The Birth of Tragedy
An Attempt at Self-Criticism, Section 1
German
Was auch diesem fragwürdigen Buche zu Grunde liegen mag: es muss eine Frage ersten Ranges und Reizes gewesen sein, noch dazu eine tief persönliche Frage,—Zeugniss dafür ist die Zeit, in der es entstand, trotz der es entstand, die aufregende Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Während die Donner der Schlacht von Wörth über Europa weggiengen, sass der Grübler und Räthselfreund, dem die Vaterschaft dieses Buches zu Theil ward, irgendwo in einem Winkel der Alpen, sehr vergrübelt und verräthselt, folglich sehr bekümmert und unbekümmert zugleich, und schrieb seine Gedanken über die Griechen nieder,—den Kern des wunderlichen und schlecht zugänglichen Buches, dem diese späte Vorrede (oder Nachrede) gewidmet sein soll. Einige Wochen darauf: und er befand sich selbst unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zur vorgeblichen „Heiterkeit“ der Griechen und der griechischen Kunst gesetzt hatte; bis er endlich, in jenem Monat tiefster Spannung, als man in Versailles über den Frieden berieth, auch mit sich zum Frieden kam und, langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend, die „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ letztgültig bei sich feststellte.—Aus der Musik? Musik und Tragödie? Griechen und Tragödien-Musik? Griechen und das Kunstwerk des Pessimismus? Die wohlgerathenste, schönste, bestbeneidete, zum Leben verführendste Art der bisherigen Menschen, die Griechen—wie? gerade sie hatten die Tragödie nöthig? Mehr noch—die Kunst? Wozu—griechische Kunst?…
Man erräth, an welche Stelle hiermit das grosse Fragezeichen vom Werth des Daseins gesetzt war. Ist Pessimismus nothwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des Missrathenseins, der ermüdeten und geschwächten Instinkte?—wie er es bei den Indern war, wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den „modernen“ Menschen und Europäern ist? Giebt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus Fülle des Daseins? Giebt es vielleicht ein Leiden an der Ueberfülle selbst? Eine versucherische Tapferkeit des schärfsten Blicks, die nach dem Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem würdigen Feinde, an dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was „das Fürchten“ ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten, stärksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure Phänomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragödie?—Und wiederum: das, woran die Tragödie starb, der Sokratismus der Moral, die Dialektik, Genügsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen—wie? könnte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des Niedergangs, der Ermüdung, Erkrankung, der anarchisch sich lösenden Instinkte sein? Und die „griechische Heiterkeit“ des späteren Griechenthums nur eine Abendröthe? Der epikurische Wille gegen den Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft—ja, was bedeutet überhaupt, als Symptom des Lebens angesehen, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher—alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen—die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimniss? Oh geheimnissvoller Ironiker, war dies vielleicht deine—Ironie?— —
English
Whatever lies behind this questionable book, it must have been a question of the first importance and fascination. It must also have been a deeply personal question. The time when the book came into being is evidence of that: the turbulent time of the Franco-Prussian War of 1870/71, despite which it came into being. As the thunder of the battle of Wörth rolled across Europe, the brooding lover of riddles who fathered this book sat somewhere in a corner of the Alps. Deep in his brooding and riddles, he was therefore both deeply troubled and untroubled. He wrote down his thoughts about the Greeks. These formed the core of the strange, hard-to-enter book to which this late preface, or afterword, is to be devoted. A few weeks later he himself was outside the walls of Metz. He still had not escaped the question marks he had placed against the supposed “cheerfulness” of the Greeks and Greek art. At last, in that month of extreme tension when peace was being discussed at Versailles, he also made peace with himself. Slowly recovering from an illness he had brought home from the battlefield, he settled “The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music” for himself, once and for all.—Out of music? Music and tragedy? Greeks and the music of tragedy? Greeks and the artwork of pessimism? The Greeks, the best-turned-out, most beautiful, most envied kind of people so far, the people who most tempt us to live—what? They, of all people, needed tragedy? More than that—art? What was Greek art for?…
You can guess where the great question mark over the value of existence had now been placed. Is pessimism necessarily a sign of decline, of decay, of having turned out badly, of tired and weakened instincts? It was that among the Indians, and apparently it is that among us “modern” people and Europeans. Is there a pessimism of strength? An intellectual preference for what is hard, horrifying, evil, and problematic in existence, arising from well-being, overflowing health, a fullness of existence? Could there even be suffering from overfullness itself? A tempting courage of the sharpest eye that wants what is terrible, as it wants an enemy, a worthy enemy against whom to test its strength? From whom it wants to learn what “being afraid” means? What does tragic myth mean among the Greeks, precisely in their best, strongest, bravest age? And the tremendous phenomenon of the Dionysian? What of tragedy, born from it?—Then again: what killed tragedy was the Socratic approach to morality, the dialectic, contentment, and cheerfulness of the theoretical person. What? Could this very Socratic approach be a sign of decline, exhaustion, sickness, of instincts falling apart in anarchy? And could the “Greek cheerfulness” of the later Greeks be only a sunset glow? Could the Epicurean will against pessimism be merely a sufferer’s precaution? And science itself, our science—yes, what does all science mean at all, seen as a symptom of life? What is all science for? Worse still, where does it come from? What? Is a scientific outlook perhaps only fear of pessimism and an escape from it? A subtle act of self-defense against—the truth? And, in moral terms, something like cowardice and dishonesty? In nonmoral terms, a piece of cunning? Oh Socrates, Socrates, was that perhaps your secret? Oh mysterious ironist, was this perhaps your—irony?— —
An Attempt at Self-Criticism, Section 2
Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefährliches, ein Problem mit Hörnern, nicht nothwendig gerade ein Stier, jedenfalls ein neues Problem: heute würde ich sagen, dass es das Problem der Wissenschaft selbst war—Wissenschaft zum ersten Male als problematisch, als fragwürdig gefasst. Aber das Buch, in dem mein jugendlicher Muth und Argwohn sich damals ausliess—was für ein unmögliches Buch musste aus einer so jugendwidrigen Aufgabe erwachsen! Aufgebaut aus lauter vorzeitigen übergrünen Selbsterlebnissen, welche alle hart an der Schwelle des Mittheilbaren lagen, hingestellt auf den Boden der Kunst—denn das Problem der Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden—, ein Buch vielleicht für Künstler mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver Fähigkeiten (das heisst für eine Ausnahme-Art von Künstlern, nach denen man suchen muss und nicht einmal suchen möchte…), voller psychologischer Neuerungen und Artisten-Heimlichkeiten, mit einer Artisten-Metaphysik im Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmuth und Jugend-Schwermuth, unabhängig, trotzig-selbstständig auch noch, wo es sich einer Autorität und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz ein Erstlingswerk auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz seines greisenhaften Problems, mit jedem Fehler der Jugend behaftet, vor allem mit ihrem „Viel zu lang“, ihrem „Sturm und Drang“: andererseits, in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (in Sonderheit bei dem grossen Künstler, an den es sich wie zu einem Zwiegespräch wendete, bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein solches, das jedenfalls „den Besten seiner Zeit“ genug gethan hat. Darauf hin sollte es schon mit einiger Rücksicht und Schweigsamkeit behandelt werden; trotzdem will ich nicht gänzlich unterdrücken, wie unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn Jahren vor mir steht,—vor einem älteren, hundert Mal verwöhnteren, aber keineswegs kälter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat,—die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens….
What I got hold of then was something terrible and dangerous: a problem with horns, not necessarily a bull, but certainly a new problem. Today I would say it was the problem of science itself. For the first time, science was understood as problematic, as something open to question. But the book in which my youthful courage and suspicion expressed themselves—what an impossible book had to grow out of a task so unsuited to youth! It was built entirely from premature, unripe personal experiences. All of them stood right at the edge of what could be communicated. It took its stand on the ground of art, since the problem of science cannot be recognized on the ground of science. Perhaps it was a book for artists with a secondary gift for analysis and looking back—that is, for an exceptional sort of artist whom one has to search for and would not even want to search for… It was full of psychological innovations and artists’ secrets, with an artist’s metaphysics in the background. A work of youth, full of youthful courage and youthful sadness, it was independent, defiantly self-reliant even where it seemed to bow to an authority and to its own admiration. In short, it was a first work in every bad sense of the word as well. Despite its aged problem, it had every fault of youth, above all youth’s “far too long” and its “storm and stress.” On the other hand, in view of its success—especially with the great artist it addressed as if in a conversation between two people, Richard Wagner—it was a proven book. I mean a book that at least satisfied “the best people of its time.” On that basis alone it should be treated with some consideration and restraint. Still, I do not want to suppress entirely how unpleasant it seems to me now, how foreign it stands before me after sixteen years. My eye is older and a hundred times harder to please, but it has by no means grown colder. Nor has it grown more distant from the task that daring book first ventured to approach: to see science from the artist’s point of view, but art from the point of view of life…
An Attempt at Self-Criticism, Section 3
Nochmals gesagt, heute ist es mir ein unmögliches Buch,—ich heisse es schlecht geschrieben, schwerfällig, peinlich, bilderwüthig und bilderwirrig, gefühlsam, hier und da verzuckert bis zum Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen Sauberkeit, sehr überzeugt und deshalb des Beweisens sich überhebend, misstrauisch selbst gegen die Schicklichkeit des Beweisens, als Buch für Eingeweihte, als „Musik“ für Solche, die auf Musik getauft, die auf gemeinsame und seltene Kunst-Erfahrungen hin von Anfang der Dinge an verbunden sind, als Erkennungszeichen für Blutsverwandte in artibus,—ein hochmüthiges und schwärmerisches Buch, das sich gegen das profanum vulgus der „Gebildeten“ von vornherein noch mehr als gegen das „Volk“ abschliesst, welches aber, wie seine Wirkung bewies und beweist, sich gut genug auch darauf verstehen muss, sich seine Mitschwärmer zu suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzplätze zu locken. Hier redete jedenfalls—das gestand man sich mit Neugierde ebenso als mit Abneigung ein—eine fremde Stimme, der Jünger eines noch „unbekannten Gottes“, der sich einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter die Schwere und dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter die schlechten Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein Geist mit fremden, noch namenlosen Bedürfnissen, ein Gedächtniss strotzend von Fragen, Erfahrungen, Verborgenheiten, welchen der Name Dionysos wie ein Fragezeichen mehr beigeschrieben war; hier sprach—so sagte man sich mit Argwohn—etwas wie eine mystische und beinahe mänadische Seele, die mit Mühsal und willkürlich, fast unschlüssig darüber, ob sie sich mittheilen oder verbergen wolle, gleichsam in einer fremden Zunge stammelt. Sie hätte singen sollen, diese „neue Seele“—und nicht reden! Wie schade, dass ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe:—bleibt doch auch heute noch für den Philologen auf diesem Gebiete beinahe Alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, dass hier ein Problem vorliegt,—und dass die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage „was ist dionysisch?“ haben, nach wie vor gänzlich unerkannt und unvorstellbar sind…
To say it again, today I find it an impossible book. I call it badly written, clumsy, embarrassing, wild about images and confused by them, emotional, here and there sugary to the point of femininity, uneven in pace, with no desire for clean logic. It is very sure of itself and therefore considers proof beneath it; it even distrusts the propriety of proving things. It is a book for the initiated, “music” for people baptized into music, people joined together from the beginning of things by shared and rare experiences of art. It is a badge of recognition for blood relatives in the arts. It is an arrogant, overenthusiastic book. From the start it shuts itself off from the uninitiated mass of the “educated” even more than from “the people.” Yet, as its effect proved and still proves, it must also know well enough how to seek out fellow enthusiasts and lure them onto new hidden paths and dancing grounds. In any case, a foreign voice was speaking here. People admitted that to themselves with both curiosity and dislike. It was the voice of a disciple of a still “unknown god,” who had temporarily hidden under a scholar’s hood, under German heaviness and humorless dialectic, even under a Wagnerian’s bad manners. Here was a mind with foreign needs that still had no name, a memory bursting with questions, experiences, and hidden things, beside which the name Dionysus had been written like one more question mark. Here, people suspiciously told themselves, something like a mystical, almost maenad-like soul was speaking. Painfully and arbitrarily, almost unable to decide whether it wanted to reveal or hide itself, it stammered as if in a foreign language. This “new soul” should have sung, not spoken! What a pity I did not dare to say as a poet what I had to say then. Perhaps I could have done it! Or at least as a scholar of ancient language and literature. Even today, almost everything in this field remains for such a scholar to discover and dig up! Above all, the problem that there is a problem here. And that, as long as we have no answer to the question “what is Dionysian?”, the Greeks remain completely unknown and impossible to imagine…
An Attempt at Self-Criticism, Section 4
Ja, was ist dionysisch?—In diesem Buche steht eine Antwort darauf,—ein „Wissender“ redet da, der Eingeweihte und Jünger seines Gottes. Vielleicht würde ich jetzt vorsichtiger und weniger beredt von einer so schweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ursprung der Tragödie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage ist das Verhältniss des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilität,—blieb dies Verhältniss sich gleich? oder drehte es sich um?—jene Frage, ob wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Culten, aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist? Gesetzt nämlich, gerade dies wäre wahr—und Perikles (oder Thukydides) giebt es uns in der grossen Leichenrede zu verstehen -: woher müsste dann das entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nach früher hervortrat, stammen, das Verlangen nach dem Hässlichen, der gute strenge Wille des älteren Hellenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum Bilde alles Furchtbaren, Bösen, Räthselhaften, Vernichtenden, Verhängnissvollen auf dem Grunde des Daseins,—woher müsste dann die Tragödie stammen? Vielleicht aus der Lust, aus der Kraft, aus überströmender Gesundheit, aus übergrosser Fülle? Und welche Bedeutung hat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus dem die tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dionysische Wahnsinn? Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nicht nothwendig das Symptom der Entartung, des Niedergangs, der überspäten Cultur? Giebt es vielleicht—eine Frage für Irrenärzte—Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit? Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebniss, auf welchen Drang hin musste sich der Grieche den dionysischen Schwärmer und Urmenschen als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen Chors betrifft: gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische Leib blühte, die griechische Seele von Leben überschäumte, vielleicht endemische Entzückungen? Visionen und Hallucinationen, welche sich ganzen Gemeinden, ganzen Cultversammlungen mittheilten? Wie? wenn die Griechen, gerade im Reichthum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen hatten und Pessimisten waren? wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Plato's zu gebrauchen, der die grössten Segnungen über Hellas gebracht hat? Und wenn, andererseits und umgekehrt, die Griechen gerade in den Zeiten ihrer Auflösung und Schwäche, immer optimistischer, oberflächlicher, schauspielerischer, auch nach Logik und Logisirung der Welt brünstiger, also zugleich „heiterer“ und „wissenschaftlicher“ wurden? Wie? könnte vielleicht, allen „modernen Ideen“ und Vorurtheilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der Sieg des Optimismus, die vorherrschend gewordene Vernünftigkeit, der praktische und theoretische Utilitarismus, gleich der Demokratie selbst, mit der er gleichzeitig ist,—ein Symptom der absinkenden Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen Ermüdung sein? Und gerade nicht—der Pessimismus? War Epikur ein Optimist—gerade als Leidender?— —Man sieht, es ist ein ganzes Bündel schwerer Fragen, mit dem sich dieses Buch belastet hat,—fügen wir seine schwerste Frage noch hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn,—die Moral?…
Yes, what is Dionysian?—This book contains an answer. Someone “who knows” speaks in it, an initiate and disciple of his god. Perhaps today I would speak more cautiously and less eloquently about so difficult a psychological question as the origin of tragedy among the Greeks. One basic question is the Greek’s relationship to pain, his degree of sensitivity. Did that relationship stay the same, or did it reverse itself? Did his constantly growing desire for beauty, for festivals, entertainments, and new forms of worship really grow out of lack, deprivation, melancholy, and pain? Suppose this were true—and Pericles, or Thucydides, gives us to understand that it was, in the great funeral speech. Where, then, must the opposite desire, which appeared earlier, have come from? The desire for the ugly: the earlier Greek’s good, strict will toward pessimism, tragic myth, and the image of everything terrible, evil, mysterious, destructive, and fatal at the bottom of existence. Where, then, must tragedy have come from? Perhaps from pleasure, from strength, from overflowing health, from an excessive fullness? And what, in physiological terms, is the meaning of the madness from which both tragic and comic art grew, Dionysian madness? What? Perhaps madness is not necessarily a symptom of degeneration, decline, or an overripe culture? Could there be—here is a question for psychiatrists—neuroses of health? Of a people’s youth and youthfulness? What does the combination of god and goat in the satyr point to? What personal experience and what urge made the Greek imagine the Dionysian enthusiast and primal human being as a satyr? And as for the origin of the tragic chorus: in those centuries when the Greek body flourished and the Greek soul overflowed with life, could there have been widespread outbreaks of ecstasy? Visions and hallucinations that spread through whole communities, whole gatherings of worshipers? What if the Greeks, precisely in the richness of their youth, wanted the tragic and were pessimists? What if it was precisely madness, to use Plato’s words, that brought the greatest blessings to Greece? And what if, on the contrary, the Greeks became increasingly optimistic, superficial, and theatrical precisely in the times of their disintegration and weakness? What if they also grew more eager for logic and for making the world logical, and thus became both “more cheerful” and “more scientific”? What? Despite all “modern ideas” and the prejudices of democratic taste, could the victory of optimism, the dominance of rationality, and practical and theoretical utilitarianism be symptoms of declining strength, approaching age, and physiological exhaustion, just like democracy itself, which appears at the same time? And could pessimism be precisely what is not such a symptom? Was Epicurus an optimist precisely as a sufferer?— —You can see that this book has burdened itself with a whole bundle of difficult questions. Let us add its most difficult question! Seen from the point of view of life, what does morality mean?…
An Attempt at Self-Criticism, Section 5
Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst—und nicht die Moral—als die eigentlich metaphysische Thätigkeit des Menschen hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzügliche Satz mehrfach wieder, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt gerechtfertigt ist. In der That, das ganze Buch kennt nur einen Künstler-Sinn und -Hintersinn hinter allem Geschehen,—einen „Gott“, wenn man will, aber gewiss nur einen gänzlich unbedenklichen und unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne werden will, der sich, Welten schaffend, von der Noth der Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst. Die Welt, in jedem Augenblicke die erreichte Erlösung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlösen weiss: diese ganze Artisten-Metaphysik mag man willkürlich, müssig, phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist, dass sie bereits einen Geist verräth, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier kündigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus „jenseits von Gut und Böse“ an, hier kommt jene „Perversität der Gesinnung“ zu Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht müde geworden ist, im Voraus seine zornigsten Flüche und Donnerkeile zu schleudern,—eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die „Erscheinungen“ (im Sinne des idealistischen terminus technicus), sondern unter die „Täuschungen“, als Schein, Wahn, Irrthum, Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht lässt sich die Tiefe dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche das Christenthum behandelt ist,—das Christenthum als die ausschweifendste Durchfigurirung des moralischen Thema's, welche die Menschheit bisher anzuhören bekommen hat. In Wahrheit, es giebt zu der rein ästhetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt wird, keinen grösseren Gegensatz als die christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit ihren absoluten Maassen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst in's Reich der Lüge verweist,—das heisst verneint, verdammt, verurtheilt. Hinter einer derartigen Denk- und Werthungsweise, welche kunstfeindlich sein muss, so lange sie irgendwie ächt ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche, den ingrimmigen rachsüchtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Nothwendigkeit des Perspektivischen und des Irrthums. Christenthum war von Anfang an, wesentlich und gründlich, Ekel und Ueberdruss des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein „anderes“ oder „besseres“ Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Hass auf die „Welt“, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen in's Nichts, an's Ende, in's Ausruhen, hin zum „Sabbat der Sabbate“—dies Alles dünkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des Christenthums, nur moralische Werthe gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste Form aller möglichen Formen eines „Willens zum Untergang“, zum Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Missmuthigkeit, Erschöpfung, Verarmung an Leben,—denn vor der Moral (in Sonderheit christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das Leben beständig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist,—muss endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Nein's, als begehrens-unwürdig, als unwerth an sich empfunden werden. Moral selbst—wie? sollte Moral nicht ein „Wille zur Verneinung des Lebens“, ein heimlicher Instinkt der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-, Verleumdungsprincip, ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der Gefahren?… Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwürdigen Buche, mein Instinkt, als ein fürsprechender Instinkt des Lebens, und erfand sich eine grundsätzliche Gegenlehre und Gegenwerthung des Lebens, eine rein artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit—denn wer wüsste den rechten Namen des Antichrist?—auf den Namen eines griechischen Gottes: ich hiess sie die dionysische.—
Already in the preface to Richard Wagner, art—and not morality—is presented as the truly metaphysical activity of human beings. In the book itself, the provocative statement returns several times: the existence of the world is justified only as an aesthetic phenomenon. In fact, the whole book recognizes only an artist’s meaning and hidden meaning behind everything that happens. A “god,” if you like, but certainly only a completely unscrupulous and nonmoral artist-god. In building as in destroying, in good things as in bad, he wants to experience the same pleasure and sovereign power of his own. By creating worlds, he frees himself from the distress of fullness and overfullness, from the suffering caused by the opposites crowded together inside him. At every moment the world is God’s achieved deliverance: the eternally changing, eternally new vision of the one who suffers most, who is most full of opposites and contradictions, and who can redeem himself only in semblance. You may call this whole artist’s metaphysics arbitrary, pointless, or fantastic. Its essential feature is that it already reveals a spirit that will one day resist the moral interpretation and significance of existence, whatever the danger. Here, perhaps for the first time, a pessimism “beyond good and evil” announces itself. Here that “perversity of outlook” finds a voice and a formula—the perversity against which Schopenhauer never tired of hurling his angriest curses and thunderbolts in advance. It is a philosophy that dares to put morality itself into the world of appearance, to lower it into that world. It puts morality not only among “appearances,” in the technical sense used by idealist philosophy, but among “deceptions,” as semblance, delusion, error, interpretation, something contrived, art. Perhaps the depth of this antimoral tendency is best measured by the cautious, hostile silence with which Christianity is treated throughout the book. Christianity is the most extravagant working-out of the moral theme that humanity has yet had to listen to. In truth, nothing stands more completely opposed to the purely aesthetic interpretation and justification of the world taught in this book than Christian teaching. It is and wants to be only moral. With its absolute standards—the truthfulness of its God, for example—it sends art, all art, into the realm of lies. That is, it denies, damns, and condemns it. Behind this way of thinking and valuing, which must be hostile to art as long as it is at all genuine, I have always also sensed hostility to life: a furious, vengeful disgust with life itself. For all life rests on semblance, art, deception, ways of seeing, the necessity of perspective and error. From the beginning, Christianity was essentially and thoroughly life’s disgust and weariness with life. It merely disguised, hid, and dressed up this disgust in the belief in an “other” or “better” life. Hatred of the “world,” curses on the passions, fear of beauty and sensuality, a world beyond invented to slander this world more effectively—at bottom, a longing for nothingness, for the end, for rest, for the “Sabbath of Sabbaths.” All this, like Christianity’s unconditional will to recognize only moral values, always seemed to me the most dangerous and sinister of all possible forms of a “will to destruction.” At the very least, it is a sign of the deepest sickness, fatigue, ill temper, exhaustion, and impoverishment of life. For, judged by morality—especially Christian, that is, unconditional morality—life must constantly and inevitably be found in the wrong, because life is something essentially nonmoral. Finally, crushed under the weight of contempt and the eternal No, life must be felt as unworthy of desire, worthless in itself. Morality itself—what? Could morality be a “will to deny life,” a hidden instinct of destruction, a principle of decay, belittlement, and slander, the beginning of the end? And therefore the danger of dangers?… So, with this questionable book, my instinct turned against morality. As an instinct speaking up for life, it invented a fundamentally opposed teaching and valuation of life: a purely artistic one, an anti-Christian one. What should I call it? As a scholar of ancient language and a man of words, I took some liberty in naming it—for who knows the true name of the Antichrist? I gave it the name of a Greek god: I called it Dionysian.—
An Attempt at Self-Criticism, Section 6
Man versteht, an welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu rühren wagte?… Wie sehr bedauere ich es jetzt, dass ich damals noch nicht den Muth (oder die Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem Betrachte für so eigne Anschauungen und Wagnisse auch eine eigne Sprache zu erlauben,—dass ich mühselig mit Schopenhauerischen und Kantischen Formeln fremde und neue Werthschätzungen auszudrücken suchte, welche dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie ihrem Geschmacke, von Grund aus entgegen giengen! Wie dachte doch Schopenhauer über die Tragödie? „Was allem Tragischen den eigenthümlichen Schwung zur Erhebung giebt—sagt er, Welt als Wille und Vorstellung II, 495—ist das Aufgehen der Erkenntniss, dass die Welt, das Leben kein rechtes Genügen geben könne, mithin unsrer Anhänglichkeit nicht werth sei: darin besteht der tragische Geist -, er leitet demnach zur Resignation hin“. Oh wie anders redete Dionysos zu mir! Oh wie ferne war mir damals gerade dieser ganze Resignationismus!—Aber es giebt etwas viel Schlimmeres an dem Buche, das ich jetzt noch mehr bedauere, als mit Schopenhauerischen Formeln dionysische Ahnungen verdunkelt und verdorben zu haben: dass ich mir nämlich überhaupt das grandiose griechische Problem, wie mir es aufgegangen war, durch Einmischung der modernsten Dinge verdarb! Dass ich Hoffnungen anknüpfte, wo Nichts zu hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Dass ich, auf Grund der deutschen letzten Musik, vom „deutschen Wesen“ zu fabeln begann, wie als ob es eben im Begriff sei, sich selbst zu entdecken und wiederzufinden—und das zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der nicht vor Langem noch den Willen zur Herrschaft über Europa, die Kraft zur Führung Europa's gehabt hatte, eben letztwillig und endgültig abdankte und, unter dem pomphaften Vorwande einer Reichs-Begründung, seinen Uebergang zur Vermittelmässigung, zur Demokratie und den „modernen Ideen“ machte! In der That, inzwischen lernte ich hoffnungslos und schonungslos genug von diesem „deutschen Wesen“ denken, insgleichen von der jetzigen deutschen Musik, als welche Romantik durch und durch ist und die ungriechischeste aller möglichen Kunstformen: überdies aber eine Nervenverderberin ersten Ranges, doppelt gefährlich bei einem Volke, das den Trunk liebt und die Unklarheit als Tugend ehrt, nämlich in ihrer doppelten Eigenschaft als berauschendes und zugleich benebelndes Narkotikum.—Abseits freilich von allen übereilten Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf Gegenwärtigstes, mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb, bleibt das grosse dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist, auch in Betreff der Musik, fort und fort bestehen: wie müsste eine Musik beschaffen sein, welche nicht mehr romantischen Ursprungs wäre, gleich der deutschen,—sondern dionysischen?…
Do you understand what task I was already daring to touch on with this book?… How much I now regret that I did not yet have the courage—or the immodesty?—to allow myself, in every respect, a language of my own for such personal views and ventures. Instead I struggled to express unfamiliar, new valuations in formulas taken from Schopenhauer and Kant, valuations fundamentally opposed to both their spirit and their taste! What did Schopenhauer think about tragedy? “What gives everything tragic its distinctive upward sweep,” he says in Welt als Wille und Vorstellung II, 495, “is the dawning recognition that the world, life, can give no true satisfaction, and is therefore not worth our attachment. That is the tragic spirit: it therefore leads toward resignation.” Oh, how differently Dionysus spoke to me! How far from me, precisely then, was this whole doctrine of resignation!—But there is something much worse about the book, something I now regret even more than having darkened and spoiled Dionysian intuitions with Schopenhauer’s formulas. I spoiled the whole magnificent Greek problem, as it had dawned on me, by mixing in the most modern concerns! I attached hopes where there was nothing to hope for, where everything pointed all too clearly to an end! On the basis of the latest German music, I began to spin tales about the “German character,” as if it were just about to discover and rediscover itself. And this at a time when the German spirit, which not long before had still possessed the will to rule Europe and the strength to lead it, was making its last and final abdication. Under the pompous pretext of founding an empire, it was moving toward mediocrity, democracy, and “modern ideas”! In fact, since then I have learned to think hopelessly and unsparingly enough about this “German character,” and likewise about present-day German music. This music is romantic through and through, the most un-Greek of all possible art forms. It is also a destroyer of nerves of the first rank. It is doubly dangerous among a people who love drinking and honor lack of clarity as a virtue, because it is a drug that both intoxicates and befogs.—Of course, apart from all the hasty hopes and mistaken applications to the most recent events with which I spoiled my first book, the great Dionysian question mark placed in it remains. This also applies to music: what would music have to be like if, instead of having a romantic origin like German music, it had a Dionysian origin?…
An Attempt at Self-Criticism, Section 7
—Aber, mein Herr, was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr Buch Romantik ist? Lässt sich der tiefe Hass gegen „Jetztzeit“, „Wirklichkeit“ und „moderne Ideen“ weiter treiben, als es in Ihrer Artisten-Metaphysik geschehen ist?—welche lieber noch an das Nichts, lieber noch an den Teufel, als an das „Jetzt“ glaubt? Brummt nicht ein Grundbass von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer contrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verführerei hinweg, eine wüthende Entschlossenheit gegen Alles, was „jetzt“ ist, ein Wille, welcher nicht gar zu ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen scheint „lieber mag Nichts wahr sein, als dass ihr Recht hättet, als dass eure Wahrheit Recht behielte!“ Hören Sie selbst, mein Herr Pessimist und Kunstvergöttlicher, mit aufgeschlossnerem Ohre eine einzige ausgewählte Stelle Ihres Buches an, jene nicht unberedte Drachentödter-Stelle, welche für junge Ohren und Herzen verfänglich-rattenfängerisch klingen mag: wie? ist das nicht das ächte rechte Romantiker-Bekenntniss von 1830, unter der Maske des Pessimismus von 1850? hinter dem auch schon das übliche Romantiker-Finale präludirt,—Bruch, Zusammenbruch, Rückkehr und Niedersturz vor einem alten Glauben, vor dem alten Gotte… Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht selbst ein Stück Antigriechenthum und Romantik, selbst etwas „ebenso Berauschendes als Benebelndes“, ein Narkotikum jedenfalls, ein Stück Musik sogar, deutscher Musik? Aber man höre:
„Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug in's Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoktrinen des Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen „resolut zu leben“: sollte es nicht nöthig sein, dass der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:
„Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,In's Leben zieh'n die einzigste Gestalt?“
„Sollte es nicht nöthig sein?“… Nein, drei Mal nein! ihr jungen Romantiker: es sollte nicht nöthig sein! Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so endet, nämlich „getröstet“, wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, „metaphysisch getröstet“, kurz, wie Romantiker enden, christlich… Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst des diesseitigen Trostes lernen,—ihr solltet lachen lernen, meine jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt; vielleicht dass ihr darauf hin, als Lachende, irgendwann einmal alle metaphysische Trösterei zum Teufel schickt—und die Metaphysik voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen, der Zarathustra heisst:
„Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
„Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen Anderen fand ich heute stark genug dazu.
„Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger:—
„Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!
„Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr höheren Menschen, lernt mir—lachen!“
Also sprach Zarathustra, vierter Theil S. 87.
—But sir, what in the world is romanticism if your book is not romantic? Could a deep hatred of the “present age,” “reality,” and “modern ideas” be taken any further than in your artist’s metaphysics? It would sooner believe in nothingness, sooner believe in the devil, than in the “now”! Beneath all your contrapuntal art of voices and seduction of the ears, isn’t there a rumbling bass of anger and a desire to destroy? A furious determination against everything that exists “now,” a will not very far from practical nihilism, which seems to say: “Better that nothing should be true than that you should be right, than that your truth should win out!” Listen for yourself, Mr. Pessimist and Worshiper of Art, with a more open ear, to just one selected passage from your book. That eloquent passage about dragon-slayers may sound dangerously like the Pied Piper to young ears and hearts. What? Isn’t it the genuine romantic creed of 1830 under the mask of the pessimism of 1850? And behind it the usual romantic finale is already being sounded: a break, a collapse, a return, and a headlong fall before an old faith, before the old God… What? Isn’t your pessimistic book itself a piece of hostility to the Greeks and a piece of romanticism? Isn’t it itself something “as intoxicating as it is befogging,” a drug in any case, even a piece of music, of German music? But listen:
“Let us imagine a growing generation with this fearlessness of vision, this heroic drive toward the tremendous. Let us imagine the bold stride of these dragon-slayers, the proud daring with which they turn their backs on all the feeble doctrines of optimism, in order to ‘live resolutely,’ wholly and fully. Wouldn’t it be necessary for the tragic person of this culture, as he trains himself for seriousness and terror, to desire a new art, the art of metaphysical comfort, tragedy as the Helen who belongs to him, and to cry out with Faust:
“And shouldn’t I, with all the force of longing,Draw that one and only figure into life?”
“Wouldn’t it be necessary?”… No, three times no, you young romantics: it should not be necessary! But it is very likely that this is how it ends, how you end: “comforted,” as it is written, despite all your training for seriousness and terror, “metaphysically comforted.” In short, as romantics end, as Christians… No! First you should learn the art of comfort in this world. You should learn to laugh, my young friends, if you absolutely insist on remaining pessimists. Perhaps then, as people who laugh, you will one day send all metaphysical comforting to the devil—and metaphysics first of all! Or, to put it in the language of that Dionysian monster called Zarathustra:
“Lift up your hearts, my brothers, high, higher! And don’t forget your legs either! Lift up your legs too, you good dancers, and better still: stand on your heads as well!
“This crown of the laughing man, this crown of roses: I put this crown on myself, I myself pronounced my laughter holy. I found no one else strong enough for that today.
“Zarathustra the dancer, Zarathustra the light one, who waves his wings, ready to fly, waving to all the birds, ready and prepared, blissfully lighthearted:—
“Zarathustra the soothsayer, Zarathustra the truth-laugher, not impatient, not someone who insists on absolutes, someone who loves leaps and leaps to the side: I put this crown on myself!
“This crown of the laughing man, this crown of roses: to you, my brothers, I throw this crown! I pronounced laughter holy: you higher people, learn—to laugh!”
Also sprach Zarathustra, vierter Theil S. 87.
Preface to Richard Wagner
Um mir alle die möglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und Missverständnisse ferne zu halten, zu denen die in dieser Schrift vereinigten Gedanken bei dem eigenthümlichen Character unserer aesthetischen Oeffentlichkeit Anlass geben werden, und um auch die Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen Wonne schreiben zu können, deren Zeichen sie selbst, als das Petrefact guter und erhebender Stunden, auf jedem Blatte trägt, vergegenwärtige ich mir den Augenblick, in dem Sie, mein hochverehrter Freund, diese Schrift empfangen werden: wie Sie, vielleicht nach einer abendlichen Wanderung im Winterschnee, den entfesselten Prometheus auf dem Titelblatte betrachten, meinen Namen lesen und sofort überzeugt sind, dass, mag in dieser Schrift stehen, was da wolle, der Verfasser etwas Ernstes und Eindringliches zu sagen hat, ebenfalls dass er, bei allem, was er sich erdachte, mit Ihnen wie mit einem Gegenwärtigen verkehrte und nur etwas dieser Gegenwart Entsprechendes niederschreiben durfte. Sie werden dabei sich erinnern, dass ich zu gleicher Zeit, als Ihre herrliche Festschrift über Beethoven entstand, das heisst in den Schrecken und Erhabenheiten des eben ausgebrochnen Krieges mich zu diesen Gedanken sammelte. Doch würden diejenigen irren, welche etwa bei dieser Sammlung an den Gegensatz von patriotischer Erregung und aesthetischer Schwelgerei, von tapferem Ernst und heiterem Spiel denken sollten: denen möchte vielmehr, bei einem wirklichen Lesen dieser Schrift, zu ihrem Erstaunen deutlich werden, mit welchem ernsthaft deutschen Problem wir zu thun haben, das von uns recht eigentlich in die Mitte deutscher Hoffnungen, als Wirbel und Wendepunkt hingestellt wird. Vielleicht aber wird es für eben dieselben überhaupt anstössig sein ein aesthetisches Problem so ernst genommen zu sehn, falls sie nämlich in der Kunst nicht mehr als ein lustiges Nebenbei, als ein auch wohl zu missendes Schellengeklingel zum „Ernst des Daseins“ zu erkennen im Stande sind: als ob Niemand wüsste, was es bei dieser Gegenüberstellung mit einem solchen „Ernste des Daseins“ auf sich habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung, dass ich von der Kunst als der höchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Thätigkeit dieses Lebens im Sinne des Mannes überzeugt bin, dem ich hier, als meinem erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, diese Schrift gewidmet haben will.
Basel, Ende des Jahres 1871.
The thoughts brought together in this book will give rise to every sort of concern, agitation, and misunderstanding, given the peculiar character of our public discussion of art. To keep all that at a distance, and to write these opening words with the same joy of contemplation whose mark they themselves bear on every page, as the petrified trace of good and uplifting hours, I picture the moment when you, my deeply respected friend, receive it. Perhaps after an evening walk through the winter snow, you look at the unbound Prometheus on the title page and read my name. You immediately feel sure that, whatever this book may contain, its author has something serious and urgent to say. You are equally sure that, in everything he thought out, he conversed with you as if you were present, and could write down only something that answered to that presence. You will remember that I gathered my thoughts on these matters at the same time that you were writing your magnificent commemorative essay on Beethoven. That is, amid the terrors and grandeurs of the war that had just broken out. But anyone who thinks this gathering of thoughts set patriotic excitement against aesthetic self-indulgence, or brave seriousness against cheerful play, would be mistaken. If such people actually read this book, they may instead discover to their surprise how seriously German the problem we are dealing with is. We place it right at the center of German hopes, as their vortex and turning point. Yet these same people may find it altogether offensive to see an aesthetic problem taken so seriously. That is, if they can see in art nothing more than an amusing sideline, a jingling of bells that one could easily do without, alongside the “seriousness of existence.” As if no one knew what such a “seriousness of existence” amounts to when this contrast is made! For the instruction of these serious people, let me say that I am convinced that art is the highest task and the truly metaphysical activity of this life, in the sense of the man to whom I here dedicate this book as my lofty forerunner and champion on this path.
Basel, end of the year 1871.
Section 1
Wir werden viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen haben, wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit der Anschauung gekommen sind, dass die Fortentwickelung der Kunst an die Duplicität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden ist: in ähnlicher Weise, wie die Generation von der Zweiheit der Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe und nur periodisch eintretender Versöhnung, abhängt. Diese Namen entlehnen wir von den Griechen, welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung zwar nicht in Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten ihrer Götterwelt dem Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knüpft sich unsere Erkenntniss, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht: beide so verschiedne Triebe gehen neben einander her, zumeist im offnen Zwiespalt mit einander und sich gegenseitig zu immer neuen kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuiren, den das gemeinsame Wort „Kunst“ nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen „Willens“, mit einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen.
Um uns jene beiden Triebe näher zu bringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender Gegensatz, wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu bemerken ist. Im Traume traten zuerst, nach der Vorstellung des Lucretius, die herrlichen Göttergestalten vor die Seelen der Menschen, im Traume sah der grosse Bildner den entzückenden Gliederbau übermenschlicher Wesen, und der hellenische Dichter, um die Geheimnisse der poetischen Zeugung befragt, würde ebenfalls an den Traum erinnert und eine ähnliche Belehrung gegeben haben, wie sie Hans Sachs in den Meistersingern giebt:
Mein Freund, das grad’ ist Dichters Werk,dass er sein Träumen deut’ und merk’.Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahnwird ihm im Traume aufgethan:all’ Dichtkunst und Poëtereiist nichts als Wahrtraum-Deuterei.
Der schöne Schein der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch voller Künstler ist, ist die Voraussetzung aller bildenden Kunst, ja auch, wie wir sehen werden, einer wichtigen Hälfte der Poesie. Wir geniessen im unmittelbaren Verständnisse der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns, es giebt nichts Gleichgültiges und Unnöthiges. Bei dem höchsten Leben dieser Traumwirklichkeit haben wir doch noch die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins: wenigstens ist dies meine Erfahrung, für deren Häufigkeit, ja Normalität, ich manches Zeugniss und die Aussprüche der Dichter beizubringen hätte. Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgefühl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, dass also auch sie ein Schein sei; und Schopenhauer bezeichnet geradezu die Gabe, dass Einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge als blosse Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer Befähigung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält sich der künstlerisch erregbare Mensch zur Wirklichkeit des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht etwa nur die angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständigkeit an sich erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die bänglichen Erwartungen, kurz die ganze „göttliche Komödie“ des Lebens, mit dem Inferno, zieht an ihm vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel—denn er lebt und leidet mit in diesen Scenen—und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des Scheins; und vielleicht erinnert sich Mancher, gleich mir, in den Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermuthigend und mit Erfolg zugerufen zu haben: „Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter träumen!“ Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die Causalität eines und desselben Traumes über drei und mehr aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im Stande waren: Thatsachen, welche deutlich Zeugniss dafür abgeben, dass unser innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger Nothwendigkeit den Traum an sich erfährt.
Diese freudige Nothwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von den Griechen in ihrem Apollo ausgedrückt worden: Apollo, als der Gott aller bildnerischen Kräfte, ist zugleich der wahrsagende Gott. Er, der seiner Wurzel nach der „Scheinende“, die Lichtgottheit ist, beherrscht auch den schönen Schein der inneren Phantasie-Welt. Die höhere Wahrheit, die Vollkommenheit dieser Zustände im Gegensatz zu der lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit, sodann das tiefe Bewusstsein von der in Schlaf und Traum heilenden und helfenden Natur ist zugleich das symbolische Analogon der wahrsagenden Fähigkeit und überhaupt der Künste, durch die das Leben möglich und lebenswerth gemacht wird. Aber auch jene zarte Linie, die das Traumbild nicht überschreiten darf, um nicht pathologisch zu wirken, widrigenfalls der Schein als plumpe Wirklichkeit uns betrügen würde—darf nicht im Bilde des Apollo fehlen: jene maassvolle Begrenzung, jene Freiheit von den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe des Bildnergottes. Sein Auge muss „sonnenhaft“, gemäss seinem Ursprunge, sein; auch wenn es zürnt und unmuthig blickt, liegt die Weihe des schönen Scheines auf ihm. Und so möchte von Apollo in einem excentrischen Sinne das gelten, was Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen sagt. Welt als Wille und Vorstellung I S. 416: „Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis“. Ja es wäre von Apollo zu sagen, dass in ihm das unerschütterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen des in ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und man möchte selbst Apollo als das herrliche Götterbild des principii individuationis bezeichnen, aus dessen Gebärden und Blicken die ganze Lust und Weisheit des „Scheines“, sammt seiner Schönheit, zu uns spräche.
An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er plötzlich an den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sanct-Johann- und Sanct-Veittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. Es giebt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von „Volkskrankheiten“, spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre „Gesundheit“ sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust.
Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das Beethoven’sche Jubellied der „Freude“ in ein Gemälde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkür oder „freche Mode“ zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich Jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnissvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlägen des dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: „Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schöpfer, Welt?“—
We will have gained a great deal for the science of aesthetics once we reach not just a logical understanding but the direct certainty of seeing this: art’s continuing development depends on the duality of the Apollonian and the Dionysian. In much the same way, reproduction depends on the two sexes, with their constant struggle and reconciliation only at intervals. We take these names from the Greeks. The Greeks made the profound secret teachings of their understanding of art accessible to anyone with insight, not through concepts, but through the strikingly clear figures of their gods. Our recognition is tied to their two gods of art, Apollo and Dionysus. In the Greek world, the image-maker’s art, the Apollonian, and the imageless art of music, the art of Dionysus, stand enormously opposed in origin and aims. These two very different drives move alongside each other, usually in open conflict. They provoke each other into ever new and more powerful creations, which carry on the struggle between these opposites. The shared word “art” only seems to bridge that struggle. At last, through a miraculous metaphysical act of the Greek “will,” they appear paired together. In that pairing they finally produce Attic tragedy, a work of art that is as Dionysian as it is Apollonian.
To bring these two drives closer to us, let us first imagine them as the separate art worlds of dreaming and intoxication. Between these physiological phenomena we can observe a contrast corresponding to the one between the Apollonian and the Dionysian. According to Lucretius, it was in dreams that the splendid figures of the gods first appeared to human souls. In dreams the great sculptor saw the delightful bodily forms of superhuman beings. Asked about the secrets of poetic creation, the Greek poet would likewise have pointed to dreams. He would have given much the same instruction as Hans Sachs gives in The Mastersingers:
My friend, that is exactly the poet’s work:To note and interpret his dreaming.Believe me, a person’s truest illusionIs revealed to him in a dream:All the art and craft of poetryIs nothing but interpreting true dreams.
The beautiful semblance of dream worlds, which every person creates as a complete artist, is the precondition of all visual art. It is also, as we will see, the precondition of an important half of poetry. We enjoy these forms through direct understanding. Every shape speaks to us; nothing is unimportant or unnecessary. Even when this dream reality is most alive, we still have a glimmering sense of its being semblance. At least that is my experience. I could offer much evidence, including statements by poets, that it is frequent, indeed normal. The philosophical person even suspects that beneath this reality in which we live and exist, a second, quite different reality is hidden, so that this reality too is a semblance. Schopenhauer actually identifies the gift of sometimes seeing people and all things as mere phantoms or dream images as the mark of philosophical ability. The person responsive to art relates to the reality of dreams as the philosopher relates to the reality of existence. He watches closely and gladly. From these images he interprets life for himself; through these events he practices for life. It is not just pleasant, friendly images that he experiences with this complete understanding. Serious, gloomy, sad, and dark things, sudden obstacles, the teasing tricks of chance, anxious expectations—in short, the whole “divine comedy” of life, including the Inferno—pass before him. And not just like a shadow play, since he lives and suffers along with these scenes. Yet that fleeting sense of semblance is still there. Perhaps some people, like me, remember that in the dangers and terrors of a dream they have sometimes called out to themselves, taking courage, and with success: “It is a dream! I want to keep dreaming it!” I have also been told of people able to continue the causal sequence of one and the same dream over three or more consecutive nights. These facts clearly show that our innermost being, the shared foundation of us all, experiences dreaming with deep pleasure and joyful necessity.
The Greeks also expressed this joyful necessity of dreaming in their Apollo. Apollo, as the god of all image-making powers, is also the god of prophecy. The root meaning of his name makes him the “shining one,” the god of light. He also rules over the beautiful semblance of the inner world of imagination. The higher truth and perfection of these states, compared with the only partly understandable reality of waking life, together with a deep awareness of nature’s healing and helpful power in sleep and dreams, are the symbolic counterpart of the gift of prophecy and of the arts in general, which make life possible and worth living. But the image of Apollo must also include that delicate line the dream image must not cross if it is not to become pathological. Otherwise its semblance would deceive us as crude reality. Apollo must have that measured restraint, that freedom from wilder impulses, that wise calm of the image-making god. His eye must be “sunlike,” in keeping with his origin. Even when it looks angry and displeased, the blessing of beautiful semblance rests on him. And so, in an unusual sense, what Schopenhauer says of the person caught in the veil of Maya might apply to Apollo. Welt als Wille und Vorstellung I S. 416: “Just as, on the raging sea, boundless in every direction, which howls as it raises and lowers mountains of waves, a sailor sits in a boat, trusting the frail vessel, so the individual person sits calmly amid a world of torments, supported by and trusting in the principle of individuation.” Indeed, we could say that Apollo gives the highest expression to unshakable trust in that principle of individuation and to the calm of a person caught in it, sitting at rest. We might even call Apollo the magnificent divine image of the principle of individuation. From his gestures and looks, all the pleasure and wisdom of “semblance,” together with its beauty, would speak to us.
In the same passage, Schopenhauer described the tremendous horror that grips a person who suddenly loses confidence in the forms through which we know appearances, when the principle of sufficient reason seems, in one of its forms, to admit an exception. Add to this horror the blissful ecstasy that rises from the deepest ground of human beings, indeed of nature, when the principle of individuation breaks down in the same way. Then we gain a glimpse into the nature of the Dionysian. The analogy of intoxication brings it closest to us. Under the influence of the intoxicating drink celebrated in hymns by all early humans and peoples, or with the mighty approach of spring, which fills all nature with pleasure, those Dionysian impulses awaken. As they grow stronger, the subjective element fades into complete self-forgetfulness. In the German Middle Ages too, ever-growing crowds driven by the same Dionysian power surged from place to place, singing and dancing. In these dancers of Saint John and Saint Vitus we recognize the Greeks’ Bacchic choruses, whose earlier history leads back through Asia Minor to Babylon and the orgiastic Sacaea festivals. Some people, through lack of experience or dullness, turn away from such phenomena as if from “epidemic diseases.” Feeling healthy themselves, they respond with mockery or pity. The poor things have no idea how corpse-pale and ghostly this very “health” of theirs looks when the glowing life of Dionysian enthusiasts rushes past them.
Under the spell of the Dionysian, the bond between one human being and another is not simply renewed. Nature too, alienated, hostile, or subjugated, once again celebrates her reconciliation with her lost son, humanity. The earth freely offers its gifts, and the beasts of prey from the rocks and deserts approach peacefully. The chariot of Dionysus is covered with flowers and garlands. Panthers and tigers walk beneath his yoke. Turn Beethoven’s jubilant song of “Joy” into a painting, and do not let your imagination fall short when the millions sink into the dust in awe: then you can approach the Dionysian. Now the slave is a free man. Now all the rigid, hostile boundaries that necessity, arbitrary power, or “impudent fashion” set up between people break apart. Now, with this gospel of universal harmony, everyone feels not merely united, reconciled, and fused with his neighbor, but one with him. It is as if the veil of Maya had been torn apart and were fluttering in shreds before the mysterious primal unity. Through singing and dancing, people express their membership in a higher community. They have forgotten how to walk and speak and are on their way to dancing up into the air. Their gestures speak of enchantment. Just as animals now speak and the earth gives milk and honey, something supernatural also sounds out from them. Each person feels like a god, and now moves in the same ecstasy and elevation as the gods he saw moving in dreams. The human being is no longer an artist, but has become a work of art. Here, in the shudders of intoxication, the artistic power of all nature reveals itself, to the highest, most blissful satisfaction of the primal unity. The noblest clay and the most precious marble, the human being, is kneaded and carved here. The cry of the Eleusinian mysteries sounds out to the chisel strokes of the Dionysian world-artist: “Do you fall to the ground, you millions? Do you sense the creator, world?”—
Section 2
Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als künstlerische Mächte betrachtet, die aus der Natur selbst, ohne Vermittelung des menschlichen Künstlers, hervorbrechen, und in denen sich ihre Kunsttriebe zunächst und auf directem Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellectuellen Höhe oder künstlerischen Bildung des Einzelnen ist, andererseits als rauschvolle Wirklichkeit, die wiederum des Einzelnen nicht achtet, sondern sogar das Individuum zu vernichten und durch eine mystische Einheitsempfindung zu erlösen sucht. Diesen unmittelbaren Kunstzuständen der Natur gegenüber ist jeder Künstler „Nachahmer“, und zwar entweder apollinischer Traumkünstler oder dionysischer Rauschkünstler oder endlich—wie beispielweise in der griechischen Tragödie—zugleich Rausch- und Traumkünstler: als welchen wir uns etwa zu denken haben, wie er, in der dionysischen Trunkenheit und mystischen Selbstentäusserung, einsam und abseits von den schwärmenden Chören niedersinkt und wie sich ihm nun, durch apollinische Traumeinwirkung, sein eigener Zustand d. h. seine Einheit mit dem innersten Grunde der Welt in einem gleichnissartigen Traumbilde offenbart.
Nach diesen allgemeinen Voraussetzungen und Gegenüberstellungen nahen wir uns jetzt den Griechen, um zu erkennen, in welchem Grade und bis zu welcher Höhe jene Kunsttriebe der Natur in ihnen entwickelt gewesen sind: wodurch wir in den Stand gesetzt werden, das Verhältniss des griechischen Künstlers zu seinen Urbildern, oder, nach dem aristotelischen Ausdrucke, „die Nachahmung der Natur“ tiefer zu verstehn und zu würdigen. Von den Träumen der Griechen ist trotz aller Traumlitteratur derselben und zahlreichen Traumanecdoten nur vermuthungsweise, aber doch mit ziemlicher Sicherheit zu sprechen: bei der unglaublich bestimmten und sicheren plastischen Befähigung ihres Auges, sammt ihrer hellen und aufrichtigen Farbenlust, wird man sich nicht entbrechen können, zur Beschämung aller Spätergeborenen, auch für ihre Träume eine logische Causalität der Linien und Umrisse, Farben und Gruppen, eine ihren besten Reliefs ähnelnde Folge der Scenen vorauszusetzen, deren Vollkommenheit uns, wenn eine Vergleichung möglich wäre, gewiss berechtigen würde, die träumenden Griechen als Homere und Homer als einen träumenden Griechen zu bezeichnen: in einem tieferen Sinne als wenn der moderne Mensch sich hinsichtlich seines Traumes mit Shakespeare zu vergleichen wagt.
Dagegen brauchen wir nicht nur vermuthungsweise zu sprechen, wenn die ungeheure Kluft aufgedeckt werden soll, welche die dionysischen Griechen von den dionysischen Barbaren trennt. Aus allen Enden der alten Welt—um die neuere hier bei Seite zu lassen—von Rom bis Babylon können wir die Existenz dionysischer Feste nachweisen, deren Typus sich, besten Falls, zu dem Typus der griechischen verhält, wie der bärtige Satyr, dem der Bock Namen und Attribute verlieh, zu Dionysus selbst. Fast überall lag das Centrum dieser Feste in einer überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen über jedes Familienthum und dessen ehrwürdige Satzungen hinweg flutheten; gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche „Hexentrank“ erschienen ist. Gegen die fieberhaften Regungen jener Feste, deren Kenntniss auf allen Land- und Seewegen zu den Griechen drang, waren sie, scheint es, eine Zeit lang völlig gesichert und geschützt durch die hier in seinem ganzen Stolz sich aufrichtende Gestalt des Apollo, der das Medusenhaupt keiner gefährlicheren Macht entgegenhalten konnte als dieser fratzenhaft ungeschlachten dionysischen. Es ist die dorische Kunst, in der sich jene majestätisch-ablehnende Haltung des Apollo verewigt hat. Bedenklicher und sogar unmöglich wurde dieser Widerstand, als endlich aus der tiefsten Wurzel des Hellenischen heraus sich ähnliche Triebe Bahn brachen: jetzt beschränkte sich das Wirken des delphischen Gottes darauf, dem gewaltigen Gegner durch eine zur rechten Zeit abgeschlossene Versöhnung die vernichtenden Waffen aus der Hand zu nehmen. Diese Versöhnung ist der wichtigste Moment in der Geschichte des griechischen Cultus: wohin man blickt, sind die Umwälzungen dieses Ereignisses sichtbar. Es war die Versöhnung zweier Gegner, mit scharfer Bestimmung ihrer von jetzt ab einzuhaltenden Grenzlinien und mit periodischer Uebersendung von Ehrengeschenken; im Grunde war die Kluft nicht überbrückt. Sehen wir aber, wie sich unter dem Drucke jenes Friedensschlusses die dionysische Macht offenbarte, so erkennen wir jetzt, im Vergleiche mit jenen babylonischen Sakäen und ihrem Rückschritte des Menschen zum Tiger und Affen, in den dionysischen Orgien der Griechen die Bedeutung von Welterlösungsfesten und Verklärungstagen. Erst bei ihnen erreicht die Natur ihren künstlerischen Jubel, erst bei ihnen wird die Zerreissung des principii individuationis ein künstlerisches Phänomen. Jener scheussliche Hexentrank aus Wollust und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nur die wundersame Mischung und Doppelheit in den Affecten der dionysischen Schwärmer erinnert an ihn—wie Heilmittel an tödtliche Gifte erinnern—, jene Erscheinung, dass Schmerzen Lust erwecken, dass der Jubel der Brust qualvolle Töne entreisst. Aus der höchsten Freude tönt der Schrei des Entsetzens oder der sehnende Klagelaut über einen unersetzlichen Verlust. In jenen griechischen Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug der Natur hervor, als ob sie über ihre Zerstückelung in Individuen zu seufzen habe. Der Gesang und die Gebärdensprache solcher zwiefach gestimmter Schwärmer war für die homerisch-griechische Welt etwas Neues und Unerhörtes: und insbesondere erregte ihr die dionysische Musik Schrecken und Grausen. Wenn die Musik scheinbar bereits als eine apollinische Kunst bekannt war, so war sie dies doch nur, genau genommen, als Wellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellung apollinischer Zustände entwickelt wurde. Die Musik des Apollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nur angedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind. Behutsam ist gerade das Element, als unapollinisch, ferngehalten, das den Charakter der dionysischen Musik und damit der Musik überhaupt ausmacht, die erschütternde Gewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos und die durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. Im dionysischen Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner symbolischen Fähigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drängt sich zur Aeusserung, die Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als Genius der Gattung, ja der Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur symbolisch ausdrücken; eine neue Welt der Symbole ist nöthig, einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Kräfte, die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie, plötzlich ungestüm. Um diese Gesammtentfesselung aller symbolischen Kräfte zu fassen, muss der Mensch bereits auf jener Höhe der Selbstentäusserung angelangt sein, die in jenen Kräften sich symbolisch aussprechen will: der dithyrambische Dionysusdiener wird somit nur von Seinesgleichen verstanden! Mit welchem Erstaunen musste der apollinische Grieche auf ihn blicken! Mit einem Erstaunen, das um so grösser war, als sich ihm das Grausen beimischte, dass ihm jenes Alles doch eigentlich so fremd nicht sei, ja dass sein apollinisches Bewusstsein nur wie ein Schleier diese dionysische Welt vor ihm verdecke.
So far we have considered the Apollonian and its opposite, the Dionysian, as artistic powers that break out of nature itself, without the human artist acting as a go-between. In them, nature’s artistic drives find their first, direct satisfaction. On the one hand there is the world of dream images, whose perfection has no connection with an individual’s intellectual level or artistic education. On the other there is the reality of intoxication, which likewise pays no attention to the individual. Indeed, it seeks to destroy the individual and redeem him through a mystical feeling of oneness. In relation to these immediate artistic states of nature, every artist is an “imitator.” He is either an Apollonian artist of dreams or a Dionysian artist of intoxication, or finally—as in Greek tragedy, for example—an artist of both intoxication and dreams. We might imagine this last artist sinking down alone, apart from the ecstatic choruses, in Dionysian drunkenness and mystical self-abandonment. Then, through the influence of Apollonian dreaming, his own condition—his oneness with the innermost ground of the world—is revealed to him in a symbolic dream image.
After these general assumptions and contrasts, we now approach the Greeks. We want to recognize to what degree and to what height these artistic drives of nature had developed in them. This will enable us to understand and appreciate more deeply the Greek artist’s relationship to his original models, or, in Aristotle’s expression, “the imitation of nature.” Despite all the Greeks’ literature about dreams and their many dream anecdotes, we can speak of their dreams only by conjecture, though still with considerable confidence. Their eye had an unbelievably precise and sure gift for visual form, along with a bright, straightforward pleasure in color. We cannot help assuming, to the shame of everyone born later, that their dreams too had a logical causal order of lines and outlines, colors and groups, and a sequence of scenes resembling their finest relief sculptures. If comparison were possible, the perfection of these dreams would certainly justify calling the dreaming Greeks Homers and Homer a dreaming Greek. This would be true in a deeper sense than when a modern person dares to compare himself with Shakespeare on the subject of his own dreams.
