The Antichrist
Preface
German
Der Antichrist
Fluch auf das Christentum
Dies Buch gehört den wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch keiner von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehn: wie dürfte ich mich mit denen verwechseln, für welche heute schon Ohren wachsen? — Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren.
Die Bedingungen, unter denen man mich versteht und dann mit Notwendigkeit versteht — ich kenne sie nur zu genau. Man muß rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muß geübt sein, auf Bergen zu leben — das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker-Selbstsucht unter sich zu sehn. Man muß gleichgültig geworden sein, man muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie einem Verhängnis wird… Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen niemand heute den Mut hat; der Mut zum Verbotenen; die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie großen Stils: seine Kraft, seine Begeisterung beisammenbehalten… Die Ehrfurcht vor sich; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit-gegen sich…
Wohlan! Das allein sind meine Leser, meine rechten Leser, meine vorherbestimmten Leser: was liegt am Rest? — Der Rest ist bloß die Menschheit. — Man muß der Menschheit überlegen sein durch Kraft, durch Höhe der Seele — durch Verachtung …
Friedrich Nietzsche
English
The Antichrist
A Curse on Christianity
This book belongs to very few people. Perhaps none of them is alive yet. They may be the people who understand my Zarathustra. How could I confuse myself with those for whom ears are already growing today?—Only the day after tomorrow belongs to me. Some people are born after their deaths.
I know only too well the conditions under which people understand me, and then understand me of necessity. You must be honest in intellectual matters to the point of harshness, just to bear my seriousness, my passion. You must be used to living on mountains—to seeing the wretched chatter of the day about politics and national selfishness below you. You must have become indifferent. You must never ask whether the truth is useful, whether it will be your downfall… A strength that prefers questions no one today has the courage to ask; courage for what is forbidden; being destined for the labyrinth. Experience gained in seven solitudes. New ears for new music. New eyes for the most distant things. A new conscience for truths that have so far stayed silent. And the will to manage your resources on a grand scale: to keep your strength, your enthusiasm together… Deep respect for yourself; love for yourself; complete freedom in dealing with yourself…
Well then! These alone are my readers, my true readers, my destined readers. What does the rest matter?—The rest is only humanity.—You must stand above humanity through strength, through height of soul—through contempt…
Friedrich Nietzsche
Sections 1–10
1 — Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer — wir wissen gut genug, wie abseits wir leben. »Weder zu Lande noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden«: das hat schon Pindar von uns gewußt. Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes — unser Leben, unser Glück… Wir haben das Glück entdeckt, wir wissen den Weg, wir fanden den Ausgang aus ganzen Jahrtausenden des Labyrinths. Wer fand ihn sonst? — Der moderne Mensch etwa? — »Ich weiß nicht aus noch ein; ich bin alles, was nicht aus noch ein weiß« — seufzt der moderne Mensch … An dieser Modernität waren wir krank — am faulen Frieden, am feigen Kompromiß, an der ganzen tugendhaften Unsauberkeit des modernen Ja und Nein. Diese Toleranz und largeur des Herzens, die alles »verzeiht«, weil sie alles »begreift«, ist Schirokko für uns. Lieber im Eise leben, als unter modernen Tugenden und andern Südwinden!… Wir waren tapfer genug, wir schonten weder uns noch andere: aber wir wußten lange nicht, wohin mit unsrer Tapferkeit. Wir wurden düster, man hieß uns Fatalisten. Unser Fatum — das war die Fülle, die Spannung, die Stauung der Kräfte. Wir dürsteten nach Blitz und Taten, wir blieben am fernsten vom Glück der Schwächlinge, von der »Ergebung«… Ein Gewitter war in unsrer Luft, die Natur, die wir sind, verfinsterte sich — denn wir hatten keinen Weg. Formel unsres Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel…
2 Was ist gut? — Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.
Was ist schlecht? — Alles, was aus der Schwäche stammt.
Was ist Glück? — Das Gefühl davon, daß die Macht wächst — daß ein Widerstand überwunden wird.
Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtú, moralinfreie Tugend).
Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
Was ist schädlicher als irgendein Laster? — Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen — das Christentum …
3 Nicht was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle (- der Mensch ist ein Ende —): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.
Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare — und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch —der Christ…
4 Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der »Fortschritt« ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgendwelcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.
In einem andern Sinne gibt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Kulturen heraus, mit denen in der Tat sich ein höherer Typus darstellt: etwas, das im Verhältnis zur Gesamt-Menschheit eine Art Übermensch ist. Solche Glücksfälle des großen Gelingens waren immer möglich und werden vielleicht immer möglich sein. Und selbst ganze Geschlechter, Stämme, Völker können unter Umständen einen solchen Treffer darstellen.
5 Man soll das Christentum nicht schmücken und herausputzen: es hat einen Todkrieg gegen diesen höheren Typus Mensch gemacht, es hat alle Grundinstinkte dieses Typus in Bann getan, es hat aus diesen Instinkten das Böse, den Bösen herausdestilliert — der starke Mensch als der typisch Verwerfliche, der »verworfene Mensch«. Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißratnen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht; es hat die Vernunft selbst der geistig stärksten Naturen verdorben, indem es die obersten Werte der Geistigkeit als sündhaft, als irreführend, als Versuchungen empfinden lehrte. Das jammervollste Beispiel: die Verderbnis Pascals, der an die Verderbnis seiner Vernunft durch die Erbsünde glaubte, während sie nur durch sein Christentum verdorben war! —
6 Es ist ein schmerzliches, ein schauerliches Schauspiel, das mir aufgegangen ist: ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen. Dies Wort, in meinem Munde, ist wenigstens gegen einen Verdacht geschützt: daß es eine moralische Anklage des Menschen enthält. Es ist — ich möchte es nochmals unterstreichen — moralinfrei gemeint: und dies bis zu dem Grade, daß jene Verdorbenheit gerade dort von mir am stärksten empfunden wird, wo man bisher am bewußtesten zur »Tugend«, zur »Göttlichkeit« aspirierte. Ich verstehe Verdorbenheit, man errät es bereits, im Sinne von décadence: meine Behauptung ist, daß alle Werte, in denen jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfaßt, décadence-Werte sind.
Ich nenne ein Tier, eine Gattung, ein Individuum verdorben, wenn es seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachteilig ist. Eine Geschichte der »höheren Gefühle«, der »Ideale der Menschheit« — und es ist möglich, daß ich sie erzählen muß — wäre beinahe auch die Erklärung dafür, weshalb der Mensch so verdorben ist. Das Leben selbst gilt mir als Instinkt für Wachstum, für Dauer, für Häufung von Kräften, für Macht: wo der Wille zur Macht fehlt, gibt es Niedergang. Meine Behauptung ist, daß allen obersten Werten der Menschheit dieser Wille fehlt — daß Niedergangs-Werte, nihilistische Werte unter den heiligsten Namen die Herrschaft führen.
7 Man nennt das Christentum die Religion des Mitleidens. — Das Mitleiden steht im Gegensatz zu den tonischen Affekten, welche die Energie des Lebensgefühls erhöhn: es wirkt depressiv. Man verliert Kraft, wenn man mitleidet. Durch das Mitleiden vermehrt und vervielfältigt sich die Einbuße an Kraft noch, die an sich schon das Leiden dem Leben bringt. Das Leiden selbst wird durch das Mitleiden ansteckend; unter Umständen kann mit ihm eine Gesamt-Einbuße an Leben und Lebens-Energie erreicht werden, die in einem absurden Verhältnis zum Quantum der Ursache steht (— der Fall vom Tode des Nazareners). Das ist der erste Gesichtspunkt; es gibt aber noch einen wichtigeren. Gesetzt, man mißt das Mitleiden nach dem Werte der Reaktionen, die es hervorzubringen pflegt, so erscheint sein lebensgefährlicher Charakter in einem noch viel helleren Lichte. Das Mitleiden kreuzt im ganzen großen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selektion ist. Es erhält, was zum Untergange reif ist, es wehrt sich zugunsten der Enterbten und Verurteilten des Lebens, es gibt durch die Fülle des Mißratenen aller Art, das es im Leben festhält, dem Leben selbst einen düsteren und fragwürdigen Aspekt. Man hat gewagt, das Mitleiden eine Tugend zu nennen (— in jeder vornehmen Moral gilt es als Schwäche —); man ist weitergegangen, man hat aus ihm die Tugend, den Boden und Ursprung aller Tugenden gemacht — nur freilich, was man stets im Auge behalten muß, vom Gesichtspunkt einer Philosophie aus, welche nihilistisch war, welche die Verneinung des Lebens auf ihr Schild schrieb. Schopenhauer war in seinem Recht damit: durch das Mitleid wird das Leben verneint, verneinungswürdiger gemacht — Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. Nochmals gesagt: dieser depressive und kontagiöse Instinkt kreuzt jene Instinkte, welche auf Erhaltung und Wert-Erhöhung des Lebens aus sind: er ist ebenso als Multiplikator des Elends wie als Konservator alles Elenden ein Hauptwerkzeug zur Steigerung der décadence — Mitleiden überredet zum Nichts! … Man sagt nicht »Nichts«: man sagt dafür »Jenseits«: oder »Gott«; oder »das wahre Leben«; oder Nirvana, Erlösung, Seligkeit… Diese unschuldige Rhetorik aus dem Reich der religiös-moralischen Idiosynkrasie erscheint sofort viel weniger unschuldig, wenn man begreift, welche Tendenz hier den Mantel sublimer Worte um sich schlägt: die lebensfeindliche Tendenz. Schopenhauer war lebensfeindlich: deshalb wurde ihm das Mitleid zur Tugend … Aristoteles sah, wie man weiß, im Mitleiden einen krankhaften und gefährlichen Zustand, dem man gut täte, hier und da durch ein Purgativ beizukommen: er verstand die Tragödie als Purgativ. Vom Instinkte des Lebens aus müßte man in der Tat nach einem Mittel suchen, einer solchen krankhaften und gefährlichen Häufung des Mitleids, wie sie der Fall Schopenhauer (und leider auch unsre gesamte literarische und artistische décadence von St. Petersburg bis Paris, von Tolstoi bis Wagner) darstellt, einen Stich zu versetzen: damit sie platzt… Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid. Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen — das gehört zu uns, das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind wir Philosophen, wir Hyperboreer! —
8 Es ist notwendig zu sagen, wen wir als unsern Gegensatz fühlen — die Theologen und alles, was Theologen-Blut im Leibe hat — unsre ganze Philosophie… Man muß das Verhängnis aus der Nähe gesehn haben, noch besser, man muß es an sich erlebt, man muß an ihm fast zugrunde gegangen sein, um hier keinen Spaß mehr zu verstehn — (die Freigeisterei unsrer Herren Naturforscher und Physiologen ist in meinen Augen ein Spaß — ihnen fehlt die Leidenschaft in diesen Dingen, das Leiden an ihnen —). Jene Vergiftung reicht viel weiter, als man denkt: ich fand den Theologen-Instinkt des Hochmuts überall wieder, wo man sich heute als »Idealist« fühlt — wo man, vermöge einer höheren Abkunft, ein Recht in Anspruch nimmt, zur Wirklichkeit überlegen und fremd zu blicken … Der Idealist hat, ganz wie der Priester, alle großen Begriffe in der Hand (— und nicht nur in der Hand!), er spielt sie mit einer wohlwollenden Verachtung gegen den »Verstand«, die »Sinne«, die »Ehren«, das »Wohlleben«, die »Wissenschaft« aus, er sieht dergleichen unter sich, wie schädigende und verführerische Kräfte, über denen »der Geist« in reiner Fürsich-heit schwebt — als ob nicht Demut, Keuschheit, Armut, Heiligkeit mit einem Wort, dem Leben bisher unsäglich mehr Schaden getan hätten, als irgendwelche Furchtbarkeiten und Laster … Der reine Geist ist die reine Lüge… Solange der Priester noch als eine höhere Art Mensch gilt, dieser Verneiner, Verleumder, Vergifter des Lebens von Beruf, gibt es keine Antwort auf die Frage: was ist Wahrheit? Man hat bereits die Wahrheit auf den Kopf gestellt, wenn der bewußte Advokat des Nichts und der Verneinung als Vertreter der »Wahrheit« gilt…
9 Diesem Theologen-Instinkte mache ich den Krieg: ich fand seine Spur überall. Wer Theologen-Blut im Leibe hat, steht von vornherein zu allen Dingen schief und unehrlich. Das Pathos, das sich daraus entwickelt, heißt sich Glaube: das Auge ein für alle Mal vor sich schließen, um nicht am Aspekt unheilbarer Falschheit zu leiden. Man macht bei sich eine Moral, eine Tugend, eine Heiligkeit aus dieser fehlerhaften Optik zu allen Dingen, man knüpft das gute Gewissen an das Falschsehen — man fordert, daß keine andre Art Optik mehr Wert haben dürfe, nachdem man die eigne mit den Namen »Gott«, »Erlösung«, »Ewigkeit« sakrosankt gemacht hat. Ich grub den Theologen-Instinkt noch überall aus: er ist die verbreitetste, die eigentlich unterirdische Form der Falschheit, die es auf Erden gibt. Was ein Theologe als wahr empfindet, das muß falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit. Es ist sein unterster Selbsterhaltungs-Instinkt, der verbietet, daß die Realität in irgendeinem Punkte zu Ehren oder auch nur zu Worte käme. So weit der Theologen-Einfluß reicht, ist das Wert-Urteil auf den Kopf gestellt, sind die Begriffe »wahr« und »falsch« notwendig umgekehrt: was dem Leben am schädlichsten ist, das heißt hier »wahr«, was es hebt, steigert, bejaht, rechtfertigt und triumphieren macht, das heißt »falsch«… Kommt es vor, daß Theologen durch das »Gewissen« der Fürsten (oder der Völker —) hindurch nach der Macht die Hand ausstrecken, zweifeln wir nicht, was jedesmal im Grunde sich begibt: der Wille zum Ende, der nihilistische Wille will zur Macht…
10 Unter Deutschen versteht man sofort, wenn ich sage, daß die Philosophie durch Theologen-Blut verderbt ist. Der protestantische Pfarrer ist Großvater der deutschen Philosophie, der Protestantismus selbst ihr peccatum originale. Definition des Protestantismus: die halbseitige Lähmung des Christentums — und der Vernunft… Man hat nur das Wort »Tübinger Stift« auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist — eine hinterlistige Theologie… Die Schwaben sind die besten Lügner in Deutschland, sie lügen unschuldig… Woher das Frohlocken, das beim Auftreten Kants durch die deutsche Gelehrtenwelt ging, die zu drei Vierteln aus Pfarrer- und Lehrer-Söhnen besteht — woher die deutsche Überzeugung, die auch heute noch ihr Echo findet, daß mit Kant eine Wendung zum Besseren beginne? Der Theologen-Instinkt im deutschen Gelehrten erriet, was nunmehr wieder möglich war… Ein Schleichweg zum alten Ideal stand offen, der Begriff »wahre Welt«, der Begriff der Moral als Essenz der Welt (— diese zwei bösartigsten Irrtümer, die es gibt!) waren jetzt wieder, dank einer verschmitzt-klugen Skepsis, wenn nicht beweisbar, so doch nicht mehr widerlegbar … Die Vernunft, das Recht der Vernunft reicht nicht so weit… Man hatte aus der Realität eine »Scheinbarkeit« gemacht; man hatte eine vollkommen erlogne Welt, die des Seienden, zur Realität gemacht… Der Erfolg Kants ist bloß ein Theologen-Erfolg: Kant war, gleich Luther, gleich Leibniz, ein Hemmschuh mehr in der an sich nicht taktfesten deutschen Rechtschaffenheit — —
1 —Let's look each other in the face. We are Hyperboreans—we know well enough how far from everyone else we live. “Neither by land nor by water will you find the way to the Hyperboreans”: Pindar already knew that about us. Beyond the north, the ice, death—our life, our happiness… We have discovered happiness. We know the way. We found the exit from a labyrinth that lasted whole thousands of years. Who else found it?—Modern people, perhaps?—“I don't know which way to turn; I am everything that doesn't know which way to turn,” the modern person sighs… We were sick from this modernity—from its rotten peace, its cowardly compromises, all the virtuous filth of its Yes and No. This tolerance and open-heartedness, which “forgives” everything because it “understands” everything, is a sirocco to us. Better to live in ice than among modern virtues and other south winds!… We were brave enough. We spared neither ourselves nor anyone else. But for a long time we didn't know where to direct our courage. We grew gloomy; people called us fatalists. Our fate was fullness, tension, a buildup of forces. We thirsted for lightning and action. Nothing was further from us than the happiness of weaklings, than “resignation”… A thunderstorm was in our air. Our very nature grew dark—because we had no path. The formula for our happiness: a Yes, a No, a straight line, a goal…
2 What is good?—Everything that increases the feeling of power, the will to power, power itself in a person.
What is bad?—Everything that comes from weakness.
What is happiness?—The feeling that power is growing—that resistance is being overcome.
Not contentment, but more power; not peace as such, but war; not virtue, but ability (virtue in the Renaissance style, excellence, virtue free of moralizing).
The weak and the failures should perish: the first principle of our love of humanity. And they should even be helped to do it.
What is more harmful than any vice?—Acting out of pity for all the failures and the weak—Christianity…
3 The problem I am posing here is not what should replace humanity in the succession of beings (the human being is an end). It is what type of human being we should breed, should want, as more valuable, more worthy of life, more certain of a future.
This more valuable type has appeared often enough already. But it has appeared as a lucky accident, an exception, never as something intended. In fact, this type has been feared more than any other. Until now it has been almost the thing to fear. That fear led people to want, breed, and achieve the opposite type: the domestic animal, the herd animal, the sick human animal—the Christian…
4 Humanity is not developing into something better or stronger or higher in the way people now believe. “Progress” is just a modern idea, which means a false idea. In value, today's European is far below the European of the Renaissance. Further development is simply not necessarily a rise, an increase, a strengthening.
In another sense, individual cases keep turning out well in very different parts of the earth and in very different cultures. In these cases a higher type really does appear: something that is a kind of superhuman being compared with humanity as a whole. Such lucky cases of great success have always been possible and perhaps always will be. Under certain conditions, even whole families, tribes, and peoples can be such a success.
5 We should not dress Christianity up and make it look pretty. It has fought a war to the death against this higher human type. It has outlawed all this type's basic instincts. From these instincts it has distilled evil and the evil person—the strong person as the standard example of someone wicked, the “rejected person.” Christianity has sided with everything weak, low, and failed. It has made an ideal out of opposition to the instincts that preserve strong life. It has corrupted the reason of even people with the strongest minds by teaching them to see the highest intellectual values as sinful, misleading, as temptations. The most pitiful example is Pascal's corruption. He believed that original sin had corrupted his reason, when only his Christianity had corrupted it!—
6 A painful, horrifying sight has opened up before me: I pulled back the curtain on human corruption. In my mouth, at least, this word is safe from one suspicion: that it contains a moral accusation against humanity. It is meant—I want to stress this again—without moralizing. So much so that I feel this corruption most strongly precisely where people have most consciously aimed at “virtue,” at “divinity.” By corruption, as you will already have guessed, I mean decadence. My claim is that all the values in which humanity now sums up what it most desires are values of decadence.
I call an animal, a species, an individual corrupt when it loses its instincts, when it chooses, when it prefers, what harms it. A history of the “higher feelings,” of the “ideals of humanity”—and I may have to tell that history—would almost also explain why humanity is so corrupt. I regard life itself as an instinct for growth, for endurance, for gathering strength, for power. Where the will to power is missing, there is decline. My claim is that all humanity's highest values lack this will—that values of decline, nihilistic values, rule under the holiest names.
