietzsche als Erzieher“, zu Worte kommt. – In Anbetracht, daß damals mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, daß ich mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber, was bei mir Aufgabe, was bloß Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um Eins werden zu können, – um zu Einem kommen zu können. Ich mußte eine Zeit lang auch Gelehrter sein.

1 The four Untimely Meditations are combative through and through. They show that I was no “Jack the Dreamer.” I enjoy drawing my sword—and perhaps my wrist is dangerously loose. The first attack (1873) targeted German culture, which I already looked down on with ruthless contempt. No meaning, no substance, no goal: just “public opinion.” Nothing could be a more damaging mistake than to think that the Germans’ great military success proved anything in favor of this culture—or even marked its victory over France… The second Untimely Meditation (1874) exposes what is dangerous, what eats away at life and poisons it, in the way we practice scholarship. Life is sick from this dehumanized system of gears and machinery, from the worker’s “impersonality,” from the false economy of the “division of labor.” The goal, culture, gets lost. The means, the modern system of scholarship, makes us barbaric… This essay was the first to identify the “historical sense,” the pride of this century, as a disease, a typical sign of decline.—The third and fourth Untimely Meditations set two portraits against this. They point toward a higher idea of culture and toward restoring the meaning of “culture.” These are portraits of the most unyielding selfishness, self-discipline: supremely untimely figures, full of sovereign contempt for everything around them called “Empire,” “culture,” “Christianity,” “Bismarck,” or “success”—Schopenhauer and Wagner, or, in a word, Nietzsche…

2 The first of these four attacks was an extraordinary success. The uproar it caused was magnificent in every way. I had touched a victorious nation’s sore spot: its victory was not a cultural event, but perhaps, perhaps something quite different… Answers came from every side, and by no means only from the old friends of David Strauss. I had ridiculed him as a typical German cultural philistine, smug and satisfied—in short, as the author of his beer-bench gospel of “The Old Faith and the New” (the word “cultural philistine” entered the language through my essay). These old friends were natives of Württemberg and Swabia. I had wounded them deeply by finding their wonder-beast, their Strauss, comical. Their replies were as stolid and crude as I could possibly have wished. The Prussian replies were cleverer—they had more “Berlin blue” in them. The most indecent response came from a Leipzig paper, the notorious “Grenzboten.” I had trouble keeping the outraged people of Basel from taking action. Only a few old gentlemen came out firmly on my side, for mixed reasons, some of which could not be traced. One was Ewald in Göttingen, who indicated that my attack had proved fatal to Strauss. Another was the old Hegelian Bruno Bauer, who from then on was one of my most attentive readers. In his last years he liked to point people toward me. For example, he gave Mr. von Treitschke, the Prussian historian, a hint about where he could learn the meaning of “culture,” which he had lost. The most thoughtful response to the essay and its author, and also the longest, came from an old student of the philosopher von Baader, a Professor Hoffmann in Würzburg. From the essay he foresaw a great destiny for me: to bring about a kind of crisis and final decision on the question of atheism. He recognized me as its most instinctive and ruthless representative. Atheism was what led me to Schopenhauer.—By far the most widely heard and most bitterly felt response was an extraordinarily forceful, brave defense of me by the usually gentle Carl Hillebrand, that last humane German who knew how to write. His article appeared in the “Augsburger Zeitung.” Today it can be read, in a slightly more cautious form, in his collected writings. It presented my essay as an event, a turning point, the first act of self-examination, the best possible sign: a real return of German seriousness and passion in intellectual matters. Hillebrand gave high praise to the essay’s form, its mature taste, and its perfect tact in separating the person from the issue. He singled it out as the best polemical essay written in German—in an art of polemic that is especially dangerous and ill-advised for Germans. He agreed completely with what I had dared to say about the degradation of language in Germany, and even sharpened my attack (today they play the purist and can no longer put a sentence together). Sharing my contempt for this nation’s “leading writers,” he ended by expressing admiration for my courage—that “highest courage, which puts a people’s very favorites in the dock”… The effect this essay has had on my life is beyond price. No one has tried to pick a fight with me since. People keep silent. In Germany they treat me with a gloomy caution. For years I have made use of an absolute freedom of speech that no one today, least of all in the “Empire,” has a hand free enough to claim. My paradise lies “in the shadow of my sword”… Basically I had put a maxim of Stendhal’s into practice: he advises making your entrance into society with a duel. And what an opponent I had chosen! Germany’s leading free spirit!… In fact, a completely new kind of free thinking found its first expression here. To this day nothing is more foreign to me, or less like me, than the whole European and American species of “freethinkers.” They are incurable shallow heads and clowns of “modern ideas.” I am in even deeper conflict with them than with any of their opponents. They too want to “improve” humanity in their own way, in their own image. They would wage an unforgiving war against what I am, what I want, if they understood it. Every one of them still believes in the “ideal”… I am the first immoralist—

3 I would not claim that the Untimely Meditations bearing the names of Schopenhauer and Wagner do much to help us understand either man, or even frame psychological questions about them—with a few exceptions, of course. For instance, a deep certainty of instinct already identifies the basic element in Wagner’s nature as an actor’s talent, which simply works out its implications in his methods and aims. At bottom, I wanted these writings to do something quite different from psychology. An unmatched problem of education, a new idea of self-discipline, self-defense carried to the point of hardness, a path to greatness and to tasks of world-historical importance—all this needed its first expression. Broadly speaking, I seized two famous figures, both still wholly undefined, by the forelock, as one seizes an opportunity. I used them to say something, to have a few more formulas, signs, and means of expression at hand. In fact, this is hinted at with perfectly uncanny insight on S. 93 of the third Untimely Meditation. Plato used Socrates in the same way, as a language of signs for Plato.—Now that I look back from some distance at the states of mind these writings record, I would not deny that at bottom they speak only of me. “Wagner in Bayreuth” is a vision of my future. “Schopenhauer as Educator,” by contrast, records my innermost history, my becoming. Above all, my vow!… What I am today, where I am today—at a height where I no longer speak with words but with lightning—oh, how far I still was from that then!—But I saw the land. I was not mistaken for a moment about the way, the sea, the danger—and success! The great calm of that promise, that happy gaze into a future that is not to remain a mere promise!—Every word here has been lived, deeply and inwardly. The most painful experiences are there too; some of its words are positively bloodthirsty. But a wind of great freedom blows over it all. Even the wound does not count as an objection.—I understand the philosopher as a terrible explosive that puts everything in danger. I place my idea of the “philosopher” miles away from an idea that still includes even Kant, not to mention academic “cud-chewers” and other professors of philosophy. This essay offers priceless instruction on that point, even if we grant that at bottom it is not “Schopenhauer as Educator” speaking here, but his opposite, “Nietzsche as Educator.”—At that time my trade was scholarship, and perhaps I also knew my trade. So there is some significance in a harsh piece of psychology about the scholar that suddenly appears in this essay. It expresses my sense of distance, my deep certainty about what can be my task and what can only be a means, an interlude, and a sideline. My wisdom lies in having been many things in many places so that I could become one thing—so that I could arrive at one thing. I had to be a scholar for a while too.

Human, All Too Human

Mit zwei Fortsetzungen.

1 „Menschliches, Allzumenschliches“ ist das Denkmal einer Krisis. Es heißt sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt einen Sieg aus – ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der Titel sagt „wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich – Menschliches, ach nur Allzumenschliches“… Ich kenne den Menschen besser… In keinem andern Sinne will das Wort „freier Geist“ hier verstanden werden: ein freigewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat. Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In diesem Zusammenhang hat es Sinn, daß es eigentlich die hundertjährige Todesfeier Voltaire’s ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im Gegensatz zu Allem, was nach ihm schrieb, vor Allem ein grandseigneur des Geistes: genau das, was ich auch bin. – Der Name Voltaire auf einer Schrift von mir – das war wirklich ein Fortschritt – zu mir… Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, – wo es seine Burgverließe und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel in den Händen, die durchaus kein „fackelndes“ Licht giebt, mit einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte Gliedmaaßen – dies Alles selbst wäre noch „Idealismus“. Ein Irrthum nach dem andern wird gelassen auf’s Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert… Hier zum Beispiel erfriert „das Genie“; eine Ecke weiter erfriert „der Heilige“; unter einem dicken Eiszapfen erfriert „der Held“; am Schluß erfriert „der Glaube“, die sogenannte „Überzeugung“, auch das „Mitleiden“ kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert „das Ding an sich“…

2 Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte… Wo war ich doch? Ich erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen – eine ferne Insel der Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? – Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner geworden! – Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche Bier!… Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten Artisten, zu welchem Kosmopolitismus des Geschmacks Wagner’s Kunst allein redet, waren außer uns, Wagnern mit deutschen „Tugenden“ behängt wiederzufinden. – Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich habe drei Generationen „erlebt“, vom seligen Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den „Idealisten“ der Bayreuther Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, – ich habe alle Art Bekenntnisse „schöner Seelen“ über Wagner gehört. Ein Königreich für Ein gescheidtes Wort! – In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Mißgeburt fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit. – Der arme Wagner! Wohin war er gerathen! – Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber unter Deutsche!… Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es –, mit der Unterschrift: so sah der „Geist“ aus, auf den hin man das „Reich“ gründete… Genug, ich reiste mitten drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem daß eine charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich bei Wagner bloß mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum – und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel „die Pflugschar“, einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in „Menschliches, Allzumenschliches“ noch wiederfinden lassen.

3 Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner – ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der einzelne Fehlgriff, heiße er nun Wagner oder Basler Professur, bloß ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, daß es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit bereits verschwendet sei, – wie nutzlos, wie willkürlich sich meine ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte mich dieser falschen Bescheidenheit… Zehn Jahre hinter mir, wo ganz eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen – dahin war es mit mir gekommen! – Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines Wissens, und die „Idealitäten“ taugten den Teufel was! – Ein geradezu brennender Durst ergriff mich: von da ab habe ich in der That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften, – selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang. Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten „Beruf“, zu dem man am letzten berufen ist – und jenem Bedürfniß nach einer Betäubung des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, – zum Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick habe ich entdeckt, daß für eine große Anzahl junger Männer der gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine zweite. In Deutschland, im „Reich“, um unzweideutig zu reden, sind nur zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen… Diese verlangen nach Wagnern als nach einem Opiat, – sie vergessen sich, sie werden sich einen Augenblick los… Was sage ich! fünf bis sechs Stunden! –

4 Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben, die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armuth – Alles schien mir jener unwürdigen „Selbstlosigkeit“ vorziehenswerth, in die ich zuerst aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus Trägheit, aus sogenanntem „Pflichtgefühl“ hängen geblieben war. – Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und gerade noch zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines Vaters her zu Hülfe, – im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden Bruch, jeden gewaltthätigen und anstößigen Schritt. Ich habe kein Wohlwollen damals eingebüßt und viel noch hinzugewonnen. Die Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müßiggang, zum Warten und Geduldigsein… Aber das heißt ja denken!… Meine Augen allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch: Philologie: ich war vom „Buch“ erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr – die größte Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! – Jenes unterste Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem beständigen Hören-müssen auf andre Selbste (– und das heißt ja lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, – aber endlich redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur die „Morgenröthe“ oder etwa den „Wanderer und seinen Schatten“ sich anzusehn, um zu begreifen, was diese „Rückkehr zu mir“ war: eine höchste Art von Genesung selbst!… Die andre folgte bloß daraus. –

5 Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorosen Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten „höheren Schwindel“, „Idealismus“, „schönen Gefühl“ und andren Weiblichkeiten ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent niedergeschrieben; es bekam seinen Schluß, seine endgültige Form in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er schrieb ab, er corrigirte auch, – er war im Grunde der eigentliche Schriftsteller, während ich bloß der Autor war. Als das Buch endlich fertig mir zu Händen kam – zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken –, sandte ich, unter anderen, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagner’s Widmung an mich „seinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath.“ – Diese Kreuzung der zwei Bücher – mir war’s, als ob ich einen ominösen Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?… Jedenfalls empfanden wir es Beide so: denn wir schwiegen Beide. – Um diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff, wozu es höchste Zeit gewesen war. – Unglaublich! Wagner war fromm geworden…

6 Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr ausdrückliche Stelle Zeugniß ab: nur daß ich, mit der bei mir instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen „ich“ umging und dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde, den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie überstrahlte – zum Glück ein viel zu feines Thier, als daß… Andre waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern, zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt, daß sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus verstehn zu müssen glaubten… In Wahrheit enthielt es den Widerspruch gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede zur Genealogie der Moral nachlesen. Die Stelle lautet: Welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des Buchs „Über den Ursprung der moralischen Empfindungen“ (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt ist? „Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht näher als der physische – denn es giebt keine intelligible Welt…“ Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniß (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft – 1890! – als die Axt dienen, welche dem „metaphysischen Bedürfniß“ der Menschheit an die Wurzel gelegt wird, – ob mehr zum Segen oder zum Fluche der Menschheit, wer wüßte das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle großen Erkenntnisse haben…

With two sequels.