By contrast, we need not speak merely by conjecture when revealing the enormous gulf separating the Dionysian Greeks from the Dionysian barbarians. From every corner of the ancient world—leaving the modern world aside here—from Rome to Babylon, we can show that Dionysian festivals existed. At best, their character compares with that of the Greek festivals as the bearded satyr, who received his name and attributes from the goat, compares with Dionysus himself. Almost everywhere, these festivals centered on extravagant sexual license, whose waves swept over all family life and its respected rules. The wildest beasts of nature were unleashed here, reaching that disgusting mixture of lust and cruelty that has always seemed to me the true “witches’ brew.” News of these festivals reached the Greeks by every land and sea route. For a time, it seems, they were entirely protected and secured against the festivals’ feverish impulses by the figure of Apollo, standing here in all his pride. There was no more dangerous power against which he could hold up the head of Medusa than this grotesque, uncouth Dionysian power. Doric art made this majestic, rejecting posture of Apollo permanent. Resistance became more doubtful, even impossible, when similar drives finally broke out from the deepest roots of Greek life itself. Now the Delphic god’s action was limited to taking the destructive weapons out of his mighty opponent’s hand through a timely reconciliation. This reconciliation is the most important moment in the history of Greek worship. Wherever we look, the changes brought about by this event are visible. It was a reconciliation between two opponents, with a sharp definition of the boundaries they must now observe, and with periodic exchanges of gifts of honor. At bottom, the gulf had not been bridged. But if we look at how Dionysian power revealed itself under the pressure of this peace settlement, we now recognize what the Greeks’ Dionysian orgies meant. Compared with the Babylonian Sacaea festivals and their regression of humanity to the tiger and the ape, they were festivals of the world’s deliverance and days of transfiguration. Only with the Greeks does nature reach its artistic jubilation; only with them does the tearing apart of the principle of individuation become an artistic phenomenon. That horrible witches’ brew of lust and cruelty had no power here. Only the strange mixture and doubleness in the emotions of Dionysian enthusiasts recall it—as medicines recall deadly poisons. This is the phenomenon in which pain awakens pleasure and jubilation tears sounds of agony from the chest. Out of the highest joy comes a scream of horror or a longing lament for an irreplaceable loss. In these Greek festivals, a sentimental side of nature seems to break out, as if nature had to sigh over being broken into individuals. The song and body language of these enthusiasts, with their twofold mood, were new and unheard-of to the Homeric Greek world. In particular, Dionysian music filled that world with terror and horror. Music may already have seemed familiar as an Apollonian art, but strictly speaking, it was known only as the wave-like beat of rhythm. Rhythm’s power to shape forms had been developed to represent Apollonian states. Apollo’s music was Doric architecture in sounds, but in sounds only hinted at, like those of the cithara. Precisely the element that makes up the character of Dionysian music, and therefore of music in general, is carefully kept away as un-Apollonian: the shattering power of sound, the unified flow of melody, and the completely incomparable world of harmony. In the Dionysian dithyramb, human beings are driven to develop all their symbolic abilities to their highest intensity. Something never felt before presses for expression: the destruction of the veil of Maya, oneness as the spirit of the species, indeed of nature. Now the essence of nature must express itself symbolically. A new world of symbols is needed. First comes the full symbolism of the body, not just the symbolism of the mouth, face, and words, but the complete gesture of dance, moving every limb rhythmically. Then the other symbolic powers, those of music, suddenly grow with wild force in rhythm, dynamics, and harmony. To grasp this total unleashing of all symbolic powers, a person must already have reached that height of self-abandonment that seeks symbolic expression through these powers. Thus the dithyrambic servant of Dionysus is understood only by his own kind! How astonished the Apollonian Greek must have been to look at him! His astonishment was all the greater because it was mixed with the horror of realizing that all this was not really so foreign to him after all. Indeed, his Apollonian consciousness only covered this Dionysian world from his sight like a veil.
Section 3
Um dies zu begreifen, müssen wir jenes kunstvolle Gebäude der apollinischen Cultur gleichsam Stein um Stein abtragen, bis wir die Fundamente erblicken, auf die es begründet ist. Hier gewahren wir nun zuerst die herrlichen olympischen Göttergestalten, die auf den Giebeln dieses Gebäudes stehen, und deren Thaten in weithin leuchtenden Reliefs dargestellt seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch Apollo steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch einer ersten Stellung, so dürfen wir uns dadurch nicht beirren lassen. Derselbe Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat überhaupt jene ganze olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als Vater derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedürfniss, aus dem eine so leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang?
Wer, mit einer anderen Religion im Herzen, an diese Olympier herantritt und nun nach sittlicher Höhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung, nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmuthig und enttäuscht ihnen bald den Rücken kehren müssen. Hier erinnert nichts an Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein üppiges, ja triumphirendes Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergöttlicht ist, gleichviel ob es gut oder böse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem phantastischen Ueberschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im Leibe diese übermüthigen Menschen das Leben genossen haben mögen, dass, wohin sie sehen, Helena, das „in süsser Sinnlichkeit schwebende“ Idealbild ihrer eignen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereits rückwärts gewandten Beschauer müssen wir aber zurufen: „Geh’ nicht von dannen, sondern höre erst, was die griechische Volksweisheit von diesem selben Leben aussagt, das sich hier mit so unerklärlicher Heiterkeit vor dir ausbreitet. Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: „Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich—bald zu sterben“.
Wie verhält sich zu dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt? Wie die entzückungsreiche Vision des gefolterten Märtyrers zu seinen Peinigungen.
Jetzt öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt leben zu können, musste er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes ungeheure Misstrauen gegen die titanischen Mächte der Natur, jene über allen Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira, jener Geier des grossen Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckensloos des weisen Oedipus, jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt, kurz jene ganze Philosophie des Waldgottes, sammt ihren mythischen Exempeln, an der die schwermüthigen Etrurier zu Grunde gegangen sind—wurde von den Griechen durch jene künstlerische Mittelwelt der Olympier fortwährend von Neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem Anblick entzogen. Um leben zu können, mussten die Griechen diese Götter, aus tiefster Nöthigung, schaffen: welchen Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, dass aus der ursprünglichen titanischen Götterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen Schönheitstrieb in langsamen Uebergängen die olympische Götterordnung der Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebüsch hervorbrechen. Wie anders hätte jenes so reizbar empfindende, so ungestüm begehrende, zum Leiden so einzig befähigte Volk das Dasein ertragen können, wenn ihm nicht dasselbe, von einer höheren Glorie umflossen, in seinen Göttern gezeigt worden wäre. Derselbe Trieb, der die Kunst in’s Leben ruft, als die zum Weiterleben verführende Ergänzung und Vollendung des Daseins, liess auch die olympische Welt entstehn, in der sich der hellenische „Wille“ einen verklärenden Spiegel vorhielt. So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst leben—die allein genügende Theodicee! Das Dasein unter dem hellen Sonnenscheine solcher Götter wird als das an sich Erstrebenswerthe empfunden, und der eigentliche Schmerz der homerischen Menschen bezieht sich auf das Abscheiden aus ihm, vor allem auf das baldige Abscheiden: so dass man jetzt von ihnen, mit Umkehrung der silenischen Weisheit, sagen könnte, „das Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben, das Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben“. Wenn die Klage einmal ertönt, so klingt sie wieder vom kurzlebenden Achilles, von dem blättergleichen Wechsel und Wandel des Menschengeschlechts, von dem Untergang der Heroenzeit. Es ist des grössten Helden nicht unwürdig, sich nach dem Weiterleben zu sehnen, sei es selbst als Tagelöhner. So ungestüm verlangt, auf der apollinischen Stufe, der „Wille“ nach diesem Dasein, so eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, dass selbst die Klage zu seinem Preisliede wird.
Hier muss nun ausgesprochen werden, dass diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das Kunstwort „naiv“ in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Cultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen müssten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil Rousseau’s sich auch als Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden zu haben wähnte. Wo uns das „Naive“ in der Kunst begegnet, haben wir die höchste Wirkung der apollinischen Cultur zu erkennen: welche immer erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungethüme zu tödten hat und durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfähigkeit Sieger geworden sein muss. Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar erhaben ist deshalb Homer, der sich, als Einzelner, zu jener apollinischen Volkscultur verhält, wie der einzelne Traumkünstler zur Traumbefähigung des Volks und der Natur überhaupt. Die homerische „Naivetät“ ist nur als der vollkommene Sieg der apollinischen Illusion zu begreifen: es ist dies eine solche Illusion, wie sie die Natur, zur Erreichung ihrer Absichten, so häufig verwendet. Das wahre Ziel wird durch ein Wahnbild verdeckt: nach diesem strecken wir die Hände aus, und jenes erreicht die Natur durch unsre Täuschung. In den Griechen wollte der „Wille“ sich selbst, in der Verklärung des Genius und der Kunstwelt, anschauen; um sich zu verherrlichen, mussten seine Geschöpfe sich selbst als verherrlichenswerth empfinden, sie mussten sich in einer höheren Sphäre wiedersehn, ohne dass diese vollendete Welt der Anschauung als Imperativ oder als Vorwurf wirkte. Dies ist die Sphäre der Schönheit, in der sie ihre Spiegelbilder, die Olympischen, sahen. Mit dieser Schönheitsspiegelung kämpfte der hellenische „Wille“ gegen das dem künstlerischen correlative Talent zum Leiden und zur Weisheit des Leidens: und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns, der naive Künstler.
To understand this, we must take down the artful building of Apollonian culture, stone by stone, as it were, until we see the foundations on which it rests. The first things we notice are the magnificent figures of the Olympian gods standing on its pediments. Their deeds, shown in reliefs that shine far into the distance, decorate its friezes. Apollo stands among them as one god beside others, with no claim to first place, but we must not let that confuse us. The same drive that took visible form in Apollo gave birth to this whole Olympian world. In this sense, we may regard Apollo as its father. What enormous need gave rise to so radiant a company of Olympian beings?
Anyone who approaches these Olympians with another religion in his heart, looking for moral elevation, even holiness, for disembodied spirituality, for loving looks full of compassion, will soon have to turn away in disappointment and irritation. Nothing here suggests self-denial, spirituality, or duty. Only a lush, indeed triumphant existence speaks to us here, in which everything that exists is made divine, whether good or evil. The observer may stand quite taken aback before this fantastic overflow of life. He may ask with what magic potion in their bodies these high-spirited people must have enjoyed life, so that wherever they look, Helen smiles back at them, the ideal image of their own existence, “floating in sweet sensuality.” But we must call out to this observer, who has already turned to leave: “Do not go away. First listen to what Greek folk wisdom says about this very life, which spreads before you here with such inexplicable cheerfulness. The old story goes that King Midas hunted for a long time in the forest for the wise Silenus, companion of Dionysus, without catching him. When Silenus finally fell into his hands, the king asked what was the very best and most excellent thing for human beings. Stiff and motionless, the daemon remained silent. At last, forced by the king, he broke into shrill laughter and these words: ‘Wretched creatures of a day, children of chance and toil, why do you force me to tell you what it would be most beneficial for you not to hear? The very best thing is completely beyond your reach: not to have been born, not to be, to be nothing. But the second best thing for you is—to die soon.’”
How does the Olympian world of gods relate to this folk wisdom? As a tortured martyr’s ecstatic vision relates to his torments.
Now the enchanted mountain of Olympus seems to open up and show us its roots. The Greek knew and felt the terrors and horrors of existence. To be able to live at all, he had to place before them the shining dream creation of the Olympians. There was that enormous distrust of the Titanic powers of nature; Moira, mercilessly enthroned above all knowledge; the vulture of Prometheus, the great friend of humanity; the terrible fate of wise Oedipus; the ancestral curse of the house of Atreus, which forces Orestes to murder his mother. In short, there was the forest god’s entire philosophy, together with its mythical examples, which brought the melancholy Etruscans to ruin. Through the Olympians, that artistic world in between, the Greeks continually overcame it anew, or at least covered it up and removed it from sight. Out of the deepest necessity, the Greeks had to create these gods in order to live. We should probably imagine the process like this: from the original Titanic order of gods, an order of terror, the Apollonian drive for beauty gradually developed the Olympian order of gods, an order of joy, as roses burst out of a thornbush. How else could this people, so sensitive, so fiercely desiring, so uniquely capable of suffering, have endured existence if it had not been shown to them in their gods, surrounded by a higher glory? The same drive that calls art into life, as the supplement and completion of existence that tempts us to keep living, also brought the Olympian world into being. In it, the Greek “will” held up to itself a transfiguring mirror. Thus the gods justify human life by living it themselves—the only sufficient justification of God! Existence in the bright sunshine of such gods is felt to be desirable in itself. The real pain of the Homeric people concerns leaving it, above all leaving it soon. Reversing the wisdom of Silenus, we could now say of them: “The very worst thing for them is to die soon, and the second worst is to die at all.” When a lament does sound, it speaks again of short-lived Achilles, of the human race changing and passing like leaves, of the fall of the heroic age. It is not unworthy of the greatest hero to long to keep living, even as a day laborer. At the Apollonian stage, the “will” desires this existence so fiercely, and the Homeric person feels so much at one with it, that even lament becomes a song in its praise.
Here we must make something clear. This harmony, indeed unity, between human beings and nature, which modern people look at with such longing, and for which Schiller established the special term “naive,” is by no means a simple, seemingly unavoidable condition that arises on its own. It is not something we must encounter at the entrance to every culture as a paradise of humanity. Only an age that tried to imagine Rousseau’s Emile as an artist as well, and believed it had found in Homer just such an artist-Emile raised close to nature’s heart, could believe that. Wherever we meet the “naive” in art, we must recognize the highest achievement of Apollonian culture. This culture must always first overthrow an empire of Titans and kill monsters. Through powerful deceptive images and pleasurable illusions, it must have overcome a terrifying depth in its view of the world and an acutely sensitive capacity for suffering. But how rarely the naive is achieved—that complete absorption in the beauty of semblance! How inexpressibly great Homer is, therefore. As an individual, he stands in the same relationship to that Apollonian popular culture as the individual dream-artist stands to the capacity for dreaming of the people and of nature in general. Homeric “naivety” can be understood only as the complete victory of Apollonian illusion. It is the kind of illusion that nature so often uses to achieve its aims. An illusory image hides the true goal. We reach out our hands toward that image, and nature achieves its goal through our deception. In the Greeks, the “will” wanted to look at itself, transfigured in genius and the world of art. To glorify itself, its creatures had to feel that they themselves deserved glorification. They had to see themselves again in a higher sphere, without this perfected world of vision acting as a command or a reproach. This is the sphere of beauty in which they saw their mirror images, the Olympians. With this reflection of beauty, the Greek “will” fought against the talent for suffering and for the wisdom of suffering that went hand in hand with its artistic talent. As the monument to its victory, Homer stands before us, the naive artist.
Section 4
Ueber diesen naiven Künstler giebt uns die Traumanalogie einige Belehrung. Wenn wir uns den Träumenden vergegenwärtigen, wie er, mitten in der Illusion der Traumwelt und ohne sie zu stören, sich zuruft: „es ist ein Traum, ich will ihn weiter träumen“, wenn wir hieraus auf eine tiefe innere Lust des Traumanschauens zu schliessen haben, wenn wir andererseits, um überhaupt mit dieser inneren Lust am Schauen träumen zu können, den Tag und seine schreckliche Zudringlichkeit völlig vergessen haben müssen: so dürfen wir uns alle diese Erscheinungen etwa in folgender Weise, unter der Leitung des traumdeutenden Apollo, interpretiren. So gewiss von den beiden Hälften des Lebens, der wachen und der träumenden Hälfte, uns die erstere als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, würdigere, lebenswerthere, ja allein gelebte dünkt: so möchte ich doch, bei allem Anscheine einer Paradoxie, für jenen geheimnissvollen Grund unseres Wesens, dessen Erscheinung wir sind, gerade die entgegengesetzte Werthschätzung des Traumes behaupten. Je mehr ich nämlich in der Natur jene allgewaltigen Kunsttriebe und in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlöstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich zu der metaphysischen Annahme gedrängt, dass das Wahrhaft-Seiende und Ur-Eine, als das ewig Leidende und Widerspruchsvolle, zugleich die entzückende Vision, den lustvollen Schein, zu seiner steten Erlösung braucht: welchen Schein wir, völlig in ihm befangen und aus ihm bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende d. h. als ein fortwährendes Werden in Zeit, Raum und Causalität, mit anderen Worten, als empirische Realität zu empfinden genöthigt sind. Sehen wir also einmal von unsrer eignen „Realität“ für einen Augenblick ab, fassen wir unser empirisches Dasein, wie das der Welt überhaupt, als eine in jedem Moment erzeugte Vorstellung des Ur-Einen, so muss uns jetzt der Traum als der Schein des Scheins, somit als eine noch höhere Befriedigung der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus diesem selben Grunde hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust an dem naiven Künstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichfalls nur „Schein des Scheins“ ist. Rafael, selbst einer jener unsterblichen „Naiven“, hat uns in einem gleichnissartigen Gemälde jenes Depotenziren des Scheins zum Schein, den Urprozess des naiven Künstlers und zugleich der apollinischen Cultur, dargestellt. In seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hälfte, mit dem besessenen Knaben, den verzweifelnden Trägern, den rathlos geängstigten Jüngern, die Widerspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der Welt: der „Schein“ ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des Vaters der Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer Duft, eine visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im ersten Schein Befangenen nichts sehen—ein leuchtendes Schweben in reinster Wonne und schmerzlosem, aus weiten Augen strahlenden Anschauen. Hier haben wir, in höchster Kunstsymbolik, jene apollinische Schönheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch Intuition, ihre gegenseitige Nothwendigkeit. Apollo aber tritt uns wiederum als die Vergöttlichung des principii individuationis entgegen, in dem allein das ewig erreichte Ziel des Ur-Einen, seine Erlösung durch den Schein, sich vollzieht: er zeigt uns, mit erhabenen Gebärden, wie die ganze Welt der Qual nöthig ist, damit durch sie der Einzelne zur Erzeugung der erlösenden Vision gedrängt werde und dann, ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden Kahne, inmitten des Meeres, sitze.
Diese Vergöttlichung der Individuation kennt, wenn sie überhaupt imperativisch und Vorschriften gebend gedacht wird, nur Ein Gesetz, das Individuum d. h. die Einhaltung der Grenzen des Individuums, das Maass im hellenischen Sinne. Apollo, als ethische Gottheit, fordert von den Seinigen das Maass und, um es einhalten zu können, Selbsterkenntniss. Und so läuft neben der ästhetischen Nothwendigkeit der Schönheit die Forderung des „Erkenne dich selbst“ und des „Nicht zu viel!“ her, während Selbstüberhebung und Uebermaass als die eigentlich feindseligen Dämonen der nicht-apollinischen Sphäre, daher als Eigenschaften der vor-apollinischen Zeit, des Titanenzeitalters, und der ausser-apollinischen Welt d. h. der Barbarenwelt, erachtet wurden. Wegen seiner titanenhaften Liebe zu den Menschen musste Prometheus von den Geiern zerrissen werden, seiner übermässigen Weisheit halber, die das Räthsel der Sphinx löste, musste Oedipus in einen verwirrenden Strudel von Unthaten stürzen: so interpretirte der delphische Gott die griechische Vergangenheit.
„Titanenhaft“ und „barbarisch“ dünkte dem apollinischen Griechen auch die Wirkung, die das Dionysische erregte: ohne dabei sich verhehlen zu können, dass er selbst doch zugleich auch innerlich mit jenen gestürzten Titanen und Heroen verwandt sei. Ja er musste noch mehr empfinden: sein ganzes Dasein mit aller Schönheit und Mässigung ruhte auf einem verhüllten Untergrunde des Leidens und der Erkenntniss, der ihm wieder durch jenes Dionysische aufgedeckt wurde. Und siehe! Apollo konnte nicht ohne Dionysus leben! Das „Titanische“ und das „Barbarische“ war zuletzt eine eben solche Nothwendigkeit wie das Apollinische! Und nun denken wir uns, wie in diese auf den Schein und die Mässigung gebaute und künstlich gedämmte Welt der ekstatische Ton der Dionysusfeier in immer lockenderen Zauberweisen hineinklang, wie in diesen das ganze Uebermaass der Natur in Lust, Leid und Erkenntniss, bis zum durchdringenden Schrei, laut wurde: denken wir uns, was diesem dämonischen Volksgesange gegenüber der psalmodirende Künstler des Apollo, mit dem gespensterhaften Harfenklange, bedeuten konnte! Die Musen der Künste des „Scheins“ verblassten vor einer Kunst, die in ihrem Rausche die Wahrheit sprach, die Weisheit des Silen rief Wehe! Wehe! aus gegen die heiteren Olympier. Das Individuum, mit allen seinen Grenzen und Maassen, ging hier in der Selbstvergessenheit der dionysischen Zustände unter und vergass die apollinischen Satzungen. Das Uebermaass enthüllte sich als Wahrheit, der Widerspruch, die aus Schmerzen geborene Wonne sprach von sich aus dem Herzen der Natur heraus. Und so war, überall dort, wo das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet. Aber eben so gewiss ist, dass dort, wo der erste Ansturm ausgehalten wurde, das Ansehen und die Majestät des delphischen Gottes starrer und drohender als je sich äusserte. Ich vermag nämlich den dorischen Staat und die dorische Kunst mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen zu erklären: nur in einem unausgesetzten Widerstreben gegen das titanisch-barbarische Wesen des Dionysischen konnte eine so trotzig-spröde, mit Bollwerken umschlossene Kunst, eine so kriegsgemässe und herbe Erziehung, ein so grausames und rücksichtsloses Staatswesen von längerer Dauer sein.
Bis zu diesem Punkte ist des Weiteren ausgeführt worden, was ich am Eingange dieser Abhandlung bemerkte: wie das Dionysische und das Apollinische in immer neuen auf einander folgenden Geburten, und sich gegenseitig steigernd das hellenische Wesen beherrscht haben: wie aus dem „erzenen“ Zeitalter, mit seinen Titanenkämpfen und seiner herben Volksphilosophie, sich unter dem Walten des apollinischen Schönheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese „naive“ Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen verschlungen wird, und wie dieser neuen Macht gegenüber sich das Apollinische zur starren Majestät der dorischen Kunst und Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf diese Weise die ältere hellenische Geschichte, im Kampf jener zwei feindseligen Principien, in vier grosse Kunststufen zerfällt: so sind wir jetzt gedrängt, weiter nach dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen, falls uns nicht etwa die letzterreichte Periode, die der dorischen Kunst, als die Spitze und Absicht jener Kunsttriebe gelten sollte: und hier bietet sich unseren Blicken das erhabene und hochgepriesene Kunstwerk der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als das gemeinsame Ziel beider Triebe, deren geheimnissvolles Ehebündniss, nach langem vorhergehenden Kampfe, sich in einem solchen Kinde—das zugleich Antigone und Kassandra ist—verherrlicht hat.
The analogy with dreams teaches us something about this naive artist. Picture a dreamer who, in the middle of the illusion of the dream world and without disturbing it, calls to himself: “It is a dream; I want to keep dreaming it.” From this we must infer a deep inner pleasure in looking at dreams. On the other hand, to dream at all with this inner pleasure in looking, we must have completely forgotten the day and its terrible intrusiveness. Under the guidance of Apollo, the interpreter of dreams, we may explain all these phenomena roughly as follows. Of life’s two halves, waking and dreaming, we certainly think the first far more preferable, important, worthy, and worth living—indeed, the only half really lived. Yet, however paradoxical it may seem, I would assert, for that mysterious ground of our being whose appearance we are, precisely the opposite valuation of the dream. The more I see those all-powerful artistic drives in nature, and in them a passionate longing for semblance, for deliverance through semblance, the more I feel driven to a metaphysical assumption. What truly exists, the primal unity, as that which eternally suffers and is full of contradictions, also needs the enchanting vision, the pleasurable semblance, for its continual deliverance. We, completely caught in this semblance and made up of it, are compelled to experience it as what truly does not exist: that is, as a constant becoming in time, space, and causality, or, in other words, as empirical reality. Let us therefore set aside our own “reality” for a moment. Let us understand our existence as we experience it, and that of the world in general, as a representation produced by the primal unity at every moment. Then we must now regard the dream as the semblance of semblance, and therefore as an even higher satisfaction of the primal desire for semblance. For this same reason, nature’s innermost core takes that indescribable pleasure in the naive artist and the naive artwork, which is likewise only “semblance of semblance.” Raphael, himself one of those immortal “naive” artists, showed us in a symbolic painting how semblance is taken down one level into semblance: the primal process of the naive artist and also of Apollonian culture. In his Transfiguration, the lower half, with the possessed boy, the despairing bearers, and the helpless, frightened disciples, shows us the reflection of eternal primal pain, the world’s only ground. Here “semblance” is the reflection of eternal contradiction, the father of things. Out of this semblance a new, vision-like world of semblance rises like an ambrosial fragrance. Those caught in the first semblance see nothing of it: a radiant floating in the purest bliss and a painless contemplation shining from wide-open eyes. Here, in the highest artistic symbolism, we have before our eyes that Apollonian world of beauty and its foundation, the terrible wisdom of Silenus. Through intuition, we grasp their mutual necessity. But Apollo once again appears to us as the principle of individuation made divine. Only in this principle is the eternally achieved goal of the primal unity, its deliverance through semblance, fulfilled. With grand gestures he shows us how the whole world of torment is needed, so that it drives the individual to produce the vision that delivers him. Then, absorbed in looking at it, the individual sits calmly in his rocking boat in the middle of the sea.
Treating individuation as divine, if we think of this as issuing commands and rules at all, means recognizing only one law: the individual. That means keeping within the individual’s boundaries, measure in the Greek sense. As an ethical god, Apollo demands measure from his followers, and self-knowledge so that they can keep to it. So alongside the aesthetic necessity of beauty run the demands “Know yourself” and “Not too much!” Self-conceit and excess, meanwhile, were regarded as the truly hostile spirits of the non-Apollonian sphere, and therefore as qualities of the pre-Apollonian age, the age of the Titans, and of the world outside the Apollonian, the world of barbarians. Because of his Titanic love for human beings, Prometheus had to be torn apart by vultures. Because of his excessive wisdom, which solved the Sphinx’s riddle, Oedipus had to plunge into a bewildering whirlpool of crimes. This was how the Delphic god interpreted the Greek past.
The Apollonian Greek also thought the effect produced by the Dionysian was “Titanic” and “barbaric.” Yet he could not hide from himself that he was also inwardly related to those overthrown Titans and heroes. Indeed, he had to feel something more: his whole existence, with all its beauty and moderation, rested on a hidden foundation of suffering and knowledge, which the Dionysian revealed to him again. And look! Apollo could not live without Dionysus! The “Titanic” and the “barbaric” were ultimately just as necessary as the Apollonian! Now imagine the ecstatic sound of the Dionysian celebration entering this world built on semblance and moderation and held in check by artifice, in ever more enticing, magical melodies. Imagine all the excess of nature in pleasure, suffering, and knowledge sounding out in them, rising to a piercing scream. What could Apollo’s chanting artist, with his ghostly harp music, amount to beside this demonic song of the people? The Muses of the arts of “semblance” grew pale before an art that spoke the truth in its intoxication. The wisdom of Silenus cried out “Misery! Misery!” against the cheerful Olympians. Here the individual, with all his limits and measures, sank into the self-forgetfulness of Dionysian states and forgot Apollo’s rules. Excess revealed itself as truth. Contradiction, bliss born from pain, spoke of itself from the heart of nature. And so, wherever the Dionysian broke through, the Apollonian was canceled and destroyed. But it is just as certain that wherever the first assault was withstood, the Delphic god’s authority and majesty expressed themselves more rigidly and threateningly than ever. I can explain the Doric state and Doric art only as a permanent armed camp of the Apollonian. Only through unceasing resistance to the Titanic-barbaric nature of the Dionysian could such a defiantly unyielding art, enclosed in fortifications, such a warlike and harsh education, and such a cruel and ruthless state endure for long.
Up to this point, we have developed in more detail what I noted at the beginning of this essay: how the Dionysian and the Apollonian ruled Greek life through ever new, successive births, each intensifying the other. Under the rule of the Apollonian drive for beauty, the Homeric world developed out of the “bronze” age, with its battles of Titans and its harsh folk philosophy. This “naive” splendor was swallowed in turn by the flooding stream of the Dionysian. In opposition to this new power, the Apollonian rose to the rigid majesty of Doric art and its view of the world. In this way, the earlier history of Greece, through the struggle of these two hostile principles, falls into four great artistic stages. Unless we regard the last period reached, the period of Doric art, as the peak and purpose of these artistic drives, we are now pushed to ask further about the ultimate plan behind this becoming and activity. Here the magnificent and highly praised artwork of Attic tragedy and the dramatic dithyramb presents itself to our eyes as the shared goal of both drives. After a long earlier struggle, their mysterious marriage glorified itself in such a child—who is both Antigone and Cassandra.
Section 5
Wir nahen uns jetzt dem eigentlichen Ziele unsrer Untersuchung, die auf die Erkenntniss des dionysisch-apollinischen Genius und seines Kunstwerkes, wenigstens auf das ahnungsvolle Verständniss jenes Einheitsmysteriums gerichtet ist. Hier fragen wir nun zunächst, wo jener neue Keim sich zuerst in der hellenischen Welt bemerkbar macht, der sich nachher bis zur Tragödie und zum dramatischen Dithyrambus entwickelt. Hierüber giebt uns das Alterthum selbst bildlich Aufschluss, wenn es als die Urväter und Fackelträger der griechischen Dichtung Homer und Archilochus auf Bildwerken, Gemmen u.s.w. neben einander stellt, in der sicheren Empfindung, dass nur diese Beiden gleich völlig originalen Naturen, von denen aus ein Feuerstrom auf die gesammte griechische Nachwelt fortfliesse, zu erachten seien. Homer, der in sich versunkene greise Träumer, der Typus des apollinischen, naiven Künstlers, sieht nun staunend den leidenschaftlichen Kopf des wild durch's Dasein getriebenen kriegerischen Musendieners Archilochus: und die neuere Aesthetik wusste nur deutend hinzuzufügen, dass hier dem „objectiven“ Künstler der erste „subjective“ entgegen gestellt sei. Uns ist mit dieser Deutung wenig gedient, weil wir den subjectiven Künstler nur als schlechten Künstler kennen und in jeder Art und Höhe der Kunst vor allem und zuerst Besiegung des Subjectiven, Erlösung vom „Ich“ und Stillschweigen jedes individuellen Willens und Gelüstens fordern, ja ohne Objectivität, ohne reines interesseloses Anschauen nie an die geringste wahrhaft künstlerische Erzeugung glauben können. Darum muss unsre Aesthetik erst jenes Problem lösen, wie der „Lyriker“ als Künstler möglich ist: er, der, nach der Erfahrung aller Zeiten, immer „ich“ sagt und die ganze chromatische Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt. Gerade dieser Archilochus erschreckt uns, neben Homer, durch den Schrei seines Hasses und Hohnes, durch die trunknen Ausbrüche seiner Begierde; ist er, der erste subjectiv genannte Künstler, nicht damit der eigentliche Nichtkünstler? Woher aber dann die Verehrung, die ihm, dem Dichter, gerade auch das delphische Orakel, der Herd der „objectiven“ Kunst, in sehr merkwürdigen Aussprüchen erwiesen hat?
Ueber den Prozess seines Dichtens hat uns Schiller durch eine ihm selbst unerklärliche, doch nicht bedenklich scheinende psychologische Beobachtung Licht gebracht; er gesteht nämlich als den vorbereitenden Zustand vor dem Actus des Dichtens nicht etwa eine Reihe von Bildern, mit geordneter Causalität der Gedanken, vor sich und in sich gehabt zu haben, sondern vielmehr eine musikalische Stimmung („Die Empfindung ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee“). Nehmen wir jetzt das wichtigste Phänomen der ganzen antiken Lyrik hinzu, die überall als natürlich geltende Vereinigung, ja Identität des Lyrikers mit dem Musiker—der gegenüber unsre neuere Lyrik wie ein Götterbild ohne Kopf erscheint—so können wir jetzt, auf Grund unsrer früher dargestellten aesthetischen Metaphysik, uns in folgender Weise den Lyriker erklären. Er ist zuerst, als dionysischer Künstler, gänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden und producirt das Abbild dieses Ur-Einen als Musik, wenn anders diese mit Recht eine Wiederholung der Welt und ein zweiter Abguss derselben genannt worden ist; jetzt aber wird diese Musik ihm wieder wie in einem gleichnissartigen Traumbilde, unter der apollinischen Traumeinwirkung sichtbar. Jener bild- und begrifflose Wiederschein des Urschmerzes in der Musik, mit seiner Erlösung im Scheine, erzeugt jetzt eine zweite Spiegelung, als einzelnes Gleichniss oder Exempel. Seine Subjectivität hat der Künstler bereits in dem dionysischen Prozess aufgegeben: das Bild, das ihm jetzt seine Einheit mit dem Herzen der Welt zeigt, ist eine Traumscene, die jenen Urwiderspruch und Urschmerz, sammt der Urlust des Scheines, versinnlicht. Das „Ich“ des Lyrikers tönt also aus dem Abgrunde des Seins: seine „Subjectivität“ im Sinne der neueren Aesthetiker ist eine Einbildung. Wenn Archilochus, der erste Lyriker der Griechen, seine rasende Liebe und zugleich seine Verachtung den Töchtern des Lykambes kundgiebt, so ist es nicht seine Leidenschaft, die vor uns in orgiastischem Taumel tanzt: wir sehen Dionysus und die Mänaden, wir sehen den berauschten Schwärmer Archilochus zum Schlafe niedergesunken—wie ihn uns Euripides in den Bacchen beschreibt, den Schlaf auf hoher Alpentrift, in der Mittagssonne—: und jetzt tritt Apollo an ihn heran und berührt ihn mit dem Lorbeer. Die dionysisch-musikalische Verzauberung des Schläfers sprüht jetzt gleichsam Bilderfunken um sich, lyrische Gedichte, die in ihrer höchsten Entfaltung Tragödien und dramatische Dithyramben heissen.
Der Plastiker und zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine Anschauen der Bilder versunken. Der dionysische Musiker ist ohne jedes Bild völlig nur selbst Urschmerz und Urwiederklang desselben. Der lyrische Genius fühlt aus dem mystischen Selbstentäusserungs- und Einheitszustande eine Bilder- und Gleichnisswelt hervorwachsen, die eine ganz andere Färbung, Causalität und Schnelligkeit hat als jene Welt des Plastikers und Epikers. Während der Letztgenannte in diesen Bildern und nur in ihnen mit freudigem Behagen lebt und nicht müde wird, sie bis auf die kleinsten Züge hin liebevoll anzuschauen, während selbst das Bild des zürnenden Achilles für ihn nur ein Bild ist, dessen zürnenden Ausdruck er mit jener Traumlust am Scheine geniesst—so dass er, durch diesen Spiegel des Scheines, gegen das Einswerden und Zusammenschmelzen mit seinen Gestalten geschützt ist—, so sind dagegen die Bilder des Lyrikers nichts als er selbst und gleichsam nur verschiedene Objectivationen von ihm, weshalb er als bewegender Mittelpunkt jener Welt „ich“ sagen darf: nur ist diese Ichheit nicht dieselbe, wie die des wachen, empirisch-realen Menschen, sondern die einzige überhaupt wahrhaft seiende und ewige, im Grunde der Dinge ruhende Ichheit, durch deren Abbilder der lyrische Genius bis auf jenen Grund der Dinge hindurchsieht. Nun denken wir uns einmal, wie er unter diesen Abbildern auch sich selbst als Nichtgenius erblickt d.h. sein „Subject“, das ganze Gewühl subjectiver, auf ein bestimmtes, ihm real dünkendes Ding gerichteter Leidenschaften und Willensregungen; wenn es jetzt scheint als ob der lyrische Genius und der mit ihm verbundene Nichtgenius eins wäre und als ob der Erstere von sich selbst jenes Wörtchen „ich“ spräche, so wird uns jetzt dieser Schein nicht mehr verführen können, wie er allerdings diejenigen verführt hat, die den Lyriker als den subjectiven Dichter bezeichnet haben. In Wahrheit ist Archilochus, der leidenschaftlich entbrannte liebende und hassende Mensch nur eine Vision des Genius, der bereits nicht mehr Archilochus, sondern Weltgenius ist und der seinen Urschmerz in jenem Gleichnisse vom Menschen Archilochus symbolisch ausspricht: während jener subjectiv wollende und begehrende Mensch Archilochus überhaupt nie und nimmer Dichter sein kann. Es ist aber gar nicht nöthig, dass der Lyriker gerade nur das Phänomen des Menschen Archilochus vor sich sieht als Wiederschein des ewigen Seins; und die Tragödie beweist, wie weit sich die Visionswelt des Lyrikers von jenem allerdings zunächst stehenden Phänomen entfernen kann.
Schopenhauer, der sich die Schwierigkeit, die der Lyriker für die philosophische Kunstbetrachtung macht, nicht verhehlt hat, glaubt einen Ausweg gefunden zu haben, den ich nicht mit ihm gehen kann, während ihm allein, in seiner tiefsinnigen Metaphysik der Musik, das Mittel in die Hand gegeben war, mit dem jene Schwierigkeit entscheidend beseitigt werden konnte: wie ich dies, in seinem Geiste und zu seiner Ehre, hier gethan zu haben glaube. Dagegen bezeichnet er als das eigenthümliche Wesen des Liedes Folgendes (Welt als Wille und Vorstellung I, S. 295): „Es ist das Subject des Willens, d.h. das eigene Wollen, was das Bewusstsein des Singenden füllt, oft als ein entbundenes, befriedigtes Wollen (Freude), wohl noch öfter aber als ein gehemmtes (Trauer), immer als Affect, Leidenschaft, bewegter Gemüthszustand. Neben diesem jedoch und zugleich damit wird durch den Anblick der umgebenden Natur der Singende sich seiner bewusst als Subjects des reinen, willenlosen Erkennens, dessen unerschütterliche, selige Ruhe nunmehr in Contrast tritt mit dem Drange des immer beschränkten, immer noch dürftigen Wollens: die Empfindung dieses Contrastes, dieses Wechselspieles ist eigentlich, was sich im Ganzen des Liedes ausspricht und was überhaupt den lyrischen Zustand ausmacht. In diesem tritt gleichsam das reine Erkennen zu uns heran, um uns vom Wollen und seinem Drange zu erlösen: wir folgen; doch nur auf Augenblicke: immer von Neuem entreisst das Wollen, die Erinnerung an unsere persönlichen Zwecke, uns der ruhigen Beschauung; aber auch immer wieder entlockt uns dem Wollen die nächste schöne Umgebung, in welcher sich die reine willenlose Erkenntniss uns darbietet. Darum geht im Liede und der lyrischen Stimmung das Wollen (das persönliche Interesse des Zwecks) und das reine Anschauen der sich darbietenden Umgebung wundersam gemischt durch einander: es werden Beziehungen zwischen beiden gesucht und imaginirt; die subjective Stimmung, die Affection des Willens, theilt der angeschauten Umgebung und diese wiederum jener ihre Farbe im Reflex mit: von diesem ganzen so gemischten und getheilten Gemüthszustande ist das ächte Lied der Abdruck“.
Wer vermöchte in dieser Schilderung zu verkennen, dass hier die Lyrik als eine unvollkommen erreichte, gleichsam im Sprunge und selten zum Ziele kommende Kunst charakterisirt wird, ja als eine Halbkunst, deren Wesen darin bestehen solle, dass das Wollen und das reine Anschauen d.h. der unaesthetische und der aesthetische Zustand wundersam durch einander gemischt seien? Wir behaupten vielmehr, dass der ganze Gegensatz, nach dem wie nach einem Werthmesser auch noch Schopenhauer die Künste eintheilt, der des Subjectiven und des Objectiven, überhaupt in der Aesthetik ungehörig ist, da das Subject, das wollende und seine egoistischen Zwecke fördernde Individuum nur als Gegner, nicht als Ursprung der Kunst gedacht werden kann. Insofern aber das Subject Künstler ist, ist es bereits von seinem individuellen Willen erlöst und gleichsam Medium geworden, durch das hindurch das eine wahrhaft seiende Subject seine Erlösung im Scheine feiert. Denn dies muss uns vor allem, zu unserer Erniedrigung und Erhöhung, deutlich sein, dass die ganze Kunstkomödie durchaus nicht für uns, etwa unsrer Besserung und Bildung wegen, aufgeführt wird, ja dass wir ebensowenig die eigentlichen Schöpfer jener Kunstwelt sind: wohl aber dürfen wir von uns selbst annehmen, dass wir für den wahren Schöpfer derselben schon Bilder und künstlerische Projectionen sind und in der Bedeutung von Kunstwerken unsre höchste Würde haben—denn nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt:—während freilich unser Bewusstsein über diese unsre Bedeutung kaum ein andres ist als es die auf Leinwand gemalten Krieger von der auf ihr dargestellten Schlacht haben. Somit ist unser ganzes Kunstwissen im Grunde ein völlig illusorisches, weil wir als Wissende mit jenem Wesen nicht eins und identisch sind, das sich, als einziger Schöpfer und Zuschauer jener Kunstkomödie, einen ewigen Genuss bereitet. Nur soweit der Genius im Actus der künstlerischen Zeugung mit jenem Urkünstler der Welt verschmilzt, weiss er etwas über das ewige Wesen der Kunst; denn in jenem Zustande ist er, wunderbarer Weise, dem unheimlichen Bild des Mährchens gleich, das die Augen drehn und sich selber anschaun kann; jetzt ist er zugleich Subject und Object, zugleich Dichter, Schauspieler und Zuschauer.
We now approach the real goal of our inquiry: to understand the Dionysian-Apollonian genius and his artwork, or at least to gain an intuitive understanding of that mystery of unity. Our first question here is where the new seed that later developed into tragedy and the dramatic dithyramb first made itself felt in the Greek world. Antiquity itself gives us a visual answer. In sculptures, engraved gems, and similar works, it places Homer and Archilochus side by side as the founding fathers and torchbearers of Greek poetry. It does so with the sure feeling that only these two should be regarded as equally original natures, from whom a stream of fire flows onward through all later Greek generations. Homer, the aged dreamer absorbed in himself, the model of the Apollonian, naive artist, now looks in astonishment at the passionate head of Archilochus, that warlike servant of the Muses driven wildly through existence. Modern aesthetics knew only how to add the interpretation that here the first “subjective” artist was set against the “objective” one. This interpretation does little for us. We recognize the subjective artist only as a bad artist. In every kind and level of art, our first and foremost demand is that the subjective be overcome, the artist freed from the “I,” and every individual will and desire silenced. Indeed, without objectivity, without pure contemplation free from personal interests, we cannot believe in even the smallest truly artistic creation. So our aesthetics must first solve this problem: how is the “lyric poet” possible as an artist? The experience of every age shows that he always says “I” and sings through the whole chromatic scale of his passions and desires before us. It is precisely this Archilochus, beside Homer, who frightens us with the cry of his hatred and mockery, with the drunken outbursts of his desire. As the first so-called subjective artist, isn’t he therefore really a nonartist? But then where does the reverence shown to him as a poet come from—reverence shown especially by the Delphic oracle itself, the hearth of “objective” art, in some very remarkable pronouncements?
Schiller shed light on his own process of composing poetry through a psychological observation that he himself could not explain, though he did not find it troubling. He admits that the preparatory state before the act of composing did not consist of a series of images before and within him, with thoughts arranged in a causal order. Rather, it was a musical mood: “At first my feeling has no definite, clear object; this forms only later. A certain musical state of mind comes first, and only then does the poetic idea follow.” Now add the most important phenomenon of all ancient lyric poetry: the union, indeed identity, of the lyric poet with the musician, which was everywhere taken as natural. Compared with this, our modern lyric poetry looks like a statue of a god without a head. On the basis of the aesthetic metaphysics set out earlier, we can now explain the lyric poet as follows. First, as a Dionysian artist, he has become completely one with the primal unity, its pain and contradiction. He produces the image of this primal unity as music, if music has rightly been called a repetition of the world and a second casting of it. But now, under the influence of Apollonian dreaming, this music becomes visible to him again as if in a symbolic dream image. That reflection of primal pain in music, without images or concepts and with its deliverance in semblance, now produces a second reflection, as a single symbol or example. The artist has already given up his subjectivity in the Dionysian process. The image that now shows him his unity with the heart of the world is a dream scene. It makes perceptible that primal contradiction and primal pain, together with the primal pleasure of semblance. The lyric poet’s “I” therefore sounds from the depths of being. His “subjectivity,” in the sense used by modern aesthetic theorists, is an imagined thing. When Archilochus, the Greeks’ first lyric poet, declares his raging love and also his contempt to the daughters of Lycambes, it is not his passion that dances before us in an orgiastic frenzy. We see Dionysus and the maenads. We see the intoxicated enthusiast Archilochus sunk into sleep—as Euripides describes such sleep for us in The Bacchae, on a high mountain pasture in the midday sun. Now Apollo approaches and touches him with the laurel. The sleeper’s Dionysian-musical enchantment now seems to spray sparks of images around him: lyric poems, which at their highest development are called tragedies and dramatic dithyrambs.
The sculptor, and likewise the epic poet who is related to him, is absorbed in the pure contemplation of images. The Dionysian musician has no image at all, but is himself entirely primal pain and its primal echo. From the mystical state of self-abandonment and unity, the lyric genius feels a world of images and symbols growing. This world has a completely different coloring, causal order, and speed from the world of the sculptor and epic poet. The epic poet lives in these images, and only in them, with joyful contentment. He never tires of looking lovingly at their smallest details. Even the image of angry Achilles is only an image to him. He enjoys its angry expression with that dreamlike pleasure in semblance, so that this mirror of semblance protects him from becoming one with his figures and merging with them. The lyric poet’s images, by contrast, are nothing but himself, as it were only different forms in which he becomes an object. That is why, as the center that sets that world in motion, he may say “I.” But this selfhood is not the same as that of a waking, empirically real person. It is the only selfhood that truly exists at all, eternal and resting at the foundation of things. Through its images, the lyric genius sees right through to that foundation. Now let us imagine him seeing among these images himself as a person without genius: that is, his “subject,” the whole swarm of subjective passions and impulses of will directed at a particular thing that seems real to him. If it now seems that the lyric genius and the person without genius attached to him are one, and that the former is speaking that little word “I” about himself, this semblance can no longer mislead us. It certainly misled those who called the lyric poet the subjective poet. In truth, Archilochus, the passionately inflamed person who loves and hates, is only a vision of the genius. This genius is no longer Archilochus, but the genius of the world, and expresses his primal pain symbolically in that image of the person Archilochus. By contrast, Archilochus the subjective person who wills and desires can never, under any circumstances, be a poet. But it is by no means necessary for the lyric poet to see only the appearance of the person Archilochus before him as a reflection of eternal being. Tragedy proves how far the lyric poet’s world of visions can move away from that appearance, even though it admittedly lies closest to him at first.
Schopenhauer did not hide from himself the difficulty that the lyric poet presents for a philosophical understanding of art. He believes he has found a way out, but I cannot follow him along it. Yet he alone, in his profound metaphysics of music, had been given the means to remove that difficulty decisively. I believe I have done so here in his spirit and in his honor. Instead, he identifies the distinctive nature of song as follows (Welt als Wille und Vorstellung I, S. 295): “It is the subject of willing, that is, one’s own willing, that fills the singer’s consciousness, often as a released, satisfied willing (joy), but still more often as an obstructed willing (sorrow). It is always an emotion, a passion, a stirred-up state of mind. Yet alongside this and at the same time, the sight of the surrounding natural world makes the singer conscious of himself as the subject of pure, will-less knowing. The unshakable, blissful calm of this knowing now contrasts with the pressure of willing, which is always limited and still needy. The feeling of this contrast, this interplay, is really what the song as a whole expresses, and what makes up the lyrical state in general. In this state, pure knowing seems to approach us to free us from willing and its pressure. We follow, but only for moments. Again and again, willing, the memory of our personal aims, tears us away from calm contemplation. But again and again, the immediate beauty of our surroundings, in which pure, will-less knowledge presents itself to us, draws us away from willing. That is why in song and in the lyrical mood, willing (the personal interest in a goal) and pure contemplation of the surroundings before us are strangely mixed together. Connections between the two are sought and imagined. The subjective mood, the state of the will, imparts its coloring to the surroundings being contemplated, and these in turn reflect their coloring onto that mood. A genuine song is the imprint of this entire state of mind, so mixed and divided.”
Who could fail to recognize in this description that lyric poetry is being characterized as an incompletely achieved art, an art that seems always to be leaping and rarely reaching its goal? Indeed, it is described as a half-art whose essence is supposed to consist in a strange mixture of willing and pure contemplation: that is, of the nonaesthetic and the aesthetic state. We argue instead that this entire contrast between the subjective and the objective, by which even Schopenhauer still classifies the arts as if using a measuring rod of value, has no place at all in aesthetics. The subject, the individual who wills and pursues his selfish aims, can be thought of only as art’s opponent, not its origin. But insofar as the subject is an artist, he is already freed from his individual will. He has become something like a medium through which the one truly existing subject celebrates its deliverance in semblance. For above all, this must be clear to us, to humble and elevate us: the whole comedy of art is certainly not performed for us, say for the sake of our improvement and education. Nor are we the real creators of that art world. But we may assume that for its true creator we ourselves are already images and artistic projections, and that our highest dignity lies in our significance as works of art. For only as an aesthetic phenomenon are existence and the world eternally justified. Of course, our awareness of this significance of ours is hardly different from the awareness painted warriors have of the battle shown on their canvas. Thus all our knowledge of art is at bottom completely illusory, because as knowers we are not one and identical with that being who, as the sole creator and spectator of that comedy of art, gives himself eternal enjoyment. Only insofar as the genius merges, in the act of artistic creation, with that primal artist of the world does he know anything about the eternal essence of art. For in that state he is, in a marvelous way, like the uncanny image in the fairy tale that can turn its eyes and look at itself. Now he is at once subject and object, at once poet, actor, and spectator.
Section 6
In Betreff des Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, dass er das Volkslied in die Litteratur eingeführt habe, und dass ihm, dieser That halber, jene einzige Stellung neben Homer, in der allgemeinen Schätzung der Griechen zukomme. Was aber ist das Volkslied im Gegensatz zu dem völlig apollinischen Epos? Was anders als das perpetuum vestigium einer Vereinigung des Apollinischen und des Dionysischen; seine ungeheure, über alle Völker sich erstreckende und in immer neuen Geburten sich steigernde Verbreitung ist uns ein Zeugniss dafür, wie stark jener künstlerische Doppeltrieb der Natur ist: der in analoger Weise seine Spuren im Volkslied hinterlässt, wie die orgiastischen Bewegungen eines Volkes sich in seiner Musik verewigen. Ja es müsste auch historisch nachweisbar sein, wie jede an Volksliedern reich productive Periode zugleich auf das Stärkste durch dionysische Strömungen erregt worden ist, welche wir immer als Untergrund und Voraussetzung des Volksliedes zu betrachten haben.
Das Volkslied aber gilt uns zu allernächst als musikalischer Weltspiegel, als ursprüngliche Melodie, die sich jetzt eine parallele Traumerscheinung sucht und diese in der Dichtung ausspricht. Die Melodie ist also das Erste und Allgemeine, das deshalb auch mehrere Objectivationen, in mehreren Texten, an sich erleiden kann. Sie ist auch das bei weitem wichtigere und nothwendigere in der naiven Schätzung des Volkes. Die Melodie gebiert die Dichtung aus sich und zwar immer wieder von Neuem; nichts Anderes will uns die Strophenform des Volksliedes sagen: welches Phänomen ich immer mit Erstaunen betrachtet habe, bis ich endlich diese Erklärung fand. Wer eine Sammlung von Volksliedern z.B. des Knaben Wunderhorn auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie die fortwährend gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht: die in ihrer Buntheit, ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine dem epischen Scheine und seinem ruhigen Fortströmen wildfremde Kraft offenbaren. Vom Standpunkte des Epos ist diese ungleiche und unregelmässige Bilderwelt der Lyrik einfach zu verurtheilen: und dies haben gewiss die feierlichen epischen Rhapsoden der apollinischen Feste im Zeitalter des Terpander gethan.
In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuahmen: deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde widerspricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche Verhältniss zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne dürfen wir in der Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden, jenachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Bau's, des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Bedeutung dieses Gegensatzes zu begreifen; ja es wird Einem dabei handgreiflich deutlich, dass zwischen Homer und Pindar die orgiastischen Flötenweisen des Olympus erklungen sein müssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur anstössig dünkendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die einzelnen Zuhörer zu einer Bilderrede nöthigt, sei es auch dass eine Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja widersprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu üben und das doch wahrlich erklärenswerthe Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener Aesthetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Composition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pastorale und einen Satz als „Scene am Bach“, einen anderen als „lustiges Zusammensein der Landleute“ bezeichnet, so sind das ebenfalls nur gleichnissartige, aus der Musik geborne Vorstellungen—und nicht etwa die nachgeahmten Gegenstände der Musik—Vorstellungen, die über den dionysischen Inhalt der Musik uns nach keiner Seite hin belehren können, ja die keinen ausschliesslichen Werth neben anderen Bildern haben. Diesen Prozess einer Entladung der Musik in Bildern haben wir uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schöpferische Volksmenge zu übertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied entsteht, und wie das ganze Sprachvermögen durch das neue Princip der Nachahmung der Musik aufgeregt wird.
Dürfen wir also die lyrische Dichtung als die nachahmende Effulguration der Musik in Bildern und Begriffen betrachten, so können wir jetzt fragen: „als was erscheint die Musik im Spiegel der Bildlichkeit und der Begriffe?“ Sie erscheint als Wille, das Wort im Schopenhauerischen Sinne genommen, d.h. als Gegensatz der aesthetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier unterscheide man nun so scharf als möglich den Begriff des Wesens von dem der Erscheinung: denn die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmöglich Wille sein, weil sie als solcher gänzlich aus dem Bereich der Kunst zu bannen wäre—denn der Wille ist das an sich Unaesthetische—; aber sie erscheint als Wille. Denn um ihre Erscheinung in Bildern auszudrücken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leidenschaft, vom Flüstern der Neigung bis zum Grollen des Wahnsinns; unter dem Triebe, in apollinischen Gleichnissen von der Musik zu reden, versteht er die ganze Natur und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Begehrende, Sehnende. Insofern er aber die Musik in Bildern deutet, ruht er selbst in der stillen Meeresruhe der apollinischen Betrachtung, so sehr auch alles, was er durch das Medium der Musik anschaut, um ihn herum in drängender und treibender Bewegung ist. Ja wenn er sich selbst durch dasselbe Medium erblickt, so zeigt sich ihm sein eignes Bild im Zustande des unbefriedigten Gefühls: sein eignes Wollen, Sehnen, Stöhnen, Jauchzen ist ihm ein Gleichniss, mit dem er die Musik sich deutet. Dies ist das Phänomen des Lyrikers: als apollinischer Genius interpretirt er die Musik durch das Bild des Willens, während er selbst, völlig losgelöst von der Gier des Willens, reines ungetrübtes Sonnenauge ist.
Diese ganze Erörterung hält daran fest, dass die Lyrik eben so abhängig ist vom Geiste der Musik als die Musik selbst, in ihrer völligen Unumschränktheit, das Bild und den Begriff nicht braucht, sondern ihn nur neben sich erträgt. Die Dichtung des Lyrikers kann nichts aussagen, was nicht in der ungeheuersten Allgemeinheit und Allgültigkeit bereits in der Musik lag, die ihn zur Bilderrede nöthigte. Der Weltsymbolik der Musik ist eben deshalb mit der Sprache auf keine Weise erschöpfend beizukommen, weil sie sich auf den Urwiderspruch und Urschmerz im Herzen des Ur-Einen symbolisch bezieht, somit eine Sphäre symbolisirt, die über alle Erscheinung und vor aller Erscheinung ist. Ihr gegenüber ist vielmehr jede Erscheinung nur Gleichniss: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol der Erscheinungen, nie und nirgends das tiefste Innere der Musik nach Aussen kehren, sondern bleibt immer, sobald sie sich auf Nachahmung der Musik einlässt, nur in einer äusserlichen Berührung mit der Musik, während deren tiefster Sinn, durch alle lyrische Beredsamkeit, uns auch keinen Schritt näher gebracht werden kann.
As for Archilochus, scholarly research has found that he introduced the folk song into literature, and that because of this deed he holds his unique place beside Homer in the general esteem of the Greeks. But what is the folk song, as opposed to the thoroughly Apollonian epic? It is nothing other than the lasting trace of a union of the Apollonian and the Dionysian. Its enormous spread across all peoples, growing through ever new births, is evidence for us of how strong that double artistic drive of nature is. This drive leaves its traces in the folk song in the same way that the orgiastic movements of a people make themselves permanent in its music. Indeed, it would also have to be provable historically that every period rich in folk songs was at the same time stirred most powerfully by Dionysian currents. We must always regard these currents as the underlying ground and precondition of the folk song.
For us, though, the folk song counts first of all as a musical mirror of the world, as original melody that now looks for a parallel dream appearance and expresses it in poetry. So melody is the first and universal thing, and for that reason it can undergo several objectifications, in several texts. In the simple judgment of the people it is also by far the more important and the more necessary part. Melody gives birth to poetry out of itself, and does so again and again. This is all that the stanza form of the folk song wants to tell us. I always looked at this phenomenon with astonishment, until I finally found this explanation. Whoever examines a collection of folk songs from this point of view, for example The Boy’s Magic Horn, will find countless examples of how the continually birthing melody sprays sparks of images around itself. In their colorfulness, their sudden changes, even their mad tumbling over one another, these images reveal a force utterly foreign to epic semblance and its calm flowing on. From the standpoint of the epic, this uneven and irregular world of images in lyric poetry can simply be condemned. And the solemn epic rhapsodes of the Apollonian festivals in the age of Terpander certainly did condemn it.
In the poetry of the folk song, then, we see language strained to the utmost to imitate music. That is why a new world of poetry begins with Archilochus, one that contradicts the Homeric world at its deepest ground. With this we have named the only possible relationship between poetry and music, word and tone: the word, the image, the concept looks for an expression analogous to music, and now suffers the force of music itself. In this sense we may distinguish two main currents in the history of the Greek language, depending on whether the language imitated the world of appearances and images or the world of music. One only needs to think more deeply about the linguistic difference in coloring, sentence structure, and vocabulary between Homer and Pindar to grasp the meaning of this opposition. It even becomes tangibly clear that between Homer and Pindar the orgiastic flute melodies of Olympus must have sounded. Even in the age of Aristotle, in the midst of an infinitely more developed music, they still swept people away into drunken enthusiasm. And in their original effect they certainly provoked all the poetic means of expression of the people of that time to imitate them. Here I recall a familiar phenomenon of our own day, one that our aesthetics finds merely offensive. Again and again we see how a Beethoven symphony forces individual listeners to speak in images. A comparison of the different worlds of images that a single piece of music produces may look quite fantastically colorful, even contradictory. But to exercise one’s poor wit on such comparisons, and to overlook the phenomenon, which truly deserves an explanation, is exactly in the manner of that aesthetics. Even when the composer himself has spoken about a composition in images—for example, when he calls a symphony pastoral, one movement “Scene at the Brook,” and another “Merry Gathering of Country Folk”—these are likewise only ideas that are likenesses, born from the music—and not, say, the imitated objects of the music—ideas that cannot teach us anything about the Dionysian content of the music, and that have no exclusive value beside other images. We must now transfer this process of music discharging itself in images to a youthfully fresh, linguistically creative crowd of people, in order to get an inkling of how the strophic folk song arises and how the whole power of language is stirred up by the new principle of imitating music.