7 Christianity is called the religion of pity.—Pity works against the feelings that strengthen us and heighten our sense of being alive: it depresses us. We lose strength when we feel pity. Pity increases and multiplies the loss of strength that suffering already brings to life on its own. Pity makes suffering itself contagious. In some circumstances it can produce a total loss of life and vital energy absurdly out of proportion to the size of its cause—the case of the Nazarene's death. That is the first point of view, but there is a more important one. Suppose we measure pity by the value of the reactions it usually produces. Then its life-threatening character appears in a much clearer light. On the whole, pity works against the law of development, which is the law of selection. It preserves what is ripe for destruction. It fights on behalf of those disinherited and condemned by life. By the mass of failures of every kind that it keeps alive, it makes life itself look gloomy and questionable. People have dared to call pity a virtue—in every noble morality it counts as weakness. They have gone further, making it the virtue, the foundation and source of all virtues. But this was, of course—and we must always keep this in mind—from the standpoint of a nihilistic philosophy, a philosophy that wrote the denial of life on its banner. Schopenhauer was right about this: pity denies life and makes it more deserving of denial—pity is the practice of nihilism. To say it again: this depressing and contagious instinct works against the instincts aimed at preserving life and increasing its value. Both as a multiplier of misery and as a preserver of everything miserable, it is a chief tool for increasing decadence—pity persuades people to choose nothingness!… People don't say “nothingness.” Instead they say “the beyond,” or “God,” or “the true life,” or nirvana, redemption, bliss… This innocent rhetoric from the realm of religious and moral peculiarities at once looks much less innocent when we understand what tendency is wrapping itself in a cloak of sublime words here: the tendency hostile to life. Schopenhauer was hostile to life: that is why pity became a virtue for him… Aristotle, as we know, saw pity as a sick and dangerous condition best treated with a purgative now and then. He understood tragedy as a purgative. From the standpoint of life's instinct, we really should look for a way to puncture such a sick and dangerous buildup of pity as the case of Schopenhauer represents—and, unfortunately, so does our whole literary and artistic decadence, from St. Petersburg to Paris, from Tolstoy to Wagner—so that it bursts… Nothing in our unhealthy modern world is unhealthier than Christian pity. To be a doctor here, to be ruthless here, to wield the knife here—that is our business, that is our kind of love for humanity, that is what makes us philosophers, us Hyperboreans!—
8 We need to say whom we see as our opposite—the theologians and everything with theologians' blood in its body—our whole philosophy… You must have seen this disaster up close. Better still, you must have experienced it yourself, must have almost perished from it, to stop taking anything lightly here. (To my eyes, the freethinking of our natural scientists and physiologists is a joke. They lack passion in these matters, the suffering over them.) This poisoning reaches much further than people think. I have found the theologian's instinctive arrogance everywhere people today feel themselves to be “idealists”—where they claim, on the strength of some higher ancestry, the right to look down on reality as something foreign to them… Just like the priest, the idealist has all the great concepts in his hands—and not just in his hands! With kindly contempt, he plays them off against “understanding,” “the senses,” “honors,” “good living,” “science.” He sees such things as beneath him, as harmful and seductive forces above which “the spirit” floats, purely on its own—as though humility, chastity, poverty, holiness in a word, had not done unspeakably more harm to life up to now than any horrors or vices… Pure spirit is pure falsehood… As long as the priest still counts as a higher kind of human being—this denier, slanderer, and poisoner of life by profession—there is no answer to the question: what is truth? Truth has already been turned upside down when the conscious advocate of nothingness and denial counts as the representative of “truth”…
9 I make war on this theologian's instinct: I have found its traces everywhere. Anyone with theologians' blood in his body takes a crooked, dishonest position toward everything from the start. The passionate attitude that develops from this calls itself faith: shutting your eyes to yourself once and for all, to avoid suffering at the sight of incurable falsehood. You turn this faulty way of seeing everything into your own morality, virtue, holiness. You attach a good conscience to seeing falsely. Once you have made your own outlook sacred with the names “God,” “redemption,” “eternity,” you demand that no other outlook be allowed any value. Wherever I dug, I uncovered the theologian's instinct. It is the most widespread form of falsehood on earth, the truly underground form. What a theologian feels to be true must be false. That almost gives us a test for truth. His deepest instinct of self-preservation forbids reality to be honored on any point, or even allowed a word. Wherever the theologian's influence reaches, value judgments are turned upside down, and the concepts “true” and “false” are necessarily reversed. What harms life most is called “true” here. What lifts it, strengthens it, affirms it, justifies it, and makes it triumph is called “false”… When theologians reach for power through the “conscience” of rulers (or of peoples), let us not doubt what is really happening each time: the will to the end, the nihilistic will, wants power…
10 Germans understand at once when I say that philosophy is corrupted by theologians' blood. The Protestant pastor is the grandfather of German philosophy; Protestantism itself is its original sin. Definition of Protestantism: paralysis of one side of Christianity—and of reason… You only have to say “Tübingen Seminary” to understand what German philosophy really is—a sneaky theology… The Swabians are Germany's best liars. They lie innocently… Why did rejoicing sweep through the German scholarly world when Kant appeared—a world in which three quarters were sons of pastors and teachers? Why the German conviction, still echoed today, that Kant marked a turn for the better? The theologian's instinct in the German scholar guessed what was now possible again… A back way to the old ideal stood open. Thanks to a sly, clever skepticism, the idea of the “true world,” the idea of morality as the essence of the world—the two most malignant errors there are!—could once again, if not be proved, at least no longer be refuted… Reason, the authority of reason, does not reach that far… Reality had been turned into “mere appearance.” A completely fabricated world, the world of true being, had been made into reality… Kant's success is only a theologian's success. Like Luther, like Leibniz, Kant was one more brake on German honesty, which has trouble keeping a steady rhythm anyway——
Sections 11–20
11 Ein Wort noch gegen Kant als Moralist. Eine Tugend muß unsre Erfindung sein, unsre persönlichste Notwehr und Notdurft: in jedem andern Sinne ist sie bloß eine Gefahr. Was nicht unser Leben bedingt, schadet ihm: eine Tugend bloß aus einem Respekts-Gefühle vor dem Begriff »Tugend«, wie Kant es wollte, ist schädlich. Die »Tugend«, die »Pflicht«, das »Gute an sich«, das Gute mit dem Charakter der Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit — Hirngespinste, in denen sich der Niedergang, die letzte Entkäftigung des Lebens, das Königsberger Chinesentum ausdrückt. Das Umgekehrte wird von den tiefsten Erhaltungs- und Wachstumsgesetzen geboten: daß jeder sich seine Tugend, seinen kategorischen Imperativ erfinde. Ein Volk geht zusrunde, wenn es seine Pflicht mit dem Pflichtbegriff überhaupt verwechselt. Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede »unpersönliche« Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion. — Daß man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat! … Der Theologen-Instinkt allein nahm ihn in Schutz! — Eine Handlung, zu der der Instinkt des Lebens zwingt, hat in der Lust ihren Beweis, eine rechte Handlung zu sein: und jener Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand die Lust als Einwand… Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? als Automat der »Pflicht«? Es ist geradezu das Rezept zur décadence, selbst zum Idiotismus… Kant wurde Idiot. — Und das war der Zeitgenosse Goethes! Dies Verhängnis von Spinne galt als der deutsche Philosoph — gilt es noch! … Ich hüte mich zu sagen, was ich von den Deutschen denke… Hat Kant nicht in der französischen Revolution den Übergang aus der unorganischen Form des Staats in die organische gesehn? Hat er sich nicht gefragt, ob es eine Begebenheit gibt, die gar nicht anders erklärt werden könne als durch eine moralische Anlage der Menschheit, so daß mit ihr, ein für allemal, die »Tendenz der Menschheit zum Guten« bewiesen sei? Antwort Kants: »das ist die Revolution.« Der fehlgreifende Instinkt in allem und jedem, die Widernatur als Instinkt, die deutsche décadence als Philosophie — das ist Kant! —
12 Ich nehme ein paar Skeptiker beiseite, den anständigen Typus in der Geschichte der Philosophie: aber der Rest kennt die ersten Forderungen der intellektuellen Rechtschaffenheit nicht. Sie machen es allesamt wie die Weiblein, alle diese großen Schwärmer und Wundertiere — sie halten die »schönen Gefühle« bereits für Argumente, den »gehobenen Busen« für einen Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung für ein Kriterium der Wahrheit. Zuletzt hat noch Kant, in »deutscher« Unschuld, diese Form der Korruption, diesen Mangel an intellektuellem Gewissen unter dem Begriff »praktische Vernunft« zu verwissenschaftlichen versucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchem Falle man sich nicht um die Vernunft zu kümmern habe, nämlich wenn die Moral, wenn die erhabne Forderung »du sollst« laut wird. Erwägt man, daß bei fast allen Völkern der Philosoph nur die Weiterentwicklung des priesterlichen Typus ist, so überrascht dieses Erbstück des Priesters, die Falschmünzerei vor sich selbst, nicht mehr. Wenn man heilige Aufgaben hat, zum Beispiel die Menschen zu bessern, zu retten, zu erlösen — wenn man die Gottheit im Busen trägt, Mundstück jenseitiger Imperative ist, so steht man mit einer solchen Mission bereits außerhalb aller bloß verstandesmäßigen Wertungen — selbst schon geheiligt durch eine solche Aufgabe, selbst schon der Typus einer höheren Ordnung!… Was geht einen Priester die Wissenschaft an! Er steht zu hoch dafür! — Und der Priester hat bisher geherrscht! — Er bestimmte den Begriff »wahr« und »unwahr«!…
13 Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind bereits eine »Umwertung aller Werte«, eine leibhafte Kriegsund Siegs-Erklärung an alle alten Begriffe von »wahr« und »unwahr«. Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden; aber die wertvollsten Einsichten sind die Methoden. Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaftlichkeit haben jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin war man aus dem Verkehre mit »honetten« Menschen ausgeschlossen — man galt als »Feind Gottes«, als Verächter der Wahrheit, als »Besessener«. Als wissenschaftlicher Charakter war man Tschandala… Wir haben das ganze Pathos der Menschheit gegen uns gehabt — ihren Begriff von dem, was Wahrheit sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll: jedes »du sollst« war bisher gegen uns gerichtet… Unsre Objekte, unsre Praktiken, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische Art — alles das schien ihr vollkommen unwürdig und verächtlich. — Zuletzt dürfte man, mit einiger Billigkeit, sich fragen, ob es nicht eigentlich ein ästhetischer Geschmack war, was die Menschheit in so langer Blindheit gehalten hat: sie verlangte von der Wahrheit einen pittoresken Effekt, sie verlangte insgleichen vom Erkennenden, daß er stark auf die Sinne wirke. Unsre Bescheidenheit ging ihr am längsten wider den Geschmack … Oh, wie sie das errieten, diese Truthähne Gottes — —
14 Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden. Wir leiten den Menschen nicht mehr vom »Geist«, von der »Gottheit« ab, wir haben ihn unter die Tiere zurückgestellt. Er gilt uns als das stärkste Tier, weil er das listigste ist: eine Folge davon ist seine Geistigkeit. Wir wehren uns andrerseits gegen eine Eitelkeit, die auch hier wieder laut werden möchte: wie als ob der Mensch die große Hinterabsicht der tierischen Entwicklung gewesen sei. Er ist durchaus keine Krone der Schöpfung: jedes Wesen ist, neben ihm, auf einer gleichen Stufe der Vollkommenheit … Und indem wir das behaupten, behaupten wir noch zuviel: der Mensch ist, relativ genommen, das mißratenste Tier, das krankhafteste, das von seinen Instinkten am gefährlichsten abgeirrte — freilich, mit alledem, auch das interessanteste! — Was die Tiere betrifft, so hat zuerst Descartes, mit verehrungswürdiger Kühnheit, den Gedanken gewagt, das Tier als machina zu verstehn: unsre ganze Physiologie bemüht sich um den Beweis dieses Satzes. Auch stellen wir logischerweise den Menschen nicht beiseite, wie noch Descartes tat: was überhaupt heute vom Menschen begriffen ist, geht genau so weit, als er machinal begriffen ist. Ehedem gab man dem Menschen, als seine Mitgift aus einer höheren Ordnung, den »freien Willen«: heute haben wir ihm selbst den Willen genommen, in dem Sinne, daß darunter kein Vermögen mehr verstanden werden darf. Das alte Wort »Wille« dient nur dazu, eine Resultante zu bezeichnen, eine Art individueller Reaktion, die notwendig auf eine Menge teils widersprechender, teils zusammenstimmender Reize folgt — der Wille »wirkt« nicht mehr, »bewegt« nicht mehr… Ehemals sah man im Bewußtsein des Menschen, im »Geist«, den Beweis seiner höheren Abkunft, seiner Göttlichkeit; um den Menschen zu vollenden, riet man ihm an, nach der Art der Schildkröte die Sinne in sich hineinzuziehn, den Verkehr mit dem Irdischen einzustellen, die sterbliche Hülle abzutun: dann blieb die Hauptsache von ihm zurück, der »reine Geist«. Wir haben uns auch hierüber besser besonnen: das Bewußtwerden, der »Geist«, gilt uns gerade als Symptom einer: relativen Unvollkommenheit des Organismus, als ein Versuchen, Tasten, Fehlgreifen, als eine Mühsal, bei der unnötig viel Nervenkraft verbraucht wird, — wir leugnen, daß irgend etwas vollkommen gemacht werden kann, solange es noch bewußt gemacht wird. Der »reine Geist« ist eine reine Dummheit: rechnen wir das Nervensystem und die Sinne ab, die »sterbliche Hülle«, so verrechnen wir uns — weiter nichts! …
15 Weder die Moral noch die Religion berührt sich im Christentume mit irgendeinem Punkte der Wirklichkeit. Lauter imaginäre Ursachen (»Gott«, »Seele«, »Ich«, »Geist«, »der freie Wille« — oder auch »der unfreie«): lauter imaginäre Wirkungen (»Sünde«, »Erlösung«, »Gnade«, »Strafe«, »Vergebung der Sünde«). Ein Verkehr zwischen imaginären Wesen (»Gott«, »Geister«, »Seelen«); eine imaginäre Naturwissenschaft (anthropozentrisch; völliger Mangel des Begriffs der natürlichen Ursachen); eine imganinäre Psychologie (lauter Selbst-Mißverständnisse, Interpretationen angenehmer oder unangenehmer Allgemeingefühle, zum Beispiel der Zustände des nervus sympathicus, mit Hilfe der Zeichensprache religiös-moralischer Idiosynkrasie — »Reue«, »Gewissensbiß«, »Versuchung des Teufels«, »die Nähe Gottes«); eine imaginäre Teleologie (»das Reich Gottes«, »das Jüngste Gericht«, »das ewige Leben«). — Diese reine Fiktions-Welt unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, daß letztere die Wirklichkeit widerspiegelt, während sie die Wirklichkeit fälscht, entwertet, verneint. Nachdem erst der Begriff »Natur« als Gegenbegriff zu »Gott« erfunden war, mußte »natürlich« das Wort sein für »verwerflich« — jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Haß gegen das Natürliche (— die Wirklichkeit! —), sie ist der Ausdruck eines tiefen Mißbehagens am Wirklichen … Aber damit ist alles erklärt. Wer allein hat Gründe, sich wegzulügen aus der Wirklichkeit? Wer an ihr leidet. Aber an der Wirklichkeit leiden heißt eine verunglückte Wirklichkeit sein… Das Übergewicht der Unlustgefühle über die Lustgefühle ist die Ursache einer fiktiven Moral und Religion: ein solches Übergewicht gibt aber die Formel ab für décadence…
16 Zu dem gleichen Schlusse nötigt eine Kritik des christlichen Gottesbegriffs. — Ein Volk, das noch an sich selbst glaubt, hat auch noch seinen eignen Gott. In ihm verehrt es die Bedingungen, durch die es obenauf ist, seine Tugenden, — es projiziert seine Lust an sich, sein Machtgefühl in ein Wesen, dem man dafür danken kann. Wer reich ist, will abgeben; ein stolzes Volk braucht einen Gott, um zu opfern… Religion, innerhalb solcher Voraussetzungen, ist eine Form der Dankbarkeit. Man ist für sich selber dankbar: dazu braucht man einen Gott. — Ein solcher Gott muß nützen und schaden können, muß Freund und Feind sein können — man bewundert ihn im Guten wie im Schlimmen. Die widernatürliche Kastration eines Gottes zu einem Gotte bloß des Guten läge hier außerhalb aller Wünschbarkeit. Man hat den bösen Gott so nötig als den guten: man verdankt ja die eigne Existenz nicht gerade der Toleranz, der Menschenfreundlichkeit… Was läge an einem Gotte, der nicht Zorn, Rache, Neid, Hohn, List, Gewalttat kennte? dem vielleicht nicht einmal die entzückenden ardeurs des Siegs und der Vernichtung bekannt wären? Man würde einen solchen Gott nicht verstehn: wozu sollte man ihn haben? — Freilich: wenn ein Volk zugrunde geht; wenn es den Glauben an Zukunft, seine Hoffnung auf Freiheit endgültig schwinden fühlt; wenn ihm die Unterwerfung als erste Nützlichkeit, die Tugenden der Unterworfenen als Erhaltungsbedingungen ins Bewußtsein treten, dann muß sich auch sein Gott verändern. Er wird jetzt Duckmäuser, furchtsam, bescheiden, rät zum »Frieden der Seele«, zum Nicht-mehr-hassen, zur Nachsicht, zur »Liebe« selbst gegen Freund und Feind. Er moralisiert beständig, er kriecht in die Höhle jeder Privattugend, wird Gott für jedermann, wird Privatmann, wird Kosmopolit… Ehemals stellte er ein Volk, die Stärke eines Volkes, alles Aggressive und Machtdurstige aus der Seele eines Volkes dar: jetzt ist er bloß noch der gute Gott… In der Tat, es gibt keine andre Alternative für Götter: entweder sind sie der Wille zur Macht — und so lange werden sie Volksgötter sein —, oder aber die Ohnmacht zur Macht — und dann werden sie notwendig gut…
17 Wo in irgendwelcher Form der Wille zur Macht niedergeht, gibt es jedesmal auch einen physiologischen Rückgang, eine décadence. Die Gottheit der décadence, beschnitten an ihren männlichsten Tugenden und Trieben, wird nunmehr notwendig zum Gott der Physiologisch-Zurückgezogenen, der Schwachen. Sie heißen sich selbst nicht die Schwachen, sie heißen sich »die Guten«… Man versteht, ohne daß ein Wink noch not täte, in welchen Augenblicken der Geschichte erst die dualistische Fiktion eines guten und eines bösen Gottes möglich wird. Mit demselben Instinkte, mit dem die Unterworfnen ihren Gott zum »Guten an sich« herunterbringen, streichen sie aus dem Gotte ihrer Überwinder die guten Eigenschaften aus; sie nehmen Rache an ihren Herren, dadurch daß sie deren Gott verteufeln. — Der gute Gott, ebenso wie der Teufel: beide Ausgeburten der décadence. — Wie kann man heute noch der Einfalt christlicher Theologen so viel nachgeben, um mit ihnen zu dekretieren, die Fortentwicklung des Gottesbegriffs vom »Gotte Israels«, vom Volksgotte zum christlichen Gotte, zum Inbegriff alles Guten, sei ein Fortschritt? — Aber selbst Renan tut es. Als ob Renan ein Recht auf Einfalt hätte! Das Gegenteil springt doch in die Augen. Wenn die Voraussetzungen des aufsteigenden Lebens, wenn alles Starke, Tapfere, Herrische, Stolze aus dem Gottesbegriffe eliminiert werden, wenn er Schritt für Schritt zum Symbol eines Stabs für Müde, eines Rettungsankers für alle Ertrinkenden heruntersinkt, wenn er Arme-Leute-Gott, Sünder-Gott, Kranken-Gott par excellence wird, und das Prädikat »Heiland«, »Erlöser« gleichsam übrigbleibt als göttliches Prädikat überhaupt: wovon redet eine solche Verwandlung? eine solche Reduktion des Göttlichen? — Freilich: »das Reich Gottes« ist damit größer geworden. Ehemals hatte er nur sein Volk, sein »auserwähltes« Volk. Inzwischen ging er, ganz wie sein Volk selber, in die Fremde, auf Wanderschaft, er saß seitdem nirgendswo mehr still: bis er endlich überall heimisch wurde, der große Kosmopolit — bis er »die große Zahl« und die halbe Erde auf seine Seite bekam. Aber der Gott der »großen Zahl«, der Demokrat unter den Göttern, wurde trotzdem kein stolzer Heidengott: er blieb Jude, er blieb der Gott der Winkel, der Gott aller dunklen Ecken und Stellen, aller ungesunden Quartiere der ganzen Welt!… Sein Weltreich ist nach wie vor ein Unterwelts-Reich, ein Hospital, ein souterrain-Reich, ein Ghetto-Reich… Und er selbst, so blaß, so schwach, so décadent… Selbst die blassesten der Blassen wurden noch über ihn Herr, die Herrn Metaphysiker, die Begriffs-Albinos. Diese spannen so lange um ihn herum, bis er, hypnotisiert durch ihre Bewegungen, selbst Spinne, selbst Metaphysicus wurde. Nunmehr spann er wieder die Welt aus sich heraus — sub specie Spinozae —, nunmehr transfigurierte er sich ins immer Dünnere und Blässere, ward »Ideal«, ward »reiner Geist«, ward »absolutum«, ward »Ding an sich« … Verfall eines Gottes: Gott ward »Ding an sich«…
18 Der christliche Gottesbegriff — Gott als Krankengott, Gott als Spinne, Gott als Geist — ist einer der korruptesten Gottesbegriffe, die auf Erden erreicht worden sind; er stellt vielleicht selbst den Pegel des Tiefstands in der absteigenden Entwicklung des Götter-Typus dar. Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt! Gott die Formel für jede Verleumdung des »Diesseits«, für jede Lüge vom »Jenseits«! In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen! …
19 Daß die starken Rassen des nördlichen Europa den christlichen Gott nicht von sich gestoßen haben, macht ihrer religiösen Begabung wahrlich keine Ehre — um nicht vom Geschmacke zu reden. Mit einer solchen krankhaften und altersschwachen Ausgeburt der décadence hätten sie fertig werden müssen. Aber es liegt ein Fluch dafür auf ihnen, daß sie nicht mit ihm fertig geworden sind: sie haben die Krankheit, das Alter, den Widerspruch in alle ihre Instinkte aufgenommen — sie haben seitdem keinen Gott mehr geschaffen! Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger neuer Gott! Sondern immer noch und wie zu Recht bestehend, wie ein ultimatum und maximum der gottbildenden Kraft, des creator spiritus im Menschen, dieser erbarmungswürdige Gott des christlichen Monotono-Theismus! Dies hybride Verfalls-Gebilde aus Null, Begriff und Widerspruch, in dem alle décadence-Instinkte, alle Feigheiten und Müdigkeiten der Seele ihre Sanktion haben! — —
20 Mit meiner Verurteilung des Christentums möchte ich kein Unrecht gegen eine verwandte Religion begangen haben, die der Zahl der Bekenner nach sogar überwiegt: gegen den Buddhismus. Beide gehören als nihilistische Religionen zusammen — sie sind décadence-Religionen —, beide sind voneinander in der merkwürdigsten Weise getrennt. Daß man sie jetzt vergleichen kann, dafür ist der Kritiker des Christentums den indischen Gelehrten tief dankbar. — Der Buddhismus ist hundertmal realistischer als das Christentum — er hat die Erbschaft des objektiven und kühlen Probleme-Stellens im Leibe, er kommt nach einer Hunderte von Jahren dauernden philosophischen Bewegung; der Begriff »Gott« ist bereits abgetan, als er kommt. Der Buddhismus ist die einzige eigentlich positivistische Religion, die uns die Geschichte zeigt, auch noch in seiner Erkenntnistheorie (einem strengen Phänomenalismus —), er sagt nicht mehr »Kampf gegen die Sünde«, sondern, ganz der Wirklichkeit das Recht gebend, »Kampf gegen das Leiden«. Er hat — dies unterscheidet ihn tief vom Christentum — die Selbst-Betrügerei der Moral-Begriffe bereits hinter sich, — er steht, in meiner Sprache geredet, jenseits von Gut und Böse. — Die zwei physiologischen Tatsachen, auf denen er ruht und die er ins Auge faßt, sind: einmal eine übergroße Reizbarkeit der Sensibilität, welche sich als raffinierte Schmerzfähigkeit ausdrückt, sodann eine Übergeistigung, ein allzulanges Leben in Begriffen und logischen Prozeduren, unter dem der Person-Instinkt zum Vorteil des »Unpersönlichen« Schaden genommen hat (— beides Zustände, die wenigstens einige meiner Leser, die »Objektiven«, gleich mir selbst, aus Erfahrung kennen werden). Auf Grund dieser physiologischen Bedingungen ist eine Depression entstanden: gegen diese geht Buddha hygienisch vor. Er wendet dagegen das Leben im Freien an, das Wanderleben; die Mäßigung und die Wahl in der Kost; die Vorsicht gegen alle Spirituosa; die Vorsicht insgleichen gegen alle Affekte, die Galle machen, die das Blut erhitzen; keine Sorge, weder für sich, noch für andre. Er fordert Vorstellungen, die entweder Ruhe geben oder erheitern — er erfindet Mittel, die anderen sich abzugewöhnen. Er versteht die Güte, das Gütig-sein als gesundheit-fördernd. Gebet ist ausgeschlossen, ebenso wie die Askese; kein kategorischer Imperativ, kein Zwang überhaupt, selbst nicht innerhalb der Klostergemeinschaft (- man kann wieder hinaus —). Das alles wären Mittel, um jene übergroße Reizbarkeit zu verstärken. Eben darum fordert er auch keinen Kampf gegen Andersdenkende; seine Lehre wehrt sich gegen nichts mehr als gegen das Gefühl der Rache, der Abneigung, des ressentiment (— »nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende«: der rührende Refrain des ganzen Buddhismus …). Und das mit Recht: gerade diese Affekte wären vollkommen ungesund in Hinsicht auf die diätetische Hauptabsicht. Die geistige Ermüdung, die er vorfindet und die sich in einer allzugroßen »Objektivität« (das heißt Schwächung des Individual-Interesses, Verlust an Schwergewicht, an »Egoismus«) ausdrückt, bekämpft er mit einer strengen Zurückführung auch der geistigsten Interessen auf die Person. In der Lehre Buddhas wird der Egoismus Pflicht: das »eins ist not«, das »wie kommst du vom Leiden los« reguliert und begrenzt die geistige Diät (— man darf sich vielleicht an jenen Athener erinnern, der der reinen »Wissenschaftlichkeit« gleichfalls den Krieg machte, an Sokrates, der den Personal-Egoismus auch im Reich der Probleme zur Moral erhob).
11 One more word against Kant as a moralist. A virtue must be our invention, our most personal defense and most personal need. In any other sense it is only a danger. What is not a condition of our life harms it. A virtue practiced merely out of respect for the idea of “virtue,” as Kant wanted, is harmful. “Virtue,” “duty,” the “good in itself,” the good that is impersonal and valid for everyone—these are fantasies that express decline, life's final loss of strength, the Chinese mentality of Königsberg. The deepest laws of preservation and growth command the opposite: everyone must invent their own virtue, their own categorical imperative. A people perishes when it confuses its own duty with the idea of duty in general. Nothing ruins us more deeply, more inwardly, than any “impersonal” duty, any sacrifice to the Moloch of abstraction.—How could people fail to feel that Kant's categorical imperative was a danger to life!… Only the theologian's instinct protected it!—An action forced on us by life's instinct proves itself a right action through pleasure. But that nihilist with Christian dogma in his guts saw pleasure as an objection… What destroys us faster than working, thinking, and feeling without an inner necessity, without a deeply personal choice, without pleasure? As an automaton of “duty”? It is nothing less than the recipe for decadence, even for idiocy… Kant became an idiot.—And this was Goethe's contemporary! This disastrous spider passed for the German philosopher—and still does!… I am careful not to say what I think of the Germans… Didn't Kant see the French Revolution as the transition from the inorganic form of the state to the organic? Didn't he ask himself whether there was an event that could only be explained by a moral disposition in humanity, so that it proved, once and for all, “humanity's tendency toward the good”? Kant's answer: “That is the Revolution.” An instinct that gets everything wrong, opposition to nature as an instinct, German decadence as philosophy—that is Kant!—
12 I make an exception for a few skeptics, the decent type in the history of philosophy. But the rest do not know the first requirements of intellectual honesty. All these great visionaries and wondrous creatures behave like little women. They already take “beautiful feelings” for arguments, the “swelling chest” for the bellows of divinity, conviction for a test of truth. Most recently, Kant, in his “German” innocence, even tried to make this form of corruption, this lack of intellectual conscience, scientific under the name “practical reason.” He invented a special reason for the case in which we need not bother with reason: when morality, when the lofty demand “you must,” speaks up. Consider that among almost all peoples the philosopher is only a further development of the priestly type. Then this inheritance from the priest—paying oneself with counterfeit money—is no longer surprising. When you have holy tasks—for example, to improve, save, redeem people—when you carry divinity in your breast and are the mouthpiece for commands from beyond, such a mission already places you outside all merely rational judgments. Such a task has already sanctified you yourself, already made you a type of a higher order!… What does a priest care about science! He stands too high for it!—And until now the priest has ruled!—He determined the concepts “true” and “untrue”!…
13 Let's not underestimate this: we ourselves, we free spirits, are already a “revaluation of all values,” a declaration of war and victory in the flesh against all the old ideas of “true” and “untrue.” The most valuable insights are found last. But the most valuable insights are methods. All the methods, all the basic assumptions of our present scientific approach faced the deepest contempt for thousands of years. Because of them, you were shut out of the company of “respectable” people. You were considered an “enemy of God,” someone who despised truth, someone “possessed.” With a scientific cast of mind, you were a Chandala… We had the whole passionate attitude of humanity against us—its idea of what truth should be, of what serving truth should be. Until now, every “you must” has been directed against us… Our objects of study, our practices, our quiet, cautious, distrustful way—all of this seemed completely unworthy and contemptible to humanity.—In the end, it would be fair enough to ask whether an aesthetic taste was really what kept humanity blind for so long. It demanded a visually striking effect from truth. It likewise demanded that the person seeking knowledge make a strong impression on the senses. Our modesty offended its taste longest of all… Oh, how they sensed that, those turkeys of God——
14 We have learned to think differently. We have become more modest in every respect. We no longer trace humanity back to “spirit,” to “divinity.” We have put humans back among the animals. We regard the human being as the strongest animal because it is the most cunning: its intellect is a result of this. On the other hand, we resist a vanity that wants to speak up here again, as though humanity had been the great hidden purpose of animal development. Humanity is certainly not the crown of creation. Every creature stands beside it at the same level of perfection… And in saying that, we still say too much. Relatively speaking, the human being is the animal that has turned out worst, the sickliest, the one that has strayed most dangerously from its instincts—though, for all that, also the most interesting!—As for animals, Descartes was the first to dare, with admirable boldness, to think of the animal as a machine. Our whole physiology works to prove this proposition. Logically, we do not set humans apart either, as Descartes still did. Today we understand human beings only to the extent that we understand them as machines. People once gave human beings “free will” as their endowment from a higher order. Today we have taken away even their will, in the sense that it must no longer be understood as a capacity. The old word “will” only serves to name a combined result, a kind of individual reaction that necessarily follows a mass of stimuli, some conflicting, some agreeing. The will no longer “acts,” no longer “moves” anything… People once saw human consciousness, “spirit,” as proof of humanity's higher origin, its divinity. To perfect a human being, they recommended drawing the senses inward like a turtle, stopping contact with earthly things, casting off the mortal shell. Then the essential part remained: “pure spirit.” Here too we have thought better of it. We see conscious awareness, “spirit,” as precisely a symptom of the organism's relative imperfection: an attempt, a fumbling search, a mistake, hard work that uses up an unnecessarily large amount of nervous energy. We deny that anything can be done perfectly as long as it is still done consciously. “Pure spirit” is pure stupidity. If we subtract the nervous system and the senses, the “mortal shell,” then our calculation is wrong—nothing more!…
15 In Christianity, neither morality nor religion touches reality at any point. Nothing but imaginary causes (“God,” “soul,” “I,” “spirit,” “free will”—or “unfree will”); nothing but imaginary effects (“sin,” “redemption,” “grace,” “punishment,” “forgiveness of sin”). Dealings between imaginary beings (“God,” “spirits,” “souls”); an imaginary natural science (human-centered; completely lacking the concept of natural causes); an imaginary psychology (nothing but misunderstandings of oneself, interpretations of pleasant or unpleasant general feelings—for example, states of the sympathetic nerve—using the symbolic language of religious and moral peculiarities: “repentance,” “pangs of conscience,” “temptation by the devil,” “God's nearness”); an imaginary theory of purposes (“the kingdom of God,” “the Last Judgment,” “eternal life”).—This purely fictional world differs from the dream world greatly to its own disadvantage: dreams reflect reality, while this world falsifies, devalues, and denies reality. Once the concept “nature” had been invented as the opposite of “God,” “natural” had to become the word for “reprehensible.” This entire fictional world is rooted in hatred of the natural—of reality! It expresses a deep uneasiness with what is real… But that explains everything. Who alone has reasons to lie their way out of reality? Those who suffer from it. But to suffer from reality means being a reality that has gone wrong… The cause of a fictional morality and religion is an excess of unpleasant feelings over pleasant ones. But such an excess gives us the formula for decadence…
16 A critique of the Christian idea of God forces us to the same conclusion.—A people that still believes in itself still has its own god. In him it honors the conditions that keep it on top, its virtues. It projects its delight in itself, its feeling of power, into a being it can thank for them. Those who are rich want to give something away. A proud people needs a god so it can sacrifice… Under these conditions, religion is a form of gratitude. People are grateful for themselves: that is why they need a god.—Such a god must be able to help and to harm, to be a friend and an enemy. People admire him in good things as in bad. The unnatural castration of a god into a god of goodness alone would be completely undesirable here. The evil god is needed as much as the good one. After all, people do not exactly owe their own existence to tolerance, to goodwill toward humanity… What use would a god be who knew nothing of anger, revenge, envy, mockery, cunning, violence? Who perhaps did not even know the delightful passions of victory and destruction? People would not understand such a god. What would they want him for?—Of course, when a people is perishing, when it feels its faith in the future, its hope of freedom, fading away for good, when it becomes conscious of submission as the most useful thing and the virtues of the submissive as the conditions of survival, then its god must change too. He now becomes a cringing sneak, timid, modest. He recommends “peace of soul,” no more hatred, forbearance, “love” even for friend and enemy. He moralizes constantly. He crawls into the den of every private virtue, becomes a god for everyone, becomes a private citizen, becomes a cosmopolitan… Once he represented a people, a people's strength, everything aggressive and hungry for power in a people's soul. Now he is only the good god… In fact, gods have no other alternative: either they are the will to power—and as long as they are, they will be gods of a people—or they are an inability to attain power—and then they necessarily become good…
17 Wherever the will to power declines in any form, there is always a physiological decline as well, a decadence. The deity of decadence, with its most masculine virtues and drives cut away, now necessarily becomes the god of the physically weakened, the weak. They do not call themselves the weak. They call themselves “the good”… You can understand, without another hint, at what moments in history the fiction of two opposing gods, a good god and an evil god first becomes possible. The same instinct that makes the conquered degrade their god to “goodness in itself” makes them erase the good qualities from their conquerors' god. They take revenge on their masters by turning their god into a devil.—The good god, just like the devil: both are offspring of decadence.—How can people today still give in so far to the simplemindedness of Christian theologians that they join them in declaring that the development of the idea of God from the “God of Israel,” from a people's god, to the Christian God, the embodiment of everything good, is progress?—But even Renan does it. As though Renan had a right to be simpleminded! The opposite is obvious. When the conditions of rising life, when everything strong, brave, commanding, proud is removed from the idea of God; when he sinks step by step into the symbol of a staff for the weary, a rescue anchor for all who are drowning; when he becomes the poor people's god, the sinners' god, the sick people's god above all, and “savior,” “redeemer” is, so to speak, the only divine attribute left: what does such a transformation tell us? Such a reduction of the divine?—Of course, “the kingdom of God” has grown larger as a result. Once he had only his own people, his “chosen” people. Since then, just like his people themselves, he went abroad, went wandering. After that he never stayed still anywhere, until at last he became at home everywhere, the great cosmopolitan—until he got “the great number” and half the earth on his side. But despite this, the god of “the great number,” the democrat among gods, did not become a proud pagan god. He remained a Jew, remained the god of nooks, the god of all the dark corners and places, of all the unhealthy quarters of the whole world!… His world empire is still an underworld empire, a hospital, a basement empire, a ghetto empire… And he himself, so pale, so weak, so decadent… Even the palest of the pale came to rule over him, the gentlemen metaphysicians, the albinos of concepts. They spun their webs around him until, hypnotized by their movements, he himself became a spider, a metaphysician himself. Now he spun the world out of himself again—in Spinoza's guise. Now he transformed himself into something thinner and paler all the time, became an “ideal,” became “pure spirit,” became “the absolute,” became “the thing in itself”… The decline of a god: God became “the thing in itself”…
18 The Christian idea of God—God as god of the sick, God as spider, God as spirit—is one of the most corrupt ideas of God ever reached on earth. It may even mark the low point in the downward development of the type called god. God degenerated into the opposite of life, instead of being its glorification and eternal Yes! In God, war declared on life, on nature, on the will to life! God the formula for every slander of “this world,” for every lie about “the beyond”! In God, nothingness made divine, the will to nothingness declared holy!…
19 The fact that the strong races of northern Europe have not cast off the Christian God certainly does no credit to their religious gifts—not to mention their taste. They should have finished off such a sickly, senile offspring of decadence. But a curse lies on them for not having finished him off. They have taken sickness, old age, contradiction into all their instincts. Since then they have created no more gods! Almost two thousand years and not one single new god! Instead, still standing as though by right, as though the final word and utmost limit of humanity's god-forming power, its creative spirit, this pitiful God of Christian monotonous monotheism! This hybrid product of decay, made of zero, concept, and contradiction, in which all instincts of decadence, all the soul's cowardice and weariness, are given approval!——
20 In condemning Christianity, I would not want to have wronged a related religion that even surpasses it in number of followers: Buddhism. The two belong together as nihilistic religions—they are religions of decadence—yet they differ from each other in the most remarkable ways. The critic of Christianity is deeply grateful to the Indian scholars for making it possible to compare them now.—Buddhism is a hundred times more realistic than Christianity. It has inherited an objective, cool way of posing problems. It comes after a philosophical movement lasting hundreds of years. The concept “God” has already been disposed of when it arrives. Buddhism is the only truly positivist religion that history shows us, even in its theory of knowledge, a strict phenomenalism. It no longer says “struggle against sin,” but, fully granting reality its due, “struggle against suffering.” It has already left behind the self-deception of moral concepts—this deeply separates it from Christianity. In my language, it stands beyond good and evil.—The two physiological facts on which it rests and which it addresses are: first, an excessive sensitivity to stimuli, expressed as a finely developed capacity for pain; second, excessive intellectualization, a life spent too long among concepts and logical procedures, which has damaged the personal instinct to the benefit of the “impersonal.” (Both are conditions that at least some of my readers, the “objective” ones, will know from experience, as I do myself.) These physiological conditions have produced a depression. Buddha tackles it with measures for health. Against it he prescribes life outdoors, a wandering life; moderation and care in choosing food; caution toward all liquor; caution also toward all emotions that stir up bile or heat the blood; no worries, either for yourself or for others. He calls for thoughts that either calm or cheer us. He invents ways of breaking the habit of the others. He understands goodness, being kind, as promoting health. Prayer is ruled out, as is asceticism. No categorical imperative, no compulsion at all, not even within the monastic community—you can leave again. All these would be ways to heighten that excessive sensitivity. For the same reason, he does not call for a struggle against people who think differently. His teaching opposes nothing more than the feeling of revenge, aversion, resentment. (“Hostility does not end through hostility”: the moving refrain of all Buddhism…) And rightly so: these very emotions would be completely unhealthy in view of its chief aim of regulating how we live. He finds intellectual exhaustion, expressed in an excessive “objectivity”—that is, weakened individual interest, a loss of personal weight and importance, of “egoism.” He fights it by strictly bringing even the most intellectual interests back to the person. In Buddha's teaching, egoism becomes a duty. “One thing is needed,” “how do you get free of suffering?”—these regulate and limit the intellectual diet. (We may perhaps recall that Athenian who likewise made war on pure “scientific thinking”: Socrates, who made personal egoism a moral principle even in the realm of problems.)