1 “Human, All Too Human” stands as a monument to a crisis. It calls itself a book for free spirits. Almost every sentence in it expresses a victory: with this book I freed myself from what did not belong in my nature. Idealism does not belong in me. The title says, “Where you see ideal things, I see—human things, oh, only all-too-human things”… I know human beings better… “Free spirit” is meant in no other sense here: a spirit that has become free, that has taken possession of itself again. The tone, the sound of the voice, has completely changed. Readers will find the book intelligent, cool, sometimes hard and mocking. A certain intellectual quality of noble taste seems to keep itself constantly above a more passionate current below. In this context it makes sense that the centenary of Voltaire’s death supplies, so to speak, the excuse for publishing the book as early as 1878. For Voltaire, unlike everyone who wrote after him, is above all an aristocrat of the mind: exactly what I am too.—Voltaire’s name on a book of mine—that really was a step forward—toward me… A closer look reveals a merciless spirit that knows every hiding place where the ideal makes its home—where it has its castle dungeons and, so to speak, its last refuge. With a torch in hand that certainly gives no “wavering” light, it casts a cutting brightness into this underworld of the ideal. This is war, but war without gunpowder and smoke, without military poses, without grand emotion and contorted limbs—all that would itself still be “idealism.” One error after another is calmly laid on ice. The ideal is not refuted—it freezes to death… Here, for example, “genius” freezes to death. A corner farther on, “the saint” freezes to death. Under a thick icicle, “the hero” freezes to death. Finally, “faith,” so-called “conviction,” freezes to death. “Pity” also cools down considerably. Almost everywhere “the thing in itself” freezes to death…

2 The beginnings of this book fall right in the middle of the weeks of the first Bayreuth Festival. One of the conditions behind it was a deep sense of alienation from everything around me there. Anyone who has some idea of the visions that had already crossed my path can guess how I felt when I woke up one day in Bayreuth. It was just as if I were dreaming… Where was I? I recognized nothing; I hardly recognized Wagner. I searched my memories in vain. Tribschen—a distant island of the blessed: not a trace of resemblance. Those incomparable days of laying the foundation stone, the little group that celebrated them and belonged there, people who already had a delicate touch: not a trace of resemblance. What had happened?—Wagner had been translated into German! The Wagnerian had become master of Wagner!—German art! The German master! German beer!… The rest of us knew only too well that Wagner’s art speaks only to highly refined artists, to a cosmopolitan taste. We were beside ourselves to find Wagner draped in German “virtues.”—I think I know the Wagnerian. I have “lived through” three generations, from the late Brendel, who confused Wagner with Hegel, to the “idealists” of the Bayreuther Blätter, who confuse Wagner with themselves. I have heard every kind of confession about Wagner from “beautiful souls.” A kingdom for one sensible word!—Really, a hair-raising company! Nohl, Pohl, rigmarole served up gracefully, without end! Every kind of monstrosity is there, even the antisemite.—Poor Wagner! Where had he ended up!—If only he had at least entered into pigs! But into Germans!… In the end, to instruct future generations, we should stuff a genuine Bayreuth follower. Better still, preserve him in spirits, since spirit is what he lacks—with the caption: this is what the “spirit” looked like on which the “Empire” was founded… Enough: in the middle of it all I left very suddenly for a few weeks, even though a charming Parisian woman tried to comfort me. I excused myself to Wagner with nothing but a fatalistic telegram. In Klingenbrunn, a place hidden deep in the forests of the Bohemian Forest, I carried my melancholy and contempt for Germans around like a disease—and now and then I wrote a sentence in my notebook under the general title “The Plowshare.” They were all hard psychological observations, which may still be found in “Human, All Too Human.”

3 What I settled then was not simply a break with Wagner. I felt that my instinct had gone completely astray. Any single wrong move, whether called Wagner or the Basel professorship, was only a sign of that. Impatience with myself came over me. I saw that it was high time to think back to myself. Suddenly I saw with terrible clarity how much time I had already wasted—how useless, how arbitrary my whole life as a philologist seemed beside my task. I was ashamed of this false modesty… Ten years behind me in which my mind had, strictly speaking, received no nourishment, in which I had learned nothing useful, in which I had forgotten a senseless amount while busy with the odds and ends of dusty scholarship. Crawling through ancient writers on meter, with painstaking care and bad eyes—that was what I had come to!—I looked at myself with pity, all thin and starved. Realities were simply missing from my knowledge, and the “idealities” weren’t worth a damn!—A positively burning thirst took hold of me. From then on, in fact, I studied nothing but physiology, medicine, and the natural sciences. I did not even return to historical studies proper until my task forced me back to them. It was then, too, that I first guessed the connection between an occupation chosen against one’s instincts, a so-called “calling” for which one is least suited, and the need to numb that feeling of emptiness and hunger with a narcotic art—for example, Wagner’s art. Looking around more carefully, I discovered that a great many young men are in the same distress. One violation of nature virtually forces another. In Germany—to speak plainly, in the “Empire”—far too many people are condemned to decide too early and then waste away under a burden they can no longer throw off… They crave Wagner as an opiate. They forget themselves; they escape themselves for a moment… What am I saying! Five to six hours!—

4 At that time my instinct decided without mercy against any further giving in, going along, or mistaking myself for something else. Any kind of life, the worst conditions, sickness, poverty—everything seemed preferable to that degrading “selflessness” into which I had first fallen through ignorance, through youth, and in which I had later stayed out of laziness, out of a so-called “sense of duty.”—Here, in a way I cannot admire enough, and just in time, that bad inheritance from my father came to my aid—basically, a predisposition to an early death. Illness slowly freed me. It spared me every break, every violent and offensive step. I lost no one’s goodwill then, and gained much more. Illness also gave me the right to reverse all my habits completely. It allowed me, it ordered me, to forget. It gave me the gift of having to lie still, do nothing, wait, and be patient… But that is what thinking means!… My eyes alone put an end to all bookworm activity—in plain words, philology. I was freed from the “book.” For years I read nothing more—the greatest kindness I have ever done myself!—That deepest self, buried as it were, silenced as it were by constantly having to listen to other selves (and that is what reading means!), slowly woke up, shyly, uncertainly—but at last it spoke again. I have never found so much happiness in myself as during the sickest and most painful times of my life. You only have to look at “Dawn” or perhaps “The Wanderer and His Shadow” to understand what this “return to myself” was: itself a supreme kind of recovery!… The other recovery simply followed from it.—

5 Human, All Too Human, this monument to a strict self-discipline through which I abruptly ended all the imported “higher fraud,” “idealism,” “beautiful feeling,” and other feminine traits in myself, was written in all its main parts in Sorrento. It was finished and given its final form during a winter in Basel, under conditions far less favorable than those in Sorrento. Basically, Mr. Peter Gast, then a student at the University of Basel and very devoted to me, has the book on his conscience. I dictated with my head bandaged and aching. He wrote it down and also corrected it. At bottom, he was the actual writer, while I was merely the author. When the finished book finally reached my hands—to the deep astonishment of a very sick man—I sent two copies to Bayreuth, among other places. By a miracle of meaning in coincidence, a fine copy of the text of Parsifal arrived at the same time, with Wagner’s dedication to me: “To his dear friend Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, church councilor.”—This crossing of the two books—I seemed to hear an ominous sound in it. Didn’t it sound like swords crossing?… At any rate, we both felt that way: for we both kept silent.—The first issues of the Bayreuther Blätter appeared around this time. I understood what it had been high time for.—Unbelievable! Wagner had become pious…

6 How I thought about myself then (1876), how enormously sure I was of my task and its world-historical importance—the whole book bears witness to that, but above all one very explicit passage. Only, with my instinctive cunning, I once again avoided the little word “I.” This time I bathed not Schopenhauer or Wagner but one of my friends, the excellent Dr. Paul Rée, in world-historical glory—fortunately an animal far too subtle to… Others were less subtle. I have always recognized the hopeless cases among my readers, the typical German professor for example, by their belief that this passage required them to understand the whole book as a higher form of Réealism… In fact it contradicted five or six of my friend’s propositions. On that point, read the preface to On the Genealogy of Morality. The passage reads: What is the main proposition reached by one of the boldest and coldest thinkers, the author of “On the Origin of Moral Sensations” (read: Nietzsche, the first immoralist), through his penetrating, cutting analyses of human action? “The moral human being is no closer to the intelligible world than the physical human being—because there is no intelligible world…” This proposition, hardened and sharpened under the hammer blows of historical knowledge (read: revaluation of all values), may someday, in some future—1890!—serve as the ax laid to the root of humanity’s “metaphysical need.” Whether that will be more a blessing or a curse for humanity, who could say? But in any case it will be a proposition with the most far-reaching consequences, fruitful and frightening at once, looking into the world with that double vision that all great insights possess…

Dawn

Gedanken über die Moral als Vorurtheil.

1 Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht daß es den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: – man wird ganz andre und viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, daß man einige Feinheit in den Nüstern hat. Weder großes, noch auch kleines Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluß, nicht wie ein Kanonenschuß folgt. Daß man von dem Buche Abschied nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im Widerspruch damit, daß im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt, kein Angriff, keine Bosheit, – daß es vielmehr in der Sonne liegt, rund, glücklich, einem Seethier gleich, das zwischen Felsen sich sonnt. Zuletzt war ich’s selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz des Buchs ist erdacht, erschlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte. Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs, fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen, Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu machen – nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechergottes, der das arme Eidechslein einfach anspießte, aber immerhin doch mit etwas Spitzem, mit der Feder… „Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben“ – diese indische Inschrift steht auf der Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag – ah, eine ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! – anhebt? In einer Umwerthung aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten, verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus, es giebt ihnen „die Seele“, das gute Gewissen, das hohe Recht und Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen, sie kommt nur nicht mehr in Betracht… Dies Buch schließt mit einem „Oder?“ – es ist das einzige Buch, das mit einem „Oder?“ schließt…

2 Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der Menschheit vorzubereiten, einen großen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des Warum?, des Wozu? zum ersten Male als Ganzes stellt –, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus der Einsicht, daß die Menschheit nicht von selber auf dem rechten Wege ist, daß sie durchaus nicht göttlich regiert wird, daß vielmehr gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der Verneinung, der Verderbniß, der décadence-Instinkt verführerisch gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, daß Alles im Grunde in den besten Händen ist, daß ein Buch, die Bibel, eine endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität, der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon nicht aufkommen zu lassen, nämlich, daß die Menschheit bisher in den schlechtesten Händen war, daß sie von den Schlechtweggekommenen, den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten „Heiligen“, diesen Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, daß der Priester (– eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt Herr geworden ist, daß die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen, und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt… Aber alle Welt ist mit mir uneins… Für einen Physiologen läßt ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maaße nachläßt, seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen „Egoismus“ mit vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der Menschheit: darum conservirt er das Entartende – um diesen Preis beherrscht er sie… Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die Hülfsbegriffe der Moral, „Seele“, „Geist“, „freier Wille“, „Gott“, wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?… Wenn man den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das heißt des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus der Verachtung des Leibes „das Heil der Seele“ construirt, was ist das Andres, als ein Recept zur décadence? – Der Verlust an Schwergewicht, der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die „Selbstlosigkeit“ mit Einem Worte – das hieß bisher Moral… Mit der „Morgenröthe“ nahm ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. –

Thoughts on morality as a prejudice.

1 This book begins my campaign against morality. Not that it carries the slightest smell of gunpowder: you will notice quite different and much lovelier smells, if your nostrils have any sensitivity. Neither heavy nor light artillery: if the book’s effect is negative, its means are all the less so. The effect follows from those means like a conclusion, not like a cannon shot. You finish the book with a shy caution toward everything that has so far been honored, even worshiped, under the name of morality. This does not conflict with the fact that the whole book contains no negative word, no attack, no malice. Instead, it lies in the sun, round and happy, like a sea creature basking among rocks. In the end, I myself was that sea creature. Almost every sentence of the book was thought out, hatched, in that tangle of rocks near Genoa, where I was alone and still shared secrets with the sea. Even now, when I happen to touch this book, almost every sentence becomes a loose end I can grasp to pull something incomparable back up from the depths. Its whole skin trembles with delicate shivers of memory. The art in which it excels is no small one: holding fast, for a little while, things that flit past lightly and silently, moments I call divine lizards. Not with the cruelty of that young Greek god who simply skewered the poor little lizard, but still with something pointed, with a pen… “There are so many dawns that have not yet shone”—this Indian inscription is on the door to this book. Where does its author look for that new morning, that delicate red not yet discovered, with which another day begins—oh, a whole series, a whole world of new days? In a revaluation of all values, in breaking free of all moral values, in saying yes to and trusting everything that has so far been forbidden, despised, and cursed. This yes-saying book pours out its light, its love, its tenderness on nothing but bad things. It gives them back their “soul,” their good conscience, their high right and privilege of existence. Morality is not attacked; it simply no longer enters into consideration… This book ends with an “Or?”—it is the only book that ends with an “Or?”…

2 My task is to prepare a moment of humanity’s deepest self-examination, a great noon, when it looks back and looks ahead, when it steps out from under the rule of chance and priests and, as a whole, asks for the first time, “Why?” and “What for?” This task follows necessarily from the insight that humanity is not on the right path on its own, that it is not governed by God, that instead the instinct of denial, of corruption, the instinct of decadence, has held seductive power precisely under its holiest ideas of value. The question of where moral values come from is therefore a question of the first importance for me, because it determines humanity’s future. We are told we must believe that everything is basically in the best of hands, that one book, the Bible, gives final reassurance about divine guidance and wisdom in humanity’s fate. Translated back into reality, this demand is the will to suppress the truth about the pitiful opposite: that humanity has so far been in the worst hands. It has been governed by those who have come off badly, the cunningly vengeful, the so-called “saints,” these slanderers of the world and defilers of humanity. The decisive sign that the priest—including the hidden priests, the philosophers—has become master, not just within one religious community but in general, is this: unselfishness is given absolute value, while selfishness meets hostility everywhere. This shows that the morality of decadence, the will to the end, counts as morality itself. I consider anyone who disagrees with me on this point infected… But the whole world disagrees with me… For a physiologist, this opposition of values leaves no room for doubt. If the smallest organ in a body slackens even slightly in ensuring its own preservation, the renewal of its strength, its “selfishness,” with complete certainty, the whole body degenerates. The physiologist demands that the degenerating part be cut out. He rejects any solidarity with what is degenerating; nothing is further from him than pity for it. But the priest wants the whole to degenerate, wants humanity to degenerate. That is why he preserves what is degenerating—this is the price at which he rules humanity… What is the point of those lying concepts, morality’s supporting concepts, “soul,” “spirit,” “free will,” “God,” if not to ruin humanity’s bodily health?… When you divert serious attention from preserving the body and increasing its strength, which means preserving and strengthening life, when you turn anemia into an ideal and contempt for the body into “the salvation of the soul,” what is that but a recipe for decadence?—Losing one’s center of gravity, resisting natural instincts, “selflessness” in a word—that is what has so far been called morality… With “Dawn” I first took up the fight against the morality of self-erasure.—

The Gay Science

(„la gaya scienza“).