If we may regard lyric poetry as the imitative shining forth of music in images and concepts, we can now ask: “What does music appear as in the mirror of imagery and concepts?” It appears as will, taking the word in Schopenhauer’s sense, that is, as the opposite of the aesthetic mood, which is purely contemplative and free of will. Here we must distinguish, as sharply as possible, the concept of essence from the concept of appearance. For music, in its essence, cannot possibly be will, because as will it would have to be banished completely from the realm of art—for will is what is unaesthetic in itself. But it appears as will. To express its appearance in images, the lyric poet needs every stirring of passion, from the whisper of affection to the rumble of madness. Under the urge to speak about music in Apollonian likenesses, he understands all of nature, and himself within it, only as that which eternally wills, desires, and longs. But insofar as he interprets music in images, he himself rests in the quiet calm of the sea that belongs to Apollonian contemplation, however much everything he sees through the medium of music is in pressing, driving motion around him. Indeed, when he catches sight of himself through the same medium, his own image shows itself to him in a state of unsatisfied feeling. His own willing, longing, groaning, and rejoicing is a likeness by which he interprets music to himself. This is the phenomenon of the lyric poet: as an Apollonian genius he interprets music through the image of will, while he himself, completely released from the craving of will, is a pure, untroubled eye of the sun.
This whole discussion insists that lyric poetry depends on the spirit of music just as much as music itself, in its complete boundlessness, does not need the image and the concept but only tolerates them beside itself. The lyric poet’s poetry can say nothing that was not already contained, in the greatest possible generality and universal validity, in the music that forced him to speak in images. For this very reason, the world symbolism of music can in no way be fully captured in language. Music refers symbolically to the primal contradiction and primal pain in the heart of the primal unity, and so it symbolizes a sphere that is above all appearance and before all appearance. Compared with it, every appearance is rather only a likeness. So language, as the organ and symbol of appearances, can never and nowhere turn the innermost depth of music outward. Whenever language takes up the imitation of music, it stays in only an external contact with music, while the deepest meaning of music cannot be brought one step closer to us by all lyrical eloquence.
Section 7
Alle die bisher erörterten Kunstprincipien müssen wir jetzt zu Hülfe nehmen, um uns in dem Labyrinth zurecht zu finden, als welches wir den Ursprung der griechischen Tragödie bezeichnen müssen. Ich denke nichts Ungereimtes zu behaupten, wenn ich sage, dass das Problem dieses Ursprungs bis jetzt noch nicht einmal ernsthaft aufgestellt, geschweige denn gelöst ist, so oft auch die zerflatternden Fetzen der antiken Ueberlieferung schon combinatorisch an einander genäht und wieder aus einander gerissen sind. Diese Ueberlieferung sagt uns mit voller Entschiedenheit, dass die Tragödie aus dem tragischen Chore entstanden ist und ursprünglich nur Chor und nichts als Chor war: woher wir die Verpflichtung nehmen, diesem tragischen Chore als dem eigentlichen Urdrama in's Herz zu sehen, ohne uns an den geläufigen Kunstredensarten—dass er der idealische Zuschauer sei oder das Volk gegenüber der fürstlichen Region der Scene zu vertreten habe—irgendwie genügen zu lassen. Jener zuletzt erwähnte, für manchen Politiker erhaben klingende Erläuterungsgedanke—als ob das unwandelbare Sittengesetz von den demokratischen Athenern in dem Volkschore dargestellt sei, der über die leidenschaftlichen Ausschreitungen und Ausschweifungen der Könige hinaus immer Recht behalte—mag noch so sehr durch ein Wort des Aristoteles nahegelegt sein: auf die ursprüngliche Formation der Tragödie ist er ohne Einfluss, da von jenen rein religiösen Ursprüngen der ganze Gegensatz von Volk und Fürst, überhaupt jegliche politisch-sociale Sphäre ausgeschlossen ist; aber wir möchten es auch in Hinsicht auf die uns bekannte classische Form des Chors bei Aeschylus und Sophokles für Blasphemie erachten, hier von der Ahnung einer „constitutionellen Volksvertretung“ zu reden, vor welcher Blasphemie Andere nicht zurückgeschrocken sind. Eine constitutionelle Volksvertretung kennen die antiken Staatsverfassungen in praxi nicht und haben sie hoffentlich auch in ihrer Tragödie nicht einmal „geahnt“.
Viel berühmter als diese politische Erklärung des Chors ist der Gedanke A. W. Schlegel's, der uns den Chor gewissermaassen als den Inbegriff und Extract der Zuschauermenge, als den „idealischen Zuschauer“ zu betrachten anempfiehlt. Diese Ansicht, zusammengehalten mit jener historischen Ueberlieferung, dass ursprünglich die Tragödie nur Chor war, erweist sich als das was sie ist, als eine rohe, unwissenschaftliche, doch glänzende Behauptung, die ihren Glanz aber nur durch ihre concentrirte Form des Ausdrucks, durch die echt germanische Voreingenommenheit für Alles, was „idealisch“ genannt wird und durch unser momentanes Erstauntsein erhalten hat. Wir sind nämlich erstaunt, sobald wir das uns gut bekannte Theaterpublicum mit jenem Chore vergleichen und uns fragen, ob es wohl möglich sei, aus diesem Publicum je etwas dem tragischen Chore Analoges herauszuidealisiren. Wir leugnen dies im Stillen und wundern uns jetzt eben so über die Kühnheit der Schlegel'schen Behauptung wie über die total verschiedene Natur des griechischen Publicums. Wir hatten nämlich doch immer gemeint, dass der rechte Zuschauer, er sei wer er wolle, sich immer bewusst bleiben müsse, ein Kunstwerk vor sich zu haben, nicht eine empirische Realität: während der tragische Chor der Griechen in den Gestalten der Bühne leibhafte Existenzen zu erkennen genöthigt ist. Der Okeanidenchor glaubt wirklich den Titan Prometheus vor sich zu sehen und hält sich selbst für eben so real wie den Gott der Scene. Und das sollte die höchste und reinste Art des Zuschauers sein, gleich den Okeaniden den Prometheus für leiblich vorhanden und real zu halten? Und es wäre das Zeichen des idealischen Zuschauers, auf die Bühne zu laufen und den Gott von seinen Martern zu befreien? Wir hatten an ein aesthetisches Publicum geglaubt und den einzelnen Zuschauer für um so befähigter gehalten, je mehr er im Stande war, das Kunstwerk als Kunst d.h. aesthetisch zu nehmen; und jetzt deutete uns der Schlegel'sche Ausdruck an, dass der vollkommne idealische Zuschauer die Welt der Scene gar nicht aesthetisch, sondern leibhaft empirisch auf sich wirken lasse. O über diese Griechen! seufzen wir; sie werfen uns unsre Aesthetik um! Daran aber gewöhnt, wiederholten wir den Schlegel'schen Spruch, so oft der Chor zur Sprache kam.
Aber jene so ausdrückliche Ueberlieferung redet hier gegen Schlegel: der Chor an sich, ohne Bühne, also die primitive Gestalt der Tragödie und jener Chor idealischer Zuschauer vertragen sich nicht mit einander. Was wäre das für eine Kunstgattung, die aus dem Begriff des Zuschauers herausgezogen wäre, als deren eigentliche Form der „Zuschauer an sich“ zu gelten hätte. Der Zuschauer ohne Schauspiel ist ein widersinniger Begriff. Wir fürchten, dass die Geburt der Tragödie weder aus der Hochachtung vor der sittlichen Intelligenz der Masse, noch aus dem Begriff des schauspiellosen Zuschauers zu erklären sei und halten dies Problem für zu tief, um von so flachen Betrachtungsarten auch nur berührt zu werden.
Eine unendlich werthvollere Einsicht über die Bedeutung des Chors hatte bereits Schiller in der berühmten Vorrede zur Braut von Messina verrathen, der den Chor als eine lebendige Mauer betrachtete, die die Tragödie um sich herum zieht, um sich von der wirklichen Welt rein abzuschliessen und sich ihren idealen Boden und ihre poetische Freiheit zu bewahren.
Schiller kämpft mit dieser seiner Hauptwaffe gegen den gemeinen Begriff des Natürlichen, gegen die bei der dramatischen Poesie gemeinhin geheischte Illusion. Während der Tag selbst auf dem Theater nur ein künstlicher, die Architektur nur eine symbolische sei und die metrische Sprache einen idealen Charakter trage, herrsche immer noch der Irrthum im Ganzen: es sei nicht genug, dass man das nur als eine poetische Freiheit dulde, was doch das Wesen aller Poesie sei. Die Einführung des Chores sei der entscheidende Schritt, mit dem jedem Naturalismus in der Kunst offen und ehrlich der Krieg erklärt werde.—Eine solche Betrachtungsart ist es, scheint mir, für die unser sich überlegen wähnendes Zeitalter das wegwerfende Schlagwort „Pseudoidealismus“ gebraucht. Ich fürchte, wir sind dagegen mit unserer jetzigen Verehrung des Natürlichen und Wirklichen am Gegenpol alles Idealismus angelangt, nämlich in der Region der Wachsfigurencabinette. Auch in ihnen giebt es eine Kunst, wie bei gewissen beliebten Romanen der Gegenwart: nur quäle man uns nicht mit dem Anspruch, dass mit dieser Kunst der Schiller-Goethesche „Pseudoidealismus“ überwunden sei.
Freilich ist es ein „idealer“ Boden, auf dem, nach der richtigen Einsicht Schillers, der griechische Satyrchor, der Chor der ursprünglichen Tragödie, zu wandeln pflegt, ein Boden hoch emporgehoben über die wirkliche Wandelbahn der Sterblichen. Der Grieche hat sich für diesen Chor die Schwebegerüste eines fingirten Naturzustandes gezimmert und auf sie hin fingirte Naturwesen gestellt. Die Tragödie ist auf diesem Fundamente emporgewachsen und freilich schon deshalb von Anbeginn an einem peinlichen Abkonterfeien der Wirklichkeit enthoben gewesen. Dabei ist es doch keine willkürlich zwischen Himmel und Erde hineinphantasirte Welt; vielmehr eine Welt von gleicher Realität und Glaubwürdigkeit wie sie der Olymp sammt seinen Insassen für den gläubigen Hellenen besass. Der Satyr als der dionysische Choreut lebt in einer religiös zugestandenen Wirklichkeit unter der Sanction des Mythus und des Cultus. Dass mit ihm die Tragödie beginnt, dass aus ihm die dionysische Weisheit der Tragödie spricht, ist ein hier uns eben so befremdendes Phänomen wie überhaupt die Entstehung der Tragödie aus dem Chore. Vielleicht gewinnen wir einen Ausgangspunkt der Betrachtung, wenn ich die Behauptung hinstelle, dass sich der Satyr, das fingirte Naturwesen, zu dem Culturmenschen in gleicher Weise verhält, wie die dionysische Musik zur Civilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, dass sie von der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht. In gleicher Weise, glaube ich, fühlte sich der griechische Culturmensch im Angesicht des Satyrchors aufgehoben: und dies ist die nächste Wirkung der dionysischen Tragödie, dass der Staat und die Gesellschaft, überhaupt die Klüfte zwischen Mensch und Mensch einem übermächtigen Einheitsgefühle weichen, welches an das Herz der Natur zurückführt. Der metaphysische Trost,—mit welchem, wie ich schon hier andeute, uns jede wahre Tragödie entlässt—dass das Leben im Grunde der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter Deutlichkeit als Satyrchor, als Chor von Naturwesen, die gleichsam hinter aller Civilisation unvertilgbar leben und trotz allem Wechsel der Generationen und der Völkergeschichte ewig dieselben bleiben.
Mit diesem Chore tröstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und schwersten Leiden einzig befähigte Hellene, der mit schneidigem Blicke mitten in das furchtbare Vernichtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, eben so wie in die Grausamkeit der Natur geschaut hat und in Gefahr ist, sich nach einer buddhaistischen Verneinung des Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und durch die Kunst rettet ihn sich—das Leben.
Die Verzückung des dionysischen Zustandes mit seiner Vernichtung der gewöhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins enthält nämlich während seiner Dauer ein lethargisches Element, in das sich alles persönlich in der Vergangenheit Erlebte eintaucht. So scheidet sich durch diese Kluft der Vergessenheit die Welt der alltäglichen und der dionysischen Wirklichkeit von einander ab. Sobald aber jene alltägliche Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch Aehnlichkeit mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge gethan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, dass ihnen zugemuthet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Die Erkenntniss tödtet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion—das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss von Möglichkeiten nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein!—die wahre Erkenntniss, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen. Jetzt verfängt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht über eine Welt nach dem Tode, über die Götter selbst hinaus, das Dasein wird, sammt seiner gleissenden Wiederspiegelung in den Göttern oder in einem unsterblichen Jenseits, verneint. In der Bewusstheit der einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch überall nur das Entsetzliche oder Absurde des Seins, jetzt versteht er das Symbolische im Schicksal der Ophelia, jetzt erkennt er die Weisheit des Waldgottes Silen: es ekelt ihn.
Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin, die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des Dithyrambus ist die rettende That der griechischen Kunst; an der Mittelwelt dieser dionysischen Begleiter erschöpften sich jene vorhin beschriebenen Anwandlungen.
We must now call on all the artistic principles discussed so far to find our way through the labyrinth that we have to name the origin of Greek tragedy. I do not think I am saying anything absurd when I say that the problem of this origin has not even been seriously posed so far, let alone solved. This is true however often the scattered scraps of ancient tradition have been stitched together by clever combination and torn apart again. This tradition tells us with complete decisiveness that tragedy arose from the tragic chorus, and that originally it was only chorus and nothing but chorus. That gives us the duty to look into the heart of this tragic chorus as the real original drama. We must not let ourselves be satisfied in any way by the usual stock phrases about art—that the chorus is the ideal spectator, or that it has to represent the people over against the princely region of the stage. That last explanation sounds lofty to many a politician. It suggests that the unchanging moral law was presented by the democratic Athenians in the people’s chorus, which always turns out to be right over against the passionate excesses and extravagances of kings. A remark of Aristotle’s may suggest this idea ever so strongly. Still, it has no influence on the original formation of tragedy, because the whole opposition of people and prince, indeed every political and social sphere, is excluded from those purely religious origins. But even with regard to the classical form of the chorus that we know from Aeschylus and Sophocles, we would consider it blasphemy to speak here of a presentiment of a “constitutional popular representation.” Others have not shrunk from this blasphemy. The ancient constitutions of states did not know a constitutional popular representation in practice, and I hope they did not even “have a presentiment” of one in their tragedy.
Much more famous than this political explanation of the chorus is the idea of A. W. Schlegel. He recommends that we regard the chorus in a way as the sum and extract of the crowd of spectators, as the “ideal spectator.” Held up against that historical tradition that tragedy was originally only chorus, this view shows itself for what it is: a crude, unscientific, yet brilliant claim. It got its brilliance only from its concentrated form of expression, from the truly German bias for everything called “ideal,” and from our momentary astonishment. For we are astonished as soon as we compare the theater audience we know so well with that chorus, and ask ourselves whether it could ever be possible to idealize out of this audience anything analogous to the tragic chorus. We quietly deny this, and now we wonder just as much at the boldness of Schlegel’s claim as at the totally different nature of the Greek audience. For we had always thought that the right spectator, whoever they may be, must always stay aware that they have a work of art before them and not an empirical reality. The tragic chorus of the Greeks, however, is compelled to recognize real beings in the flesh in the figures on the stage. The chorus of Oceanids really believes it sees the Titan Prometheus before it, and takes itself to be just as real as the god of the stage. And that is supposed to be the highest and purest kind of spectator, to hold Prometheus to be bodily present and real, as the Oceanids do? And it would be the sign of the ideal spectator to run onto the stage and free the god from his tortures? We had believed in an aesthetic audience. We had considered the individual spectator more capable the better able they were to take the work of art as art, that is, aesthetically. And now Schlegel’s expression suggested to us that the perfect ideal spectator lets the world of the stage act on them not aesthetically at all, but bodily and empirically. “Oh, these Greeks!” we sigh; “they overturn our aesthetics!” But since we were used to it, we repeated Schlegel’s saying whenever the chorus came up.
But that very explicit tradition speaks against Schlegel here. The chorus by itself, without a stage—that is, the primitive form of tragedy—and that chorus of ideal spectators do not fit together. What kind of art form would that be, one drawn out of the concept of the spectator, whose real form would have to be the “spectator as such”? The spectator without a spectacle is a nonsensical concept. We fear that tragedy’s birth can be explained neither from respect for the moral intelligence of the masses nor from the concept of the spectator without a play. We consider this problem too deep to be even touched by such shallow ways of looking at it.
Schiller had already shown a far more valuable insight into the meaning of the chorus in his famous preface to The Bride of Messina. He regarded the chorus as a living wall that tragedy draws around itself, to shut itself off cleanly from the real world and to preserve its ideal ground and its poetic freedom.
With this chief weapon of his, Schiller fights against the common idea of the natural, against the illusion that is usually demanded in dramatic poetry. The day itself on the stage is only artificial, he says, the architecture only symbolic, and metrical language ideal in character. Even so, the error still prevails overall: it is not enough to tolerate merely as a poetic freedom what is in fact the essence of all poetry. The introduction of the chorus, he says, is the decisive step by which war is openly and honestly declared on every naturalism in art.—It is this kind of view, it seems to me, for which our age, which fancies itself superior, uses the dismissive slogan “pseudo-idealism.” I fear that, with our present worship of the natural and the real, we have arrived at the opposite pole of all idealism, namely the region of the waxworks. There is art in these too, as in certain popular novels of the present day. Only let no one torment us with the claim that this art has overcome the “pseudo-idealism” of Schiller and Goethe.
Of course it is an “ideal” ground on which, according to Schiller’s correct insight, the Greek satyr chorus, the chorus of original tragedy, walks: a ground raised high above the real walking path of mortals. For this chorus the Greek built the floating scaffolding of a fictional state of nature and placed fictional beings of nature on it. Tragedy grew up on this foundation, and for that reason alone it was, of course, relieved from the beginning of any painstaking copying of reality. Still, this is not a world fancifully dreamed up at random between heaven and earth. It is rather a world with the same reality and credibility that Olympus and its inhabitants had for the believing Greek. The satyr, as the Dionysian chorus member, lives in a reality granted by religion, under the sanction of myth and cult. That tragedy begins with him, and that the Dionysian wisdom of tragedy speaks out of him, is a phenomenon as strange to us as the origin of tragedy from the chorus altogether. Perhaps we can gain a starting point for our reflection if I put forward this claim: the satyr, the fictional being of nature, stands to the cultured person in the same relation as Dionysian music stands to civilization. Of civilization Richard Wagner says that music cancels it out as daylight cancels out lamplight. In the same way, I believe, the cultured Greek felt himself canceled out in the face of the satyr chorus. And this is the immediate effect of Dionysian tragedy: the state and society, indeed the gulfs between one person and another, give way to an overpowering feeling of unity that leads back to the heart of nature. The metaphysical comfort—with which, as I already hint here, every true tragedy sends us away—is that life at the foundation of things, despite all change of appearances, is indestructibly powerful and full of joy. This comfort appears with bodily clarity as the satyr chorus, as a chorus of beings of nature who live on indestructibly, so to speak, behind all civilization, and who remain eternally the same despite all change of generations and all the history of peoples.
With this chorus the deep-thinking Greek comforts himself. This Greek is uniquely capable of the most delicate and the heaviest suffering. With a sharp gaze he has looked into the terrible work of destruction in so-called world history, as well as into the cruelty of nature, and he is in danger of longing for a Buddhist denial of the will. Art saves him, and through art—life saves him for itself.
The rapture of the Dionysian state, with its destruction of the usual barriers and limits of existence, contains during its duration a lethargic element, in which everything personally experienced in the past is submerged. In this way, through this gulf of forgetting, the world of everyday reality and the world of Dionysian reality are separated from each other. But as soon as that everyday reality returns to consciousness, it is felt as such with disgust. An ascetic, will-denying mood is the fruit of those states. In this sense the Dionysian person resembles Hamlet. Both have once looked truly into the essence of things. They have understood, and acting disgusts them. For their action can change nothing in the eternal essence of things. They feel it as ridiculous or shameful that they are expected to set right again a world that is out of joint. Knowledge kills action; action requires being veiled in illusion—that is the lesson of Hamlet, not that cheap wisdom of Hans the Dreamer, who from too much reflection, from an excess of possibilities, so to speak, never gets to act. Not reflection, no!—true knowledge, insight into the terrifying truth, outweighs every motive that drives toward action, in Hamlet as in the Dionysian person. Now no comfort has any hold. The longing reaches beyond a world after death, beyond the gods themselves. Existence, together with its glittering reflection in the gods or in an immortal beyond, is denied. Aware of the truth once seen, the human being now sees everywhere only the horror or absurdity of being. Now they understand what is symbolic in the fate of Ophelia. Now they recognize the wisdom of the forest god Silenus. It disgusts them.
Here, in this greatest danger to the will, art approaches as a saving, healing sorceress. Only art can bend those disgusted thoughts about the horror or absurdity of existence into ideas that one can live with. These ideas are the sublime, as the artistic taming of the horrible, and the comic, as the artistic discharge of the disgust at the absurd. The satyr chorus of the dithyramb is the saving deed of Greek art. In the middle world of these Dionysian companions, those fits of disgust described just now were spent.
Section 8
Der Satyr wie der idyllische Schäfer unserer neueren Zeit sind Beide Ausgeburten einer auf das Ursprüngliche und Natürliche gerichteten Sehnsucht; aber mit welchem festen unerschrocknen Griffe fasste der Grieche nach seinem Waldmenschen, wie verschämt und weichlich tändelte der moderne Mensch mit dem Schmeichelbild eines zärtlichen flötenden weichgearteten Hirten! Die Natur, an der noch keine Erkenntniss gearbeitet, in der die Riegel der Cultur noch unerbrochen sind—das sah der Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nicht mit dem Affen zusammenfiel. Im Gegentheil: es war das Urbild des Menschen, der Ausdruck seiner höchsten und stärksten Regungen, als begeisterter Schwärmer, den die Nähe des Gottes entzückt, als mitleidender Genosse, in dem sich das Leiden des Gottes wiederholt, als Weisheitsverkünder aus der tiefsten Brust der Natur heraus, als Sinnbild der geschlechtlichen Allgewalt der Natur, die der Grieche gewöhnt ist mit ehrfürchtigem Staunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenes und Göttliches: so musste er besonders dem schmerzlich gebrochnen Blick des dionysischen Menschen dünken. Ihn hätte der geputzte, erlogene Schäfer beleidigt: auf den unverhüllten und unverkümmert grossartigen Schriftzügen der Natur weilte sein Auge in erhabener Befriedigung; hier war die Illusion der Cultur von dem Urbilde des Menschen weggewischt, hier enthüllte sich der wahre Mensch, der bärtige Satyr, der zu seinem Gotte aufjubelt. Vor ihm schrumpfte der Culturmensch zur lügenhaften Caricatur zusammen. Auch für diese Anfänge der tragischen Kunst hat Schiller Recht: der Chor ist eine lebendige Mauer gegen die anstürmende Wirklichkeit, weil er—der Satyrchor—das Dasein wahrhaftiger, wirklicher, vollständiger abbildet als der gemeinhin sich als einzige Realität achtende Culturmensch. Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen. Der Contrast dieser eigentlichen Naturwahrheit und der sich als einzige Realität gebärdenden Culturlüge ist ein ähnlicher wie zwischen dem ewigen Kern der Dinge, dem Ding an sich, und der gesammten Erscheinungswelt: und wie die Tragödie mit ihrem metaphysischen Troste auf das ewige Leben jenes Daseinskernes, bei dem fortwährenden Untergange der Erscheinungen, hinweist, so spricht bereits die Symbolik des Satyrchors in einem Gleichniss jenes Urverhältniss zwischen Ding an sich und Erscheinung aus. Jener idyllische Schäfer des modernen Menschen ist nur ein Konterfei der ihm als Natur geltenden Summe von Bildungsillusionen; der dionysische Grieche will die Wahrheit und die Natur in ihrer höchsten Kraft—er sieht sich zum Satyr verzaubert.
Unter solchen Stimmungen und Erkenntnissen jubelt die schwärmende Schaar der Dionysusdiener: deren Macht sie selbst vor ihren eignen Augen verwandelt, so dass sie sich als wiederhergestellte Naturgenien, als Satyrn, zu erblicken wähnen. Die spätere Constitution des Tragödienchors ist die künstlerische Nachahmung jenes natürlichen Phänomens; bei der nun allerdings eine Scheidung von dionysischen Zuschauern und dionysischen Verzauberten nöthig wurde. Nur muss man sich immer gegenwärtig halten, dass das Publicum der attischen Tragödie sich selbst in dem Chore der Orchestra wiederfand, dass es im Grunde keinen Gegensatz von Publicum und Chor gab: denn alles ist nur ein grosser erhabener Chor von tanzenden und singenden Satyrn oder von solchen, welche sich durch diese Satyrn repräsentiren lassen. Das Schlegel'sche Wort muss sich uns hier in einem tieferen Sinne erschliessen. Der Chor ist der „idealische Zuschauer“, insofern er der einzige Schauer ist, der Schauer der Visionswelt der Scene. Ein Publicum von Zuschauern, wie wir es kennen, war den Griechen unbekannt: in ihren Theatern war es Jedem, bei dem in concentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau des Zuschauerraumes, möglich, die gesammte Culturwelt um sich herum ganz eigentlich zu übersehen und in gesättigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu wähnen. Nach dieser Einsicht dürfen wir den Chor, auf seiner primitiven Stufe in der Urtragödie, eine Selbstspiegelung des dionysischen Menschen nennen: welches Phänomen am deutlichsten durch den Prozess des Schauspielers zu machen ist, der, bei wahrhafter Begabung, sein von ihm darzustellendes Rollenbild zum Greifen wahrnehmbar vor seinen Augen schweben sieht. Der Satyrchor ist zu allererst eine Vision der dionysischen Masse, wie wiederum die Welt der Bühne eine Vision dieses Satyrchors ist: die Kraft dieser Vision ist stark genug, um gegen den Eindruck der „Realität“, gegen die rings auf den Sitzreihen gelagerten Bildungsmenschen den Blick stumpf und unempfindlich zu machen. Die Form des griechischen Theaters erinnert an ein einsames Gebirgsthal: die Architektur der Scene erscheint wie ein leuchtendes Wolkenbild, welches die im Gebirge herumschwärmenden Bacchen von der Höhe aus erblicken, als die herrliche Umrahmung, in deren Mitte ihnen das Bild des Dionysus offenbar wird.
Jene künstlerische Urerscheinung, die wir hier zur Erklärung des Tragödienchors zur Sprache bringen, ist, bei unserer gelehrtenhaften Anschauung über die elementaren künstlerischen Prozesse, fast anstössig; während nichts ausgemachter sein kann, als dass der Dichter nur dadurch Dichter ist, dass er von Gestalten sich umringt sieht, die vor ihm leben und handeln und in deren innerstes Wesen er hineinblickt. Durch eine eigenthümliche Schwäche der modernen Begabung sind wir geneigt, uns das aesthetische Urphänomen zu complicirt und abstract vorzustellen. Die Metapher ist für den ächten Dichter nicht eine rhetorische Figur, sondern ein stellvertretendes Bild, das ihm wirklich, an Stelle eines Begriffes, vorschwebt. Der Character ist für ihn nicht etwas aus zusammengesuchten Einzelzügen componirtes Ganzes, sondern eine vor seinen Augen aufdringlich lebendige Person, die von der gleichen Vision des Malers sich nur durch das fortwährende Weiterleben und Weiterhandeln unterscheidet. Wodurch schildert Homer so viel anschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehr anschaut. Wir reden über Poesie so abstract, weil wir alle schlechte Dichter zu sein pflegen. Im Grunde ist das aesthetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter; man fühle nur den Trieb, sich selbst zu verwandeln und aus anderen Leibern und Seelen herauszureden, so ist man Dramatiker.
Die dionysische Erregung ist im Stande, einer ganzen Masse diese künstlerische Begabung mitzutheilen, sich von einer solchen Geisterschaar umringt zu sehen, mit der sie sich innerlich eins weiss. Dieser Prozess des Tragödienchors ist das dramatische Urphänomen: sich selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu handeln, als ob man wirklich in einen andern Leib, in einen andern Charakter eingegangen wäre. Dieser Prozess steht an dem Anfang der Entwickelung des Dramas. Hier ist etwas Anderes als der Rhapsode, der mit seinen Bildern nicht verschmilzt, sondern sie, dem Maler ähnlich, mit betrachtendem Auge ausser sich sieht; hier ist bereits ein Aufgeben des Individuums durch Einkehr in eine fremde Natur. Und zwar tritt dieses Phänomen epidemisch auf: eine ganze Schaar fühlt sich in dieser Weise verzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich von jedem anderen Chorgesange unterschieden. Die Jungfrauen, die, mit Lorbeerzweigen in der Hand, feierlich zum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein Prozessionslied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihren bürgerlichen Namen: der dithyrambische Chor ist ein Chor von Verwandelten, bei denen ihre bürgerliche Vergangenheit, ihre sociale Stellung völlig vergessen ist: sie sind die zeitlosen, ausserhalb aller Gesellschaftssphären lebenden Diener ihres Gottes geworden. Alle andere Chorlyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure Steigerung des apollinischen Einzelsängers; während im Dithyramb eine Gemeinde von unbewussten Schauspielern vor uns steht, die sich selbst unter einander als verwandelt ansehen.
Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst. In dieser Verzauberung sieht sich der dionysische Schwärmer als Satyr, und als Satyr wiederum schaut er den Gott d.h. er sieht in seiner Verwandlung eine neue Vision ausser sich, als apollinische Vollendung seines Zustandes. Mit dieser neuen Vision ist das Drama vollständig.
Nach dieser Erkenntniss haben wir die griechische Tragödie als den dionysischen Chor zu verstehen, der sich immer von neuem wieder in einer apollinischen Bilderwelt entladet. Jene Chorpartien, mit denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermaassen der Mutterschooss des ganzen sogenannten Dialogs d.h. der gesammten Bühnenwelt, des eigentlichen Dramas. In mehreren auf einander folgenden Entladungen strahlt dieser Urgrund der Tragödie jene Vision des Dramas aus: die durchaus Traumerscheinung und insofern epischer Natur ist, andrerseits aber, als Objectivation eines dionysischen Zustandes, nicht die apollinische Erlösung im Scheine, sondern im Gegentheil das Zerbrechen des Individuums und sein Einswerden mit dem Ursein darstellt. Somit ist das Drama die apollinische Versinnlichung dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen und dadurch wie durch eine ungeheure Kluft vom Epos abgeschieden.
Der Chor der griechischen Tragödie, das Symbol der gesammten dionysisch erregten Masse, findet an dieser unserer Auffassung seine volle Erklärung. Während wir, mit der Gewöhnung an die Stellung eines Chors auf der modernen Bühne, zumal eines Opernchors, gar nicht begreifen konnten, wie jener tragische Chor der Griechen älter, ursprünglicher, ja wichtiger sein sollte, als die eigentliche „Action“,—wie dies doch so deutlich überliefert war—während wir wiederum mit jener überlieferten hohen Wichtigkeit und Ursprünglichkeit nicht reimen konnten, warum er doch nur aus niedrigen dienenden Wesen, ja zuerst nur aus bocksartigen Satyrn zusammengesetzt worden sei, während uns die Orchestra vor der Scene immer ein Räthsel blieb, sind wir jetzt zu der Einsicht gekommen, dass die Scene sammt der Action im Grunde und ursprünglich nur als Vision gedacht wurde, dass die einzige „Realität“ eben der Chor ist, der die Vision aus sich erzeugt und von ihr mit der ganzen Symbolik des Tanzes, des Tones und des Wortes redet. Dieser Chor schaut in seiner Vision seinen Herrn und Meister Dionysus und ist darum ewig der dienende Chor: er sieht, wie dieser, der Gott, leidet und sich verherrlicht, und handelt deshalb selbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenüber durchaus dienenden Stellung ist er doch der höchste, nämlich dionysische Ausdruck der Natur und redet darum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und Weisheitssprüche: als der mitleidende ist er zugleich der weise, aus dem Herzen der Welt die Wahrheit verkündende. So entsteht denn jene phantastische und so anstössig scheinende Figur des weisen und begeisterten Satyrs, der zugleich „der tumbe Mensch“ im Gegensatz zum Gotte ist: Abbild der Natur und ihrer stärksten Triebe, ja Symbol derselben und zugleich Verkünder ihrer Weisheit und Kunst: Musiker, Dichter, Tänzer, Geisterseher in einer Person.
Dionysus, der eigentliche Bühnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist gemäss dieser Erkenntniss und gemäss der Ueberlieferung, zuerst, in der allerältesten Periode der Tragödie, nicht wahrhaft vorhanden, sondern wird nur als vorhanden vorgestellt: d.h. ursprünglich ist die Tragödie nur „Chor“ und nicht „Drama“. Später wird nun der Versuch gemacht, den Gott als einen realen zu zeigen und die Visionsgestalt sammt der verklärenden Umrahmung als jedem Auge sichtbar darzustellen; damit beginnt das „Drama“ im engeren Sinne. Jetzt bekommt der dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung der Zuhörer bis zu dem Grade dionysisch anzuregen, dass sie, wenn der tragische Held auf der Bühne erscheint, nicht etwa den unförmlich maskirten Menschen sehen, sondern eine gleichsam aus ihrer eignen Verzückung geborene Visionsgestalt. Denken wir uns Admet mit tiefem Sinnen seiner jüngst abgeschiedenen Gattin Alcestis gedenkend und ganz im geistigen Anschauen derselben sich verzehrend—wie ihm nun plötzlich ein ähnlich gestaltetes, ähnlich schreitendes Frauenbild in Verhüllung entgegengeführt wird: denken wir uns seine plötzliche zitternde Unruhe, sein stürmisches Vergleichen, seine instinctive Ueberzeugung—so haben wir ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch erregte Zuschauer den Gott auf der Bühne heranschreiten sah, mit dessen Leiden er bereits eins geworden ist. Unwillkürlich übertrug er das ganze magisch vor seiner Seele zitternde Bild des Gottes auf jene maskirte Gestalt und löste ihre Realität gleichsam in eine geisterhafte Unwirklichkeit auf. Dies ist der apollinische Traumeszustand, in dem die Welt des Tages sich verschleiert und eine neue Welt, deutlicher, verständlicher, ergreifender als jene und doch schattengleicher, in fortwährendem Wechsel sich unserem Auge neu gebiert. Demgemäss erkennen wir in der Tragödie einen durchgreifenden Stilgegensatz: Sprache, Farbe, Beweglichkeit, Dynamik der Rede treten in der dionysischen Lyrik des Chors und andrerseits in der apollinischen Traumwelt der Scene als völlig gesonderte Sphären des Ausdrucks aus einander. Die apollinischen Erscheinungen, in denen sich Dionysus objectivirt, sind nicht mehr „ein ewiges Meer, ein wechselnd Weben, ein glühend Leben“, wie es die Musik des Chors ist, nicht mehr jene nur empfundenen, nicht zum Bilde verdichteten Kräfte, in denen der begeisterte Dionysusdiener die Nähe des Gottes spürt: jetzt spricht, von der Scene aus, die Deutlichkeit und Festigkeit der epischen Gestaltung zu ihm, jetzt redet Dionysus nicht mehr durch Kräfte, sondern als epischer Held, fast mit der Sprache Homers.
The satyr and the idyllic shepherd of our more recent age are both products of a longing for the original and the natural. But with what a firm, fearless grip the Greek seized his forest man, and how bashfully and softly the modern person toyed with the flattering picture of a tender, fluting, soft-natured shepherd! In his satyr the Greek saw nature on which no knowledge had yet worked, nature in which the bolts of culture had not yet been broken open. That is why, for him, the satyr did not yet merge with the ape. On the contrary, the satyr was the original image of the human being, the expression of the human being’s highest and strongest stirrings. He was an inspired reveler, delighted by the nearness of the god. He was a suffering companion, in whom the suffering of the god is repeated. He was a proclaimer of wisdom out of the deepest breast of nature. He was a symbol of the sexual omnipotence of nature, which the Greek is used to viewing with reverent wonder. The satyr was something sublime and divine. He had to seem so especially to the painfully broken gaze of the Dionysian person. The dressed-up, lying shepherd would have offended such a person. His eye rested with sublime satisfaction on nature’s grand script, unveiled and undiminished. Here the illusion of culture was wiped away from the original image of the human being. Here the true human being revealed himself, the bearded satyr, shouting for joy up to his god. Before him the cultured person shrank into a lying caricature. For these beginnings of tragic art, too, Schiller is right: the chorus is a living wall against onrushing reality, because it—the satyr chorus—portrays existence more truthfully, more really, and more completely than the cultured person, who commonly takes himself to be the only reality. The sphere of poetry does not lie outside the world, as the fantastic impossibility of a poet’s brain. It wants to be exactly the opposite, the unvarnished expression of truth, and for that very reason it must throw off the lying finery of the supposed reality of the cultured person. The contrast between this real truth of nature and the lie of culture, which poses as the only reality, is like the contrast between the eternal core of things, the thing in itself, and the whole world of appearances. Tragedy, with its metaphysical comfort, points to the eternal life of that core of existence, amid the continual passing away of appearances. In the same way, the symbolism of the satyr chorus already expresses in a likeness that original relationship between the thing in itself and appearance. That idyllic shepherd of the modern person is only a counterfeit of the sum of illusions of education that he takes for nature. The Dionysian Greek wants truth and nature in their highest force—he sees himself enchanted into a satyr.
Under such moods and insights the ecstatic crowd of Dionysus’s servants rejoices. Their power transforms them even before their own eyes, so that they imagine they see themselves as restored spirits of nature, as satyrs. The later constitution of the tragic chorus is the artistic imitation of that natural phenomenon. With it, however, a separation of Dionysian spectators from those under the Dionysian spell became necessary. Only we must always keep in mind that the audience of Attic tragedy found itself again in the chorus of the orchestra, and that at bottom there was no opposition between audience and chorus. For everything is only one great, sublime chorus of dancing and singing satyrs, or of those who let themselves be represented by these satyrs. Schlegel’s saying must open itself to us here in a deeper sense. The chorus is the “ideal spectator” insofar as it is the only beholder, the beholder of the visionary world of the stage. An audience of spectators, as we know it, was unknown to the Greeks. In their theaters the seating area was built in terraces rising in concentric arcs. This made it possible for everyone to actually survey the whole cultured world around them, and in full, satisfied gazing to imagine themselves a member of the chorus. From this insight we may call the chorus, at its primitive stage in original tragedy, a self-mirroring of the Dionysian person. This phenomenon can be made clearest by the process of the actor. If truly gifted, the actor sees the image of the role he is to play hovering before his eyes so that he can almost touch it. The satyr chorus is first of all a vision of the Dionysian mass, just as the world of the stage is in turn a vision of this satyr chorus. The force of this vision is strong enough to make the gaze dull and insensitive to the impression of “reality,” to the educated people lounging in the rows of seats all around. The form of the Greek theater recalls a lonely mountain valley. The architecture of the stage looks like a shining cloud image that the Bacchae, roaming in the mountains, see from the heights. It is the glorious frame in whose middle the image of Dionysus is revealed to them.
That original artistic phenomenon, which we bring up here to explain the tragic chorus, is almost offensive given our scholarly view of the elementary artistic processes. Yet nothing can be more certain than that the poet is a poet only because he sees himself surrounded by figures who live and act before him, and into whose innermost being he looks. Because of a peculiar weakness of modern talent, we tend to imagine the original aesthetic phenomenon as too complicated and abstract. For the genuine poet, the metaphor is not a rhetorical figure but a substitute image that really hovers before him in place of a concept. For him a character is not a whole composed of pieced-together individual traits, but a person who is insistently alive before his eyes. This person differs from a painter’s comparable vision only in that it keeps living and acting on. What makes Homer describe things so much more vividly than all other poets? Because he looks at so much more. We talk about poetry so abstractly because we are all in the habit of being bad poets. At bottom the aesthetic phenomenon is simple. If one only has the ability to see a lively play continuously and to live always surrounded by crowds of spirits, one is a poet. If one only feels the urge to transform oneself and to speak out of other bodies and souls, one is a dramatist.
Dionysian excitement is able to pass this artistic gift on to a whole crowd: to see itself surrounded by such a host of spirits, with whom it knows itself to be inwardly one. This process of the tragic chorus is the original dramatic phenomenon: to see oneself transformed before oneself, and now to act as if one had really entered another body, another character. This process stands at the beginning of the development of drama. Here is something different from the rhapsode, who does not fuse with his images but, like the painter, sees them with a contemplative eye outside himself. Here there is already a giving up of the individual by entering into a foreign nature. And this phenomenon appears like an epidemic: a whole crowd feels enchanted in this way. The dithyramb is therefore essentially different from every other choral song. The maidens who solemnly walk to the temple of Apollo with laurel branches in their hands, singing a processional song, remain who they are and keep their civic names. The dithyrambic chorus is a chorus of transformed people, in whom their civic past and their social position are completely forgotten. They have become the timeless servants of their god, living outside all spheres of society. All other choral lyric of the Greeks is only an enormous intensification of the Apollonian individual singer. In the dithyramb, by contrast, a community of unconscious actors stands before us, who look at one another as transformed.
Enchantment is the precondition of all dramatic art. In this enchantment the Dionysian reveler sees himself as a satyr, and as a satyr he in turn beholds the god, that is, he sees in his transformation a new vision outside himself, as the Apollonian completion of his state. With this new vision the drama is complete.
From this insight we must understand Greek tragedy as the Dionysian chorus that again and again discharges itself in an Apollonian world of images. Those choral parts with which tragedy is interwoven are thus, in a way, the mother’s womb of the whole so-called dialogue, that is, of the entire world of the stage, of the drama proper. In several successive discharges, this original ground of tragedy radiates out that vision of the drama. The vision is thoroughly a dream appearance and in that respect epic in nature. On the other hand, as the objectification of a Dionysian state, it represents not Apollonian redemption in semblance but, on the contrary, the shattering of the individual and his becoming one with primal being. The drama is thus the Apollonian way of making Dionysian insights and effects perceptible to the senses, and by this it is separated from the epic as by an enormous gulf.
The chorus of Greek tragedy, the symbol of the whole Dionysian-excited mass, finds its full explanation in this view of ours. We were used to the position of a chorus on the modern stage, especially an opera chorus. So we could not understand at all how the tragic chorus of the Greeks could be older, more original, indeed more important than the real “action”—as the tradition so clearly reported. We also could not reconcile that reported high importance and originality with the fact that the chorus was nevertheless composed of lowly, serving beings—at first even only of goatlike satyrs. And the orchestra in front of the stage always remained a riddle to us. Now we have come to see that the stage, together with the action, was at bottom and originally conceived only as a vision. The only “reality” is the chorus, which generates the vision out of itself and speaks of it with the whole symbolism of dance, tone, and word. In its vision this chorus beholds its lord and master Dionysus, and is therefore eternally the serving chorus. It sees how he, the god, suffers and glorifies himself, and therefore does not act itself. In this position of complete service toward the god, it is nevertheless the highest, that is, the Dionysian, expression of nature. For that reason it speaks, like nature, in inspiration, in oracles and sayings of wisdom. As the one who suffers with the god, it is at the same time the wise one, proclaiming truth out of the heart of the world. So arises that fantastic and apparently offensive figure of the wise and inspired satyr, who is at the same time “the simple-minded human being” in contrast to the god. He is an image of nature and its strongest drives, indeed a symbol of them, and at the same time a proclaimer of its wisdom and art: musician, poet, dancer, seer of spirits in one person.
Dionysus, the actual hero of the stage and center of the vision, is, according to this insight and according to tradition, not truly present at first, in the very oldest period of tragedy. He is only imagined as present. That is, originally tragedy is only “chorus” and not “drama.” Later the attempt is made to show the god as a real one, and to present the visionary figure, together with its transfiguring frame, as visible to every eye. With this the “drama” in the narrower sense begins. Now the dithyrambic chorus is given the task of exciting the mood of the listeners to such a Dionysian degree that, when the tragic hero appears on the stage, they do not see the misshapen, masked man, but a visionary figure born, as it were, from their own rapture. Imagine Admetus, deep in thought, remembering his wife Alcestis, who has just died, and consuming himself entirely in seeing her with his mind—how suddenly a veiled female figure, similar in shape and similar in walk, is led toward him. Imagine his sudden, trembling unrest, his stormy comparing, his instinctive conviction—and we have an analogue to the feeling with which the Dionysian-excited spectator saw the god stride toward him on the stage, the god with whose suffering the spectator had already become one. Involuntarily the spectator transferred the whole image of the god, trembling magically before his soul, onto that masked figure, and dissolved its reality, as it were, into a ghostly unreality. This is the Apollonian dream state, in which the world of day is veiled, and a new world, clearer, more understandable, more gripping than the first and yet more shadowlike, is born anew before our eyes in continual change. Accordingly we recognize in tragedy a thoroughgoing contrast of style. Language, color, mobility, and dynamics of speech come apart as wholly separate spheres of expression, on one side in the Dionysian lyric of the chorus and on the other in the Apollonian dream world of the stage. The Apollonian appearances in which Dionysus objectifies himself are no longer “an eternal sea, a changing weaving, a glowing life,” as the music of the chorus is. They are no longer those merely felt forces, not condensed into an image, in which the inspired servant of Dionysus senses the nearness of the god. Now the clarity and firmness of epic shaping speaks to him from the stage. Now Dionysus no longer speaks through forces, but as an epic hero, almost in the language of Homer.
Section 9
Alles, was im apollinischen Theile der griechischen Tragödie, im Dialoge, auf die Oberfläche kommt, sieht einfach, durchsichtig, schön aus. In diesem Sinne ist der Dialog ein Abbild des Hellenen, dessen Natur sich im Tanze offenbart, weil im Tanze die grösste Kraft nur potenziell ist, aber sich in der Geschmeidigkeit und Ueppigkeit der Bewegung verräth. So überrascht uns die Sprache der sophokleischen Helden durch ihre apollinische Bestimmtheit und Helligkeit, so dass wir sofort bis in den innersten Grund ihres Wesens zu blicken wähnen, mit einigem Erstaunen, dass der Weg bis zu diesem Grunde so kurz ist. Sehen wir aber einmal von dem auf die Oberfläche kommenden und sichtbar werdenden Charakter des Helden ab — der im Grunde nichts mehr ist als das auf eine dunkle Wand geworfene Lichtbild d. h. Erscheinung durch und durch — dringen wir vielmehr in den Mythus ein, der in diesen hellen Spiegelungen sich projicirt, so erleben wir plötzlich ein Phänomen, das ein umgekehrtes Verhältniss zu einem bekannten optischen hat. Wenn wir bei einem kräftigen Versuch, die Sonne in's Auge zu fassen, uns geblendet abwenden, so haben wir dunkle farbige Flecken gleichsam als Heilmittel vor den Augen: umgekehrt sind jene Lichtbilderscheinungen des sophokleischen Helden, kurz das Apollinische der Maske, nothwendige Erzeugungen eines Blickes in's Innere und Schreckliche der Natur, gleichsam leuchtende Flecken zur Heilung des von grausiger Nacht versehrten Blickes. Nur in diesem Sinne dürfen wir glauben, den ernsthaften und bedeutenden Begriff der „griechischen Heiterkeit“ richtig zu fassen; während wir allerdings den falsch verstandenen Begriff dieser Heiterkeit im Zustande ungefährdeten Behagens auf allen Wegen und Stegen der Gegenwart antreffen.
Die leidvollste Gestalt der griechischen Bühne, der unglückselige Oedipus, ist von Sophokles als der edle Mensch verstanden worden, der zum Irrthum und zum Elend trotz seiner Weisheit bestimmt ist, der aber am Ende durch sein ungeheures Leiden eine magische segensreiche Kraft um sich ausübt, die noch über sein Verscheiden hinaus wirksam ist. Der edle Mensch sündigt nicht, will uns der tiefsinnige Dichter sagen: durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jede natürliche Ordnung, ja die sittliche Welt zu Grunde gehen, eben durch dieses Handeln wird ein höherer magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eine neue Welt auf den Ruinen der umgestürzten alten gründen. Das will uns der Dichter, insofern er zugleich religiöser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt er uns zuerst einen wunderbar geschürzten Prozessknoten, den der Richter langsam, Glied für Glied, zu seinem eigenen Verderben löst; die echt hellenische Freude an dieser dialektischen Lösung ist so gross, dass hierdurch ein Zug von überlegener Heiterkeit über das ganze Werk kommt, der den schauderhaften Voraussetzungen jenes Prozesses überall die Spitze abbricht. Im „Oedipus auf Kolonos“ treffen wir diese selbe Heiterkeit, aber in eine unendliche Verklärung emporgehoben; dem vom Uebermaasse des Elends betroffenen Greise gegenüber, der allem, was ihn betrifft, rein als Leidender preisgegeben ist — steht die überirdische Heiterkeit, die aus göttlicher Sphäre herniederkommt und uns andeutet, dass der Held in seinem rein passiven Verhalten seine höchste Activität erlangt, die weit über sein Leben hinausgreift, während sein bewusstes Tichten und Trachten im früheren Leben ihn nur zur Passivität geführt hat. So wird der für das sterbliche Auge unauflöslich verschlungene Prozessknoten der Oedipusfabel langsam entwirrt — und die tiefste menschliche Freude überkommt uns bei diesem göttlichen Gegenstück der Dialektik. Wenn wir mit dieser Erklärung dem Dichter gerecht geworden sind, so kann doch immer noch gefragt werden, ob damit der Inhalt des Mythus erschöpft ist: und hier zeigt sich, dass die ganze Auffassung des Dichters nichts ist als eben jenes Lichtbild, welches uns, nach einem Blick in den Abgrund, die heilende Natur vorhält. Oedipus der Mörder seines Vaters, der Gatte seiner Mutter, Oedipus der Räthsellöser der Sphinx! Was sagt uns die geheimnissvolle Dreiheit dieser Schicksalsthaten? Es giebt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, dass ein weiser Magier nur aus Incest geboren werden könne: was wir uns, im Hinblick auf den räthsellösenden und seine Mutter freienden Oedipus, sofort so zu interpretiren haben, dass dort, wo durch weissagende und magische Kräfte der Bann von Gegenwart und Zukunft, das starre Gesetz der Individuation, und überhaupt der eigentliche Zauber der Natur gebrochen ist, eine ungeheure Naturwidrigkeit — wie dort der Incest — als Ursache vorausgegangen sein muss; denn wie könnte man die Natur zum Preisgeben ihrer Geheimnisse zwingen, wenn nicht dadurch, dass man ihr siegreich widerstrebt, d. h. durch das Unnatürliche? Diese Erkenntniss sehe ich in jener entsetzlichen Dreiheit der Oedipusschicksale ausgeprägt: derselbe, der das Räthsel der Natur — jener doppeltgearteten Sphinx — löst, muss auch als Mörder des Vaters und Gatte der Mutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja, der Mythus scheint uns zuraunen zu wollen, dass die Weisheit und gerade die dionysische Weisheit ein naturwidriger Greuel sei, dass der, welcher durch sein Wissen die Natur in den Abgrund der Vernichtung stürzt, auch an sich selbst die Auflösung der Natur zu erfahren habe. „Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den Weisen: Weisheit ist ein Verbrechen an der Natur“: solche schreckliche Sätze ruft uns der Mythus zu: der hellenische Dichter aber berührt wie ein Sonnenstrahl die erhabene und furchtbare Memnonssäule des Mythus, so dass er plötzlich zu tönen beginnt — in sophokleischen Melodieen!
Der Glorie der Passivität stelle ich jetzt die Glorie der Activität gegenüber, welche den Prometheus des Aeschylus umleuchtet. Was uns hier der Denker Aeschylus zu sagen hatte, was er aber als Dichter durch sein gleichnissartiges Bild uns nur ahnen lässt, das hat uns der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines Prometheus zu enthüllen gewusst:
„Hier sitz ich, forme MenschenNach meinem Bilde,Ein Geschlecht, das mir gleich sei,Zu leiden, zu weinen,Zu geniessen und zu freuen sich,Und dein nicht zu achten,Wie ich!“
Der Mensch, in's Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine Cultur und zwingt die Götter sich mit ihm zu verbinden, weil er in seiner selbsteignen Weisheit die Existenz und die Schranken derselben in seiner Hand hat. Das Wunderbarste an jenem Prometheusgedicht, das seinem Grundgedanken nach der eigentliche Hymnus der Unfrömmigkeit ist, ist aber der tiefe aeschyleische Zug nach Gerechtigkeit: das unermessliche Leid des kühnen „Einzelnen“ auf der einen Seite, und die göttliche Noth, ja Ahnung einer Götterdämmerung auf der andern, die zur Versöhnung, zum metaphysischen Einssein zwingende Macht jener beiden Leidenswelten — dies alles erinnert auf das Stärkste an den Mittelpunkt und Hauptsatz der aeschyleischen Weltbetrachtung, die über Göttern und Menschen die Moira als ewige Gerechtigkeit thronen sieht. Bei der erstaunlichen Kühnheit, mit der Aeschylus die olympische Welt auf seine Gerechtigkeitswagschalen stellt, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass der tiefsinnige Grieche einen unverrückbar festen Untergrund des metaphysischen Denkens in seinen Mysterien hatte, und dass sich an den Olympiern alle seine skeptischen Anwandelungen entladen konnten. Der griechische Künstler insbesondere empfand im Hinblick auf diese Gottheiten ein dunkles Gefühl wechselseitiger Abhängigkeit: und gerade im Prometheus des Aeschylus ist dieses Gefühl symbolisirt. Der titanische Künstler fand in sich den trotzigen Glauben, Menschen schaffen und olympische Götter wenigstens vernichten zu können: und dies durch seine höhere Weisheit, die er freilich durch ewiges Leiden zu büssen gezwungen war. Das herrliche „Können“ des grossen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu gering bezahlt ist, der herbe Stolz des Künstlers — das ist Inhalt und Seele der aeschyleischen Dichtung, während Sophokles in seinem Oedipus das Siegeslied des Heiligen präludirend anstimmt. Aber auch mit jener Deutung, die Aeschylus dem Mythus gegeben hat, ist dessen erstaunliche Schreckenstiefe nicht ausgemessen: vielmehr ist die Werdelust des Künstlers, die jedem Unheil trotzende Heiterkeit des künstlerischen Schaffens nur ein lichtes Wolken- und Himmelsbild, das sich auf einem schwarzen See der Traurigkeit spiegelt. Die Prometheussage ist ein ursprüngliches Eigenthum der gesammten arischen Völkergemeinde und ein Document für deren Begabung zum Tiefsinnig-Tragischen, ja es möchte nicht ohne Wahrscheinlichkeit sein, dass diesem Mythus für das arische Wesen eben dieselbe charakteristische Bedeutung innewohnt, die der Sündenfallmythus für das semitische hat, und dass zwischen beiden Mythen ein Verwandtschaftsgrad existiert, wie zwischen Bruder und Schwester. Die Voraussetzung jenes Prometheusmythus ist der überschwängliche Werth, den eine naive Menschheit dem Feuer beilegt als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Cultur: dass aber der Mensch frei über das Feuer waltet und es nicht nur durch ein Geschenk vom Himmel, als zündenden Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand empfängt, erschien jenen beschaulichen Ur-Menschen als ein Frevel, als ein Raub an der göttlichen Natur. Und so stellt gleich das erste philosophische Problem einen peinlichen unlösbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hin und rückt ihn wie einen Felsblock an die Pforte jeder Cultur. Das Beste und Höchste, dessen die Menschheit theilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muss nun wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlich die ganze Fluth von Leiden und von Kümmernissen mit denen die beleidigten Himmlischen das edel emporstrebende Menschengeschlecht heimsuchen — müssen: ein herber Gedanke, der durch die Würde, die er dem Frevel ertheilt, seltsam gegen den semitischen Sündenfallmythus absticht, in welchem die Neugierde, die lügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die Lüsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affectionen als der Ursprung des Uebels angesehen wurde. Das, was die arische Vorstellung auszeichnet, ist die erhabene Ansicht von der activen Sünde als der eigentlich prometheischen Tugend: womit zugleich der ethische Untergrund der pessimistischen Tragödie gefunden ist, als die Rechtfertigung des menschlichen Uebels, und zwar sowohl der menschlichen Schuld als des dadurch verwirkten Leidens. Das Unheil im Wesen der Dinge — das der beschauliche Arier nicht geneigt ist wegzudeuteln —, der Widerspruch im Herzen der Welt offenbart sich ihm als ein Durcheinander verschiedener Welten, z. B. einer göttlichen und einer menschlichen, von denen jede als Individuum im Recht ist, aber als einzelne neben einer andern für ihre Individuation zu leiden hat. Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet er an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch d. h. er frevelt und leidet. So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne, die Ursünde vom Weibe begangen wird. Uebrigens sagt der Hexenchor:
„Wir nehmen das nicht so genau:Mit tausend Schritten macht's die Frau;Doch wie sie auch sich eilen kann,Mit einem Sprunge macht's der Mann“.