Sections 21–30
21 Die Voraussetzung für den Buddhismus ist ein sehr mildes Klima, eine große Sanftmut und Liberalität in den Sitten, kein Militarismus; und daß es die höheren und selbst gelehrten Stände sind, in denen die Bewegung ihren Herd hat. Man will die Heiterkeit, die Stille, die Wunschlosigkeit als höchstes Ziel, und man erreicht sein Ziel. Der Buddhismus ist keine Religion, in der man bloß auf Vollkommenheit aspiriert: das Vollkommene ist der normale Fall. —
Im Christentume kommen die Instinkte Unterworfner und Unterdrückter in den Vordergrund: es sind die niedersten Stände, die in ihm ihr Heil suchen. Hier wird als Beschäftigung, als Mit-. tel gegen die Langeweile die Kasuistik der Sünde, die Selbstkritik, die Gewissens-Inquisition geübt; hier wird der Affekt gegen einen Mächtigen, »Gott« genannt, beständig aufrecht erhalten (durch das Gebet); hier gilt das Höchste als unerreichbar, als Geschenk, als »Gnade«. Hier fehlt auch die Öffentlichkeit; der Versteck, der dunkle Raum ist christlich. Hier wird der Leib verachtet, die Hygiene als Sinnlichkeit abgelehnt; die Kirche wehrt sich selbst gegen die Reinlichkeit (— die erste christliche Maßregel nach Vertreibung der Mauren war die Schließung der öffentlichen Bäder, von denen Cordova allein 270 besaß). Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit gegen sich und andre; der Haß gegen die Andersdenkenden; der Wille, zu verfolgen. Düstere und aufregende Vorstellungen sind im Vordergrunde; die höchstbegehrten, mit den höchsten Namen bezeichneten Zustände sind Epilepsoiden; die Diät wird so gewählt, daß sie morbide Erscheinungen begünstigt und die Nerven überreizt. Christlich ist die Todfeindschaft gegen die Herren der Erde, gegen die »Vornehmen« — und zugleich ein versteckter heimlicher Wettbewerb (-- man läßt ihnen den »Leib«, man will nur die »Seele« …). Christlich ist der Haß gegen den Geist, gegen Stolz, Mut, Freiheit, libertinage des Geistes; christlich ist der Haß gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen die Freude überaupt…
22 Das Christentum, als es seinen ersten Boden verließ, die niedrigsten Stände, die Unterwelt der antiken Welt, als es unter Barbaren-Völkern nach Macht ausging, hatte hier nicht mehr müde Menschen zur Voraussetzung, sondern innerlich verwilderte und sich zerreißende — den starken Menschen, aber den mißratnen. Die Unzufriedenheit mit sich, das Leiden an sich ist hier nicht wie bei dem Buddhisten eine übermäßige Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit, vielmehr umgekehrt ein übermächtiges Verlangen nach Wehe-tun, nach Auslassung der inneren Spannung in feindseligen Handlungen und Vorstellungen. Das Christentum hatte barbarische Begriffe und Werte nötig, um über Barbaren Herr zu werden: solche sind das Erstlingsopfer, das Bluttrinken im Abendmahl, die Verachtung des Geistes und der Kultur; die Folterung in allen Formen, sinnlich und unsinnlich; der große Pomp des Kultus. Der Buddhismus ist eine Religion für späte Menschen, für gütige, sanfte, übergeistig gewordne Rassen, die zu leicht Schmerz empfinden (— Europa ist noch lange nicht reif für ihn —): er ist eine Rückführung derselben zu Frieden und Heiterkeit, zur Diät im Geistigen, zu einer gewissen Abhärtung im Leiblichen. Das Christentum will über Raubtiere Herr werden; sein Mittel ist, sie krank zu machen — die Schwächung ist das christliche Rezept zur Zähmung, zur »Zivilisation«. Der Buddhismus ist eine Religion für den Schluß und die Müdigkeit der Zivilisation, das Christentum findet sie noch nicht einmal „Vor —es begründet sie unter Umständen.
23 Der Buddhismus, nochmals gesagt, ist hundertmal kälter, wahrhafter, objektiver. Er hat nicht mehr nötig, sich sein Leiden, seine Schmerzfähigkeit anständig zu machen durch die Interpretation der Sünde — er sagt bloß, was er denkt, »ich leide«. Dem Barbaren dagegen ist Leiden an sich nichts Anständiges: er braucht erst eine Auslegung, um es sich einzugestehn, daß er leidet (sein Instinkt weist ihn eher auf Verleugnung des Leidens, auf stilles Ertragen hin). Hier war das Wort »Teufel« eine Wohltat: man hatte einen übermächtigen und furchtbaren Feind — man brauchte sich nicht zu schämen, an einem solchen Feind zu leiden. —
Das Christentum hat einige Feinheiten auf dem Grunde, die zum Orient gehören. Vor allem weiß es, daß es an sich ganz gleichgültig ist, ob etwas wahr ist, aber von höchster Wichtigkeit, sofern es als wahr geglaubt wird. Die Wahrheit und der Glaube, daß etwas wahr sei: zwei ganz auseinanderliegende Interessen-Welten, fast Gegensatz-Welten — man kommt zum einen und zum andern auf grundverschiednen Wegen. Hierüber wissend zu sein — das macht im Orient beinahe den Weisen: so verstehen es die Brahmanen, so versteht es Plato, so jeder Schüler esoterischer Weisheit. Wenn zum Beispiel ein Glück darin liegt, sich von der Sünde erlöst zu glauben, so tut als Voraussetzung dazu nicht not, daß der Mensch sündig sei, sondern daß er sich sündig fühlt. Wenn aber überhaupt vor allem Glaube not tut, so muß man die Vernunft, die Erkenntnis, die Forschung in Mißkredit bringen: der Weg zur Wahrheit wird zum verbotnen Weg. — Die starke Hoffnung ist ein viel größeres Stimulans des Lebens, als irgendein einzelnes wirklich eintretendes Glück. Man muß Leidende durch eine Hoffnung aufrecht erhalten, welcher durch keine Wirklichkeit widersprochen werden kann — welche nicht durch eine Erfüllung abgetan wird: eine Jenseits-Hoffnung. (Gerade wegen dieser Fähigkeit, den Unglücklichen hinzuhalten, galt die Hoffnung bei den Griechen als Übel der Übel, als das eigentlich tückische Übel: es blieb im Faß des Übels zurück). — Damit Liebe möglich ist, muß Gott Person sein; damit die untersten Instinkte mitreden können, muß Gott jung sein. Man hat für die Inbrunst der Weiber einen schönen Heiligen, für die der Männer eine Maria in den Vordergrund zu rücken. Dies unter der Voraussetzung, daß das Christentum auf einem Boden Herr werden will, wo aphrodisische oder Adonis-Kulte den Begriff des Kultus bereits bestimmt haben. Die Forderung der Keuschheit verstärkt die Vehemenz und Innerlichkeit des religiösen Instinkts — sie macht den Kultus wärmer, schwärmerischer, seelenvoller. — Die Liebe ist der Zustand, wo der Mensch die Dinge am meisten so sieht, wie sie nicht sind. Die illusorische Kraft ist da auf ihrer Höhe, ebenso die versüßende, die verklärende Kraft. Man erträgt in der Liebe mehr als sonst, man duldet alles. Es galt eine Religion zu erfinden, in der geliebt werden kann: damit ist man über das Schlimmste am Leben hinaus — man sieht es gar nicht mehr. — Soviel über die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung: ich nenne sie die drei christlichen Klugheiten. — Der Buddhismus ist zu spät, zu positivistisch dazu, um noch auf diese Weise klug zu sein. —
24 Ich berühre hier nur das Problem der Entstehung des Christentums. Der erste Satz zu dessen Lösung heißt: das Christentum ist einzig aus dem Boden zu verstehn, aus dem es gewachsen ist — es ist nicht eine Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, es ist dessen Folgerichtigkeit selbst, ein Schluß weiter in dessen furchteinflößender Logik. In der Formel des Erlösers: »Das Heil kommt von den Juden«. — Der zweite Satz heißt: der psychologische Typus des Galiläers ist noch erkennbar, aber erst in seiner vollständigen Entartung (die zugleich Verstümmlung und Überladung mit fremden Zügen ist —) hat er dazu dienen können, wozu er gebraucht worden ist, zum Typus eines Erlösers der Menschheit: —
Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nichtsein gestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewußtheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äußeren. Sie grenzten sich ab gegen alle Bedingungen, unter denen bisher ein Volk leben konnte, leben durfte; sie schufen aus sich einen Gegensatz-Begriff zu natürlichen Bedingungen — sie haben, der Reihe nach, die Religion, den Kultus, die Moral, die Geschichte, die Psychologie auf eine unheilbare Weise in den Widerspruch zu deren Natur-Werten umgedreht. Wir begegnen demselben Phänomene noch einmal und in unsäglich vergrößerten Proportionen, trotzdem nur als Kopie — die christliche Kirche entbehrt, im Vergleich zum »Volk der Heiligen«, jedes Anspruchs auf Originalität. Die Juden sind, ebendamit, das verhängnisvollste Volk der Weltgeschichte: in ihrer Nachwirkung haben sie die Menschheit dermaßen falsch gemacht, daß heute noch der Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische Konsequenz zu verstehn.
Ich habe in meiner »Genealogie der Moral« zum ersten Male den Gegensatz-Begriff einer vornehmen Moral und einer ressentiment-Moral psychologisch vorgeführt, letztere aus dem Nein gegen die erstere entsprungen: aber dies ist die jüdisch-christliche Moral ganz und gar. Um Nein sagen zu können zu allem, was 7 die aufsteigende Bewegung des Lebens, die Wohlgeratenheit, die Macht, die Schönheit, die Selbstbejahung auf Erden darstellt, mußte hier sich der Genie gewordne Instinkt des ressentiment eine andre Welt erfinden, von wo aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das Verwerfliche an sich erschien. Psychologisch nachgerechnet, ist das jüdische Volk ein Volk der zähesten Lebenskraft, welches, unter unmögliche Bedingungen versetzt, freiwillig, aus der tiefsten Klugheit der Selbsterhaltung, die Partei aller décadence-Instinkte nimmt — nicht als von ihnen beherrscht, sondern weil es in ihnen eine Macht erriet, mit der man sich gegen »die Welt« durchsetzen kann. Die Juden sind das Gegenstück aller décadents: sie haben sie darstellen müssen bis zur Illusion, sie haben sich, mit einem non plus ultra des schauspielerischen Genies, an die Spitze aller décadence-Bewegungen zu stellen gewußt (— als Christentum des Paulus —), um aus ihnen etwas zu schaffen, das stärker ist als jede Ja-sagende Partei des Lebens. Die décadence ist, für die im Juden- und Christentum zur Macht verlangende Art von Mensch, eine priesterliche Art, nur Mittel: diese Art von Mensch hat ein Lebens-Interesse daran, die Menschheit krank zu machen und die Begriffe »gut« und »böse«, »wahr« und »falsch« in einen lebensgefährlichen und weltverleumderischen Linn umzudrehn. —
25 Die Geschichte Israels ist unschätzbar als typische Geschichte aller Entnatürlichung der Natur-Werte: ich deute fünf Tatsachen derselben an. Ursprünglich, vor allem in der Zeit des Königtums, stand auch Israel zu allen Dingen in der richtigen, das heißt der natürlichen Beziehung. Sein Javeh war der Ausdruck des Macht-Bewußtseins, der Freude an sich, der Hoffnung auf sich: in ihm erwartete man Sieg und Heil, mit ihm vertraute man der Natur, daß sie gibt, was das Volk nötig hat — vor allem Regen. Javeh ist der Gott Israels und folglich Gott der Gerechtigkeit: die Logik jedes Volks, das in Macht ist und ein gutes Gewissen davon hat. Im Fest-Kultus drücken sich diese beiden Seiten der Selbstbejahung eines Volkes aus: es ist dankbar für die großen Schicksale, durch die es obenauf kam, es ist dankbar im Verhältnis zum Jahreskreislauf und allem Glück in Viehzucht und Ackerbau. — Dieser Zustand der Dinge blieb noch lange das Ideal, auch als er auf eine traurige Weise abgetan war: die Anarchie im Innern, der Assyrer von außen. Aber das Volk hielt als höchste Wünschbarkeit jene Vision eines Königs fest, der ein guter Soldat und ein strenger Richter ist: vor allem jener typische Prophet (das heißt Kritiker und Satiriker des Augenblicks) Jesaja. — Aber jede Hoffnung blieb unerfüllt. Der alte Gott konnte nichts mehr von dem, was er ehemals konnte. Man hätte ihn fahren lassen sollen. Was geschah? Man veränderte seinen Begriff — man entnatürlichte seinen Begriff: um diesen Preis hielt man ihn fest. — Javeh der Gott der »Gerechtigkeit« — nicht mehr eine Einheit mit Israel, ein Ausdruck des Volks-Selbstgefühls: nur noch ein Gott unter Bedingungen … Sein Begriff wird ein Werkzeug in den Händen priesterlicher Agıtatoren, welche alles Glück nunmehr als Lohn, alles Unglück als Strafe für Ungehorsam gegen Gott, für »Sünde« interpretieren: jene verlogenste Interpretations-Manier einer angeblich »sittlichen Weltordnung«, mit der, ein für allemal, der Naturbegriff »Ursache« und »Wirkung« auf den Kopf gestellt ist. Wenn man erst, mit Lohn und Strafe, die natürliche Kausalität aus der Welt geschafft hat, bedarf man einer widernatürlichen Kausalität: der ganze Rest von Unnatur folgt nunmehr. Ein Gott, der fordert — an Stelle eines Gottes, der hilft, der Rat schafft, der im Grunde das Wort ist für jede glückliche Inspiration des Muts und des Selbstvertrauens… Die Moral nicht mehr der Ausdruck der Lebens- und Wachstums-Bedingungen eines Volks, nicht mehr sein unterster Instinkt des Lebens, sondern abstrakt geworden, Gegensatz zum Leben geworden — Moral als grundsätzliche Verschlechterung der Phantasie, als »böser Blick« für alle Dinge. Was ist jüdische, was ist christliche Moral? Der Zufall um seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff »Sünde« beschmutzt; das Wohlbefinden als Gefahr, als »Versuchung«; das physiologische Übelbefinden mit dem Gewissens-Wurm vergiftet…
26 Der Gottesbegriff gefälscht; der Moralbegriff gefälscht — die jüdische Priesterschaft blieb dabei nicht stehn. Man konnte die ganze Geschichte Israels nicht brauchen: fort mit ihr! — Diese Priester haben jenes Wunderwerk von Fälschung zustande gebracht, als deren Dokumente uns ein guter Teil der Bibel vorliegt: sie haben ihre eigne Volks-Vergangenheit mit einem Hohn ohnegleichen gegen jede Überlieferung, gegen jede historische Realität, ins Religiöse übersetzt, das heißt, aus ihr einen stupiden Heils-Mechanismus von Schuld gegen Javeh und Strafe, von Frömmigkeit gegen Javeh und Lohn gemacht. Wir würden diesen schmachvollsten Akt der Geschichts-Fälschung viel schmerzhafter empfinden, wenn uns nicht die kirchliche Geschichts-Interpretation von Jahrtausenden fast stumpf für die Forderungen der Rechtschaffenheit in historicis gemacht hätte. Und der Kirche sekundierten die Philosophen: die Lüge der »sittlichen Weltordnung« geht durch die ganze Entwicklung selbst der neueren Philosophie. Was bedeutet »sittliche Weltordnung«? Daß es, ein für allemal, einen Willen Gottes gibt, was der Mensch zu tun, was er zu lassen habe; daß der Wert eines Volkes, eines einzelnen sich danach bemesse, wie sehr oder wie wenig dem Willen Gottes gehorcht wird; daß in den Schicksalen eines Volkes, eines einzelnen sich der Wille Gottes als herrschend, das heißt als strafend und belohnend, je nach dem Grade des Gehorsanıs, beweist. — Die Realität an Stelle dieser erbarmungswürdigen Lüge heißt: eine parasitische Art Mensch, die nur auf Kosten aller gesunden Bildungen des Lebens gedeiht, der Priester, mißbraucht den Namen Gottes: er nennt einen Zustand der Gesellschaft, in dem der Priester den Wert der Dinge bestimmt, »das Reich Gottes«; er nennt die Mittel, vermöge deren ein solcher Zustand erreicht oder aufrechterhalten wird, »den Willen Gottes«; er mißt, mit einem kaltblütigen Zynismus, die Völker, die Zeiten, die einzelnen danach ab, ob sie der Priester-Übermacht nützten oder widerstrebten. Man sehe sie am Werk: unter den Händen derjüdischen Priester wurde die große Zeit in der Geschichte Israels eine Verfalls-Zeit, das Exil, das lange Unglück verwandelte sich in eine ewige Strafe für die große Zeit — eine Zeit, in der der Priester noch nichts war. Sie haben aus den mächtigen, sehr frei geratenen Gestalten der Geschichte Israels, je nach Bedürfnis, armselige Ducker und Mucker oder »Gottlose« gemacht, sie haben die Psychologie jedes großen Ereignisses auf die Idioten-Formel »Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott« vereinfacht. — Ein Schritt weiter: der »Wille Gottes« (das heißt die Erhaltungs-Bedingungen für die Macht des Priesters) muß bekannt sein — zu diesem Zwecke bedarf es einer »Offenbarung«. Auf deutsch: eine große literarische Fälschung wird nötig, eine »heilige Schrift« wird entdeckt — unter allem hieratischen Pomp, mit Bußtagen und Jammergeschrei über die lange »Sünde« wird sie öffentlich gemacht. Der »Wille Gottes« stand längst fest: das ganze Unheil liegt darin, daß man sich der »heiligen Schrift« entfremdet hat… Moses schon war der »Wille Gottes« offenbart… Was war geschehn? Der Priester hatte, mit Strenge, mit Pedanterie, bis auf die großen und kleinen Steuern, die man ihm zu zahlen hatte (— die schmackhaftesten Stücke vom Fleisch nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteak-Fresser), ein für allemal formuliert, was er haben will, »was der Wille Gottes ist«… Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, daß der Priester überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar nicht vom »Opfer« (der Mahlzeit) zu reden, erscheint der heilige Parasit, um sie zu entnatürlichen — in seiner Sprache: zu »heiligen«… Denn dies muß man begreifen: jede natürliche Sitte, jede natürliche Institution (Staat, Gerichtsordnung, Ehe, Kranken- und Armenpflege), jede vom Instinkt des Lebens eingegebne Forderung, kurz alles, was seinen Wert in sich hat, wird durch den Parasitismus des Priesters (oder der »sittlichen Weltordnung«) grundsätzlich wertlos, wert-widrig gemacht: es bedarf nachträglich einer Sanktion — eine wertverleihende Macht tut not, welche die Natur darin verneint, welche eben damit erst einen Wert schafft… Der Priester entwertet, entheiligt die Natur: um diesen Preis besteht er überhaupt. — Der Ungehorsam gegen Gott, das heißt gegen den Priester, gegen »das Gesetz«, bekommt nun den Namen »Sünde«; die Mittel, sich wieder »mit Gott zu versöhnen«, sind, wie billig, Mittel, mit denen die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet ist: der Priester allein »erlöst« … Psychologisch nachgerechnet, werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die »Sünden« unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, daß »gesündigt« wird… Oberster Satz: »Gott vergibt dem, der Buße tut« — auf deutsch: der sich dem Priester unterwirft. —
27 Auf einem dergestalt falschen Boden, wo jede Natur, jeder Naturwert, jede Realität die tiefsten Instinkte der herrschenden Klasse wider sich hatte, wuchs das Christentum auf, eine Todfeindschafts-Form gegen die Realität, die bisher nicht übertroffen worden ist. Das »heilige Volk«, das für alle Dinge nur Priester-Werte, nur Priester-Worte übrig behalten hatte und mit einer Schluß-Folgerichtigkeit, die Furcht einflößen kann, alles, was sonst noch an Macht auf Erden bestand, als »unheilig«, als »Welt«, als »Sünde« von sich abgetrennt hatte — dies Volk brachte für seinen Instinkt eine letzte Formel hervor, die logisch war bis zur Selbstverneinung: es verneinte, als Christentum, noch die letzte Form der Realität, das »heilige Volk«, das »Volk der Ausgewählten«, die jüdische Realität selbst. Der Fall ist ersten Rangs: die kleine aufständische Bewegung, die auf den Namen des Jesus von Nazareth getauft wird, ist der jüdische Instinkt noch einmal — anders gesagt, der Priester-Instinkt, der den Priester als Realität nicht mehr verträgt, die Erfindung einer noch abgezogneren Daseinsform, einer noch unrealeren Vision der Welt, als sie die Organisation einer Kirche bedingt. Das Christentum verneint die Kirche…
Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, als dessen Urheber Jesus verstanden oder mißverstanden worden ist, wenn es nicht der Aufstand gegen die jüdische Kirche war — »Kirche« genau in dem Sinn genommen, in dem wir heute das Wort nehmen. Es war ein Aufstand gegen »die Guten und Gerechten«, gegen »die Heiligen Israels«, gegen die Hierarchie der Gesellschaft — nicht gegen deren Verderbnis, sondern gegen die Kaste, das Privilegium, die Ordnung, die Formel; es war der Unglaube an die »höheren Menschen«, das Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologe war. Aber die Hierarchie, die damit, wenn auch nur für einen Augenblick, in Frage gestellt wurde, war der Pfahlbau, auf dem das jüdische Volk, mitten im »Wasser«, überhaupt noch fortbestand — die mühsam errungene letzte Möglichkeit, übrigzubleiben, das Residuum seiner politischen Sonder-Existenz: ein Angriff auf sie war ein Angriff auf den tiefsten Volks-Instinkt, auf den zähesten Volks-Lebenswillen, der je auf Erden dagewesen ist. Dieser heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestoßnen und »Sünder«, die Tschandala innerhalb des Judentums zum Widerspruch gegen die herrschende Ordnung aufrief — mit einer Sprache, falls den Evangelien zu trauen wäre, die auch heute noch nach Sibirien führen würde, war ein politischer Verbrecher, so weit eben politische Verbrecher in einer absurd-unpolitischen Gemeinschaft möglich waren. Dies brachte ihn ans Kreuz: der Beweis dafür ist die Aufschrift des Kreuzes. Er starb für seine Schuld — es fehlt jeder Grund dafür, so oft es auch behauptet worden ist, daß er für die Schuld andrer starb. —
28 Eine vollkommen andre Frage ist es, ob er einen solchen Gegensatz überhaupt im Bewußtsein hatte — ob er nicht bloß als dieser Gegensatz empfunden wurde. Und hier erst berühre ich das Problem der Psychologie des Erlösers. — Ich bekenne, daß ich wenige Bücher mit solchen Schwierigkeiten lese wie die Evangelien. Diese Schwierigkeiten sind andre als die, an deren Nachweis die gelehrte Neugierde des deutschen Geistes einen ihrer unvergeßlichsten Triumphe gefeiert hat. Die Zeit ist fern, wo auch ich, gleich jedem jungen Gelehrten, mit der klugen Langsamkeit eines raffinierten Philologen das Werk des unvergleichlichen Strauß auskostete. Damals war ich zwanzig Jahre alt: jetzt bin ich zu ernst dafür. Was gehen mich die Widersprüche der »Überlieferung« an? Wie kann man Heiligen-Legenden überhaupt »Überlieferung« nennen! Die Geschichten von Heiligen sind die zweideutigste Literatur, die es überhaupt gibt: auf sie die wissenschaftliche Methode anwenden, wenn sonst keine Urkunden vorliegen, scheint mir von vornherein verurteilt — bloß gelehrter Müßiggang…
29 Was mich angeht, ist der psychologische Typus des Erlösers. Derselbe könnte ja in den Evangelien enthalten sein trotz den Evangelien, wie sehr auch immer verstümmelt oder mit fremden Zügen überladen: wie der des Franziskus von Assisi in seinen Legenden erhalten ist trotz seinen Legenden. Nicht die Wahrheit darüber, was er getan, was er gesagt, wie er eigentlich gestorben ist: sondern die Frage, ob sein Typus überhaupt noch vorstellbar, ob er »überliefert« ist? — Die Versuche, die ich kenne, aus den Evangelien sogar die Geschichte einer »Seele« herauszulesen, scheinen mir Beweise einer verabscheuungswürdigen psychologischen Leichtfertigkeit. Herr Renan, dieser Hanswurst in psychologicis, hat die zwei ungehörigsten Begriffe zu seiner Erklärung des Typus Jesus hinzugebracht, die es hierfür geben kann: den Begriff Genie und den Begriff Held (»héros«). Aber wenn irgend etwas unevangelisch ist, so ist es der Begriff Held. Gerade der Gegensatz zu allem Ringen, zu allem Sich-in-Kampf-fühlen ist hier Instinkt geworden: die Unfähigkeit zum Widerstand wird hier Moral (»widerstehe nicht dem Bösen!« das tiefste Wort der Evangelien, ihr Schlüssel in gewissem Sinne), die Seligkeit im Frieden, in der Sanftmut, im Nicht-feind-sein-können. Was heißt »frohe Botschaft«? Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden, — es wird nicht verheißen, es ist da, es ist in euch: als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluß, ohne Distanz. Jeder ist das Kind Gottes — Jesus nimmt durchaus nichts für sich allein in Anspruch —, als Kind Gottes ist jeder mit jedem gleich… Aus Jesus einen Helden machen! — Und was für ein Mißverständnis ist gar das Wort »Genie«! Unser ganzer Begriff, unser Kultur-Begriff »Geist« hat in der Welt, in der Jesus lebt, gar keinen Sinn. Mit der Strenge des Physiologen gesprochen, wäre hier ein ganz andres Wort eher noch am Platz: das Wort Idiot. Wir kennen einen Zustand krankhafter Reizbarkeit des Tastsinns, der dann vor jeder Berührung, vor jedem Anfassen eines festen Gegenstandes zurückschaudert. Man übersetze sich einen solchen physiologischen habitus in seine letzte Logik — als Instinkt-Haß gegen jede Realität, als Flucht ins »Unfaßliche«, ins »Unbegreifliche«, als Widerwille gegen jede Formel, jeden Zeit- und Raumbegriff, gegen alles, was fest, Sitte, Institution, Kirche ist, als Zu-Hause-sein in einer Welt, an die keine Art Realität mehr rührt, einer bloß noch »inneren« Welt, einer »wahren« Welt, einer »ewigen« Welt… »Das Reich Gottes ist in euch« …
30 Der Instinkt-Haß gegen die Realität: Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit, welche überhaupt nicht mehr »berührt« werden will, weil sie jede Berührung zu tief empfindet.