Die „Morgenröthe“ ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig. Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza: fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe – das ganze Buch ist sein Geschenk – verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus hier die „Wissenschaft“ fröhlich geworden ist:

Der du mit dem FlammenspeereMeiner Seele Eis zertheilt,Daß sie brausend nun zum MeereIhrer höchsten Hoffnung eilt:Heller stets und stets gesunder,Frei im liebevollsten Muß –Also preist sie deine Wunder,Schönster Januarius! –

Was hier „höchste Hoffnung“ heißt, wer kann darüber im Zweifel sein, der als Schluß des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? – Oder der die granitnen Sätze am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle Zeiten zum ersten Male in Formeln faßt? Die Lieder des Prinzen Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz ausdrücklich an den provençalischen Begriff der „gaya scienza“, an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene wunderbare Frühcultur der Provençalen gegen alle zweideutigen Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, „an den Mistral“, ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. –

(“la gaya scienza”).

“Dawn” is a yes-saying book, deep but bright and kind. The same is true again, and to the highest degree, of gaya scienza: in almost every sentence, depth of thought and mischief tenderly hold hands. A poem expresses my gratitude for the most wonderful January I have ever experienced—the whole book is its gift. It reveals well enough the depths from which “science” here became joyful:

You whose spear of flameSplits the ice within my soul,So now it rushes roaring to the seaOf its highest hope:Ever brighter, ever healthier,Free in the most loving necessity—So it praises your wonders,Most beautiful Januarius!—

Who could doubt what “highest hope” means here after seeing the diamond beauty of Zarathustra’s first words flash out at the end of the fourth book?—Or after reading the granite sentences at the end of the third book, where for the first time a destiny takes shape in formulas for all time? The Songs of Prince Free-as-a-Bird, mostly written in Sicily, quite explicitly recall the Provençal idea of the “gaya scienza”: that unity of singer, knight, and free spirit that sets the Provençals’ wonderful early culture apart from all ambiguous cultures. The very last poem in particular, “To the Mistral,” an exuberant dance song in which, if you please, the dance goes right over morality, is perfectly Provençal.—

Thus Spoke Zarathustra

Ein Buch für Alle und Keinen.

1 Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann —, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: „6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.“ Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. — Rechne ich von diesem Tage ein paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; — sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören, eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte, entdeckte ich, zusammen mit meinem maestro und Freunde Peter Gast, einem gleichfalls „Wiedergebornen“, daß der Phönix Musik mit leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen eintretenden Niederkunft im Februar 1883 — die Schlußpartie, dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb — so ergeben sich achtzehn Monate für die Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, daß ich im Grunde ein ElephantenWeibchen bin. — In die Zwischenzeit gehört die „gaya scienza“, die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra. — Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur vor zwei Jahren bei E. W. Fritsch in Leipzig erschienen ist: ein vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres, wo das jasagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal zu meinem Gedächtniß singen. — Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil ein Mißverständniß darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiß, wird errathen, warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Größe. Der Schmerz gilt nicht als Einwand gegen das Leben: „Hast du kein Glück mehr übrig mir zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein...“

Vielleicht hat auch meine Musik an dieser Stelle Größe. (Letzte Note der Oboe cis, nicht c. Druckfehler.) — Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maaßen regnerisch; ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so daß die hohe See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis meines Satzes, daß alles Entscheidende „trotzdem“ entsteht, war es dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein Zarathustra entstand. — Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung auf der herrlichen Straße nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft ist durch die große Liebe, welche Kaiser Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt; ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. — Auf diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich...

2 Um diesen Typus zu verstehn, muß man sich zuerst seine physiologische Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die große Gesundheit nenne. Ich weiß diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der Schlußabschnitte des fünften Buchs der „gaya scienza.“ „Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen — heißt es daselbst —, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen „Mittelmeers“ umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die große Gesundheit — eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muß, weil man sie immer wieder preisgiebt, preißgeben muß... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist, und oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund, — will es uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn hat, ein Jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und Göttlichem, daß unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst außer sich gerathen sind — ach, daß wir nunmehr durch Nichts mehr zu ersättigen sind!... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken und mit einem solchen Heißhunger in Wissen und Gewissen, noch am gegenwärtigen Menschen genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist unvermeidlich, daß wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nur mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heißt ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hieß; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaaß hat, bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt — und mit dem, trotzalledem, vielleicht der große Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt...“

3 Hat Jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im andren Falle will ich’s beschreiben. — Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloß Incarnation, bloß Mundstück, bloß Medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, daß plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, — ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes Außer-sich-sein mit dem distinktesten Bewußtsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, als eine nothwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt — die Länge, das Bedürfniß nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maaß für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingt-sein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichniß ist, Alles bietet sich als der nächste, der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustra’s zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichniß anböten (— „hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniß reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen —“). Dies ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, daß man Jahrtausende zurückgehn muß, um Jemanden zu finden, der mir sagen darf „es ist auch die meine.“ —

4 Ich lag ein paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm — es war nicht leicht. Im Grunde verdroß mich dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig gewählt hatte, über die Maaßen; ich versuchte loszukommen, — ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den großen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den Zweiten. Aber es war ein Verhängniß bei dem Allen: ich mußte wieder zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden, nachdem mich meine Mühe um eine antichristliche Gegend müde gemacht hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. — Auf einer loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand „todt vor Unsterblichkeit...“ Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza’s, der damals zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten Zarathustra — und war fertig. Kaum ein Jahr, für’s Ganze gerechnet. Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza’s sind mir durch unvergeßliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, welche den Titel „Von alten und neuen Tafeln“ trägt, wurde im beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren maurischen Felsenneste Eza gedichtet, — die Muskel-Behendheit war bei mir immer am größten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten floß. Der Leib ist begeistert: lassen wir die „Seele“ aus dem Spiele... Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs sein. Ich schlief gut, ich lachte viel —, ich war von einer vollkommnen Rüstigkeit und Geduld.

5 Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büßt es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei Lebzeiten. — Es giebt Etwas, das ich die rancune des Großen nenne: alles Große, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, daß er sie that, ist er nunmehr schwach, — er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr nicht mehr in’s Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit eingeknüpft ist — und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrückt beinahe... Die rancune des Großen! — Ein Andres ist die schauerliche Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüßt Freunde: neue Öde, kein Blick grüßt mehr. Im besten Falle eine Art Revolte. Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiedenem Grade, aber fast von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, daß Nichts tiefer beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, — die vornehmen Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. — Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche, eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit gleichsam ausgehängt; es fließt ihnen keine Kraft mehr zu. — Ich wage noch anzudeuten, daß man schlechter verdaut, ungern sich bewegt, den Frostgefühlen, auch dem Mißtrauen allzu offen steht, — dem Mißtrauen, das in vielen Fällen bloß ein ätiologischer Fehlgriff ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: Das hat Wärme in sich...

6 Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite: es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluß von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff „dionysisch“ wurde hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Thun als arm und bedingt. Daß ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe zu athmen wissen würde, daß Dante, gegen Zarathustra gehalten, bloß ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal —, daß die Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: „ich schließe Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge, — ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen“. Man rechne den Geist und die Güte aller großen Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede Zarathustra’s hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der menschlichen Natur, das Süßeste, Leichtfertigste und Furchtbarste strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiß bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiß noch weniger, was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Größten errathen worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher unerrathenen Zukünften. Die mächtigste Kraft zum Gleichniß, die bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache zur Natur der Bildlichkeit. — Und wie Zarathustra herabsteigt und zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die Priester, mit zarten Händen anfaßt und mit ihnen an ihnen leidet! — Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff „Übermensch“ ward hier höchste Realität, — in einer unendlichen Ferne liegt alles Das, was bisher groß am Menschen hieß, unter ihm. Das Halkyonische, die leichten Füße, die Allgegenwart von Bosheit und Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra, ist nie geträumt worden als wesentlich zur Größe. Zarathustra fühlt sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach seinem Gleichniß zu suchen.

»— die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann,die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,die seiende Seele, welche in’s Werden, die habende, welche in’s Wollen und Verlangen will —,die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen einholt,die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süßesten zuredet,die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Widerströmen und Ebbe und Fluth haben — —«

Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. — Eben dahin führt eine andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut, zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängniß von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann — Zarathustra ist ein Tänzer —; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den „abgründlichsten Gedanken“ gedacht hat, trotzdem darin keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet, — vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein, „das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen“... „In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen“... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.

7 Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18) mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, zum Zeichen, das Nachtlied, — die unsterbliche Klage, durch die Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt zu sein, nicht zu lieben.

»Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden.Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.Licht bin ich: ach daß ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.Ach, daß ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! — und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, daß Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.Das ist meine Armuth, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, daß ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh Begierde nach Begehren! Oh Heißhunger in der Sättigung!Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele?Eine Kluft ist zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken.Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehe thun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten — also hungere ich nach Bosheit.Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich nach Bosheit.Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit.Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse!Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, daß er die Scham verliere; wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen.Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — also wandelt jede Sonne.Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.Nacht ist es: ach daß ich Licht sein muß! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit!Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, — nach Rede verlangt mich.Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden.Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. —«

8 Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne... Wer weiß außer mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Räthseln hatte Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, daß je Jemand hier auch nur Räthsel sah. — Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe — es ist auch die meine —, daß man sich über den Sinn nicht vergreifen kann: er ist jasagend bis zur Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen.

»Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.Und das ist all mein Dichten und Trachten, daß ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?Die Vergangnen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschaffen in ein „So wollte ich es!“ — das hieße mir erst Erlösung.«

An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn allein „der Mensch“ sein kann, — kein Gegenstand der Liebe oder gar des Mitleidens — auch über den großen Ekel am Menschen ist Zarathustra Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein häßlicher Stein, der des Bildners bedarf.

»Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh daß diese große Müdigkeit mir stets ferne bleibe!Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntniß ist, so geschieht dies, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: Was wäre denn zu schaffen, wenn Götter — da wären?Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine.Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der Bilder! Ach, daß es im härtesten, häßlichsten Steine schlafen muß!Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniß.Vom Steine stäuben Stücke: was schiert mich das!Vollenden will ich’s, denn ein Schatten kam zu mir, — aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich noch — die Götter an!...«

Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers giebt den Anlaß hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte des Hammers, die Lust selbst am Vernichten in entscheidender Weise zu den Vorbedingungen. Der Imperativ „werdet hart!“, die unterste Gewißheit darüber, daß alle Schaffenden hart sind, ist das eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. —

A Book for Everyone and No One.