Wer jenen innersten Kern der Prometheussage versteht — nämlich die dem titanisch strebenden Individuum gebotene Nothwendigkeit des Frevels — der muss auch zugleich das Unapollinische dieser pessimistischen Vorstellung empfinden; denn Apollo will die Einzelwesen gerade dadurch zur Ruhe bringen, dass er Grenzlinien zwischen ihnen zieht und dass er immer wieder an diese als an die heiligsten Weltgesetze mit seinen Forderungen der Selbsterkenntniss und des Maasses erinnert. Damit aber bei dieser apollinischen Tendenz die Form nicht zu ägyptischer Steifigkeit und Kälte erstarre, damit nicht unter dem Bemühen, der einzelnen Welle ihre Bahn und ihr Bereich vorzuschreiben, die Bewegung des ganzen See's ersterbe, zerstörte von Zeit zu Zeit wieder die hohe Fluth des Dionysischen alle jene kleinen Zirkel, in die der einseitig apollinische „Wille“ das Hellenenthum zu bannen suchte. Jene plötzlich anschwellende Fluth des Dionysischen nimmt dann die einzelnen kleinen Wellenberge der Individuen auf ihren Rücken, wie der Bruder des Prometheus, der Titan Atlas, die Erde. Dieser titanische Drang, gleichsam der Atlas aller Einzelnen zu werden und sie mit breitem Rücken höher und höher, weiter und weiter zu tragen, ist das Gemeinsame zwischen dem Prometheischen und dem Dionysischen. Der aeschyleische Prometheus ist in diesem Betracht eine dionysische Maske, während in jenem vorhin erwähnten tiefen Zuge nach Gerechtigkeit Aeschylus seine väterliche Abstammung von Apollo, dem Gotte der Individuation und der Gerechtigkeitsgrenzen, dem Einsichtigen verräth. Und so möchte das Doppelwesen des aeschyleischen Prometheus, seine zugleich dionysische und apollinische Natur in begrifflicher Formel so ausgedrückt werden können: „Alles Vorhandene ist gerecht und ungerecht und in beidem gleich berechtigt.“
Das ist deine Welt! Das heisst eine Welt! —
Everything that comes to the surface in the Apollonian part of Greek tragedy, in its dialogue, looks simple, clear, and beautiful. In this sense, the dialogue is an image of the Greek, whose nature reveals itself in dance. In dancing, the greatest strength remains only a potential, but shows itself in the suppleness and richness of the movement. In the same way, the speech of Sophocles’ heroes surprises us with its Apollonian precision and brightness. We immediately imagine that we can see into the deepest core of their being, and are a little surprised that the way to that core is so short. But suppose we look past the hero’s character as it comes to the surface and becomes visible. At bottom, it is no more than a light-image projected onto a dark wall—an appearance through and through. Suppose instead that we enter the myth projected in these bright reflections. We suddenly experience something that reverses a familiar optical effect. When we make a determined effort to look at the sun and turn away blinded, we see dark, colored spots before our eyes, as if they were a remedy. In the opposite way, those bright images of Sophocles’ hero—in short, the Apollonian quality of the mask—are necessary products of a look into the terrifying depths of nature. They are like shining spots that heal eyes injured by a horrifying night. Only in this sense can we believe we have rightly understood the serious and important idea of “Greek cheerfulness.” In our own time, though, we encounter its misunderstood version everywhere: cheerfulness as comfortable ease, free from danger.
The figure who suffers most on the Greek stage, the ill-fated Oedipus, was understood by Sophocles as a noble person. Despite his wisdom, he is destined for error and misery. But in the end, his immense suffering makes him exert a magical, blessing power on those around him, one that continues even after his death. The noble person does not sin: that is what this deeply thoughtful poet wants to tell us. His actions may destroy every law, every natural order, even the moral world itself. Yet those very actions create a higher, magical circle of effects that establish a new world on the ruins of the overthrown old one. This is what the poet wants to tell us insofar as he is also a religious thinker. As a poet, he first shows us a wonderfully tangled knot of a legal case. The judge slowly unravels it, link by link, to his own destruction. The genuinely Greek delight in this unraveling through argument is so great that it gives the whole work a touch of superior cheerfulness. Everywhere, it takes the edge off the horrifying circumstances underlying the case. In “Oedipus at Colonus,” we find this same cheerfulness, but raised into an endless transfiguration. Facing the old man overwhelmed by misery, who is exposed to everything that happens to him purely as someone who suffers, stands a supernatural cheerfulness. It comes down from the divine realm and suggests that, through his completely passive conduct, the hero achieves his greatest power to act, extending far beyond his life. In contrast, his conscious plans and efforts earlier in life had only led him into passivity. In this way, the tangled knot of the case in the Oedipus story, which no mortal eye can unravel, is slowly undone. And the deepest human joy comes over us at this divine counterpart to reasoning through arguments. Even if this explanation has done justice to the poet, we can still ask whether it has exhausted the myth’s content. Here it becomes clear that the poet’s entire interpretation is just that light-image which healing nature holds before us after we have looked into the abyss. Oedipus, his father’s murderer, his mother’s husband! Oedipus, who solved the Sphinx’s riddle! What does this mysterious set of three fateful deeds tell us? An ancient folk belief, especially widespread in Persia, says that a wise magician can be born only from incest. With Oedipus, who solves the riddle and marries his mother, in mind, we must immediately interpret it this way: where prophetic and magical powers have broken the spell of the present and future, the rigid law that separates things into individuals, and nature’s own magic in general, some monstrous violation of nature—incest, in that case—must have come first as the cause. How else could someone force nature to give up its secrets, except by successfully resisting it—that is, through something unnatural? I see this insight expressed in that terrible set of three events in Oedipus’ fate. The same person who solves the riddle of nature—that Sphinx with its double nature—must also break nature’s most sacred laws as his father’s murderer and his mother’s husband. Indeed, the myth seems to whisper to us that wisdom, and specifically Dionysian wisdom, is an unnatural horror. Anyone whose knowledge plunges nature into the abyss of destruction must also experience nature’s dissolution in himself. “The point of wisdom turns against the wise person: wisdom is a crime against nature.” The myth calls out terrifying statements like these to us. But the Greek poet touches the myth’s grand and frightening statue of Memnon like a sunbeam, so that it suddenly starts to sing—in the melodies of Sophocles!
Against this glory of passivity I now set the glory of action that shines around Aeschylus’ Prometheus. What Aeschylus the thinker had to tell us here, but as a poet only lets us sense through his symbolic picture, the young Goethe knew how to reveal in the daring words of his Prometheus:
“Here I sit, making peopleIn my own image,A race that will be like me,To suffer, to cry,To enjoy life and be glad,And to pay no attention to you,Like me!”
Rising to the stature of a Titan, the human being fights to win his own culture and forces the gods to join forces with him. Through wisdom that is entirely his own, he holds existence and its limits in his hand. In its basic idea, this poem about Prometheus is the true hymn to impiety. Yet its most wonderful feature is its deeply Aeschylean drive toward justice. On one side is the boundless suffering of the daring “individual.” On the other is the distress of the gods, even a foreboding of a twilight of the gods. These two worlds of suffering have a power that forces reconciliation and metaphysical oneness. All this strongly recalls the central point and main principle of Aeschylus’ view of the world: above gods and humans, Moira sits enthroned as eternal justice. Given the astonishing boldness with which Aeschylus places the Olympian world on his scales of justice, we must remember that this deeply thoughtful Greek had an unshakably solid foundation for metaphysical thought in his mystery rites. All his skeptical impulses could therefore discharge themselves against the Olympians. The Greek artist in particular felt a dark sense of mutual dependence in relation to these gods. It is precisely this feeling that Aeschylus’ Prometheus symbolizes. The Titan-like artist found in himself the defiant belief that he could create human beings and at least destroy Olympian gods. He could do this through his higher wisdom, though he was forced to pay for it with eternal suffering. The glorious “ability” of great genius, for which even eternal suffering is too small a price, the stern pride of the artist: these are the content and soul of Aeschylus’ poetry. Meanwhile, in his Oedipus, Sophocles strikes up the opening notes of the saint’s victory song. But even Aeschylus’ interpretation of the myth does not measure the full depth of its astonishing terror. Rather, the artist’s joy in bringing things into being, the cheerfulness of artistic creation that defies every disaster, is only a bright image of clouds and sky reflected in a black lake of sadness. The Prometheus legend is an original possession of the entire family of Aryan peoples, and evidence of their gift for profound tragedy. Indeed, it may not be unlikely that this myth has the same characteristic meaning for the Aryan nature that the myth of the Fall has for the Semitic nature, and that the two myths are related like brother and sister. The Prometheus myth rests on the tremendous value that a naive early humanity placed on fire as the true safeguard of every rising culture. But those contemplative early humans saw it as a violation, a theft from divine nature, for people to control fire freely instead of receiving it only as a gift from heaven, as a lightning bolt that kindles a fire or the sun’s warming blaze. So the very first philosophical problem presents a painful, insoluble conflict between humanity and god, setting it like a boulder at the entrance to every culture. Humanity wins the best and highest things it can share in through a violation, and must then accept its consequences: the whole flood of suffering and grief with which the offended gods in heaven afflict—and must afflict—the nobly striving human race. This is a harsh thought. Through the dignity it gives to the violation, it stands in a strange contrast to the Semitic myth of the Fall. That myth saw curiosity, deceptive pretenses, susceptibility to seduction, lust—in short, a series of mainly female inclinations—as the origin of evil. What distinguishes the Aryan idea is its exalted view of active sin as the specifically Promethean virtue. This also provides the ethical foundation of pessimistic tragedy: the justification of human evil, both human guilt and the suffering it brings on. The evil in the nature of things—which the contemplative Aryan is not inclined to explain away—the conflict at the heart of the world, reveals itself to him as an intermingling of different worlds, a divine and a human world, for example. Each is justified as an individual, but as a separate entity beside another, each must suffer for its individuality. When the individual heroically presses toward the universal, tries to step beyond the spell of individuality and wants to be the one being of the world itself, he experiences in himself the primal conflict hidden in things. That is, he commits a violation and suffers. Thus the Aryans understand violation as male, and the Semites understand sin as female, just as the primal violation is committed by a man and the primal sin by a woman. Besides, the witches’ chorus says:
“We aren’t so particular about it:A woman does it in a thousand steps;But however fast she goes,A man does it in a single jump.”
Anyone who understands that deepest core of the Prometheus legend—the necessity of violation imposed on the individual with Titanic ambitions—must also feel how un-Apollonian this pessimistic idea is. Apollo wants to bring individual beings to rest precisely by drawing boundaries between them. With his demands for self-knowledge and moderation, he keeps reminding them that these boundaries are the world’s most sacred laws. But this Apollonian tendency must not make form freeze into Egyptian stiffness and coldness. The attempt to prescribe a course and a territory for each individual wave must not kill the movement of the whole lake. So, from time to time, the high tide of the Dionysian once again destroyed all those small circles in which the one-sidedly Apollonian “will” tried to imprison the Greek world. This suddenly swelling Dionysian tide then lifts the individual little crests of the waves onto its back, as Prometheus’ brother, the Titan Atlas, lifts the earth. This Titanic urge to become, as it were, an Atlas for all individuals, and carry them higher and higher, farther and farther on a broad back, is what the Promethean and Dionysian have in common. In this respect, Aeschylus’ Prometheus is a Dionysian mask. But in that deep drive toward justice mentioned earlier, Aeschylus reveals to an understanding observer his descent on his father’s side from Apollo, the god of individuality and the boundaries of justice. So the dual character of Aeschylus’ Prometheus, his simultaneously Dionysian and Apollonian nature, might be expressed in this conceptual formula: “Everything that exists is just and unjust, and equally justified in both.”
That is your world! That is what you call a world!—
Section 10
Es ist eine unanfechtbare Ueberlieferung, dass die griechische Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum Gegenstand hatte und dass der längere Zeit hindurch einzig vorhandene Bühnenheld eben Dionysus war. Aber mit der gleichen Sicherheit darf behauptet werden, dass niemals bis auf Euripides Dionysus aufgehört hat, der tragische Held zu sein, sondern dass alle die berühmten Figuren der griechischen Bühne Prometheus, Oedipus u. s. w. nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysus sind. Dass hinter allen diesen Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund für die so oft angestaunte typische „Idealität“ jener berühmten Figuren. Es hat ich weiss nicht wer behauptet, dass alle Individuen als Individuen komisch und damit untragisch seien: woraus zu entnehmen wäre, dass die Griechen überhaupt Individuen auf der tragischen Bühne nicht ertragen konnten. In der That scheinen sie so empfunden zu haben: wie überhaupt jene platonische Unterscheidung und Werthabschätzung der „Idee“ im Gegensatze zum „Idol“ zum Abbild tief im hellenischen Wesen begründet liegt. Um uns aber der Terminologie Plato's zu bedienen, so wäre von den tragischen Gestalten der hellenischen Bühne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus erscheint in einer Vielheit der Gestalten, in der Maske eines kämpfenden Helden und gleichsam in das Netz des Einzelwillens verstrickt. So wie jetzt der erscheinende Gott redet und handelt, ähnelt er einem irrenden strebenden leidenden Individuum: und dass er überhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit und Deutlichkeit erscheint, ist die Wirkung des Traumdeuters Apollo, der dem Chore seinen dionysischen Zustand durch jene gleichnissartige Erscheinung deutet. In Wahrheit aber ist jener Held der leidende Dionysus der Mysterien, jener die Leiden der Individuation an sich erfahrende Gott, von dem wundervolle Mythen erzählen, wie er als Knabe von den Titanen zerstückelt worden sei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt werde: wobei angedeutet wird, dass diese Zerstückelung, das eigentlich dionysische Leiden, gleich einer Umwandlung in Luft, Wasser, Erde und Feuer sei, dass wir also den Zustand der Individuation als den Quell und Urgrund alles Leidens, als etwas an sich Verwerfliches, zu betrachten hätten. Aus dem Lächeln dieses Dionysus sind die olympischen Götter, aus seinen Thränen die Menschen entstanden. In jener Existenz als zerstückelter Gott hat Dionysus die Doppelnatur eines grausamen verwilderten Dämons und eines milden sanftmüthigen Herrschers. Die Hoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt des Dionysus, die wir jetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll zu begreifen haben: diesem kommenden dritten Dionysus erscholl der brausende Jubelgesang der Epopten. Und nur in dieser Hoffnung giebt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitze der zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt: wie es der Mythus durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysus noch einmal gebären. In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle Bestandtheile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich damit die Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die Grunderkenntniss von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als des Urgrundes des Uebels, die Kunst als die freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. —
Es ist früher angedeutet worden, dass das homerische Epos die Dichtung der olympischen Cultur ist, mit der sie ihr eignes Siegeslied über die Schrecken des Titanenkampfes gesungen hat. Jetzt, unter dem übermächtigen Einflusse der tragischen Dichtung, werden die homerischen Mythen von Neuem umgeboren und zeigen in dieser Metempsychose, dass inzwischen auch die olympische Cultur von einer noch tieferen Weltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan Prometheus hat es seinem olympischen Peiniger angekündigt, dass einst seiner Herrschaft die höchste Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten Zeit sich mit ihm verbinden werde. In Aeschylus erkennen wir das Bündniss des erschreckten, vor seinem Ende bangenden Zeus mit dem Titanen. So wird das frühere Titanenzeitalter nachträglich wieder aus dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie der wilden und nackten Natur schaut die vorübertanzenden Mythen der homerischen Welt mit der unverhüllten Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, sie zittern vor dem blitzartigen Auge dieser Göttin — bis sie die mächtige Faust des dionysischen Künstlers in den Dienst der neuen Gottheit zwingt. Die dionysische Wahrheit übernimmt das gesammte Bereich des Mythus als Symbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese theils in dem öffentlichen Cultus der Tragödie, theils in den geheimen Begehungen dramatischer Mysterienfeste, aber immer unter der alten mythischen Hülle aus. Welche Kraft war dies, die den Prometheus von seinen Geiern befreite und den Mythus zum Vehikel dionysischer Weisheit umwandelte? Dies ist die heraklesmässige Kraft der Musik: als welche, in der Tragödie zu ihrer höchsten Erscheinung gekommen, den Mythus mit neuer tiefsinnigster Bedeutsamkeit zu interpretiren weiss; wie wir dies als das mächtigste Vermögen der Musik früher schon zu charakterisiren hatten. Denn es ist das Loos jedes Mythus, allmählich in die Enge einer angeblich historischen Wirklichkeit hineinzukriechen und von irgend einer späteren Zeit als einmaliges Factum mit historischen Ansprüchen behandelt zu werden: und die Griechen waren bereits völlig auf dem Wege, ihren ganzen mythischen Jugendtraum mit Scharfsinn und Willkür in eine historisch-pragmatische Jugendgeschichte umzustempeln. Denn dies ist die Art, wie Religionen abzusterben pflegen: wenn nämlich die mythischen Voraussetzungen einer Religion unter den strengen, verstandesmässigen Augen eines rechtgläubigen Dogmatismus als eine fertige Summe von historischen Ereignissen systematisirt werden und man anfängt, ängstlich die Glaubwürdigkeit der Mythen zu vertheidigen, aber gegen jedes natürliche Weiterleben und Weiterwuchern derselben sich zu sträuben, wenn also das Gefühl für den Mythus abstirbt und an seine Stelle der Anspruch der Religion auf historische Grundlagen tritt. Diesen absterbenden Mythus ergriff jetzt der neugeborne Genius der dionysischen Musik: und in seiner Hand blühte er noch einmal, mit Farben, wie er sie noch nie gezeigt, mit einem Duft, der eine sehnsüchtige Ahnung einer metaphysischen Welt erregte. Nach diesem letzten Aufglänzen fällt er zusammen, seine Blätter werden welk, und bald haschen die spöttischen Luciane des Alterthums nach den von allen Winden fortgetragnen, entfärbten und verwüsteten Blumen. Durch die Tragödie kommt der Mythus zu seinem tiefsten Inhalt, seiner ausdrucksvollsten Form; noch einmal erhebt er sich, wie ein verwundeter Held, und der ganze Ueberschuss von Kraft, sammt der weisheitsvollen Ruhe des Sterbenden, brennt in seinem Auge mit letztem, mächtigem Leuchten.
Was wolltest du, frevelnder Euripides, als du diesen Sterbenden noch einmal zu deinem Frohndienste zu zwingen suchtest? Er starb unter deinen gewaltsamen Händen: und jetzt brauchtest du einen nachgemachten, maskirten Mythus, der sich wie der Affe des Herakles mit dem alten Prunke nur noch aufzuputzen wusste. Und wie dir der Mythus starb, so starb dir auch der Genius der Musik: mochtest du auch mit gierigem Zugreifen alle Gärten der Musik plündern, auch so brachtest du es nur zu einer nachgemachten maskirten Musik. Und weil du Dionysus verlassen, so verliess dich auch Apollo; jage alle Leidenschaften von ihrem Lager auf und banne sie in deinen Kreis, spitze und feile dir für die Reden deiner Helden eine sophistische Dialektik zurecht — auch deine Helden haben nur nachgeahmte maskirte Leidenschaften und sprechen nur nachgeahmte maskirte Reden.
An unquestionable tradition tells us that Greek tragedy in its earliest form dealt only with the sufferings of Dionysus, and that for a long time Dionysus was its only stage hero. But we can say with equal certainty that, right up to Euripides, Dionysus never stopped being the tragic hero. All the famous figures of the Greek stage—Prometheus, Oedipus, and the rest—are only masks of that original hero, Dionysus. A god stands behind all these masks. That is the one essential reason for the characteristic “ideal quality” of those famous figures, which has so often inspired amazement. Someone—I do not know who—has claimed that all individuals, as individuals, are comic and therefore not tragic. From this we could conclude that the Greeks simply could not tolerate individuals on the tragic stage. They do seem to have felt that way. In general, Plato’s distinction between the “Idea” and the “idol,” or copy, and his different valuation of the two, are deeply rooted in the Greek character. To use Plato’s terms, we could describe the tragic figures of the Greek stage roughly like this: the one truly real Dionysus appears in a multitude of forms, wearing the mask of a struggling hero and caught, as it were, in the net of the individual will. As the god now speaks and acts in this appearance, he resembles an individual who makes mistakes, strives, and suffers. That he appears at all with this epic precision and clarity is the work of Apollo, the interpreter of dreams. Through this symbolic appearance, Apollo explains the chorus’ Dionysian state to it. But in truth this hero is the suffering Dionysus of the mysteries, the god who experiences in himself the suffering of being divided into individuals. Wonderful myths tell how the Titans cut him to pieces as a boy, and how in this state he is now worshiped as Zagreus. This suggests that the dismemberment, the specifically Dionysian suffering, is like a transformation into air, water, earth, and fire. We should therefore see the state of being divided into individuals as the source and original basis of all suffering, as something objectionable in itself. The Olympian gods came from this Dionysus’ smile, and human beings from his tears. In his existence as a dismembered god, Dionysus has the double nature of a cruel, savage demon and a mild, gentle ruler. But those fully initiated in the mysteries placed their hope in a rebirth of Dionysus. We must now try to understand this as the end of division into individuals. Their roaring song of celebration rang out for this coming third Dionysus. Only in this hope is there a ray of joy on the face of the torn world, shattered into individuals. The myth illustrates this through Demeter, sunk in eternal grief. For the first time she rejoices again when she is told that she can give birth to Dionysus once more. In the ideas just described, we already have all the elements of a profound and pessimistic view of the world, and with them tragedy’s teaching of the mysteries: the basic insight that everything that exists is one; the view that division into individuals is the original basis of evil; and art as the joyful hope that the spell of this division can be broken, as the foreboding of a restored unity.—
It was suggested earlier that Homeric epic is the poetry of Olympian culture, through which that culture sang its own song of victory over the terrors of the battle with the Titans. Now, under the overwhelming influence of tragic poetry, the Homeric myths are reborn once again. In this migration of their souls, they show that Olympian culture, too, has meanwhile been defeated by a still deeper view of the world. The defiant Titan Prometheus had warned his Olympian tormentor that one day his rule would face the greatest danger unless he joined forces with Prometheus in time. In Aeschylus, we see the alliance of the frightened Zeus, fearful of his own end, with the Titan. In this way, the earlier age of the Titans is brought back up from Tartarus into the light after all. The philosophy of wild, naked nature looks at the myths of the Homeric world as they dance past, and it wears the unveiled face of truth. They turn pale and tremble before this goddess’ lightning gaze—until the mighty fist of the Dionysian artist forces them into the service of the new god. Dionysian truth takes over the entire realm of myth as a set of symbols for its insights. It expresses them partly in the public worship of tragedy, partly in the secret performances of dramatic mystery festivals, but always beneath the old mythical covering. What power was it that freed Prometheus from his vultures and turned myth into a vehicle for Dionysian wisdom? It was the Herculean power of music. Reaching its highest expression in tragedy, music knows how to interpret myth with a new and deeply profound meaning. Earlier, we already had to identify this as music’s most powerful ability. For every myth is destined to creep gradually into the narrow confines of a supposedly historical reality, and to be treated by some later age as a one-time event claiming historical truth. The Greeks were already well on their way to using ingenuity and arbitrary decisions to recast their whole mythical dream of youth as a history of their youth based on historical events and practical causes. This is how religions usually die: an orthodox dogmatism, with its strict, rational scrutiny, organizes a religion’s mythical premises into a fixed set of historical events. People begin anxiously defending the myths’ credibility while resisting any natural continuation of their life and growth. In other words, the feeling for myth dies, and in its place comes religion’s claim to historical foundations. The newborn genius of Dionysian music now took hold of this dying myth. In its hand, the myth blossomed once more, with colors it had never shown before and a fragrance that awakened a longing foreboding of a metaphysical world. After this last blaze of brightness, it collapses. Its leaves wither, and soon antiquity’s mocking Lucians snatch at the faded, ruined flowers carried off by every wind. Through tragedy, myth reaches its deepest content and its most expressive form. Once again it rises like a wounded hero, and all its remaining strength, together with the wise calm of someone dying, burns in its eye with one last powerful light.
What did you want, you sacrilegious Euripides, when you tried to force this dying figure into your compulsory service once again? It died under your violent hands. Now you needed a counterfeit, masked myth, which, like the ape of Heracles, could do no more than dress itself up in the old finery. And just as myth died on you, so did the genius of music. However greedily you reached out to plunder every garden of music, you still managed to produce only counterfeit, masked music. And because you abandoned Dionysus, Apollo abandoned you too. Drive all the passions out of their resting places and trap them in your circle; sharpen and polish a sophist’s argumentative technique for your heroes’ speeches—even your heroes have only imitated, masked passions, and speak only imitated, masked speeches.
Section 11
Die griechische Tragödie ist anders zu Grunde gegangen als sämmtliche ältere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord, in Folge eines unlösbaren Conflictes, also tragisch, während jene alle in hohem Alter des schönsten und ruhigsten Todes verblichen sind. Wenn es nämlich einem glücklichen Naturzustande gemäss ist, mit schöner Nachkommenschaft und ohne Krampf vom Leben zu scheiden, so zeigt uns das Ende jener älteren Kunstgattungen einen solchen glücklichen Naturzustand: sie tauchen langsam unter, und vor ihren ersterbenden Blicken steht schon ihr schönerer Nachwuchs und reckt mit muthiger Gebärde ungeduldig das Haupt. Mit dem Tode der griechischen Tragödie dagegen entstand eine ungeheure, überall tief empfundene Leere; wie einmal griechische Schiffer zu Zeiten des Tiberius an einem einsamen Eiland den erschütternden Schrei hörten „der grosse Pan ist todt“: so klang es jetzt wie ein schmerzlicher Klageton durch die hellenische Welt: „die Tragödie ist todt! Die Poesie selbst ist mit ihr verloren gegangen! Fort, fort mit euch verkümmerten, abgemagerten Epigonen! Fort in den Hades, damit ihr euch dort an den Brosamen der vormaligen Meister einmal satt essen könnt!“
Als aber nun doch noch eine neue Kunstgattung aufblühte, die in der Tragödie ihre Vorgängerin und Meisterin verehrte, da war mit Schrecken wahrzunehmen, dass sie allerdings die Züge ihrer Mutter trage, aber dieselben, die jene in ihrem langen Todeskampfe gezeigt hatte. Diesen Todeskampf der Tragödie kämpfte Euripides; jene spätere Kunstgattung ist als neuere attische Komödie bekannt. In ihr lebte die entartete Gestalt der Tragödie fort, zum Denkmale ihres überaus mühseligen und gewaltsamen Hinscheidens.
Bei diesem Zusammenhange ist die leidenschaftliche Zuneigung begreiflich, welche die Dichter der neueren Komödie zu Euripides empfanden; so dass der Wunsch des Philemon nicht weiter befremdet, der sich sogleich aufhängen lassen mochte, nur um den Euripides in der Unterwelt aufsuchen zu können: wenn er nur überhaupt überzeugt sein dürfte, dass der Verstorbene auch jetzt noch bei Verstande sei. Will man aber in aller Kürze und ohne den Anspruch, damit etwas Erschöpfendes zu sagen, dasjenige bezeichnen, was Euripides mit Menander und Philemon gemein hat und was für jene so aufregend vorbildlich wirkte: so genügt es zu sagen, dass der Zuschauer von Euripides auf die Bühne gebracht worden ist. Wer erkannt hat, aus welchem Stoffe die prometheischen Tragiker vor Euripides ihre Helden formten und wie ferne ihnen die Absicht lag, die treue Maske der Wirklichkeit auf die Bühne zu bringen, der wird auch über die gänzlich abweichende Tendenz des Euripides im Klaren sein. Der Mensch des alltäglichen Lebens drang durch ihn aus den Zuschauerräumen auf die Scene, der Spiegel, in dem früher nur die grossen und kühnen Züge zum Ausdruck kamen, zeigte jetzt jene peinliche Treue, die auch die misslungenen Linien der Natur gewissenhaft wiedergiebt. Odysseus, der typische Hellene der älteren Kunst, sank jetzt unter den Händen der neueren Dichter zur Figur des Graeculus herab, der von jetzt ab als gutmüthig-verschmitzter Haussclave im Mittelpunkte des dramatischen Interesse's steht. Was Euripides sich in den aristophanischen „Fröschen“ zum Verdienst anrechnet, dass er die tragische Kunst durch seine Hausmittel von ihrer pomphaften Beleibtheit befreit habe, das ist vor allem an seinen tragischen Helden zu spüren. Im Wesentlichen sah und hörte jetzt der Zuschauer seinen Doppelgänger auf der euripideischen Bühne und freute sich, dass jener so gut zu reden verstehe. Bei dieser Freude blieb es aber nicht: man lernte selbst bei Euripides sprechen, und dessen rühmt er sich selbst im Wettkampfe mit Aeschylus: wie durch ihn jetzt das Volk kunstmässig und mit den schlausten Sophisticationen zu beobachten, zu verhandeln und Folgerungen zu ziehen gelernt habe. Durch diesen Umschwung der öffentlichen Sprache hat er überhaupt die neuere Komödie möglich gemacht. Denn von jetzt ab war es kein Geheimniss mehr, wie und mit welchen Sentenzen die Alltäglichkeit sich auf der Bühne vertreten könne. Die bürgerliche Mittelmässigkeit, auf die Euripides alle seine politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort, nachdem bis dahin in der Tragödie der Halbgott, in der Komödie der betrunkene Satyr oder der Halbmensch den Sprachcharakter bestimmt hatten. Und so hebt der aristophanische Euripides zu seinem Preise hervor, wie er das allgemeine, allbekannte, alltägliche Leben und Treiben dargestellt habe, über das ein Jeder zu urtheilen befähigt sei. Wenn jetzt die ganze Masse philosophiere, mit unerhörter Klugheit Land und Gut verwalte und ihre Prozesse führe, so sei dies sein Verdienst und der Erfolg der von ihm dem Volke eingeimpften Weisheit.
An eine derartig zubereitete und aufgeklärte Masse durfte sich jetzt die neuere Komödie wenden, für die Euripides gewissermaassen der Chorlehrer geworden ist; nur dass diesmal der Chor der Zuschauer eingeübt werden musste. Sobald dieser in der euripideischen Tonart zu singen geübt war, erhob sich jene schachspielartige Gattung des Schauspiels, die neuere Komödie mit ihrem fortwährenden Triumphe der Schlauheit und Verschlagenheit. Euripides aber — der Chorlehrer — wurde unaufhörlich gepriesen: ja man würde sich getödtet haben, um noch mehr von ihm zu lernen, wenn man nicht gewusst hätte, dass die tragischen Dichter eben so todt seien wie die Tragödie. Mit ihr aber hatte der Hellene den Glauben an seine Unsterblichkeit aufgegeben, nicht nur den Glauben an eine ideale Vergangenheit, sondern auch den Glauben an eine ideale Zukunft. Das Wort aus der bekannten Grabschrift „als Greis leichtsinnig und grillig“ gilt auch vom greisen Hellenenthume. Der Augenblick, der Witz, der Leichtsinn, die Laune sind seine höchsten Gottheiten; der fünfte Stand, der des Sclaven, kommt, wenigstens der Gesinnung nach, jetzt zur Herrschaft: und wenn jetzt überhaupt noch von „griechischer Heiterkeit“ die Rede sein darf, so ist es die Heiterkeit des Sclaven, der nichts Schweres zu verantworten, nichts Grosses zu erstreben, nichts Vergangenes oder Zukünftiges höher zu schätzen weiss als das Gegenwärtige. Dieser Schein der „griechischen Heiterkeit“ war es, der die tiefsinnigen und furchtbaren Naturen der vier ersten Jahrhunderte des Christenthums so empörte: ihnen erschien diese weibische Flucht vor dem Ernst und dem Schrecken, dieses feige Sichgenügenlassen am bequemen Genuss nicht nur verächtlich, sondern als die eigentlich antichristliche Gesinnung. Und ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass die durch Jahrhunderte fortlebende Anschauung des griechischen Alterthums mit fast unüberwindlicher Zähigkeit jene blassrothe Heiterkeitsfarbe festhielt — als ob es nie ein sechstes Jahrhundert mit seiner Geburt der Tragödie, seinen Mysterien, seinen Pythagoras und Heraklit gegeben hätte, ja als ob die Kunstwerke der grossen Zeit gar nicht vorhanden wären, die doch — jedes für sich — aus dem Boden einer solchen greisenhaften und sclavenmässigen Daseinslust und Heiterkeit gar nicht zu erklären sind und auf eine völlig andere Weltbetrachtung als ihren Existenzgrund hinweisen.
Wenn zuletzt behauptet wurde, dass Euripides den Zuschauer auf die Bühne gebracht habe, um zugleich damit den Zuschauer zum Urtheil über das Drama erst wahrhaft zu befähigen, so entsteht der Schein, als ob die ältere tragische Kunst aus einem Missverhältniss zum Zuschauer nicht herausgekommen sei: und man möchte versucht sein, die radicale Tendenz des Euripides, ein entsprechendes Verhältniss zwischen Kunstwerk und Publicum zu erzielen, als einen Fortschritt über Sophokles hinaus zu preisen. Nun aber ist „Publicum“ nur ein Wort und durchaus keine gleichartige und in sich verharrende Grösse. Woher soll dem Künstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu accommodieren, die ihre Stärke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, über jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er vor dem gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Capacitäten mehr Achtung empfinden als vor dem relativ am höchsten begabten einzelnen Zuschauer? In Wahrheit hat kein griechischer Künstler mit grösserer Verwegenheit und Selbstgenugsamkeit sein Publicum durch ein langes Leben hindurch behandelt als gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse sich ihm zu Füssen warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz öffentlich in's Gesicht schlug, derselben Tendenz, mit der er über die Masse gesiegt hatte. Wenn dieser Genius die geringste Ehrfurcht vor dem Pandämonium des Publicums gehabt hätte, so wäre er unter den Keulenschlägen seiner Misserfolge längst vor der Mitte seiner Laufbahn zusammengebrochen. Wir sehen bei dieser Erwägung, dass unser Ausdruck, Euripides habe den Zuschauer auf die Bühne gebracht, um den Zuschauer wahrhaft urtheilsfähig zu machen, nur ein provisorischer war, und dass wir nach einem tieferen Verständniss seiner Tendenz zu suchen haben. Umgekehrt ist es ja allerseits bekannt, wie Aeschylus und Sophokles Zeit ihres Lebens, ja weit über dasselbe hinaus, im Vollbesitze der Volksgunst standen, wie also bei diesen Vorgängern des Euripides keineswegs von einem Missverhältniss zwischen Kunstwerk und Publicum die Rede sein kann. Was trieb den reichbegabten und unablässig zum Schaffen gedrängten Künstler so gewaltsam von dem Wege ab, über dem die Sonne der grössten Dichternamen und der unbewölkte Himmel der Volksgunst leuchteten? Welche sonderbare Rücksicht auf den Zuschauer führte ihn dem Zuschauer entgegen? Wie konnte er aus zu hoher Achtung vor seinem Publicum — sein Publicum missachten?
Euripides fühlte sich — das ist die Lösung des eben dargestellten Räthsels — als Dichter wohl über die Masse, nicht aber über zwei seiner Zuschauer erhaben: die Masse brachte er auf die Bühne, jene beiden Zuschauer verehrte er als die allein urtheilsfähigen Richter und Meister aller seiner Kunst: ihren Weisungen und Mahnungen folgend übertrug er die ganze Welt von Empfindungen, Leidenschaften und Erfahrungen, die bis jetzt auf den Zuschauerbänken als unsichtbarer Chor zu jeder Festvorstellung sich einstellten, in die Seelen seiner Bühnenhelden, ihren Forderungen gab er nach, als er für diese neuen Charaktere auch das neue Wort und den neuen Ton suchte, in ihren Stimmen allein hörte er die gültigen Richtersprüche seines Schaffens eben so wie die siegverheissende Ermuthigung, wenn er von der Justiz des Publicums sich wieder einmal verurtheilt sah.
Von diesen beiden Zuschauern ist der eine — Euripides selbst, Euripides als Denker, nicht als Dichter. Von ihm könnte man sagen, dass die ausserordentliche Fülle seines kritischen Talentes, ähnlich wie bei Lessing, einen productiv künstlerischen Nebentrieb wenn nicht erzeugt, so doch fortwährend befruchtet habe. Mit dieser Begabung, mit aller Helligkeit und Behendigkeit seines kritischen Denkens hatte Euripides im Theater gesessen und sich angestrengt, an den Meisterwerken seiner grossen Vorgänger wie an dunkelgewordenen Gemälden Zug um Zug, Linie um Linie wiederzuerkennen. Und hier nun war ihm begegnet, was dem in die tieferen Geheimnisse der aeschyleischen Tragödie Eingeweihten nicht unerwartet sein darf: er gewahrte etwas Incommensurables in jedem Zug und in jeder Linie, eine gewisse täuschende Bestimmtheit und zugleich eine räthselhafte Tiefe, ja Unendlichkeit des Hintergrundes. Die klarste Figur hatte immer noch einen Kometenschweif an sich, der in's Ungewisse, Unaufhellbare zu deuten schien. Dasselbe Zwielicht lag über dem Bau des Drama's, zumal über der Bedeutung des Chors. Und wie zweifelhaft blieb ihm die Lösung der ethischen Probleme! Wie fragwürdig die Behandlung der Mythen! Wie ungleichmässig die Vertheilung von Glück und Unglück! Selbst in der Sprache der älteren Tragödie war ihm vieles anstössig, mindestens räthselhaft; besonders fand er zu viel Pomp für einfache Verhältnisse, zu viel Tropen und Ungeheuerlichkeiten für die Schlichtheit der Charaktere. So sass er, unruhig grübelnd, im Theater, und er, der Zuschauer, gestand sich, dass er seine grossen Vorgänger nicht verstehe. Galt ihm aber der Verstand als die eigentliche Wurzel alles Geniessens und Schaffens, so musste er fragen und um sich schauen, ob denn Niemand so denke wie er und sich gleichfalls jene Incommensurabilität eingestehe. Aber die Vielen und mit ihnen die besten Einzelnen hatten nur ein misstrauisches Lächeln für ihn; erklären aber konnte ihm Keiner, warum seinen Bedenken und Einwendungen gegenüber die grossen Meister doch im Rechte seien. Und in diesem qualvollen Zustande fand er den anderen Zuschauer, der die Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete. Mit diesem im Bunde durfte er es wagen, aus seiner Vereinsamung heraus den ungeheuren Kampf gegen die Kunstwerke des Aeschylus und Sophokles zu beginnen — nicht mit Streitschriften, sondern als dramatischer Dichter, der seine Vorstellung von der Tragödie der überlieferten entgegenstellt. —
Greek tragedy died differently from all the older arts related to it. It died by suicide, as a result of an insoluble conflict—in other words, tragically. All the others faded away in old age, dying the most beautiful and peaceful of deaths. If a happy natural state means leaving life without convulsions and with beautiful descendants, then the end of those older arts shows us such a state. They slowly sink away, and before their dying eyes their more beautiful offspring already stand, impatiently lifting their heads with a bold gesture. The death of Greek tragedy, in contrast, left an enormous emptiness, deeply felt everywhere. Once, in the time of Tiberius, Greek sailors at a lonely island heard the shattering cry, “Great Pan is dead.” Now a painful lament seemed to sound through the Greek world: “Tragedy is dead! Poetry itself has been lost with it! Away, away with you stunted, skinny latecomers! Away to Hades, so that for once you can eat your fill of the crumbs left by the old masters!”
But when a new kind of art did bloom after all, honoring tragedy as its predecessor and teacher, people were horrified to see that it really did bear its mother’s features—but the very features she had shown in her long death struggle. Euripides fought this death struggle of tragedy. The later art form is known as New Attic Comedy. In it, tragedy’s degenerate form lived on, a memorial to its extremely painful and violent passing.
This connection makes the passionate affection that the poets of New Comedy felt for Euripides understandable. So Philemon’s wish is no longer surprising: he was willing to have himself hanged at once, just to visit Euripides in the underworld—if only he could be sure that the dead man still had his wits about him. If we want to identify very briefly, without claiming to give an exhaustive account, what Euripides shares with Menander and Philemon, and what made him such an exciting model for them, it is enough to say that Euripides brought the spectator onto the stage. Anyone who has recognized the material from which the Promethean tragedians before Euripides shaped their heroes, and how far they were from intending to put a faithful mask of reality onstage, will also understand Euripides’ completely different aim. Through him, the person of everyday life came out of the audience and onto the stage. The mirror that had previously shown only great, bold features now displayed that painstaking accuracy which conscientiously reproduces even nature’s unsuccessful lines. Odysseus, the typical Greek of the older art, now sank in the hands of the newer poets to the figure of the little Greek, who from now on stands at the center of dramatic interest as the good-natured, sly household slave. In Aristophanes’ “Frogs,” Euripides takes credit for using his home remedies to free tragic art from its pompous bulk. This is felt above all in his tragic heroes. Essentially, the spectator now saw and heard his own double on Euripides’ stage, and was delighted that this double knew how to speak so well. But it did not stop at delight: people learned to speak from Euripides themselves. He boasts of this himself in his contest with Aeschylus: through him, the people have now learned how to observe, conduct discussions, and draw conclusions skillfully and with the cleverest sophistical arguments. This transformation of public speech is what made New Comedy possible in the first place. From now on, it was no longer a secret how, and with what sayings, everyday life could be represented onstage. Ordinary middle-class mediocrity, on which Euripides based all his political hopes, now got its say. Until then, demigods had determined the character of speech in tragedy, and drunken satyrs or half-human beings in comedy. So Aristophanes’ Euripides praises himself for presenting common, familiar, everyday life and activity, which everyone is qualified to judge. If the whole crowd now philosophizes, manages its land and property, and conducts its lawsuits with unheard-of cleverness, this is his achievement and the result of the wisdom he has instilled in the people.
New Comedy could now address a crowd prepared and enlightened in this way. Euripides had, in a sense, become its chorus trainer, except that this time it was the chorus of spectators that had to be trained. As soon as it had learned to sing in Euripides’ key, that chess-like form of drama arose: New Comedy, with its constant triumph of cunning and deviousness. Meanwhile Euripides—the chorus trainer—was praised without end. People would even have killed themselves to learn more from him, if they had not known that tragic poets were just as dead as tragedy. With tragedy, though, the Greek had given up his belief in his own immortality: not only belief in an ideal past, but also belief in an ideal future. The words from the familiar epitaph, “frivolous and cranky in old age,” also apply to the aging Greek world. The moment, the joke, frivolity, and whim are its highest gods. The fifth class, the slaves, now comes to power, at least in outlook. If we can still speak of “Greek cheerfulness” at all, it is the cheerfulness of the slave, who has no serious responsibilities, no great goals to strive for, and knows nothing in the past or future to value more highly than the present. It was this semblance of “Greek cheerfulness” that so outraged the profound and formidable people of the first four centuries of Christianity. To them, this effeminate flight from seriousness and terror, this cowardly satisfaction with comfortable pleasure, seemed not only contemptible but the truly anti-Christian outlook. Their influence accounts for the fact that the view of ancient Greece which lived on for centuries clung with almost invincible stubbornness to that pale pink shade of cheerfulness. It was as though there had never been a sixth century with its birth of tragedy, its mysteries, its Pythagoras and Heraclitus. Indeed, it was as though the artworks of the great age did not exist at all. Yet not one of them can be explained as growing out of such a senile, slavish pleasure in existence and cheerfulness. Each points to an entirely different view of the world as the basis of its existence.
We just claimed that Euripides brought the spectator onto the stage in order, at the same time, to make the spectator truly capable of judging drama in the first place. This makes it seem that the older tragic art had never escaped a mismatch with its audience. We might be tempted to praise Euripides’ radical aim of achieving a fitting relationship between artwork and audience as an advance beyond Sophocles. But “audience” is only a word, not at all a uniform, unchanging entity. Where would an artist’s obligation to accommodate a force whose strength lies only in numbers come from? And if, in his gifts and intentions, he feels above each individual spectator, how could he feel more respect for the collective expression of all these abilities, inferior to his own, than for the comparatively most gifted individual spectator? In truth, no Greek artist treated his audience with greater boldness and self-sufficiency over a long life than Euripides himself. Even when the crowd threw itself at his feet, he still had the defiance to slap his own tendency in the face in public—the same tendency through which he had won over the crowd. If this genius had felt the slightest reverence for the audience’s pandemonium, he would have collapsed under the club blows of his failures long before the middle of his career. This reflection shows us that our statement was only provisional: Euripides brought the spectator onto the stage to make the spectator truly capable of judgment. We must look for a deeper understanding of his aim. Conversely, everyone knows that Aeschylus and Sophocles fully enjoyed public favor throughout their lives and long afterward. So there can be no question of a mismatch between artwork and audience in these predecessors of Euripides. What drove this richly gifted artist, constantly urged to create, so violently off the path over which the sun of the greatest poets’ names and the cloudless sky of public favor shone? What strange consideration for the spectator drove him toward the spectator? How could he, out of too much respect for his audience—disrespect his audience?
Here is the solution to the riddle just presented: as a poet, Euripides felt above the crowd, but not above two of his spectators. He brought the crowd onto the stage. But he revered those two spectators as the only competent judges and masters of all his art. Following their directions and warnings, he transferred into the souls of his stage heroes the whole world of feelings, passions, and experiences that had previously gathered on the audience benches as an invisible chorus at every festival performance. He yielded to their demands when he looked for new words and a new tone for these new characters. In their voices alone he heard valid judgments of his work, as well as encouragement promising victory whenever he found himself condemned once again by the court of the audience.
One of these two spectators is—Euripides himself, Euripides as a thinker, not as a poet. We could say of him that, as with Lessing, the extraordinary abundance of his critical talent continually nourished a secondary impulse toward artistic creation, even if it did not produce that impulse. With this gift, with all the clarity and agility of his critical thinking, Euripides had sat in the theater and worked to make out the masterpieces of his great predecessors, feature by feature, line by line, as though they were paintings that had darkened. Here he met with something that should not surprise anyone initiated into the deeper secrets of Aeschylean tragedy. In every feature and every line, he noticed something that would not fit any measure: a certain deceptive precision, together with a mysterious depth, even infinity, in the background. Even the clearest figure still had a comet’s tail that seemed to point into the uncertain, into what could not be made clear. The same twilight lay over the structure of the drama, especially the meaning of the chorus. And how doubtful the solutions to the ethical problems remained to him! How questionable the treatment of the myths! How uneven the distribution of good and bad fortune! Even in the language of older tragedy, much offended him, or at least puzzled him. In particular, he found too much pomp for simple situations, too many figures of speech and monstrous expressions for the characters’ simplicity. So he sat in the theater, restlessly brooding, and admitted to himself, as a spectator, that he did not understand his great predecessors. But since he considered understanding the true root of all enjoyment and creation, he had to ask and look around to see whether anyone thought as he did and likewise admitted that these works could not be measured. But the crowd, along with its best individuals, had only a suspicious smile for him. Yet no one could explain to him why, despite his doubts and objections, the great masters were still right. In this agonizing state, he found the other spectator, who did not understand tragedy and therefore did not value it. Allied with him, he could dare to leave his isolation and begin the tremendous fight against the artworks of Aeschylus and Sophocles—not with polemical writings, but as a dramatist setting his idea of tragedy against the traditional one.—
Section 12
Bevor wir diesen anderen Zuschauer bei Namen nennen, verharren wir hier einen Augenblick, um uns jenen früher geschilderten Eindruck des Zwiespältigen und Incommensurabeln im Wesen der aeschyleischen Tragödie selbst in's Gedächtniss zurückzurufen. Denken wir an unsere eigene Befremdung dem Chore und dem tragischen Helden jener Tragödie gegenüber, die wir beide mit unseren Gewohnheiten ebensowenig wie mit der Ueberlieferung zu reimen wussten — bis wir jene Doppelheit selbst als Ursprung und Wesen der griechischen Tragödie wiederfanden, als den Ausdruck zweier in einander gewobenen Kunsttriebe, des Apollinischen und des Dionysischen.
Jenes ursprüngliche und allmächtige dionysische Element aus der Tragödie auszuscheiden und sie rein und neu auf undionysischer Kunst, Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen — dies ist die jetzt in heller Beleuchtung sich uns enthüllende Tendenz des Euripides.
Euripides selbst hat am Abend seines Lebens die Frage nach dem Werth und der Bedeutung dieser Tendenz in einem Mythus seinen Zeitgenossen auf das Nachdrücklichste vorgelegt. Darf überhaupt das Dionysische bestehn? Ist es nicht mit Gewalt aus dem hellenischen Boden auszurotten? Gewiss, sagt uns der Dichter, wenn es nur möglich wäre: aber der Gott Dionysus ist zu mächtig; der verständigste Gegner — wie Pentheus in den „Bacchen“ — wird unvermuthet von ihm bezaubert und läuft nachher mit dieser Verzauberung in sein Verhängniss. Das Urtheil der beiden Greise Kadmus und Tiresias scheint auch das Urtheil des greisen Dichters zu sein: das Nachdenken der klügsten Einzelnen werfe jene alten Volkstraditionen, jene sich ewig fortpflanzende Verehrung des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich, solchen wunderbaren Kräften gegenüber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige Theilnahme zu zeigen: wobei es aber immer noch möglich sei, dass der Gott an einer so lauen Betheiligung Anstoss nehme und den Diplomaten — wie hier den Kadmus — schliesslich in einen Drachen verwandle. Dies sagt uns ein Dichter, der mit heroischer Kraft ein langes Leben hindurch dem Dionysus widerstanden hat — um am Ende desselben mit einer Glorification seines Gegners und einem Selbstmorde seine Laufbahn zu schliessen, einem Schwindelnden gleich, der, um nur dem entsetzlichen, nicht mehr erträglichen Wirbel zu entgehn, sich vom Thurme herunterstürzt. Jene Tragödie ist ein Protest gegen die Ausführbarkeit seiner Tendenz; ach, und sie war bereits ausgeführt! Das Wunderbare war geschehn: als der Dichter widerrief, hatte bereits seine Tendenz gesiegt. Dionysus war bereits von der tragischen Bühne verscheucht und zwar durch eine aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne nur Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysus, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates. Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragödie ging an ihm zu Grunde. Mag nun auch Euripides uns durch seinen Widerruf zu trösten suchen, es gelingt ihm nicht: der herrlichste Tempel liegt in Trümmern; was nützt uns die Wehklage des Zerstörers und sein Geständniss, dass es der schönste aller Tempel gewesen sei? Und selbst dass Euripides zur Strafe von den Kunstrichtern aller Zeiten in einen Drachen verwandelt worden ist — wen möchte diese erbärmliche Compensation befriedigen?
Nähern wir uns jetzt jener sokratischen Tendenz, mit der Euripides die aeschyleische Tragödie bekämpfte und besiegte.
Welches Ziel — so müssen wir uns jetzt fragen — konnte die euripideische Absicht, das Drama allein auf das Undionysische zu gründen, in der höchsten Idealität ihrer Durchführung überhaupt haben? Welche Form des Drama's blieb noch übrig, wenn es nicht aus dem Geburtsschoosse der Musik, in jenem geheimnissvollen Zwielicht des Dionysischen geboren werden sollte? Allein das dramatisirte Epos: in welchem apollinischen Kunstgebiete nun freilich die tragische Wirkung unerreichbar ist. Es kommt hierbei nicht auf den Inhalt der dargestellten Ereignisse an; ja ich möchte behaupten, dass es Goethe in seiner projectirten „Nausikaa“ unmöglich gewesen sein würde, den Selbstmord jenes idyllischen Wesens — der den fünften Act ausfüllen sollte — tragisch ergreifend zu machen; so ungemein ist die Gewalt des Episch-Apollinischen, dass es die schreckensvollsten Dinge mit jener Lust am Scheine und der Erlösung durch den Schein vor unseren Augen verzaubert. Der Dichter des dramatisirten Epos kann eben so wenig wie der epische Rhapsode mit seinen Bildern völlig verschmelzen: er ist immer noch ruhig unbewegte, aus weiten Augen blickende Anschauung, die die Bilder vor sich sieht. Der Schauspieler in diesem dramatisirten Epos bleibt im tiefsten Grunde immer noch Rhapsode; die Weihe des inneren Träumens liegt auf allen seinen Actionen, so dass er niemals ganz Schauspieler ist.
Wie verhält sich nun diesem Ideal des apollinischen Drama's gegenüber das euripideische Stück? Wie zu dem feierlichen Rhapsoden der alten Zeit jener jüngere, der sein Wesen im platonischen „Jon“ also beschreibt: „Wenn ich etwas Trauriges sage, füllen sich meine Augen mit Thränen; ist aber das, was ich sage, schrecklich und entsetzlich, dann stehen die Haare meines Hauptes vor Schauder zu Berge, und mein Herz klopft.“ Hier merken wir nichts mehr von jenem epischen Verlorensein im Scheine, von der affectlosen Kühle des wahren Schauspielers, der gerade in seiner höchsten Thätigkeit, ganz Schein und Lust am Scheine ist. Euripides ist der Schauspieler mit dem klopfenden Herzen, mit den zu Berge stehenden Haaren; als sokratischer Denker entwirft er den Plan, als leidenschaftlicher Schauspieler führt er ihn aus. Reiner Künstler ist er weder im Entwerfen noch im Ausführen. So ist das euripideische Drama ein zugleich kühles und feuriges Ding, zum Erstarren und zum Verbrennen gleich befähigt; es ist ihm unmöglich, die apollinische Wirkung des Epos zu erreichen, während es andererseits sich von den dionysischen Elementen möglichst gelöst hat, und jetzt, um überhaupt zu wirken, neue Erregungsmittel braucht, die nun nicht mehr innerhalb der beiden einzigen Kunsttriebe, des apollinischen und des dionysischen, liegen können. Diese Erregungsmittel sind kühle paradoxe Gedanken — an Stelle der apollinischen Anschauungen — und feurige Affecte — an Stelle der dionysischen Entzückungen — und zwar höchst realistisch nachgemachte, keineswegs in den Aether der Kunst getauchte Gedanken und Affecte.
Haben wir demnach so viel erkannt, dass es Euripides überhaupt nicht gelungen ist, das Drama allein auf das Apollinische zu gründen, dass sich vielmehr seine undionysische Tendenz in eine naturalistische und unkünstlerische verirrt hat, so werden wir jetzt dem Wesen des aesthetischen Sokratismus schon näher treten dürfen; dessen oberstes Gesetz ungefähr so lautet: „alles muss verständig sein, um schön zu sein“; als Parallelsatz zu dem sokratischen „nur der Wissende ist tugendhaft.“ Mit diesem Kanon in der Hand maass Euripides alles Einzelne und rectificirte es gemäss diesem Princip: die Sprache, die Charaktere, den dramaturgischen Aufbau, die Chormusik. Was wir im Vergleich mit der sophokleischen Tragödie so häufig dem Euripides als dichterischen Mangel und Rückschritt anzurechnen pflegen, das ist zumeist das Product jenes eindringenden kritischen Prozesses, jener verwegenen Verständigkeit. Der euripideische Prolog diene uns als Beispiel für die Productivität jener rationalistischen Methode. Nichts kann unserer Bühnentechnik widerstrebender sein als der Prolog im Drama des Euripides. Dass eine einzelne auftretende Person am Eingange des Stückes erzählt, wer sie sei, was der Handlung vorangehe, was bis jetzt geschehen, ja was im Verlaufe des Stückes geschehen werde, das würde ein moderner Theaterdichter als ein muthwilliges und nicht zu verzeihendes Verzichtleisten auf den Effect der Spannung bezeichnen. Man weiss ja alles, was geschehen wird; wer wird abwarten wollen, dass dies wirklich geschieht? — da ja hier keinesfalls das aufregende Verhältniss eines wahrsagenden Traumes zu einer später eintretenden Wirklichkeit stattfindet. Ganz anders reflectirte Euripides. Die Wirkung der Tragödie beruhte niemals auf der epischen Spannung, auf der anreizenden Ungewissheit, was sich jetzt und nachher ereignen werde: vielmehr auf jenen grossen rhetorisch-lyrischen Scenen, in denen die Leidenschaft und die Dialektik des Haupthelden zu einem breiten und mächtigen Strome anschwoll. Zum Pathos, nicht zur Handlung bereitete Alles vor: und was nicht zum Pathos vorbereitete, das galt als verwerflich. Das aber, was die genussvolle Hingabe an solche Scenen am stärksten erschwert, ist ein dem Zuhörer fehlendes Glied, eine Lücke im Gewebe der Vorgeschichte; so lange der Zuhörer noch ausrechnen muss, was diese und jene Person bedeute, was dieser und jener Conflict der Neigungen und Absichten für Voraussetzungen habe, ist seine volle Versenkung in das Leiden und Thun der Hauptpersonen, ist das athemlose Mitleiden und Mitfürchten noch nicht möglich. Die aeschyleisch-sophokleische Tragödie verwandte die geistreichsten Kunstmittel, um dem Zuschauer in den ersten Scenen gewissermaassen zufällig alle jene zum Verständniss nothwendigen Fäden in die Hand zu geben: ein Zug, in dem sich jene edle Künstlerschaft bewährt, die das nothwendige Formelle gleichsam maskirt und als Zufälliges erscheinen lässt. Immerhin aber glaubte Euripides zu bemerken, dass während jener ersten Scenen der Zuschauer in eigenthümlicher Unruhe sei, um das Rechenexempel der Vorgeschichte auszurechnen, so dass die dichterischen Schönheiten und das Pathos der Exposition für ihn verloren ginge. Deshalb stellte er den Prolog noch vor die Exposition und legte ihn einer Person in den Mund, der man Vertrauen schenken durfte: eine Gottheit musste häufig den Verlauf der Tragödie dem Publicum gewissermaassen garantieren und jeden Zweifel an der Realität des Mythus nehmen: in ähnlicher Weise, wie Descartes die Realität der empirischen Welt nur durch die Appellation an die Wahrhaftigkeit Gottes und seine Unfähigkeit zur Lüge zu beweisen vermochte. Dieselbe göttliche Wahrhaftigkeit braucht Euripides noch einmal am Schlusse seines Drama's, um die Zukunft seiner Helden dem Publicum sicher zu stellen; dies ist die Aufgabe des berüchtigten deus ex machina. Zwischen der epischen Vorschau und Hinausschau liegt die dramatisch-lyrische Gegenwart, das eigentliche „Drama.“
So ist Euripides vor allem als Dichter der Wiederhall seiner bewussten Erkenntnisse; und gerade dies verleiht ihm eine so denkwürdige Stellung in der Geschichte der griechischen Kunst. Ihm muss im Hinblick auf sein kritisch-productives Schaffen oft zu Muthe gewesen sein als sollte er den Anfang der Schrift des Anaxagoras für das Drama lebendig machen, deren erste Worte lauten: „im Anfang war alles beisammen: da kam der Verstand und schuf Ordnung.“ Und wenn Anaxagoras mit seinem „Nous“ unter den Philosophen wie der erste Nüchterne unter lauter Trunkenen erschien, so mag auch Euripides sein Verhältniss zu den anderen Dichtern der Tragödie unter einem ähnlichen Bilde begriffen haben. So lange der einzige Ordner und Walter des Alls, der Nous, noch vom künstlerischen Schaffen ausgeschlossen war, war noch alles in einem chaotischen Urbrei beisammen; so musste Euripides urtheilen, so musste er die „trunkenen“ Dichter als der erste „Nüchterne“ verurtheilen. Das, was Sophokles von Aeschylus gesagt hat, er thue das Rechte, obschon unbewusst, war gewiss nicht im Sinne des Euripides gesagt: der nur so viel hätte gelten lassen, dass Aeschylus, weil er unbewusst schaffe, das Unrechte schaffe. Auch der göttliche Plato redet vom schöpferischen Vermögen des Dichters, insofern dies nicht die bewusste Einsicht ist, zu allermeist nur ironisch und stellt es der Begabung des Wahrsagers und Traumdeuters gleich; sei doch der Dichter nicht eher fähig zu dichten als bis er bewusstlos geworden sei, und kein Verstand mehr in ihm wohne. Euripides unternahm es, wie es auch Plato unternommen hat, das Gegenstück des „unverständigen“ Dichters der Welt zu zeigen; sein aesthetischer Grundsatz „alles muss bewusst sein, um schön zu sein“, ist, wie ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen „alles muss bewusst sein, um gut zu sein“. Demgemäss darf uns Euripides als der Dichter des aesthetischen Sokratismus gelten. Sokrates aber war jener zweite Zuschauer, der die ältere Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete; mit ihm im Bunde wagte Euripides, der Herold eines neuen Kunstschaffens zu sein. Wenn an diesem die ältere Tragödie zu Grunde ging, so ist also der aesthetische Sokratismus das mörderische Princip: insofern aber der Kampf gegen das Dionysische der älteren Kunst gerichtet war, erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysus, den neuen Orpheus, der sich gegen Dionysus erhebt und, obschon bestimmt, von den Mänaden des athenischen Gerichtshofes zerrissen zu werden, doch den übermächtigen Gott selbst zur Flucht nöthigt: welcher, wie damals, als er vor dem Edonerkönig Lykurg floh, sich in die Tiefen des Meeres rettete, nämlich in die mystischen Fluthen eines die ganze Welt allmählich überziehenden Geheimcultus.