Die Instinkt-Ausschließung aller Abneigung, aller Feindschaft, aller Grenzen und Distanzen im Gefühl: Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit, welche jedes Widerstreben, Widerstreben-müssen bereits als unerträgliche Unlust (das heißt als schädlich, als vom Selbsterhaltungs-Instinkte widerraten) empfindet und die Seligkeit (die Lust) allein darin kennt, nicht mehr, niemandem mehr, weder dem Übel noch dem Bösen, Widerstand zu leisten — die Liebe als einzige, als letzte Lebens-Möglichkeit…
Dies sind die zwei physiologischen Realitäten, auf denen, aus denen die Erlösungs-Lehre gewachsen ist. Ich nenne sie eine sublime Weiter-Entwicklung des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage. Nächstverwandt, wenn auch mit einem großen Zuschuß von griechischer Vitalität und Nervenkraft, bleibt ihr der Epikureismus, die Erlösungs-Lehre des Heidentums. Epikur ein typischer décadent: zuerst von mir als solcher erkannt. — Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem Unendlich-Kleinen im Schmerz — sie kann gar nicht anders enden als in einer Religion der Liebe…
21 Buddhism requires a very mild climate, great gentleness and tolerance in social customs, no militarism, and a movement rooted in the upper, even educated, classes. People seek cheerfulness, peace, and freedom from desire as their highest goal, and they reach it. Buddhism is not a religion in which people merely aspire to perfection: perfection is the normal state.—
In Christianity, the instincts of the subjugated and oppressed come to the front: it is the lowest classes that seek their salvation in it. Here, analyzing the finer points of sin, self-criticism, and interrogating one’s conscience serve as an occupation, as a remedy for boredom. Here, intense feeling toward a powerful being called “God” is constantly kept alive through prayer. Here, the highest state is considered unattainable, a gift, “grace.” Here, too, openness is absent; hiding places and dark rooms are Christian. Here, the body is despised and hygiene rejected as sensuality; the church even resists cleanliness itself. (The first Christian measure after the expulsion of the Moors was to close the public baths, of which Cordova alone had 270.) A certain taste for cruelty to oneself and others is Christian; so are hatred of those who think differently and the will to persecute. Gloomy and agitating ideas take the lead; the most sought-after states, given the most exalted names, are epileptic in character. The diet is chosen to encourage unhealthy symptoms and overstimulate the nerves. Deadly hostility toward the masters of the earth, toward the “noble,” is Christian—and so is a concealed, secret rivalry with them. (They are allowed to keep the “body”; Christians want only the “soul”…) Hatred of the intellect, of pride, courage, freedom, and intellectual license is Christian; hatred of the senses, of the pleasures of the senses, of pleasure in general, is Christian…
22 When Christianity left its original ground—the lowest classes, the underworld of the ancient world—and went looking for power among barbarian peoples, it no longer dealt with tired people. It dealt with people who were inwardly savage and tearing themselves apart—with strong people, but badly formed ones. Their dissatisfaction with themselves, their suffering from themselves, is not, as it is among Buddhists, excessive sensitivity and susceptibility to pain. On the contrary, it is an overpowering desire to hurt, to release inner tension in hostile acts and ideas. Christianity needed barbaric concepts and values to master barbarians: the sacrifice of the firstborn, drinking blood at communion, contempt for the intellect and culture; torture in every form, physical and nonphysical; the great pomp of worship. Buddhism is a religion for people at a late stage of development, for kind, gentle races that have become excessively intellectual and feel pain too easily. (Europe is still far from ready for it.) It leads them back to peace and cheerfulness, to a restricted intellectual diet, to a certain physical toughness. Christianity wants to master predatory animals; its method is to make them sick—weakening is the Christian prescription for taming, for “civilization.” Buddhism is a religion for civilization’s end and exhaustion; Christianity does not even find civilization already there—it establishes it under certain circumstances.
23 Buddhism, to repeat, is a hundred times cooler, more truthful, more objective. It no longer needs to make its suffering, its sensitivity to pain, respectable by interpreting it as sin—it simply says what it thinks: “I suffer.” To the barbarian, on the other hand, suffering is not respectable in itself: he first needs an interpretation before he can admit to himself that he suffers. His instinct points him instead toward denying suffering, toward silently enduring it. Here the word “devil” was a blessing: there was an overpowering and terrible enemy—you did not need to feel ashamed of suffering at the hands of such an enemy.—
Christianity has some subtleties at its foundation that belong to the East. Above all, it knows that whether something is true is quite unimportant in itself, but of the greatest importance insofar as it is believed to be true. Truth and the belief that something is true: two worlds of interest far apart, almost opposite worlds—you reach them by fundamentally different routes. Knowing this almost makes someone a wise man in the East: this is how the Brahmins understand it, how Plato understands it, how every student of secret wisdom understands it. If, for example, there is happiness in believing yourself freed from sin, this does not require you to be sinful, but to feel sinful. But if belief is what is needed above all, reason, knowledge, and inquiry must be discredited: the road to truth becomes the forbidden road.—A strong hope is a far greater stimulus to life than any single happiness that actually comes about. Sufferers must be kept going by a hope that no reality can contradict—a hope that will not be disposed of by fulfillment: a hope for another world. (Precisely because it could keep the unhappy waiting, the Greeks considered hope the evil of evils, the truly treacherous evil: it remained behind in the jar of evils.)—For love to be possible, God must be a person; for the lowest instincts to have a say, God must be young. A handsome saint must be brought forward for women’s ardor, and a Mary for men’s. This assumes that Christianity wants to gain control in a place where cults of Aphrodite or Adonis have already shaped the idea of worship. The demand for chastity makes the religious instinct more intense and inward—it makes worship warmer, more ecstatic, more soulful.—Love is the state in which people see things most as they are not. The power of illusion is at its height here, as are the powers of sweetening and glorifying. In love, people bear more than usual; they put up with everything. What was needed was to invent a religion in which people could love: that takes them past the worst in life—they no longer even see it.—So much for the three Christian virtues, faith, love, and hope: I call them the three Christian clever strategies.—Buddhism comes too late, is too committed to facts, to be clever in this way anymore.—
24 Here I am only touching on the problem of Christianity’s origin. The first principle for solving it is this: Christianity can be understood only from the ground it grew from—it is not a movement against the Jewish instinct, but that instinct following its own consequences, one further conclusion in its terrifying logic. In the Redeemer’s formula: “Salvation comes from the Jews.”—The second principle is this: the psychological type of the Galilean is still recognizable, but only in its complete degeneration—which both mutilated it and overloaded it with foreign traits—could it serve the purpose it was used for: as the type of a redeemer of humanity.—
The Jews are the most remarkable people in world history because, faced with the question of existence or nonexistence, they chose existence at any price, with a perfectly uncanny awareness. That price was the radical falsification of all nature, everything natural, all reality, the whole inner world just as much as the outer. They set themselves apart from all the conditions under which a people had previously been able, been allowed, to live. They made themselves into the opposite of natural conditions—one after another, they turned religion, worship, morality, history, and psychology irreparably into the opposites of their natural values. We meet the same phenomenon once more, on an indescribably larger scale, though only as a copy: compared with the “people of saints,” the Christian church has no claim whatever to originality. This also makes the Jews the most disastrous people in world history: through their continuing influence, they have made humanity so false that even today a Christian can feel anti-Jewish without understanding himself as the ultimate Jewish consequence.
In my “On the Genealogy of Morality,” I gave the first psychological account of the opposition between a noble morality and a morality of resentment, the latter arising from saying no to the former: but that is Jewish-Christian morality through and through. In order to say no to everything that represents life’s upward movement, to flourishing, power, beauty, self-affirmation on earth, the instinct of resentment, raised here to genius, had to invent an other world. Viewed from there, that affirmation of life appeared as evil, as something inherently reprehensible. Considered psychologically, the Jewish people are a people of the toughest vitality. Put into impossible conditions, they voluntarily side with all the instincts of decadence, out of the deepest cunning of self-preservation—not because those instincts rule them, but because they sensed in them a power with which they could assert themselves against “the world.” The Jews are the opposite of all decadents: they had to act the part of decadents convincingly, and with an unsurpassable degree of acting genius they knew how to put themselves at the head of all movements of decadence—as the Christianity of Paul—in order to create from them something stronger than any party that says yes to life. For the kind of person seeking power in Judaism and Christianity, a priestly kind, decadence is only a means: this kind of person has a vital interest in making humanity sick and twisting the concepts “good” and “evil,” “true” and “false,” into meanings that endanger life and slander the world.—
25 The history of Israel is priceless as a typical history of all the ways natural values are stripped of their nature: I will point out five facts from it. Originally, especially during the monarchy, Israel too stood in the right relationship to everything—that is, the natural one. Its Yahweh expressed its consciousness of power, its pleasure in itself, its hope in itself. From him people expected victory and well-being; with him they trusted nature to provide what the people needed—above all, rain. Yahweh is Israel’s God and therefore the God of justice: this is the logic of every people that has power and a good conscience about it. Festival worship expresses these two sides of a people’s self-affirmation: gratitude for the great turns of fate through which it rose to the top, and gratitude for the yearly cycle and every success in raising livestock and farming.—This state of affairs remained the ideal long after it had sadly come to an end: anarchy within, the Assyrians outside. But the people clung to that vision of a king who is a good soldier and a strict judge as the most desirable thing of all. Above all, the typical prophet—that is, critic and satirist of the present moment—Isaiah clung to it.—But every hope went unfulfilled. The old God could no longer do any of the things he once could. They should have let him go. What happened? They changed the idea of him—they stripped it of its natural character: this was the price of holding on to him.—Yahweh, the God of “justice”—no longer one with Israel, an expression of the people’s sense of itself: now only a God with conditions attached… The idea of him becomes a tool in the hands of priestly agitators, who now interpret every piece of good fortune as a reward, every misfortune as punishment for disobeying God, for “sin”: that most dishonest method of interpretation, an alleged “moral world order,” which turns the natural concepts of “cause” and “effect” upside down once and for all. Once reward and punishment have been used to remove natural causality from the world, an unnatural causality is needed: all the remaining unnaturalness then follows. A God who demands—in place of a God who helps, who finds solutions, who is basically the word for every happy inspiration of courage and self-confidence… Morality is no longer the expression of a people’s conditions for life and growth, no longer its deepest instinct for life. Instead it has become abstract, has become the opposite of life—morality as a systematic corruption of the imagination, as an “evil eye” for everything. What is Jewish morality, what is Christian morality? Chance robbed of its innocence; misfortune dirtied by the concept of “sin”; well-being treated as a danger, a “temptation”; physical distress poisoned by the gnawing worm of conscience…
26 The concept of God falsified; the concept of morality falsified—the Jewish priesthood did not stop there. The whole history of Israel was unusable: away with it!—These priests accomplished that marvel of falsification whose documentary evidence makes up a good part of the Bible: with unmatched contempt for every tradition, every historical reality, they translated their own people’s past into religious terms. That is, they made it into a stupid mechanism of salvation, of guilt before Yahweh and punishment, of devotion to Yahweh and reward. We would feel this most shameful act of historical falsification much more painfully if thousands of years of church interpretations of history had not made us almost numb to the demands of honesty in historical matters. And the philosophers supported the church: the lie of the “moral world order” runs through the whole development even of modern philosophy. What does “moral world order” mean? That God’s will about what people should do and leave undone is fixed once and for all; that the value of a people or an individual is measured by how much or how little they obey God’s will; that in the fate of a people or an individual, God’s will proves itself to be in command—that is, punishing and rewarding according to the degree of obedience.—The reality, rather than this pitiful lie, is this: a parasitic kind of person who thrives only at the expense of all healthy forms of life, the priest, misuses God’s name. He calls a state of society in which the priest determines the value of things “the kingdom of God.” He calls the means by which such a state is achieved or maintained “the will of God.” With cold-blooded cynicism, he judges peoples, periods, and individuals by whether they helped or resisted the priest’s supremacy. Watch them at work: in the hands of the Jewish priests, the great period in Israel’s history became a period of decline. The exile, the long misfortune, turned into an eternal punishment for that great period—a time when the priest was still nothing. As needed, they made the powerful, very free figures of Israel’s history into miserable crawlers and hypocritical bigots, or into the “godless.” They reduced the psychology of every great event to the idiot’s formula, “obedience or disobedience to God.”—One step further: the “will of God”—that is, the conditions for maintaining the priest’s power—must be known. For this purpose a “revelation” is needed. In plain language: a great literary forgery becomes necessary; a “holy scripture” is discovered. It is made public with all the priestly pomp, with days of repentance and cries of grief over the long years of “sin.” The “will of God” had long been established: all the trouble comes from having become estranged from “holy scripture”… The “will of God” had already been revealed to Moses… What had happened? With strictness and pedantry, down to the taxes large and small that had to be paid to him—not forgetting the tastiest cuts of meat, since the priest is a beefsteak-gobbler—the priest had formulated once and for all what he wants, “what the will of God is”… From now on, everything in life is arranged so that the priest is indispensable everywhere. At every natural event in life—birth, marriage, sickness, death, not to mention “sacrifice” (the meal)—the holy parasite appears to strip it of its natural character: in his language, to “sanctify” it… For this must be understood: every natural custom, every natural institution—the state, the legal system, marriage, care for the sick and poor—every demand prompted by the instinct for life, in short, everything that has value in itself, is made fundamentally worthless, opposed to value, by the parasitism of the priest (or the “moral world order”). It then needs authorization—a power that confers value is needed, a power that denies the natural element in it and only by doing so creates a value… The priest devalues nature, desecrates it: this is the price of his very existence.—Disobedience to God—that is, to the priest, to “the law”—is now given the name “sin.” The means of becoming “reconciled with God” are, naturally enough, means that guarantee submission to the priest still more thoroughly: the priest alone “redeems”… Considered psychologically, “sins” become indispensable in every society organized by priests: they are the real levers of power. The priest lives on sins; he needs people to “sin”… Supreme principle: “God forgives whoever repents”—in plain language, whoever submits to the priest.—
27 On ground so false, where everything natural, every natural value, every reality had the deepest instincts of the ruling class against it, Christianity grew up—a form of deadly hostility toward reality that has never been surpassed. The “holy people” had kept only priestly values, only priestly words, for everything. With a consistency of reasoning that can inspire fear, it had cut itself off from every other power that still existed on earth, labeling it “unholy,” “world,” “sin.” This people produced a final formula for its instinct, logical to the point of self-denial: as Christianity, it denied even the last form of reality, the “holy people,” the “chosen people,” Jewish reality itself. This is a case of the first importance: the little rebellious movement baptized in the name of Jesus of Nazareth is the Jewish instinct once again. In other words, it is the priestly instinct that can no longer tolerate the priest as a reality, the invention of a still more abstract form of existence, a still more unreal vision of the world than the organization of a church requires. Christianity denies the church…
I cannot see what the uprising that Jesus was understood—or misunderstood—to have started was directed against, unless it was an uprising against the Jewish church—“church” taken in exactly the sense in which we use the word today. It was an uprising against “the good and the just,” against “the saints of Israel,” against the social hierarchy—not against its corruption, but against caste, privilege, order, formula. It was disbelief in “higher people,” a no spoken against everything priestly and theological. But the hierarchy that was called into question, even if only for a moment, was the structure on stilts that kept the Jewish people in existence at all, surrounded by “water”—the last, painfully won possibility of survival, the remnant of its separate political existence. An attack on it was an attack on the people’s deepest instinct, on the toughest national will to live that has ever existed on earth. This holy anarchist called the common people, the outcasts and “sinners,” the Chandala within Judaism, to oppose the established order—in language that, if the Gospels could be trusted, would send someone to Siberia even today. He was a political criminal, insofar as political criminals were possible in an absurdly apolitical community. This brought him to the cross: the inscription on the cross proves it. He died for his own guilt—there is no reason whatever to say, however often it has been claimed, that he died for the guilt of others.—
28 It is an entirely different question whether he was conscious of any such opposition at all—whether he was not simply perceived as that opposition. And only here do I touch on the problem of the psychology of the Redeemer.—I admit that I find few books as difficult to read as the Gospels. These difficulties are different from those whose demonstration gave the scholarly curiosity of the German mind one of its most unforgettable triumphs. The time is long past when I too, like every young scholar, savored the work of the incomparable Strauss with the shrewd slowness of a highly trained philologist. I was twenty then; now I am too serious for that. What do the contradictions of “tradition” matter to me? How can legends of saints be called “tradition” at all! Stories about saints are the most dubious literature there is. Applying the scientific method to them, when no other documents exist, seems doomed from the start to me—mere scholarly idleness…
29 What concerns me is the psychological type of the Redeemer. It could be contained in the Gospels despite the Gospels, however mutilated or overloaded with foreign traits—just as the type of Francis of Assisi is preserved in his legends despite his legends. Not the truth about what he did, what he said, how he actually died, but the question: can his type still be imagined at all; has it been “passed down”?—The attempts I know to read even the history of a “soul” out of the Gospels seem to me evidence of a disgusting psychological carelessness. Mr. Renan, this buffoon in psychology, introduced the two most inappropriate concepts possible into his explanation of the type of Jesus: genius and hero (“hero”). But if anything is contrary to the Gospels, it is the concept of the hero. Here, it is precisely the opposite of all struggle, of any sense of being in combat, that has become instinct. Here, the inability to resist becomes morality (“Do not resist evil!”—the deepest saying in the Gospels, their key in a certain sense); bliss is found in peace, in gentleness, in not being able to be an enemy. What does “good news” mean? True life, eternal life, has been found—it is not promised, it is here, it is within you: as life in love, in love without restriction or exclusion, without distance. Everyone is a child of God—Jesus claims absolutely nothing for himself alone—and as a child of God everyone is equal to everyone else… To make a hero out of Jesus!—And what a misunderstanding the word “genius” is! Our whole concept, our cultural concept of “intellect,” has no meaning at all in the world Jesus lives in. Speaking with a physiologist’s precision, an entirely different word would be more appropriate here: the word idiot. We know of a condition in which the sense of touch is morbidly sensitive, recoiling from every touch, every contact with a solid object. Follow this physiological disposition through to its ultimate logic: an instinctive hatred of every reality, a flight into the “intangible,” the “incomprehensible”; an aversion to every formula, every concept of time and space, to everything fixed, to custom, institution, church; being at home in a world no kind of reality touches anymore, a merely “inner” world, a “true” world, an “eternal” world… “The kingdom of God is within you”…
30 The instinctive hatred of reality: the result of an extreme sensitivity to suffering and stimulation that no longer wants to be “touched” at all, because it feels every touch too deeply.
The instinctive exclusion of all aversion, all hostility, all emotional boundaries and distances: the result of an extreme sensitivity to suffering and stimulation that already feels every resistance, every need to resist, as unbearable discomfort—that is, as harmful, as something the instinct of self-preservation warns against. It knows bliss (pleasure) only in no longer resisting anything or anyone, neither misfortune nor evil—love as the only, the last, possibility of life…
These are the two physiological realities on which, and out of which, the doctrine of redemption grew. I call it a sublime further development of hedonism on a thoroughly morbid foundation. Its closest relative remains Epicureanism, the pagan doctrine of redemption, though with a large addition of Greek vitality and nervous energy. Epicurus, a typical decadent: I was the first to recognize him as such.—The fear of pain, even of the tiniest trace of pain—it cannot end in anything but a religion of love…
Sections 31–40
31 Ich habe meine Antwort auf das Problem vorweg gegeben. Die Voraussetzung für sie ist, daß der Typus des Erlösers uns nur in einer starken Entstellung erhalten ist. Diese Entstellung hat an sich viel Wahrscheinlichkeit: ein solcher Typus konnte aus mehreren Gründen nicht rein, nicht ganz, nicht frei von Zutaten bleiben. Es muß sowohl das Milieu, in dem sich diese fremde Gestalt bewegte, Spuren an ihm hinterlassen haben, als noch mehr die Geschichte, das Schicksal der ersten christlichen Gemeinde: aus ihm wurde, rückwirkend, der Typus mit Zügen bereichert, die erst aus dem Kriege und zu Zwecken der Propaganda verständlich werden. Jene seltsame und kranke Welt, in die uns die Evangelien einführen — eine Welt, wie aus einem russischen Romane, in der sich Auswurf der Gesellschaft, Nervenleiden und »kindliches« Idiotentum ein Stelldichein zu geben scheinen — muß unter allen Umständen den Typus vergröbert haben: die ersten Jünger insonderheit übersetzten ein ganz in Symbolen und Unfaßlichkeiten schwimmendes Sein erst in die eigne Krudität, um überhaupt etwas davon zu verstehn, — für sie war der Typus erst nach einer Einformung in bekanntere Formen vorhanden … Der Prophet, der Messias, der zukünftige Richter, der Morallehrer, der Wundermann, Johannes der Täufer — ebensoviele Gelegenheiten, den Typus zu verkennen… Unterschätzen wir endlich das proprium aller großen, namentlich sektiererischen Verehrung nicht: sie löscht die originalen, oft peinlich-fremden Züge und Idiosynkrasien an dem verehrten Wesen aus — sie sieht sie selbst nicht. Man hätte zu bedauern, daß nicht ein Dostojewskij in der Nähe dieses interessantesten décadent gelebt hat, ich meine, jemand, der gerade den ergreifenden Reiz einer solchen Mischung von Sublimem, Krankem und Kindlichem zu empfinden wußte.
Ein letzter Gesichtspunkt: der Typus könnte, als décadence-Typus, tatsächlich von einer eigentümlichen Vielheit und Widersprüchlichkeit gewesen sein: eine solche Möglichkeit ist nicht völlig auszuschließen. Trotzdem rät alles ab von ihr: gerade die Überlieferung würde für diesen Fall eine merkwürdig treue und objektive sein müssen: wovon wir Gründe haben das Gegenteil anzunehmen. Einstweilen klafft ein Widerspruch zwischen dem Berg-, See- und Wiesenprediger, dessen Erscheinung wie ein Buddha auf einem sehr wenig indischen Boden anmutet, und jenem Fanatiker des Angriffs, dem Theologen- und Priester-Todfeind, den Renans Bosheit als »le grand maître en ironie« verherrlicht hat. Ich selber zweifle nicht daran, daß das reichliche Maß Galle (und selbst von esprit) erst aus dem erregten Zustand der christlichen Propaganda auf den Typus des Meisters übergeflossen ist: man kennt ja reichlich die Unbedenklichkeit aller Sektierer, aus ihrem Meister sich ihre Apologie zurecht zu machen. Als die erste Gemeinde einen richtenden, hadernden, zürnenden, bösartig spitzfindigen Theologen nötig hatte, gegen Theologen, schuf sie sich ihren »Gott« nach ihrem Bedürfnisse: wie sie ihm auch jene völlig unevangelischen Begriffe, die sie jetzt nicht entbehren konnte, »Wiederkunft«, »Jüngstes Gericht«, jede Art zeitlicher Erwartung und Verheißung, ohne Zögern in den Mund gab. —
32 Ich wehre mich, nochmals gesagt, dagegen, daß man den Fanatiker in den Typus des Erlösers einträgt: das Wort impérieux, das Renan gebraucht, annulliert allein schon den Typus. Die »gute Botschaft« ist eben, daß es keine Gegensätze mehr gibt; das Himmelreich gehört den Kindern; der Glaube, der hier laut wird, ist kein erkämpfter Glaube — er ist da, er ist von Anfang, er ist gleichsam eine ins Geistige zurücktretende Kindlichkeit. Der Fall der verzögerten und im Organismus unausgebildeten Pubertät, als Folgeerscheinung der Degenereszenz, ist wenigstens den Physiologen vertraut. — Ein solcher Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, wehrt sich nicht: er bringt nicht »das Schwert« — er ahnt gar nicht, inwiefern er einmal trennen könnte. Er beweist sich nicht, weder durch Wunder, noch durch Lohn und Verheißung, noch gar »durch die Schrift«: er selbst ist jeden Augenblick sein Wunder, sein Lohn, sein Beweis, sein »Reich Gottes«. Dieser Glaube formuliert sich auch nicht — er lebt, er wehrt sich gegen Formeln. Freilich bestimmt der Zufall der Umgebung, der Sprache, der Vorbildung einen gewissen Kreis von Begriffen: das erste Christentum handhabt nur jüdisch-semitische Begriffe (— das Essen und Trinken beim Abendmahl gehört dahin, jener von der Kirche, wie alles Jüdische, so schlimm mißbrauchte Begriff).