1 I will now tell the story of Zarathustra. The book's basic idea, the thought of eternal recurrence, the highest possible formula of affirmation, dates from August 1881. It was jotted down on a sheet of paper, with the words underneath: “6,000 feet beyond humanity and time.” That day I was walking through the woods by Lake Silvaplana. I stopped by a huge block of stone piled up like a pyramid, not far from Surlei. That was where the thought came to me.—If I count back a few months from that day, I find an early sign: a sudden change in my taste, decisive at the deepest level, especially in music. Perhaps the whole of Zarathustra could be counted as music. Certainly a rebirth in the art of hearing was a necessary condition for it. In Recoaro, a little mountain spa near Vicenza where I spent the spring of 1881, my master and friend Peter Gast, who had also been “reborn,” joined me in discovering that music, the phoenix, was flying past us in lighter, brighter feathers than it had ever shown before. But if I count forward from that day to the sudden delivery in February 1883, under the most unlikely conditions—the closing passage, the very one I quoted a few sentences from in the Foreword, was finished at exactly the sacred hour when Richard Wagner died in Venice—the pregnancy comes to eighteen months. That exact figure of eighteen months might suggest, at least to Buddhists, that I am really a female elephant.—The intervening period includes The Gay Science, with its hundred signs that something beyond comparison is near. At the end it even gives the beginning of Zarathustra itself, and in the next-to-last piece of its fourth book it gives Zarathustra's basic idea.—The same period also includes the Hymn to Life (for mixed chorus and orchestra), whose score was published two years ago by E. W. Fritsch in Leipzig. It may be a not insignificant sign of my condition that year, when I was filled to the highest degree with the passion of saying yes above all else, what I call tragic passion. One day people will sing it in my memory.—Let me state this clearly, because a misunderstanding is going around: the words are not mine. They are the astonishing inspiration of a young Russian woman I was friends with then, Miss Lou von Salomé. Anyone who can find any meaning at all in the poem's last words will guess why I preferred and admired it: they have greatness. Pain is not treated as an objection to life: “If you have no happiness left to give me, well then! You still have your pain …”

Perhaps my music has greatness at this point too. (The oboe's last note is C-sharp, not C. A printing error.)—The following winter I lived in the lovely, quiet bay of Rapallo near Genoa, which cuts into the land between Chiavari and the headland of Portofino. My health was not the best. The winter was cold and excessively rainy. A little inn stood right by the sea, so that the high waves made sleep impossible at night; in almost every way it offered the opposite of what I wanted. Yet, almost as proof of my claim that everything decisive comes into being “in spite of everything,” it was in this winter and under these unfavorable conditions that my Zarathustra came into being.—In the morning I climbed southward along the splendid road toward Zoagli, past pine trees and with a wide view over the sea. In the afternoon, whenever my health allowed it, I walked around the whole bay from Santa Margherita all the way to beyond Portofino. This place and landscape have grown even closer to my heart because of Emperor Frederick III's great love for them. I happened to be back on this coast in the fall of 1886, when he visited this little forgotten world of happiness for the last time.—On these two walks the whole first Zarathustra came to me, above all Zarathustra himself as a type. More accurately, he ambushed me …

2 To understand this type, you first have to be clear about its physiological basis: what I call great health. I know no better or more personal way to explain this idea than I already did in one of the closing sections of the fifth book of The Gay Science. “We new, nameless, hard-to-understand people,” it says there, “we premature births of a future still unproven, also need a new means for a new purpose: a new health, stronger, shrewder, tougher, bolder, more cheerful than any health before it. Anyone whose soul thirsts to experience the full range of values and things people have wished for up to now, and to sail around every coast of this ideal ‘Mediterranean’; anyone who wants to know through the adventures of their own most personal experience how a conqueror and discoverer of the ideal feels, or an artist, a saint, a lawgiver, a wise person, a scholar, a devout person, someone divinely detached in the old style—such a person needs one thing before anything else: great health. This is a health you don't just have, but keep gaining and must keep gaining, because you keep giving it up and must give it up … And now, after we have traveled this way for a long time, we Argonauts of the ideal, perhaps braver than is wise, often enough shipwrecked and injured, but, as I said, healthier than people would like to allow us, dangerously healthy, healthy again and again—it seems to us that our reward is a still undiscovered land ahead, whose borders no one has yet seen: a world beyond all the lands and corners of the ideal known so far, a world so overflowing with beauty, strangeness, things to question, terrors, and divinity that both our curiosity and our thirst to possess have gone wild—ah, nothing can satisfy us anymore! … After such prospects, and with such a ravenous hunger in our knowledge and conscience, how could we still be satisfied with human beings as they are today? Bad enough, but it is unavoidable: we can watch their most worthy goals and hopes only with a seriousness we can barely keep up, and perhaps we no longer even watch … A different ideal runs ahead of us, a strange, tempting, dangerous ideal that we wouldn't want to persuade anyone to adopt, because we don't readily grant anyone the right to it: the ideal of a spirit that plays naturally—that is, without intending to, out of overflowing fullness and power—with everything previously called holy, good, untouchable, divine. For such a spirit, the highest things by which the people rightly measure value would already mean danger, decline, degradation, or at least relaxation, blindness, temporary self-forgetting. It is the ideal of a human and superhuman well-being and goodwill that will often enough seem inhuman: for example, when it stands beside all the seriousness the earth has known, beside all the solemnity of gesture, word, sound, look, morality, and task, as their most living, unintentional parody. And yet perhaps only with it does great seriousness start, the real question mark get put down, the soul's fate turn, the hand of the clock move, tragedy begin …”

3 Does anyone at the end of the nineteenth century have a clear idea of what the poets of strong ages called inspiration? If not, I will describe it.—With the slightest trace of superstition left in you, you could hardly shake off the idea that you were merely the incarnation, mouthpiece, or medium of overwhelming powers. The idea of revelation describes the facts exactly: something suddenly becomes visible, audible, with indescribable certainty and precision, something that shakes you and knocks you over at the deepest level. You hear, you don't search; you take, you don't ask who gives. A thought flashes up like lightning, inevitably, with no hesitation over its form—I have never had a choice. A state of rapture whose tremendous tension sometimes releases itself in a flood of tears, while your steps involuntarily rush forward or slow down; a complete state of being outside yourself, with the clearest awareness of countless delicate shudders and tingles down to your toes; a depth of happiness in which the most painful and darkest things don't act as opposites, but as something required, called forth, a necessary color within such an overflow of light; an instinct for rhythmic relationships that spans broad expanses of form—the length, the need for a far-reaching rhythm, is almost the measure of the force of inspiration, a sort of counterweight to its pressure and tension … Everything happens utterly involuntarily, but as though in a storm of feeling free, unconditioned, powerful, divine … The most remarkable thing is how involuntary the image, the metaphor, is. You no longer have any idea what is an image or a metaphor. Everything offers itself as the nearest, most accurate, simplest expression. It really seems, to recall something Zarathustra says, as if things themselves came forward and offered themselves as metaphors (—“here all things come caressingly to your speech and flatter you: for they want to ride on your back. Here you ride on every metaphor to every truth. Here the words and word-shrines of all being open up for you; all being wants to become words here, all becoming wants to learn from you how to speak—”). This is my experience of inspiration. I have no doubt that you would have to go back thousands of years to find someone entitled to tell me, “It is mine too.”—

4 A few weeks later I was lying sick in Genoa. Then came a gloomy spring in Rome, where I put up with life—it wasn't easy. At bottom this place, the most improper place on earth for the poet of Zarathustra, irritated me beyond measure. I hadn't chosen it freely. I tried to get away—I wanted to go to Aquila, Rome's opposite, founded out of hostility to Rome, as I too will found a place someday, a memorial to an atheist and enemy of the church in the proper sense, one of my closest relatives, the great Hohenstaufen emperor Frederick II. But fate was against all this: I had to go back. In the end I settled for the Piazza Barberini, after my efforts to find an anti-Christian area had tired me out. I'm afraid that once, to get as far as possible from bad smells, I inquired at the Palazzo del Quirinale itself whether they had a quiet room for a philosopher.—On a loggia high above that square, looking out over Rome and hearing the fountain rush far below, I wrote the loneliest song ever written, the Night Song. Around this time a melody of unspeakable sadness was always floating around me; I found its refrain again in the words “dead from immortality …” In summer, back at the sacred place where the first lightning flash of the Zarathustra idea had shone for me, I found the second Zarathustra. Ten days were enough. In no case—not for the first, nor for the third and last—did I need more. The following winter, under Nice's calm, clear sky, which then shone into my life for the first time, I found the third Zarathustra—and was finished. Barely a year, counting the whole thing. Unforgettable moments have made many hidden spots and heights in the landscape of Nice sacred to me. That decisive passage titled “On Old and New Tablets” was written during the hardest climb from the station to the wonderful Moorish village perched on the rocks at Eza. My muscles were always most agile when my creative strength flowed most richly. The body is inspired: let's leave the “soul” out of it … People could often see me dancing. In those days I could spend seven or eight hours on the move in the mountains without any sense of fatigue. I slept well, I laughed a lot—I was full of vigor and patience.

5 Apart from these ten-day works, the years during and especially after Zarathustra were a time of unmatched hardship. You pay dearly for being immortal: you die several times during your lifetime.—There is something I call the resentment of greatness: everything great, a work, a deed, turns against the person who did it as soon as it is completed. Precisely because he did it, he is now weak—he can no longer bear his deed or look it in the face. To have something behind you that you should never have dared to want, something in which the knot in humanity's fate is tied—and now to have it upon you! … It almost crushes you … The resentment of greatness!—Another thing is the terrifying silence you hear around you. Solitude has seven skins; nothing gets through anymore. You meet people, you greet friends: fresh desolation, no welcoming look anymore. At best a kind of revolt. I experienced this kind of revolt in very different degrees, but from almost everyone close to me. It seems that nothing offends more deeply than suddenly making a distance felt. Noble natures, who don't know how to live without revering something, are rare.—A third thing is the absurd sensitivity of the skin to little pinpricks, a kind of helplessness in the face of everything small. This seems to me to result from the enormous expenditure of all defensive strength required by every creative deed, every deed that comes from what is most your own, deepest within you, furthest down. The small defensive powers are, so to speak, disconnected; no strength reaches them anymore.—I will venture to add that you digest worse, dislike moving, and are all too open to feelings of cold, and also to mistrust—mistrust that in many cases is merely a mistaken diagnosis of the cause. In such a state, I once sensed a herd of cows nearby through the return of gentler, more friendly thoughts about people, even before I saw it: that has warmth in it …

6 This work stands entirely on its own. Leave the poets aside: perhaps nothing at all has ever been done from such an overflow of strength. Here my idea of the “Dionysian” became the highest deed. Measured against it, everything else humans have done looks poor and conditioned. Goethe or Shakespeare could not breathe for a moment in this tremendous passion and height; compared with Zarathustra, Dante is merely a believer, not someone who first creates truth, a world-ruling spirit, a fate; the poets of the Veda are priests, not even worthy to loosen the soles of a Zarathustra's shoes. All this is the least of it and gives no idea of the distance, the sky-blue solitude in which this work lives. Zarathustra has an eternal right to say: “I draw circles around myself and sacred boundaries; fewer and fewer climb with me up higher and higher mountains—I build a mountain range out of ever holier mountains.” Add together the spirit and goodness of all great souls: all of them together could not produce a single speech of Zarathustra's. The ladder he climbs up and down is tremendous. He has seen further, wanted more, been capable of more than any human being. With every word he contradicts, this most affirmative of all spirits. In him all opposites are bound into a new unity. The highest and lowest forces of human nature, the sweetest, most carefree, and most terrible things, flow from one spring with immortal certainty. Until this point you don't know what height or depth is; still less do you know what truth is. There is not a moment in this revelation of truth that has already been anticipated, guessed by one of the greatest people. Before Zarathustra there is no wisdom, no exploration of the soul, no art of speaking. Here the nearest, most everyday things speak of things never heard before. The saying trembles with passion; eloquence has become music; lightning flashes are hurled ahead toward futures no one has yet guessed. The greatest power to make metaphors that has existed up to now is poor child's play beside this return of language to its natural use of images.—And how Zarathustra comes down and says the kindest things to everyone! How he handles even his opponents, the priests, with gentle hands, and suffers with them and because of them!—Here at every moment the human being is overcome, the idea of the “overman” has become the highest reality. Everything previously called great in humanity lies infinitely far below him. The calm brightness, the light feet, the mischief and high spirits present everywhere, and everything else typical of Zarathustra's type—no one has ever dreamed that these were essential to greatness. It is precisely in this extent of space, this openness to opposites, that Zarathustra feels himself to be the highest kind of everything that exists. And when you hear how he defines it, you will give up looking for his equal.

“—the soul that has the longest ladder and can go down deepest,the most far-reaching soul, which can run and wander and roam furthest within itself,the most necessary soul, which throws itself joyfully into chance,the soul that is, which wants to enter becoming; the soul that has, which wants to enter willing and longing—,the soul fleeing itself, which catches up with itself in the widest circles,the wisest soul, to which folly speaks most sweetly,the soul that loves itself most, in which all things have their flow and counterflow and ebb and flood——”

But this is the idea of Dionysus himself.—Another line of thought leads to the same place. The psychological problem in the type Zarathustra is this: how can someone who says no, who acts no to an unheard-of degree toward everything people have said yes to until now, still be the opposite of a no-saying spirit? How can the spirit bearing the heaviest fate, a fateful task, still be the lightest and the one furthest beyond—Zarathustra is a dancer? How can someone with the harshest, most terrible insight into reality, someone who has thought the “most abysmal thought,” still find in it no objection to existence, not even to its eternal recurrence—but rather one more reason himself to be the eternal yes to all things, “the tremendous, boundless saying of yes and amen” … “Into every abyss I still carry my blessing yes” … But this is the idea of Dionysus once again.

7 What language will a spirit like this speak when speaking alone to itself? The language of the dithyramb. I am the inventor of the dithyramb. Listen to how Zarathustra speaks to himself before sunrise (III, 18). No tongue before mine had expressed such emerald happiness, such divine tenderness. Even the deepest sadness of a Dionysus like this becomes a dithyramb. As evidence, I take the Night Song: the immortal lament of someone condemned not to love by his excess of light and power, by his nature as a sun.