Before we name this other spectator, let us pause a moment to recall the impression described earlier: something divided and impossible to measure in the very nature of Aeschylean tragedy. Think of our own puzzlement at the chorus and the tragic hero of that tragedy. We could reconcile neither of them with our habits or with tradition—until we rediscovered that very duality as the origin and essence of Greek tragedy, the expression of two interwoven artistic drives, the Apollonian and the Dionysian.
To remove that original, all-powerful Dionysian element from tragedy, and to rebuild tragedy in a pure, new form on non-Dionysian art, morality, and a non-Dionysian view of the world: this is Euripides’ aim, now revealed to us in a clear light.
At the end of his life, Euripides himself used a myth to put the question of this aim’s value and meaning before his contemporaries in the most forceful way. Should the Dionysian be allowed to exist at all? Should it not be violently rooted out of Greek soil? Certainly, the poet tells us, if only it were possible. But the god Dionysus is too powerful. His most rational opponent—like Pentheus in “The Bacchae”—is unexpectedly enchanted by him, and afterward runs to his doom under this spell. The judgment of the two old men, Cadmus and Tiresias, also seems to be the old poet’s judgment: the reflections of the cleverest individuals cannot overturn those ancient popular traditions, that endlessly perpetuated worship of Dionysus. Indeed, in the face of such marvelous powers, it is appropriate to show at least a diplomatically cautious participation. Even so, the god may take offense at such lukewarm involvement and finally turn the diplomat—as he does Cadmus here—into a dragon. This is what we are told by a poet who resisted Dionysus with heroic strength throughout a long life, only to end his career by glorifying his opponent and committing suicide. He is like a dizzy man who throws himself from a tower simply to escape the terrible spinning that he can no longer bear. That tragedy is a protest against the possibility of carrying out his aim. Alas, it had already been carried out! The astonishing thing had happened: by the time the poet took it back, his aim had already won. Dionysus had already been driven off the tragic stage, specifically by a demonic power speaking through Euripides. In a certain sense, Euripides too was only a mask. The god speaking through him was not Dionysus, nor Apollo, but a completely newborn demon called Socrates. This is the new opposition: the Dionysian and the Socratic. It destroyed the artwork that was Greek tragedy. Euripides may try to comfort us by taking back his position, but he does not succeed. The most magnificent temple lies in ruins. What use to us are its destroyer’s laments and his admission that it was the most beautiful of all temples? And even the fact that art critics of every age have turned Euripides into a dragon as punishment—who could be satisfied with that miserable compensation?
Let us now take a closer look at that Socratic tendency with which Euripides fought and defeated Aeschylean tragedy.
We must now ask: even if carried out in its most ideal form, what goal could Euripides’ intention of basing drama solely on the non-Dionysian have had? What form of drama was left if it was not to be born from the womb of music, in that mysterious Dionysian twilight? Only dramatized epic. But in this Apollonian field of art, a tragic effect is impossible to achieve. The content of the events presented makes no difference here. Indeed, I would claim that in his planned “Nausicaa,” Goethe could not have made the suicide of that idyllic creature—which was to fill the fifth act—moving in a tragic way. The power of the epic-Apollonian is so enormous that, before our eyes, it transforms the most terrifying things through that delight in semblance and release through semblance. The poet of dramatized epic can no more merge completely with his images than the epic reciter can. He is still a calm, unmoving act of contemplation, looking with wide eyes and seeing the images before him. At the deepest level, the actor in this dramatized epic always remains a reciter. The sacred quality of inward dreaming rests on all his actions, so that he is never wholly an actor.
How, then, does a play by Euripides compare with this ideal of Apollonian drama? As the younger reciter compares with the solemn reciter of ancient times—the younger one who describes his own nature this way in Plato’s “Ion”: “When I say something sad, my eyes fill with tears. But if what I say is frightening and terrible, the hair on my head stands on end with horror, and my heart pounds.” Here we no longer detect that epic absorption in semblance, that emotionless coolness of the true actor, who precisely in his highest activity is entirely semblance and delight in semblance. Euripides is the actor with the pounding heart and hair standing on end. As a Socratic thinker, he draws up the plan; as a passionate actor, he carries it out. He is not a pure artist either in planning or in carrying it out. So Euripidean drama is something both cold and fiery, equally capable of freezing and burning. It cannot achieve the Apollonian effect of epic. At the same time, it has freed itself as far as possible from Dionysian elements. Now, to have any effect at all, it needs new means of stimulation, which can no longer lie within the only two artistic drives, the Apollonian and the Dionysian. These means are cool, paradoxical thoughts in place of Apollonian visions, and fiery emotions in place of Dionysian ecstasies. And these thoughts and emotions are imitated with extreme realism, not immersed in the pure air of art at all.
We have now recognized at least this much: Euripides did not succeed at all in basing drama solely on the Apollonian. Instead, his non-Dionysian tendency went astray into a naturalistic, unartistic one. We can therefore move closer to the nature of aesthetic Socratism. Its highest law runs roughly like this: “Everything must be rational to be beautiful.” It parallels the Socratic statement, “Only the person who knows is virtuous.” With this rule in hand, Euripides measured every detail and corrected it according to the principle: language, characters, dramatic structure, and choral music. What we so often tend to count as poetic shortcomings and a step backward in Euripides, compared with Sophocles’ tragedy, is mostly the product of that penetrating critical process, that daring rationality. Euripides’ prologue can serve as an example of how productive this rationalistic method was. Nothing could run more counter to our stage technique than the prologue in a drama by Euripides. A single person appears at the beginning of the play and tells us who they are, what precedes the action, what has happened so far, and even what will happen during the play. A modern playwright would call this a deliberate and unforgivable abandonment of the effect of suspense. We already know everything that will happen. Who will want to wait for it actually to happen? For this is certainly not the exciting relationship between a prophetic dream and a reality that occurs later. Euripides reasoned quite differently. The effect of tragedy never rested on epic suspense, on the stimulating uncertainty about what would happen now and afterward. Instead, it rested on those great rhetorical and lyrical scenes in which the main hero’s passion and argument swelled into a broad, powerful river. Everything prepared the way for intense emotion, not for action. Whatever did not prepare for that emotion was considered objectionable. But what makes it hardest for listeners to surrender with pleasure to such scenes is a missing link, a gap in the fabric of the preceding story. As long as listeners still have to work out what this or that person means, or what underlies this or that conflict of inclinations and intentions, they cannot yet become fully absorbed in the suffering and actions of the main characters, or breathlessly share their suffering and fear. The tragedy of Aeschylus and Sophocles used the most ingenious artistic means to put all the threads needed for understanding into the spectator’s hands in the first scenes, seemingly by chance. This feature demonstrates that noble artistry which, as it were, disguises the necessary formal elements and makes them appear accidental. Still, Euripides thought he noticed a peculiar restlessness in the spectator during those first scenes, as they worked out the arithmetic problem of the preceding story. As a result, the poetic beauty and intense emotion of the opening were lost on them. He therefore placed the prologue before the opening itself and put it in the mouth of someone who could be trusted. A god often had to guarantee the course of the tragedy to the audience, so to speak, and remove every doubt about the reality of the myth. Similarly, Descartes could prove the reality of the world we experience only by appealing to God’s truthfulness and inability to lie. Euripides needs this same divine truthfulness once more at the end of his drama, to assure the audience of his heroes’ future. This is the job of the notorious god lowered onto the stage by a machine. Between the epic preview and the look beyond the end lies the dramatic, lyrical present, the actual “drama.”
So, as a poet, Euripides is above all the echo of his conscious insights. This is precisely what gives him such a memorable position in the history of Greek art. Thinking of his work as a critic and creator, he must often have felt that he was to bring the opening of Anaxagoras’ book to life for drama. Its first words are: “In the beginning everything was together; then reason came and created order.” And if Anaxagoras, with his “Nous,” appeared among philosophers like the first sober person among nothing but drunks, Euripides too may have understood his relationship to the other tragic poets through a similar image. As long as the mind, the sole organizer and ruler of the universe, was still excluded from artistic creation, everything was still together in a chaotic primal mush. This is how Euripides had to judge; this is how he, as the first “sober” poet, had to condemn the “drunken” poets. Sophocles said of Aeschylus that he did the right thing, although unconsciously. This was certainly not said in Euripides’ sense. He would have accepted only that Aeschylus did the wrong thing because he created unconsciously. Even the divine Plato generally speaks only ironically of the poet’s creative power insofar as it is not conscious insight, and puts it on a level with the gift of the prophet and interpreter of dreams. The poet, he says, cannot compose until he has become unconscious and reason no longer lives in him. Like Plato, Euripides set out to show the world the opposite of the “unreasoning” poet. His basic aesthetic principle, “Everything must be conscious to be beautiful,” is, as I said, the parallel of the Socratic principle, “Everything must be conscious to be good.” Accordingly, we can regard Euripides as the poet of aesthetic Socratism. But Socrates was that second spectator, who did not understand older tragedy and therefore did not value it. Allied with him, Euripides dared to be the herald of a new kind of artistic creation. If this brought older tragedy to its end, then aesthetic Socratism is the murderous principle. But since the struggle was directed against the Dionysian element of older art, we recognize Socrates as Dionysus’ opponent: the new Orpheus who rises against Dionysus. Although destined to be torn apart by the maenads of the Athenian court, he nevertheless forces even the overwhelmingly powerful god to flee. Just as when he fled from Lycurgus, king of the Edonians, Dionysus saved himself in the depths of the sea: that is, in the mystical waters of a secret cult gradually spreading over the whole world.
Section 13
Dass Sokrates eine enge Beziehung der Tendenz zu Euripides habe, entging dem gleichzeitigen Alterthume nicht; und der beredteste Ausdruck für diesen glücklichen Spürsinn ist jene in Athen umlaufende Sage, Sokrates pflege dem Euripides im Dichten zu helfen. Beide Namen wurden von den Anhängern der „guten alten Zeit“ in einem Athem genannt, wenn es galt, die Volksverführer der Gegenwart aufzuzählen: von deren Einflusse es herrühre, dass die alte marathonische vierschrötige Tüchtigkeit an Leib und Seele immer mehr einer zweifelhaften Aufklärung, bei fortschreitender Verkümmerung der leiblichen und seelischen Kräfte, zum Opfer falle. In dieser Tonart, halb mit Entrüstung, halb mit Verachtung, pflegt die aristophanische Komödie von jenen Männern zu reden, zum Schrecken der Neueren, welche zwar Euripides gerne preisgeben, aber sich nicht genug darüber wundern können, dass Sokrates als der erste und oberste Sophist, als der Spiegel und Inbegriff aller sophistischen Bestrebungen bei Aristophanes erscheine: wobei es einzig einen Trost gewährt, den Aristophanes selbst als einen lüderlich lügenhaften Alcibiades der Poesie an den Pranger zu stellen. Ohne an dieser Stelle die tiefen Instincte des Aristophanes gegen solche Angriffe in Schutz zu nehmen, fahre ich fort, die enge Zusammengehörigkeit des Sokrates und des Euripides aus der antiken Empfindung heraus zu erweisen; in welchem Sinne namentlich daran zu erinnern ist, dass Sokrates als Gegner der tragischen Kunst sich des Besuchs der Tragödie enthielt, und nur, wenn ein neues Stück des Euripides aufgeführt wurde, sich unter den Zuschauern einstellte. Am berühmtesten ist aber die nahe Zusammenstellung beider Namen in dem delphischen Orakelspruche, welcher Sokrates als den Weisesten unter den Menschen bezeichnet, zugleich aber das Urtheil abgab, dass dem Euripides der zweite Preis im Wettkampfe der Weisheit gebühre.
Als der dritte in dieser Stufenleiter war Sophokles genannt; er, der sich gegen Aeschylus rühmen durfte, er thue das Rechte und zwar, weil er wisse, was das Rechte sei. Offenbar ist gerade der Grad der Helligkeit dieses Wissens dasjenige, was jene drei Männer gemeinsam als die drei „Wissenden“ ihrer Zeit auszeichnet.
Das schärfste Wort aber für jene neue und unerhörte Hochschätzung des Wissens und der Einsicht sprach Sokrates, als er sich als den Einzigen vorfand, der sich eingestehe, nichts zu wissen; während er, auf seiner kritischen Wanderung durch Athen, bei den grössten Staatsmännern, Rednern, Dichtern und Künstlern vorsprechend, überall die Einbildung des Wissens antraf. Mit Staunen erkannte er, dass alle jene Berühmtheiten selbst über ihren Beruf ohne richtige und sichere Einsicht seien und denselben nur aus Instinct trieben. „Nur aus Instinct“: mit diesem Ausdruck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. Mit ihm verurtheilt der Sokratismus eben so die bestehende Kunst wie die bestehende Ethik: wohin er seine prüfenden Blicke richtet, sieht er den Mangel der Einsicht und die Macht des Wahns und schliesst aus diesem Mangel auf die innerliche Verkehrtheit und Verwerflichkeit des Vorhandenen. Von diesem einen Punkte aus glaubte Sokrates das Dasein corrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit der Miene der Nichtachtung und der Ueberlegenheit, als der Vorläufer einer ganz anders gearteten Cultur, Kunst und Moral, in eine Welt hinein, deren Zipfel mit Ehrfurcht zu erhaschen wir uns zum grössten Glücke rechnen würden.
Dies ist die ungeheuere Bedenklichkeit, die uns jedesmal, Angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Alterthums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner das griechische Wesen zu verneinen, das als Homer, Pindar und Aeschylus, als Phidias, als Perikles, als Pythia und Dionysus, als der tiefste Abgrund und die höchste Höhe unserer staunenden Anbetung gewiss ist? Welche dämonische Kraft ist es, die diesen Zaubertrank in den Staub zu schütten sich erkühnen darf? Welcher Halbgott ist es, dem der Geisterchor der Edelsten der Menschheit zurufen muss: „Weh! Weh! Du hast sie zerstört, die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt, sie zerfällt!“
Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunderbare Erscheinung, die als „Dämonion des Sokrates“ bezeichnet wird. In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand in's Schwanken gerieth, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Momenten sich äussernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn sie kommt, immer ab. Die instinctive Weisheit zeigt sich bei dieser gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewussten Erkennen hier und da hindernd entgegenzutreten. Während doch bei allen productiven Menschen der Instinct gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewusstsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinct zum Kritiker, das Bewusstsein zum Schöpfer—eine wahre Monstrosität per defectum! Und zwar nehmen wir hier einen monstrosen defectus jeder mystischen Anlage wahr, so dass Sokrates als der specifische Nicht-Mystiker zu bezeichnen wäre, in dem die logische Natur durch eine Superfötation eben so excessiv entwickelt ist wie im Mystiker jene instinctive Weisheit. Andrerseits aber war es jenem in Sokrates erscheinenden logischen Triebe völlig versagt, sich gegen sich selbst zu kehren; in diesem fessellosen Dahinströmen zeigt er eine Naturgewalt, wie wir sie nur bei den allergrössten instinctiven Kräften zu unsrer schaudervollen Ueberraschung antreffen. Wer nur einen Hauch von jener göttlichen Naivetät und Sicherheit der sokratischen Lebensrichtung aus den platonischen Schriften gespürt hat, der fühlt auch, wie das ungeheure Triebrad des logischen Sokratismus gleichsam hinter Sokrates in Bewegung ist, und wie dies durch Sokrates wie durch einen Schatten hindurch angeschaut werden muss. Dass er aber selbst von diesem Verhältniss eine Ahnung hatte, das drückt sich in dem würdevollen Ernste aus, mit dem er seine göttliche Berufung überall und noch vor seinen Richtern geltend machte. Ihn darin zu widerlegen war im Grunde eben so unmöglich als seinen die Instincte auflösenden Einfluss gut zu heissen. Bei diesem unlösbaren Conflicte war, als er einmal vor das Forum des griechischen Staates gezogen war, nur eine einzige Form der Verurtheilung geboten, die Verbannung; als etwas durchaus Räthselhaftes, Unrubricirbares, Unaufklärbares hätte man ihn über die Grenze weisen dürfen, ohne dass irgend eine Nachwelt im Recht gewesen wäre, die Athener einer schmählichen That zu zeihen. Dass aber der Tod und nicht nur die Verbannung über ihn ausgesprochen wurde, das scheint Sokrates selbst, mit völliger Klarheit und ohne den natürlichen Schauder vor dem Tode, durchgesetzt zu haben: er ging in den Tod, mit jener Ruhe, mit der er nach Plato's Schilderung als der letzte der Zecher im frühen Tagesgrauen das Symposion verlässt, um einen neuen Tag zu beginnen; indess hinter ihm, auf den Bänken und auf der Erde, die verschlafenen Tischgenossen zurückbleiben, um von Sokrates, dem wahrhaften Erotiker, zu träumen. Der sterbende Sokrates wurde das neue, noch nie sonst geschaute Ideal der edlen griechischen Jugend: vor allen hat sich der typische hellenische Jüngling, Plato, mit aller inbrünstigen Hingebung seiner Schwärmerseele vor diesem Bilde niedergeworfen.
People in antiquity already noticed that Socrates and Euripides were moving in closely related directions. The clearest expression of this sound instinct was the story circulating in Athens that Socrates regularly helped Euripides write his plays. Supporters of the “good old days” named the two in the same breath when listing the people who were misleading the public in their own time. They blamed their influence for the way the old, solid strength of body and mind, the strength of the men of Marathon, was increasingly sacrificed to a questionable enlightenment. Meanwhile, physical and mental powers continued to waste away. Aristophanes’ comedy generally speaks of these men in this tone, half indignant and half contemptuous. This horrifies modern readers. They are happy enough to give up Euripides, but cannot get over their amazement that Aristophanes presents Socrates as the first and foremost Sophist, the mirror and embodiment of every sophistic ambition. Their only comfort is to pillory Aristophanes himself as a dissolute, lying Alcibiades of poetry. I will not defend Aristophanes’ deep instincts against these attacks here. Instead, I will continue to demonstrate how closely Socrates and Euripides belonged together in the feelings of the ancient world. We should remember, in particular, that Socrates opposed tragic art and stayed away from performances of tragedy. He appeared in the audience only when a new play by Euripides was being performed. But the most famous close pairing of their names occurs in the pronouncement of the Delphic oracle. It called Socrates the wisest of human beings, but also ruled that Euripides deserved second prize in the contest of wisdom.
Sophocles was named third in this ranking. Compared with Aeschylus, he could boast that he did what was right because he knew what was right. Clearly, what sets these three men apart together as the three “knowing men” of their time is precisely the degree of clarity in this knowledge.
Socrates gave the sharpest expression to this new and unprecedented high regard for knowledge and insight. He discovered that he was the only person who admitted to himself that he knew nothing. On his critical journey through Athens, he visited its greatest statesmen, speakers, poets, and artists. Everywhere he found people imagining that they knew. To his amazement, he realized that all these celebrities lacked sound and reliable insight even into their own occupation. They practiced it only by instinct. “Only by instinct”: this phrase brings us to the heart and center of the Socratic tendency. With it, Socratism condemns existing art and existing ethics alike. Wherever it turns its examining gaze, it sees a lack of insight and the power of delusion. From that lack it concludes that what exists is inwardly wrong and worthless. Starting from this one point, Socrates believed he had to correct existence. He, a single individual, enters a world with a look of disdain and superiority, as the forerunner of a wholly different kind of culture, art, and morality. Yet we would count ourselves supremely fortunate if we could reverently catch hold of even a corner of that world’s robe.
This is the enormous misgiving that takes hold of us every time we face Socrates. Again and again it drives us to understand the meaning and purpose of this most questionable figure of antiquity. Who is this person who can dare, all alone, to reject the Greek spirit? In Homer, Pindar, and Aeschylus, in Phidias, in Pericles, in the Pythia and Dionysus, that spirit is assured of our astonished worship, as both its deepest abyss and its greatest height. What demonic power can dare to pour this magic drink into the dust? What demigod is this, whom the chorus of the spirits of humanity’s noblest people must address in these words: “Woe! Woe! You have destroyed it, the beautiful world, with your mighty fist; it falls, it breaks apart!”
The extraordinary phenomenon called the “daimonion of Socrates” gives us a key to his nature. In certain situations, when his immense intellect began to waver, he found firm support in a divine voice that spoke at such moments. Whenever this voice comes, it always warns him off. In this completely abnormal nature, instinctive wisdom appears only to obstruct conscious knowledge here and there. In all productive people, instinct is precisely the creative, affirmative force, while consciousness acts critically and gives warnings. But in Socrates instinct becomes the critic and consciousness the creator—a genuine monstrosity caused by a deficiency! What we see here is a monstrous lack of any mystical capacity. Socrates could therefore be called the distinctive non-mystic. His logical nature has grown as excessively, through a kind of additional conception, as instinctive wisdom has in the mystic. On the other hand, the logical drive appearing in Socrates was completely unable to turn against itself. In its unchecked flow it displays a natural force of the kind we encounter, with startled amazement, only in the very greatest instinctive powers. Anyone who has felt even a breath of the divine innocence and certainty of Socrates’ approach to life in Plato’s writings also feels something else. The enormous driving wheel of logical Socratism is moving, as it were, behind Socrates. We must look through him as through a shadow to see it. Yet he himself had some inkling of this relationship. This shows in the dignified seriousness with which he asserted his divine calling everywhere, even before his judges. It was basically as impossible to refute him on this point as it was to approve of his influence, which dissolved the instincts. In this conflict, which could not be resolved, only one form of condemnation was appropriate once he had been brought before the tribunal of the Greek state: exile. They could have sent him across the border as something wholly puzzling, impossible to classify or explain. No later generation would then have had the right to accuse the Athenians of a shameful act. But Socrates himself seems to have made sure that the sentence was death, not merely exile. He did so with complete clarity and without the natural horror of death. He went to his death with the same calm with which, in Plato’s account, he leaves the drinking party at first light, the last of the drinkers to depart, and begins a new day. Behind him, on the benches and the floor, his sleepy drinking companions remain to dream of Socrates, the true man of love. The dying Socrates became a new ideal for noble Greek youth, one never seen before. Above all, Plato, the typical young Greek, threw himself before this image with all the passionate devotion of his enthusiastic soul.
Section 14
Denken wir uns jetzt das eine grosse Cyklopenauge des Sokrates auf die Tragödie gewandt, jenes Auge, in dem nie der holde Wahnsinn künstlerischer Begeisterung geglüht hat—denken wir uns, wie es jenem Auge versagt war, in die dionysischen Abgründe mit Wohlgefallen zu schauen—was eigentlich musste es in der „erhabenen und hochgepriesenen“ tragischen Kunst, wie sie Plato nennt, erblicken? Etwas recht Unvernünftiges, mit Ursachen, die ohne Wirkungen, und mit Wirkungen, die ohne Ursachen zu sein schienen, dazu das Ganze so bunt und mannichfaltig, dass es einer besonnenen Gemüthsart widerstreben müsse, für reizbare und empfindliche Seelen aber ein gefährlicher Zunder sei. Wir wissen, welche einzige Gattung der Dichtkunst von ihm begriffen wurde, die aesopische Fabel: und dies geschah gewiss mit jener lächelnden Anbequemung, mit welcher der ehrliche gute Gellert in der Fabel von der Biene und der Henne das Lob der Poesie singt:
„Du siehst an mir, wozu sie nützt,Dem, der nicht viel Verstand besitztDie Wahrheit durch ein Bild zu sagen“.
Nun aber schien Sokrates die tragische Kunst nicht einmal „die Wahrheit zu sagen“: abgesehen davon, dass sie sich an den wendet, der „nicht viel Verstand besitzt“, also nicht an den Philosophen: ein zweifacher Grund, von ihr fern zu bleiben. Wie Plato, rechnete er sie zu den schmeichlerischen Künsten, die nur das Angenehme, nicht das Nützliche darstellen und verlangte deshalb bei seinen Jüngern Enthaltsamkeit und strenge Absonderung von solchen unphilosophischen Reizungen; mit solchem Erfolge, dass der jugendliche Tragödiendichter Plato zu allererst seine Dichtungen verbrannte, um Schüler des Sokrates werden zu können. Wo aber unbesiegbare Anlagen gegen die sokratischen Maximen ankämpften, war die Kraft derselben, sammt der Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch gross genug, um die Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drängen.
Ein Beispiel dafür ist der eben genannte Plato: er, der in der Verurtheilung der Tragödie und der Kunst überhaupt gewiss nicht hinter dem naiven Cynismus seines Meisters zurückgeblieben ist, hat doch aus voller künstlerischer Nothwendigkeit eine Kunstform schaffen müssen, die gerade mit den vorhandenen und von ihm abgewiesenen Kunstformen innerlich verwandt ist. Der Hauptvorwurf, den Plato der älteren Kunst zu machen hatte,—dass sie Nachahmung eines Scheinbildes sei, also noch einer niedrigeren Sphäre als die empirische Welt ist, angehöre—durfte vor allem nicht gegen das neue Kunstwerk gerichtet werden: und so sehen wir denn Plato bestrebt über die Wirklichkeit hinaus zu gehn und die jener Pseudo-Wirklichkeit zu Grunde liegende Idee darzustellen. Damit aber war der Denker Plato auf einem Umwege ebendahin gelangt, wo er als Dichter stets heimisch gewesen war und von wo aus Sophokles und die ganze ältere Kunst feierlich gegen jenen Vorwurf protestirten. Wenn die Tragödie alle früheren Kunstgattungen in sich aufgesaugt hatte, so darf dasselbe wiederum in einem excentrischen Sinne vom platonischen Dialoge gelten, der, durch Mischung aller vorhandenen Stile und Formen erzeugt, zwischen Erzählung, Lyrik, Drama, zwischen Prosa und Poesie in der Mitte schwebt und damit auch das strenge ältere Gesetz der einheitlichen sprachlichen Form durchbrochen hat; auf welchem Wege die cynischen Schriftsteller noch weiter gegangen sind, die in der grössten Buntscheckigkeit des Stils, im Hin- und Herschwanken zwischen prosaischen und metrischen Formen auch das litterarische Bild des „rasenden Sokrates“, den sie im Leben darzustellen pflegten, erreicht haben. Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf dem sich die schiffbrüchige ältere Poesie sammt allen ihren Kindern rettete: auf einen engen Raum zusammengedrängt und dem einen Steuermann Sokrates ängstlich unterthänig fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die an dem phantastischen Bilde dieses Aufzugs sich nie satt sehen konnte. Wirklich hat für die ganze Nachwelt Plato das Vorbild einer neuen Kunstform gegeben, das Vorbild des Roman's: der als die unendlich gesteigerte aesopische Fabel zu bezeichnen ist, in der die Poesie in einer ähnlichen Rangordnung zur dialektischen Philosophie lebt, wie viele Jahrhunderte hindurch dieselbe Philosophie zur Theologie: nämlich als ancilla. Dies war die neue Stellung der Poesie, in die sie Plato unter dem Drucke des dämonischen Sokrates drängte.
Hier überwächst der philosophische Gedanke die Kunst und zwingt sie zu einem engen Sich-Anklammern an den Stamm der Dialektik. In dem logischen Schematismus hat sich die apollinische Tendenz verpuppt: wie wir bei Euripides etwas Entsprechendes und ausserdem eine Uebersetzung des Dionysischen in den naturalistischen Affect wahrzunehmen hatten. Sokrates, der dialektische Held im platonischen Drama, erinnert uns an die verwandte Natur des euripideischen Helden, der durch Grund und Gegengrund seine Handlungen vertheidigen muss und dadurch so oft in Gefahr geräth, unser tragisches Mitleiden einzubüssen: denn wer vermöchte das optimistische Element im Wesen der Dialektik zu verkennen, das in jedem Schlusse sein Jubelfest feiert und allein in kühler Helle und Bewusstheit athmen kann: das optimistische Element, das, einmal in die Tragödie eingedrungen, ihre dionysischen Regionen allmählich überwuchern und sie nothwendig zur Selbstvernichtung treiben muss—bis zum Todessprunge in's bürgerliche Schauspiel. Man vergegenwärtige sich nur die Consequenzen der sokratischen Sätze: „Tugend ist Wissen; es wird nur gesündigt aus Unwissenheit; der Tugendhafte ist der Glückliche“: in diesen drei Grundformen des Optimismus liegt der Tod der Tragödie. Denn jetzt muss der tugendhafte Held Dialektiker sein, jetzt muss zwischen Tugend und Wissen, Glaube und Moral ein nothwendiger sichtbarer Verband sein, jetzt ist die transscendentale Gerechtigkeitslösung des Aeschylus zu dem flachen und frechen Princip der „poetischen Gerechtigkeit“ mit seinem üblichen deus ex machina erniedrigt.
Wie erscheint dieser neuen sokratisch-optimistischen Bühnenwelt gegenüber jetzt der Chor und überhaupt der ganze musikalisch-dionysische Untergrund der Tragödie? Als etwas Zufälliges, als eine auch wohl zu missende Reminiscenz an den Ursprung der Tragödie; während wir doch eingesehen haben, dass der Chor nur als Ursache der Tragödie und des Tragischen überhaupt verstanden werden kann. Schon bei Sophokles zeigt sich jene Verlegenheit in Betreff des Chors—ein wichtiges Zeichen, dass schon bei ihm der dionysische Boden der Tragödie zu zerbröckeln beginnt. Er wagt es nicht mehr, dem Chor den Hauptantheil der Wirkung anzuvertrauen, sondern schränkt sein Bereich dermaassen ein, dass er jetzt fast den Schauspielern coordinirt erscheint, gleich als ob er aus der Orchestra in die Scene hineingehoben würde: womit freilich sein Wesen völlig zerstört ist, mag auch Aristoteles gerade dieser Auffassung des Chors seine Beistimmung geben. Jene Verrückung der Chorposition, welche Sophokles jedenfalls durch seine Praxis und, der Ueberlieferung nach, sogar durch eine Schrift anempfohlen hat, ist der erste Schritt zur Vernichtung des Chors, deren Phasen in Euripides, Agathon und der neueren Komödie mit erschreckender Schnelligkeit auf einander folgen. Die optimistische Dialektik treibt mit der Geissel ihrer Syllogismen die Musik aus der Tragödie: d.h. sie zerstört das Wesen der Tragödie, welches sich einzig als eine Manifestation und Verbildlichung dionysischer Zustände, als sichtbare Symbolisirung der Musik, als die Traumwelt eines dionysischen Rausches interpretiren lässt.
Haben wir also sogar eine schon vor Sokrates wirkende antidionysische Tendenz anzunehmen, die nur in ihm einen unerhört grossartigen Ausdruck gewinnt: so müssen wir nicht vor der Frage zurückschrecken, wohin denn eine solche Erscheinung wie die des Sokrates deute: die wir doch nicht im Stande sind, Angesichts der platonischen Dialoge, als eine nur auflösende negative Macht zu begreifen. Und so gewiss die allernächste Wirkung des sokratischen Triebes auf eine Zersetzung der dionysischen Tragödie ausging, so zwingt uns eine tiefsinnige Lebenserfahrung des Sokrates selbst zu der Frage, ob denn zwischen dem Sokratismus und der Kunst nothwendig nur ein antipodisches Verhältniss bestehe und ob die Geburt eines „künstlerischen Sokrates“ überhaupt etwas in sich Widerspruchsvolles sei.
Jener despotische Logiker hatte nämlich hier und da der Kunst gegenüber das Gefühl einer Lücke, einer Leere, eines halben Vorwurfs, einer vielleicht versäumten Pflicht. Oefters kam ihm, wie er im Gefängniss seinen Freunden erzählt, ein und dieselbe Traumerscheinung, die immer dasselbe sagte: „Sokrates, treibe Musik!“ Er beruhigt sich bis zu seinen letzten Tagen mit der Meinung, sein Philosophieren sei die höchste Musenkunst, und glaubt nicht recht, dass eine Gottheit ihn an jene „gemeine, populäre Musik“ erinnern werde. Endlich im Gefängniss versteht er sich, um sein Gewissen gänzlich zu entlasten, auch dazu, jene von ihm gering geachtete Musik zu treiben. Und in dieser Gesinnung dichtet er ein Proömium auf Apollo und bringt einige aesopische Fabeln in Verse. Das war etwas der dämonischen warnenden Stimme Aehnliches, was ihn zu diesen Uebungen drängte, es war seine apollinische Einsicht, dass er wie ein Barbarenkönig ein edles Götterbild nicht verstehe und in der Gefahr sei, sich an einer Gottheit zu versündigen—durch sein Nichtsverstehn. Jenes Wort der sokratischen Traumerscheinung ist das einzige Zeichen einer Bedenklichkeit über die Grenzen der logischen Natur: vielleicht—so musste er sich fragen—ist das mir Nichtverständliche doch nicht auch sofort das Unverständige? Vielleicht giebt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die Kunst sogar ein nothwendiges Correlativum und Supplement der Wissenschaft?
Now imagine Socrates turning his single great Cyclops’ eye toward tragedy. The lovely madness of artistic inspiration had never glowed in that eye. Imagine how it was unable to look with pleasure into the Dionysian depths. What could it actually have seen in the “sublime and highly praised” art of tragedy, as Plato calls it? Something thoroughly unreasonable, with causes that seemed to have no effects and effects that seemed to have no causes. Moreover, the whole thing was so colorful and varied that it must repel a levelheaded person, while providing dangerous tinder for excitable and sensitive souls. We know the only kind of poetry he understood: the Aesopian fable. Surely he understood it with the same smiling indulgence with which honest, good Gellert praises poetry in the fable of the bee and the hen:
“You see in me what use it has:To tell someone who has little senseThe truth by means of an image.”
But tragic art did not even seem to Socrates to “tell the truth.” Quite apart from that, it addressed people who had “little sense,” not philosophers. This gave him two reasons to keep away. Like Plato, he counted it among the flattering arts, which present only what is pleasant, not what is useful. He therefore demanded that his followers abstain and keep strictly apart from such unphilosophical attractions. He was so successful that the young writer of tragedies, Plato, first burned his poems so that he could become Socrates’ student. But where unconquerable talents fought against Socrates’ principles, those principles, together with the force of his enormous personality, were still strong enough to push poetry itself into new and previously unknown positions.
Plato himself is an example. In condemning tragedy and art in general, he certainly went no less far than his teacher’s naive cynicism. Yet an irresistible artistic need forced him to create an art form inwardly related to the existing forms he had rejected. Above all, the new artwork must not be open to Plato’s main objection to the older art: that it imitated an illusory image and so belonged to a sphere even lower than the world of experience. We therefore see Plato trying to go beyond reality and present the idea underlying that pseudo-reality. But by this roundabout route Plato the thinker had reached exactly the place where he had always been at home as a poet, and from which Sophocles and all the older art solemnly protested against his objection. Tragedy had absorbed all the earlier kinds of art. In an unusual sense, the same can be said of the Platonic dialogue. Made by mixing all the existing styles and forms, it hovers between narrative, lyric, and drama, between prose and poetry. In doing so, it also broke the strict older rule requiring a single linguistic form. The Cynic writers went still further along this path. With the greatest mixture of styles, shifting back and forth between prose and metrical forms, they also produced a literary image of the “Socrates gone mad” whom they regularly portrayed in their lives. The Platonic dialogue was, so to speak, the boat in which the shipwrecked older poetry escaped with all its children. Crowded into a narrow space and fearfully obedient to their one helmsman, Socrates, they now sailed into a new world. That world could never get enough of the fantastic spectacle of this procession. In fact, Plato gave all later generations the model of a new art form: the novel. It can be described as the Aesopian fable raised to an infinitely higher power. In it, poetry lives under dialectical philosophy in a hierarchy like the one that placed this same philosophy under theology for many centuries: as a servant. This was the new position into which Plato pushed poetry under the pressure of the demonic Socrates.
Here philosophical thought grows over art and forces it to cling tightly to the trunk of dialectic. The Apollonian tendency has enclosed itself in a cocoon of logical schematism. We noticed something similar in Euripides, as well as a translation of the Dionysian into naturalistic emotion. Socrates, the dialectical hero of Plato’s drama, reminds us of the related nature of Euripides’ hero. That hero must defend his actions with arguments and counterarguments, and so often risks losing our tragic sympathy. For who could fail to recognize the optimistic element in the nature of dialectic? It holds its festival of rejoicing in every inference and can breathe only in cool clarity and consciousness. Once this optimistic element has entered tragedy, it must gradually overgrow its Dionysian regions and necessarily drive tragedy to destroy itself—ending in its fatal leap into bourgeois drama. Just consider the consequences of these Socratic propositions: “Virtue is knowledge; one sins only out of ignorance; the virtuous person is the happy person.” These three basic forms of optimism contain the death of tragedy. Now the virtuous hero must be a dialectician. Now there must be a necessary, visible connection between virtue and knowledge, belief and morality. Now Aeschylus’ transcendental resolution of justice is degraded into the shallow, brazen principle of “poetic justice,” with its usual god from the machine.
In relation to this new Socratic, optimistic world of the stage, how does the chorus now appear—and with it the whole musical, Dionysian foundation of tragedy? As something incidental, a reminder of tragedy’s origin that could easily be done without. Yet we have seen that the chorus can be understood only as the cause of tragedy and of the tragic in general. The awkwardness about the chorus already appears in Sophocles. This is an important sign that tragedy’s Dionysian ground is already beginning to crumble in his work. He no longer dares to entrust the main effect to the chorus. Instead, he limits its scope so much that it now seems almost on the same level as the actors, as though it had been lifted out of the orchestra and onto the stage. This completely destroys its nature, even if Aristotle approves precisely this conception of the chorus. Sophocles recommended this shift in the chorus’ position through his practice, at any rate, and, according to tradition, even in a written work. It is the first step toward the chorus’ destruction. The stages of this destruction follow one another with frightening speed in Euripides, Agathon, and the newer comedy. Optimistic dialectic uses its chains of inference as a whip to drive music out of tragedy. In other words, it destroys tragedy’s nature. That nature can be understood only as the manifestation and translation into images of Dionysian states, as the visible symbolization of music, as the dream world of Dionysian intoxication.
We therefore have to assume that an anti-Dionysian tendency was at work even before Socrates, and merely found an expression of unprecedented power in him. If so, we must not shrink from asking what a phenomenon like Socrates points toward. After all, in the face of Plato’s dialogues we cannot understand him as a merely destructive, negative power. The immediate effect of the Socratic drive certainly tended toward the breakdown of Dionysian tragedy. Yet a profound experience in Socrates’ own life forces us to ask whether Socratism and art necessarily stand only at opposite poles, and whether the birth of an “artistic Socrates” would really be self-contradictory.
For this tyrannical logician did sometimes feel, in relation to art, a gap, an emptiness, a half reproach, a duty he might have neglected. As he tells his friends in prison, the same dream vision often came to him, always saying the same thing: “Socrates, practice music!” Until his last days, he reassures himself with the thought that his philosophy is the highest art of the Muses. He does not really believe that a deity would remind him to practice that “common, popular music.” Finally, in prison, to relieve his conscience completely, he agrees to practice even this music he thinks so little of. In this spirit he writes a hymn of introduction to Apollo and puts some Aesopian fables into verse. Something like his warning divine voice drove him to these exercises. It was his Apollonian insight that, like a barbarian king, he did not understand a noble image of a god and risked offending a deity—through his failure to understand. Those words from Socrates’ dream vision are the only sign of a misgiving about the limits of the logical nature. Perhaps, he must have asked himself, what I cannot understand is not necessarily unreasonable? Perhaps there is a realm of wisdom from which the logician is excluded? Perhaps art is even a necessary counterpart and supplement to science?
Section 15
Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muss nun ausgesprochen werden, wie der Einfluss des Sokrates, bis auf diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich einem in der Abendsonne immer grösser werdenden Schatten, über die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur Neuschaffung der Kunst—und zwar der Kunst im bereits metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne—immer wieder nöthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Unendlichkeit verbürgt.
Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste Abhängigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen von Homer bis auf Sokrates, überzeugend dargethan war, musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien gesucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötzlich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslungenen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaassliche Völkchen hervor das sich erkühnte, alles Nichteinheimische für alle Zeiten als „barbarisch“ zu bezeichnen: wer sind jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekennzeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgethan werden konnte: denn alles Gift, das Neid, Verläumdung und Ingrimm in sich erzeugten, reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten. Und so schämt und fürchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, dass Einer die Wahrheit über alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehn wage, dass die Griechen unsere und jegliche Cultur als Wagenlenker in den Händen haben, dass aber fase immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der Glorie ihrer Führer unangemessen sind, die dann es für einen Scherz erachten, ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: über den sie selbst, mit dem Sprunge des Achilles, hinwegsetzen.
Um die Würde einer solchen Führerstellung auch für Sokrates zu erweisen, genügt es in ihm den Typus einer vor ihm unerhörten Daseinsform zu erkennen, den Typus des theoretischen Menschen, über dessen Bedeutung und Ziel zur Einsicht zu kommen, unsere nächste Aufgabe ist. Auch der theoretische Mensch hat ein unendliches Genügen am Vorhandenen, wie der Künstler, und ist wie jener vor der praktischen Ethik des Pessimismus und vor seinen nur im Finsteren leuchtenden Lynkeusaugen, durch jenes Genügen geschützt. Wenn nämlich der Künstler bei jeder Enthüllung der Wahrheit immer nur mit verzückten Blicken an dem hängen bleibt, was auch jetzt, nach der Enthüllung, noch Hülle bleibt, geniesst und befriedigt sich der theoretische Mensch an der abgeworfenen Hülle und hat sein höchstes Lustziel in dem Prozess einer immer glücklichen, durch eigene Kraft gelingenden Enthüllung. Es gäbe keine Wissenschaft, wenn ihr nur um jene eine nackte Göttin und um nichts Anderes zu thun wäre. Denn dann müsste es ihren Jüngern zu Muthe sein, wie Solchen, die ein Loch gerade durch die Erde graben wollten: von denen ein Jeder einsieht, dass er, bei grösster und lebenslänglicher Anstrengung, nur ein ganz kleines Stück der ungeheuren Tiefe zu durchgraben im Stande sei, welches vor seinen Augen durch die Arbeit des Nächsten wieder überschüttet wird, so dass ein Dritter wohl daran zu thun scheint, wenn er auf eigne Faust eine neue Stelle für seine Bohrversuche wählt. Wenn jetzt nun Einer zur Ueberzeugung beweist, dass auf diesem directen Wege das Antipodenziel nicht zu erreichen sei, wer wird noch in den alten Tiefen weiterarbeiten wollen, es sei denn, dass er sich nicht inzwischen genügen lasse, edles Gestein zu finden oder Naturgesetze zu entdecken. Darum hat Lessing, der ehrlichste theoretische Mensch, es auszusprechen gewagt, dass ihm mehr am Suchen der Wahrheit als an ihr selbst gelegen sei: womit das Grundgeheimniss der Wissenschaft, zum Erstaunen, ja Aerger der Wissenschaftlichen, aufgedeckt worden ist. Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss, als einem Excess der Ehrlichkeit, wenn nicht des Uebermuthes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschütterliche Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren im Stande sei. Dieser erhabene metaphysische Wahn ist als Instinct der Wissenschaft beigegeben und führt sie immer und immer wieder zu ihren Grenzen, an denen sie in Kunst umschlagen muss: auf welche es eigentlich, bei diesem Mechanismus, abgesehn ist.
Schauen wir jetzt, mit der Fackel dieses Gedankens, auf Sokrates hin: so erscheint er uns als der Erste, der an der Hand jenes Instinctes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern—was bei weitem mehr ist—auch sterben konnte: und deshalb ist das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das über dem Eingangsthor der Wissenschaft einen Jeden an deren Bestimmung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu freilich wenn die Gründe nicht reichen, schliesslich auch der Mythus dienen muss, den ich sogar als nothwendige Consequenz, ja als Absicht der Wissenschaft soeben bezeichnete.
Wer sich einmal anschaulich macht, wie nach Sokrates, dem Mystagogen der Wissenschaft, eine Philosophenschule nach der anderen, wie Welle auf Welle, sich ablöst, wie eine nie geahnte Universalität der Wissensgier in dem weitesten Bereich der gebildeten Welt und als eigentliche Aufgabe für jeden höher Befähigten die Wissenschaft auf die hohe See führte, von der sie niemals seitdem wieder völlig vertrieben werden konnte, wie durch diese Universalität erst ein gemeinsames Netz des Gedankens über den gesammten Erdball, ja mit Ausblicken auf die Gesetzlichkeit eines ganzen Sonnensystems, gespannt wurde; wer dies Alles, sammt der erstaunlich hohen Wissenspyramide der Gegenwart, sich vergegenwärtigt, der kann sich nicht entbrechen, in Sokrates den einen Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte zu sehen. Denn dächte man sich einmal diese ganze unbezifferbare Summe von Kraft, die für jene Welttendenz verbraucht worden ist, nicht im Dienste des Erkennens, sondern auf die praktischen d.h. egoistischen Ziele der Individuen und Völker verwendet, so wäre wahrscheinlich in allgemeinen Vernichtungskämpfen und fortdauernden Völkerwanderungen die instinctive Lust zum Leben so abgeschwächt, dass, bei der Gewohnheit des Selbstmordes, der Einzelne vielleicht den letzten Rest von Pflichtgefühl empfinden müsste, wenn er, wie der Bewohner der Fidschiinseln, als Sohn seine Eltern, als Freund seinen Freund erdrosselt: ein praktischer Pessimismus, der selbst eine grausenhafte Ethik des Völkermordes aus Mitleid erzeugen könnte—der übrigens überall in der Welt vorhanden ist und vorhanden war, wo nicht die Kunst in irgend welchen Formen, besonders als Religion und Wissenschaft, zum Heilmittel und zur Abwehr jenes Pesthauchs erschienen ist.
Angesichts dieses praktischen Pessimismus ist Sokrates das Urbild des theoretischen Optimisten, der in dem bezeichneten Glauben an die Ergründlichkeit der Natur der Dinge dem Wissen und der Erkenntniss die Kraft einer Universalmedizin beilegt und im Irrthum das Uebel an sich begreift. In jene Gründe einzudringen und die wahre Erkenntniss vom Schein und vom Irrthum zu sondern, dünkte dem sokratischen Menschen der edelste, selbst der einzige wahrhaft menschliche Beruf zu sein: so wie jener Mechanismus der Begriffe, Urtheile und Schlüsse von Sokrates ab als höchste Bethätigung und bewunderungswürdigste Gabe der Natur über alle anderen Fähigkeiten geschätzt wurde. Selbst die erhabensten sittlichen Thaten, die Regungen des Mitleids, der Aufopferung, des Heroismus und jene schwer zu erringende Meeresstille der Seele, die der apollinische Grieche Sophrosyne nannte, wurden von Sokrates und seinen gleichgesinnten Nachfolgern bis auf die Gegenwart hin aus der Dialektik des Wissens abgeleitet und demgemäss als lehrbar bezeichnet. Wer die Lust einer sokratischen Erkenntniss an sich erfahren hat und spürt, wie diese, in immer weiteren Ringen, die ganze Welt der Erscheinungen zu umfassen sucht, der wird von da an keinen Stachel, der zum Dasein drängen könnte, heftiger empfinden als die Begierde, jene Eroberung zu vollenden und das Netz undurchdringbar fest zu spinnen. Einem so Gestimmten erscheint dann der platonische Sokrates als der Lehrer einer ganz neuen Form der „griechischen Heiterkeit“ und Daseinsseligkeit, welche sich in Handlungen zu entladen sucht und diese Entladung zumeist in maeeutischen und erziehenden Einwirkungen auf edle Jünglinge, zum Zweck der endlichen Erzeugung des Genius, finden wird.
Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem kräftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und während noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis völlig ausgemessen werden könnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch, noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich, auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beisst—da bricht die neue Form der Erkenntniss durch, die tragische Erkenntniss, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht.
Schauen wir, mit gestärkten und an den Griechen erlabten Augen, auf die höchsten Sphären derjenigen Welt, die uns umfluthet, so gewahren wir die in Sokrates vorbildlich erscheinende Gier der unersättlichen optimistischen Erkenntniss in tragische Resignation und Kunstbedürftigkeit umgeschlagen: während allerdings dieselbe Gier, auf ihren niederen Stufen, sich kunstfeindlich äussern und vornehmlich die dionysisch-tragische Kunst innerlich verabscheuen muss, wie dies an der Bekämpfung der aeschyleischen Tragödie durch den Sokratismus beispielsweise dargestellt wurde.
Hier nun klopfen wir, bewegten Gemüthes, an die Pforten der Gegenwart und Zukunft: wird jenes „Umschlagen“ zu immer neuen Configurationen des Genius und gerade des musiktreibenden Sokrates führen? Wird das über das Dasein gebreitete Netz der Kunst, sei es auch unter dem Namen der Religion oder der Wissenschaft, immer fester und zarter geflochten werden oder ist ihm bestimmt, unter dem ruhelos barbarischen Treiben und Wirbeln, das sich jetzt „die Gegenwart“ nennt, in Fetzen zu reissen?—Besorgt, doch nicht trostlos stehen wir eine kleine Weile bei Seite, als die Beschaulichen, denen es erlaubt ist, Zeugen jener ungeheuren Kämpfe und Uebergänge zu sein. Ach! Es ist der Zauber dieser Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!
Following these last questions and their intimations, we must now say how Socrates’ influence has spread over later generations, right up to this moment and indeed into the whole future. It is like a shadow that keeps growing in the evening sun. We must say how this influence repeatedly forces the creation of art anew—art in its widest and deepest, already metaphysical sense—and how, being endless itself, it guarantees that art too will be endless.
Before we could recognize this, before the innermost dependence of all art on the Greeks, the Greeks from Homer to Socrates, had been convincingly demonstrated, our experience of these Greeks had to resemble the Athenians’ experience of Socrates. Almost every age and level of culture has at some point tried, in deep frustration, to free itself from the Greeks. In their presence, everything people themselves had achieved, everything seemingly completely original and sincerely admired, suddenly seemed to lose its color and life. It shrank into a failed copy, even a caricature. So time and again heartfelt rage breaks out against that presumptuous little people who dared to call everything foreign “barbaric” for all time. Who are these people, we ask, who can show only a brief historical splendor, institutions with a ridiculously limited scope, and a questionable moral worth, and who are even marked by ugly vices? Yet they claim the dignity and special position among nations that genius holds among the masses. Unfortunately, people have not been lucky enough to find a cup of hemlock with which such a being could simply be disposed of. All the poison that envy, slander, and rage produced was not enough to destroy that self-sufficient magnificence. So people feel ashamed and afraid before the Greeks—unless someone prizes truth above everything and therefore dares to admit this truth too: the Greeks hold the reins of our culture and every culture. But almost always, chariot and horses are made of inferior material, unworthy of their drivers’ glory. The drivers then think it a joke to send such a team plunging into the abyss, which they themselves clear with Achilles’ leap.
To show that Socrates too deserves the dignity of such leadership, we need only recognize in him the model of a way of existing unknown before him: the model of the theoretical person. Our next task is to understand this person’s meaning and goal. Like the artist, the theoretical person takes endless satisfaction in what exists. This satisfaction protects both of them against the practical ethics of pessimism and its eyes of Lynceus, which shine only in the dark. Whenever truth is unveiled, the artist gazes in delight only at what still remains a covering even after the unveiling. The theoretical person, by contrast, enjoys and takes satisfaction in the discarded covering. The greatest pleasure this person seeks is the process of unveiling, always happily succeeding through one’s own efforts. Science would not exist if its concern were only with that one naked goddess and nothing else. For then its followers would feel like people trying to dig a hole straight through the earth. Each sees that even with the greatest effort, lasting a lifetime, he can dig through only a tiny part of its enormous depth. Before his eyes, the next person’s work fills that part back in. A third person therefore seems sensible in choosing, on his own initiative, a new spot for his drilling attempts. Now suppose someone convincingly proves that this direct route cannot reach the goal on the opposite side of the earth. Who would still want to go on working in those old depths, unless meanwhile he had learned to find satisfaction in discovering precious stones or laws of nature? That is why Lessing, the most honest theoretical person, dared to say that searching for truth mattered more to him than truth itself. This revealed the fundamental secret of science, to the astonishment and even annoyance of scientific people. Admittedly, beside this isolated insight, this excess of honesty if not high spirits, stands a profound delusion that first entered the world in the person of Socrates. It is the unshakable belief that thought, guided by causality, reaches into the deepest abysses of being, and that thought can not only know being but even correct it. This sublime metaphysical delusion accompanies science as an instinct. Again and again it leads science to its limits, where it must turn into art—the real goal of this mechanism.
Now let us look at Socrates by the torchlight of this idea. He appears as the first person who, led by this scientific instinct, could not only live but—far more important—also die. That is why the image of the dying Socrates, the man whom knowledge and reasoning have freed from the fear of death, is the coat of arms above the entrance to science. It reminds everyone of science’s purpose: to make existence appear understandable and therefore justified. Of course, when reasoning is not enough, myth must ultimately serve this purpose too. I have just described myth as a necessary consequence, indeed as the aim, of science.
Think of Socrates as the initiator into the mysteries of science. After him, one school of philosophy replaces another, like wave following wave. An unimagined universality of the desire for knowledge spreads through the broadest reaches of the educated world. Regarded as the proper task of everyone with higher abilities, science is carried out onto the open sea, from which it has never since been completely driven back. Only through this universality was a shared net of thought stretched over the whole globe, even opening views onto the laws of an entire solar system. Anyone who pictures all this, along with today’s astonishingly high pyramid of knowledge, cannot help seeing Socrates as the single turning point and vortex of so-called world history. Imagine that this whole incalculable amount of energy spent on that worldwide tendency had not served knowledge. Suppose it had been used for the practical—that is, selfish—goals of individuals and peoples instead. General wars of annihilation and continual migrations of peoples would probably have weakened the instinctive joy in living so much that suicide would have become customary. An individual might then feel his last remnant of duty when, like an inhabitant of the Fiji Islands, he strangled his parents as their son, or his friend as a friend. This would be a practical pessimism that could even produce a horrifying ethic of genocide out of pity. Such pessimism, moreover, exists and has existed everywhere in the world where art in some form, especially as religion and science, has not appeared as a remedy and defense against that pestilential breath.
Against this practical pessimism, Socrates is the original model of the theoretical optimist. With the belief just described that the nature of things can be fully understood, this optimist gives knowledge and understanding the power of a universal medicine and sees error as evil itself. To penetrate those underlying reasons and separate true knowledge from semblance and error seemed to the Socratic person the noblest, indeed the only truly human calling. Similarly, from Socrates onward, the mechanism of concepts, judgments, and inferences was valued above all other abilities as nature’s highest activity and most admirable gift. Even the most sublime moral actions, impulses of compassion, self-sacrifice, and heroism, and that hard-won ocean calm of the soul that the Apollonian Greek called self-restraint, were derived by Socrates and his like-minded successors, down to the present day, from the dialectic of knowledge. Accordingly, they declared these things teachable. Anyone who has personally experienced the pleasure of Socratic knowledge, and feels how it tries in ever-widening circles to embrace the whole world of appearances, will thereafter feel no stronger spur toward existence than the desire to complete that conquest and weave the net so firmly that nothing can penetrate it. To someone in this state of mind, Plato’s Socrates appears as the teacher of a completely new form of “Greek cheerfulness” and happiness in existence. This seeks an outlet in action. It will generally find that outlet in drawing ideas out of noble young men and educating them, with the ultimate aim of producing genius.
But now science, spurred on by its powerful delusion, rushes unstoppably to its limits. There the optimism hidden in the nature of logic breaks down. For the circumference of the circle of science has infinitely many points. We still cannot even see how the circle could ever be completely measured. Yet a noble and gifted person inevitably reaches such boundary points on the circumference, even before the midpoint of life, and stares into what cannot be illuminated. Here, to his horror, he sees logic coil around itself at these limits and finally bite its own tail. Then a new form of knowledge breaks through: tragic knowledge. Simply to be bearable, it needs art as a protection and remedy.
With eyes strengthened and refreshed by the Greeks, let us look at the highest spheres of the world surrounding us. We see the hunger for insatiable, optimistic knowledge, exemplified in Socrates, turn into tragic resignation and a need for art. At its lower levels, however, that same hunger must express hostility to art and inwardly detest Dionysian, tragic art above all. The struggle of Socratism against Aeschylean tragedy, for example, has illustrated this.
Here, with moved hearts, we knock at the gates of the present and the future. Will that “turning” lead to ever-new forms of genius, and specifically to a Socrates who practices music? Will the net of art spread over existence, even under the names of religion or science, be woven ever more firmly and finely? Or is it destined to be torn to shreds amid the restlessly barbaric activity and turmoil that now calls itself “the present”? Worried but not without comfort, we stand aside for a little while as observers allowed to witness those enormous struggles and transitions. Ah! The spell of these struggles is that anyone who watches them must also fight them!
Section 16
An diesem ausgeführten historischen Beispiel haben wir klar zu machen gesucht, wie die Tragödie an dem Entschwinden des Geistes der Musik eben so gewiss zu Grunde geht, wie sie aus diesem Geiste allein geboren werden kann. Das Ungewöhnliche dieser Behauptung zu mildern und andererseits den Ursprung dieser unserer Erkenntniss aufzuzeigen, müssen wir uns jetzt freien Blicks den analogen Erscheinungen der Gegenwart gegenüber stellen; wir müssen mitten hinein in jene Kämpfe treten, welche, wie ich eben sagte, zwischen der unersättlichen optimistischen Erkenntniss und der tragischen Kunstbedürftigkeit in den höchsten Sphären unserer jetzigen Welt gekämpft werden. Ich will hierbei von allen den anderen gegnerischen Trieben absehn, die zu jeder Zeit der Kunst und gerade der Tragödie entgegenarbeiten und die auch in der Gegenwart in dem Maasse siegesgewiss um sich greifen, dass von den theatralischen Künsten z.B. allein die Posse und das Ballet in einem einigermaassen üppigen Wuchern ihre vielleicht nicht für Jedermann wohlriechenden Blüthen treiben. Ich will nur von der erlauchtesten Gegnerschaft der tragischen Weltbetrachtung reden und meine damit die in ihrem tiefsten Wesen optimistische Wissenschaft, mit ihrem Ahnherrn Sokrates an der Spitze. Alsbald sollen auch die Mächte bei Namen genannt werden, welche mir eine Wiedergeburt der Tragödie—und welche andere selige Hoffnungen für das deutsche Wesen!—zu verbürgen scheinen.