Aber man hüte sich, darin mehr als eine Zeichenrede, eine Semiotik, eine Gelegenheit zu Gleichnissen zu sehn. Gerade, daß kein Wort wörtlich genommen wird, ist diesem Anti-Realisten die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können. Unter Indern würde er sich der Sânkhyam-Begriffe, unter Chinesen der des Laotse bedient haben — und keinen Unterschied dabei fühlen. — Man könnte, mit einiger Toleranz im Ausdruck, Jesus einen »freien Geist« nennen — er macht sich aus allem Festen nichts: das Wort tötet, alles, was fest ist, tötet. Der Begriff, die Erfahrung »Leben«, wie er sie allein kennt, widerstrebt bei ihm jeder Art Wort, Formel, Gesetz, Glaube, Dogma. Er redet bloß vom Innersten: »Leben« oder »Wahrheit« oder »Licht« ist sein Wort für das Innerste — alles Übrige, die ganze Realität, die ganze Natur, die Sprache selbst, hat für ihn bloß den Wert eines Zeichens, eines Gleichnisses. — Man darf sich an dieser Stelle durchaus nicht vergreifen, so groß auch die Verführung ist, welche im christlichen, will sagen kirchlichen Vorurteil liegt: ein solcher Symbolist par excellence steht außerhalb aller Religion, aller Kult-Begriffe, aller Historie, aller Naturwissenschaft, aller Welt-Erfahrung, aller Kenntnisse, aller Politik, aller Psychologie, aller Bücher, aller Kunst — sein »Wissen« ist eben die reine Torheit darüber, daß es etwas dergleichen gibt. Die Kultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie nötig — er verneint sie nicht… Dasselbe gilt vom Staat, von der ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom Kriege — er hat nie einen Grund gehabt, »die Welt« zu verneinen, er hat den kirchlichen Begriff »Welt« nie geahnt… Das Verneinen ist eben das ihm ganz Unmögliche —. Insgleichen fehlt die Dialektik, es fehlt die Vorstellung davon, daß ein Glaube, eine »Wahrheit« durch Gründe bewiesen werden könnte (— seine Beweise sind innere »Lichter«, innere Lustgefühle und Selbstbejahungen, lauter »Beweise der Kraft« —). Eine solche Lehre kann auch nicht widersprechen: sie begreift gar nicht, daß es andre Lehren gibt, geben kann, sie weiß sich ein gegenteiliges Urteilen gar nicht vorzustellen… Wo sie es antrifft, wird sie aus innerstem Mitgefühle über »Blindheit« trauern — denn sie sieht das »Licht« —, aber keinen Einwand machen …
33 In der ganzen Psychologie des »Evangeliums« fehlt der Begriff Schuld und Strafe; insgleichen der Begriff Lohn. Die »Sünde«, jedwedes Distanz-Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist abgeschafft — eben das ist die »frohe Botschaft«. Die Seligkeit wird nicht verheißen, sie wird nicht an Bedingungen geknüpft: sie ist die einzige Realität — der Rest ist Zeichen, um von ihr zu reden…
Die Folge eines solchen Zustandes projiziert sich in eine neue Praktik, die eigentlich evangelische Praktik. Nicht ein »Glaube« unterscheidet den Christen: der Christ handelt, er unterscheidet sich durch ein andres Handeln. Daß er dem, der böse gegen ihn ist, weder durch Wort, noch im Herzen Widerstand leistet. Daß er keinen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen, zwischen Juden und Nicht-Juden macht (»der Nächste« eigentlich der Glaubensgenosse, der Jude). Daß er sich gegen niemanden erzürnt, niemanden geringschätzt. Daß er sich bei Gerichtshöfen weder sehn läßt, noch in Anspruch nehmen läßt (»nicht schwören«). Daß er sich unter keinen Umständen, auch nicht im Falle bewiesener Untreue des Weibes, von seinem Weibe scheidet. — Alles im Grunde ein Satz, alles Folgen eines Instinkts. —
Das Leben des Erlösers war nichts andres als diese Praktik — sein Tod war auch nichts andres… Er hatte keine Formeln, keinen Ritus für den Verkehr mit Gott mehr nötig — nicht einmal das Gebet. Er hat mit der ganzen jüdischen Buß- und Versöhnungslehre abgerechnet; er weiß, wie es allein die Praktik des Lebens ist, mit der man sich »göttlich«, »selig«, »evangelisch«, jederzeit ein »Kind Gottes« fühlt. Nicht »Buße«, nicht »Gebet um Vergebung« sind Wege zu Gott: die evangelische Praktik allein führt zu Gott, sie eben ist »Gott«! — Was mit dem Evangelium abgetan war, das war das Judentum der Begriffe »Sünde«, »Vergebung der Sünde«, »Glaube«, »Erlösung durch den Glauben« — die ganze jüdische Kirchen-Lehre war in der »frohen Botschaft« verneint.
Der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich »im Himmel« zu fühlen, um sich »ewig« zu fühlen, während man sich bei jedem andern Verhalten durchaus nicht »im Himmel« fühlt: dies allein ist die psychologische Realität der »Erlösung«. — Ein neuer Wandel, nicht ein neuer Glaube…
34 Wenn ich irgend etwas von diesem großen Symbolisten verstehe, so ist es das, daß er nur innere Realitäten als Realitäten, als »Wahrheiten« nahm — daß er den Rest, alles Natürliche, Zeitliche, Räumliche, Historische nur als Zeichen, als Gelegenheit zu Gleichnissen verstand. Der Begriff »des Menschen Sohn« ist nicht eine konkrete Person, die in die Geschichte gehört, irgend etwas einzelnes, einmaliges, sondern eine »ewige« Tatsächlichkeit, ein von dem Zeitbegriff erlöstes psychologisches Symbol. Dasselbe gilt noch einmal, und im höchsten Sinne, von dem Gott dieses typischen Symbolisten, vom »Reich Gottes«, vom »Himmelreich«, von der »Kindschaft Gottes«. Nichts ist unchristlicher als die kirchlichen Kruditäten von einem Gott als Person, von einem »Reich Gottes«, welches kommt, von einem »Himmelreich« jenseits, von einem »Sohne Gottes«, der zweiten Person der Trinität. Dies alles ist — man vergebe mir den Ausdruck — die Faust auf dem Auge — oh auf was für einem Auge! — des Evangeliums: ein welthistorischer Zynismus in der Verhöhnung des Symbols… Aber es liegt ja auf der Hand, was mit dem Zeichen »Vater« und »Sohn« angerührt wird — nicht auf jeder Hand, ich gebe es zu: mit dem Wort »Sohn« ist der Eintritt in das Gesamt-Verklärungs-Gefühl aller Dinge (die Seligkeit) ausgedrückt, mit dem Wort »Vater« dieses Gefühl selbst, das Ewigkeits-, das Vollendungs-Gefühl. — Ich schäme mich daran zu erinnern, was die Kirche aus diesem Symbolismus gemacht hat: hat sie nicht eine Amphitryon-Geschichte an die Schwelle des christlichen »Glaubens« gesetzt? Und ein Dogma von der »unbefleckten Empfängnis« noch obendrein? … Aber damit hat sie die Empfängnis befleckt — —
Das »Himmelreich« ist ein Zustand des Herzens — nicht etwas, das »über der Erde« oder »nach dem Tode« kommt. Der ganze Begriff des natürlichen Todes fehlt im Evangelium: der Tod ist keine Brücke, kein Übergang, er fehlt, weil einer ganz andern, bloß scheinbaren, bloß zu Zeichen nützlichen Welt zugehörig. Die »Todesstunde« ist kein christlicher Begriff — die »Stunde«, die Zeit, das physische Leben und seine Krisen sind gar nicht vorhanden für den Lehrer der »frohen Botschaft«… Das »Reich Gottes« ist nichts, das man erwartet; es hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in »tausend Jahren« — es ist eine Erfahrung an einem Herzen; es ist überall da, es ist nirgends da…
35 Dieser »frohe Botschafter« starb wie er lebte, wie er lehrte — nicht um »die Menschen zu erlösen«, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterließ: sein Verhalten vor den Richtern, vor den Häschern, vor den Anklägern und aller Art Verleumdung und Hohn — sein Verhalten am Kreuz. Er widersteht nicht, er verteidigt nicht sein Recht, er tut keinen Schritt, der das Äußerste von ihm abwehrt, mehr noch, er fordert es heraus… Und er bittet, er leidet, er liebt mit denen, in denen, die ihm Böses tun. Die Worte zum Schächer am Kreuz enthalten das ganze Evangelium. »Das ist wahrlich ein göttlicher Mensch gewesen, ein Kind Gottes!« — sagt der Schächer. »Wenn du dies fühlst« — antwortet der Erlöser — »so bist du im Paradiese, so bist du ein Kind Gottes.« Nicht sich wehren, nicht erzürnen, nicht verantwortlich-machen … Sondern auch nicht dem Bösen widerstehen — ihn lieben…
36 — Erst wir, wir freigewordenen Geister, haben die Voraussetzung dafür, etwas zu verstehn, das neunzehn Jahrhunderte mißverstanden haben — jene Instinkt und Leidenschaft gewordene Rechtschaffenheit, welche der »heiligen Lüge« noch mehr als jeder andern Lüge den Krieg macht… Man war unsäglich entfernt von unsrer liebevollen und vorsichtigen Neutralität, von jener Zucht des Geistes, mit der allein das Erraten so fremder, so zarter Dinge ermöglicht wird: man wollte jederzeit, mit einer unverschämten Selbstsucht, nur seinen Vorteil darin, man hat aus dem Gegensatz zum Evangelium die Kirche aufgebaut…
Wer nach Zeichen dafür suchte, daß hinter dem großen Welten-Spiel eine ironische Göttlichkeit die Finger handhabe, er fände keinen kleinen Anhalt in dem ungeheuren Fragezeichen, das Christentum heißt. Daß die Menschheit vor dem Gegensatz dessen auf den Knien liegt, was der Ursprung, der Sinn, das Recht des Evangeliums war, daß sie in dem Begriff »Kirche« gerade das heilig gesprochen hat, was der »frohe Botschafter« als unter sich, als hinter sich empfand — man sucht vergebens nach einer größeren Form welthistorischer Ironie — —
37 — Unser Zeitalter ist stolz auf seinen historischen Sinn: wie hat es sich den Unsinn glaublich machen können, daß an dem Anfange des Christentums die grobe Wundertäter- und Erlöser-Fabel steht — und daß alles Spirituale und Symbolische erst eine spätere Entwicklung ist? Umgekehrt: die Geschichte des Christentums — und zwar vom Tode am Kreuze an — ist die Geschichte des schrittweise immer gröberen Mißverstehns eines ursprünglichen Symbolismus. Mit jeder Ausbreitung des Christentums über noch breitere, noch rohere Massen, denen die Voraussetzungen immer mehr abgingen, aus denen es geboren ist, wurde es nötiger, das Christentum zu vulgarisieren, zu barbarisieren — es hat Lehren und Riten aller unterirdischen Kulte des imperium Romanum, es hat den Unsinn aller Arten kranker Vernunft in sich eingeschluckt. Das Schicksal des Christentums liegt in der Notwendigkeit, daß sein Glaube selbst so krank, so niedrig und vulgär werden mußte, als die Bedürfnisse krank, niedrig und vulgär waren, die mit ihm befriedigt werden sollten. Als Kirche summiert sich endlich die kranke Barbarei selbst zur Macht — die Kirche, diese Todfeindschaftsform zu jeder Rechtschaffenheit, zu jeder Höhe der Seele, zu jeder Zucht des Geistes, zu jeder freimütigen und gütigen Menschlichkeit. — Die christlichen — die vornehmen Werte: erst wir, wir freigewordnen Geister, haben diesen größten Wert-Gegensatz, den es gibt, wiederhergestellt! —
38 — Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer nicht. Es gibt Tage, wo mich ein Gefühl heimsucht, schwärzer als die schwärzeste Melancholie — die Menschen-Verachtung. Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: der Mensch von Heute ist es, der Mensch, mit dem ich verhängnisvoll gleichzeitig bin. Der Mensch von Heute — ich ersticke an seinem unreinen Atem… Gegen das Vergangne bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer großen Toleranz, das heißt großmütigen Selbstbezwingung: ich gehe durch die Irrenhaus-Welt ganzer Jahrtausende, heiße sie nun »Christentum«, »christlicher Glaube«, »christliche Kirche«, mit einer düsteren Vorsicht hindurch — ich hüte mich, die Menschheit für ihre Geisteskrankheiten verantwortlich zu machen. Aber mein Gefühl schlägt um, bricht heraus, sobald ich in die neuere Zeit, in unsre Zeit eintrete. Unsre Zeit ist wissend… Was ehemals bloß krank war, heute ward es unanständig — es ist unanständig, heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel. — Ich sehe mich um: es ist kein Wort von dem mehr übriggeblieben, was ehemals »Wahrheit« hieß, wir halten es nicht mehr aus, wenn ein Priester das Wort »Wahrheit« auch nur in den Mund nimmt. Selbst bei dem bescheidensten Anspruch auf Rechtschaffenheit muß man heute wissen, daß ein Theologe, ein Priester, ein Papst mit jedem Satz, den er spricht, nicht nur irrt, sondern lügt — daß es ihm nicht mehr freisteht, aus »Unschuld«, aus »Unwissenheit« zu lügen. Auch der Priester weiß, so gut es jedermann weiß, daß es keinen »Gott« mehr gibt, keinen »Sünder«, keinen »Erlöser« — daß »freier Wille«, »sittliche Weltordnung« Lügen sind — der Ernst, die tiefe Selbstüberwindung des Geistes erlaubt niemandem mehr, hierüber nicht zu wissen… Alle Begriffe der Kirche sind erkannt als das, was sie sind, als die bösartigste Falschmünzerei, die es gibt, zum Zweck, die Natur, die Natur-Werte zu entwerten; der Priester selbst ist erkannt als das, was er ist, als die gefährlichste Art Parasit, als die eigentliche Giftspinne des Lebens… Wir wissen, unser Gewissen weiß es heute —, was überhaupt jene unheimlichen Erfindungen der Priester und der Kirche wert sind, wozu sie dienten, mit denen jener Zustand von Selbstschändung der Menschheit erreicht worden ist, der Ekel vor ihrem Anblick machen kann — die Begriffe »Jenseits«, »Jüngstes Gericht«, »Unsterblichkeit der Seele«, die »Seele« selbst: es sind Folter-Instrumente, es sind Systeme von Grausamkeiten, vermöge deren der Priester Herr wurde, Herr blieb… Jedermann weiß das: und trotzdem bleibt alles beim alten. Wohin kam das letzte Gefühl von Anstand, von Achtung vor sich selbst, wenn unsre Staatsmänner sogar, eine sonst sehr unbefangne Art Mensch und Antichristen der Tat durch und durch, sich heute noch Christen nennen und zum Abendmahl gehn?… Ein junger Fürst an der Spitze seiner Regimenter, prachtvoll als Ausdruck der Selbstsucht und Selbstüberhebung seines Volks — aber, ohne jede Scham, sich als Christen bekennend!… Wen verneint denn das Christentum? was heißt es »Welt«? Daß man Soldat, daß man Richter, daß man Patriot ist; daß man sich wehrt; daß man auf seine Ehre hält; daß man seinen Vorteil will; daß man stolz ist… Jede Praktik jedes Augenblicks, jeder Instinkt, jede zur Tat werdende Wertschätzung ist heute antichristlich: was für eine Mißgeburt von Falschheit muß der moderne Mensch sein, daß er sich trotzdem nicht schämt, Christ noch zu heißen!
39 — Ich kehre zurück, ich erzähle die echte Geschichte des Christentums. — Das Wort schon »Christentum« ist ein Mißverständnis —, im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. Das »Evangelium« starb am Kreuz. Was von diesem Augenblick an »Evangelium« heißt, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine »schlimme Botschaft«, ein Dysangelium. Es ist falsch bis zum Unsinn, wenn man in einem »Glauben«, etwa im Glauben an die Erlösung durch Christus das Abzeichen des Christen sieht: bloß die christliche Praktik, ein Leben so wie der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich… Heute noch ist ein solches Leben möglich, für gewisse Menschen sogar notwendig: das echte, das ursprüngliche Christentum wird zu allen Zeiten möglich sein… Nicht ein Glauben, sondern ein Tun, ein Vieles-nicht-tun vor allem, ein andres Sein… Bewußtseins-Zustände, irgendein Glauben, ein Für-wahr-halten zum Beispiel — jeder Psycholog weiß das — sind ja vollkommen gleichgültig und fünften Ranges gegen den Wert der Instinkte: strenger geredet, der ganze Begriff geistiger Ursächlichkeit ist falsch. Das Christ-sein, die Christlichkeit auf ein Für-wahr-halten, auf eine bloße Bewußtseins-Phänomenalität reduzieren, heißt die Christlichkeit negieren. In der Tat gab es gar keine Christen. Der »Christ«, das, was seit zwei Jahrtausenden Christ heißt, ist bloß ein psychologisches Selbst-Mißverständnis. Genauer zugesehn, herrschten in ihm, trotz allem »Glauben«, bloß die Instinkte — und was für Instinkte! — Der »Glaube« war zu allen Zeiten, beispielsweise bei Luther, nur ein Mantel, ein Vorwand, ein Vorhang, hinter dem die Instinkte ihr Spiel spielten —, eine kluge Blindheit über die Herrschaft gewisser Instinkte… Der »Glaube« — ich nannte ihn schon die eigentliche christliche Klugheit, — man sprach immer vom »Glauben«, man tat immer nur vom Instinkte… In der Vorstellungswelt des Christen kommt nichts vor, was die Wirklichkeit auch nur anrührte: dagegen erkannten wir im Instinkt-Haß gegen jede Wirklichkeit das treibende, das einzig treibende Element in der Wurzel des Christentums. Was folgt daraus? Daß auch in psychologicis hier der Irrtum radikal, das heißt wesen-bestimmend, das heißt Substanz ist. Ein Begriff hier weg, eine einzige Realität an dessen Stelle — und das ganze Christentum rollt ins Nichts! — Aus der Höhe gesehn, bleibt diese fremdartigste aller Tatsachen, eine durch Irrtümer nicht nur bedingte, sondern nur in schädlichen, nur in leben- und herzvergiftenden Irrtümern erfinderische und selbst geniale Religion ein Schauspiel für Götter — für jene Gottheiten, welche zugleich Philosophen sind, und denen ich zum Beispiel bei jenen berühmten Zwiegesprächen auf Naxos begegnet bin. Im Augenblick, wo der Ekel von ihnen weicht (— und von uns!), werden sie dankbar für das Schauspiel des Christen: das erbärmliche kleine Gestirn, das Erde heißt, verdient vielleicht allein um dieses kuriosen Falls willen einen göttlichen Blick, eine göttliche Anteilnahme… Unterschätzen wir nämlich den Christen nicht: der Christ, falsch bis zur Unschuld, ist weit über dem Affen — in Hinsicht auf Christen wird eine bekannte Herkunfts-Theorie zur bloßen Artigkeit…
40 — Das Verhängnis des Evangeliums entschied sich mit dem Tode — es hing am »Kreuz«… Erst der Tod, dieser unerwartete schmähliche Tod, erst das Kreuz, das im allgemeinen bloß für die Kanaille aufgespart blieb — erst diese schauerlichste Paradoxie brachte die Jünger vor das eigentliche Rätsel: »wer war das? was war das?« — Das erschütterte und im Tiefsten beleidigte Gefühl, der Argwohn, es möchte ein solcher Tod die Widerlegung ihrer Sache sein, das schreckliche Fragezeichen »warum gerade so?« — dieser Zustand begreift sich nur zu gut. Hier mußte alles notwendig sein, Sinn, Vernunft, höchste Vernunft haben; die Liebe eines Jüngers kennt keinen Zufall. Erst jetzt trat die Kluft auseinander: »wer hat ihn getötet? wer war sein natürlicher Feind?« — diese Frage sprang wie ein Blitz hervor. Antwort: das herrschende Judentum, sein oberster Stand. Man empfand sich von diesem Augenblick im Aufruhr gegen die Ordnung, man verstand hinterdrein Jesus als im Aufruhr gegen die Ordnung. Bis dahin fehlte dieser kriegerische, dieser Nein-sagende, Nein-tuende Zug in seinem Bilde; mehr noch, er war dessen Widerspruch. Offenbar hat die kleine Gemeinde gerade die Hauptsache nicht verstanden, das Vorbildliche in dieser Art zu sterben, die Freiheit, die Überlegenheit über jedes Gefühl von ressentiment: — ein Zeichen dafür, wie wenig überhaupt sie von ihm verstand! An sich konnte Jesus mit seinem Tode nichts wollen, als öffentlich die stärkste Probe, den Beweis seiner Lehre zu geben … Aber seine Jünger waren ferne davon, diesen Tod zu verzeihen — was evangelisch im höchsten Sinne gewesen wäre; oder gar sich zu einem gleichen Tode in sanfter und lieblicher Ruhe des Herzens anzubieten… Gerade das am meisten unevangelische Gefühl, die Rache, kam wieder obenauf. Unmöglich konnte die Sache mit diesem Tode zu Ende sein: man brauchte »Vergeltung«, »Gericht« (— und doch, was kann noch unevangelischer sein, als »Vergeltung«, »Strafe«, »Gericht-halten«!). Noch einmal kam die populäre Erwartung eines Messias in den Vordergrund; ein historischer Augenblick wurde ins Auge gefaßt: das »Reich Gottes« kommt zum Gericht über seine Feinde… Aber damit ist alles mißverstanden: das »Reich Gottes« als Schlußakt, als Verheißung! Das Evangelium war doch gerade das Dasein, das Erfülltsein, die Wirklichkeit dieses »Reichs« gewesen. Gerade ein solcher Tod war eben dieses »Reich Gottes«. Jetzt erst trug man die ganze Verachtung und Bitterkeit gegen Pharisäer und Theologen in den Typus des Meisters ein — man machte damit aus ihm einen Pharisäer und Theologen! Andrerseits hielt die wildgewordne Verehrung dieser ganz aus den Fugen geratenen Seelen jene evangelische Gleichberechtigung von jedermann zum Kind Gottes, die Jesus gelehrt hatte, nicht mehr aus, ihre Rache war, auf eine ausschweifende Weise Jesus emporzuheben, von sich abzulösen: ganz so, wie ehedem die Juden aus Rache an ihren Feinden ihren Gott von sich losgetrennt und in die Höhe gehoben haben. Der eine Gott und der eine Sohn Gottes: beides Erzeugnisse des ressentiment …
31 I have given my answer to the problem in advance. It rests on the assumption that the type of the Redeemer has survived for us only in a badly distorted form. This distortion is very likely in itself: for several reasons, such a type could not remain pure, whole, free of additions. Both the surroundings in which this strange figure moved and, still more, the history, the fate, of the first Christian community must have left their marks on him. That history retroactively added traits to the type that become understandable only in terms of war and the purposes of propaganda. That strange and sick world into which the Gospels introduce us—a world like something out of a Russian novel, where society’s refuse, nervous disorders, and “childlike” idiocy seem to gather—must in any case have coarsened the type. The first disciples in particular had to translate a being floating entirely in symbols and intangibilities into their own crudity before they could understand anything of it at all. For them, the type only existed after it had been fitted into more familiar forms… The prophet, the Messiah, the future judge, the moral teacher, the miracle worker, John the Baptist—so many opportunities to misunderstand the type… Finally, we must not underestimate the distinctive feature of all great veneration, especially sectarian veneration: it erases the original, often painfully strange traits and peculiarities of the being it venerates—it does not even see them. It is regrettable that no Dostoevsky lived near this most interesting decadent: I mean someone who knew how to feel the moving attraction of such a mixture of the sublime, the sick, and the childlike.
One final point of view: as a type of decadence, this type could actually have been peculiarly complex and contradictory. Such a possibility cannot be ruled out altogether. Still, everything argues against it: in that case, the tradition itself would have to be remarkably faithful and objective—whereas we have reasons to assume the opposite. As things stand, there is a glaring contradiction between the preacher on mountains, lakes, and meadows, who seems like a Buddha on very un-Indian ground, and that fanatical attacker, that deadly enemy of theologians and priests, whom Renan’s malice glorified as “the great master of irony.” I myself have no doubt that the ample measure of bile—and even of wit—spilled over onto the type of the master only from the agitated state of Christian propaganda. We know well enough how readily all sectarians reshape their master into their own defense. When the first community needed a judging, quarrelsome, wrathful theologian with a malicious talent for splitting hairs, to use against theologians, it created its “God” to suit its needs. In the same way, it put into his mouth without hesitation those entirely unevangelical concepts that it could no longer do without: the “Second Coming,” the “Last Judgment,” every kind of expectation and promise tied to a future time.—
32 To repeat, I resist reading a fanatic into the type of the Redeemer: the word domineering, which Renan uses, by itself cancels out the type. The “good news” is precisely that there are no more oppositions; the kingdom of heaven belongs to children. The faith speaking here is not a faith won through struggle—it is there, it is there from the beginning, it is something like a childlikeness that has retreated into the spiritual realm. The case of puberty delayed and left undeveloped in the organism as a result of degeneration is familiar at least to physiologists.—Such a faith does not rage, does not blame, does not defend itself: it does not bring “the sword”—it has no idea how it could ever divide people. It does not prove itself through miracles, through reward and promise, still less “through scripture”: at every moment it is its own miracle, its own reward, its own proof, its own “kingdom of God.” This faith does not formulate itself either—it lives, it resists formulas. Of course, the accidents of surroundings, language, and previous education determine a certain range of concepts: early Christianity uses only Jewish-Semitic concepts. (The eating and drinking at communion belongs here, that concept which the church has so badly misused, as it has everything Jewish.)