“It is night: now all the leaping fountains speak more loudly.And my soul too is a leaping fountain.It is night: only now do all the songs of lovers wake up.And my soul too is a lover's song.Something unsatisfied, impossible to satisfy, is inside me and wants to speak out. A craving for love is inside me, and it speaks the language of love itself.I am light: if only I were night! But this is my loneliness: light surrounds me.If only I were dark and full of night! How I would suck at the breasts of light!And I would even bless you, little sparkling stars and glowworms up above!—and find happiness in your gifts of light.But I live in my own light; I drink back into myself the flames that burst out of me.I don't know the happiness of receiving; often I have dreamed that stealing must be happier still than receiving.This is my poverty: my hand never rests from giving. This is my envy: I see waiting eyes and the lit-up nights of longing.Oh, the unhappiness of all who give! Oh, the darkening of my sun! Oh, the craving to be craved! Oh, the ravenous hunger in being full!They receive from me: but do I still touch their souls?There is a gap between receiving and giving; and the smallest gap is the last to be bridged.A hunger grows out of my beauty: I want to hurt those I shine on, to rob those I have given to—that is how I hunger to do harm.Pulling back my hand when another hand is already reaching toward it; like the waterfall that hesitates even as it falls—that is how I hunger to do harm.My overflowing fullness devises this revenge; my loneliness pours out this malice.My happiness in giving died away in giving; my virtue grew tired of itself because of its excess!Someone who always gives risks losing their sense of shame; someone who always hands things out gets calluses on hand and heart from all that giving.My eyes no longer overflow at the shame of those who ask; my hand has grown too hard to feel the trembling of hands it has filled.Where have the tears in my eyes and the soft down on my heart gone? Oh, the loneliness of all who give! Oh, the silence of all who shine!Many suns circle in empty space: they speak with their light to everything dark—to me they are silent.Oh, this is light's hostility toward things that shine: it follows its paths without mercy.Unfair at heart to things that shine, cold toward suns—that is how every sun moves.Like a storm the suns follow their paths; they follow their unrelenting will—that is their coldness.Oh, only you, you dark ones, you creatures of night, draw warmth from things that shine! Oh, only you drink milk and refreshment from the udders of light!Ah, ice surrounds me; my hand burns itself on icy things! Ah, there is a thirst inside me that pines for your thirst.It is night: if only I did not have to be light! And thirst for what belongs to night! And loneliness!It is night: now my longing bursts out of me like a spring—I long to speak.It is night: now all the leaping fountains speak more loudly.And my soul too is a leaping fountain.It is night: now all the songs of lovers wake up.And my soul too is a lover's song.—”

8 Nothing like this has ever been written as poetry, ever been felt, ever been suffered: this is how a god suffers, a Dionysus. The answer to such a dithyramb of a sun growing lonely in its light would be Ariadne … Who besides me knows what Ariadne is! … No one before now had the solution to any of these riddles; I doubt anyone ever even saw riddles here.—At one point Zarathustra defines his task—it is mine too—so precisely that its meaning cannot be mistaken: he says yes to the point of justifying, even redeeming, everything in the past.

“I walk among people as among fragments of the future: the future I see.And all my poetry and effort aim to compose into one whole, to gather together, what is fragment and riddle and dreadful chance.And how could I bear being human if human beings were not also poets, solvers of riddles, and redeemers of chance?To redeem those of the past and transform every ‘It was’ into ‘That is how I wanted it!’—only that would count as redemption for me.”

Elsewhere he defines as precisely as possible the only thing ‘the human being’ can be for him—not an object of love, much less of pity. Zarathustra has also mastered his great disgust at humanity: for him the human being is something unformed, a material, an ugly stone that needs a sculptor.

“No longer wanting and no longer valuing and no longer creating: oh, may this great weariness always stay far from me!Even in understanding, I feel only my will's pleasure in producing life and coming into being; and if there is innocence in my understanding, it is because there is a will to reproduce in it.This will lured me away from God and gods: what would there be to create if gods—existed?But my passionate will to create drives me back to human beings again and again; that is how the hammer is driven toward the stone.Ah, you human beings, an image lies asleep for me in the stone, the image of images! Ah, that it has to sleep in the hardest, ugliest stone!Now my hammer rages cruelly against its prison.Fragments fly off the stone: what do I care!I mean to finish it, because a shadow came to me—the stillest and lightest of all things once came to me!The beauty of the overman came to me as a shadow: what do I care now about—the gods! …”

I will stress one last point, prompted by the underlined line. The hammer's hardness, the pleasure even in destroying, is an essential requirement for a Dionysian task. The command “Become hard!”, the deepest certainty that all creators are hard, is the true distinguishing mark of a Dionysian nature.—

Beyond Good and Evil

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

1 Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der große Krieg, — die Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke heraus zum Vernichten mir die Hand bieten würden. — Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als Jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld nicht an mir. Die Fische fehlten...

2 Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er je genommen worden ist. Man muß Muth im Leibe haben, ihn auch nur auszuhalten, man muß das Fürchten nicht gelernt haben... Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte „Objektivität“ zum Beispiel, das „Mitgefühl mit allem Leidenden“, der „historische Sinn“ mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die „Wissenschaftlichkeit“. — Erwägt man, daß das Buch nach dem Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische régime, dem es seine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine ungeheure Nöthigung, fern zu sehn — Zarathustra ist weitsichtiger noch, als der Czar —, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden, aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form, in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit gehandhabt, — das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts... Alles das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht?... Theologisch geredet — man höre zu, denn ich rede selten als Theologe — war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks unter den Baum der Erkenntniß legte: er erholte sich so davon, Gott zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht... Der Teufel ist bloß der Müßiggang Gottes an jedem siebenten Tage...

Prelude to a Philosophy of the Future.

1 The task for the years that followed was laid out as strictly as possible. I had finished the yes-saying part of my task. Now it was time for its no-saying, no-doing half: the revaluation of the values accepted up to now, the great war—the summoning of a day of decision. This included slowly looking around for kindred spirits, for people who would join hands with me in destruction out of their own strength.—From then on, all my writings have been fishhooks. Perhaps I know as much about fishing as anyone?… If nothing was caught, that isn't my fault. There were no fish…

2 In all its essentials, this book (1886) is a critique of modernity. That includes modern science, modern art, and even modern politics. It also points toward an opposite type of person, as unmodern as possible: a noble, yes-saying type. In this last sense, the book is a school for gentlemen, with that idea understood more intellectually and more radically than ever before. You need real courage just to stand it. You must never have learned fear… Everything our age is proud of is felt to clash with this type, almost like bad manners. Take the famous “objectivity,” for example, “sympathy with all who suffer,” or the “historical sense,” with its submission to other people's tastes, its crawling on its belly before little facts, its “scientific approach.”—Remember that the book comes after Zarathustra, and you may also guess the dietary discipline that brought it into being. The eye had grown spoiled by an enormous demand to see far away—Zarathustra is even more farsighted than the tsar. Here it is forced to focus sharply on what is nearest: the present, what surrounds us. In every respect, above all in its form, you will find the same deliberate turning away from the instincts that made a Zarathustra possible. Subtlety in form, intention, and the art of keeping silent comes first. Psychology is practiced with openly admitted harshness and cruelty—the book has not one good-natured word… All this is restful. But who can guess what sort of rest is needed after spending so much goodness as Zarathustra does?… Speaking as a theologian—listen, because I rarely speak that way—it was God himself who lay down as a snake beneath the tree of knowledge at the end of his day's work. That was how he rested from being God… He had made everything too beautiful… The devil is simply God doing nothing every seventh day…

On the Genealogy of Morality

Eine Streitschrift.

Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist. Dionysos ist, man weiß es, auch der Gott der Finsterniß. — Jedes Mal ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, — bis endlich ein tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts treibt. Am Schluß jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar. — Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt wird, aus dem „Geiste“, — eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der große Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, „die Stimme Gottes im Menschen“, — es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach außen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male an’s Licht gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals, stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute de mieux, — weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen Concurrenten hatte. „Denn der Mensch will lieber noch das Nichts wollen als nicht wollen“... Vor Allem fehlte ein Gegen-Ideal — bis auf Zarathustra. — Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. — Dies Buch enthält die erste Psychologie des Priesters.

A Polemic.

In their expression, intention, and art of surprise, the three essays that make up this Genealogy may be the most unsettling things ever written. Dionysus, as we know, is also the god of darkness.—Each starts in a way that is meant to mislead: cool, scientific, even ironic, deliberately staying on the surface, deliberately keeping you waiting. Gradually, there is more unease. Isolated flashes of distant lightning. Very unpleasant truths begin to sound from far away with a low rumble—until at last the pace grows fierce and everything drives forward under enormous tension. Each time, at the end, amid utterly terrifying explosions, a new truth appears between thick clouds.—The truth of the first essay is the psychology of Christianity: Christianity's birth from the spirit of resentment, not from “the Spirit,” as people tend to believe. It is a countermovement in its very nature, the great revolt against the rule of noble values. The second essay gives the psychology of conscience. Conscience is not “the voice of God in man,” as people tend to believe. It is the instinct for cruelty turning back on itself once it can no longer discharge itself outward. Here, for the first time, cruelty is brought to light as one of culture's oldest foundations, one we cannot imagine culture without. The third essay answers the question of where the enormous power of the ascetic ideal, the priestly ideal, comes from, even though it is the supremely harmful ideal: a will to bring things to an end, an ideal of decline. The answer: not because God is at work behind the priests, as people tend to believe, but for lack of anything better—because it was the only ideal so far, because it had no rival. “For man would rather will nothingness than not will”… Above all, there was no opposing ideal—until Zarathustra.—I have been understood. Three decisive preliminary studies by a psychologist for a revaluation of all values.—This book contains the first psychology of the priest.

Twilight of the Idols

Wie man mit dem Hammer philosophirt.

1 Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnißvoll im Ton, ein Dämon, welcher lacht —, das Werk von so wenig Tagen, daß ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres, Umwerfenderes, — Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heißt, ist ganz einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen-Dämmerung — auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit...

2 Es giebt keine Realität, keine „Idealität“, die in dieser Schrift nicht berührt würde (— berührt: was für ein vorsichtiger Euphemismus!...). Nicht bloß die ewigen Götzen, auch die allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die „modernen Ideen“ zum Beispiel. Ein großer Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall fallen Früchte nieder — Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt selbst einige todt, — es sind ihrer zu viele... Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr, das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maaßstab für „Wahrheiten“ in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites Bewußtsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir „der Wille“ ein Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher abwärts lief... Die schiefe Bahn — man nannte sie den Weg zur „Wahrheit“... Es ist zu Ende mit allem „dunklen Drang“, der gute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewußt... Und allen Ernstes, Niemand wußte vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur — ich bin deren froher Botschafter... Ebendamit bin ich auch ein Schicksal. —

3 Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt, jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiß und Zeichen für Zeichen mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach dieser Niederschrift, in’s Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir, den das Ober-Engadin mir je gezeigt hat — durchsichtig, glühend in den Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich schließend. — Erst am 20. September verließ ich Sils-Maria, durch Überschwemmungen zurückgehalten, zuletzt bei weitem der einzige Gast dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen, sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an, meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via Carlo Alberto 6ᴵᴵᴵ, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in dem Vittorio Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo Alberto und drüber hinaus auf’s Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30. September großer Sieg; siebenter Tag; Müßiggang eines Gottes am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur „Götzen-Dämmerung“, deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im September gewesen war. — Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt, auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, — ein Claude Lorrain in’s Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger Vollkommenheit. —

How to Philosophize with a Hammer.

1 This book of fewer than 150 pages is cheerful and fateful in tone, a demon that laughs. It took so few days to write that I hesitate to name the number. Among books, it stands alone: nothing is richer in substance, more independent, more revolutionary—or more wicked. If you want a quick idea of how everything stood on its head before me, start with this book. What the title calls an idol is simply what people have called truth until now. Twilight of the Idols—in plain words: the old truth is coming to an end…

2 There is no reality, no “ideality,” that this book doesn't touch on (touch on—what a cautious way to put it!…). Not just the eternal idols, but also the newest and therefore the most decrepit. The “modern ideas,” for example. A great wind blows through the trees, and fruit falls everywhere—truths. It has the extravagance of an all-too-rich autumn: you stumble over truths, you even trample some to death—there are too many… But what you get into your hands is no longer something open to question. These are decisions. I am the first to hold the measuring stick for “truths”; I am the first who can decide. It is as if a second consciousness had grown in me, as if “the will” had lit a lamp inside me to illuminate the sloping path it has been running down until now… The sloping path—that was what people called the road to “truth”… All “dark urges” are finished. It was precisely the good person who knew least about the right road… And in all seriousness, no one before me knew the right road, the road upward. Only with me are there once again hopes, tasks, paths to lay down for culture—I bring their good news… That also makes me a destiny.—

3 Immediately after finishing that book, without losing even a day, I took on the enormous task of the revaluation. I felt a supreme pride beyond anything else, certain of my immortality at every moment, carving sign after sign into bronze tablets with the certainty of fate. The preface was written on September 3, 1888. That morning, when I stepped outside after writing it, I found the most beautiful day the Upper Engadin had ever shown me—clear, glowing with color, holding every contrast and every point between ice and the South.—Flooding kept me in Sils-Maria until September 20. By the end, I was the only guest left anywhere in that wonderful place, to which my gratitude wants to give an immortal name. The journey had its mishaps. My life was even in danger in flooded Como, which I did not reach until late at night. On the afternoon of the 21st, I arrived in Turin, my proven place, my home from now on. I took the same rooms I had occupied in the spring, via Carlo Alberto 6ᴵᴵᴵ, across from the great Palazzo Carignano, where Vittorio Emanuele was born. They overlooked the Piazza Carlo Alberto and, beyond it, the hills. Without hesitation, without letting myself be distracted for a moment, I went back to work. Only the last quarter of the book remained to be done. On September 30, a great victory; the seventh day; a god's day off along the Po. That same day I also wrote the preface to “Twilight of the Idols,” whose proofs I had been correcting for relaxation during September.—I have never experienced an autumn like that. I had never even thought anything like it possible on earth—a Claude Lorrain carried into infinity, every day showing the same unrestrained perfection.—

The Case of Wagner

Ein Musikanten-Problem.