Bevor wir uns mitten in jene Kämpfe hineinstürzen, hüllen wir uns in die Rüstung unsrer bisher eroberten Erkenntnisse. Im Gegensatz zu allen denen, welche beflissen sind, die Künste aus einem einzigen Princip, als dem nothwendigen Lebensquell jedes Kunstwerks abzuleiten, halte ich den Blick auf jene beiden künstlerischen Gottheiten der Griechen, Apollo und Dionysus, geheftet und erkenne in ihnen die lebendigen und anschaulichen Repräsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und ihren höchsten Zielen verschiedenen Kunstwelten. Apollo steht vor mir, als der verklärende Genius des principii individuationis, durch den allein die Erlösung im Scheine wahrhaft zu erlangen ist: während unter dem mystischen Jubelruf des Dionysus der Bann der Individuation zersprengt wird und der Weg zu den Müttern des Sein's, zu dem innersten Kern der Dinge offen liegt. Dieser ungeheuere Gegensatz, der sich zwischen der plastischen Kunst als der apollinischen und der Musik als der dionysischen Kunst klaffend aufthut, ist einem Einzigen der grossen Denker in dem Maasse offenbar geworden, dass er, selbst ohne jene Anleitung der hellenischen Göttersymbolik, der Musik einen verschiedenen Charakter und Ursprung vor allen anderen Künsten zuerkannte, weil sie nicht, wie jene alle, Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst sei und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstelle. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung I, p. 310). Auf diese wichtigste Erkenntniss aller Aesthetik, mit der, in einem ernstern Sinne genommen, die Aesthetik erst beginnt, hat Richard Wagner, zur Bekräftigung ihrer ewigen Wahrheit, seinen Stempel gedrückt, wenn er im „Beethoven“ feststellt, dass die Musik nach ganz anderen aesthetischen Principien als alle bildenden Künste und überhaupt nicht nach der Kategorie der Schönheit zu bemessen sei: obgleich eine irrige Aesthetik, an der Hand einer missleiteten und entarteten Kunst, von jenem in der bildnerischen Welt geltenden Begriff der Schönheit aus sich gewöhnt habe, von der Musik eine ähnliche Wirkung wie von den Werken der bildenden Kunst zu fordern, nämlich die Erregung des Gefallens an schönen Formen. Nach der Erkenntniss jenes ungeheuren Gegensatzes fühlte ich eine starke Nöthigung, mich dem Wesen der griechischen Tragödie und damit der tiefsten Offenbarung des hellenischen Genius zu nahen: denn erst jetzt glaubte ich des Zaubers mächtig zu sein, über die Phraseologie unserer üblichen Aesthetik hinaus, das Urproblem der Tragödie mir leibhaft vor die Seele stellen zu können: wodurch mir ein so befremdlich eigenthümlicher Blick in das Hellenische vergönnt war, dass es mir scheinen musste, als ob unsre so stolz sich gebärdende classisch-hellenische Wissenschaft in der Hauptsache bis jetzt nur an Schattenspielen und Aeusserlichkeiten sich zu weiden gewusst habe.
Jenes Urproblem möchten wir vielleicht mit dieser Frage berühren: welche aesthetische Wirkung entsteht, wenn jene an sich getrennten Kunstmächte des Apollinischen und des Dionysischen neben einander in Thätigkeit gerathen? Oder in kürzerer Form: wie verhält sich die Musik zu Bild und Begriff?—Schopenhauer, dem Richard Wagner gerade für diesen Punkt eine nicht zu überbietende Deutlichkeit und Durchsichtigkeit der Darstellung nachrühmt, äussert sich hierüber am ausführlichsten in der folgenden Stelle, die ich hier in ihrer ganzen Länge wiedergeben werde. Welt als Wille und Vorstellung I, p. 309: „Diesem allen zufolge können wir die erscheinende Welt, oder die Natur, und die Musik als zwei verschiedene Ausdrücke derselben Sache ansehen, welche selbst daher das allein Vermittelnde der Analogie beider ist, dessen Erkenntniss erfordert wird, um jene Analogie einzusehen. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt angesehen eine im höchsten Grad allgemeine Sprache, die sich sogar zur Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält wie diese zu den einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der Abstraction, sondern ganz anderer Art und ist verbunden mit durchgängiger deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht hierin den geometrischen Figuren und den Zahlen, welche als die allgemeinen Formen aller möglichen Objecte der Erfahrung und auf alle a priori anwendbar, doch nicht abstract, sondern anschaulich und durchgängig bestimmt sind. Alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und Aeusserungen des Willens, alle jene Vorgänge im Innern des Menschen, welche die Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefühl wirft, sind durch die unendlich vielen möglichen Melodien auszudrücken, aber immer in der Allgemeinheit blosser Form, ohne den Stoff, immer nur nach dem Ansich, nicht nach der Erscheinung, gleichsam die innerste Seele derselben, ohne Körper. Aus diesem innigen Verhältniss, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies zu erklären, dass, wenn zu irgend einer Scene, Handlung, Vorgang, Umgebung, eine passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben aufzuschliessen scheint und als der richtigste und deutlichste Commentar dazu auftritt; imgleichen, dass es Dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz hingiebt, ist, als sähe er alle möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an sich vorüberziehen: dennoch kann er, wenn er sich besinnt, keine Aehnlichkeit angeben zwischen jenem Tonspiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. Denn die Musik ist, wie gesagt, darin von allen anderen Künsten verschieden, dass sie nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adäquaten Objectität des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstellt. Man könnte demnach die Welt ebensowohl verkörperte Musik, als verkörperten Willen nennen: daraus also ist es erklärlich, warum Musik jedes Gemälde, ja jede Scene des wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhöhter Bedeutsamkeit hervortreten lässt; freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie dem innern Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Hierauf beruht es, dass man ein Gedicht als Gesang, oder eine anschauliche Darstellung als Pantomime, oder beides als Oper der Musik unterlegen kann. Solche einzelne Bilder des Menschenlebens, der allgemeinen Sprache der Musik untergelegt, sind nie mit durchgängiger Nothwendigkeit ihr verbunden oder entsprechend; sondern sie stehen zu ihr nur im Verhältniss eines beliebigen Beispiels zu einem allgemeinen Begriff: sie stellen in der Bestimmtheit der Wirklichkeit Dasjenige dar, was die Musik in der Allgemeinheit blosser Form aussagt. Denn die Melodien sind gewissermaassen, gleich den allgemeinen Begriffen, ein Abstractum der Wirklichkeit. Diese nämlich, also die Welt der einzelnen Dinge, liefert das Anschauliche, das Besondere und Individuelle, den einzelnen Fall, sowohl zur Allgemeinheit der Begriffe, als zur Allgemeinheit der Melodien, welche beide Allgemeinheiten einander aber in gewisser Hinsicht entgegengesetzt sind; indem die Begriffe nur die allererst aus der Anschauung abstrahirten Formen, gleichsam die abgezogene äussere Schale der Dinge enthalten, also ganz eigentlich Abstracta sind; die Musik hingegen den innersten aller Gestaltung vorhergängigen Kern, oder das Herz der Dinge giebt. Dies Verhältniss liesse sich recht gut in der Sprache der Scholastiker ausdrücken, indem man sagte: die Begriffe sind die universalia post rem, die Musik aber giebt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit die universalia in re. Dass aber überhaupt eine Beziehung zwischen einer Composition und einer anschaulichen Darstellung möglich ist, beruht, wie gesagt, darauf, dass beide nur ganz verschiedene Ausdrücke desselben innern Wesens der Welt sind. Wann nun im einzelnen Fall eine solche Beziehung wirklich vorhanden ist, also der Componist die Willensregungen, welche den Kern einer Begebenheit ausmachen, in der allgemeinen Sprache der Musik auszusprechen gewusst hat: dann ist die Melodie des Liedes, die Musik der Oper ausdrucksvoll. Die vom Componisten aufgefundene Analogie zwischen jenen beiden muss aber aus der unmittelbaren Erkenntniss des Wesens der Welt, seiner Vernunft unbewusst, hervorgegangen und darf nicht, mit bewusster Absichtlichkeit, durch Begriffe vermittelte Nachahmung sein: sonst spricht die Musik nicht das innere Wesen, den Willen selbst aus; sondern ahmt nur seine Erscheinung ungenügend nach; wie dies alle eigentlich nachbildende Musik thut“.—
Wir verstehen also, nach der Lehre Schopenhauer's, die Musik als die Sprache des Willens unmittelbar und fühlen unsere Phantasie angeregt, jene zu uns redende, unsichtbare und doch so lebhaft bewegte Geisterwelt zu gestalten und sie in einem analogen Beispiel uns zu verkörpern. Andrerseits kommt Bild und Begriff, unter der Einwirkung einer wahrhaft entsprechenden Musik, zu einer erhöhten Bedeutsamkeit. Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das apollinische Kunstvermögen auszuüben: die Musik reizt zum gleichnissartigen Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik lässt sodann das gleichnissartige Bild in höchster Bedeutsamkeit hervortreten. Aus diesen an sich verständlichen und keiner tieferen Beobachtung unzugänglichen Thatsachen erschliesse ich die Befähigung der Musik, den Mythus d.h. das bedeutsamste Exempel zu gebären und gerade den tragischen Mythus: den Mythus, der von der dionysischen Erkenntniss in Gleichnissen redet. An dem Phänomen des Lyrikers habe ich dargestellt, wie die Musik im Lyriker darnach ringt, in apollinischen Bildern über ihr Wesen sich kund zu geben: denken wir uns jetzt, dass die Musik in ihrer höchsten Steigerung auch zu einer höchsten Verbildlichung zu kommen suchen muss, so müssen wir für möglich halten, dass sie auch den symbolischen Ausdruck für ihre eigentliche dionysische Weisheit zu finden wisse; und wo anders werden wir diesen Ausdruck zu suchen haben, wenn nicht in der Tragödie und überhaupt im Begriff des Tragischen?
Aus dem Wesen der Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie des Scheines und der Schönheit begriffen wird, ist das Tragische in ehrlicher Weise gar nicht abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik heraus verstehen wir eine Freude an der Vernichtung des Individuums. Denn an den einzelnen Beispielen einer solchen Vernichtung wird uns nur das ewige Phänomen der dionysischen Kunst deutlich gemacht, die den Willen in seiner Allmacht gleichsam hinter dem principio individuationis, das ewige Leben jenseit aller Erscheinung und trotz aller Vernichtung zum Ausdruck bringt. Die metaphysische Freude am Tragischen ist eine Uebersetzung der instinctiv unbewussten dionysischen Weisheit in die Sprache des Bildes: der Held, die höchste Willenserscheinung, wird zu unserer Lust verneint, weil er doch nur Erscheinung ist, und das ewige Leben des Willens durch seine Vernichtung nicht berührt wird. „Wir glauben an das ewige Leben“, so ruft die Tragödie; während die Musik die unmittelbare Idee dieses Lebens ist. Ein ganz verschiednes Ziel hat die Kunst des Plastikers: hier überwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schönheit über das dem Leben inhärirende Leiden, der Schmerz wird in einem gewissen Sinne aus den Zügen der Natur hinweggelogen. In der dionysischen Kunst und in deren tragischer Symbolik redet uns dieselbe Natur mit ihrer wahren, unverstellten Stimme an: „Seid wie ich bin! Unter dem unaufhörlichen Wechsel der Erscheinungen die ewig schöpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!“
Through this detailed historical example, we have tried to make one point clear: tragedy dies when the spirit of music disappears, just as surely as it can be born only from that spirit. To make this claim seem less strange, and also to show where our insight came from, we must now face similar phenomena in the present with an open gaze. We must enter the very struggles that, as I just said, are being fought in the highest spheres of our present world between insatiable, optimistic knowledge and the tragic need for art. Here I will set aside all the other opposing drives that work against art, and especially tragedy, in every age. Even today they spread with such confidence of victory that, among the theatrical arts, for example, only farce and ballet flourish with any luxuriance, putting out blossoms whose scent perhaps does not please everyone. I want to speak only of the most distinguished opposition to the tragic view of the world. By this I mean science, which is optimistic in its deepest nature, with its ancestor Socrates at its head. Soon I will also name the powers that seem to me to guarantee a rebirth of tragedy—and what other happy hopes for the German spirit!
Before we plunge into these struggles, let us put on the armor of the insights we have gained so far. Others work hard to derive the arts from a single principle, treating it as the necessary source of life for every artwork. In contrast, I keep my eyes fixed on those two Greek gods of art, Apollo and Dionysus. I recognize in them the living, visible representatives of two worlds of art, different in their deepest nature and highest goals. Apollo stands before me as the glorifying spirit of the principle of individuation. Only through him can release in semblance truly be achieved. But under Dionysus’ mystical cry of joy, the spell of individuation is broken. The way lies open to the Mothers of being, to the innermost core of things. An enormous gulf thus opens between the visual art of form, as Apollonian art, and music, as Dionysian art. Only one of the great thinkers saw this opposition clearly enough to give music a character and origin distinct from all the other arts, even without the guidance of this Greek symbolism of the gods. Unlike all the other arts, he held, music is not a copy of appearance but a direct copy of the will itself. It therefore presents the metaphysical counterpart to everything physical in the world, the thing in itself as the counterpart to every appearance. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung I, p. 310). This is the most important insight in all aesthetics. Taken seriously, it is where aesthetics first begins. Richard Wagner has set his seal on it, confirming its eternal truth, when he states in “Beethoven” that music must be judged by completely different aesthetic principles from all the visual arts, and not at all by the category of beauty. An erroneous aesthetics, however, guided by a misdirected and degenerate art, has become accustomed to taking the concept of beauty valid in the world of visual form and demanding a similar effect from music as from works of visual art: namely, the arousal of pleasure in beautiful forms. Once I recognized that enormous opposition, I felt a strong urge to approach the nature of Greek tragedy, and with it the deepest revelation of the Greek genius. Only now did I believe I possessed the magic power to move beyond the phrases of our customary aesthetics and bring tragedy’s fundamental problem vividly before my mind. This gave me such a strangely distinctive view into the Greek world that I had to feel our so proudly self-important scholarship on classical Greece had so far mainly known only how to feast on shadow plays and externals.
Perhaps we can touch on that fundamental problem with this question: what aesthetic effect arises when the Apollonian and Dionysian powers of art, separate in themselves, become active alongside each other? Or, more briefly: how does music relate to image and concept? Richard Wagner praises Schopenhauer for unsurpassable clarity and transparency of presentation on precisely this point. Schopenhauer discusses it most fully in the following passage, which I will reproduce here at its full length. Welt als Wille und Vorstellung I, p. 309: “From all this it follows that we can regard the world of appearances, or nature, and music as two different expressions of the same thing. That thing itself is therefore the only link between them that makes their analogy possible. We must know it to understand that analogy. Accordingly, when considered as an expression of the world, music is a language of the highest degree of universality. Its relation even to the universality of concepts is roughly like their relation to individual things. But its universality is by no means the empty universality of abstraction. It is of a completely different kind and is combined with clear definition throughout. In this it resembles geometrical figures and numbers. As the universal forms of all possible objects of experience, applicable to all of them in advance of experience, these are nevertheless not abstract, but directly perceptible and completely definite. All possible efforts, impulses, and expressions of the will, all those processes within human beings that reason throws into the broad negative concept of feeling, can be expressed through the infinitely many possible melodies. But they are always expressed in the universality of form alone, without material content; always only as they are in themselves, not as appearances—as though they were their innermost soul without a body. Music has this intimate relationship with the true nature of all things. This also explains why, when appropriate music accompanies any scene, action, event, or setting, it seems to unlock its most secret meaning for us and serves as its truest and clearest commentary. It likewise explains why someone who gives himself over entirely to the impression of a symphony feels as if every possible event in life and the world were passing before him. Yet on reflection he can point to no similarity between that play of sounds and the things that appeared in his mind. For, as I have said, music differs from all the other arts in this: it is not a copy of appearance, or more precisely of the will’s adequate objectivity, but a direct copy of the will itself. It therefore presents the metaphysical counterpart to everything physical in the world, the thing in itself as the counterpart to every appearance. Accordingly, we could just as well call the world embodied music as embodied will. This explains why music immediately gives heightened significance to every painting, indeed to every scene of actual life and the world. Of course, it does so all the more, the more closely its melody corresponds to the inner spirit of the given appearance. This is the basis on which we can set a poem to music as a song, a visual presentation as pantomime, or both as opera. Such individual images of human life, set beneath the universal language of music, are never connected with it or matched to it by any complete necessity. Their relation to it is only that of an arbitrarily chosen example to a general concept. In the definite form of reality, they present what music states in the universality of form alone. For melodies are, in a sense, like general concepts, an abstraction from reality. Reality—that is, the world of individual things—provides what can be perceived, what is particular and individual, the single case, for both the universality of concepts and the universality of melodies. But these two universalities are in a certain respect opposites. Concepts contain only the forms first abstracted from perception, as though they were the outer shell peeled off things, and are therefore abstractions in the strictest sense. Music, on the other hand, gives the innermost core preceding all form, or the heart of things. This relationship could be expressed very well in the language of the Scholastics: concepts are universals after the thing, music gives universals before the thing, and reality gives universals in the thing. But, as I have said, a relationship between a composition and a visual presentation is possible at all because the two are merely very different expressions of the same inner nature of the world. When such a relationship really exists in an individual case—when the composer has known how to express in music’s universal language the movements of the will that form the core of an event—then the melody of the song, the music of the opera, is expressive. But the analogy the composer has found between the two must have arisen from a direct knowledge of the world’s nature, without his reason being aware of it. It must not be a consciously intentional imitation mediated by concepts. Otherwise the music does not express the inner nature, the will itself, but merely imitates its appearance inadequately, as all music that is strictly imitative does.”—
Following Schopenhauer’s teaching, then, we understand music immediately as the language of the will. We feel our imagination stirred to give form to the invisible yet so vividly moving spirit world that speaks to us, and to embody it for ourselves in an analogous example. On the other hand, an image or concept gains heightened significance under the influence of music that truly corresponds to it. Dionysian art therefore generally has two effects on the Apollonian artistic capacity. Music prompts us to see the Dionysian universal in symbolic images. Music then makes the symbolic image stand out with the highest significance. From these facts, understandable in themselves and open to any deeper observation, I infer music’s ability to give birth to myth—that is, the most meaningful example—and specifically to tragic myth: the myth that speaks of Dionysian knowledge in symbolic images. In the case of the lyric poet, I have shown how music struggles within the poet to express its nature in Apollonian images. Now let us imagine that music at its highest intensity must also seek its fullest expression in images. We must then consider it possible that music can also find the symbolic expression of its own Dionysian wisdom. And where else should we look for this expression, if not in tragedy and in the concept of the tragic in general?
The tragic cannot honestly be derived from the nature of art as people usually understand it, solely under the categories of semblance and beauty. Only through the spirit of music do we understand joy in the destruction of the individual. For individual examples of such destruction merely make clear to us the eternal phenomenon of Dionysian art. This art expresses the will in its omnipotence, as though behind the principle of individuation: eternal life beyond all appearance and despite all destruction. The metaphysical joy in the tragic translates instinctive, unconscious Dionysian wisdom into the language of images. The hero, the highest appearance of the will, is negated to our delight because he is only an appearance, and his destruction does not touch the will’s eternal life. “We believe in eternal life,” tragedy cries, while music is the immediate idea of this life. The artist who works in visual forms has a completely different goal. Here Apollo overcomes the individual’s suffering through a radiant glorification of the eternity of appearance. Here beauty triumphs over the suffering inherent in life. In a certain sense, a lie erases pain from nature’s features. In Dionysian art and its tragic symbolism, that same nature speaks to us in its true, undisguised voice: “Be as I am! Beneath the unceasing change of appearances, I am the primal mother, eternally creative, eternally compelling existence, eternally satisfied by this change of appearances!”
Section 17
Auch die dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins überzeugen: nur sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter den Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muss, wir werden gezwungen in die Schrecken der Individualexistenz hineinzublicken—und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer Trost reisst uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus. Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie nothwendig, bei dem Uebermaass von unzähligen, sich in's Leben drängenden und stossenden Daseinsformen, bei der überschwänglichen Fruchtbarkeit des Weltwillens; wir werden von dem wüthenden Stachel dieser Qualen in demselben Augenblicke durchbohrt, wo wir gleichsam mit der unermesslichen Urlust am Dasein eins geworden sind und wo wir die Unzerstörbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in dionysischer Entzückung ahnen. Trotz Furcht und Mitleid sind wir die glücklich-Lebendigen, nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit dessen Zeugungslust wir verschmolzen sind.
Die Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie sagt uns jetzt mit lichtvoller Bestimmtheit, wie das tragische Kunstwerk der Griechen wirklich aus dem Geiste der Musik herausgeboren ist: durch welchen Gedanken wir zum ersten Male dem ursprünglichen und so erstaunlichen Sinne des Chors gerecht geworden zu sein glauben. Zugleich aber müssen wir zugeben, dass die vorhin aufgestellte Bedeutung des tragischen Mythus den griechischen Dichtern, geschweige den griechischen Philosophen, niemals in begrifflicher Deutlichkeit durchsichtig geworden ist; ihre Helden sprechen gewissermaassen oberflächlicher als sie handeln, der Mythus findet in dem gesprochnen Wort durchaus nicht seine adäquate Objectivation. Das Gefüge der Scenen und die anschaulichen Bilder offenbaren eine tiefere Weisheit, als der Dichter selbst in Worte und Begriffe fassen kann: wie das Gleiche auch bei Shakespeare beobachtet wird, dessen Hamlet z.B. in einem ähnlichen Sinne oberflächlicher redet als er handelt, so dass nicht aus den Worten heraus, sondern aus dem vertieften Anschauen und Ueberschauen des Ganzen jene früher erwähnte Hamletlehre zu entnehmen ist. In Betreff der griechischen Tragödie, die uns freilich nur als Wortdrama entgegentritt, habe ich sogar angedeutet, dass jene Incongruenz zwischen Mythus und Wort uns leicht verführen könnte, sie für flacher und bedeutungsloser zu halten, als sie ist, und demnach auch eine oberflächlichere Wirkung für sie vorauszusetzen, als sie nach den Zeugnissen der Alten gehabt haben muss: denn wie leicht vergisst man, dass, was dem Wortdichter nicht gelungen war, die höchste Vergeistigung und Idealität des Mythus zu erreichen, ihm als schöpferischem Musiker in jedem Augenblick gelingen konnte! Wir freilich müssen uns die Uebermacht der musikalischen Wirkung fast auf gelehrtem Wege reconstruiren, um etwas von jenem unvergleichlichen Troste zu empfangen, der der wahren Tragödie zu eigen sein muss. Selbst diese musikalische Uebermacht aber würden wir nur, wenn wir Griechen wären, als solche empfunden haben: während wir in der ganzen Entfaltung der griechischen Musik—der uns bekannten und vertrauten, so unendlich reicheren gegenüber—nur das in schüchternem Kraftgefühle angestimmte Jünglingslied des musikalischen Genius zu hören glauben. Die Griechen sind, wie die ägyptischen Priester sagen, die ewigen Kinder, und auch in der tragischen Kunst nur die Kinder, welche nicht wissen, welches erhabene Spielzeug unter ihren Händen entstanden ist und—zertrümmert wird.
Jenes Ringen des Geistes der Musik nach bildlicher und mythischer Offenbarung, welches von den Anfängen der Lyrik bis zur attischen Tragödie sich steigert, bricht plötzlich, nach eben erst errungener üppiger Entfaltung, ab und verschwindet gleichsam von der Oberfläche der hellenischen Kunst: während die aus diesem Ringen geborne dionysische Weltbetrachtung in den Mysterien weiterlebt und in den wunderbarsten Metamorphosen und Entartungen nicht aufhört, ernstere Naturen an sich zu ziehen Ob sie nicht aus ihrer mystischen Tiefe einst wieder als Kunst emporsteigen wird?
Hier beschäftigt uns die Frage, ob die Macht, an deren Entgegenwirken die Tragödie sich brach, für alle Zeit genug Stärke hat, um das künstlerische Wiedererwachen der Tragödie und der tragischen Weltbetrachtung zu verhindern. Wenn die alte Tragödie durch den dialektischen Trieb zum Wissen und zum Optimismus der Wissenschaft aus ihrem Gleise gedrängt wurde, so wäre aus dieser Thatsache auf einen ewigen Kampf zwischen der theoretischen und der tragischen Weltbetrachtung zu schliessen; und erst nachdem der Geist der Wissenschaft bis an seine Grenze geführt ist, und sein Anspruch auf universale Gültigkeit durch den Nachweis jener Grenzen vernichtet ist dürfte auf eine Wiedergeburt der Tragödie zu hoffen sein: für welche Culturform wir das Symbol des musiktreibenden Sokrates, in dem früher erörterten Sinne, hinzustellen hätten. Bei dieser Gegenüberstellung verstehe ich unter dem Geiste der Wissenschaft jenen zuerst in der Person des Sokrates an's Licht gekommenen Glauben an die Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens.
Wer sich an die nächsten Folgen dieses rastlos vorwärtsdringenden Geistes der Wissenschaft erinnert, wird sich sofort vergegenwärtigen, wie durch ihn der Mythus vernichtet wurde und wie durch diese Vernichtung die Poesie aus ihrem natürlichen idealen Boden, als eine nunmehr heimathlose, verdrängt war. Haben wir mit Recht der Musik die Kraft zugesprochen, den Mythus wieder aus sich gebären zu können, so werden wir den Geist der Wissenschaft auch auf der Bahn zu suchen haben, wo er dieser mythenschaffenden Kraft der Musik feindlich entgegentritt. Dies geschieht in der Entfaltung des neueren attischen Dithyrambus, dessen Musik nicht mehr das innere Wesen, den Willen selbst aussprach, sondern nur die Erscheinung ungenügend, in einer durch Begriffe vermittelten Nachahmung wiedergab: von welcher innerlich entarteten Musik sich die wahrhaft musikalischen Naturen mit demselben Widerwillen abwandten, den sie vor der kunstmörderischen Tendenz des Sokrates hatten. Der sicher zugreifende Instinct des Aristophanes hat gewiss das Rechte erfasst, wenn er Sokrates selbst, die Tragödie des Euripides und die Musik der neueren Dithyrambiker in dem gleichen Gefühle des Hasses zusammenfasste und in allen drei Phänomenen die Merkmale einer degenerirten Cultur witterte. Durch jenen neueren Dithyrambus ist die Musik in frevelhafter Weise zum imitatorischen Conterfei der Erscheinung z.B. einer Schlacht, eines Seesturmes gemacht und damit allerdings ihrer mythenschaffenden Kraft gänzlich beraubt worden. Denn wenn sie unsere Ergetzung nur dadurch zu erregen sucht, dass sie uns zwingt, äusserliche Analogien zwischen einem Vorgange des Lebens und der Natur und gewissen rhythmischen Figuren und charakteristischen Klängen der Musik zu suchen, wenn sich unser Verstand an der Erkenntniss dieser Analogien befriedigen soll, so sind wir in eine Stimmung herabgezogen, in der eine Empfängniss des Mythischen unmöglich ist; denn der Mythus will als ein einziges Exempel einer in's Unendliche hinein starrenden Allgemeinheit und Wahrheit anschaulich empfunden werden. Die wahrhaft dionysische Musik tritt uns als ein solcher allgemeiner Spiegel des Weltwillens gegenüber: jenes anschauliche Ereigniss, das sich in diesem Spiegel bricht, erweitert sich sofort für unser Gefühl zum Abbilde einer ewigen Wahrheit. Umgekehrt wird ein solches anschauliches Ereigniss durch die Tonmalerei des neueren Dithyrambus sofort jedes mythischen Charakters entkleidet; jetzt ist die Musik zum dürftigen Abbilde der Erscheinung geworden und darum unendlich ärmer als die Erscheinung selbst: durch welche Armuth sie für unsere Empfindung die Erscheinung selbst noch herabzieht, so dass jetzt z.B. eine derartig musikalisch imitirte Schlacht sich in Marschlärm, Signalklängen u.s.w. erschöpft, und unsere Phantasie gerade bei diesen Oberflächlichkeiten festgehalten wird. Die Tonmalerei ist also in jeder Beziehung das Gegenstück zu der mythenschaffenden Kraft der wahren Musik: durch sie wird die Erscheinung noch ärmer als sie ist, während durch die dionysische Musik die einzelne Erscheinung sich zum Weltbilde bereichert und erweitert. Es war ein mächtiger Sieg des undionysischen Geistes, als er, in der Entfaltung des neueren Dithyrambus, die Musik sich selbst entfremdet und sie zur Sclavin der Erscheinung herabgedrückt hatte. Euripides, der in einem höhern Sinne eine durchaus unmusikalische Natur genannt werden muss, ist aus eben diesem Grunde leidenschaftlicher Anhänger der neueren dithyrambischen Musik und verwendet mit der Freigebigkeit eines Räubers alle ihre Effectstücke und Manieren.
Nach einer anderen Seite sehen wir die Kraft dieses undionysischen, gegen den Mythus gerichteten Geistes in Thätigkeit, wenn wir unsere Blicke auf das Ueberhandnehmen der Charakterdarstellung und des psychologischen Raffinements in der Tragödie von Sophokles ab richten. Der Charakter soll sich nicht mehr zum ewigen Typus erweitern lassen, sondern im Gegentheil so durch künstliche Nebenzüge und Schattirungen, durch feinste Bestimmtheit aller Linien individuell wirken, dass der Zuschauer überhaupt nicht mehr den Mythus, sondern die mächtige Naturwahrheit und die Imitationskraft des Künstlers empfindet. Auch hier gewahren wir den Sieg der Erscheinung über das Allgemeine und die Lust an dem einzelnen gleichsam anatomischen Präparat, wir athmen bereits die Luft einer theoretischen Welt, welcher die wissenschaftliche Erkenntniss höher gilt als die künstlerische Wiederspiegelung einer Weltregel. Die Bewegung auf der Linie des Charakteristischen geht schnell weiter: während noch Sophokles ganze Charactere malt und zu ihrer raffinirten Entfaltung den Mythus ins Joch spannt, malt Euripides bereits nur noch grosse einzelne Charakterzüge, die sich in heftigen Leidenschaften zu äussern wissen; in der neuern attischen Komödie giebt es nur noch Masken mit einem Ausdruck, leichtsinnige Alte, geprellte Kuppler, verschmitzte Sclaven in unermüdlicher Wiederholung. Wohin ist jetzt der mythenbildende Geist der Musik? Was jetzt noch von Musik übrig ist, das ist entweder Aufregungs- oder Erinnerungsmusik d.h. entweder ein Stimulanzmittel für stumpfe und verbrauchte Nerven oder Tonmalerei. Für die erstere kommt es auf den untergelegten Text kaum noch an: schon bei Euripides geht es, wenn seine Helden oder Chöre erst zu singen anfangen, recht lüderlich zu; wohin mag es bei seinen frechen Nachfolgern gekommen sein?
Am allerdeutlichsten aber offenbart sich der neue undionysische Geist in den Schlüssen der neueren Dramen. In der alten Tragödie war der metaphysische Trost am Ende zu spüren gewesen, ohne den die Lust an der Tragödie überhaupt nicht zu erklären ist; am reinsten tönt vielleicht im Oedipus auf Kolonos der versöhnende Klang aus einer anderen Welt. Jetzt, als der Genius der Musik aus der Tragödie entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragödie todt: denn woher sollte man jetzt jenen metaphysischen Trost schöpfen können? Man suchte daher nach einer irdischen Lösung der tragischen Dissonanz; der Held, nachdem er durch das Schicksal hinreichend gemartert war, erntete in einer stattlichen Heirat, in göttlichen Ehrenbezeugungen einen wohlverdienten Lohn. Der Held war zum Gladiator geworden, dem man, nachdem er tüchtig geschunden und mit Wunden überdeckt war, gelegentlich die Freiheit schenkte. Der deus ex machina ist an Stelle des metaphysischen Trostes getreten. Ich will nicht sagen, dass die tragische Weltbetrachtung überall und völlig durch den andrängenden Geist des Undionysischen zerstört wurde: wir wissen nur, dass sie sich aus der Kunst gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung zum Geheimcult, flüchten musste. Aber auf dem weitesten Gebiete der Oberfläche des hellenischen Wesens wüthete der verzehrende Hauch jenes Geistes, welcher sich in jener Form der „griechischen Heiterkeit“ kundgiebt, von der bereits früher, als von einer greisenhaft unproductiven Daseinslust, die Rede war; diese Heiterkeit ist ein Gegenstück zu der herrlichen „Naivetät“ der älteren Griechen, wie sie, nach der gegebenen Charakteristik, zu fassen ist als die aus einem düsteren Abgrunde hervorwachsende Blüthe der apollinischen Cultur, als der Sieg, den der hellenische Wille durch seine Schönheitsspiegelung über das Leiden und die Weisheit des Leidens davonträgt. Die edelste Form jener anderen Form der „griechischen Heiterkeit“, der alexandrinischen, ist die Heiterkeit des theoretischen Menschen: sie zeigt dieselben charakteristischen Merkmale, die ich soeben aus dem Geiste des Undionysischen ableitete—dass sie die dionysische Weisheit und Kunst bekämpft, dass sie den Mythus aufzulösen trachtet, dass sie an Stelle eines metaphysischen Trostes eine irdische Consonanz, ja einen eigenen deus ex machina setzt, nämlich den Gott der Maschinen und Schmelztiegel, d.h. die im Dienste des höheren Egoismus erkannten und verwendeten Kräfte der Naturgeister, dass sie an eine Correctur der Welt durch das Wissen, an ein durch die Wissenschaft geleitetes Leben glaubt und auch wirklich im Stande ist, den einzelnen Menschen in einen allerengsten Kreis von lösbaren Aufgaben zu bannen, innerhalb dessen er heiter zum Leben sagt: „Ich will dich: du bist werth erkannt zu werden“.
Dionysian art too wants to convince us of the eternal joy of existence. But we are to seek this joy not in appearances, but behind them. We are to recognize that everything that comes into being must be ready for a painful end. We are forced to look into the terrors of individual existence—and yet we are not to freeze in horror. Metaphysical comfort momentarily pulls us out of the machinery of changing forms. For brief moments we really are the primal being itself and feel its unrestrained hunger and joy in existence. The struggle, torment, and destruction of appearances now seem necessary to us, given the excess of countless forms of existence pushing and shoving their way into life, given the overflowing fertility of the world-will. The raging sting of these torments pierces us at the very moment when we have, as it were, become one with the immeasurable primal joy in existence, and when, in Dionysian rapture, we sense that this joy is indestructible and eternal. Despite fear and pity, we are happily alive—not as individuals, but as the one living being with whose joy in procreation we have merged.
The history of Greek tragedy’s origin now tells us with luminous certainty how the Greeks’ tragic artwork really was born from the spirit of music. Through this idea, we believe we have for the first time done justice to the chorus’ original and so astonishing meaning. At the same time, however, we must admit that the meaning of tragic myth set out earlier never became conceptually clear to Greek poets, let alone Greek philosophers. In a sense, their heroes speak more superficially than they act. Myth by no means finds its adequate objective expression in the spoken word. The structure of the scenes and the visible images reveal a deeper wisdom than the poet himself can put into words and concepts. The same thing is observed in Shakespeare. His Hamlet, for example, speaks more superficially than he acts in a similar sense. The lesson of Hamlet mentioned earlier must therefore be drawn not from the words, but from a deepened view and overview of the whole. Of course, Greek tragedy reaches us only as spoken drama. I have even suggested that this mismatch between myth and word could easily tempt us to think it shallower and less meaningful than it is. We might therefore also assume it had a more superficial effect than ancient testimony says it must have had. How easily we forget that what the poet of words failed to achieve—the highest spiritualization and ideality of myth—he could achieve at every moment as a creative musician! We, admittedly, must reconstruct the overwhelming power of the musical effect almost by scholarly means if we are to receive anything of that incomparable comfort that must belong to true tragedy. Yet we would have felt even this overwhelming musical power as such only if we had been Greeks. Compared with the infinitely richer music we know and are familiar with, we believe we hear in the entire development of Greek music only the youthful song of musical genius, sung with a timid awareness of its strength. As the Egyptian priests say, the Greeks are eternal children. In tragic art too, they are only children who do not know what a sublime toy has come into being under their hands—and is being smashed to pieces.
The spirit of music struggles toward revelation in images and myth, with increasing intensity from the beginnings of lyric poetry to Attic tragedy. Then, just after achieving a rich flowering, this struggle suddenly breaks off and seems to disappear from the surface of Greek art. Meanwhile, the Dionysian view of the world born from this struggle lives on in the mysteries. Through the strangest transformations and degenerations, it never stops attracting more serious natures. Might it not one day rise again from its mystical depths as art?
The question that concerns us here is whether the opposing power against which tragedy broke has enough strength for all time to prevent the artistic reawakening of tragedy and the tragic view of the world. Ancient tragedy was pushed off its course by the dialectical drive toward knowledge and the optimism of science. If so, this fact would imply an eternal struggle between the theoretical and the tragic view of the world. Only after the spirit of science has been led to its limits, and the demonstration of those limits has destroyed its claim to universal validity, could we hope for a rebirth of tragedy. As the symbol of that form of culture, we would have to set up Socrates practicing music, in the sense discussed earlier. In this contrast, by the spirit of science I mean the belief that first came to light in the person of Socrates: that nature can be fully understood and knowledge can cure everything.
Anyone who remembers the immediate consequences of this restlessly advancing spirit of science will at once recall how it destroyed myth. Through that destruction, poetry was driven from its natural, ideal ground and became homeless. If we were right to credit music with the power to give birth to myth again from within itself, we must also look for the spirit of science along the path where it opposes this myth-creating power of music. This happens in the development of the newer Attic dithyramb. Its music no longer expressed the inner nature, the will itself, but reproduced appearance inadequately through an imitation mediated by concepts. Truly musical natures turned away from this inwardly degenerate music with the same disgust they felt toward Socrates’ art-killing tendency. Aristophanes’ sure instinct certainly grasped the truth when he included Socrates himself, Euripides’ tragedy, and the music of the newer dithyrambic poets in the same feeling of hatred, sensing the signs of a degenerate culture in all three phenomena. Through this newer dithyramb, music was sacrilegiously made into an imitative portrait of appearance—for example, of a battle or a storm at sea—and so was completely robbed of its myth-creating power. Suppose music tries to excite our pleasure only by forcing us to look for external similarities between an event in life or nature and certain rhythmic figures and characteristic musical sounds. Suppose our understanding is to find satisfaction in recognizing these similarities. Then we are dragged down into a state of mind in which receiving myth is impossible. For myth asks to be felt and seen as a single example of a universality and truth gazing into infinity. Truly Dionysian music confronts us as just such a universal mirror of the world-will. The visible event reflected in this mirror immediately expands, for our feeling, into the image of an eternal truth. Conversely, the tone painting of the newer dithyramb immediately strips such a visible event of every mythical quality. Now music has become a poor copy of appearance, and is therefore infinitely poorer than appearance itself. Through this poverty, it even degrades appearance itself in our feelings. Thus, for example, a battle imitated musically in this way is exhausted in marching noise, signal calls, and the like, and our imagination is held fast to precisely these superficial details. Tone painting is therefore the opposite in every respect of the myth-creating power of true music. Through it, appearance becomes still poorer than it is, whereas through Dionysian music the individual appearance is enriched and expanded into an image of the world. It was a powerful victory for the un-Dionysian spirit when, in the development of the newer dithyramb, it alienated music from itself and degraded it into a slave of appearance. Euripides, who in a higher sense must be called thoroughly unmusical by nature, is for this very reason a passionate supporter of the newer dithyrambic music. With a robber’s lavishness, he uses all its showpieces and mannerisms.
We see the power of this un-Dionysian, anti-mythical spirit operating in another direction when we look at the growing predominance of character portrayal and psychological refinement in tragedy from Sophocles onward. A character is no longer to be allowed to expand into an eternal type. On the contrary, artfully added minor traits and shadings, and the most delicate definition of every line, are to make the character seem so individual that the spectator no longer feels the myth at all. Instead, the spectator feels the artist’s powerful truth to nature and ability to imitate. Here too we see the victory of appearance over the universal, and pleasure in the individual specimen, as though it were an anatomical preparation. We are already breathing the air of a theoretical world that values scientific knowledge more highly than the artistic reflection of a universal rule. The movement toward the characteristic advances quickly. Sophocles still paints whole characters and harnesses myth to unfold them with refinement. Euripides already paints only large individual character traits that find expression in violent passions. In the newer Attic comedy, only masks with one expression remain: frivolous old men, cheated pimps, cunning slaves, endlessly repeated. Where has the myth-making spirit of music gone now? What remains of music is either music of excitement or music of recollection: either a stimulant for dulled, worn-out nerves, or tone painting. For the former, the words set to it hardly matter anymore. Already in Euripides, things become quite sloppy as soon as his heroes or choruses begin to sing. How far might this have gone with his brazen successors?
But the new un-Dionysian spirit reveals itself most clearly in the endings of the newer dramas. At the end of the old tragedy, one could feel the metaphysical comfort without which pleasure in tragedy cannot be explained at all. Perhaps the reconciling sound from another world rings out most purely in Oedipus at Colonus. Now that the spirit of music has fled from tragedy, tragedy is, strictly speaking, dead. For where could that metaphysical comfort now be found? People therefore sought an earthly resolution of the tragic dissonance. After fate had tortured the hero sufficiently, he reaped his well-deserved reward in a splendid marriage or honors from the gods. The hero had become a gladiator who, after being thoroughly mauled and covered with wounds, was occasionally granted his freedom. The god from the machine has replaced metaphysical comfort. I do not mean that the advancing un-Dionysian spirit destroyed the tragic view of the world everywhere and completely. We know only that this view had to flee out of art into a kind of underworld, degenerating into a secret cult. But over the broadest surface of the Greek world raged the consuming breath of that spirit. It reveals itself in the form of “Greek cheerfulness” discussed earlier as a senile, unproductive joy in existence. This cheerfulness is the opposite of the magnificent “naivety” of the older Greeks. As we have described it, that naivety must be understood as the blossom of Apollonian culture growing from a dark abyss, as the victory the Greek will wins over suffering and the wisdom of suffering by reflecting itself in beauty. The noblest form of that other, Alexandrian “Greek cheerfulness” is the cheerfulness of the theoretical person. It shows the very characteristics I have just derived from the un-Dionysian spirit. It fights Dionysian wisdom and art. It tries to dissolve myth. Instead of metaphysical comfort, it offers an earthly harmony, indeed a god from the machine of its own: the god of machines and melting pots. In other words, it offers the powers of nature’s spirits, understood and used in the service of a higher selfishness. It believes in correcting the world through knowledge, in a life guided by science. And it really can confine an individual within a very narrow circle of solvable tasks, inside which he cheerfully says to life: “I want you: you are worth knowing.”
Section 18
Es ist ein ewiges Phänomen: immer findet der gierige Wille ein Mittel, durch eine über die Dinge gebreitete Illusion seine Geschöpfe im Leben festzuhalten und zum Weiterleben zu zwingen. Diesen fesselt die sokratische Lust des Erkennens und der Wahn, durch dasselbe die ewige Wunde des Daseins heilen zu können, jenen umstrickt der vor seinen Augen wehende verführerische Schönheitsschleier der Kunst, jenen wiederum der metaphysische Trost, dass unter dem Wirbel der Erscheinungen das ewige Leben unzerstörbar weiterfliesst: um von den gemeineren und fast noch kräftigeren Illusionen, die der Wille in jedem Augenblick bereithält, zu schweigen. Jene drei Illusionsstufen sind überhaupt nur für die edler ausgestatteten Naturen, von denen die Last und Schwere des Daseins überhaupt mit tieferer Unlust empfunden wird und die durch ausgesuchte Reizmittel über diese Unlust hinwegzutäuschen sind. Aus diesen Reizmitteln besteht alles, was wir Cultur nennen: je nach der Proportion der Mischungen haben wir eine vorzugsweise sokratische oder künstlerische oder tragische Cultur: oder wenn man historische Exemplificationen erlauben will: es giebt entweder eine alexandrinische oder eine hellenische oder eine buddhaistische Cultur.
Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntnisskräften ausgerüsteten, im Dienste der Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist. Alle unsere Erziehungsmittel haben ursprünglich dieses Ideal im Auge: jede andere Existenz hat sich mühsam nebenbei emporzuringen, als erlaubte, nicht als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist hier eine lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten gefunden worden; selbst unsere dichterischen Künste haben sich aus gelehrten Imitationen entwickeln müssen, und in dem Haupteffect des Reimes erkennen wir noch die Entstehung unserer poetischen Form aus künstlichen Experimenten mit einer nicht heimischen, recht eigentlich gelehrten Sprache. Wie unverständlich müsste einem ächten Griechen der an sich verständliche moderne Culturmensch Faust erscheinen, der durch alle Facultäten unbefriedigt stürmende, aus Wissenstrieb der Magie und dem Teufel ergebene Faust, den wir nur zur Vergleichung neben Sokrates zu stellen haben, um zu erkennen, dass der moderne Mensch die Grenzen jener sokratischen Erkenntnisslust zu ahnen beginnt und aus dem weiten wüsten Wissensmeere nach einer Küste verlangt. Wenn Goethe einmal zu Eckermann, mit Bezug auf Napoleon, äussert: „Ja mein Guter, es giebt auch eine Productivität der Thaten“, so hat er, in anmuthig naiver Weise, daran erinnert, dass der nicht theoretische Mensch für den modernen Menschen etwas Unglaubwürdiges und Staunenerregendes ist, so dass es wieder der Weisheit eines Goethe bedarf, um auch eine so befremdende Existenzform begreiflich, ja verzeihlich zu finden.
Und nun soll man sich nicht verbergen, was im Schoosse dieser sokratischen Cultur verborgen liegt! Der unumschränkt sich wähnende Optimismus! Nun soll man nicht erschrecken, wenn die Früchte dieses Optimismus reifen, wenn die von einer derartigen Cultur bis in die niedrigsten Schichten hinein durchsäuerte Gesellschaft allmählich unter üppigen Wallungen und Begehrungen erzittert, wenn der Glaube an das Erdenglück Aller, wenn der Glaube an die Möglichkeit einer solchen allgemeinen Wissenscultur allmählich in die drohende Forderung eines solchen alexandrinischen Erdenglückes, in die Beschwörung eines Euripideischen deus ex machina umschlägt! Man soll es merken: die alexandrinische Cultur braucht einen Sclavenstand, um auf die Dauer existieren zu können: aber sie leugnet, in ihrer optimistischen Betrachtung des Daseins, die Nothwendigkeit eines solchen Standes und geht deshalb, wenn der Effect ihrer schönen Verführungs und Beruhigungsworte von der „Würde des Menschen“ und der „Würde der Arbeit“ verbraucht ist, allmählich einer grauenvollen Vernichtung entgegen. Es giebt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sclavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat und sich anschickt, nicht nur für sich, sondern für alle Generationen Rache zu nehmen. Wer wagt es, solchen drohenden Stürmen entgegen, sicheren Muthes an unsere blassen und ermüdeten Religionen zu appelliren, die selbst in ihren Fundamenten zu Gelehrtenreligionen entartet sind: so dass der Mythus, die nothwendige Voraussetzung jeder Religion, bereits überall gelähmt ist, und selbst auf diesem Bereich jener optimistische Geist zur Herrschaft gekommen ist, den wir als den Vernichtungskeim unserer Gesellschaft eben bezeichnet haben.
Während das im Schoosse der theoretischen Cultur schlummernde Unheil allmählich den modernen Menschen zu ängstigen beginnt, und er, unruhig, aus dem Schatze seiner Erfahrungen nach Mitteln greift, um die Gefahr abzuwenden, ohne selbst an diese Mittel recht zu glauben; während er also seine eigenen Consequenzen zu ahnen beginnt: haben grosse allgemein angelegte Naturen, mit einer unglaublichen Besonnenheit, das Rüstzeug der Wissenschaft selbst zu benützen gewusst, um die Grenzen und die Bedingtheit des Erkennens überhaupt darzulegen und damit den Anspruch der Wissenschaft auf universale Geltung und universale Zwecke entscheidend zu leugnen: bei welchem Nachweise zum ersten Male jene Wahnvorstellung als solche erkannt wurde, welche, an der Hand der Causalität, sich anmaasst, das innerste Wesen der Dinge ergründen zu können. Der ungeheuren Tapferkeit und Weisheit Kant's und Schopenhauer's ist der schwerste Sieg gelungen, der Sieg über den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Cultur ist. Wenn dieser an die Erkennbarkeit und Ergründlichkeit aller Welträthsel, gestützt auf die ihm unbedenklichen aeternae veritates, geglaubt und Raum, Zeit und Causalität als gänzlich unbedingte Gesetze von allgemeinster Gültigkeit behandelt hatte, offenbarte Kant, wie diese eigentlich nur dazu dienten, die blosse Erscheinung, das Werk der Maja, zur einzigen und höchsten Realität zu erheben und sie an die Stelle des innersten und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche Erkenntniss von diesem dadurch unmöglich zu machen, d.h., nach einem Schopenhauer'schen Ausspruche, den Träumer noch fester einzuschläfern (W. a. W. u. V. I, p. 498). Mit dieser Erkenntniss ist eine Cultur eingeleitet, welche ich als eine tragische zu bezeichnen wage: deren wichtigstes Merkmal ist, dass an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich, ungetäuscht durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blicke dem Gesammtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu ergreifen sucht. Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoctrinen jenes Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen „resolut zu leben“: sollte es nicht nöthig sein, dass der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:
Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,In's Leben ziehn die einzigste Gestalt?
Nachdem aber die sokratische Cultur von zwei Seiten aus erschüttert ist und das Scepter ihrer Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Händen zu halten vermag, einmal aus Furcht vor ihren eigenen Consequenzen, die sie nachgerade zu ahnen beginnt, sodann weil sie selbst von der ewigen Gültigkeit ihres Fundamentes nicht mehr mit dem früheren naiven Zutrauen überzeugt ist: so ist es ein trauriges Schauspiel, wie sich der Tanz ihres Denkens sehnsüchtig immer auf neue Gestalten stürzt, um sie zu umarmen, und sie dann plötzlich wieder, wie Mephistopheles die verführerischen Lamien, schaudernd fahren lässt. Das ist ja das Merkmal jenes „Bruches“, von dem Jedermann als von dem Urleiden der modernen Cultur zu reden pflegt, dass der theoretische Mensch vor seinen Consequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Cultur, die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde gehen muss, wenn sie anfängt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren Consequenzen zurück zu fliehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Noth: umsonst dass man sich an alle grossen productiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst dass man die ganze „Weltlitteratur“ zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er bleibt doch der ewig Hungernde, der „Kritiker“ ohne Lust und Kraft, der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector ist und an Bücherstaub und Druckfehlern elend erblindet.
It is an eternal phenomenon. The greedy will always finds some way to keep its creatures in life and force them to go on living, by spreading an illusion over things. One person is held fast by the Socratic delight in knowing, and by the delusion that knowing can heal the eternal wound of existence. Another is caught in the seductive veil of beauty that art waves before their eyes. Yet another is caught by metaphysical comfort, the belief that beneath the whirl of appearances eternal life flows on, indestructible. I will say nothing of the commoner illusions, which are almost stronger still, and which the will keeps ready at every moment. Those three levels of illusion exist only for the more nobly endowed natures. These natures feel the weight and burden of existence with a deeper displeasure, and they can only be tricked out of that displeasure by specially chosen stimulants. Everything we call culture is made of these stimulants. Depending on the proportions of the mixture, we get a culture that is mainly Socratic, or artistic, or tragic. Or, if you will allow examples from history: there is either an Alexandrian culture, or a Hellenic one, or a Buddhist one.
Our whole modern world is caught in the net of Alexandrian culture. Its ideal is the theoretical person, equipped with the highest powers of knowing and working in the service of science. The original model and ancestor of that person is Socrates. All our means of education had this ideal in view from the start. Every other kind of existence has to struggle up painfully on the side, as an existence that is allowed, not one that is intended. In an almost frightening way, for a long time the educated person was found only in the form of the scholar. Even our poetic arts had to develop out of scholarly imitations. And in the main effect of rhyme we can still see how our poetic form arose from artificial experiments with a language that was not native, a truly scholarly one. How incomprehensible a true Greek would find Faust, the modern cultured person, who is perfectly understandable to us. This is the Faust who storms through all the academic faculties without being satisfied, and who, out of a drive for knowledge, gives himself over to magic and the devil. We only need to set him beside Socrates for comparison to see that modern people are beginning to sense the limits of that Socratic delight in knowing. Out of the wide, barren sea of knowledge, they long for a shore. Once, speaking to Eckermann about Napoleon, Goethe remarked: “Yes, my good friend, there is also a productivity of deeds.” In his charming, naive way he was reminding us that the person who is not theoretical strikes modern people as something hard to believe and astonishing. It takes the wisdom of a Goethe all over again to find such a strange form of existence understandable, even forgivable.
And now we must not hide from ourselves what lies concealed in the womb of this Socratic culture. It is an optimism that imagines itself to have no limits! We must not be alarmed now when the fruits of this optimism ripen. Such a culture has leavened society through and through, down to its lowest layers, and that society gradually begins to tremble with extravagant surges and desires. The belief in earthly happiness for everyone, and the belief that such a universal culture of knowledge is possible, gradually turn into the threatening demand for an Alexandrian earthly happiness. They turn into the summoning of a Euripidean god from the machine! We should take note: Alexandrian culture needs a class of slaves if it is to last. But in its optimistic view of existence it denies that such a class is necessary. So when its beautiful words of seduction and reassurance about the “dignity of the human being” and the “dignity of labor” have lost their effect, it moves gradually toward a horrifying destruction. There is nothing more terrible than a barbarian class of slaves that has learned to see its existence as a wrong and is getting ready to take revenge, not only for itself but for all generations. Who will dare, in the face of such threatening storms, to appeal with confident courage to our pale and tired religions? Down to their foundations they have degenerated into religions for scholars. Myth, the necessary precondition of every religion, is already paralyzed everywhere. Even in this realm that optimistic spirit has come to rule, the very spirit we have just named the seed of destruction in our society.
The disaster that slumbers in the womb of theoretical culture is slowly beginning to frighten modern people. Restless, they reach into the store of their experience for ways to avert the danger, without really believing in those ways themselves. In other words, they are beginning to sense their own consequences. Meanwhile, great natures with broad gifts have acted with unbelievable level-headedness. They have known how to use the very equipment of science to lay out the limits of knowing in general, and how conditioned it is. In doing so they have decisively denied the claim of science to universal validity and universal purposes. In this demonstration, for the first time, a delusion was recognized for what it is: the delusion that, with causality as its guide, claims it can fathom the innermost essence of things. The immense courage and wisdom of Kant and Schopenhauer won the hardest victory of all. It was the victory over the optimism hidden in the very nature of logic, which in turn is the foundation of our culture. That optimism believed that all the riddles of the world can be known and fathomed. It relied on the eternal truths, which it never questioned. It treated space, time and causality as completely unconditioned laws of the widest possible validity. Kant showed that these laws in fact only served to raise mere appearance, the work of Maya, to the one highest reality. They put appearance in the place of the innermost and true essence of things, and so they made real knowledge of that essence impossible. That is, to use a saying of Schopenhauer’s, they put the dreamer to sleep even more soundly (W. a. W. u. V. I, p. 498). With this insight a culture is ushered in that I dare to call tragic. Its most important mark is that wisdom takes the place of science as the highest goal. Wisdom is not deceived by the seductive distractions of the sciences. It turns with an unmoved gaze to the picture of the world as a whole, and tries to take the eternal suffering into itself, with a feeling of sympathetic love, as its own suffering. Imagine a rising generation with this fearless gaze, with this heroic reach toward the immense. Imagine the bold stride of these dragon-slayers, and the proud daring with which they turn their backs on all the weakling doctrines of that optimism, in order to “live resolutely” in the whole and the full. Must the tragic person of this culture not long for a new art, as they educate themselves toward seriousness and terror? Must they not long for the art of metaphysical comfort, for tragedy, as the Helen who belongs to them, and cry out with Faust:
And should I not, by the most yearning force,Draw into life that one and only form?
Socratic culture has now been shaken from two sides. It can hold the scepter of its infallibility only with trembling hands. First, it is afraid of its own consequences, which it is at last beginning to sense. Second, it is no longer convinced, with its earlier naive confidence, that its foundation is valid forever. So it is a sad spectacle to watch the dance of its thinking. Longingly, it keeps throwing itself at new figures to embrace them, and then suddenly, shuddering, lets them go again, as Mephistopheles lets go of the seductive lamias. This is indeed the mark of that “break” which everyone is in the habit of calling the primal suffering of modern culture. The theoretical person is frightened by the consequences, and, unsatisfied, no longer dares to trust themselves to the terrible icy stream of existence. Anxiously they run up and down the bank. They no longer want to have anything whole, whole even with all the natural cruelty of things. That is how far the optimistic way of looking at things has made them soft. On top of that, they feel that a culture built on the principle of science must perish once it begins to become illogical, that is, once it begins to flee back from its own consequences. Our art reveals this general distress. It is useless to lean on all the great productive periods and natures by imitating them. It is useless to gather the whole “world literature” around modern people for their comfort, and to set them down among the art styles and artists of every age, so that they can give them names, as Adam did with the animals. They still remain the eternally hungry, the “critic” without desire or strength, the Alexandrian person. At bottom this person is a librarian and proofreader, and goes miserably blind from book dust and misprints.
Section 19
Man kann den innersten Gehalt dieser sokratischen Cultur nicht schärfer bezeichnen, als wenn man sie die Cultur der Oper nennt: denn auf diesem Gebiete hat sich diese Cultur mit eigener Naivetät über ihr Wollen und Erkennen ausgesprochen, zu unserer Verwunderung, wenn wir die Genesis der Oper und die Thatsachen der Opernentwicklung mit den ewigen Wahrheiten des Apollinischen und des Dionysischen zusammenhalten. Ich erinnere zunächst an die Entstehung des stilo rappresentativo und des Recitativs. Ist es glaublich, dass diese gänzlich veräusserlichte, der Andacht unfähige Musik der Oper von einer Zeit mit schwärmerischer Gunst, gleichsam als die Wiedergeburt aller wahren Musik, empfangen und gehegt werden konnte, aus der sich soeben die unaussprechbar erhabene und heilige Musik Palestrina's erhoben hatte? Und wer möchte andrerseits nur die zerstreuungssüchtige Ueppigkeit jener Florentiner Kreise und die Eitelkeit ihrer dramatischen Sänger für die so ungestüm sich verbreitende Lust an der Oper verantwortlich machen? Dass in derselben Zeit, ja in demselben Volke neben dem Gewölbebau Palestrinischer Harmonien, an dem das gesammte christliche Mittelalter gebaut hatte, jene Leidenschaft für eine halbmusikalisch Sprechart erwachte, vermag ich mir nur aus einer im Wesen des Recitativs mitwirkenden ausserkünstlerischen Tendenz zu erklären.