But we must take care not to see more in this than a language of signs, a system of symbols, an opportunity for parables. For this anti-realist, the condition for being able to speak at all is precisely that no word be taken literally. Among Indians he would have used the concepts of Sankhya, among Chinese those of Lao-tzu—and would have felt no difference.—With some flexibility in the expression, Jesus could be called a “free spirit”—he cares nothing for anything fixed: the word kills, everything fixed kills. His concept, his experience of “life,” as he alone knows it, resists every kind of word, formula, law, faith, dogma. He speaks only of what is innermost: “life” or “truth” or “light” is his word for what is innermost. Everything else, all reality, all nature, language itself, has for him only the value of a sign, a parable.—There must be no mistake on this point, however great the temptation created by Christian—that is, church—prejudice: such a symbolist in the fullest sense stands outside all religion, all concepts of worship, all history, all natural science, all experience of the world, all knowledge, all politics, all psychology, all books, all art. His “knowledge” is precisely pure ignorance of the fact that anything of the kind exists. He has not even heard of culture; he has no need to fight it—he does not deny it… The same applies to the state, to the whole civil order and society, to work, to war—he has never had any reason to deny “the world”; he has never had an inkling of the church’s concept of “world”… Denying is precisely what is completely impossible for him.—Likewise, there is no dialectical argument, no idea that a faith, a “truth,” could be proved by reasons. (His proofs are inner “lights,” inner feelings of pleasure and self-affirmations, nothing but “proofs of power.”) Such a teaching also cannot contradict: it does not understand at all that other teachings exist, can exist; it cannot even imagine an opposing judgment… Where it encounters one, it will grieve over “blindness” with the deepest fellow feeling—for it sees the “light”—but it will raise no objection…
33 The concepts of guilt and punishment are absent from the whole psychology of the “Gospel”; so is the concept of reward. “Sin,” every relationship of distance between God and humanity, is abolished—that is precisely the “good news.” Bliss is not promised, it is not tied to conditions: it is the only reality—the rest consists of signs for speaking about it…
The consequence of such a state expresses itself in a new practice, the truly evangelical practice. It is not a “faith” that distinguishes the Christian: the Christian acts, distinguishes himself by acting differently. He does not resist someone who treats him badly, either in words or in his heart. He makes no distinction between foreigners and natives, between Jews and non-Jews (“neighbor” actually means a fellow believer, a Jew). He gets angry with no one, looks down on no one. He neither appears in courts of law nor allows himself to be called on there (“do not swear an oath”). Under no circumstances does he divorce his wife, not even if her infidelity is proved.—At bottom, all this is one principle, all the consequences of one instinct.—
The Redeemer’s life was nothing other than this practice—his death was nothing else either… He no longer needed formulas or rituals for dealing with God—not even prayer. He had done away with the whole Jewish doctrine of repentance and reconciliation; he knew that only the practice of life makes people feel “divine,” “blessed,” “evangelical,” at every moment a “child of God.” Neither “repentance” nor “prayer for forgiveness” is a path to God: evangelical practice alone leads to God; it actually is “God”!—What the Gospel did away with was the Judaism of the concepts “sin,” “forgiveness of sin,” “faith,” “redemption through faith”—the whole Jewish church doctrine was denied in the “good news.”
The deep instinct for how one must live to feel “in heaven,” to feel “eternal,” while with every other way of behaving one feels decidedly not “in heaven”: this alone is the psychological reality of “redemption.”—A new way of living, not a new faith…
34 If I understand anything about this great symbolist, it is that he took only inner realities as realities, as “truths”—that he understood the rest, everything natural, temporal, spatial, historical, only as signs, as occasions for parables. The concept “Son of Man” is not a concrete person belonging to history, something individual and unique, but an “eternal” actuality, a psychological symbol freed from the concept of time. The same applies again, and in the highest sense, to the God of this typical symbolist, to the “kingdom of God,” the “kingdom of heaven,” to being “children of God.” Nothing is more un-Christian than the church’s crude notions of a God as a person, of a “kingdom of God” that is coming, of a “kingdom of heaven” in the beyond, of a “Son of God,” the second person of the Trinity. All this is—forgive the expression—a fist in the eye of the Gospel—and what an eye! It is cynicism on the scale of world history in its mockery of the symbol… But it is obvious what is touched on by the signs “Father” and “Son”—not obvious to everyone, I admit: the word “Son” expresses entry into the feeling that all things are transfigured as a whole (bliss); the word “Father” expresses this feeling itself, the feeling of eternity, of perfection.—I am ashamed to recall what the church has made of this symbolism: hasn’t it placed an Amphitryon story at the threshold of Christian “faith”? And a dogma of the “immaculate conception” on top of it?… But in doing so it has stained conception——
The “kingdom of heaven” is a state of the heart—not something that comes “above the earth” or “after death.” The whole concept of natural death is absent from the Gospel: death is not a bridge, not a transition; it is absent because it belongs to an entirely different world, a merely apparent world useful only for signs. The “hour of death” is not a Christian concept—the “hour,” time, physical life and its crises do not exist at all for the teacher of the “good news”… The “kingdom of God” is not something to wait for; it has no yesterday and no day after tomorrow, it is not coming in “a thousand years”—it is an experience in a heart; it is everywhere, it is nowhere…
35 This “bringer of good news” died as he lived, as he taught—not to “redeem humanity,” but to show how to live. What he left humanity was his practice: his conduct before the judges, before those who arrested him, before his accusers and every kind of slander and mockery—his conduct on the cross. He does not resist, he does not defend his rights, he takes no step to ward off the worst; more than that, he invites it… And he pleads, he suffers, he loves with those, in those, who do him harm. The words to the criminal on the cross contain the whole Gospel. “This truly was a divine man, a child of God!” says the criminal. “If you feel this,” answers the Redeemer, “then you are in paradise, then you are a child of God.” Do not defend yourself, do not grow angry, do not hold anyone responsible… But do not resist the evil person either—love him…
36 —Only we, we spirits who have become free, have what is needed to understand something that nineteen centuries have misunderstood—that honesty, become instinct and passion, which wages war on the “holy lie” even more than on any other lie… People were indescribably far from our loving and careful neutrality, from that discipline of the intellect that alone makes it possible to grasp such strange, such delicate things. With shameless selfishness, they always wanted only their own advantage from it; they built the church out of the opposite of the Gospel…
Anyone looking for signs that an ironic divinity has a hand in the great game of the world would find substantial support in the enormous question mark called Christianity. Humanity kneels before the opposite of what was the Gospel’s origin, meaning, and justification; in the concept of “church,” it has declared holy precisely what the “bringer of good news” felt was beneath him, behind him—one looks in vain for a greater form of irony in world history——
37 —Our age is proud of its historical sense: how could it convince itself of the nonsense that Christianity began with the crude fable of a miracle worker and redeemer, and that everything spiritual and symbolic developed only later? The reverse is true: the history of Christianity—from the death on the cross onward—is the history of an ever coarser, step-by-step misunderstanding of an original symbolism. Every time Christianity spread to still broader, still cruder masses, who increasingly lacked the conditions from which it was born, it became more necessary to vulgarize Christianity, to barbarize it. It swallowed the teachings and rites of all the underground cults of the Roman Empire, the nonsense of every kind of sick reason. Christianity’s fate lies in the necessity that its faith itself had to become as sick, as low and vulgar, as the needs it was meant to satisfy were sick, low, and vulgar. In the church, sick barbarism itself finally gathers into a power—the church, this form of deadly hostility toward all honesty, all greatness of soul, all discipline of the intellect, all openhearted and kindly humanity.—Christian values—noble values: only we, we spirits who have become free, have restored this greatest opposition of values there is!—
38 —I will not suppress a sigh here. There are days when a feeling visits me, blacker than the blackest melancholy—contempt for humanity. And to leave no doubt about what I despise, whom I despise: it is the person of today, the person whom fate has made my contemporary. The person of today—I choke on his foul breath… Toward the past, like everyone who seeks knowledge, I have great tolerance—that is, generous self-restraint. I move through the madhouse world of entire millennia, whether called “Christianity,” “Christian faith,” or “Christian church,” with a gloomy caution—I take care not to hold humanity responsible for its mental illnesses. But my feeling changes, bursts out, as soon as I enter modern times, our time. Our time knows… What was once merely sick has now become indecent—it is indecent to be a Christian today. And here my disgust begins.—I look around: not one word remains of what used to be called “truth”; we can no longer bear it when a priest so much as says the word “truth.” With even the most modest claim to honesty, one must know today that a theologian, a priest, a pope not only makes a mistake with every sentence he speaks, but lies—that he no longer has the option of lying out of “innocence,” out of “ignorance.” The priest too knows, as well as everyone knows, that there is no longer any “God,” any “sinner,” any “redeemer”—that “free will” and “moral world order” are lies. The seriousness of the intellect, its deep effort to overcome itself, no longer allows anyone not to know about this… All the church’s concepts have been recognized for what they are: the most malicious counterfeiting there is, intended to devalue nature and natural values. The priest himself has been recognized for what he is: the most dangerous kind of parasite, life’s true poisonous spider… We know, our conscience knows today, what those sinister inventions of the priests and the church are worth, what they were for. They brought humanity to a state of self-defilement that can make one sick at the sight of it—the concepts “beyond,” “Last Judgment,” “immortality of the soul,” the “soul” itself: they are instruments of torture, systems of cruelty through which the priest became master and remained master… Everyone knows this: and yet everything stays as it was. Where has the last feeling of decency, of self-respect, gone, when even our statesmen—otherwise a very uninhibited kind of person and thoroughly anti-Christian in their actions—still call themselves Christians today and take communion?… A young prince at the head of his regiments, magnificent as an expression of his people’s selfishness and arrogance—but professing himself a Christian without the slightest shame!… Whom, then, does this Christianity deny? What does it call “the world”? Being a soldier, being a judge, being a patriot; defending yourself; caring about your honor; seeking your own advantage; being proud… Every practice at every moment, every instinct, every value judgment that becomes an act, is anti-Christian today: what a misshapen offspring of falsehood modern people must be, that despite this they are not ashamed still to call themselves Christians!
39 —I return; I am telling the real history of Christianity.—The very word “Christianity” is a misunderstanding—at bottom there was only one Christian, and he died on the cross. The “Gospel” died on the cross. What has been called “Gospel” from that moment onward was already the opposite of what he had lived: “bad news,” a gospel of bad news. It is wrong to the point of absurdity to see the mark of a Christian in a “faith,” for example in faith in redemption through Christ. Only Christian practice, a life such as the one who died on the cross lived, is Christian… Even today, such a life is possible, and for certain people even necessary: genuine, original Christianity will be possible at all times… Not a matter of believing, but of acting, above all of not doing many things, of being different… States of consciousness, any belief, for example taking something to be true—as every psychologist knows—are completely unimportant and of fifth-rate significance compared with the value of the instincts. To speak more strictly, the whole concept of mental causation is false. To reduce being a Christian, being Christian in character, to taking something to be true, to mere phenomena of consciousness, is to negate that Christian character. In fact, there were no Christians at all. The “Christian,” what has been called Christian for two thousand years, is merely a psychological misunderstanding of oneself. Look more closely: despite all his “faith,” only the instincts ruled in him—and what instincts!—“Faith” has always been, for example in Luther, merely a cloak, a pretext, a curtain behind which the instincts played their game—a clever blindness to the rule of certain instincts… “Faith”—I have already called it the specifically Christian clever strategy—people always spoke of “faith,” but always acted only from instinct… The Christian’s world of ideas contains nothing that even touches reality. On the other hand, we have recognized instinctive hatred of every reality as the driving element, the only driving element, at Christianity’s root. What follows? That here too, in psychological matters, error is radical—that is, it defines the essence, it is the substance. Remove one concept here, put a single reality in its place—and the whole of Christianity collapses into nothing!—Seen from above, this strangest of all facts—a religion not merely conditioned by errors, but inventive and even ingenious only in harmful errors, only in errors that poison life and the heart—remains a spectacle for gods: for those divinities who are also philosophers and whom I encountered, for example, in those famous dialogues on Naxos. The moment their disgust leaves them (and us!), they become grateful for the spectacle of the Christian. Perhaps this one curious case is enough to make the miserable little celestial body called earth deserve a divine glance, a divine interest… For we must not underestimate the Christian: the Christian, false to the point of innocence, is far above the ape—where Christians are concerned, a well-known theory of descent becomes mere politeness…
40 —The Gospel’s fate was decided by death—it hung on the “cross”… Only the death, this unexpected, shameful death, only the cross, generally reserved for the rabble—only this most horrifying paradox confronted the disciples with the real riddle: “Who was that? What was that?”—Their shattered and deeply wounded feelings, the suspicion that such a death might refute their cause, the terrible question mark “Why this way, of all ways?”—this state is all too understandable. Everything here had to be necessary, to have meaning, reason, the highest reason; a disciple’s love recognizes no accident. Only now did the gulf open up: “Who killed him? Who was his natural enemy?”—this question flashed out like lightning. Answer: ruling Judaism, its highest class. From that moment they felt themselves in revolt against the established order; afterward they understood Jesus as in revolt against the established order. Until then, this warlike trait of saying no and putting that no into action, had been absent from his image; more than that, it had contradicted his whole image. Clearly the little community had not understood the main thing: the example set by this way of dying, the freedom, the superiority over every feeling of resentment—a sign of how little it understood him at all! In itself, Jesus could have intended nothing with his death except to give the strongest public demonstration, the proof, of his teaching… But his disciples were far from forgiving this death—which would have been evangelical in the highest sense—let alone offering themselves for a similar death with gentle and loving peace of heart… Precisely the most unevangelical feeling, revenge, came to the top again. The matter could not possibly end with this death: “retribution,” “judgment” were needed. (And yet, what could be more unevangelical than “retribution,” “punishment,” “sitting in judgment”!) Once again the popular expectation of a Messiah came to the front; a historical moment was envisaged: the “kingdom of God” is coming to judge his enemies… But this misunderstands everything: the “kingdom of God” as a final act, as a promise! The Gospel had been precisely the presence, the fulfillment, the reality of this “kingdom.” Precisely such a death was this “kingdom of God.” Only now was all the contempt and bitterness toward Pharisees and theologians read into the type of the master—in doing so, they made him into a Pharisee and theologian! On the other hand, the veneration gone wild in these completely unhinged souls could no longer bear that evangelical equality of everyone’s right to be a child of God, which Jesus had taught. Their revenge was to raise Jesus up extravagantly, to separate him from themselves—just as the Jews had once separated their God from themselves and raised him on high out of revenge against their enemies. The one God and the one Son of God: both products of resentment…
Sections 41–50
41 — Und von nun an tauchte ein absurdes Problem auf: »wie konnte Gott das zulassen!« Darauf fand die gestörte Vernunft der kleinen Gemeinschaft eine geradezu schrecklich absurde Antwort: Gott gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden, als Opfer. Wie war es mit einem Male zu Ende mit dem Evangelium! Das Schuldopfer, und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum! — Jesus hatte ja den Begriff »Schuld« selbst abgeschafft — er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er lebte diese Einheit von Gott und Mensch als seine »frohe Botschaft« … Und nicht als Vorrecht! — Von nun an tritt schrittweise in den Typus des Erlösers hinein: die Lehre vom Gericht und von der Wiederkunft, die Lehre vom Tod als einem Opfertode, die Lehre von der Auferstehung, mit der der ganze Begriff »Seligkeit«, die ganze und einzige Realität des Evangeliums, eskamotiert ist — zugunsten eines Zustandes nach dem Tode!… Paulus hat diese Auffassung, diese Unzucht von Auffassung mit jener rabbinerhaften Frechheit, die ihn in allen Stücken auszeichnet, dahin logisiert: »wenn Christus nicht auferstanden ist von den Toten, so ist unser Glaube eitel«. — Und mit einem Male wurde aus dem Evangelium die verächtlichste aller unerfüllbaren Versprechungen, die unverschämte Lehre von der Personal-Unsterblichkeit … Paulus selbst lehrte sie noch als Lohn!…
42 Man sieht, was mit dem Tode am Kreuz zu Ende war: ein neuer, durchaus ursprünglicher Ansatz zu einer buddhistischen Friedensbewegung, zu einem tatsächlichen, nicht bloß verheißenden Glück auf Erden. Denn dies bleibt — ich hob es schon hervor — der Grundunterschied zwischen den beiden décadence-Religionen: der Buddhismus verspricht nicht, sondern hält, das Christentum verspricht alles, aber hält nichts. — Der »frohen Botschaft« folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus. In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum »frohen Botschafter«, das Genie im Haß, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen Logik des Hasses. Was hat dieser Dysangelist alles dem Hasse zum Opfer gebracht! Vor allem den Erlöser: er schlug ihn an sein Kreuz. Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums — nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Haß begriff, was allein er brauchen konnte. Nicht die Realität, nicht die historische Wahrheit! … Und noch einmal verübte der Priester-Instinkt des Juden das gleiche große Verbrechen an der Historie — er strich das Gestern, das Vorgestern des Christentums einfach durch, er erfand sich eine Geschichte des ersten Christentums. Mehr noch: er fälschte die Geschichte Israels nochmals um, um als Vorgeschichte für seine Tat zu erscheinen: alle Propheten haben von seinem »Erlöser« geredet… Die Kirche fälschte später sogar die Geschichte der Menschheit zur Vorgeschichte des Christentums… Der Typus des Erlösers, die Lehre, die Praktik, der Tod, der Sinn des Todes, selbst das Nachher des Todes — nichts blieb unangetastet, nichts blieb auch nur ähnlich der Wirklichkeit. Paulus verlegte einfach das Schwergewicht jenes ganzen Daseins hinter dies Dasein — in die Lüge vom »wiederauferstandenen« Jesus. Er konnte im Grunde das Leben des Erlösers überhaupt nicht brauchen — er hatte den Tod am Kreuz nötig und etwas mehr noch… Einen Paulus, der seine Heimat an dem Hauptsitz der stoischen Aufklärung hatte, für ehrlich halten, wenn er sich aus einer Halluzination den Beweis vom Noch-Leben des Erlösers zurechtmacht, oder auch nur seiner Erzählung, daß er diese Halluzination gehabt hat, Glauben schenken, wäre eine wahre niaiserie seitens eines Psychologen: Paulus wollte den Zweck, folglich wollte er auch die Mittel… Was er selbst nicht glaubte, die Idioten, unter die er seine Lehre warf, glaubten es. — Sein Bedürfnis war die Macht; mit Paulus wollte nochmals der Priester zur Macht — er konnte nur Begriffe, Lehren, Symbole brauchen, mit denen man Massen tyrannisiert, Herden bildet. Was allein entlehnte später Mohammed dem Christentum? Die Erfindung des Paulus, sein Mittel zur Priester-Tyrannei, zur Herden-Bildung: den Unsterblichkeits-Glauben — das heißt die Lehre vom »Gericht« …
43 Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht ins Leben, sondern ins »Jenseits« verlegt — ins Nichts —, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen. Die große Lüge von der Personal-Unsterblichkeit zerstört jede Vernunft, jede Natur im Instinkte — alles, was wohltätig, was lebenfördernd, was zukunftverbürgend in den Instinkten ist, erregt nunmehr Mißtrauen. So zu leben, daß es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum »Sinn« des Lebens… Wozu Gemeinsinn, wozu Dankbarkeit noch für Herkunft und Vorfahren, wozu mitarbeiten, zutrauen, irgendein Gesamtwohl fördern und im Auge haben?… Ebenso viele »Versuchungen«, ebenso viele Ablenkungen vom »rechten Weg« — »eins ist not«… Daß jeder als »unsterbliche Seele« mit jedem gleichen Rang hat, daß in der Gesamtheit aller Wesen das »Heil« jedes einzelnen eine ewige Wichtigkeit in Anspruch nehmen darf, daß kleine Mucker und Dreiviertels-Verrückte sich einbilden dürfen, daß um ihreswillen die Gesetze der Natur beständig durchbrochen werden — eine solche Steigerung jeder Art Selbstsucht ins Unendliche, ins Unverschämte kann man nicht mit genug Verachtung brandmarken. Und doch verdankt das Christentum dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei vor der Personal-Eitelkeit seinen Sieg — gerade alles Mißratene, Aufständisch-Gesinnte, Schlecht-weg-gekommne, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es damit zu sich überredet. Das »Heil der Seele« — auf deutsch: »die Welt dreht sich um mich« … Das Gift der Lehre »gleiche Rechte für alle« — das Christentum hat es am grundsätzlichsten ausgesät; das Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen Mensch und Mensch, das heißt der Voraussetzung zu jeder Erhöhung, zu jedem Wachstum der Kultur einen Todkrieg aus den heimlichsten Winkeln schlechter Instinkte gemacht — es hat aus dem ressentiment der Massen sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf Erden, gegen unser Glück auf Erden… Die »Unsterblichkeit« jedem Petrus und Paulus zugestanden, war bisher das größte, das bösartigste Attentat auf die vornehme Menschlichkeit. — Und unterschätzen wir das Verhängnis nicht, das vom Christentum aus sich bis in die Politik eingeschlichen hat! Niemand hat heute mehr den Mut zu Sonderrechten, zu Herrschaftsrechten, zu einem Ehrfurchtsgefühl vor sich und seinesgleichen — zu einem Pathos der Distanz … Unsre Politik ist krank an diesem Mangel an Mut! — Der Aristokratismus der Gesinnung wurde durch die Seelen-Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben; und wenn der Glaube an das »Vorrecht der Meisten« Revolutionen macht und machen wird — das Christentum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werturteile sind es, welche jede Revolution bloß in Blut und Verbrechen übersetzt! Das Christentum ist ein Aufstand alles Am-Boden-Kriechenden gegen das, was Höhe hat: das Evangelium der »Niedrigen« macht niedrig…
44 — Die Evangelien sind unschätzbar als Zeugnis für die bereits unaufhaltsame Korruption innerhalb der ersten Gemeinde. Was Paulus später mit dem Logiker-Zynismus eines Rabbiners zu Ende führte, war trotzdem bloß der Verfalls-Prozeß, der mit dem Tode des Erlösers begann. — Diese Evangelien kann man nicht behutsam genug lesen; sie haben ihre Schwierigkeiten hinter jedem Wort. Ich bekenne, man wird es mir zugute halten, daß sie ebendamit für einen Psychologen ein Vergnügen ersten Ranges sind — als Gegensatz aller naiven Verderbnis, als das Raffinement par excellence, als Künstlerschaft in der psychologischen Verderbnis. Die Evangelien stehn für sich. Die Bibel überhaupt verträgt keinen Vergleich. Man ist unter Juden: erster Gesichtspunkt, um hier nicht völlig den Faden zu verlieren. Die hier geradezu Genie werdende Selbstverstellung ins »Heilige«, unter Büchern und Menschen nie annähernd sonst erreicht, diese Wort- und Gebärden-Falschmünzerei als Kunst ist nicht der Zufall irgendwelcher Einzel-Begabung, irgendwelcher Ausnahme-Natur. Hierzu gehört Rasse. Im Christentum, als der Kunst, heilig zu lügen, kommt das ganze Judentum, eine mehrhundertjährige jüdische allerernsthafteste Vorübung und Technik zur letzten Meisterschaft. Der Christ, diese ultima ratio der Lüge, ist der Jude noch einmal — dreimal selbst… Der grundsätzliche Wille, nur Begriffe, Symbole, Attitüden anzuwenden, welche aus der Praxis des Priesters bewiesen sind, die Instinkt-Ablehnung jeder andren Praxis, jeder andren Art Wert- und Nützlichkeits-Perspektive — das ist nicht nur Tradition, das ist Erbschaft: nur als Erbschaft wirkt es wie Natur. Die ganze Menschheit, die besten Köpfe der besten Zeiten sogar (einen ausgenommen, der vielleicht bloß ein Unmensch ist —) haben sich täuschen lassen. Man hat das Evangelium als Buch der Unschuld gelesen… kein kleiner Fingerzeig dafür, mit welcher Meisterschaft hier geschauspielert worden ist. — Freilich bekämen wir sie zu sehen, auch nur im Vorübergehn, alle diese wunderlichen Mucker und Kunst-Heiligen, so wäre es am Ende — und genau deshalb, weil ich keine Worte lese, ohne Gebärden zu sehn, mache ich mit ihnen ein Ende… Ich halte eine gewisse Art, die Augen aufzuschlagen, an ihnen nicht aus. — Zum Glück sind Bücher für die allermeisten bloß Literatur — — Man muß sich nicht irreführen lassen: »Richtet nicht!« sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht. Indem sie Gott richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen sie sich selber; indem sie die Tugenden fordern, deren sie gerade fähig sind — mehr noch, die sie nötig haben, um überhaupt oben zu bleiben —, geben sie sich den großen Anschein eines Ringens um die Tugend, eines Kampfes um die Herrschaft der Tugend. »Wir leben, wir sterben, wir opfern uns für das Gute« (— »die Wahrheit«, »das Licht«, das »Reich Gottes«): in Wahrheit tun sie, was sie nicht lassen können. Indem sie nach Art von Duckmäusern sich durchdrücken, im Winkel sitzen, im Schatten schattenhaft dahinleben, machen sie sich eine Pflicht daraus: als Pflicht erscheint ihr Leben der Demut, als Demut ist es ein Beweis mehr für Frömmigkeit… Ah diese demütige, keusche, barmherzige Art von Verlogenheit! »Für uns soll die Tugend selbst Zeugnis ablegen« … Man lese die Evangelien als Bücher der Verführung mit Moral: die Moral wird von diesen kleinen Leuten mit Beschlag belegt — sie wissen, was es auf sich hat mit der Moral! Die Menschheit wird am besten genasführt mit der Moral! — Die Realität ist, daß hier der bewußteste Auserwählten-Dünkel die Bescheidenheit spielt: man hat sich, die »Gemeinde«, die »Guten und Gerechten« ein für allemal auf die eine Seite gestellt, auf die »der Wahrheit« — und den Rest, »die Welt«, auf die andre… Das war die verhängnisvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: kleine Mißgeburten von Muckern und Lügnern fingen an, die Begriffe »Gott«, »Wahrheit«, »Licht«, »Geist«, »Liebe«, »Weisheit«, »Leben« für sich in Anspruch zu nehmen, gleichsam als Synonyma von sich, um damit die »Welt« gegen sich abzugrenzen, kleine Superlativ-Juden, reif für jede Art Irrenhaus, drehten die Werte überhaupt nach sich um, wie als ob erst der »Christ« der Sinn, das Salz, das Maß, auch das letzte Gericht vom ganzen Rest wäre… Das ganze Verhängnis wurde dadurch allein ermöglicht, daß schon eine verwandte, rassenverwandte Art von Größenwahn in der Welt war, der jüdische: sobald einmal die Kluft zwischen Juden und Judenchristen sich aufriß, blieb letzteren gar keine Wahl, als dieselben Prozeduren der Selbsterhaltung, die der jüdische Instinkt anriet, gegen die Juden selber anzuwenden, während die Juden sie bisher bloß gegen alles Nicht-Jüdische angewendet hatten. Der Christ ist nur ein Jude »freieren« Bekenntnisses. —