1 Um dieser Schrift gerecht zu werden, muß man am Schicksal der Musik wie an einer offnen Wunde leiden. — Woran ich leide, wenn ich am Schicksal der Musik leide? Daran, daß die Musik um ihren weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, — daß sie décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist... Gesetzt aber, daß man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache, wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift voller Rücksichten und über die Maaßen mild finden. In solchen Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten — ridendo dicere severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde — ist die Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, daß ich, als der alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein schweres Geschütz aufzufahren? — Ich hielt alles Entscheidende in dieser Sache bei mir zurück, — ich habe Wagner geliebt. — Zuletzt liegt ein Angriff auf einen feineren „Unbekannten“, den nicht leicht ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe — oh ich habe noch ganz andre „Unbekannte“ aufzudecken, als einen Cagliostro der Musik — noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen zu nähren und „den Glauben“ so gut wie die Wissenschaftlichkeit, die „christliche Liebe“ so gut wie den Antisemitismus, den Willen zur Macht (zum „Reich“) so gut wie das évangile des humbles ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt... Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensätzen! Diese stomachische Neutralität und „Selbstlosigkeit“! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der Allem gleiche Rechte giebt, — der Alles schmackhaft findet... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich das letzte Mal Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern und dem Trompeter von Säkkingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich selber war Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der echtesten und deutschesten Musiker im alten Sinne des Wortes deutsch, keines bloßen Reichsdeutschen, des Meister Heinrich Schütz einen Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten...

2 Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? — Ich rede von ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, daß den deutschen Historikern der große Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich abhanden gekommen ist, daß sie allesammt Hanswürste der Politik (oder der Kirche —) sind: dieser große Blick ist selbst von ihnen in Acht gethan. Man muß vorerst „deutsch“ sein, „Rasse“ sein, dann kann man über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden — man setzt sie fest... „Deutsch“ ist ein Argument, „Deutschland, Deutschland über Alles“ ein Princip, die Germanen sind die „sittliche Weltordnung“ in der Geschichte; im Verhältniß zum imperium romanum die Träger der Freiheit, im Verhältniß zum achtzehnten Jahrhundert die Wiederhersteller der Moral, des „kategorischen Imperativs“... Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, — es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht... Jüngst machte ein Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine „Wahrheit“, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: „Die Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes — die ästhetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.“ — Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle großen Cultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!... Und immer aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordenen Unwahrhaftigkeit, aus „Idealismus“... Die Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten großen Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der Niedergangs-Werthe, zum Sieg gelangt waren — und bis in die Instinkte der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniß von Mönch, hat die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum, diese Religion gewordene Verneinung des Willens zum Leben... Luther, ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner „Unmöglichkeit“, die Kirche angriff und sie — folglich! — wiederherstellte... Die Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu dichten... Luther — und die „sittliche Wiedergeburt“! Zum Teufel mit aller Psychologie! — Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. — Die Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum alten „Ideal“, Versöhnungen zwischen Wahrheit und „Ideal“, im Grunde Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht auf Lüge zu finden gewußt. Leibniz und Kant — diese zwei größten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa’s! — Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische und wirthschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren „Freiheits-Kriegen“ Europa um den Sinn, um das Wunder von Sinn in der Existenz Napoleon’s gebracht, — sie haben damit Alles, was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus, diese névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der Kleinstaaterei Europa’s, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst um seinen Sinn, um seine Vernunft — sie haben es in eine Sackgasse gebracht. — Weiß Jemand außer mir einen Weg aus dieser Sackgasse?... Eine Aufgabe, groß genug, die Völker wieder zu binden?...

3 Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, daß sie es in der Zukunft besser machen. — Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu sein!... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, Skandinavier und Franzosen, — werden sie es immer mehr sein? — Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniß mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur „unbewußte“ Falschmünzer hervorgebracht (— Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz; es sind alles bloße Schleiermacher —): sie sollen nie die Ehre haben, daß der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird. Der „deutsche Geist“ ist meine schlechte Luft: ich athme schwer in der Nähe dieser Instinkt-gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die Franzosen, — ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, — sie haben bis heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der Maaßstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal flach. — Das, was in Deutschland „tief“ heißt, ist genau diese Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort „deutsch“ nicht als internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in Vorschlag bringen? — In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der deutsche Kaiser seine „christliche Pflicht“, die Sklaven in Afrika zu befreien: unter uns andern Europäern hieße das dann einfach „deutsch“... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist, geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief hielten; am preußischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren begegnet, daß sie mich den Namen buchstabiren ließen...

4 Und warum sollte ich nicht bis an’s Ende gehn? Ich liebe es, reinen Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Mißtrauen gegen den deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren ausgedrückt (dritte Unzeitgemäße S. 71) — die Deutschen sind für mich unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen „nierenprüfe“, ist, ob er ein Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt: damit ist man gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die Deutschen sind canaille — ach! sie sind so gutmüthig... Man erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich... Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt... Gesetzt, daß der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht... Ich halte diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft ist, die keine Finger für nuances hat — wehe mir! ich bin eine nuance —, die keinen esprit in den Füßen hat und nicht einmal gehen kann... Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füße, sie haben bloß Beine... Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, — sie schämen sich nicht einmal, bloß Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden... Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese Sätze. Umsonst, daß ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen. Meine Art will es, daß ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin — ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen —: dies hindert nicht, daß ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am wenigsten meine Freunde, — ich hoffe zuletzt, daß dies meiner Humanität gegen sie keinen Abbruch getan hat! Es giebt fünf, sechs Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. — Trotzdem bleibt wahr, daß ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Haß... Ich sage es jedem meiner Freunde in’s Gesicht, daß er es nie der Mühe für wert genug hielt, irgend eine meiner Schriften zu studiren: ich errathe aus den kleinsten Zeichen, daß sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige Anmaaßung?... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein Ausländer, ein Däne, war es, der zuerst dazu genug Feinheit des Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde empörte... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen gehalten hat? — Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur. Dies schließt aber nicht aus, daß ich die Ironie liebe, sogar die welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in Convulsionen versetzen wird, den „Fall Wagner“ in die Welt geschickt: die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! — Ist das erreicht? — Zum Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment...

A Musician's Problem.

1 To do this book justice, you must feel the fate of music like an open wound.—What hurts me when I suffer over the fate of music? That music has been robbed of its yes-saying power to make the world shine—that it has become music of decline instead of the flute of Dionysus… But suppose you feel the cause of music as your own cause, as the story of your own suffering. Then you will find this book full of consideration and extraordinarily mild. To stay cheerful in such cases, to include yourself in the good-natured mockery—to say something severe with a laugh, when telling the truth sincerely would justify any harshness—is humanity itself. Does anyone really doubt that, as the old artilleryman I am, I could bring my heavy guns to bear on Wagner?—I held back everything decisive in this matter—I loved Wagner.—Ultimately, an attack on a subtler “unknown,” one few others could guess, fits the meaning and course of my task. Oh, I have quite other “unknowns” to expose than a Cagliostro of music. Still more does an attack on the German nation fit my task. In intellectual matters it grows ever lazier, poorer in instinct, and more honest. With an enviable appetite, it keeps feeding on opposites. It swallows “faith” as readily as the scientific approach, “Christian love” as readily as antisemitism, the will to power (to the “empire”) as readily as the gospel of the humble, without indigestion… This refusal to take sides between opposites! This neutrality and “selflessness” of the stomach! This fair-mindedness of the German palate, which grants everything equal rights—which finds everything tasty… Without a doubt, the Germans are idealists… The last time I visited Germany, I found German taste working to grant equal rights to Wagner and The Trumpeter of Säckingen. I myself saw a Liszt Society founded in Leipzig to honor the master Heinrich Schütz, one of the most genuine and German musicians in the old sense of the word German, not a mere citizen of the Empire. Its purpose was to cultivate and spread tricky, Liszt-style church music… Without a doubt, the Germans are idealists…

2 But nothing here will stop me from being rude and telling the Germans a few hard truths: who else does it?—I mean their indecency in historical matters. German historians have not just completely lost the broad view of the course of culture and its values, becoming every last one of them the buffoons of politics (or the church—). They have actually outlawed that broad view. First you must be “German,” belong to the “race”; then you can decide what does and doesn't have value in history—you lay down the values… “German” is an argument; “Germany, Germany above everything” is a principle. The Germanic peoples are the “moral world order” in history: compared with the Roman Empire, the champions of freedom; compared with the eighteenth century, the restorers of morality, of the “categorical imperative”… There is an imperial-German way of writing history. I fear there is even an antisemitic one. There is history written for the court, and Mr. von Treitschke feels no shame… Recently an idiotic judgment about history made the rounds of the German newspapers as a “truth” that every German must agree with. It came from Vischer, the Swabian writer on aesthetics, who is fortunately dead: “The Renaissance and the Reformation: only together do they make a whole—aesthetic rebirth and moral rebirth.”—With statements like that, my patience runs out. I feel the urge, even the duty, to tell the Germans for once just what they already have on their conscience. They have all the great crimes against culture of four centuries on their conscience!… And always for the same reason: their deepest cowardice in the face of reality, which is also cowardice in the face of truth; the dishonesty that has become instinctive in them; their “idealism”… The Germans robbed Europe of the harvest, of the meaning of the last great age, the Renaissance. This happened just when a higher order of values had won out in the very seat of the opposite values, the values of decline: noble values that said yes to life and guaranteed a future—even reaching into the instincts of the people seated there! Luther, that disastrous monk, restored the church and, a thousand times worse, Christianity, at the very moment it was going under… Christianity, that denial of the will to live turned into a religion… Luther, an impossible monk who attacked the church because of his own “impossibility,” and so—of course!—restored it… Catholics would have good reason to celebrate Luther festivals and write Luther plays… Luther—and “moral rebirth”! To hell with all psychology!—Without a doubt, the Germans are idealists.—Twice, just when enormous courage and self-overcoming had achieved an honest, clear, thoroughly scientific way of thinking, the Germans managed to find back roads to the old “ideal,” compromises between truth and the “ideal.” At bottom, these were formulas for a right to reject science, a right to lie. Leibniz and Kant—Europe's two greatest obstacles to intellectual honesty!—Finally, on the bridge between two centuries of decline, an overwhelming power of genius and will appeared. It was strong enough to make Europe a unity, a political and economic unity, for the purpose of governing the earth. With their “Wars of Liberation,” the Germans robbed Europe of the meaning, the miracle of meaning, in Napoleon's existence. That puts everything that followed, everything we have today, on their conscience: nationalism, the disease and irrationality most hostile to culture that exists, this national neurosis that makes Europe sick; this perpetuation of Europe's division into little states, of petty politics. They robbed Europe itself of its meaning, of its reason—they drove it into a dead end.—Does anyone besides me know a way out of this dead end?… A task great enough to bind the peoples together again?…

3 And finally, why shouldn't I put my suspicion into words? In my case too, the Germans will try everything again to make an enormous destiny give birth to a mouse. So far, their behavior toward me has disgraced them. I doubt they will do better in the future.—Ah, how I long to be a bad prophet here!… My natural readers and listeners are already Russians, Scandinavians, and French people—will they become increasingly so?—The Germans have entered the history of knowledge with nothing but dubious names. They have only ever produced “unconscious” counterfeiters (Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, and Schleiermacher deserve that word just as much as Kant and Leibniz—they are all just makers of veils—Schleiermachers). They must never have the honor of seeing the first honest mind in the history of thought counted as one with the German mind—the mind in which truth passes judgment on four thousand years of counterfeiting. The “German spirit” is my bad air. I struggle to breathe near this instinctive filthiness in psychological matters, which every word and every expression of a German betrays. They never went through a seventeenth century of harsh self-examination like the French. A La Rochefoucauld or a Descartes is a hundred times more honest than the foremost Germans. To this day, they have not had a psychologist. But psychology is almost the measure of a race's cleanliness or uncleanliness… And if you aren't even clean, how can you have depth? With a German, almost as with a woman, you never get to the bottom: he has none. That's all. But that doesn't even make him shallow.—What Germany calls “deep” is precisely this instinctive uncleanliness toward oneself that I am talking about: people don't want to be clear about themselves. May I suggest the word “German” as an international coin for this psychological depravity?—At this very moment, for example, the German emperor calls it his “Christian duty” to free the slaves in Africa. Among us other Europeans, that would simply be called “German”… Have the Germans produced even one book with depth? They lack even the idea of what makes a book deep. I have met scholars who thought Kant was deep. At the Prussian court, I fear they think Mr. von Treitschke is deep. And when I occasionally praise Stendhal as a deep psychologist, German university professors have asked me to spell his name…