Dem Zuhörer, der das Wort unter dem Gesange deutlich vernehmen will, entspricht der Sänger dadurch, dass er mehr spricht als singt und dass er den pathetischen Wortausdruck in diesem Halbgesange verschärft: durch diese Verschärfung des Pathos erleichtert er das Verständniss des Wortes und überwindet jene übrig gebliebene Hälfte der Musik. Die eigentliche Gefahr, die ihm jetzt droht, ist die, dass er der Musik einmal zur Unzeit das Obergewicht ertheilt, wodurch sofort Pathos der Rede und Deutlichkeit des Wortes zu Grunde gehen müsste: während er andrerseits immer den Trieb zu musikalischer Entladung und zu virtuosenhafter Präsentation seiner Stimme fühlt. Hier kommt ihm der „Dichter“ zu Hülfe, der ihm genug Gelegenheiten zu lyrischen Interjectionen, Wort- und Sentenzenwiederholungen u.s.w. zu bieten weiss: an welchen Stellen der Sänger jetzt in dem rein musikalischen Elemente, ohne Rücksicht auf das Wort, ausruhen kann. Dieser Wechsel affectvoll eindringlicher, doch nur halb gesungener Rede und ganz gesungener Interjection, der im Wesen des stilo rappresentativo liegt, dies rasch wechselnde Bemühen, bald auf den Begriff und die Vorstellung, bald auf den musikalischen Grund des Zuhörers zu wirken, ist etwas so gänzlich Unnatürliches und den Kunsttrieben des Dionysischen und des Apollinischen in gleicher Weise so innerlich Widersprechendes, dass man auf einen Ursprung des Recitativs zu schliessen hat, der ausserhalb aller künstlerischen Instincte liegt. Das Recitativ ist nach dieser Schilderung zu definiren als die Vermischung des epischen und des lyrischen Vortrags und zwar keinesfalls die innerlich beständige Mischung, die bei so gänzlich disparaten Dingen nicht erreicht werden konnte, sondern die äusserlichste mosaikartige Conglutination, wie etwas Derartiges im Bereich der Natur und der Erfahrung gänzlich vorbildlos ist. Dies war aber nicht die Meinung jener Erfinder des Recitativs: vielmehr glauben sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, dass durch jenen stilo rappresentativo das Geheimniss der antiken Musik gelöst sei, aus dem sich allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch der griechischen Tragödie erklären lasse. Der neue Stil galt als die Wiedererweckung der wirkungsvollsten Musik, der altgriechischen: ja man durfte sich, bei der allgemeinen und ganz volksthümlichen Auffassung der homerischen Welt als der Urwelt, dem Traume überlassen, jetzt wieder in die paradiesischen Anfänge der Menschheit hinabgestiegen zu sein, in der nothwendig auch die Musik jene unübertroffne Reinheit, Macht und Unschuld gehabt haben müsste, von der die Dichter in ihren Schäferspielen so rührend zu erzählen wussten. Hier sehen wir in das innerlichste Werden dieser recht eigentlich modernen Kunstgattung, der Oper: ein mächtiges Bedürfniss erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein Bedürfniss unaesthetischer Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine urvorzeitliche Existenz des künstlerischen und guten Menschen. Das Recitativ galt als die wiederentdeckte Sprache jenes Urmenschen; die Oper als das wiederaufgefundene Land jenes idyllisch oder heroisch guten Wesens, das zugleich in allen seinen Handlungen einem natürlichen Kunsttriebe folgt, das bei allem, was es zu sagen hat, wenigstens etwas singt, um, bei der leisesten Gefühlserregung, sofort mit voller Stimme zu singen. Es ist für uns jetzt gleichgültig, dass mit diesem neugeschaffnen Bilde des paradiesischen Künstlers die damaligen Humanisten gegen die alte kirchliche Vorstellung vom an sich verderbten und verlornen Menschen ankämpften: so dass die Oper als das Oppositionsdogma vom guten Menschen zu verstehen ist, mit dem aber zugleich ein Trostmittel gegen jenen Pessimismus gefunden war, zu dem gerade die Ernstgesinnten jener Zeit, bei der grauenhaften Unsicherheit aller Zustände, am stärksten gereizt waren. Genug, wenn wir erkannt haben, wie der eigentliche Zauber und damit die Genesis dieser neuen Kunstform in der Befriedigung eines gänzlich unaesthetischen Bedürfnisses liegt, in der optimistischen Verherrlichung des Menschen an sich, in der Auffassung des Urmenschen als des von Natur guten und künstlerischen Menschen: welches Princip der Oper sich allmählich in eine drohende und entsetzliche Forderung umgewandelt hat, die wir, im Angesicht der socialistischen Bewegungen der Gegenwart, nicht mehr überhören können. Der „gute Urmensch“ will seine Rechte: welche paradiesischen Aussichten!
Ich stelle daneben noch eine eben so deutliche Bestätigung meiner Ansicht, dass die Oper auf den gleichen Principien mit unserer alexandrinischen Cultur aufgebaut ist. Die Oper ist die Geburt des theoretischen Menschen, des kritischen Laien, nicht des Künstlers: eine der befremdlichsten Thatsachen in der Geschichte aller Künste. Es war die Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhörer, dass man vor allem das Wort verstehen müsse: so dass eine Wiedergeburt der Tonkunst nur zu erwarten sei, wenn man irgend eine Gesangesweise entdecken werde, bei welcher das Textwort über den Contrapunkt wie der Herr über den Diener herrsche. Denn die Worte seien um so viel edler als das begleitende harmonische System, um wie viel die Seele edler als der Körper sei. Mit der laienhaft unmusikalischen Rohheit dieser Ansichten wurde in den Anfängen der Oper die Verbindung von Musik, Bild und Wort behandelt; im Sinne dieser Aesthetik kam es auch in den vornehmen Laienkreisen von Florenz, durch hier patronisirte Dichter und Sänger, zu den ersten Experimenten. Der kunstohnmächtige Mensch erzeugt sich eine Art von Kunst, gerade dadurch, dass er der unkünstlerische Mensch an sich ist. Weil er die dionysische Tiefe der Musik nicht ahnt, verwandelt er sich den Musikgenuss zur verstandesmässigen Wort- und Tonrhetorik der Leidenschaft im stilo rappresentativo und zur Wohllust der Gesangeskünste; weil er keine Vision zu schauen vermag, zwingt er den Maschinisten und Decorationskünstler in seinen Dienst; weil er das wahre Wesen des Künstlers nicht zu erfassen weiss, zaubert er vor sich den „künstlerischen Urmenschen“ nach seinem Geschmack hin d.h. den Menschen, der in der Leidenschaft singt und Verse spricht. Er träumt sich in eine Zeit hinein, in der die Leidenschaft ausreicht, um Gesänge und Dichtungen zu erzeugen: als ob jeder Affect im Stande gewesen sei, etwas Künstlerisches zu schaffen. Die Voraussetzung der Oper ist ein falscher Glaube über den künstlerischen Prozess und zwar jener idyllische Glaube, dass eigentlich jeder empfindende Mensch Künstler sei. Im Sinne dieses Glaubens ist die Oper der Ausdruck des Laienthums in der Kunst, das seine Gesetze mit dem heitern Optimismus des theoretischen Menschen dictirt.
Sollten wir wünschen, die beiden eben geschilderten, bei der Entstehung der Oper wirksamen Vorstellungen unter einen Begriff zu vereinigen, so würde uns nur übrig bleiben, von einer idyllischen Tendenz der Oper zu sprechen: wobei wir uns allein der Ausdrucksweise und Erklärung Schillers zu bedienen hätten. Entweder, sagt dieser, ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste giebt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung. Hier ist nun sofort auf das gemeinsame Merkmal jener beiden Vorstellungen in der Operngenesis aufmerksam zu machen, dass in ihnen das Ideal nicht als unerreicht, die Natur nicht als verloren empfunden wird. Es gab nach dieser Empfindung eine Urzeit des Menschen, in der er am Herzen der Natur lag und bei dieser Natürlichkeit zugleich das Ideal der Menschheit, in einer paradiesischen Güte und Künstlerschaft, erreicht hatte: von welchem vollkommnen Urmenschen wir alle abstammen sollten, ja dessen getreues Ebenbild wir noch wären: nur müssten wir Einiges von uns werfen, um uns selbst wieder als diesen Urmenschen zu erkennen, vermöge einer freiwilligen Entäusserung von überflüssiger Gelehrsamkeit, von überreicher Cultur. Der Bildungsmensch der Renaissance liess sich durch seine opernhafte Imitation der griechischen Tragödie zu einem solchen Zusammenklang von Natur und Ideal, zu einer idyllischen Wirklichkeit zurückgeleiten, er benutzte diese Tragödie, wie Dante den Virgil benutzte, um bis an die Pforten des Paradieses geführt zu werden: während er von hier aus selbständig noch weiter schritt und von einer Imitation der höchsten griechischen Kunstform zu einer „Wiederbringung aller Dinge“, zu einer Nachbildung der ursprünglichen Kunstwelt des Menschen überging. Welche zuversichtliche Gutmüthigkeit dieser verwegenen Bestrebungen, mitten im Schoosse der theoretischen Cultur!—einzig nur aus dem tröstenden Glauben zu erklären, dass „der Mensch an sich“ der ewig tugendhafte Opernheld, der ewig flötende oder singende Schäfer sei, der sich endlich immer als solchen wiederfinden müsse, falls er sich selbst irgendwann einmal wirklich auf einige Zeit verloren habe, einzig die Frucht jenes Optimismus, der aus der Tiefe der sokratischen Weltbetrachtung hier wie eine süsslich verführerische Duftsäule emporsteigt.
Es liegt also auf den Zügen der Oper keinesfalls jener elegische Schmerz eines ewigen Verlustes, vielmehr die Heiterkeit des ewigen Wiederfindens, die bequeme Lust an einer idyllischen Wirklichkeit, die man wenigstens sich als wirklich in jedem Augenblicke vorstellen kann: wobei man vielleicht einmal ahnt, dass diese vermeinte Wirklichkeit nichts als ein phantastisch läppisches Getändel ist, dem jeder, der es an dem furchtbaren Ernst der wahren Natur zu messen und mit den eigentlichen Urscenen der Menschheitsanfänge zu vergleichen vermöchte, mit Ekel zurufen müsste: Weg mit dem Phantom! Trotzdem würde man sich täuschen, wenn man glaubte, ein solches tändelndes Wesen, wie die Oper ist, einfach durch einen kräftigen Anruf, wie ein Gespenst, verscheuchen zu können. Wer die Oper vernichten will, muss den Kampf gegen jene alexandrinische Heiterkeit aufnehmen, die sich in ihr so naiv über ihre Lieblingsvorstellung ausspricht, ja deren eigentliche Kunstform sie ist. Was ist aber für die Kunst selbst von dem Wirken einer Kunstform zu erwarten, deren Ursprünge überhaupt nicht im aesthetischen Bereiche liegen, die sich vielmehr aus einer halb moralischen Sphäre auf das künstlerische Gebiet hinübergestohlen hat und über diese hybride Entstehung nur hier und da einmal hinwegzutäuschen vermochte? Von welchen Säften nährt sich dieses parasitische Opernwesen, wenn nicht von denen der wahren Kunst? Wird nicht zu muthmaassen sein, dass, unter seinen idyllischen Verführungen, unter seinen alexandrinischen Schmeichelkünsten, die höchste und wahrhaftig ernst zu nennende Aufgabe der Kunst—das Auge vom Blick in's Grauen der Nacht zu erlösen und das Subject durch den heilenden Balsam des Scheins aus dem Krampfe der Willensregungen zu retten—zu einer leeren und zerstreuenden Ergetzlichkeitstendenz entarten werde? Was wird aus den ewigen Wahrheiten des Dionysischen und des Apollinischen, bei einer solchen Stilvermischung, wie ich sie am Wesen des stilo rappresentativo dargelegt habe? wo die Musik als Diener, das Textwort als Herr betrachtet, die Musik mit dem Körper, das Textwort mit der Seele verglichen wird? wo das höchste Ziel bestenfalls auf eine umschreibende Tonmalerei gerichtet sein wird, ähnlich wie ehedem im neuen attischen Dithyrambus? wo der Musik ihre wahre Würde, dionysischer Weltspiegel zu sein, völlig entfremdet ist, so dass ihr nur übrig bleibt, als Sclavin der Erscheinung, das Formenwesen der Erscheinung nachzuahmen und in dem Spiele der Linien und Proportionen eine äusserliche Ergetzung zu erregen. Einer strengen Betrachtung fällt dieser verhängnissvolle Einfluss der Oper auf die Musik geradezu mit der gesammten modernen Musikentwicklung zusammen; dem in der Genesis der Oper und im Wesen der durch sie repräsentirten Cultur lauernden Optimismus ist es in beängstigender Schnelligkeit gelungen, die Musik ihrer dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden und ihr einen formenspielerischen, vergnüglichen Charakter aufzuprägen: mit welcher Veränderung nur etwa die Metamorphose des aeschyleischen Menschen in den alexandrinischen Heiterkeitsmenschen verglichen werden dürfte.
Wenn wir aber mit Recht in der hiermit angedeuteten Exemplification das Entschwinden des dionysischen Geistes mit einer höchst auffälligen, aber bisher unerklärten Umwandlung und Degeneration des griechischen Menschen in Zusammenhang gebracht haben—welche Hoffnungen müssen in uns aufleben, wenn uns die allersichersten Auspicien den umgekehrten Prozess, das allmähliche Erwachen des dionysischen Geistes in unserer gegenwärtigen Welt, verbürgen! Es ist nicht möglich, dass die göttliche Kraft des Herakles ewig im üppigen Frohndienste der Omphale erschlafft. Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Cultur nichts gemein hat und aus ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr von dieser Cultur als das Schrecklich Unerklärliche, als das Uebermächtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich in ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben. Was vermag die erkenntnisslüsterne Sokratik unserer Tage günstigsten Falls mit diesem aus unerschöpflichen Tiefen emporsteigenden Dämon zu beginnen? Weder von dem Zacken- und Arabeskenwerk der Opernmelodie aus, noch mit Hülfe des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und der contrapunktischen Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren dreimal gewaltigem Licht man jenen Dämon sich unterwürfig zu machen und zum Reden zu zwingen vermöchte. Welches Schauspiel, wenn jetzt unsere Aesthetiker, mit dem Fangnetz einer ihnen eignen „Schönheit“, nach dem vor ihnen mit unbegreiflichem Leben sich tummelnden Musikgenius schlagen und haschen, unter Bewegungen, die nach der ewigen Schönheit ebensowenig als nach dem Erhabenen beurtheilt werden wollen. Man mag sich nur diese Musikgönner einmal leibhaft und in der Nähe besehen, wenn sie so unermüdlich Schönheit! Schönheit! rufen, ob sie sich dabei wie die im Schoosse des Schönen gebildeten und verwöhnten Lieblingskinder der Natur ausnehmen oder ob sie nicht vielmehr für die eigne Rohheit eine lügnerisch verhüllende Form, für die eigne empfindungsarme Nüchternheit einen aesthetischen Vorwand suchen: wobei ich z.B. an Otto Jahn denke. Vor der deutschen Musik aber mag sich der Lügner und Heuchler in Acht nehmen: denn gerade sie ist, inmitten aller unserer Cultur, der einzig reine, lautere und läuternde Feuergeist, von dem aus und zu dem hin, wie in der Lehre des grossen Heraklit von Ephesus, sich alle Dinge in doppelter Kreisbahn bewegen: alles, was wir jetzt Cultur, Bildung, Civilisation nennen, wird einmal vor dem untrüglichen Richter Dionysus erscheinen müssen.
Erinnern wir uns sodann, wie dem aus gleichen Quellen strömenden Geiste der deutschen Philosophie, durch Kant und Schopenhauer, es ermöglicht war, die zufriedne Daseinslust der wissenschaftlichen Sokratik, durch den Nachweis ihrer Grenzen, zu vernichten, wie durch diesen Nachweis eine unendlich tiefere und ernstere Betrachtung der ethischen Fragen und der Kunst eingeleitet wurde, die wir geradezu als die in Begriffe gefasste dionysische Weisheit bezeichnen können: wohin weist uns das Mysterium dieser Einheit zwischen der deutschen Musik und der deutschen Philosophie, wenn nicht auf eine neue Daseinsform, über deren Inhalt wir uns nur aus hellenischen Analogien ahnend unterrichten können? Denn diesen unausmessbaren Werth behält für uns, die wir an der Grenzscheide zweier verschiedener Daseinsformen stehen, das hellenische Vorbild, dass in ihm auch alle jene Uebergänge und Kämpfe zu einer classisch-belehrenden Form ausgeprägt sind: nur dass wir gleichsam in umgekehrter Ordnung die grossen Hauptepochen des hellenischen Wesens analogisch durcherleben und zum Beispiel jetzt aus dem alexandrinischen Zeitalter rückwärts zur Periode der Tragödie zu schreiten scheinen. Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die Geburt eines tragischen Zeitalters für den deutschen Geist nur eine Rückkehr zu sich selbst, ein seliges Sichwiederfinden zu bedeuten habe, nachdem für eine lange Zeit ungeheure von aussen her eindringende Mächte den in hülfloser Barbarei der Form dahinlebenden zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten. Jetzt endlich darf er, nach seiner Heimkehr zum Urquell seines Wesens, vor allen Völkern kühn und frei, ohne das Gängelband einer romanischen Civilisation, einherzuschreiten wagen: wenn er nur von einem Volke unentwegt zu lernen versteht, von dem überhaupt lernen zu können schon ein hoher Ruhm und eine auszeichnende Seltenheit ist, von den Griechen. Und wann brauchten wir diese allerhöchsten Lehrmeister mehr als jetzt, wo wir die Wiedergeburt der Tragödie erleben und in Gefahr sind, weder zu wissen, woher sie kommt, noch uns deuten zu können, wohin sie will?
We cannot describe the innermost content of this Socratic culture more sharply than by calling it the culture of opera. In this field the culture has spoken out, with a naivety all its own, about what it wants and what it knows. That is astonishing when we hold the origin of opera and the facts of its development up against the eternal truths of the Apollonian and the Dionysian. First I recall how the representational style and recitative began. Is it believable that this wholly externalized music of opera, which is incapable of devotion, could be welcomed and cherished with such enthusiastic favor, as if it were the rebirth of all true music? And that by an age out of which the unspeakably sublime and holy music of Palestrina had just risen? On the other hand, who would want to blame only the amusement-hungry luxury of those Florentine circles, and the vanity of their dramatic singers, for the delight in opera that spread so impetuously? In the same period, indeed among the same people, a passion for a half-musical way of speaking awoke. This happened right beside the vaulted structure of Palestrina’s harmonies, on which the whole Christian Middle Ages had been building. I can explain it to myself only by a tendency from outside art that was at work in the very nature of recitative.
The listener wants to hear the words clearly beneath the singing. The singer meets this wish by speaking more than singing, and by sharpening the emotional expression of the words in this half-song. By sharpening the emotional force in this way, the singer makes the words easier to understand and overcomes the half of the music that is left over. The real danger that now threatens the singer is giving the music the upper hand at the wrong moment. That would immediately destroy both the emotional force of the speech and the clarity of the words. Yet at the same time the singer always feels the urge to let out the music and to show off the voice like a virtuoso. Here the “poet” comes to the singer’s aid. The poet knows how to offer plenty of occasions for lyrical outcries, for repeating words and maxims, and so on. At these places the singer can now rest in the purely musical element, with no regard for the words. In the representational style, speech that is forceful with feeling but only half sung alternates with outcries that are fully sung. This quickly shifting effort works now on the listener’s concepts and ideas, now on the listener’s musical ground. It is so completely unnatural, and so deeply opposed to the artistic drives of the Dionysian and the Apollonian alike, that we have to conclude recitative has an origin outside all artistic instincts. By this description, recitative is to be defined as a mixing of epic and lyric delivery. It is by no means an inwardly lasting mixture, which could not be achieved with things so utterly unlike. It is the most external, mosaic-like gluing together, and nothing like it has any model in nature or experience. But this was not the opinion of the inventors of recitative: they themselves believed, and their age with them, that the representational style had solved the secret of ancient music. Only that secret, they thought, could explain the immense effect of an Orpheus, an Amphion, and even of Greek tragedy. The new style was regarded as the reawakening of the most effective music, the music of ancient Greece. Indeed, the general and thoroughly popular view saw the Homeric world as the primal world. So people could give themselves over to the dream that they had now climbed back down into the paradise-like beginnings of humanity. In that time music, too, must necessarily have had the unsurpassed purity, power and innocence that the poets tell of so touchingly in their shepherd plays. Here we see into the innermost coming-to-be of this truly modern art form, opera. A powerful need forces an art into being here, but it is a need of a nonaesthetic kind: the longing for the idyll, the belief in a primeval existence of the artistic and good human being. Recitative was regarded as the rediscovered language of that primal human being. Opera was regarded as the rediscovered land of that idyllically or heroically good creature, who at the same time follows a natural artistic drive in all its actions. Whatever it has to say, it sings at least a little, so as to sing at once in full voice at the slightest stirring of feeling. It does not matter to us now that the humanists of the time used this newly created picture of the paradisal artist to fight the old church idea of the human being as inherently corrupt and lost. So opera is to be understood as the opposing dogma of the good human being. But with that dogma a comfort had also been found against the pessimism toward which the serious-minded people of that time, in the dreadful insecurity of all conditions, were most strongly pushed. It is enough that we have recognized how the real magic of this new art form, and so its origin, lies in the satisfaction of a wholly nonaesthetic need. That need was the optimistic glorification of the human being as such, and the view of the primal human being as naturally good and artistic. This principle of opera has gradually turned into a threatening and horrifying demand, which we, in the face of the socialist movements of the present day, can no longer ignore. The “good primal human being” wants their rights. What paradisal prospects!
Beside this I place another confirmation, just as clear, of my view that opera is built on the same principles as our Alexandrian culture. Opera is the birth of the theoretical person, the critical layperson, not of the artist. It is one of the strangest facts in the history of all the arts. It was the demand of truly unmusical listeners that above all one must understand the words. So a rebirth of music was to be expected, they said, only if someone discovered some manner of singing in which the text ruled over the counterpoint like a master over a servant. For the words, they said, were as much nobler than the accompanying system of harmony as the soul is nobler than the body. In the beginnings of opera, the combination of music, picture and word was handled with the amateurish, unmusical crudeness of these views. In the spirit of this aesthetic, the first experiments also came about in the distinguished lay circles of Florence, through poets and singers whom those circles patronized. The person who is powerless in art produces a kind of art for themselves, precisely because they are the unartistic human being as such. Because they have no sense of the Dionysian depth of music, they turn their enjoyment of music into an intellectual rhetoric of words and tones for passion in the representational style, and into the sensual pleasure of vocal artistry. Because they cannot see a vision, they force the stage machinist and the set designer into their service. Because they do not know how to grasp the true nature of the artist, they conjure up before them, to their own taste, the “artistic primal human being,” that is, the human being who sings and speaks verses in passion. They dream themselves into a time when passion was enough to produce songs and poems, as if every emotion had been able to create something artistic. The precondition of opera is a false belief about the artistic process. It is that idyllic belief that really every feeling human being is an artist. In the sense of this belief, opera is the expression of amateurism in art, which dictates its laws with the cheerful optimism of the theoretical person.
If we wished to unite the two ideas just described, both at work in the origin of opera, under one concept, we would have nothing left but to speak of an idyllic tendency of opera. For this we would need to use only Schiller’s way of putting it and his explanation. Either, he says, nature and the ideal are an object of grief, when nature is presented as lost and the ideal as unattained. Or both are an object of joy, when they are imagined as real. The first gives the elegy in the narrower sense, the other the idyll in the widest sense. Now we must point out at once what the two ideas in the origin of opera have in common: in them the ideal is not felt as unattained, nor nature as lost. According to this feeling, there was a primeval age of humanity in which human beings lay at the heart of nature. In this naturalness they had also reached the ideal of humanity, in a paradisal goodness and artistry. We were all supposed to descend from this perfect primal human being. Indeed, we would still be that being’s faithful likeness. We would only have to throw something off ourselves in order to recognize ourselves again as this primal human being. We would do it by freely shedding superfluous scholarship and overly rich culture. The educated person of the Renaissance let their operatic imitation of Greek tragedy lead them back to such a harmony of nature and ideal, to an idyllic reality. They used this tragedy as Dante used Virgil, to be led as far as the gates of paradise. From there they went on further by themselves. They passed from an imitation of the highest Greek art form to a “restoration of all things,” to a re-creation of the original art world of human beings. What confident good-naturedness these daring efforts show, right in the womb of theoretical culture!—a good-naturedness that can be explained only by the comforting belief that “the human being as such” is the eternally virtuous opera hero, the eternally fluting or singing shepherd. Such a person must in the end always find themselves again as that, if they should ever really have lost themselves for a time. It is only the fruit of that optimism, which rises here out of the depths of the Socratic view of the world like a sweetish, seductive column of fragrance.
Written on the face of opera, then, is by no means that elegiac pain of an eternal loss. It is rather the cheerfulness of eternal rediscovery, the comfortable pleasure in an idyllic reality, which at least one can picture as real at every moment. One may sense now and then that this supposed reality is nothing but fantastic, silly trifling. Anyone who could measure it against the terrible seriousness of true nature, and compare it with the actual primal scenes of humanity’s beginnings, would have to call out to it in disgust: Away with the phantom! Even so, one would be fooling oneself to think that such a trifling thing as opera could be chased away simply by a forceful shout, as one chases off a ghost. Whoever wants to destroy opera must take up the fight against that Alexandrian cheerfulness. It speaks out so naively in opera about its favorite idea, and opera is its true art form. But what can art itself expect from the working of an art form whose origins do not lie in the aesthetic realm at all? This art form has instead stolen across into the artistic territory from a half-moral sphere, and only here and there has it managed to disguise its hybrid origin. On what juices does this parasitic thing, opera, feed, if not on those of true art? Must we not suspect that, under its idyllic seductions and its Alexandrian flattering arts, the highest task of art, the one truly to be called serious, will degenerate into an empty, distracting tendency toward amusement? That task is to free the eye from the look into the horror of night, and to rescue the subject from the cramp of the stirrings of the will by the healing balm of semblance. What becomes of the eternal truths of the Dionysian and the Apollonian, with such a mixing of styles as I demonstrated from the nature of the representational style? Where music is regarded as the servant and the text as the master, where music is compared to the body and the text to the soul? Where the highest goal will at best be aimed at a descriptive tone-painting, much as formerly in the New Attic dithyramb? Where music is completely estranged from its true dignity of being the Dionysian mirror of the world, so that nothing is left for it but to imitate the formal nature of appearance, as a slave of appearance, and to stir an external delight in the play of lines and proportions. Looked at strictly, this fateful influence of opera on music simply coincides with the whole development of modern music. The optimism lurking in the origin of opera and in the nature of the culture it represents has succeeded, with alarming speed, in stripping music of its Dionysian destiny in the world. It has stamped on music a character of playing with forms and giving pleasure. Only the metamorphosis of the Aeschylean human being into the Alexandrian person of cheerfulness may perhaps be compared with this change.
But suppose we were right, in the example just indicated, to connect the disappearance of the Dionysian spirit with a highly striking but so far unexplained transformation and degeneration of the Greek human being. Then what hopes must spring to life in us, if the surest omens guarantee us the reverse process, the gradual awakening of the Dionysian spirit in our present world! It is not possible that the divine strength of Heracles will go slack forever in the luxurious servitude to Omphale. Out of the Dionysian ground of the German spirit a power has risen that has nothing in common with the basic conditions of Socratic culture. It can be neither explained nor excused by them. Rather, that culture feels it to be the terribly inexplicable, the overpoweringly hostile. This power is German music, as we must understand it above all in its mighty course like the sun’s, from Bach to Beethoven and from Beethoven to Wagner. What can the knowledge-hungry Socratism of our day do, at best, with this demon rising from inexhaustible depths? No formula can be found, either from the jagged points and arabesques of operatic melody or with the help of the arithmetical counting board of the fugue and of contrapuntal dialectic, in whose thrice-mighty light one could make that demon submit and force it to speak. What a spectacle, when our aestheticians now, with the catching-net of a “beauty” of their own, strike and grab at the genius of music romping before them with incomprehensible life, in movements that want to be judged by eternal beauty no more than by the sublime. One need only look at these patrons of music once, in the flesh and up close, when they cry so tirelessly Beauty! Beauty! See whether they look like nature’s favorite children, formed and spoiled in the lap of the beautiful, or whether they are not rather looking for a lying, concealing form for their own coarseness, and an aesthetic pretext for their own sober lack of feeling. I am thinking, for example, of Otto Jahn. But before German music the liar and hypocrite had better watch out. For it is precisely German music that, in the midst of all our culture, is the only pure, clear and purifying spirit of fire. From it and toward it, as in the teaching of the great Heraclitus of Ephesus, all things move in a double orbit. Everything we now call culture, education, civilization will one day have to appear before the unerring judge, Dionysus.
Let us remember next how the spirit of German philosophy, flowing from the same sources, was able, through Kant and Schopenhauer, to destroy the contented delight in existence of scientific Socratism by showing its limits. Let us remember how this showing introduced an infinitely deeper and more serious view of ethical questions and of art, which we can call outright Dionysian wisdom put into concepts. Where does the mystery of this unity between German music and German philosophy point us, if not to a new form of existence, about whose content we can inform ourselves only by guessing from Hellenic analogies? For the Hellenic model keeps an immeasurable value for us, who stand at the dividing line between two different forms of existence. All those transitions and struggles are also stamped in it in a classic, instructive form. Only we, as it were, live through the great main epochs of the Hellenic character by analogy in reverse order. For example, we now seem to be walking backward from the Alexandrian age to the period of tragedy. At the same time we have the feeling that the birth of a tragic age can mean, for the German spirit, only a return to itself, a blessed finding of itself again. For a long time immense powers pressing in from outside had forced it, while it lived on in helpless barbarism of form, into servitude under their own form. Now at last, after its homecoming to the original spring of its being, it may dare to stride along boldly and freely before all peoples, without the leading strings of a Romance civilization. It needs only to know how to keep learning, unswervingly, from one people, the Greeks. Just to be able to learn from them at all is already a high honor and a distinguishing rarity. And when did we ever need these highest of teachers more than now, when we are living through the rebirth of tragedy and are in danger of knowing neither where it comes from nor being able to explain to ourselves where it wants to go?
Section 20
Es möchte einmal, unter den Augen eines unbestochenen Richters, abgewogen werden, in welcher Zeit und in welchen Männern bisher der deutsche Geist von den Griechen zu lernen am kräftigsten gerungen hat; und wenn wir mit Zuversicht annehmen, dass dem edelsten Bildungskampfe Goethe's, Schiller's und Winckelmann's dieses einzige Lob zugesprochen werden müsste, so wäre jedenfalls hinzuzufügen, dass seit jener Zeit und den nächsten Einwirkungen jenes Kampfes, das Streben auf einer gleichen Bahn zur Bildung und zu den Griechen zu kommen, in unbegreiflicher Weise schwächer und schwächer geworden ist. Sollten wir, um nicht ganz an dem deutschen Geist verzweifeln zu müssen, nicht daraus den Schluss ziehen dürfen, dass in irgend welchem Hauptpunkte es auch jenen Kämpfern nicht gelungen sein möchte, in den Kern des hellenischen Wesens einzudringen und einen dauernden Liebesbund zwischen der deutschen und der griechischen Cultur herzustellen? So dass vielleicht ein unbewusstes Erkennen jenes Mangels auch in den ernsteren Naturen den verzagten Zweifel erregte, ob sie, nach solchen Vorgängern, auf diesem Bildungswege noch weiter wie jene und überhaupt zum Ziele kommen würden. Deshalb sehen wir seit jener Zeit das Urtheil über den Werth der Griechen für die Bildung in der bedenklichsten Weise entarten; der Ausdruck mitleidiger Ueberlegenheit ist in den verschiedensten Feldlagern des Geistes und des Ungeistes zu hören; anderwärts tändelt eine gänzlich wirkungslose Schönrednerei mit der „griechischen Harmonie“, der „griechischen Schönheit“, der „griechischen Heiterkeit“. Und gerade in den Kreisen, deren Würde es sein könnte, aus dem griechischen Strombett unermüdet, zum Heile deutscher Bildung, zu schöpfen, in den Kreisen der Lehrer an den höheren Bildungsanstalten hat man am besten gelernt, sich mit den Griechen zeitig und in bequemer Weise abzufinden, nicht selten bis zu einem sceptischen Preisgeben des hellenischen Ideals und bis zu einer gänzlichen Verkehrung der wahren Absicht aller Alterthumsstudien. Wer überhaupt in jenen Kreisen sich nicht völlig in dem Bemühen, ein zuverlässiger Corrector von alten Texten oder ein naturhistorischer Sprachmikroskopiker zu sein, erschöpft hat, der sucht vielleicht auch das griechische Alterthum, neben anderen Alterthümern, sich „historisch“ anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit den überlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung. Wenn demnach die eigentliche Bildungskraft der höheren Lehranstalten wohl noch niemals niedriger und schwächlicher gewesen ist, wie in der Gegenwart, wenn der „Journalist“, der papierne Sclave des Tages, in jeder Rücksicht auf Bildung den Sieg über den höheren Lehrer davongetragen hat, und Letzterem nur noch die bereits oft erlebte Metamorphose übrig bleibt, sich jetzt nun auch in der Sprechweise des Journalisten, mit der „leichten Eleganz“ dieser Sphäre, als heiterer gebildeter Schmetterling zu bewegen—in welcher peinlichen Verwirrung müssen die derartig Gebildeten einer solchen Gegenwart jenes Phänomen anstarren, das nur etwa aus dem tiefsten Grunde des bisher unbegriffnen hellenischen Genius analogisch zu begreifen wäre, das Wiedererwachen des dionysischen Geistes und die Wiedergeburt der Tragödie? Es giebt keine andere Kunstperiode, in der sich die sogenannte Bildung und die eigentliche Kunst so befremdet und abgeneigt gegenübergestanden hätten, als wir das in der Gegenwart mit Augen sehn. Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die wahre Kunst hasst; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang. Aber sollte nicht eine ganze Art der Cultur, nämlich jene sokratisch-alexandrinische, sich ausgelebt haben, nachdem sie in eine so zierlich-schmächtige Spitze, wie die gegenwärtige Bildung ist, auslaufen konnte! Wenn es solchen Helden, wie Schiller und Goethe, nicht gelingen durfte, jene verzauberte Pforte zu erbrechen, die in den hellenischen Zauberberg führt, wenn es bei ihrem muthigsten Ringen nicht weiter gekommen ist als bis zu jenem sehnsüchtigen Blick, den die Goethische Iphigenie vom barbarischen Tauris aus nach der Heimat über das Meer hin sendet, was bliebe den Epigonen solcher Helden zu hoffen, wenn sich ihnen nicht plötzlich, an einer ganz anderen, von allen Bemühungen der bisherigen Cultur unberührten Seite die Pforte von selbst aufthäte—unter dem mystischen Klange der wiedererweckten Tragödienmusik.
Möge uns Niemand unsern Glauben an eine noch bevorstehende Wiedergeburt des hellenischen Alterthums zu verkümmern suchen; denn in ihm finden wir allein unsre Hoffnung für eine Erneuerung und Läuterung des deutschen Geistes durch den Feuerzauber der Musik. Was wüssten wir sonst zu nennen, was in der Verödung und Ermattung der jetzigen Cultur irgend welche tröstliche Erwartung für die Zukunft erwecken könnte? Vergebens spähen wir nach einer einzigen kräftig geästeten Wurzel, nach einem Fleck fruchtbaren und gesunden Erdbodens: überall Staub, Sand, Erstarrung, Verschmachten. Da möchte sich ein trostlos Vereinsamter kein besseres Symbol wählen können, als den Ritter mit Tod und Teufel, wie ihn uns Dürer gezeichnet hat, den geharnischten Ritter mit dem erzenen, harten Blicke, der seinen Schreckensweg, unbeirrt durch seine grausen Gefährten, und doch hoffnungslos, allein mit Ross und Hund zu nehmen weiss. Ein solcher Dürerscher Ritter war unser Schopenhauer: ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die Wahrheit. Es giebt nicht Seinesgleichen.—
Aber wie verändert sich plötzlich jene eben so düster geschilderte Wildniss unserer ermüdeten Cultur, wenn sie der dionysische Zauber berührt! Ein Sturmwind packt alles Abgelebte, Morsche, Zerbrochne, Verkümmerte, hüllt es wirbelnd in eine rothe Staubwolke und trägt es wie ein Geier in die Lüfte. Verwirrt suchen unsere Blicke nach dem Entschwundenen: denn was sie sehen, ist wie aus einer Versenkung an's goldne Licht gestiegen, so voll und grün, so üppig lebendig, so sehnsuchtsvoll unermesslich. Die Tragödie sitzt inmitten dieses Ueberflusses an Leben, Leid und Lust, in erhabener Entzückung, sie horcht einem fernen schwermüthigen Gesange—er erzählt von den Müttern des Seins, deren Namen lauten: Wahn, Wille, Wehe.—Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes!
At some point an impartial judge should weigh when, and through which men, the German mind has struggled hardest to learn from the Greeks. We can confidently say that Goethe, Schiller, and Winckelmann deserve this particular praise for their noble struggle to develop themselves. But we would have to add that, since their time and the immediate effects of that struggle, efforts to follow the same path toward education and the Greeks have grown weaker and weaker, for reasons we cannot understand. To avoid losing all hope in the German mind, might we conclude that even these fighters failed at some crucial point to reach the heart of Greek life and establish a lasting bond of love between German and Greek culture? Perhaps an unconscious awareness of that failure made even more serious people doubtfully ask whether, after such predecessors, they could get any further along this path of education, or reach its goal at all. Since then, we have therefore seen judgments about the Greeks’ value for education deteriorate in a deeply troubling way. People express pitying superiority in all kinds of camps, both intellectual and anti-intellectual. Elsewhere, utterly ineffective fine words play around with “Greek harmony,” “Greek beauty,” and “Greek cheerfulness.” The very people whose honorable task could be to draw tirelessly from the Greek riverbed for the good of German education—the teachers in higher educational institutions—have become especially good at settling their accounts with the Greeks early and comfortably. They often go so far as to abandon the Greek ideal with skepticism and completely reverse the true purpose of all study of antiquity. Anyone in these circles who has not used up all his energies trying to become a reliable proofreader of ancient texts or a natural historian examining language under a microscope may also try to acquire a “historical” understanding of Greek antiquity alongside other ancient cultures. But he invariably uses the methods and superior airs of our present educated historians. The actual educational power of higher institutions has probably never been lower or weaker than it is today. The “journalist,” the day’s slave made of paper, has beaten the teacher in higher education in every aspect of education. All that remains for the teacher is a transformation we have already witnessed many times: he too must now adopt the journalist’s way of speaking and the “light elegance” of that world, fluttering about as a cheerful, educated butterfly. How painfully confused people educated in this way must be when they stare at a phenomenon such as the reawakening of the Dionysian spirit and the rebirth of tragedy! It could only be understood by analogy with the deepest reaches of Greek genius, which has so far remained beyond understanding. In no other artistic period have so-called education and actual art faced each other with such estrangement and hostility as we see today. We understand why education this weak hates true art: it fears that art will destroy it. But surely an entire kind of culture—the Socratic-Alexandrian kind—must have run its course if it could taper off into such a delicate, feeble tip as our present education! Even heroes such as Schiller and Goethe were not allowed to break open the enchanted gate leading into the Greeks’ magic mountain. Their bravest struggles took them no further than the longing gaze Goethe’s Iphigenia sends from barbarian Tauris across the sea toward home. What hope would remain for the followers of such heroes if the gate did not suddenly open by itself on a completely different side, untouched by all the efforts of earlier culture—to the mystical sound of tragedy’s reawakened music?
Let no one try to undermine our belief in a rebirth of Greek antiquity that still lies ahead. That belief alone gives us hope that the German mind can be renewed and purified through music’s fiery magic. What else could we name that might awaken any comforting expectation for the future amid the desolation and exhaustion of our present culture? We look in vain for a single root with strong branches, for a patch of fertile, healthy soil. Everywhere there is dust, sand, rigidity, and withering. Someone stranded in hopeless isolation could choose no better symbol than Dürer’s knight with Death and the Devil: the armored knight with his hard, bronze gaze who knows how to travel his terrifying road, undistracted by his dreadful companions, yet without hope, alone with his horse and dog. Our Schopenhauer was such a Dürer knight. He had no hope at all, but he wanted the truth. There is no one like him.—
But how suddenly that wilderness of our exhausted culture, described in such dark colors, changes when Dionysian magic touches it! A storm wind seizes everything that is worn out, rotten, broken, or stunted. It wraps it all in a whirling red cloud of dust and carries it into the air like a vulture. Our bewildered eyes search for what has vanished. What they see looks as though it has risen from a buried depth into golden light: so full and green, so richly alive, so immeasurably filled with longing. Tragedy sits amid this abundance of life, suffering, and pleasure, in a state of sublime delight. It listens to a distant, sorrowful song. The song tells of the Mothers of Being, whose names are Delusion, Will, and Woe.—Yes, my friends, join me in believing in Dionysian life and in the rebirth of tragedy. The time of the Socratic human being is over. Crown yourselves with ivy, take the thyrsus staff in your hands, and do not be surprised when tigers and panthers lie down affectionately at your knees. Just dare now to be tragic human beings: you are to be redeemed. You are to lead the Dionysian procession from India to Greece! Prepare yourselves for a hard fight, but believe in your god’s miracles!
Section 21
Von diesen exhortativen Tönen in die Stimmung zurückgleitend, die dem Beschaulichen geziemt, wiederhole ich, dass nur von den Griechen gelernt werden kann, was ein solches wundergleiches plötzliches Aufwachen der Tragödie für den innersten Lebensgrund eines Volkes zu bedeuten hat. Es ist das Volk der tragischen Mysterien, das die Perserschlachten schlägt: und wiederum braucht das Volk, das jene Kriege geführt hat, die Tragödie als nothwendigen Genesungstrank. Wer würde gerade bei diesem Volke, nachdem es durch mehrere Generationen von den stärksten Zuckungen des dionysischen Dämon bis in's Innerste erregt wurde, noch einen so gleichmässig kräftigen Erguss des einfachsten politischen Gefühls, der natürlichsten Heimatsinstincte, der ursprünglichen männlichen Kampflust vermuthen? Ist es doch bei jedem bedeutenden Umsichgreifen dionysischer Erregungen immer zu spüren, wie die dionysische Lösung von den Fesseln des Individuums sich am allerersten in einer bis zur Gleichgültigkeit, ja Feindseligkeit gesteigerten Beeinträchtigung der politischen Instincte fühlbar macht, so gewiss andererseits der staatenbildende Apollo auch der Genius des principii individuationis ist und Staat und Heimatssinn nicht ohne Bejahung der individuellen Persönlichkeit leben können.
Von dem Orgiasmus aus führt für ein Volk nur ein Weg, der Weg zum indischen Buddhaismus, der, um überhaupt mit seiner Sehnsucht in's Nichts ertragen zu werden, jener seltnen ekstatischen Zustände mit ihrer Erhebung über Raum, Zeit und Individuum bedarf: wie diese wiederum eine Philosophie fordern, die es lehrt, die unbeschreibliche Unlust der Zwischenzustände durch eine Vorstellung zu überwinden. Eben so nothwendig geräth ein Volk, von der unbedingten Geltung der politischen Triebe aus, in eine Bahn äusserster Verweltlichung, deren grossartigster, aber auch erschrecklichster Ausdruck das römische imperium ist.
Zwischen Indien und Rom hingestellt und zu verführerischer Wahl gedrängt, ist es den Griechen gelungen, in classischer Reinheit eine dritte Form hinzuzuerfinden, freilich nicht zu langem eigenen Gebrauche, aber eben darum für die Unsterblichkeit. Denn dass die Lieblinge der Götter früh sterben, gilt in allen Dingen, aber eben so gewiss, dass sie mit den Göttern dann ewig leben. Man verlange doch von dem Alleredelsten nicht, dass es die haltbare Zähigkeit des Leders habe; die derbe Dauerhaftigkeit, wie sie z.B. dem römischen Nationaltriebe zu eigen war, gehört wahrscheinlich nicht zu den nothwendigen Prädicaten der Vollkommenheit. Wenn wir aber fragen, mit welchem Heilmittel es den Griechen ermöglicht war, in ihrer grossen Zeit, bei der ausserordentlichen Stärke ihrer dionysischen und politischen Triebe, weder durch ein ekstatisches Brüten, noch durch ein verzehrendes Haschen nach Weltmacht und Weltehre sich zu erschöpfen, sondern jene herrliche Mischung zu erreichen, wie sie ein edler, zugleich befeuernder und beschaulich stimmender Wein hat, so müssen wir der ungeheuren, das ganze Volksleben erregenden, reinigenden und entladenden Gewalt der Tragödie eingedenk sein; deren höchsten Werth wir erst ahnen werden, wenn sie uns, wie bei den Griechen, als Inbegriff aller prophylaktischen Heilkräfte, als die zwischen den stärksten und an sich verhängnissvollsten Eigenschaften des Volkes waltende Mittlerin entgegentritt.
Die Tragödie saugt den höchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so dass sie geradezu die Musik, bei den Griechen, wie bei uns, zur Vollendung bringt, stellt dann aber den tragischen Mythus und den tragischen Helden daneben, der dann, einem mächtigen Titanen gleich, die ganze dionysische Welt auf seinen Rücken nimmt und uns davon entlastet: während sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in der Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem Dasein zu erlösen weiss, und mit mahnender Hand an ein anderes Sein und an eine höhere Lust erinnert, zu welcher der kämpfende Held durch seinen Untergang, nicht durch seine Siege sich ahnungsvoll vorbereitet. Die Tragödie stellt zwischen die universale Geltung ihrer Musik und den dionysisch empfänglichen Zuhörer ein erhabenes Gleichniss, den Mythus, und erweckt bei jenem den Schein, als ob die Musik nur ein höchstes Darstellungsmittel zur Belebung der plastischen Welt des Mythus sei. Dieser edlen Täuschung vertrauend darf sie jetzt ihre Glieder zum dithyrambischen Tanze bewegen und sich unbedenklich einem orgiastischen Gefühle der Freiheit hingeben, in welchem sie als Musik an sich, ohne jene Täuschung, nicht zu schwelgen wagen dürfte. Der Mythus schützt uns vor der Musik, wie er ihr andrerseits erst die höchste Freiheit giebt. Dafür verleiht die Musik, als Gegengeschenk, dem tragischen Mythus eine so eindringliche und überzeugende metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige Hülfe, nie zu erreichen vermögen; und insbesondere überkommt durch sie den tragischen Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefühl einer höchsten Lust, zu der der Weg durch Untergang und Verneinung führt, so dass er zu hören meint, als ob der innerste Abgrund der Dinge zu ihm vernehmlich spräche.
Habe ich dieser schwierigen Vorstellung mit den letzten Sätzen vielleicht nur einen vorläufigen, für Wenige sofort verständlichen Ausdruck zu geben vermocht, so darf ich gerade an dieser Stelle nicht ablassen, meine Freunde zu einem nochmaligen Versuche anzureizen und sie zu bitten, an einem einzelnen Beispiele unsrer gemeinsamen Erfahrung sich für die Erkenntniss des allgemeinen Satzes vorzubereiten. Bei diesem Beispiele darf ich mich nicht auf jene beziehn, welche die Bilder der scenischen Vorgänge, die Worte und Affecte der handelnden Personen benutzen, um sich mit dieser Hülfe der Musikempfindung anzunähern; denn diese alle reden nicht Musik als Muttersprache und kommen auch, trotz jener Hülfe, nicht weiter als in die Vorhallen der Musikperception, ohne je deren innerste Heiligthümer berühren zu dürfen; manche von diesen, wie Gervinus, gelangen auf diesem Wege nicht einmal in die Vorhallen. Sondern nur an diejenigen habe ich mich zu wenden, die, unmittelbar verwandt mit der Musik, in ihr gleichsam ihren Mutterschooss haben und mit den Dingen fast nur durch unbewusste Musikrelationen in Verbindung stehen. An diese ächten Musiker richte ich die Frage, ob sie sich einen Menschen denken können, der den dritten Act von „Tristan und Isolde“ ohne alle Beihülfe von Wort und Bild rein als ungeheuren symphonischen Satz zu percipiren im Stande wäre, ohne unter einem krampfartigen Ausspannen aller Seelenflügel zu verathmen? Ein Mensch, der wie hier das Ohr gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt hat, der das rasende Begehren zum Dasein als donnernden Strom oder als zartesten zerstäubten Bach von hier aus in alle Adern der Welt sich ergiessen fühlt, er sollte nicht jählings zerbrechen? Er sollte es ertragen, in der elenden gläsernen Hülle des menschlichen Individuums, den Wiederklang zahlloser Lust- und Weherufe aus dem „weiten Raum der Weltennacht“ zu vernehmen, ohne bei diesem Hirtenreigen der Metaphysik sich seiner Urheimat unaufhaltsam zuzuflüchten? Wenn aber doch ein solches Werk als Ganzes percipirt werden kann, ohne Verneinung der Individualexistenz, wenn eine solche Schöpfung geschaffen werden konnte, ohne ihren Schöpfer zu zerschmettern—woher nehmen wir die Lösung eines solchen Widerspruches?
Hier drängt sich zwischen unsre höchste Musikerregung und jene Musik der tragische Mythus und der tragische Held, im Grunde nur als Gleichniss der alleruniversalsten Thatsachen, von denen allein die Musik auf directem Wege reden kann. Als Gleichniss würde nun aber der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen empfänden, gänzlich wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben, und uns keinen Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Wiederklang der universalia ante rem zu bieten. Hier bricht jedoch die apollinische Kraft, auf Wiederherstellung des fast zersprengten Individuums gerichtet, mit dem Heilbalsam einer wonnevollen Täuschung hervor: plötzlich glauben wir nur noch Tristan zu sehen, wie er bewegungslos und dumpf sich fragt: „die alte Weise; was weckt sie mich?“ Und was uns früher wie ein hohles Seufzen aus dem Mittelpunkte des Seins anmuthete, das will uns jetzt nur sagen, wie „öd und leer das Meer.“ Und wo wir athemlos zu erlöschen wähnten, im krampfartigen Sichausrecken aller Gefühle, und nur ein Weniges uns mit dieser Existenz zusammenknüpfte, hören und sehen wir jetzt nur den zum Tode verwundeten und doch nicht sterbenden Helden, mit seinem verzweiflungsvollen Rufe: „Sehnen! Sehnen! Im Sterben mich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben!“ Und wenn früher der Jubel des Horns nach solchem Uebermaass und solcher Ueberzahl verzehrender Qualen fast wie der Qualen höchste uns das Herz zerschnitt, so steht jetzt zwischen uns und diesem „Jubel an sich“ der jauchzende Kurwenal, dem Schiffe, das Isolden trägt, zugewandt. So gewaltig auch das Mitleiden in uns hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das Mitleiden vor dem Urleiden der Welt, wie das Gleichnissbild des Mythus uns vor dem unmittelbaren Anschauen der höchsten Weltidee, wie der Gedanke und das Wort uns vor dem ungedämmten Ergusse des unbewussten Willens rettet. Durch jene herrliche apollinische Täuschung dünkt es uns, als ob uns selbst das Tonreich wie eine plastische Welt gegenüber träte, als ob auch in ihr nur Tristan's und Isoldens Schicksal, wie in einem allerzartesten und ausdrucksfähigsten Stoffe, geformt und bildnerisch ausgeprägt worden sei.
So entreisst uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzückt uns für die Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach grossen und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reisst das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein einzelnes Weltbild, z.B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik, nur noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermöchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen apollinischen Inhalt sei?
Bei jener prästabilirten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für das Wortdrama sonst unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. Wie alle lebendigen Gestalten der Scene in den selbständig bewegten Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der geschwungenen Linie vor uns vereinfachen, ertönt uns das Nebeneinander dieser Linien in dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisirenden Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in sinnlich wahrnehmbarer, keinesfalls abstracter Weise, unmittelbar vernehmbar werden, wie wir gleichfalls durch ihn erkennen, dass erst in diesen Relationen das Wesen eines Charakters und einer Melodienlinie sich rein offenbare. Und während uns so die Musik zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen, und den Vorgang der Scene wie ein zartes Gespinnst vor uns auszubreiten, ist für unser vergeistigtes, in's Innere blickendes Auge die Welt der Bühne eben so unendlich erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermöchte der Wortdichter Analoges zu bieten, der mit einem viel unvollkommneren Mechanismus, auf indirectem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene innerliche Erweiterung der schaubaren Bühnenwelt und ihre innere Erleuchtung zu erreichen sich abmüht? Nimmt nun zwar auch die musikalische Tragödie das Wort hinzu, so kann sie doch zugleich den Untergrund und die Geburtsstätte des Wortes danebenstellen und uns das Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen.
Aber von diesem geschilderten Vorgang wäre doch eben so bestimmt zu sagen, dass er nur ein herrlicher Schein, nämlich jene vorhin erwähnte apollinische Täuschung sei, durch deren Wirkung wir von dem dionysischen Andrange und Uebermaasse entlastet werden sollen. Im Grunde ist ja das Verhältniss der Musik zum Drama gerade das umgekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. Jene Identität zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt, zwischen der Harmonie und den Charakterrelationen jener Gestalt ist in einem entgegengesetzten Sinne wahr, als es uns, beim Anschauen der musikalischen Tragödie, dünken möchte. Wir mögen die Gestalt uns auf das Sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus beleuchten, sie bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brücke giebt, die in die wahre Realität, in's Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art dürften an der gleichen Musik vorüberziehn, sie würden nie das Wesen derselben erschöpfen, sondern immer nur ihre veräusserlichten Abbilder sein. Mit dem populären und gänzlich falschen Gegensatz von Seele und Körper ist freilich für das schwierige Verhältniss von Musik und Drama nichts zu erklären und alles zu verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Aesthetikern, wer weiss aus welchen Gründen, zu einem gern bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls unbekannten Gründen, nichts lernen mochten.
Sollte es sich bei unserer Analysis ergeben haben, dass das Apollinische in der Tragödie durch seine Täuschung völlig den Sieg über das dionysische Urelement der Musik davongetragen und sich diese zu ihren Absichten, nämlich zu einer höchsten Verdeutlichung des Drama's, nutzbar gemacht habe, so wäre freilich eine sehr wichtige Einschränkung hinzuzufügen: in dem allerwesentlichsten Punkte ist jene apollinische Täuschung durchbrochen und vernichtet. Das Drama, das in so innerlich erleuchteter Deutlichkeit aller Bewegungen und Gestalten, mit Hülfe der Musik, sich vor uns ausbreitet, als ob wir das Gewebe am Webstuhl im Auf- und Niederzucken entstehen sehen—erreicht als Ganzes eine Wirkung, die jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen liegt. In der Gesammtwirkung der Tragödie erlangt das Dionysische wieder das Uebergewicht; sie schliesst mit einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen könnte. Und damit erweist sich die apollinische Täuschung als das, was sie ist, als die während der Dauer der Tragödie anhaltende Umschleierung der eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mächtig ist, am Schluss das apollinische Drama selbst in eine Sphäre zu drängen, wo es mit dionysischer Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine apollinische Sichtbarkeit verneint. So wäre wirklich das schwierige Verhältniss des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisiren: Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schliesslich die Sprache des Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist.
Returning from these words of encouragement to the mood appropriate for contemplation, I repeat that only the Greeks can teach us what such a sudden, almost miraculous awakening of tragedy means for the deepest foundations of a people’s life. The people who celebrate the tragic mysteries are the people who fight the battles against Persia. And the people who have fought those wars in turn need tragedy as an essential restorative drink. Who would have expected this particular people to express basic political feeling, natural attachment to home, and the original masculine desire for battle with such steady strength, after the most powerful convulsions of the Dionysian spirit had stirred them to their depths for several generations? Whenever Dionysian excitement spreads widely, we can always feel that its release from the individual’s chains first makes itself known by weakening political instincts, even to the point of indifference or hostility. On the other hand, Apollo, who creates states, is also the genius of the principle of individuation. Neither the state nor attachment to home can live without an affirmation of individual personality.
For a people starting from orgiastic ecstasy, there is only one road: the road to Indian Buddhism. With its longing for nothingness, Buddhism needs those rare ecstatic states that lift people above space, time, and individuality if it is to be bearable at all. Those states in turn demand a philosophy that teaches people to overcome the indescribable distress of the intervening states through an idea. A people starting from the absolute authority of political impulses is just as inevitably drawn toward extreme worldliness. The Roman empire is its grandest but also its most terrifying expression.
Placed between India and Rome and pressed toward a tempting choice, the Greeks managed to invent a third form, in classical purity. They did not keep it for their own use for long, but for that very reason it became immortal. That the gods’ favorites die young is true in everything. It is equally certain that they then live forever with the gods. We should not demand that the very noblest things have the tough durability of leather. The crude staying power found, for example, in the Roman national impulse probably does not belong among the necessary qualities of perfection. But what remedy enabled the Greeks, in their great period, not to exhaust themselves either in ecstatic brooding or in a consuming pursuit of world power and worldly honor, despite the extraordinary strength of their Dionysian and political impulses? How did they instead achieve that wonderful blend found in a fine wine that both fires us up and puts us in a reflective mood? We must remember the immense power of tragedy, which excites, purifies, and releases the energies of a people’s whole life. We will only begin to understand its highest value when, as it did for the Greeks, it comes before us as the embodiment of every preventive healing power: the mediator between a people’s strongest qualities, which in themselves are also the most dangerous.
Tragedy absorbs the highest orgiastic ecstasy of music. It thus brings music itself to perfection, among the Greeks as among us. But it then places the tragic myth and the tragic hero beside it. Like a mighty Titan, the hero takes the whole Dionysian world onto his back and relieves us of its weight. At the same time, through that same tragic myth in the person of its hero, tragedy can free us from the greedy urge for this existence. Its warning hand reminds us of another kind of being and a higher pleasure, for which the struggling hero prepares himself with a sense of what is coming, through his destruction rather than his victories. Tragedy places a sublime symbolic image—the myth—between its music’s universal reach and the listener who is open to Dionysian experience. It makes the listener imagine that music is only a supreme means of representation for bringing the myth’s world of visible forms to life. Trusting this noble illusion, music can now move its limbs in a dithyrambic dance and give itself freely to an orgiastic feeling of liberty. As music in itself, without that illusion, it would not dare revel in this feeling. Myth protects us from music, while also giving music its highest freedom. In return, music gives tragic myth a metaphysical significance so powerful and convincing that words and images could never achieve it without this unique help. In particular, through music the tragic spectator gains a sure foretaste of a supreme pleasure, reached by a path through destruction and negation. He seems to hear the deepest abyss of things speaking clearly to him.
Perhaps these last sentences have only given this difficult idea a provisional expression, immediately understandable to very few people. If so, this is precisely where I must keep encouraging my friends to try again. I ask them to prepare themselves to understand the general statement by looking at a single example from our shared experience. For this example I cannot turn to people who use the images of events onstage, or the characters’ words and emotions, as aids to approaching musical feeling. None of them speaks music as a native language. Even with those aids, they get no further than the entrance halls of musical perception and are never permitted to touch its innermost sanctuaries. Some, such as Gervinus, do not even reach the entrance halls by this route. I must instead turn only to those who are directly related to music, who find their mother’s womb in it, so to speak, and who connect with things almost exclusively through unconscious musical relationships. I ask these genuine musicians whether they can imagine someone capable of perceiving the third act of “Tristan and Isolde,” without any help from words or images, purely as an immense symphonic movement, without gasping his life away as every wing of his soul stretches out convulsively. Someone who, as happens here, has placed his ear against the heart chamber of the world’s will, who feels its raging desire for existence pour from there into every vein of the world as a thundering torrent or the finest spray of a stream—should he not suddenly break apart? Should he be able to hear, inside the miserable glass shell of a human individual, the echo of countless cries of pleasure and pain from the “vast realm of the world’s night,” without rushing irresistibly back to his original home during this shepherds’ round dance of metaphysics? Yet if such a work can be perceived as a whole without denying individual existence, if such a creation could be made without smashing its creator, where do we find the solution to this contradiction?