45 — Ich gebe ein paar Proben von dem, was sich diese kleinen Leute in den Kopf gesetzt, was sie ihrem Meister in den Mund gelegt haben: lauter Bekenntnisse »schöner Seelen«. —
»Und welche euch nicht aufnehmen noch hören, da gehet von dannen hinaus und schüttelt den Staub ab von euren Füßen, zu einem Zeugnis über sie. Ich sage euch: Wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha am Jüngsten Gericht erträglicher ergehn, denn solcher Stadt« (Markus 6, 11). — Wie evangelisch! …
»Und wer der Kleinen einen ärgert, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde und er in das Meer geworfen würde« (Markus 9, 42). — Wie evangelisch! …
»Ärgert dich dein Auge, so wirf es von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen; da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht erlischt« (Markus 9, 47). — Es ist nicht gerade das Auge gemeint…
»Wahrlich, ich sage euch, es stehen etliche hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis daß sie sehen das Reich Gottes mit Kraft kommen« (Markus 9, 1). — Gut gelogen, Löwe…
»Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn…« (Anmerkung eines Psychologen. Die christliche Moral wird durch ihre Denns widerlegt: ihre »Gründe« widerlegen — so ist es christlich.) Markus 8, 34. —
»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden« (Matthäus 7, 1). — Welcher Begriff von Gerechtigkeit, von einem »gerechten« Richter!…
»Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also?« (Matthäus 5, 46.) — Prinzip der »christlichen Liebe«: sie will zuletzt gut bezahlt sein…
»Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben« (Matthäus 6, 15), — Sehr kompromittierend für den genannten »Vater« …
»Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen« (Matthäus 6, 33). — Solches alles: nämlich Nahrung, Kleidung, die ganze Notdurft des Lebens. Ein Irrtum, bescheiden ausgedrückt … Kurz vorher erscheint Gott als Schneider, wenigstens in gewissen Fällen…
»Freuet euch alsdann und hüpfet: denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Desgleichen taten ihre Väter den Propheten auch« (Lukas 6, 23). — Unverschämtes Gesindel! Es vergleicht sich bereits mit den Propheten …
»Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnet? So jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird Gott verderben: denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr« (Paulus I. Korinther 3, 16). — Dergleichen kann man nicht genug verachten …
»Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? So denn nun die Welt soll von euch gerichtet werden: seid ihr denn nicht gut genug, geringere Sachen zu richten?« (Paulus I. Korinther 6, 2.) — Leider nicht bloß die Rede eines Irrenhäuslers … Dieser fürchterliche Betrüger fährt wörtlich fort: »Wisset ihr nicht, daß wir über die Engel richten werden? Wie viel mehr über die zeitlichen Güter!«…
»Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben…; nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zuschanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zunichte mache, was etwas ist. Auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme« (Paulus I. Korinther 1, 20 ff.). — Um diese Stelle, ein Zeugnis allerersten Ranges für die Psychologie jeder Tschandala-Moral, zu verstehn, lese man die erste Abhandlung meiner Genealogie der Moral: in ihr wurde zum erstenmal der Gegensatz einer vornehmen und einer aus ressentiment und ohnmächtiger Rache gebornen Tschandala-Moral ans Licht gestellt. Paulus war der größte aller Apostel der Rache…
46 — Was folgt daraus? Daß man gut tut, Handschuhe anzuziehn, wenn man das Neue Testament liest. Die Nähe von so viel Unreinlichkeit zwingt beinahe dazu. Wir würden uns »erste Christen« so wenig wie polnische Juden zum Umgang wählen: nicht daß man gegen sie auch nur einen Einwand nötig hätte… Sie riechen beide nicht gut. — Ich habe vergebens im Neuen Testamente auch nur nach einem sympathischen Zuge ausgespäht; nichts ist darin, was frei, gütig, offenherzig, rechtschaffen wäre. Die Menschlichkeit hat hier noch nicht ihren ersten Anfang gemacht — die Instinkte der Reinlichkeit fehlen… Es gibt nur schlechte Instinkte im Neuen Testament, es gibt keinen Mut selbst zu diesen schlechten Instinkten. Alles ist Feigheit, alles ist Augenschließen und Selbstbetrug darin. Jedes Buch wird reinlich, wenn man eben das Neue Testament gelesen hat: ich las, um ein Beispiel zu geben, mit Entzücken unmittelbar nach Paulus jenen anmutigsten, übermütigsten Spötter Petronius, von dem man sagen könnte, was Domenico Boccaccio über Cesare Borgia an den Herzog von Parma schrieb: »è tutto festo« — unsterblich gesund, unsterblich heiter und wohlgeraten … Diese kleinen Mucker verrechnen sich nämlich in der Hauptsache. Sie greifen an, aber alles, was von ihnen angegriffen wird, ist damit ausgezeichnet. Wen ein »erster Christ« angreift, den besudelt er nicht… Umgekehrt: es ist eine Ehre, »erste Christen« gegen sich zu haben. Man liest das Neue Testament nicht ohne eine Vorliebe für das, was darin mißhandelt wird, — nicht zu reden von der »Weisheit dieser Welt«, welche ein frecher Windmacher »durch törichte Predigt« umsonst zuschanden zu machen sucht… Aber selbst die Pharisäer und Schriftgelehrten haben ihren Vorteil von einer solchen Gegnerschaft: sie müssen schon etwas wert gewesen sein, um auf eine so unanständige Weise gehaßt zu werden. Heuchelei — das wäre ein Vorwurf, den »erste Christen« machen dürften! — Zuletzt waren es die Privilegierten: dies genügt, der Tschandala-Haß braucht keine Gründe mehr. Der »erste Christ« — ich fürchte, auch der »letzte Christ«, den ich vielleicht noch erleben werde — ist Rebell gegen alles Privilegierte aus unterstem Instinkte — er lebt, er kämpft immer für »gleiche Rechte« … Genauer zugesehn, hat er keine Wahl. Will man, für seine Person, ein »Auserwählter Gottes« sein — oder ein »Tempel Gottes«, oder ein »Richter der Engel« —, so ist jedes andre Prinzip der Auswahl, zum Beispiel nach Rechtschaffenheit, nach Geist, nach Männlichkeit und Stolz, nach Schönheit und Freiheit des Herzens, einfach »Welt« — das Böse an sich… Moral: jedes Wort im Munde eines »ersten Christen« ist eine Lüge, jede Handlung, die er tut, eine Instinkt-Falschheit — alle seine Werte, alle seine Ziele sind schädlich, aber wen er haßt, was er haßt, das hat Wert… Der Christ, der Priester-Christ insonderheit, ist ein Kriterium für Werte — — Habe ich noch zu sagen, daß im ganzen Neuen Testament bloß eine einzige Figur vorkommt, die man ehren muß? Pilatus, der römische Statthalter. Einen Judenhandel ernst zu nehmen — dazu überredet er sich nicht. Ein Jude mehr oder weniger — was liegt daran?… Der vornehme Hohn eines Römers, vor dem ein unverschämter Mißbrauch mit dem Wort »Wahrheit« getrieben wird, hat das Neue Testament mit dem einzigen Wort bereichert, das Wert hat — das seine Kritik, seine Vernichtung selbst ist: »was ist Wahrheit!« …
47 — Das ist es nicht, was uns abscheidet, daß wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte, noch in der Natur, noch hinter der Natur — sondern daß wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als »göttlich«, sondern als erbarmungswürdig, als absurd, als schädlich empfinden, nicht nur als Irrtum, sondern als Verbrechen am Leben… Wir leugnen Gott als Gott… Wenn man uns diesen Gott der Christen bewiese, wir würden ihn noch weniger zu glauben wissen. — In Formel: deus, qualem Paulus creavit, dei negatio. — Eine Religion, wie das Christentum, die sich an keinem Punkte mit der Wirklichkeit berührt, die sofort dahinfällt, sobald die Wirklichkeit auch nur an einem Punkte zu Rechte kommt, muß billigerweise der »Weisheit der Welt«, will sagen der Wissenschaft, todfeind sein — sie wird alle Mittel gut heißen, mit denen die Zucht des Geistes, die Lauterkeit und Strenge in Gewissenssachen des Geistes, die vornehme Kühle und Freiheit des Geistes vergiftet, verleumdet, verrufen gemacht werden kann. Der »Glaube« als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft — in praxi die Lüge um jeden Preis… Paulus begriff, daß die Lüge — daß »der Glaube« nottat; die Kirche begriff später wieder Paulus. — Jener »Gott«, den Paulus sich erfand, ein Gott, der »die Weisheit der Welt« (im engern Sinn die beiden großen Gegnerinnen alles Aberglaubens, Philologie und Medizin) »zuschanden macht«, ist in Wahrheit nur der resolute Entschluß des Paulus selbst dazu: »Gott« seinen eignen Willen zu nennen, thora, das ist urjüdisch. Paulus will »die Weisheit der Welt« zuschanden machen: seine Feinde sind die guten Philologen und Ärzte alexandrinischer Schulung —, ihnen macht er den Krieg. In der Tat, man ist nicht Philolog und Arzt, ohne nicht zugleich auch Antichrist zu sein. Als Philolog schaut man nämlich hinter die »heiligen Bücher«, als Arzt hinter die physiologische Verkommenheit des typischen Christen. Der Arzt sagt »unheilbar«, der Philolog »Schwindel« …
48 — Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang der Bibel steht — von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft?… Man hat sie nicht verstanden. Dies Priesterbuch par excellence beginnt, wie billig, mit der großen inneren Schwierigkeit des Priester: er hat nur eine große Gefahr, folglich hat »Gott« nur eine große Gefahr. —
Der alte Gott, ganz »Geist«, ganz Hoherpriester, ganz Vollkommenheit, lustwandelt in seinen Gärten: nur daß er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens. Was tut er? Er erfindet den Menschen — der Mensch ist unterhaltend…
Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Not, die alle Paradiese an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Tiere. Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Tiere nicht unterhaltend — er herrschte über sie, er wollte nicht einmal »Tier« sein. — Folglich schuf Gott das Weib. Und in der Tat, mit der Langeweile hatte es nun ein Ende — aber auch mit anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. — »Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva« — das weiß jeder Priester; »vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt« — das weiß ebenfalls jeder Priester. »Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft« … Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. — Was war geschehn? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, — es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! — Moral: Die Wissenschaft ist das Verbotene an sich — sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. — »Du sollst nicht erkennen« — der Rest folgt daraus. — Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken — alle Gedanken sind schlechte Gedanken … Der Mensch soll nicht denken. — Und der »Priester an sich« erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem — lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken… Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd — was tun! — Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, daß die Menschen sich gegenseitig vernichten (— die Priester haben immer den Krieg nötig gehabt…). Der Krieg — unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! — Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. — Und ein letzter Entschluß kommt dem alten Gotte: »der Mensch ward wissenschaftlich — es hilft nichts, man muß ihn ersäufen!« …
49 — Man hat mich verstanden. Der Anfang der Bibel enthält die ganze Psychologie des Priesters. — Der Priester kennt nur eine große Gefahr: das ist die Wissenschaft — der gesunde Begriff von Ursache und Wirkung. Aber die Wissenschaft gedeiht im ganzen nur unter glücklichen Verhältnissen — man muß Zeit, man muß Geist überflüssig haben, um zu »erkennen«… »Folglich muß man den Menschen unglücklich machen« — dies war zu jeder Zeit die Logik des Priesters. — Man errät bereits, was, dieser Logik gemäß, damit erst in die Welt gekommen ist — die »Sünde«… Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze »sittliche Weltordnung« ist erfunden gegen die Wissenschaft — gegen die Ablösung des Menschen vom Priester… Der Mensch soll nicht hinaus-, er soll in sich hineinsehn; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden… Und er soll so leiden, daß er jederzeit den Priester nötig hat. — Weg mit den Ärzten! Man hat einen Heiland nötig. — Der Schuld- und Straf-Begriff, eingerechnet die Lehre von der »Gnade«, von der »Erlösung«, von der »Vergebung« — Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität — sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! — Und nicht ein Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Haß und Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus! Ein Priester-Attentat! Ein Parasiten-Attentat! Ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blutsauger!… Wenn die natürlichen Folgen einer Tat nicht mehr »natürlich« sind, sondern durch Begriffs-Gespenster des Aberglaubens, durch »Gott«, durch »Geister«, durch »Seelen« bewirkt gedacht werden, als bloß »moralische« Konsequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungsmittel, so ist die Voraussetzung zur Erkenntnis zerstört — so hat man das größte Verbrechen an der Menschheit begangen. — Die Sünde, nochmals gesagt, diese Selbstschändungs-Form des Menschen par excellence, ist erfunden, um Wissenschaft, um Kultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit des Menschen unmöglich zu machen; der Priester herrscht durch die Erfindung der Sünde. —
50 — Ich erlasse mir an dieser Stelle eine Psychologie des »Glaubens«, der »Gläubigen« nicht, zum Nutzen, wie billig, gerade der »Gläubigen«. Wenn es heute noch an solchen nicht fehlt, die es nicht wissen, inwiefern es unanständig ist, »gläubig« zu sein — oder ein Abzeichen von décadence, von gebrochnem Willen zum Leben —, morgen schon werden sie es wissen. Meine Stimme erreicht auch die Harthörigen. — Es scheint, wenn anders ich mich nicht verhört habe, daß es unter Christen eine Art Kriterium der Wahrheit gibt, das man den »Beweis der Kraft« nennt. »Der Glaube macht selig: also ist er wahr.« — Man dürfte hier zunächst einwenden, daß gerade das Seligmachen nicht bewiesen, sondern nur versprochen ist: die Seligkeit an die Bedingung des »Glaubens« geknüpft — man soll selig werden, weil man glaubt… Aber daß tatsächlich eintritt, was der Priester dem Gläubigen für das jeder Kontrolle unzugängliche »Jenseits« verspricht, womit bewiese sich das? — Der angebliche »Beweis der Kraft« ist also im Grunde wieder nur ein Glaube daran, daß die Wirkung nicht ausbleibt, welche man sich vom Glauben verspricht. In Formel: »Ich glaube, daß der Glaube selig macht — folglich ist er wahr.« — Aber damit sind wir schon am Ende. Dies »folglich« wäre das absurdum selbst als Kriterium der Wahrheit. — Setzen wir aber, mit einiger Nachgiebigkeit, daß das Seligmachen durch den Glauben bewiesen sei ( — nicht nur gewünscht, nicht nur durch den etwas verdächtigen Mund eines Priesters versprochen): wäre Seligkeit — technischer geredet, Lust — jemals ein Beweis der Wahrheit? So wenig, daß es beinahe den Gegenbeweis, jedenfalls den höchsten Argwohn gegen »Wahrheit« abgibt, wenn Lustempfindungen über die Frage »was ist wahr?« mitreden. Der Beweis der »Lust« ist ein Beweis für »Lust« — nichts mehr; woher um alles in der Welt stünde es fest, daß gerade wahre Urteile mehr Vergnügen machten als falsche und, gemäß einer prästabilierten Harmonie, angenehme Gefühle mit Notwendigkeit hinter sich dreinzögen? — Die Erfahrung aller strengen, aller tief gearteten Geister lehrt das Umgekehrte. Man hat jeden Schrittbreit Wahrheit sich abringen müssen, man hat fast alles dagegen preisgeben müssen, woran sonst das Herz, woran unsre Liebe, unser Vertrauen zum Leben hängt. Es bedarf Größe der Seele dazu: der Dienst der Wahrheit ist der härteste Dienst. — Was heißt denn rechtschaffen sein in geistigen Dingen? Daß man streng gegen sein Herz ist, daß man die »schönen Gefühle« verachtet, daß man sich aus jedem Ja und Nein ein Gewissen macht! — — — Der Glaube macht selig: folglich lügt er…
41 —And from then on an absurd problem came up: “How could God allow this!” The little community’s disturbed reason found an answer that was downright horribly absurd: God gave his son as a sacrifice to forgive sins. How suddenly the gospel was over! The sacrifice to atone for guilt, and in its most disgusting, most barbaric form: the sacrifice of the innocent for the sins of the guilty! What horrifying paganism!—Jesus had abolished the very idea of “guilt”—he denied any gulf between God and humanity; he lived this unity of God and humanity as his “good news”… And not as a privilege!—From then on, new things gradually enter the figure of the redeemer: the teaching about judgment and the second coming, the teaching about death as a sacrificial death, the teaching about the resurrection, which makes the whole idea of “blessedness,” the gospel’s entire and only reality, disappear by a sleight of hand—in favor of a state after death!… With the rabbinical insolence that marks him in everything, Paul pushed this view, this obscene perversion of a view, to its logical conclusion: “If Christ has not risen from the dead, then our faith is empty.”—And suddenly the gospel became the most contemptible of all promises that cannot be fulfilled, the shameless teaching that the individual lives forever… Paul himself still taught it as a reward!…
42 We can see what ended with the death on the cross: a new, wholly original start toward a Buddhist peace movement, toward actual happiness on earth, not just a promise of it. For this remains—as I have already stressed—the basic difference between the two religions of decadence: Buddhism does not promise, but delivers; Christianity promises everything, but delivers nothing.—The “good news” was followed immediately by the worst news of all: Paul’s. Paul embodies the opposite type to the “bringer of good news”: a genius in hatred, in the vision of hatred, in the relentless logic of hatred. What didn’t this bringer of bad news sacrifice to hatred! Above all, the redeemer: he nailed him to his own cross. The life, the example, the teaching, the death, the meaning and justification of the entire gospel—nothing was left once this counterfeiter, driven by hatred, understood the only thing he could use. Not reality, not historical truth!… And once again the Jew’s priestly instinct committed the same great crime against history—he simply crossed out Christianity’s yesterday and day before yesterday; he invented a history of early Christianity for himself. More than that: he falsified Israel’s history once again, to make it appear as the prehistory of his deed: all the prophets had spoken of his “redeemer”… Later the church even falsified the history of humanity into the prehistory of Christianity… The figure of the redeemer, the teaching, the practice, the death, the meaning of the death, even what came after the death—nothing was left untouched, nothing was left even resembling reality. Paul simply shifted the center of gravity of that whole life to a point beyond that life—into the lie about the “risen” Jesus. At bottom, he had no use at all for the redeemer’s life—he needed the death on the cross and something more… To consider Paul honest—a man whose home was in the main center of Stoic enlightenment—when he turns a hallucination into proof that the redeemer is still alive, or even to believe his story that he had this hallucination, would be truly naive on a psychologist’s part: Paul wanted the end, so he also wanted the means… What he himself did not believe, the idiots he threw his teaching to did believe.—His need was for power; with Paul, the priest once again wanted power—he could only use ideas, teachings, symbols with which to tyrannize over masses and form herds. What was the one thing Muhammad later borrowed from Christianity? Paul’s invention, his means of establishing priestly tyranny and forming herds: belief in immortality—that is, the teaching about “judgment”…
43 If you place life’s center of gravity not in life but in the “beyond”—in nothingness—you have taken its center of gravity away altogether. The great lie that the individual lives forever destroys all reason, everything natural in instinct—everything in the instincts that is beneficial, that supports life, that guarantees a future now becomes suspect. To live in a way that leaves no point in living—that now becomes the “point” of life… Why have any public spirit, why still be grateful for your origins and ancestors, why work with others, trust others, promote or keep any common good in view?… All just “temptations,” all distractions from the “right path”—“one thing is needed”… The idea that everyone, as an “immortal soul,” ranks equally with everyone else; that among all beings the “salvation” of each individual may claim eternal importance; that petty religious hypocrites and people who are three-quarters crazy may imagine that the laws of nature are constantly being broken for their sake—such an increase of every kind of selfishness to infinity, to the point of shamelessness, cannot be condemned with enough contempt. And yet Christianity owes its victory to this pitiful flattery of personal vanity—with it Christianity won over precisely everything that was a failure, inclined to rebellion, or badly treated, all the refuse and scum of humanity. The “salvation of the soul”—in plain language: “the world revolves around me”… The poison of the teaching of “equal rights for all”—Christianity sowed it most systematically; from the most secret corners of bad instincts, Christianity has waged a war to the death against every feeling of respect and distance between one person and another, that is, against the precondition for any rise, any growth in culture—from the masses’ resentment it forged its main weapon against us, against everything noble, cheerful, generous on earth, against our happiness on earth… Granting “immortality” to every Peter and Paul has been the greatest, most malicious attack so far on noble humanity.—And let’s not underestimate the disaster that has crept from Christianity even into politics! Today no one has the courage for special rights, for the right to rule, for a feeling of respect toward themselves and their equals—for a deep sense of distance… Our politics is sick from this lack of courage!—The lie that souls are equal has undermined an aristocratic outlook in the most underhanded way; and if belief in the “privilege of the majority” makes revolutions and will make them—it is Christianity, make no mistake, it is Christian value judgments that every revolution simply translates into blood and crime! Christianity is a rebellion of everything that crawls on the ground against whatever has height: the gospel of the “lowly” makes people low…
44 —The Gospels are priceless evidence of the corruption that was already unstoppable within the first community. Even so, what Paul later completed with a rabbi’s cynical logic was simply the process of decay that began with the redeemer’s death.—You cannot read these Gospels too carefully; difficulties hide behind every word. I admit—and I hope this will count in my favor—that this very thing makes them a first-rate pleasure for a psychologist—as the opposite of all naive corruption, as the ultimate in sophistication, as artistry in psychological corruption. The Gospels stand alone. The Bible as a whole is beyond comparison. We are among Jews: the first point to keep in mind if we are not to lose the thread completely here. The disguise of oneself as “holy,” which here reaches the level of genius and is never even approached elsewhere among books and people, this counterfeiting of words and gestures as an art, is not the accident of some individual talent, some exceptional nature. It takes race for this. In Christianity, as the art of lying in a holy way, the whole of Judaism reaches its final mastery, along with several hundred years of the most serious Jewish training and technique. The Christian, this last resort of the lie, is the Jew all over again—three times over, in fact… The fundamental will to use only ideas, symbols, attitudes that have proved themselves in the priest’s practice, the instinctive rejection of every other practice, every other way of looking at value and usefulness—this is not just tradition, it is inheritance: only as an inheritance does it act like nature. All humanity, even the best minds of the best ages (except one, who may simply be a monster—), has let itself be deceived. People have read the gospel as a book of innocence… no small indication of the masterful acting that has gone on here.—Of course, if we got to see them, even just in passing, all these strange religious hypocrites and manufactured saints, it would all be over—and precisely because I never read words without seeing gestures, I put an end to them… I cannot stand a certain way they have of lifting their eyes.—Luckily, for the vast majority, books are only literature——We must not be misled: “Do not judge!” they say, but they send everything that stands in their way to hell. By letting God judge, they themselves judge; by glorifying God, they glorify themselves; by demanding the very virtues they are capable of—more than that, the virtues they need to stay on top at all—they make an impressive show of struggling for virtue, of fighting for virtue’s rule. “We live, we die, we sacrifice ourselves for the good” (—“truth,” “light,” the “kingdom of God”): in reality they do what they cannot help doing. By pushing their way through like sneaking hypocrites, sitting in corners, living shadowy lives in the shadows, they make it a duty: their life of humility appears as a duty, and as humility it is one more proof of piety… Ah, this humble, chaste, merciful kind of dishonesty! “Let virtue itself testify for us”… Read the Gospels as books that seduce through morality: these little people take possession of morality—they know what morality can do! Morality is the best way to lead humanity by the nose!—The reality is that the most deliberate conceit of being chosen is playing modest here: they have placed themselves, the “community,” the “good and just,” once and for all on one side, the side of “truth”—and the rest, “the world,” on the other… That was the most disastrous kind of megalomania that has ever existed on earth: little deformed hypocrites and liars began claiming the ideas of “God,” “truth,” “light,” “spirit,” “love,” “wisdom,” “life” for themselves, almost as synonyms for themselves, to use them to draw a dividing line between themselves and the “world”; little superlative Jews, ready for any kind of madhouse, turned all values around to point toward themselves, as though only the “Christian” were the meaning, the salt, the measure, even the last judgment of all the rest… The whole disaster was made possible only because a related, racially related kind of megalomania already existed in the world: the Jewish kind. Once the gulf between Jews and Jewish Christians opened up, the latter had no choice but to use against the Jews themselves the same procedures for self-preservation that Jewish instinct advised, while until then the Jews had used them only against everything non-Jewish. The Christian is simply a Jew of a “freer” faith.—
45 —Here are a few samples of what these little people got into their heads, what they put into their master’s mouth: all confessions of “beautiful souls.”—
“And wherever people do not welcome you or listen to you, leave that place and shake the dust from your feet as testimony against them. I tell you: truly, Sodom and Gomorrah will have an easier time at the Last Judgment than that town” (Markus 6, 11).—How evangelical!…
“And whoever leads one of the little ones who believe in me into wrongdoing would be better off if a millstone were hung around his neck and he were thrown into the sea” (Markus 9, 42).—How evangelical!…
“If your eye leads you into wrongdoing, throw it away. You are better off going into the kingdom of God with one eye than having two eyes and being thrown into hellfire, where their worm does not die and their fire does not go out” (Markus 9, 47).—It is not exactly the eye that is meant…
“Truly, I tell you, some people standing here will not taste death before they see the kingdom of God coming with power” (Markus 9, 1).—A fine lie, lion…
“Anyone who wants to follow me must deny himself and take up his cross and follow me. Because…” (A psychologist’s note. Christian morality is refuted by its becauses: its “reasons” refute it—that is the Christian way.) Markus 8, 34.—
“Do not judge, so that you will not be judged. Whatever measure you use will be used to measure you” (Matthäus 7, 1).—What an idea of justice, of a “just” judge!…
“For if you love those who love you, what reward will you get? Don’t the tax collectors do the same? And if you are friendly only to your brothers, what are you doing that is special? Don’t the tax collectors do that too?” (Matthäus 5, 46.)—The principle of “Christian love”: in the end it wants to be well paid…
“But if you do not forgive people their faults, your father will not forgive your faults either” (Matthäus 6, 15),—Very compromising for the “father” in question…
“Seek first the kingdom of God and his justice, and all these things will come to you” (Matthäus 6, 33).—All these things: namely food, clothing, everything needed for life. An error, to put it mildly… Shortly before this, God appears as a tailor, at least in certain cases…
“Then be happy and jump for joy: for look, your reward in heaven is great. Their fathers treated the prophets the same way” (Lukas 6, 23).—Shameless rabble! They are already comparing themselves with the prophets…
“Don’t you know that you are God’s temple and that God’s spirit lives in you? If anyone destroys God’s temple, God will destroy him: for God’s temple is holy, and that is what you are” (Paulus I. Korinther 3, 16).—It is impossible to have enough contempt for such things…
“Don’t you know that the saints will judge the world? Now if the world is to be judged by you, aren’t you good enough to judge lesser matters?” (Paulus I. Korinther 6, 2.)—Unfortunately, this is not just the talk of a madhouse inmate… This terrible fraud goes on, word for word: “Don’t you know that we will judge the angels? How much more, then, earthly possessions!”…