4 And why shouldn't I go all the way? I like to settle things once and for all. It is even my ambition to be known as the foremost despiser of Germans. I expressed my distrust of the German character back when I was twenty-six (dritte Unzeitgemäße S. 71). The Germans are impossible for me. If I imagine a type of person who goes against all my instincts, a German always emerges. The first thing I check when I test someone to the core—“probe his kidneys”—is whether he has a sense of distance in his body: does he see rank, degree, and order between people everywhere? Does he make distinctions? That makes a gentleman. In every other case, he belongs beyond rescue under the broad-hearted and, alas, so good-natured heading of the rabble. But the Germans are rabble—alas, they are so good-natured… You lower yourself by mixing with Germans: a German puts everyone on the same level… Apart from my dealings with a few artists, above all Richard Wagner, I have not spent one good hour with Germans… Suppose the deepest mind of all the millennia appeared among Germans. Some goose who rescued the Capitol would imagine that her very ugly soul counted for at least as much… I can't stand this race, with whom you are always in bad company. They have no fingertips for nuances—poor me! I am a nuance—and no wit in their feet; they can't even walk… In the end, the Germans have no feet at all, only legs… The Germans have no idea how vulgar they are. But that is the height of vulgarity: they aren't even ashamed of being nothing but German… They join in on every subject. They think their own judgment is decisive. I fear they have even passed judgment on me… My whole life supplies the necessary proof of these statements. I search it in vain for a sign of tact, of sensitivity toward me. From Jews, yes; from Germans, never. My nature makes me mild and well-disposed toward everyone—I have a right to make no distinctions. But that doesn't keep my eyes from being open. I make no exceptions, least of all for my friends. I hope, in the end, that this has not lessened my humanity toward them! There are five or six things I have always made a point of honor.—Even so, it remains true that for years I have felt almost every letter I receive as an act of cynicism. There is more cynicism in goodwill toward me than in any hatred… I tell every one of my friends to his face that he has never thought it worth the trouble to study any of my writings. From the smallest signs, I can tell that they don't even know what's in them. As for my Zarathustra, which of my friends has seen anything more in it than an outrageous piece of arrogance, fortunately of no consequence at all?… Ten years—and no one in Germany felt bound by conscience to defend my name against the absurd silence in which it lay buried. A foreigner, a Dane, was the first to have enough delicacy of instinct and courage to do so, and to be outraged at my supposed friends… At which German university would lectures on my philosophy be possible today, like those Dr. Georg Brandes gave in Copenhagen last spring, once again proving himself a psychologist?—I myself have never suffered from any of this. What is necessary doesn't hurt me. Love of fate is my innermost nature. But that doesn't stop me from loving irony, even world-historical irony. And so, about two years before the crushing lightning strike of the revaluation that will throw the earth into convulsions, I sent “The Case of Wagner” into the world. The Germans were to do me an immortal wrong one more time, and immortalize themselves! There is still just time for it!—Has that been achieved?—To my delight, my Germanic gentlemen! My compliments…

Why I Am a Destiny

1 ICH kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, — an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Collision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. — Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter — Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine „Gläubigen“, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche Angst davor, daß man mich eines Tags heilig spricht; man wird errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten, daß man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem — denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige — redet aus mir die Wahrheit. — Aber meine Wahrheit ist furchtbar: denn man hieß bisher die Lüge Wahrheit. — Umwerthung aller Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos will, daß ich der erste anständige Mensch sein muß, daß ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiß... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch daß ich zuerst die Lüge als Lüge empfand — roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab, ich kenne Aufgaben von einer Höhe, daß der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt — sie ruhen allesammt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden große Politik. —

2 WILL man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? — Sie steht in meinem Zarathustra.

»— und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muß ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.«

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schließt nicht aus, daß ich der wohlthätigste sein werde. Ich kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäß ist, — in Beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiß. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. —

3 MAN hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil. Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, — die Übersetzung der Moral in’s Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort. Zarathustra schuf diesen verhängnißvollsten Irrthum, die Moral: folglich muß er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur, daß er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker — die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz der sogenannten „sittlichen Weltordnung“ —: das Wichtigere ist, Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und sie allein, hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend — das heißt den Gegensatz zur Feigheit des „Idealisten“, der vor der Realität die Flucht ergreift; Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schießen, das ist die persische Tugend. — Versteht man mich?... Die Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz — in mich — das bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra.

4 IM Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich schließt. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohlthätigen; ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und Herrschaft gekommen ist, — die décadence-Moral, handgreiflicher geredet, die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des Wohlwollens, in’s Große gerechnet, mir bereits als Folge der décadence gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten Bedingung. — Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muß man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, — muß man seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist die Lüge —: anders ausgedrückt, das Nicht-sehen-wollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muß, betrachten, ist die niaiserie par excellence, in’s Große gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit —, beinahe so dumm, als es der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen — aus Mitleiden etwa mit den armen Leuten... In der großen Ökonomie des Ganzen sind die Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maaße nothwendiger als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte „Güte“; man muß sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu gönnen. Ich werde einen großen Anlaß haben, die über die Maaßen unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste, der begriff, daß der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist und vielleicht schädlicher, sagt: »Gute Menschen reden nie die Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten.« Die Welt ist zum Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, daß gerade bloß gutmüthiges Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, daß Alles „guter Mensch“, Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, „schöne Seele“ — oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden solle, hieße dem Dasein seinen großen Charakter nehmen, hieße die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen. — Und dies hat man versucht!... Dies eben hieß man Moral... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald „die letzten Menschen“, bald den „Anfang vom Ende“; vor Allem empfindet er sie als die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.»— Die Guten — die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom Ende —— sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!— Die Guten — die waren immer der Anfang vom Ende...— Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.«

5 ZARATHUSTRA, der erste Psycholog der Guten, ist — folglich — ein Freund der Bösen. Wenn eine décadenceArt Mensch zum Rang der höchsten Art aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muß der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort „Wahrheit“ für ihre Optik in Anspruch nimmt, so muß der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra läßt hier keinen Zweifel: er sagt, die Erkenntniß der Guten, der „Besten“ gerade sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe; aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, „fortzuschweben in ferne Zukünfte“, — er verbirgt es nicht, daß sein Typus Mensch, ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniß zu den Guten übermenschlich ist, daß die Guten und Gerechten seinen Übermenschen Teufel nennen würden...»Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen Übermenschen — Teufel heißen! So fremd seid ihr dem Großen mit eurer Seele, daß euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte...«An dieser Stelle und nirgends wo anders muß man den Ansatz machen, um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug dazu —, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst, sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich, damit erst kann der Mensch Größe haben...

6 ABER ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt; dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war bisher die Circe aller Denker, — sie standen in ihrem Dienst. — Wer ist vor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser Art von Ideal — der Weltverleumdung! — emporquillt? Wer hat auch nur zu ahnen gewagt, daß es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz „höherer Schwindler“, „Idealist“? Es gab vor mir noch gar keine Psychologie. — Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste... Der Ekel am Menschen ist meine Gefahr...

7 HAT man mich verstanden? — Was mich abgrenzt, was mich bei Seite stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die größte Unsauberkeit, die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jede Ursächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem Christenthum ist das Verbrechen par excellence — das Verbrechen am Leben... Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten, die Philosophen und die alten Weiber — fünf, sechs Augenblicke der Geschichte abgerechnet, mich als siebenten — in diesem Punkte sind sie alle einander würdig. Der Christ war bisher das „moralische Wesen“, ein Curiosum ohne Gleichen — und, als „moralisches Wesen“, absurder, verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch der größte Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. Die christliche Moral — die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist nicht der Irrthum als Irrthum, was mich bei diesem Anblick entsetzt, nicht der jahrtausendelange Mangel an „gutem Willen“, an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verräth: — es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche Thatbestand, daß die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der Menschheit hängen blieb!... In diesem Maaße sich vergreifen, nicht als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit!... Daß man die allerersten Instinkte des Lebens verachten lehrte; daß man eine „Seele“, einen „Geist“ erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; daß man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; daß man in der tiefsten Nothwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (— das Wort schon ist verleumderisch! —) das böse Princip sucht; daß man umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widersprüchlichkeit, im „Selbstlosen“, im Verlust an Schwergewicht, in der „Entpersönlichung“ und „Nächstenliebe“ (— Nächstensucht!) den höheren Werth, was sage ich! den Werth an sich sieht!... Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie es immer? — Was feststeht, ist, daß ihr nur décadence-Werthe als oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache „ich gehe zu Grunde“ in den Imperativ übersetzt: „ihr sollt alle zu Grunde gehn“ — und nicht nur in den Imperativ!... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verräth einen Willen zum Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. — Hier bliebe die Möglichkeit offen, daß nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, — die in der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth... Und in der That, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents: daher die Umwerthung aller Werthe in’s Lebensfeindliche, daher die Moral... Definition der Moral: Moral — die Idiosynkrasie von décadents, mit der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen — und mit Erfolg. Ich lege Werth auf diese Definition.

8 HAT man mich verstanden? — Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustra’s gesagt hätte. — Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniß, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, — er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade Das, was bisher am höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher „Wahrheit“ hieß, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu „verbessern“, als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt, hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochenen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnißvollste Art von Mißgeburten darin, verhängnißvoll, weil sie fasciniren... Der Begriff „Gott“ erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, — in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff „Jenseits“, „wahre Welt“ erfunden, um die einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, — um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff „Seele“, „Geist“, zuletzt gar noch „unsterbliche Seele“, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank — „heilig“ — zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das „Heil der Seele“ — will sagen eine folie circulaire zwischen Bußkrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff „Sünde“ erfunden sammt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff „freier Wille“, um die Instinkte zu verwirren, um das Mißtrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des „Selbstlosen“, des „Sich-selbst-Verleugnenden“ das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelocktwerden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Werthzeichen überhaupt gemacht, zur „Pflicht“, zur „Heiligkeit“, zum „Göttlichen“ im Menschen! Endlich — es ist das Furchtbarste — im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Mißrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll —, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht — dieser heißt nunmehr der Böse... Und das Alles wurde geglaubt als Moral! — Ecrasez l’infâme! — —

9 HAT man mich verstanden? — Dionysos gegen den Gekreuzigten...

1 I know my fate. One day my name will be linked to the memory of something enormous—a crisis unlike any the earth has seen, the deepest clash of conscience, a decision called forth against everything people had believed, demanded, and held sacred until then. I am not a human being; I am dynamite.—And yet there is nothing of a religious founder in me. Religions are affairs of the rabble; I need to wash my hands after contact with religious people… I don't want “believers.” I think I am too malicious to believe even in myself. I never speak to crowds… I am terribly afraid that one day people will declare me a saint. You can guess why I am publishing this book beforehand: it is meant to stop people from playing such tricks with me… I don't want to be a saint. I would rather be a buffoon… Perhaps I am a buffoon… And yet—or rather, not “and yet,” since nothing so far has been more dishonest than saints—truth speaks through me.—But my truth is terrible: until now, people have called the lie truth.—Revaluation of all values: that is my formula for an act of humanity's deepest self-examination, which has become flesh and genius in me. My fate requires me to be the first decent human being, to know myself in opposition to the dishonesty of millennia… I was the first to discover truth, because I was the first to feel—to smell—the lie as a lie… My genius is in my nostrils… I contradict as no one has ever contradicted, yet I am the opposite of a no-saying mind. I am a bringer of good news unlike any before me. I know tasks so high that until now there has been no concept for them. Only with me are there hopes again. All this necessarily makes me a man of doom as well. For when truth goes to battle with the lie of millennia, there will be tremors, a spasm of earthquakes, a shifting of mountains and valleys beyond anything ever dreamed of. The very idea of politics will then be entirely absorbed into a war of minds. All the power structures of the old society will be blown apart—they all rest on the lie. There will be wars unlike any the earth has seen. Only with me does great politics begin on earth.—

2 Do you want a formula for such a destiny taking human form?—It is in my Zarathustra.

“—and whoever wants to be a creator in good and evil must first be a destroyer and break values.So the highest evil belongs to the highest goodness: but that goodness is creative.”

I am by far the most terrible human being there has ever been. That doesn't rule out my becoming the most beneficial. I know the pleasure of destroying to a degree that matches my power to destroy. In both, I obey my Dionysian nature, which cannot separate saying no through action from saying yes. I am the first immoralist: that makes me the destroyer in the fullest sense.—

3 No one has asked me, but someone should have asked, what the name Zarathustra means in my mouth, the mouth of the first immoralist. For what makes that Persian so enormously unique in history is precisely the opposite of this. Zarathustra was the first to see the struggle between good and evil as the real wheel in the machinery of things. Turning morality into something metaphysical, into a force, a cause, an end in itself, was his work. But at bottom, asking this question would already supply the answer. Zarathustra created this most fateful error, morality. So he must also be the first to recognize it. It is not just that he has longer and greater experience of it than any other thinker—after all, the whole of history is an experimental refutation of the claim that there is a “moral world order.” More importantly, Zarathustra is more truthful than any other thinker. His teaching, and his alone, makes truthfulness the highest virtue. That means the opposite of the cowardice of the “idealist” who runs from reality. Zarathustra has more courage in his body than all thinkers put together. To speak the truth and shoot arrows well: that is the Persian virtue.—Do you understand me?… Morality overcoming itself through truthfulness, the moralist overcoming himself into his opposite—into me—that is what the name Zarathustra means in my mouth.