Here the tragic myth and the tragic hero push between our highest musical excitement and that music. At bottom, they are only a symbolic image of the most universal facts, which music alone can speak of directly. But if we felt as purely Dionysian beings, myth as an image would remain beside us completely ineffective and unnoticed. It would not distract us for even a moment from listening to the echo of universals before things. Here, however, the Apollonian power bursts out, directed toward restoring the individual who has almost been shattered. It brings the healing balm of a delightful illusion. Suddenly we think we see only Tristan, lying still and dazed, asking himself, “The old tune—why does it wake me?” What previously struck us as a hollow sigh from the center of being now seems only to tell us how “desolate and empty is the sea.” Where we thought we were breathlessly fading away as all our feelings stretched out convulsively, with very little still tying us to this existence, we now hear and see only the mortally wounded hero who nevertheless does not die, with his desperate cry: “Longing! Longing! To long while dying, not to die of longing!” Earlier, after such an excess and abundance of consuming agonies, the horn’s jubilation cut into our hearts almost like the greatest agony of all. Now the jubilant Kurwenal stands between us and this “jubilation in itself,” turned toward the ship carrying Isolde. However powerfully compassion reaches into us, in a certain sense compassion nevertheless saves us from the world’s primal suffering. In the same way, the symbolic image of myth saves us from directly contemplating the supreme idea of the world, and thought and language save us from the unrestrained outpouring of the unconscious will. Through that splendid Apollonian illusion, even the world of sound seems to confront us as a world of visible forms. It seems that here too only Tristan and Isolde’s fate has been shaped and given a sculptural form in a material of the greatest delicacy and expressiveness.
In this way the Apollonian pulls us out of Dionysian universality and makes us delight in individuals. It attaches our compassion to them. Through them it satisfies our sense of beauty, which thirsts for great and sublime forms. It leads images of life past us and encourages us to grasp in thought the core of life they contain. With the immense force of the image, the concept, ethical teaching, and sympathetic feeling, the Apollonian lifts people out of their orgiastic self-destruction. It deceives them about the universal character of the Dionysian process, making them imagine that they see one particular picture of the world, such as Tristan and Isolde, and should simply see it better and more deeply through music. What is beyond Apollo’s healing magic, if it can even make us imagine that the Dionysian really serves the Apollonian by strengthening its effects, and that music is essentially an art of representation for Apollonian content?
Through the preestablished harmony between the completed drama and its music, drama reaches a supreme degree of visibility that a drama of words alone could not otherwise attain. Every living figure onstage becomes simpler before us in the independently moving melodic lines, taking on the clarity of a curved line. We hear these lines side by side in changes of harmony that respond with the greatest delicacy to the movement of the action. Through these changes, the relationships between things become immediately perceptible to our senses, never merely abstract. We also recognize through them that the true nature of a character and a melodic line reveals itself purely only in these relationships. Music thus makes us see more, and more inwardly, than usual, and spread the action onstage before us like a delicate web. To our spiritualized eye, which looks within, the stage world is both infinitely expanded and illuminated from inside. What comparable result could a poet working with words offer? Using a much less perfect mechanism, he struggles to achieve that inward expansion and illumination of the visible stage world indirectly, starting from words and concepts. Musical tragedy also adds words, but it can at the same time place beside them the ground from which they arise, their birthplace, and make clear to us from within how words come into being.
But we could say just as firmly that the process described here is only a splendid semblance: the Apollonian illusion mentioned earlier, whose effect is meant to relieve us of the Dionysian pressure and excess. At bottom, the relationship between music and drama is exactly the reverse. Music is the actual idea of the world; drama is only a reflection of that idea, one particular shadow image of it. The identity between a melodic line and a living figure, or between harmony and the relationships defining that figure’s character, is true in the opposite sense from what we might suppose while watching musical tragedy. We may move the figure as visibly as possible, bring it to life, and illuminate it from inside. It always remains only an appearance, with no bridge leading from it into true reality, into the heart of the world. Music, however, speaks from that heart. Countless appearances of that kind could pass before the same music without ever exhausting its nature. They would always be only its outward images. The popular and completely false opposition between soul and body explains nothing about the difficult relationship between music and drama and confuses everything. Yet the unphilosophical crudeness of that opposition seems, for who knows what reasons, to have become a favorite article of faith among our aesthetic thinkers. Meanwhile, they have learned nothing about the opposition between appearance and the thing in itself, or, for equally unknown reasons, have not wanted to learn anything about it.
Our analysis might seem to have shown that the Apollonian in tragedy wins a complete victory, through its illusion, over music’s original Dionysian element, and makes music serve its own purpose: the greatest possible clarification of the drama. If so, a very important qualification must be added. At the most essential point of all, that Apollonian illusion is broken through and destroyed. With music’s help, the drama unfolds before us with every movement and figure illuminated clearly from within, as though we were watching fabric take shape through a loom’s rising and falling movements. As a whole, it achieves an effect beyond every Apollonian artistic effect. In tragedy’s total effect, the Dionysian regains the upper hand. Tragedy closes with a sound that could never come from the realm of Apollonian art. The Apollonian illusion thus reveals itself for what it is: a veil maintained throughout the tragedy over its actual Dionysian effect. That effect is so powerful that, at the end, it drives the Apollonian drama itself into a sphere where it begins to speak with Dionysian wisdom and denies both itself and its Apollonian visibility. We could therefore truly symbolize the difficult relationship between the Apollonian and the Dionysian in tragedy through a brotherly alliance of the two gods. Dionysus speaks Apollo’s language, but finally Apollo speaks Dionysus’s language. With this, the highest goal of tragedy and of art altogether is reached.
Section 22
Mag der aufmerksame Freund sich die Wirkung einer wahren musikalischen Tragödie rein und unvermischt, nach seinen Erfahrungen vergegenwärtigen. Ich denke das Phänomen dieser Wirkung nach beiden Seiten hin so beschrieben zu haben, dass er sich seine eignen Erfahrungen jetzt zu deuten wissen wird. Er wird sich nämlich erinnern, wie er, im Hinblick auf den vor ihm sich bewegenden Mythus, zu einer Art von Allwissenheit sich gesteigert fühlte, als ob jetzt die Sehkraft seiner Augen nicht nur eine Flächenkraft sei, sondern in's Innere zu dringen vermöge, und als ob er die Wallungen des Willens, den Kampf der Motive, den anschwellenden Strom der Leidenschaften, jetzt, mit Hülfe der Musik, gleichsam sinnlich sichtbar, wie eine Fülle lebendig bewegter Linien und Figuren vor sich sehe und damit bis in die zartesten Geheimnisse unbewusster Regungen hinabtauchen könne. Während er so einer höchsten Steigerung seiner auf Sichtbarkeit und Verklärung gerichteten Triebe bewusst wird, fühlt er doch eben so bestimmt, dass diese lange Reihe apollinischer Kunstwirkungen doch nicht jenes beglückte Verharren in willenlosem Anschauen erzeugt, das der Plastiker und der epische Dichter, also die eigentlich apollinischen Künstler, durch ihre Kunstwerke bei ihm hervorbringen: das heisst die in jenem Anschauen erreichte Rechtfertigung der Welt der individuatio, als welche die Spitze und der Inbegriff der apollinischen Kunst ist. Er schaut die verklärte Welt der Bühne und verneint sie doch. Er sieht den tragischen Helden vor sich in epischer Deutlichkeit und Schönheit und erfreut sich doch an seiner Vernichtung. Er begreift bis in's Innerste den Vorgang der Scene und flüchtet sich gern in's Unbegreifliche. Er fühlt die Handlungen des Helden als gerechtfertigt und ist doch noch mehr erhoben, wenn diese Handlungen den Urheber vernichten. Er schaudert vor den Leiden, die den Helden treffen werden und ahnt doch bei ihnen eine höhere, viel übermächtigere Lust. Er schaut mehr und tiefer als je und wünscht sich doch erblindet. Woher werden wir diese wunderbare Selbstentzweiung, dies Umbrechen der apollinischen Spitze, abzuleiten haben, wenn nicht aus dem dionysischen Zauber, der, zum Schein die apollinischen Regungen auf's Höchste reizend, doch noch diesen Ueberschwang der apollinischen Kraft in seinen Dienst zu zwingen vermag. Der tragische Mythus ist nur zu verstehen als eine Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische Kunstmittel; er führt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich selbst verneint und wieder in den Schooss der wahren und einzigen Realität zurückzuflüchten sucht; wo sie dann, mit Isolden, ihren metaphysischen Schwanengesang also anzustimmen scheint:
In des Wonnemeereswogendem Schwall,in der Duft-Wellentönenden Schall,in des Weltathmenswehendem All—ertrinken—versinken—unbewusst—höchste Lust!
So vergegenwärtigen wir uns, an den Erfahrungen des wahrhaft aesthetischen Zuhörers, den tragischen Künstler selbst, wie er, gleich einer üppigen Gottheit der individuatio, seine Gestalten schafft, in welchem Sinne sein Werk kaum als „Nachahmung der Natur“ zu begreifen wäre—wie dann aber sein ungeheurer dionysischer Trieb diese ganze Welt der Erscheinungen verschlingt, um hinter ihr und durch ihre Vernichtung eine höchste künstlerische Urfreude im Schoosse des Ur-Einen ahnen zu lassen. Freilich wissen von dieser Rückkehr zur Urheimat, von dem Bruderbunde der beiden Kunstgottheiten in der Tragödie und von der sowohl apollinischen als dionysischen Erregung des Zuhörers unsere Aesthetiker nichts zu berichten, während sie nicht müde werden, den Kampf des Helden mit dem Schicksal, den Sieg der sittlichen Weltordnung oder eine durch die Tragödie bewirkte Entladung von Affecten als das eigentlich Tragische zu charakterisiren: welche Unverdrossenheit mich auf den Gedanken bringt, sie möchten überhaupt keine aesthetisch erregbaren Menschen sein und beim Anhören der Tragödie vielleicht nur als moralische Wesen in Betracht kommen. Noch nie, seit Aristoteles, ist eine Erklärung der tragischen Wirkung gegeben worden, aus der auf künstlerische Zustände, auf eine aesthetische Thätigkeit der Zuhörer geschlossen werden dürfte. Bald soll Mitleid und Furchtsamkeit durch die ernsten Vorgänge zu einer erleichternden Entladung gedrängt werden, bald sollen wir uns bei dem Sieg guter und edler Principien, bei der Aufopferung des Helden im Sinne einer sittlichen Weltbetrachtung erhoben und begeistert fühlen; und so gewiss ich glaube, dass für zahlreiche Menschen gerade das und nur das die Wirkung der Tragödie ist, so deutlich ergiebt sich daraus, dass diese alle, sammt ihren interpretirenden Aesthetikern, von der Tragödie als einer höchsten Kunst nichts erfahren haben. Jene pathologische Entladung, die Katharsis des Aristoteles, von der die Philologen nicht recht wissen, ob sie unter die medicinischen oder die moralischen Phänomene zu rechnen sei, erinnert an eine merkwürdige Ahnung Goethe's. „Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse“, sagt er, „ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen sein, dass das höchste Pathetische auch nur aesthetisches Spiel bei ihnen gewesen wäre, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muss, um ein solches Werk hervorzubringen?“ Diese so tiefsinnige letzte Frage dürfen wir jetzt, nach unseren herrlichen Erfahrungen, bejahen, nachdem wir gerade an der musikalischen Tragödie mit Staunen erlebt haben, wie wirklich das höchste Pathetische doch nur ein aesthetisches Spiel sein kann: weshalb wir glauben dürfen, dass erst jetzt das Urphänomen des Tragischen mit einigem Erfolg zu beschreiben ist. Wer jetzt noch nur von jenen stellvertretenden Wirkungen aus ausseraesthetischen Sphären zu erzählen hat und über den pathologisch-moralischen Prozess sich nicht hinausgehoben fühlt, mag nur an seiner aesthetischen Natur verzweifeln: wogegen wir ihm die Interpretation Shakespeare's nach der Manier des Gervinus und das fleissige Aufspüren der „poetischen Gerechtigkeit“ als unschuldigen Ersatz anempfehlen.
So ist mit der Wiedergeburt der Tragödie auch der aesthetische Zuhörer wieder geboren, an dessen Stelle bisher in den Theaterräumen ein seltsames Quidproquo, mit halb moralischen und halb gelehrten Ansprüchen, zu sitzen pflegte, der „Kritiker“. In seiner bisherigen Sphäre war Alles künstlich und nur mit einem Scheine des Lebens übertüncht. Der darstellende Künstler wusste in der That nicht mehr, was er mit einem solchen, kritisch sich gebärdenden Zuhörer zu beginnen habe und spähte daher, sammt dem ihn inspirirenden Dramatiker oder Operncomponisten, unruhig nach den letzten Resten des Lebens in diesem anspruchsvoll öden und zum Geniessen unfähigen Wesen. Aus derartigen „Kritikern“ bestand aber bisher das Publicum; der Student, der Schulknabe, ja selbst das harmloseste weibliche Geschöpf war wider sein Wissen bereits durch Erziehung und Journale zu einer gleichen Perception eines Kunstwerks vorbereitet. Die edleren Naturen unter den Künstlern rechneten bei einem solchen Publicum auf die Erregung moralisch-religiöser Kräfte, und der Anruf der „sittlichen Weltordnung“ trat vikarirend ein, wo eigentlich ein gewaltiger Kunstzauber den ächten Zuhörer entzücken sollte. Oder es wurde vom Dramatiker eine grossartigere, mindestens aufregende Tendenz der politischen und socialen Gegenwart so deutlich vorgetragen, dass der Zuhörer seine kritische Erschöpfung vergessen und sich ähnlichen Affecten überlassen konnte, wie in patriotischen oder kriegerischen Momenten, oder vor der Rednerbühne des Parlaments oder bei der Verurtheilung des Verbrechens und des Lasters: welche Entfremdung der eigentlichen Kunstabsichten hier und da geradezu zu einem Cultus der Tendenz führen musste. Doch hier trat ein, was bei allen erkünstelten Künsten von jeher eingetreten ist, eine reissend schnelle Depravation jener Tendenzen, so dass zum Beispiel die Tendenz, das Theater als Veranstaltung zur moralischen Volksbildung zu verwenden, die zu Schiller's Zeit ernsthaft genommen wurde, bereits unter die unglaubwürdigen Antiquitäten einer überwundenen Bildung gerechnet wird. Während der Kritiker in Theater und Concert, der Journalist in der Schule, die Presse in der Gesellschaft zur Herrschaft gekommen war, entartete die Kunst zu einem Unterhaltungsobject der niedrigsten Art, und die aesthetische Kritik wurde als das Bindemittel einer eiteln, zerstreuten, selbstsüchtigen und überdies ärmlich-unoriginalen Geselligkeit benutzt, deren Sinn jene Schopenhauerische Parabel von den Stachelschweinen zu verstehen giebt; so dass zu keiner Zeit so viel über Kunst geschwatzt und so wenig von der Kunst gehalten worden ist. Kann man aber mit einem Menschen noch verkehren, der im Stande ist, sich über Beethoven und Shakespeare zu unterhalten? Mag Jeder nach seinem Gefühl diese Frage beantworten: er wird mit der Antwort jedenfalls beweisen, was er sich unter „Bildung“ vorstellt, vorausgesetzt dass er die Frage überhaupt zu beantworten sucht und nicht vor Ueberraschung bereits verstummt ist.
Dagegen dürfte mancher edler und zarter von der Natur Befähigte, ob er gleich in der geschilderten Weise allmählich zum kritischen Barbaren geworden war, von einer eben so unerwarteten als gänzlich unverständlichen Wirkung zu erzählen haben, die etwa eine glücklich gelungene Lohengrinaufführung auf ihn ausübte: nur dass ihm vielleicht jede Hand fehlte, die ihn mahnend und deutend anfasste, so dass auch jene unbegreiflich verschiedenartige und durchaus unvergleichliche Empfindung, die ihn damals erschütterte, vereinzelt blieb und wie ein räthselhaftes Gestirn nach kurzem Leuchten erlosch. Damals hatte er geahnt, was der aesthetische Zuhörer ist.
Let an attentive friend recall, from his own experience, the effect of a genuine musical tragedy in its pure, unmixed form. I think I have described both sides of that effect in a way that will now allow him to interpret his own experiences. He will remember that, as he watched the myth moving before him, he felt himself raised toward a kind of complete knowledge. His eyes seemed no longer limited to surfaces but able to penetrate within. With music’s help, he seemed to see the movements of the will, the struggle of motives, and the swelling stream of passions made visible to the senses, like a wealth of vividly moving lines and figures. Through them he could dive into the subtlest secrets of unconscious impulses. He becomes aware that the drives directing him toward visibility and transfiguration have been intensified to their highest degree. Yet he feels just as clearly that this long series of Apollonian artistic effects does not produce the happy lingering in contemplation free from willing that a sculptor or epic poet—the truly Apollonian artists—produces in him through art. In other words, it means the justification of the world of individual existence achieved in that contemplation, which is the summit and essence of Apollonian art. He looks at the transfigured world onstage and nevertheless denies it. He sees the tragic hero before him in epic clarity and beauty, yet takes pleasure in his destruction. He understands the action onstage to its depths, yet gladly takes refuge in what cannot be understood. He feels that the hero’s actions are justified, yet is even more uplifted when those actions destroy the person responsible for them. He shudders at the sufferings that will strike the hero, yet senses in them a higher, far more powerful pleasure. He sees more, and more deeply, than ever, yet wishes he were blind. Where should we trace this remarkable division within him, this breaking of the Apollonian summit, if not to Dionysian magic? While apparently exciting Apollonian impulses to their highest pitch, that magic can still force this overflowing Apollonian power to serve it. Tragic myth can only be understood as Dionysian wisdom put into images through Apollonian artistic means. It leads the world of appearances to the boundaries where it denies itself and tries to take refuge again in the womb of the one true reality. There it seems to join Isolde in singing this metaphysical swan song:
In the sea of delight’ssurging swell,in the waves of fragrance’sringing sound,in the world breath’sall-embracing flow—to drown—to sink—unconscious—supreme pleasure!
Through the genuinely aesthetic listener’s experiences, we thus bring the tragic artist himself before our minds. Like a richly productive god of individual existence, he creates his figures, in a sense that hardly allows us to understand his work as an “imitation of nature.” But then his immense Dionysian drive swallows this whole world of appearances. Behind that world, and through its destruction, it lets us sense a supreme original artistic joy in the womb of the primal unity. Our aesthetic thinkers have nothing to report about this return to our original home, the brotherly alliance of the two artistic gods in tragedy, or the listener’s simultaneous Apollonian and Dionysian excitement. Instead, they tirelessly describe what is truly tragic as the hero’s struggle against fate, the victory of a moral order in the world, or a release of emotions brought about by tragedy. Their persistence makes me think that they may not be people open to aesthetic excitement at all, and that perhaps they count only as moral beings when they listen to tragedy. Since Aristotle, there has never been an explanation of the tragic effect from which we could infer artistic states or aesthetic activity in listeners. Sometimes the account says that serious events drive compassion and fear toward a relieving release. Sometimes we are supposed to feel uplifted and inspired by the victory of good and noble principles, or by the hero’s sacrifice in the spirit of a moral view of the world. I certainly believe that this, and only this, is tragedy’s effect on many people. But it follows just as clearly that all these people, along with the aesthetic thinkers interpreting for them, have experienced nothing of tragedy as a supreme art. That release of troubled feelings, Aristotle’s catharsis, which philologists cannot quite decide whether to classify as a medical or a moral phenomenon, recalls a remarkable insight of Goethe’s. “Without a lively interest in suffering,” he says, “I too have never managed to work on any tragic situation, so I have preferred to avoid such situations rather than seek them out. Might one of the ancients’ advantages also have been that even the greatest emotional intensity was only aesthetic play for them, whereas for us the truth of nature must contribute to the creation of such a work?” After our splendid experiences, we can now answer this deeply thoughtful final question with yes. Musical tragedy in particular has astonished us by showing how even the greatest emotional intensity can truly be only aesthetic play. We may therefore believe that only now can the original phenomenon of the tragic be described with some success. Anyone who can still speak only of those substitute effects from outside aesthetics, and feels unable to rise above the process of suffering and moral feeling, may well despair of his aesthetic nature. We can recommend as a harmless alternative that he interpret Shakespeare in Gervinus’s manner and diligently hunt down “poetic justice.”
With the rebirth of tragedy, the aesthetic listener has also been reborn. Until now, a strange substitute usually occupied his seat in the theater: the “critic,” with pretensions that were half moral and half scholarly. In his previous sphere, everything was artificial, coated with only a semblance of life. The performing artist really no longer knew what to do with a listener who behaved so critically. Together with the playwright or opera composer who inspired him, he anxiously searched for the last traces of life in this demanding, empty being, incapable of enjoyment. Yet the audience had consisted of just such “critics.” Students, schoolboys, and even the most harmless female creature had already been prepared, without knowing it, by education and newspapers to perceive a work of art in the same way. Faced with such an audience, artists of a nobler nature counted on arousing moral and religious forces. An appeal to the “moral order of the world” served as a substitute where a powerful artistic spell should really have enchanted the genuine listener. Or the playwright presented a grander, or at least exciting, political or social tendency of the present so clearly that the listener could forget his critical exhaustion. He could then give himself to emotions like those felt in patriotic or warlike moments, before Parliament’s speakers’ platform, or when crime and vice are condemned. This estrangement from art’s actual aims sometimes had to lead to an outright cult of the message. But here, as has always happened in every artificially contrived art, those tendencies deteriorated with tremendous speed. For example, the aim of using theater as a means of morally educating the people, taken seriously in Schiller’s time, is already counted among the unbelievable relics of an education we have left behind. While the critic came to rule in theater and concert, the journalist in school, and the press in society, art deteriorated into entertainment of the lowest kind. Aesthetic criticism was used to bind together a vain, distracted, selfish, and also miserably unoriginal social world. Its meaning is revealed by Schopenhauer’s parable of the porcupines. Never has there been so much chatter about art, and so little respect for it. But can we still socialize with someone who can chat about Beethoven and Shakespeare? Let everyone answer according to his own feelings. His answer will in any case show what he means by “education”—provided he tries to answer at all and has not already been struck silent with surprise.
On the other hand, someone endowed by nature with nobler and more delicate gifts, even if he had gradually become a critical barbarian in the way described, might have a different story to tell. A successful performance of Lohengrin, for example, may have affected him in a way as unexpected as it was completely incomprehensible. Perhaps he simply lacked any guiding hand to take hold of him, warn him, and explain what had happened. So that feeling, incomprehensibly different and entirely beyond comparison, which shook him then, remained isolated. Like a mysterious star, it shone briefly and went out. For that moment, he had sensed what an aesthetic listener is.
Section 23
Wer recht genau sich selber prüfen will, wie sehr er dem wahren aesthetischen Zuhörer verwandt ist oder zur Gemeinschaft der sokratisch-kritischen Menschen gehört, der mag sich nur aufrichtig nach der Empfindung fragen, mit der er das auf der Bühne dargestellte Wunder empfängt: ob er etwa dabei seinen historischen, auf strenge psychologische Causalität gerichteten Sinn beleidigt fühlt, ob er mit einer wohlwollenden Concession gleichsam das Wunder als ein der Kindheit verständliches, ihm entfremdetes Phänomen zulässt oder ob er irgend etwas Anderes dabei erleidet. Daran nämlich wird er messen können, wie weit er überhaupt befähigt ist, den Mythus, das zusammengezogene Weltbild, zu verstehen, der, als Abbreviatur der Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann. Das Wahrscheinliche ist aber, dass fast Jeder, bei strenger Prüfung, sich so durch den kritisch-historischen Geist unserer Bildung zersetzt fühlt, um nur etwa auf gelehrtem Wege, durch vermittelnde Abstractionen, sich die einstmalige Existenz des Mythus glaublich zu machen. Ohne Mythus aber geht jede Cultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schliesst eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab. Alle Kräfte der Phantasie und des apollinischen Traumes werden erst durch den Mythus aus ihrem wahllosen Herumschweifen gerettet. Die Bilder des Mythus müssen die unbemerkt allgegenwärtigen dämonischen Wächter sein, unter deren Hut die junge Seele heranwächst, an deren Zeichen der Mann sich sein Leben und seine Kämpfe deutet: und selbst der Staat kennt keine mächtigeren ungeschriebnen Gesetze als das mythische Fundament, das seinen Zusammenhang mit der Religion, sein Herauswachsen aus mythischen Vorstellungen verbürgt.
Man stelle jetzt daneben den abstracten, ohne Mythen geleiteten Menschen, die abstracte Erziehung, die abstracte Sitte, das abstracte Recht, den abstracten Staat: man vergegenwärtige sich das regellose, von keinem heimischen Mythus gezügelte Schweifen der künstlerischen Phantasie: man denke sich eine Cultur, die keinen festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und von allen Culturen sich kümmerlich zu nähren verurtheilt ist—das ist die Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und wühlend nach Wurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alterthümern nach ihnen graben müsste. Worauf weist das ungeheure historische Bedürfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen Mutterschoosses? Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimliche Sichregen dieser Cultur etwas Anderes ist, als das gierige Zugreifen und Nach-Nahrung-Haschen des Hungernden—und wer möchte einer solchen Cultur noch etwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt, nicht zu sättigen ist und bei deren Berührung sich die kräftigste, heilsamste Nahrung in „Historie und Kritik“ zu verwandeln pflegt?
Man müsste auch an unserem deutschen Wesen schmerzlich verzweifeln, wenn es bereits in gleicher Weise mit seiner Cultur unlösbar verstrickt, ja eins geworden wäre, wie wir das an dem civilisirten Frankreich zu unserem Entsetzen beobachten können; und das, was lange Zeit der grosse Vorzug Frankreichs und die Ursache seines ungeheuren Uebergewichts war, eben jenes Einssein von Volk und Cultur, dürfte uns, bei diesem Anblick, nöthigen, darin das Glück zu preisen, dass diese unsere so fragwürdige Cultur bis jetzt mit dem edeln Kerne unseres Volkscharakters nichts gemein hat. Alle unsere Hoffnungen strecken sich vielmehr sehnsuchtsvoll nach jener Wahrnehmung aus, dass unter diesem unruhig auf und nieder zuckenden Culturleben und Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde, uralte Kraft verborgen liegt, die freilich nur in ungeheuren Momenten sich gewaltig einmal bewegt und dann wieder einem zukünftigen Erwachen entgegenträumt. Aus diesem Abgrunde ist die deutsche Reformation hervorgewachsen: in deren Choral die Zukunftsweise der deutschen Musik zuerst erklang. So tief, muthig und seelenvoll, so überschwänglich gut und zart tönte dieser Choral Luther's, als der erste dionysische Lockruf, der aus dichtverwachsenem Gebüsch, im Nahen des Frühlings, hervordringt. Ihm antwortete in wetteiferndem Wiederhall jener weihevoll übermüthige Festzug dionysischer Schwärmer, denen wir die deutsche Musik danken—und denen wir die Wiedergeburt des deutschen Mythus danken werden!
Ich weiss, dass ich jetzt den theilnehmend folgenden Freund auf einen hochgelegenen Ort einsamer Betrachtung führen muss, wo er nur wenige Gefährten haben wird, und rufe ihm ermuthigend zu, dass wir uns an unseren leuchtenden Führern, den Griechen, festzuhalten haben. Von ihnen haben wir bis jetzt, zur Reinigung unserer aesthetischen Erkenntniss, jene beiden Götterbilder entlehnt, von denen jedes ein gesondertes Kunstreich für sich beherrscht und über deren gegenseitige Berührung und Steigerung wir durch die griechische Tragödie zu einer Ahnung kamen. Durch ein merkwürdiges Auseinanderreissen beider künstlerischen Urtriebe musste uns der Untergang der griechischen Tragödie herbeigeführt erscheinen: mit welchem Vorgange eine Degeneration und Umwandlung des griechischen Volkscharakters im Einklang war, uns zu ernstem Nachdenken auffordernd, wie nothwendig und eng die Kunst und das Volk, Mythus und Sitte, Tragödie und Staat, in ihren Fundamenten verwachsen sind. Jener Untergang der Tragödie war zugleich der Untergang des Mythus. Bis dahin waren die Griechen unwillkürlich genöthigt, alles Erlebte sofort an ihre Mythen anzuknüpfen, ja es nur durch diese Anknüpfung zu begreifen: wodurch auch die nächste Gegenwart ihnen sofort sub specie aeterni und in gewissem Sinne als zeitlos erscheinen musste. In diesen Strom des Zeitlosen aber tauchte sich eben so der Staat wie die Kunst, um in ihm vor der Last und der Gier des Augenblicks Ruhe zu finden. Und gerade nur so viel ist ein Volk—wie übrigens auch ein Mensch—werth, als es auf seine Erlebnisse den Stempel des Ewigen zu drücken vermag: denn damit ist es gleichsam entweltlicht und zeigt seine unbewusste innerliche Ueberzeugung von der Relativität der Zeit und von der wahren, d. h. der metaphysischen Bedeutung des Lebens. Das Gegentheil davon tritt ein, wenn ein Volk anfängt, sich historisch zu begreifen und die mythischen Bollwerke um sich herum zu zertrümmern: womit gewöhnlich eine entschiedene Verweltlichung, ein Bruch mit der unbewussten Metaphysik seines früheren Daseins, in allen ethischen Consequenzen, verbunden ist. Die griechische Kunst und vornehmlich die griechische Tragödie hielt vor Allem die Vernichtung des Mythus auf: man musste sie mit vernichten, um, losgelöst von dem heimischen Boden, ungezügelt in der Wildniss des Gedankens, der Sitte und der That leben zu können. Auch jetzt noch versucht jener metaphysische Trieb, sich eine, wenngleich abgeschwächte Form der Verklärung zu schaffen, in dem zum Leben drängenden Sokratismus der Wissenschaft: aber auf den niederen Stufen führte derselbe Trieb nur zu einem fieberhaften Suchen, das sich allmählich in ein Pandämonium überallher zusammengehäufter Mythen und Superstitionen verlor: in dessen Mitte der Hellene dennoch ungestillten Herzens sass, bis er es verstand, mit griechischer Heiterkeit und griechischem Leichtsinn, als Graeculus, jenes Fieber zu maskiren oder in irgend einem orientalisch dumpfen Aberglauben sich völlig zu betäuben.
Diesem Zustande haben wir uns, seit der Wiedererweckung des alexandrinisch-römischen Alterthums im fünfzehnten Jahrhundert, nach einem langen schwer zu beschreibenden Zwischenacte, in der auffälligsten Weise angenähert. Auf den Höhen dieselbe überreiche Wissenslust, dasselbe ungesättigte Finderglück, dieselbe ungeheure Verweltlichung, daneben ein heimatloses Herumschweifen, ein gieriges Sichdrängen an fremde Tische, eine leichtsinnige Vergötterung der Gegenwart oder stumpf betäubte Abkehr, Alles sub specie saeculi, der „Jetztzeit“: welche gleichen Symptome auf einen gleichen Mangel im Herzen dieser Cultur zu rathen geben, auf die Vernichtung des Mythus. Es scheint kaum möglich zu sein, mit dauerndem Erfolge einen fremden Mythus überzupflanzen, ohne den Baum durch dieses Ueberpflanzen heillos zu beschädigen: welcher vielleicht einmal stark und gesund genug ist, jenes fremde Element mit furchtbarem Kampfe wieder auszuscheiden, für gewöhnlich aber siech und verkümmert oder in krankhaftem Wuchern sich verzehren muss. Wir halten so viel von dem reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens, dass wir gerade von ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter fremder Elemente zu erwarten wagen und es für möglich erachten, dass der deutsche Geist sich auf sich selbst zurückbesinnt. Vielleicht wird Mancher meinen, jener Geist müsse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine äusserliche Vorbereitung und Ermuthigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges erkennen dürfte, die innerliche Nöthigung aber in dem Wetteifer suchen muss, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luther's ebensowohl als unserer grossen Künstler und Dichter, stets werth zu sein. Aber nie möge er glauben, ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne seine mythische Heimat, ohne ein „Wiederbringen“ aller deutschen Dinge, kämpfen zu können! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem Führer umblicken sollte, der ihn wieder in die längst verlorne Heimat zurückbringe, deren Wege und Stege er kaum mehr kennt—so mag er nur dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen Vogels lauschen, der über ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten will.
Anyone who wants to examine closely whether he is related to the true aesthetic listener or belongs among Socratic, critical people need only ask himself honestly what he feels when he encounters a miracle represented onstage. Does it offend his historical sense, with its insistence on strict psychological cause and effect? Does he allow the miracle through a kindly concession, as something understandable to children but foreign to himself? Or does he experience something else? This lets him measure how far he is capable of understanding myth at all: the concentrated picture of the world which, as a shortened expression of appearance, cannot do without miracles. On close examination, however, almost everyone will probably feel so broken down by the critical and historical spirit of our education that he can only make the former existence of myth believable to himself through scholarship and the help of abstract ideas. But without myth, every culture loses its healthy, creative natural power. Only a horizon enclosed by myths brings an entire cultural movement together as a unity. Only myth saves all the powers of imagination and the Apollonian dream from aimless wandering. Myth’s images must be the unseen, ever-present guardian spirits under whose protection the young soul grows up, and through whose signs the grown man interprets his life and struggles. Even the state knows no unwritten laws more powerful than its mythical foundation, which guarantees its connection to religion and its growth out of mythical ideas.
Now place beside this the abstract human being, guided by no myths, abstract education, abstract customs, abstract law, and the abstract state. Bring to mind the artistic imagination’s lawless wandering, restrained by no native myth. Imagine a culture with no fixed and sacred original home, condemned instead to exhaust every possibility and feed poorly on every culture. That is the present, the outcome of the Socratic impulse directed toward destroying myth. The person without myth now stands forever hungry among all the pasts, digging and burrowing for roots, even if he must dig for them in the most remote ancient worlds. What do our dissatisfied modern culture’s immense historical need, its gathering of countless other cultures around itself, and its consuming desire for knowledge point to, if not the loss of myth, of its mythical home and mythical mother’s womb? Ask whether this culture’s feverish and deeply disturbing activity is anything other than a hungry person’s greedy grabbing and hunting for food. Who would still want to give anything to such a culture? Nothing it swallows can satisfy it, and at its touch even the strongest, healthiest food usually turns into “history and criticism.”
We would also have to despair painfully of our German nature if it had already become as inseparably entangled with its culture, indeed as completely one with it, as we can observe to our horror in civilized France. For a long time that unity of people and culture was France’s great advantage and the cause of its enormous predominance. Looking at it now, however, we may be forced to count ourselves fortunate that our own deeply questionable culture has so far had nothing in common with the noble core of our national character. All our hopes instead reach longingly toward this perception: beneath this restless cultural life, jerking up and down, and these educational convulsions, a splendid, inwardly healthy, ancient power lies hidden. Only in momentous times does it stir with tremendous force, then it dreams again toward a future awakening. The German Reformation grew out of this depth. In its chorale the future melody of German music first sounded. Luther’s chorale sounded so deep, brave, and full of soul, so overwhelmingly good and tender, like the first beckoning Dionysian call emerging from a densely overgrown thicket as spring approaches. In an answering, competing echo came that festive procession of Dionysian enthusiasts, consecrated and exuberant. We owe German music to them—and we will owe them the rebirth of German myth!
I know that I must now lead the friend who follows sympathetically to a high place of solitary reflection, where he will have few companions. I call out to encourage him: we must hold fast to our radiant guides, the Greeks. To purify our aesthetic understanding, we have so far borrowed from them those images of two gods, each ruling a separate artistic realm. Greek tragedy has given us a sense of how they touch and strengthen each other. We had to see the destruction of Greek tragedy as caused by a remarkable tearing apart of these two original artistic drives. This process went together with a degeneration and transformation of the Greek national character, calling us to think seriously about how necessarily and closely art and the people, myth and custom, tragedy and the state, are joined at their foundations. That destruction of tragedy was also the destruction of myth. Until then the Greeks were involuntarily compelled to connect everything they experienced immediately with their myths, and indeed to understand it only through that connection. Even the immediate present therefore had to appear to them at once in the light of eternity and, in a certain sense, timeless. The state and art both immersed themselves in this stream of the timeless to find relief from the burden and greed of the moment. A people, like an individual, is worth exactly as much as its ability to stamp its experiences with eternity. In this way it is, so to speak, removed from worldliness and shows its unconscious inner conviction that time is relative and that life’s true meaning is metaphysical. The opposite happens when a people starts understanding itself historically and smashing the mythical fortifications around it. This is usually linked to a decisive turn toward worldliness, a break with the unconscious metaphysics of its former existence, with all the ethical consequences involved. Greek art, especially Greek tragedy, held back the destruction of myth above all. Art had to be destroyed too before people could cut themselves off from their native soil and live without restraint in the wilderness of thought, custom, and action. Even now, that metaphysical drive tries to create a form of transfiguration for itself, though a weakened one, in the Socratic character of science that urges people to live. But on lower levels, the same drive led only to a feverish search that gradually lost itself in a pandemonium of myths and superstitions piled up from everywhere. The Greek sat in the middle of it with his heart still unsatisfied, until he learned either to mask that fever with Greek cheerfulness and Greek frivolity, as a little Greek, or to numb himself completely in some dully stupefying Oriental superstition.
Since the reawakening of Alexandrian-Roman antiquity in the fifteenth century, after a long interlude that is hard to describe, we have come strikingly close to that condition. At the heights we find the same overflowing desire for knowledge, the same unsatisfied happiness in discovery, the same immense worldliness. Alongside it are homeless wandering, a greedy pushing toward foreign tables, a frivolous worship of the present or a dully numbed withdrawal: everything viewed from the standpoint of the age, of the “present day.” These matching symptoms suggest a matching lack at the heart of this culture: the destruction of myth. It seems almost impossible to transplant a foreign myth with lasting success without doing disastrous damage to the tree through that transplanting. Perhaps the tree may someday be strong and healthy enough to cast out that foreign element again through a terrible struggle. Usually, however, it must waste away in sickness and stunted growth, or consume itself in diseased overgrowth. We think so highly of the pure and vigorous core of German nature that we dare to expect precisely this casting out of forcibly implanted foreign elements from it, and consider it possible that the German mind will return to itself. Some may think that this mind must begin its struggle by casting out the Romance influence. They might see outward preparation and encouragement for this in the victorious bravery and bloody glory of the last war. But they must seek the inner necessity in an effort always to remain worthy of the sublime pioneers on this path: Luther as well as our great artists and poets. Yet they must never believe that they can fight such battles without their household gods, without their mythical home, without a “restoration” of everything German! If the German looks around timidly for a guide to take him back to the home long lost, whose roads and paths he hardly knows anymore, he need only listen to the delightfully beckoning call of the Dionysian bird swaying above him, wanting to show him the way there.
Section 24
Wir hatten unter den eigenthümlichen Kunstwirkungen der musikalischen Tragödie eine apollinische Täuschung hervorzuheben, durch die wir vor dem unmittelbaren Einssein mit der dionysischen Musik gerettet werden sollen, während unsre musikalische Erregung sich auf einem apollinischen Gebiete und an einer dazwischengeschobenen sichtbaren Mittelwelt entladen kann. Dabei glaubten wir beobachtet zu haben, wie eben durch diese Entladung jene Mittelwelt des scenischen Vorgangs, überhaupt das Drama, in einem Grade von innen heraus sichtbar und verständlich wurde, der in aller sonstigen, apollinischen Kunst unerreichbar ist: so dass wir hier, wo diese gleichsam durch den Geist der Musik beschwingt und emporgetragen war, die höchste Steigerung ihrer Kräfte und somit in jenem Bruderbunde des Apollo und des Dionysus die Spitze ebensowohl der apollinischen als der dionysischen Kunstabsichten anerkennen mussten.
Freilich erreichte das apollinische Lichtbild gerade bei der inneren Beleuchtung durch die Musik nicht die eigenthümliche Wirkung der schwächeren Grade apollinischer Kunst; was das Epos oder der beseelte Stein vermögen, das anschauende Auge zu jenem ruhigen Entzücken an der Welt der individuatio zu zwingen, das wollte sich hier, trotz einer höheren Beseeltheit und Deutlichkeit, nicht erreichen lassen. Wir schauten das Drama an und drangen mit bohrendem Blick in seine innere bewegte Welt der Motive—und doch war uns, als ob nur ein Gleichnissbild an uns vorüberzöge, dessen tiefsten Sinn wir fast zu errathen glaubten und das wir, wie einen Vorhang, fortzuziehen wünschten, um hinter ihm das Urbild zu erblicken. Die hellste Deutlichkeit des Bildes genügte uns nicht: denn dieses schien eben sowohl Etwas zu offenbaren als zu verhüllen; und während es mit seiner gleichnissartigen Offenbarung zum Zerreissen des Schleiers, zur Enthüllung des geheimnissvollen Hintergrundes aufzufordern schien, hielt wiederum gerade jene durchleuchtete Allsichtbarkeit das Auge gebannt und wehrte ihm, tiefer zu dringen.
Wer dies nicht erlebt hat, zugleich schauen zu müssen und zugleich über das Schauen hinaus sich zu sehnen, wird sich schwerlich vorstellen, wie bestimmt und klar diese beiden Prozesse bei der Betrachtung des tragischen Mythus nebeneinander bestehen und nebeneinander empfunden werden: während die wahrhaft aesthetischen Zuschauer mir bestätigen werden, dass unter den eigenthümlichen Wirkungen der Tragödie jenes Nebeneinander die merkwürdigste sei. Man übertrage sich nun dieses Phänomen des aesthetischen Zuschauers in einen analogen Process im tragischen Künstler, und man wird die Genesis des tragischen Mythus verstanden haben. Er theilt mit der apollinischen Kunstsphäre die volle Lust am Schein und am Schauen und zugleich verneint er diese Lust und hat eine noch höhere Befriedigung an der Vernichtung der sichtbaren Scheinwelt. Der Inhalt des tragischen Mythus ist zunächst ein episches Ereigniss mit der Verherrlichung des kämpfenden Helden: woher stammt aber jener an sich räthselhafte Zug, dass das Leiden im Schicksale des Helden, die schmerzlichsten Ueberwindungen, die qualvollsten Gegensätze der Motive, kurz die Exemplification jener Weisheit des Silen, oder, aesthetisch ausgedrückt, das Hässliche und Disharmonische, in so zahllosen Formen, mit solcher Vorliebe immer von Neuem dargestellt wird und gerade in dem üppigsten und jugendlichsten Alter eines Volkes, wenn nicht gerade an diesem Allen eine höhere Lust percipirt wird?
Denn dass es im Leben wirklich so tragisch zugeht, würde am wenigsten die Entstehung einer Kunstform erklären; wenn anders die Kunst nicht nur Nachahmung der Naturwirklichkeit, sondern gerade ein metaphysisches Supplement der Naturwirklichkeit ist, zu deren Ueberwindung neben sie gestellt. Der tragische Mythus, sofern er überhaupt zur Kunst gehört, nimmt auch vollen Antheil an dieser metaphysischen Verklärungsabsicht der Kunst überhaupt: was verklärt er aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden Helden vorführt; die „Realität“ dieser Erscheinungswelt am wenigsten, denn er sagt uns gerade: „Seht hin! Seht genau hin! Dies ist euer Leben! Dies ist der Stundenzeiger an eurer Daseinsuhr!“
Und dieses Leben zeigte der Mythus, um es vor uns damit zu verklären? Wenn aber nicht, worin liegt dann die aesthetische Lust, mit der wir auch jene Bilder an uns vorüberziehen lassen? Ich frage nach der aesthetischen Lust und weiss recht wohl, dass viele dieser Bilder ausserdem mitunter noch eine moralische Ergetzung, etwa unter der Form des Mitleides oder eines sittlichen Triumphes, erzeugen können. Wer die Wirkung des Tragischen aber allein aus diesen moralischen Quellen ableiten wollte, wie es freilich in der Aesthetik nur allzu lange üblich war, der mag nur nicht glauben, etwas für die Kunst damit gethan zu haben: die vor Allem Reinheit in ihrem Bereiche verlangen muss. Für die Erklärung des tragischen Mythus ist es gerade die erste Forderung, die ihm eigenthümliche Lust in der rein aesthetischen Sphäre zu suchen, ohne in das Gebiet des Mitleids, der Furcht, des Sittlich-Erhabenen überzugreifen. Wie kann das Hässliche und das Disharmonische, der Inhalt des tragischen Mythus, eine aesthetische Lust erregen?
Hier nun wird es nöthig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hinein zu schwingen, indem ich den früheren Satz wiederhole, dass nur als ein aesthetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer zu fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem Wege einzig verständlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren Bedeutung der musikalischen Dissonanz: wie überhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines aesthetischen Phänomens zu verstehen ist. Die Lust, die der tragische Mythus erzeugt, hat eine gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der Dissonanz in der Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz percipirten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschooss der Musik und des tragischen Mythus.
Sollte sich nicht inzwischen dadurch, dass wir die Musikrelation der Dissonanz zu Hülfe nahmen, jenes schwierige Problem der tragischen Wirkung wesentlich erleichtert haben? Verstehen wir doch jetzt, was es heissen will, in der Tragödie zugleich schauen zu wollen und sich über das Schauen hinaus zu sehnen: welchen Zustand wir in Betreff der künstlerisch verwendeten Dissonanz eben so zu charakterisiren hätten, dass wir hören wollen und über das Hören uns zugleich hinaussehnen. Jenes Streben in's Unendliche, der Flügelschlag der Sehnsucht, bei der höchsten Lust an der deutlich percipirten Wirklichkeit, erinnern daran, dass wir in beiden Zuständen ein dionysisches Phänomen zu erkennen haben, das uns immer von Neuem wieder das spielende Aufbauen und Zertrümmern der Individualwelt als den Ausfluss einer Urlust offenbart, in einer ähnlichen Weise, wie wenn von Heraklit dem Dunklen die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft.
Um also die dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschätzen, dürften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern eben so nothwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befähigung zu denken haben. Es ist nun, bei dieser engsten Verwandtschaft zwischen Musik und Mythus, in gleicher Weise zu vermuthen, dass mit einer Entartung und Depravation des Einen eine Verkümmerung der Anderen verbunden sein wird: wenn anders in der Schwächung des Mythus überhaupt eine Abschwächung des dionysischen Vermögens zum Ausdruck kommt. Ueber Beides dürfte uns aber ein Blick auf die Entwicklung des deutschen Wesens nicht in Zweifel lassen: in der Oper wie in dem abstracten Charakter unseres mythenlosen Daseins, in einer zur Ergetzlichkeit herabgesunkenen Kunst, wie in einem vom Begriff geleiteten Leben, hatte sich uns jene gleich unkünstlerische, als am Leben zehrende Natur des sokratischen Optimismus enthüllt. Zu unserem Troste aber gab es Anzeichen dafür, dass trotzdem der deutsche Geist in herrlicher Gesundheit, Tiefe und dionysischer Kraft unzerstört, gleich einem zum Schlummer niedergesunknen Ritter, in einem unzugänglichen Abgrunde ruhe und träume: aus welchem Abgrunde zu uns das dionysische Lied emporsteigt, um uns zu verstehen zu geben, dass dieser deutsche Ritter auch jetzt noch seinen uralten dionysischen Mythus in selig-ernsten Visionen träumt. Glaube Niemand, dass der deutsche Geist seine mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat erzählen. Eines Tages wird er sich wach finden, in aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen tödten, die tückischen Zwerge vernichten und Brünnhilde erwecken—und Wotan's Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!
Meine Freunde, ihr, die ihr an die dionysische Musik glaubt, ihr wisst auch, was für uns die Tragödie bedeutet. In ihr haben wir, wiedergeboren aus der Musik, den tragischen Mythus—und in ihm dürft ihr Alles hoffen und das Schmerzlichste vergessen! Das Schmerzlichste aber ist für uns alle—die lange Entwürdigung, unter der der deutsche Genius, entfremdet von Haus und Heimat, im Dienst tückischer Zwerge lebte. Ihr versteht das Wort—wie ihr auch, zum Schluss, meine Hoffnungen verstehen werdet.
Among musical tragedy’s distinctive artistic effects, we had to emphasize an Apollonian illusion. It is meant to save us from becoming directly one with Dionysian music, while allowing our musical excitement to discharge itself in an Apollonian realm, through a visible intermediate world placed between us and the music. We thought we had observed that this very discharge made that intermediate world of the action onstage—the drama altogether—visible and understandable from within to a degree unattainable in any other Apollonian art. Here that art seemed to have been given wings and raised up by the spirit of music. We therefore had to recognize the highest intensification of its powers, and see in that brotherly alliance of Apollo and Dionysus the summit of both Apollonian and Dionysian artistic aims.
Yet precisely when music illuminated the Apollonian image from within, the image failed to produce the distinctive effect of weaker degrees of Apollonian art. An epic or a stone brought to life can compel the watching eye toward calm delight in the world of individual existence. Here that result could not be achieved, despite greater vitality and clarity. We watched the drama and penetrated its moving inner world of motives with a searching gaze. Yet we felt as though only a symbolic image were passing before us, whose deepest meaning we thought we could almost guess. We wanted to pull it aside like a curtain to see the original image behind it. The picture’s greatest clarity did not satisfy us, because it seemed to reveal something and conceal something at the same time. Its revelation through images seemed to invite us to tear the veil and uncover the mysterious background. But that very complete, illuminated visibility held our eyes spellbound and stopped them from penetrating deeper.
Someone who has never experienced this need to look and at the same time long to go beyond looking will hardly be able to imagine how distinctly and clearly these two processes coexist, and are felt together, in contemplating tragic myth. Genuinely aesthetic spectators will confirm that this coexistence is the most remarkable of tragedy’s distinctive effects. Now transfer this experience of the aesthetic spectator to an analogous process in the tragic artist, and you will understand the origin of tragic myth. It shares with the Apollonian artistic realm the full pleasure of seeming and looking. At the same time it denies that pleasure and finds still higher satisfaction in destroying the visible world of seeming. Tragic myth’s immediate content is an epic event glorifying a struggling hero. But where does its puzzling characteristic come from? Why are the sufferings in the hero’s fate, the most painful acts of overcoming, the most agonizing conflicts between motives—in short, examples of Silenus’s wisdom, or, in aesthetic terms, the ugly and the disharmonious—repeatedly represented in countless forms with such fondness, precisely during a people’s most flourishing and youthful age? Must it not be because a higher pleasure is perceived in all this?
That life really is so tragic would do very little to explain the origin of an art form. After all, art is not merely an imitation of natural reality. It is a metaphysical addition to natural reality, placed beside it in order to overcome it. Insofar as tragic myth belongs to art at all, it fully shares this metaphysical aim of transfiguration that belongs to art as a whole. But what does it transfigure when it presents the world of appearances through the image of a suffering hero? Least of all the “reality” of that world of appearances, since it tells us precisely: “Look! Look closely! This is your life! This is the hour hand on the clock of your existence!”
Did myth show this life in order to transfigure it for us by doing so? If not, where does the aesthetic pleasure lie with which we let these images too pass before us? I am asking about aesthetic pleasure. I know very well that many of these images can sometimes also produce moral enjoyment, perhaps in the form of compassion or a moral triumph. But anyone wanting to derive the tragic effect solely from these moral sources, as has been customary in aesthetics for far too long, should not imagine that he has thereby done something for art. Art must demand purity in its own realm above all. The first requirement in explaining tragic myth is precisely to seek its distinctive pleasure within the purely aesthetic sphere, without straying into compassion, fear, or moral sublimity. How can the ugly and the disharmonious, the content of tragic myth, awaken aesthetic pleasure?
Here we need to make a bold leap into a metaphysics of art. I repeat the earlier proposition that existence and the world appear justified only as an aesthetic phenomenon. In this sense, tragic myth in particular must convince us that even the ugly and the disharmonious are an artistic game the will plays with itself in the eternal fullness of its pleasure. This original phenomenon of Dionysian art is difficult to grasp. It becomes directly understandable and immediately accessible only through the remarkable significance of musical dissonance. More generally, music placed beside the world can alone give us an idea of what it means to justify the world as an aesthetic phenomenon. The pleasure produced by tragic myth comes from the same home as the pleasurable feeling of dissonance in music. The Dionysian, with its primal pleasure perceived even in pain, is the common womb from which music and tragic myth are born.
Have we not now made the difficult problem of the tragic effect much easier by bringing in the musical relationship of dissonance? We now understand what it means, in tragedy, to want to look and at the same time long to go beyond looking. With dissonance used artistically, we would have to describe the same state by saying that we want to hear and at the same time long to go beyond hearing. That reaching toward infinity, that beating of longing’s wings amid the greatest pleasure in clearly perceived reality, reminds us that in both states we must recognize a Dionysian phenomenon. Again and again it reveals the playful building and smashing of the world of individuals as an outpouring of primal pleasure. It is much like Heraclitus the Obscure’s comparison of the world-forming power to a child who moves stones back and forth in play, builds piles of sand, and knocks them down again.
To judge a people’s Dionysian capacity correctly, we therefore must think not only of its music. We must just as necessarily consider its tragic myth as the second witness to that capacity. Given this extremely close relationship between music and myth, we can likewise suppose that the degeneration and corruption of one will be linked to the withering of the other, if a weakening of myth expresses a weakening of Dionysian power at all. A look at the development of German life should leave us in no doubt about either. In opera and in the abstract character of our existence without myth, in art degraded to mere amusement and in a life guided by concepts, we discovered the nature of Socratic optimism: equally unartistic and destructive of life. For our comfort, however, there were signs that the German mind nevertheless rests and dreams in an inaccessible depth, undestroyed in its splendid health, depth, and Dionysian strength, like a knight who has sunk into sleep. From that depth the Dionysian song rises to us, letting us understand that this German knight still dreams his ancient Dionysian myth in visions both blessed and solemn. Let no one believe that the German mind has lost its mythical home forever, when it still understands so clearly the birds’ voices telling of that home. One day it will find itself awake, with all the freshness of morning after an immense sleep. Then it will kill dragons, destroy the treacherous dwarfs, and awaken Brünnhilde. Even Wotan’s spear will not be able to block its way!
My friends, you who believe in Dionysian music also know what tragedy means for us. In it we have tragic myth, reborn from music. In that myth you may hope for everything and forget what is most painful! What is most painful for us all is the long degradation in which German genius lived, estranged from house and home, serving treacherous dwarfs. You understand these words, just as you will understand my hopes in the end.
Section 25
Musik und tragischer Mythus sind in gleicher Weise Ausdruck der dionysischen Befähigung eines Volkes und von einander untrennbar. Beide entstammen einem Kunstbereiche, das jenseits des Apollinischen liegt; beide verklären eine Region, in deren Lustaccorden die Dissonanz eben so wie das schreckliche Weltbild reizvoll verklingt; beide spielen mit dem Stachel der Unlust, ihren überaus mächtigen Zauberkünsten vertrauend; beide rechtfertigen durch dieses Spiel die Existenz selbst der „schlechtesten Welt.“ Hier zeigt sich das Dionysische, an dem Apollinischen gemessen, als die ewige und ursprüngliche Kunstgewalt, die überhaupt die ganze Welt der Erscheinung in's Dasein ruft: in deren Mitte ein neuer Verklärungsschein nöthig wird, um die belebte Welt der Individuation im Leben festzuhalten. Könnten wir uns eine Menschwerdung der Dissonanz denken—und was ist sonst der Mensch?—so würde diese Dissonanz, um leben zu können, eine herrliche Illusion brauchen, die ihr einen Schönheitsschleier über ihr eignes Wesen decke. Dies ist die wahre Kunstabsicht des Apollo: in dessen Namen wir alle jene zahllosen Illusionen des schönen Scheins zusammenfassen, die in jedem Augenblick das Dasein überhaupt lebenswerth machen und zum Erleben des nächsten Augenblicks drängen.
Dabei darf von jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen Untergrunde der Welt, genau nur soviel dem menschlichen Individuum in's Bewusstsein treten, als von jener apollinischen Verklärungskraft wieder überwunden werden kann, so dass diese beiden Kunsttriebe ihre Kräfte in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetze ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genöthigt sind. Wo sich die dionysischen Mächte so ungestüm erheben, wie wir dies erleben, da muss auch bereits Apollo, in eine Wolke gehüllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen üppigste Schönheitswirkungen wohl eine nächste Generation schauen wird.
Dass diese Wirkung aber nöthig sei, dies würde Jeder am sichersten, durch Intuition, nachempfinden, wenn er einmal, sei es auch im Traume, in eine althellenische Existenz sich zurückversetzt fühlte: im Wandeln unter hohen ionischen Säulengängen, aufwärtsblickend zu einem Horizont, der durch reine und edle Linien abgeschnitten ist, neben sich Wiederspiegelungen seiner verklärten Gestalt in leuchtendem Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart bewegte Menschen, mit harmonisch tönenden Lauten und rhythmischer Gebärdensprache—würde er nicht, bei diesem fortwährenden Einströmen der Schönheit, zu Apollo die Hand erhebend ausrufen müssen: „Seliges Volk der Hellenen! Wie gross muss unter euch Dionysus sein, wenn der delische Gott solche Zauber für nöthig hält, um euren dithyrambischen Wahnsinn zu heilen“!—Einem so Gestimmten dürfte aber ein greiser Athener, mit dem erhabenen Auge des Aeschylus zu ihm aufblickend, entgegnen: „Sage aber auch dies, du wunderlicher Fremdling: wie viel musste dies Volk leiden, um so schön werden zu können! Jetzt aber folge mir zur Tragödie und opfere mit mir im Tempel beider Gottheiten“!
Music and tragic myth equally express a people’s Dionysian capacity and cannot be separated. Both come from an artistic realm beyond the Apollonian. Both transfigure a region in whose chords of pleasure dissonance, like the terrifying picture of the world, fades away with a seductive sound. Both play with the sting of distress, trusting their extraordinarily powerful magic. Through this play, both justify the existence even of the “worst world.” Here, measured against the Apollonian, the Dionysian reveals itself as the eternal and original artistic power that calls the whole world of appearances into existence. Within that world a new, transfiguring semblance becomes necessary to keep the living world of individual existence attached to life. If we could imagine dissonance becoming human—and what else is a human being?—that dissonance would need a splendid illusion in order to live, an illusion covering its own nature with a veil of beauty. This is Apollo’s true artistic purpose. Under his name we gather all those countless illusions of beautiful seeming that make existence worth living at every moment and urge us to experience the next one.
Yet only so much of that foundation of all existence, the world’s Dionysian ground, may enter an individual’s consciousness as the Apollonian power of transfiguration can overcome again. These two artistic drives are therefore forced to develop their strengths in strict proportion to each other, according to the law of eternal justice. Where the Dionysian powers rise as violently as we are witnessing, Apollo must already have descended to us wrapped in a cloud. A coming generation will probably see the richest effects of his beauty.
Anyone could feel most surely, through intuition, why that effect is necessary if he once felt himself transported back into ancient Greek life, even in a dream. Imagine walking beneath tall Ionic colonnades, looking up toward a horizon cut off by pure and noble lines, with reflections of your transfigured figure beside you in shining marble. All around are people walking solemnly or moving gently, their voices sounding harmoniously and their gestures moving in rhythm. With beauty continually pouring in like this, would you not have to raise your hand to Apollo and cry: “How fortunate you Greek people are! How great Dionysus must be among you, if the Delian god thinks such spells necessary to heal your dithyrambic madness!” But an old Athenian, looking up at someone in this mood with Aeschylus’s sublime gaze, might reply: “But say this too, strange visitor: how much this people must have suffered to become so beautiful! Now follow me to tragedy, and sacrifice with me in the temple of both gods!”