4 At bottom, my word immoralist includes two denials. First, I deny a type of person who until now has been considered the highest: the good, the well-meaning, helpful. Second, I deny a kind of morality that has gained acceptance and power as morality itself—the morality of decline, or, more plainly, Christian morality. You could see the second objection as the more decisive one. In the larger picture, I already consider the overvaluing of goodness and goodwill a result of decline, a sign of weakness, incompatible with a rising, yes-saying life. Saying yes requires denying and destroying.—For now, I will stay with the psychology of the good person. To judge what a type of person is worth, you must work out the price of maintaining it. You must know the conditions of its existence. The condition of the good person's existence is the lie. In other words, it is wanting at any cost not to see what reality is like at bottom. Reality is not made to call forth well-meaning instincts at every moment, still less to put up at every moment with interference from shortsighted, good-natured hands. To see hardships of every kind as an objection, as something we must abolish, is the height of foolishness. On the large scale, its effects are a real disaster, a fate determined by stupidity—almost as stupid as wanting to abolish bad weather, perhaps out of pity for poor people… In the great economy of the whole, the terrifying things in reality—in emotions, in desires, in the will to power—are incomparably more necessary than that form of small happiness called “goodness.” It even takes indulgence to grant goodness any place at all, since it depends on instinctive dishonesty. I will have a great opportunity to show the extraordinarily disturbing effects of optimism, this offspring of the best people, on the whole of history. Zarathustra was the first to understand that the optimist is just as much a person of decline as the pessimist, and perhaps more harmful. He says: “Good people never tell the truth. The good taught you false shores and false safety. You were born and sheltered in the lies of the good. Everything has been falsified and twisted to its roots by the good.” Fortunately, the world is not built around instincts that would let nothing but good-natured herd animals find their little happiness in it. To demand that everyone become a “good person,” a herd animal, blue-eyed, well-meaning, a “beautiful soul”—or altruistic, as Mr. Herbert Spencer wishes—would take the great character out of existence. It would castrate humanity and reduce it to a miserable Chinese-style existence.—And people have tried to do this!… This is precisely what they called morality… In this sense, Zarathustra sometimes calls the good “the last human beings,” sometimes the “beginning of the end.” Above all, he feels they are the most harmful kind of person, because they maintain their existence at the expense of both truth and the future.“—The good—they cannot create, they are always the beginning of the end——they crucify anyone who writes new values on new tablets; they sacrifice the future to themselves; they crucify all human future!—The good—they were always the beginning of the end…—And whatever harm the slanderers of the world may do, the harm done by the good is the most harmful harm.”

5 Zarathustra, the first psychologist of the good, is—therefore—a friend of the evil. If a declining type of person has risen to the rank of the highest type, this could only have happened at the expense of its opposite: the strong type, confident in life. If the herd animal shines in the glory of the purest virtue, the exceptional person must have been devalued as evil. If dishonesty claims the word “truth” for its way of seeing at any cost, then the truly truthful person must be found under the worst names. Zarathustra leaves no doubt here. He says it was precisely his knowledge of the good, the “best,” that made him shudder at human beings in general. From this disgust he grew wings “to soar away into distant futures.” He doesn't hide the fact that his type of person, a relatively superhuman type, is superhuman precisely in relation to the good. The good and the just would call his overman a devil…“You highest human beings my eyes have met, this is my doubt about you and my secret laughter: I guess you would call my overman—a devil! Your souls are so foreign to greatness that the overman would be terrible to you in his goodness…”Here, and nowhere else, is where you must start to understand what Zarathustra wants. The type of person he conceives of conceives of reality as it is: he is strong enough for it. He is not estranged from it, not carried away from it; he is reality itself. He also has everything terrifying and questionable about reality within him. Only with this can a human being have greatness…

6 But there is another sense in which I have chosen the word immoralist as my badge, my badge of honor. I am proud to have this word, which sets me apart from all humanity. No one before has felt Christian morality to be beneath him. That required a height, a far-reaching vision, a psychological depth and capacity for probing the depths never heard of before. Until now, Christian morality has been the Circe of all thinkers—they were in its service.—Who before me went down into the caves from which the poisonous breath of this kind of ideal—the slandering of the world!—rises? Who even dared suspect that they were caves? Who among philosophers before me was a psychologist rather than his opposite, a “higher swindler,” an “idealist”? Before me, there was no psychology at all.—Being the first here can be a curse. In any case, it is a destiny: for you are also the first to feel contempt… My danger is disgust at human beings…

7 Have I been understood?—What sets me apart, what places me on one side against all the rest of humanity, is that I have discovered Christian morality. That is why I needed a word carrying the sense of a challenge to everyone. I consider humanity's failure to open its eyes here sooner the greatest filth on its conscience. It is self-deception turned into instinct, a fundamental will not to see any event, any process of cause and effect, any reality; counterfeiting in psychological matters to the point of crime. Blindness to Christianity is the supreme crime—the crime against life… The millennia, the peoples, the first and the last, the philosophers and the old women—apart from five or six moments in history, with me as the seventh—are all worthy of each other on this point. Until now, the Christian has been the “moral being,” a curiosity without equal—and, as a “moral being,” more absurd, dishonest, vain, careless, and harmful to himself than even the greatest despiser of humanity could dream. Christian morality—the most malicious form of the will to lie, humanity's real Circe: what has corrupted it. What horrifies me at this sight is not error as error, not the thousands of years of failing in “goodwill,” discipline, decency, and intellectual courage that its victory reveals. It is the lack of nature. It is the utterly dreadful fact that what is against nature received the highest honors as morality and remained hanging over humanity as law, as a categorical imperative!… To go so wrong, not as an individual, not as a people, but as humanity!… That people were taught to despise the most basic instincts of life; that a “soul,” a “spirit,” was made up to disgrace the body; that people are taught to feel something unclean in sexuality, the condition of life; that the principle of evil is sought in strict selfishness, the deepest necessity for thriving (even the word is slanderous!); that, on the contrary, the typical signs of decline and conflicting instincts—“selflessness,” losing one's center of gravity, “depersonalization,” and “love of one's neighbor” (an addiction to one's neighbor!)—are seen as the higher value, what am I saying, as value itself!… What! Could humanity itself be in decline? Has it always been?—What is certain is that it has only ever been taught values of decline as its highest values. The morality of stripping away the self is the morality of decline above all others. It turns the fact “I am perishing” into the command “you must all perish”—and not only into a command!… This one morality, the only one taught until now, the morality of stripping away the self, reveals a will to the end. At its deepest level, it denies life.—Here the possibility remains that it is not humanity that is degenerating, but only that parasitic type of person, the priest, who used morality to lie his way up into the role of humanity's judge of values, who recognized Christian morality as his means to power… And in fact, this is my insight: humanity's teachers and leaders, theologians every one, were also people of decline every one. Hence the revaluation of all values into values hostile to life; hence morality… Definition of morality: morality—the peculiar nature of people of decline, with the hidden intention of taking revenge on life—and with success. I attach importance to this definition.

8 Have I been understood?—I have just said nothing that I had not already said through Zarathustra's mouth five years ago.—The discovery of Christian morality is an event without equal, a real catastrophe. Whoever throws light on it is an overwhelming force, a destiny—he breaks humanity's history into two pieces. People live before him; people live after him… The lightning of truth struck precisely what had stood highest until then. Anyone who understands what was destroyed should see whether he has anything left in his hands at all. Everything called “truth” until now has been recognized as the most harmful, most treacherous, most deeply buried form of the lie. The sacred pretext of “improving” humanity has been recognized as a trick for sucking the blood out of life itself, making it anemic. Morality as vampirism… Whoever discovers morality has also discovered the worthlessness of all the values people believe or have believed in. He no longer sees anything worthy of respect in the most respected types of person, even those declared saints. He sees in them the most disastrous kind of monstrosity, disastrous because they fascinate… The concept “God” was invented as the opposite of life. In it, everything harmful, poisonous, and slanderous, the whole deadly hatred of life, was brought together into one terrifying unity! The concepts “afterlife” and “true world” were invented to devalue the only world there is—to leave no goal, no reason, no task for our earthly reality! The concepts “soul,” “spirit,” and finally even “immortal soul” were invented to make people despise the body, to make it sick—“holy”—and to treat with dreadful carelessness everything that deserves to be taken seriously in life: food, housing, mental diet, care of the sick, cleanliness, weather! Instead of health, “salvation of the soul”—meaning a recurring madness that swings between convulsions of repentance and hysteria over redemption! The concept “sin” was invented, together with its instrument of torture, the concept “free will,” to confuse the instincts and make distrust of the instincts second nature! In the concepts of the “selfless” and the “self-denying,” the very mark of decline—being lured by what harms you, no longer being able to find what benefits you, self-destruction—was made the mark of value itself, of “duty,” of “holiness,” of the “divine” in a human being! Finally—and this is the most terrible thing—in the concept of the good person, sides were taken with everything weak, sick, failed, and suffering from itself, with everything that should perish. The law of selection was thwarted. An ideal was made out of opposition to the proud and well-formed person, the yes-saying person, confident in the future and guaranteeing it. That person is now called the evil one… And all this was believed as morality!—Crush the infamous thing!——

9 Have I been understood?—Dionysus against the Crucified…

Fame and Eternity

1 WIE lange sitzest du schonauf deinem Mißgeschick?Gieb Acht! du brütest mir nochein Eiein Basilisken-Eiaus deinem langen Jammer aus.

Was schleicht Zarathustra entlang dem Berge? —

Mißtrauisch, geschwürig, düster,ein langer Lauerer —,aber plötzlich, ein Blitz,hell, furchtbar, ein Schlaggen Himmel aus dem Abgrund:— dem Berge selber schüttelt sichdas Eingeweide...

Wo Haß und BlitzstrahlEins ward, ein Fluch —,auf den Bergen haust jetzt Zarathustra’s Zorn,eine Wetterwolke schleicht er seines Wegs.

Verkrieche sich, wer eine letzte Decke hat!In’s Bett mit euch, ihr Zärtlinge!Nun rollen Donner über die Gewölbe,nun zittert, was Gebälk und Mauer ist,nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten —Zarathustra flucht...

2 DIESE Münze, mit deralle Welt bezahlt,Ruhm —,mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,mit Ekel trete ich sie unter mich.

Wer will bezahlt sein?Die Käuflichen...Wer feil steht, greiftmit fetten Händennach diesem Allerwelts-Blechklingklang Ruhm!

— Willst du sie kaufen?Sie sind Alle käuflich.Aber biete Viel!klingle mit vollem Beutel!— du stärkst sie sonst,du stärkst sonst ihre Tugend...

Sie sind Alle tugendhaft.Ruhm und Tugend — das reimt sich.So lange die Welt lebt,zahlt sie Tugend-Geplappermit Ruhm-Geklapper —,die Welt lebt von diesem Lärm...

Vor allen Tugendhaftenwill ich schuldig sein,schuldig heißen mit jeder großen Schuld!Vor allen Ruhms-Schalltrichternwird mein Ehrgeiz zum Wurm —,unter Solchen gelüstet’s mich,der Niedrigste zu sein...

Diese Münze, mit deralle Welt bezahlt,Ruhm —,mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,mit Ekel trete ich sie unter mich.

3 STILL! —Von großen Dingen — ich sehe Großes! —soll man schweigenoder groß reden:rede groß, meine entzückte Weisheit!

Ich sehe hinauf —dort rollen Lichtmeere:— oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm!...Ich sehe ein Zeichen —,aus fernsten Fernensinkt langsam funkelnd ein Sternbild gegen mich...

4 HÖCHSTES Gestirn des Seins!Ewiger Bildwerke Tafel!Du kommst zu mir? —Was Keiner erschaut hat,deine stumme Schönheit, —wie? sie flieht vor meinen Blicken nicht?

Schild der Nothwendigkeit!Ewiger Bildwerke Tafel!— aber du weißt es ja:was Alle hassen,was allein ich liebe,daß du ewig bist!daß du nothwendig bist!Meine Liebe entzündetsich ewig nur an der Nothwendigkeit.

Schild der Nothwendigkeit!Höchstes Gestirn des Seins!— das kein Wunsch erreicht,das kein Nein befleckt,ewiges Ja des Seins,ewig bin ich dein Ja:denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! — —

1 How long have you been sittingon your misfortune?Watch out! You'll hatchan egg for me yet,a basilisk's egg,out of your long misery.

Why is Zarathustra creeping along the mountain?—

Distrustful, covered in sores, gloomy,long lying in wait—,but suddenly, lightning,bright, terrible, a blowfrom the abyss toward the sky:—the mountain's owninsides shake …

Where hatred and a lightning boltbecame one, a curse—,Zarathustra's anger now lives in the mountains;he creeps along his way, a storm cloud.

Let anyone with one last blanket crawl under it!Off to bed, you tender creatures!Now thunder rolls over the vaulted roofs,now every beam and wall trembles,now lightning and sulfur-yellow truths flash—Zarathustra curses …

2 This coin thatthe whole world pays with,fame—,I handle this coin with gloves;I stamp it under my feet in disgust.

Who wants to be paid?Those who can be bought …Anyone for sale reacheswith fat handsfor this cheap, tinny jingle everyone calls fame!

—Do you want to buy them?They can all be bought.But offer plenty!Jingle a full purse!—Otherwise you strengthen them,you strengthen their virtue …

They are all virtuous.Fame and virtue—they rhyme.As long as the world lives,it pays for virtue's babblingwith fame's rattling—,the world lives on this noise …

Before all the virtuousI want to be guilty,to be called guilty of every great wrong!Before all the megaphones of famemy ambition becomes a worm—,among such people I feel the urgeto be the lowest …

This coin thatthe whole world pays with,fame—,I handle this coin with gloves;I stamp it under my feet in disgust.

3 Quiet!—About great things—I see great things!—we should keep silentor speak grandly:speak grandly, my delighted wisdom!

I look up—seas of light roll there:—oh night, oh silence, oh deathly quiet noise! …I see a sign—,from the farthest distancesa sparkling constellation slowly sinks toward me …

4 Highest star of existence!Tablet of eternal images!You are coming to me?—What no one has ever seen,your silent beauty—what? It doesn't flee from my eyes?

Shield of necessity!Tablet of eternal images!—but you already know:what everyone hates,what I alone love,is that you are eternal!that you are necessary!My love is set alightforever by necessity alone.

Shield of necessity!Highest star of existence!—which no wish reaches,which no denial stains,existence's eternal yes,forever I am your yes:because I love you, oh eternity!——

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