“Hasn’t God turned this world’s wisdom into foolishness? For since the world, through its wisdom, did not recognize God in his wisdom, God was pleased to save, through foolish preaching, those who believe in it…; not many who are wise by worldly standards, not many powerful people, not many of noble birth are called. Instead, God chose what the world considers foolish, to put the wise to shame; and God chose what the world considers weak, to put what is strong to shame; and God chose what the world considers low-born and what it despises, and what is nothing, to reduce what is something to nothing. So that no flesh may boast before him” (Paulus I. Korinther 1, 20 ff.).—To understand this passage, a piece of first-rate evidence for the psychology of every Chandala morality, read the first essay of my On the Genealogy of Morality: there, for the first time, the opposition was brought to light between a noble morality and a Chandala morality born of resentment and powerless revenge. Paul was the greatest of all apostles of revenge…
46 —What follows from this? That you do well to put on gloves when reading the New Testament. Being so close to so much filth almost forces you to. We would no more choose “early Christians” for company than Polish Jews: not that we would need even a single objection to them… Neither smells good.—I have looked in vain for even one likable trait in the New Testament; there is nothing in it that is free, kind, openhearted, honest. Humanity has not yet made its first beginning here—the instincts of cleanliness are missing… There are only bad instincts in the New Testament, and no courage even for these bad instincts. Everything in it is cowardice, closing one’s eyes, and self-deception. Every book becomes clean once you have just read the New Testament: to give an example, immediately after Paul I read with delight that most charming, most high-spirited mocker Petronius, of whom one could say what Domenico Boccaccio wrote about Cesare Borgia to the Duke of Parma: “he is full of festive cheer”—eternally healthy, eternally cheerful and sound… These little religious hypocrites miscalculate on the main point. They attack, but everything they attack is thereby honored. Anyone an “early Christian” attacks is not soiled by him… On the contrary: it is an honor to have “early Christians” against you. You cannot read the New Testament without a liking for what is mistreated in it—not to mention the “wisdom of this world,” which an insolent windbag tries in vain to put to shame “through foolish preaching”… But even the Pharisees and scribes benefit from such opposition: they must have been worth something to be hated in such an indecent way. Hypocrisy—now there is an accusation that “early Christians” would be entitled to make!—In the end, they were the privileged: that is enough; Chandala hatred needs no further reasons. The “early Christian”—I fear also the “last Christian,” whom I may yet live to see—is a rebel against everything privileged, from the lowest instinct—he always lives and fights for “equal rights”… Look more closely, and he has no choice. If you want to be one of “God’s chosen” yourself—or a “temple of God,” or a “judge of angels”—then every other principle of selection, for example by honesty, intellect, manliness and pride, by beauty and freedom of heart, is simply “world”—evil itself… The moral: every word in an “early Christian’s” mouth is a lie, every action he takes an instinctive falsehood—all his values, all his aims are harmful, but whom he hates, what he hates, that has value… The Christian, and especially the Christian priest, is a test of values——Do I still have to say that in the entire New Testament there is only one figure we have to respect? Pilate, the Roman governor. Taking a Jewish dispute seriously—he cannot talk himself into that. One Jew more or less—what does it matter?… The noble scorn of a Roman, in whose presence the word “truth” is shamelessly abused, has enriched the New Testament with the only saying in it that has value—which is its criticism, its very annihilation: “What is truth!”…
47 —What sets us apart is not that we find no God in history, or in nature, or behind nature—but that we feel what has been worshiped as God to be not “divine” but pitiful, absurd, harmful, not just an error but a crime against life… We deny God as God… If this God of the Christians were proved to us, we would be even less able to believe in him.—In a formula: God, as Paul created him, is the negation of God.—A religion like Christianity, which has no contact with reality at any point, which collapses as soon as reality is allowed its due at even one point, must reasonably be the mortal enemy of the “wisdom of the world,” that is, science—it will approve of every means by which the discipline of the mind, honesty and rigor in matters of intellectual conscience, the mind’s noble coolness and freedom can be poisoned, slandered, discredited. “Faith” as a command is the veto against science—in practice, the lie at any cost… Paul understood that the lie—that “faith”—was needed; later the church, in turn, understood Paul.—That “God” Paul invented for himself, a God who “puts to shame” the “wisdom of the world” (in the narrower sense, the two great opponents of all superstition, philology and medicine), is really just Paul’s own firm decision to do so: calling one’s own will “God,” Torah—that is Jewish to the core. Paul wants to put the “wisdom of the world” to shame: his enemies are the good philologists and doctors trained in Alexandria—he wages war on them. In fact, as a philologist or a doctor, you cannot help also being an Antichrist. For as a philologist you look behind the “holy books,” as a doctor behind the physiological degeneration of the typical Christian. The doctor says “incurable,” the philologist “fraud”…
48 —Has anyone really understood the famous story at the beginning of the Bible—about God’s hellish terror of science?… No one has understood it. This supreme priestly book begins, fittingly, with the priest’s great inner difficulty: he has only one great danger, so “God” has only one great danger.—
The old God, all “spirit,” all high priest, all perfection, strolls for pleasure in his gardens: except that he is bored. Even gods struggle in vain against boredom. What does he do? He invents the human being—human beings are entertaining…
But look, the human being is bored too. God’s pity for the only trouble that all paradises have knows no bounds: he promptly created other animals as well. God’s first mistake: the human being did not find the animals entertaining—he ruled over them; he did not even want to be an “animal.”—So God created woman. And in fact boredom now came to an end—but so did other things! Woman was God’s second mistake.—“Woman is by nature a serpent, Eve”—every priest knows that; “every disaster in the world comes from woman”—every priest knows that too. “So science comes from her too”… Only through woman did the human being learn to taste from the tree of knowledge.—What had happened? A hellish terror seized the old God. The human being himself had become his greatest mistake; he had created a rival for himself; science makes people equal to God—it is all over for priests and gods when human beings become scientific!—The moral: Science is the forbidden thing itself—it alone is forbidden. Science is the first sin, the seed of all sin, inherited sin. This alone is morality.—“You must not know”—the rest follows from that.—God’s hellish terror did not stop him from being clever. How do you defend yourself against science? That became his main problem for a long time. Answer: get the human being out of paradise! Happiness, idleness give people ideas—all ideas are bad ideas… The human being must not think.—And the “priest as such” invents hardship, death, the danger to life in pregnancy, every kind of misery, old age, toil, and above all sickness—all means of fighting science! Hardship does not allow people to think… And yet! Horrible! The work of knowledge keeps piling up, storming heaven, bringing on the twilight of the gods—what to do!—The old God invents war, he separates the peoples, he makes human beings destroy one another (—priests have always needed war…). War—among other things a great disruptor of science!—Unbelievable! Knowledge, emancipation from the priest, increases even despite wars.—And the old God reaches one last decision: “Human beings have become scientific—there’s no help for it, they must be drowned!”…
49 —You have understood me. The beginning of the Bible contains the whole psychology of the priest.—The priest knows only one great danger: science—the sound understanding of cause and effect. But on the whole, science thrives only under happy conditions—you must have time, you must have mental energy to spare, in order to “know”… “So people must be made unhappy”—this has always been the priest’s logic.—You can already guess what, according to this logic, first came into the world as a result—“sin”… The ideas of guilt and punishment, the whole “moral world order,” were invented against science—against the human being’s break with the priest… People must not look outward; they must look into themselves; they must not look at things intelligently and carefully, as learners; they must not look at all: they must suffer… And they must suffer in a way that makes them need the priest at all times.—Away with doctors! A savior is needed.—The ideas of guilt and punishment, including the teachings about “grace,” “redemption,” “forgiveness”—lies through and through, without any psychological reality—were invented to destroy the human sense of causation: they are the attack on the idea of cause and effect!—And not an attack with a fist, with a knife, with honesty in hatred and love! Instead, an attack coming from the most cowardly, cunning, low instincts! A priest’s attack! A parasite’s attack! The vampirism of pale, underground bloodsuckers!… When the natural consequences of an act are no longer considered “natural,” but brought about by the ghostly ideas of superstition, by “God,” by “spirits,” by “souls,” as merely “moral” consequences, as reward, punishment, sign, a means of education, then the precondition for knowledge is destroyed—then the greatest crime against humanity has been committed.—Sin, to say it again, this ultimate form of human self-defilement, was invented to make science, culture, any elevation or nobility of human beings impossible; the priest rules through the invention of sin.—
50 —I will not spare myself a psychology of “faith,” of “believers,” at this point—for the benefit, as is only right, of the “believers” themselves. If there are still people today who do not know in what sense it is indecent to be a “believer”—or a mark of decadence, of a broken will to live—by tomorrow they will know. My voice reaches even the hard of hearing.—It seems, unless I have misheard, that among Christians there is a kind of test of truth called the “proof of power.” “Faith brings blessedness: therefore it is true.”—The first objection might be that this very bringing of blessedness has not been proved, only promised: blessedness is tied to the condition of “faith”—you are supposed to become blessed because you believe… But does what the priest promises the believer for the “beyond,” which is beyond all checking, actually happen—and what could prove that?—At bottom, then, the supposed “proof of power” is once again just a belief that the effect expected from faith will not fail to happen. In a formula: “I believe that faith brings blessedness—therefore it is true.”—But that is already the end of it. This “therefore” would be absurdity itself as a test of truth.—But let us generously assume that faith has been proved to bring blessedness (—not just wished for, not just promised by the somewhat suspicious mouth of a priest): would blessedness—in technical terms, pleasure—ever be proof of truth? So far from it that when feelings of pleasure have a say in the question “what is true?” they almost provide proof of the opposite, and in any case the strongest grounds for suspicion against “truth.” The proof of “pleasure” is proof of “pleasure”—nothing more; how on earth could it be established that true judgments give more pleasure than false ones and necessarily bring pleasant feelings after them, in accordance with a harmony established in advance?—The experience of all rigorous minds, all minds with depth to their nature, teaches the opposite. We have had to fight ourselves for every inch of truth; in return we have had to give up almost everything our heart, our love, our trust in life otherwise depend on. That takes greatness of soul: serving truth is the hardest service.—What does being honest in intellectual matters mean? Being strict with your heart, despising “beautiful feelings,” making every yes and no a matter of conscience!———Faith brings blessedness: therefore it lies…
Sections 51–62
51 Daß der Glaube unter Umständen selig macht, daß Seligkeit aus einer fixen Idee noch nicht eine wahre Idee macht, daß der Glaube keine Berge versetzt, wohl aber Berge hinsetzt, wo es keine gibt: ein flüchtiger Gang durch ein Irrenhaus klärt zur Genüge darüber auf. Nicht freilich einen Priester: denn der leugnet aus Instinkt, daß Krankheit Krankheit, daß Irrenhaus Irrenhaus ist. Das Christentum hat die Krankheit nötig, ungefähr wie das Griechentum einen Überschuß von Gesundheit nötig hat — krank-machen ist die eigentliche Hinterabsicht des ganzen Heilsprozeduren-Systems der Kirche. Und die Kirche selbst — ist sie nicht das katholische Irrenhaus als letztes Ideal? — Die Erde überhaupt als Irrenhaus? — Der religiöse Mensch, wie ihn die Kirche will, ist ein typischer décadent; der Zeitpunkt, wo eine religiöse Krisis über ein Volk Herr wird, ist jedesmal durch Nerven-Epidemien gekennzeichnet; die »innere Welt« des religiösen Menschen sieht der »inneren Welt« der Überreizten und Erschöpften zum Verwechseln ähnlich; die »höchsten« Zustände, welche das Christentum als Wert aller Werte über der Menschheit aufgehängt hat, sind epileptoide Formen — die Kirche hat nur Verrückte oder große Betrüger in majorem dei honorem heilig gesprochen… Ich habe mir einmal erlaubt, den ganzen christlichen Buß- und Erlösungs-training (den man heute am besten in England studiert) als eine methodisch erzeugte folie circulaire zu bezeichnen, wie billig, auf einem bereits dazu vorbereiteten, das heißt gründlich morbiden Boden. Es steht niemandem frei, Christ zu werden: man wird zum Christentum nicht »bekehrt« — man muß krank genug dazu sein… Wir anderen, die wir den Mut zur Gesundheit und auch zur Verachtung haben, wie dürfen wir eine Religion verachten, die den Leib mißverstehn lehrte! die den Seelen-Aberglauben nicht loswerden will! die aus der unzureichenden Ernährung ein »Verdienst« macht! die in der Gesundheit eine Art Feind, Teufel, Versuchung bekämpft! die sich einredete, man könne eine »vollkommne Seele« in einem Kadaver von Leib herumtragen, und dazu nötig hatte, einen neuen Begriff der »Vollkommenheit« sich zurechtzumachen, ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen, die sogenannte »Heiligkeit« — Heiligkeit, selbst bloß eine Symptomen-Reihe des verarmten, entnervten, unheilbar verdorbenen Leibes!… Die christliche Bewegung, als eine europäische Bewegung, ist von vornherein eine Gesamt-Bewegung der Ausschuß- und Abfalls-Elemente aller Art (— diese wollen mit dem Christentum zur Macht). Sie drückt nicht den Niedergang einer Rasse aus, sie ist eine Aggregat-Bildung sich zusammendrängender und sich suchender décadence-Formen von überall. Es ist nicht, wie man glaubt, die Korruption des Altertums selbst, des vornehmen Altertums, was das Christentum ermöglichte: man kann dem gelehrten Idiotismus, der auch heute noch so etwas aufrechterhält, nicht hart genug widersprechen. In der Zeit, wo die kranken, verdorbenen Tschandala-Schichten im ganzen imperium sich christianisierten, war gerade der Gegentypus, die Vornehmheit, in ihrer schönsten und reifsten Gestalt vorhanden. Die große Zahl wurde Herr; der Demokratismus der christlichen Instinkte siegte… Das Christentum war nicht »national«, nicht rassebedingt — es wendete sich an jede Art von Enterbten des Lebens, es hatte seine Verbündeten überall. Das Christentum hat die Ranküne der Kranken auf dem Grunde, den Instinkt gegen die Gesunden, gegen die Gesundheit gerichtet. Alles Wohlgeratene, Stolze, Übermütige, die Schönheit vor allem tut ihm in Ohren und Augen weh. Nochmals erinnre ich an das unschätzbare Wort des Paulus: »Was schwach ist vor der Welt, was töricht ist vor der Welt, das Unedle und Verachtete vor der Welt hat Gott erwählet«: das war die Formel, in hoc signo siegte die décadence. — Gott am Kreuze — versteht man immer noch die furchtbare Hintergedanklichkeit dieses Symbols nicht? — Alles was leidet, alles was am Kreuze hängt, ist göttlich… Wir alle hängen am Kreuze, folglich sind wir göttlich … Wir allein sind göttlich… Das Christentum war ein Sieg, eine vornehmere Gesinnung ging an ihm zugrunde — das Christentum war bisher das größte Unglück der Menschheit. — —
52 Das Christentum steht auch im Gegensatz zu aller geistigen Wohlgeratenheit — es kann nur die kranke Vernunft als christliche Vernunft brauchen, es nimmt die Partei alles Idiotischen, es spricht den Fluch aus gegen den »Geist«, gegen die superbia des gesunden Geistes. Weil die Krankheit zum Wesen des Christentums gehört, muß auch der typisch-christliche Zustand, »der Glaube«, eine Krankheitsform sein, müssen alle geraden, rechtschaffnen, wissenschaftlichen Wege zur Erkenntnis von der Kirche als verbotene Wege abgelehnt werden. Der Zweifel bereits ist eine Sünde… Der vollkommne Mangel an psychologischer Reinlichkeit beim Priester — im Blick sich verratend — ist eine Folgeerscheinung der décadence — man hat die hysterischen Frauenzimmer, andrerseits rachitisch angelegte Kinder darauf hin zu beobachten, wie regelmäßig Falschheit aus Instinkt, Lust zu lügen, um zu lügen, Unfähigkeit zu geraden Blicken und Schritten der Ausdruck von décadence ist. »Glaube« heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist. Der Pietist, der Priester beiderlei Geschlechts, ist falsch, weil er krank ist: sein Instinkt verlangt, daß die Wahrheit an keinem Punkt zu Rechte kommt. »Was krank macht, ist gut; was aus der Fülle, aus dem Überfluß, aus der Macht kommt, ist böse«: so empfindet der Gläubige. Die Unfreiheit zur Lüge — daran errate ich jeden vorherbestimmten Theologen. — Ein andres Abzeichen des Theologen ist sein Unvermögen zur Philologie. Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden — Tatsachen ablesen können, ohne sie durch Interpretation zu fälschen, ohne im Verlangen nach Verständnis die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit zu verlieren. Philologie als Ephexis in der Interpretation: handle es sich nun um Bücher, um Zeitungs-Neuigkeiten, um Schicksale oder Wetter-Tatsachen — nicht zu reden vom »Heil der Seele« … Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig ob in Berlin oder in Rom, ein »Schriftwort« auslegt oder ein Erlebnis, einen Sieg des vaterländischen Heers zum Beispiel unter der höheren Beleuchtung der Psalmen Davids, ist immer dergestalt kühn, daß ein Philolog dabei an allen Wänden emporläuft. Und was soll er gar anfangen, wenn Pietisten und andre Kühe aus dem Schwabenlande den armseligen Alltag und Stubenrauch ihres Daseins mit dem »Finger Gottes« zu einem Wunder von »Gnade«, von »Vorsehung«, von »Heilserfahrungen« zurecht machen! Der bescheidenste Aufwand von Geist, um nicht zu sagen von Anstand, müßte diese Interpreten doch dazu bringen, sich des vollkommen Kindischen und Unwürdigen eines solchen Mißbrauchs der göttlichen Fingerfertigkeit zu überführen. Mit einem noch so kleinen Maße von Frömmigkeit im Leibe sollte uns ein Gott, der zur rechten Zeit vom Schnupfen kuriert, oder der uns in einem Augenblick in die Kutsche steigen heißt, wo gerade ein großer Regen losbricht, ein so absurder Gott sein, daß man ihn abschaffen müßte, selbst wenn er existierte. Ein Gott als Dienstbote, als Briefträger, als Kalendermann — im Grunde ein Wort für die dümmste Art aller Zufälle… Die »göttliche Vorsehung«, wie sie heute noch ungefähr jeder dritte Mensch im »gebildeten Deutschland« glaubt, wäre ein Einwand gegen Gott, wie er stärker gar nicht gedacht werden könnte. Und in jedem Fall ist er ein Einwand gegen Deutsche! …
53 — Daß Märtyrer etwas für die Wahrheit einer Sache beweisen, ist so wenig wahr, daß ich leugnen möchte, es habe je ein Märtyrer überhaupt etwas mit der Wahrheit zu tun gehabt. In dem Tone, mit dem ein Märtyrer sein Für-wahr-halten der Welt an den Kopf wirft, drückt sich bereits ein so niedriger Grad intellektueller Rechtschaffenheit, eine solche Stumpfheit für die Frage »Wahrheit« aus, daß man einen Märtyrer nie zu widerlegen braucht. Die Wahrheit ist nichts, was einer hätte und ein andrer nicht hätte: so können höchstens Bauern oder Bauern-Apostel nach Art Luthers über die Wahrheit denken. Man darf sicher sein, daß je nach dem Grade der Gewissenhaftigkeit in Dingen des Geistes die Bescheidenheit, die Bescheidung in diesem Punkte immer größer wird. In fünf Sachen wissen, und mit zarter Hand es ablehnen, sonst zu wissen… »Wahrheit«, wie das Wort jeder Prophet, jeder Sektierer, jeder Freigeist, jeder Sozialist, jeder Kirchenmann versteht, ist ein vollkommner Beweis dafür, daß auch noch nicht einmal der Anfang mit jener Zucht des Geistes und Selbstüberwindung gemacht ist, die zum Finden irgendeiner kleinen, noch so kleinen Wahrheit not tut. — Die Märtyrer-Tode, anbei gesagt, sind ein großes Unglück in der Geschichte gewesen: sie verführten… Der Schluß aller Idioten, Weib und Volk eingerechnet, daß es mit einer Sache, für die jemand in den Tod geht (oder die gar, wie das erste Christentum, todsüchtige Epidemien erzeugt), etwas auf sich habe — dieser Schluß ist der Prüfung, dem Geist der Prüfung und Vorsicht unsäglich zum Hemmschuh geworden. Die Märtyrer schadeten der Wahrheit…
Auch heute noch bedarf es nur einer Krudität der Verfolgung, um einer an sich noch so gleichgültigen Sektiererei einen ehrenhaften Namen zu schaffen. — Wie? ändert es am Werte einer Sache etwas, daß jemand für sie sein Leben läßt? — Ein Irrtum, der ehrenhaft wird, ist ein Irrtum, der einen Verführungsreiz mehr besitzt: glaubt ihr, daß wir euch Anlaß geben würden, ihr Herrn Theologen, für eure Lüge die Märtyrer zu machen? — Man widerlegt eine Sache, indem man sie achtungsvoll aufs Eis legt — ebenso widerlegt man auch Theologen… Gerade das war die welthistorische Dummheit aller Verfolger, daß sie der gegnerischen Sache den Anschein des Ehrenhaften gaben — daß sie ihr die Faszination des Martyriums zum Geschenk machten … Das Weib liegt heute noch auf den Knien vor dem Irrtum, weil man ihm gesagt hat, daß jemand dafür am Kreuze starb. Ist denn das Kreuz ein Argument? — — Aber über alle diese Dinge hat einer allein das Wort gesagt, das man seit Jahrtausenden nötig gehabt hätte — Zarathustra.
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie gingen, und ihreTorheit lehrte, daß man mit Blut Wahrheit beweise.Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftetdie reinste Lehre noch zu Wahn und Haß der Herzen.Und wenn einer durchs Feuer ginge für seine Lehre — was beweist dies! Mehr ist’s wahrlich, daß aus eignem Brande die eigneLehre kommt.
54 Man lasse sich nicht irreführen: große Geister sind Skeptiker. Zarathustra ist ein Skeptiker. Die Stärke, die Freiheit aus der Kraft und Überkraft des Geistes beweist sich durch Skepsis. Menschen der Überzeugung kommen für alles Grundsätzliche von Wert und Unwert gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse. Das sieht nicht weit genug, das sieht nicht unter sich: aber um über Wert und Unwert mitreden zu dürfen, muß man fünfhundert Überzeugungen unter sich sehn — hinter sich sehn… Ein Geist, der Großes will, der auch die Mittel dazu will, ist mit Notwendigkeit Skeptiker. Die Freiheit von jeder Art Überzeugungen gehört zur Stärke, das Frei-Blicken-können… Die große Leidenschaft, der Grund und die Macht seines Seins, noch aufgeklärter, noch despotischer, als er selbst es ist, nimmt seinen ganzen Intellekt in Dienst; sie macht unbedenklich; sie gibt ihm Mut sogar zu unheiligen Mitteln; sie gönnt ihm unter Umständen Überzeugungen. Die Überzeugung als Mittel: vieles erreicht man nur mittelst einer Überzeugung. Die große Leidenschaft braucht, verbraucht Überzeugungen, sie unterwirft sich ihnen nicht — sie weiß sich souverän. — Umgekehrt: das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem von Ja und Nein, der Carlylismus, wenn man mir dies Wort nachsehn will, ist ein Bedürfnis der Schwäche. Der Mensch des Glaubens, der »Gläubige« jeder Art ist notwendig ein abhängiger Mensch — ein solcher, der sich nicht als Zweck, der von sich aus überhaupt nicht Zwecke ansetzen kann. Der »Gläubige« gehört sich nicht, er kann nur Mittel sein, er muß verbraucht werden, er hat jemand nötig, der ihn verbraucht. Sein Instinkt gibt einer Moral der Entselbstung die höchste Ehre: zu ihr überredet ihn alles, seine Klugheit, seine Erfahrung, seine Eitelkeit. Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von Selbst-Entfremdung … Erwägt man, wie notwendig den allermeisten ein Regulativ ist, das sie von außen her bindet und fest macht, wie der Zwang, in einem höheren Sinn die Sklaverei, die einzige und letzte Bedingung ist, unter der der willensschwächere Mensch, zumal das Weib, gedeiht: so versteht man auch die Überzeugung, den »Glauben«. Der Mensch der Überzeugung hat in ihr sein Rückgrat. Viele Dinge nicht sehn, in keinem Punkte unbefangen sein, Partei sein durch und durch, eine strenge und notwendige Optik in allen Werten haben — das allein bedingt es, daß eine solche Art Mensch überhaupt besteht. Aber damit ist sie der Gegensatz, der Antagonist des Wahrhaftigen — der Wahrheit… Dem Gläubigen steht es nicht frei, für die Frage »wahr« und »unwahr« überhaupt ein Gewissen zu haben: rechtschaffen sein an dieser Stelle wäre sofort sein Untergang. Die pathologische Bedingtheit seiner Optik macht aus dem Überzeugten den Fanatiker — Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre, Saint-Simon —, den Gegensatz-Typus des starken, des freigewordnen Geistes. Aber die große Attitüde dieser kranken Geister, dieser Epileptiker des Begriffs, wirkt auf die große Masse — die Fanatiker sind pittoresk, die Menschheit sieht Gebärden lieber, als daß sie Gründe hört…
55 — Einen Schritt weiter in der Psychologie der Überzeugung, des »Glaubens«. Es ist schon lange von mir zur Erwägung anheimgegeben worden, ob nicht die Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als die Lügen (Menschliches, Allzumenschliches I, Aphorismus 54 und 483). Diesmal möchte ich die entscheidende Frage tun: besteht zwischen Lüge und Überzeugung überhaupt ein Gegensatz? — Alle Welt glaubt es; aber was glaubt nicht alle Welt! — Eine jede Überzeugung hat ihre Geschichte, ihre Vorformen, ihre Tentativen und Fehlgriffe: sie wird Überzeugung, nachdem sie es lange nicht ist, nachdem sie es noch länger kaum ist. Wie? könnte unter diesen Embryonal-Formen der Überzeugung nicht auch die Lüge sein? — Mitunter bedarf es bloß eines Personen-Wechsels: im Sohn wird Überzeugung, was im Vater noch Lüge war. — Ich nenne Lüge: etwas nicht sehn wollen, das man sieht, etwas nicht so sehn wollen, wie man es sieht: ob die Lüge vor Zeugen oder ohne Zeugen statthat, kommt nicht in Betracht. Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen andrer ist relativ der Ausnahmefall. — Nun ist dies Nicht-sehn-wollen, was man sieht, dies Nicht-so-sehn-wollen, wie man es sieht, beinahe die erste Bedingung für alle, die Partei sind, in irgendwelchem Sinne: der Parteimensch wird mit Notwendigkeit Lügner. Die deutsche Geschichtsschreibung zum Beispiel ist überzeugt, daß Rom der Despotismus war, daß die Germanen den Geist der Freiheit in die Welt gebracht haben: welcher Unterschied ist zwischen dieser Überzeugung und einer Lüge? Darf man sich noch darüber wundern, wenn, aus Instinkt, alle Parteien, auch die deutschen Historiker, die großen Worte der Moral im Munde haben — daß die Moral beinahe dadurch fortbesteht, daß der Parteimensch jeder Art jeden Augenblick sie nötig hat? — »Dies ist unsre Überzeugung: wir bekennen sie vor aller Welt, wir leben und sterben für sie — Respekt vor allem, was Überzeugungen hat!« — dergleichen habe ich sogar aus dem Mund von Antisemiten gehört. Im Gegenteil, meine Herrn! Ein Antisemit wird dadurch durchaus nicht anständiger, daß er aus Grundsatz lügt… Die Priester, die in solchen Dingen feiner sind und den Einwand sehr gut verstehn, der im Begriff einer Überzeugung, das heißt einer grundsätzlichen, weil zweckdienlichen Verlogenheit liegt, haben von den Juden her die Klugheit überkommen, an dieser Stelle den Begriff »Gott«, »Wille Gottes«, »Offenbarung Gottes« einzuschieben. Auch Kant, mit seinem kategorischen Imperativ, war auf dem gleichen Wege: seine Vernunft wurde hierin praktisch. — Es gibt Fragen, wo über Wahrheit und Unwahrheit dem Menschen die Entscheidung nicht zusteht; alle obersten Fragen, alle obersten Wert-Probleme sind jenseits der menschlichen Vernunft… Die Grenzen der Vernunft begreifen — das erst ist wahrhaft Philosophie … Wozu gab Gott dem Menschen die Offenbarung? Würde Gott etwas Überflüssiges getan haben? Der Mensch kann von sich nicht selber wissen, was gut und böse ist, darum lehrte ihn Gott seinen Willen… Moral: der Priester lügt nicht — die Frage »wahr« oder »unwahr« gibt es nicht in solchen Dingen, von denen Priester reden; diese Dinge erlauben gar nicht zu lügen. Denn um zu lügen, müßte man entscheiden können, was hier wahr ist. Aber das kann eben der Mensch nicht; der Priester ist damit nur das Mundstück Gottes. — Ein solcher Priester-Syllogismus ist durchaus nicht bloß jüdisch und christlich; das Recht zur Lüge und die Klugheit der »Offenbarung« gehört dem Typus Priester an, den décadence-Priestern so gut als den Heidentum-Priestern (— Heiden sind alle, die zum Leben ja sagen, denen »Gott« das Wort für das große Ja zu allen Dingen ist). — Das »Gesetz«, der »Wille Gottes«, das »heilige Buch«, die »Inspiration« — alles nur Worte für die Bedingungen, unter denen der Priester zur Macht kommt, mit denen er seine Macht aufrecht erhält — diese Begriffe finden sich auf dem Grunde aller Priester-Organisationen, aller priesterlichen oder philosophisch-priesterlichen Herrschaftsgebilde. Die »heilige Lüge« — dem Konfuzius, dem Gesetzbuch des Manu, dem Mohammed, der christlichen Kirche gemeinsam —: sie fehlt nicht bei Plato. »Die Wahrheit ist da«: dies bedeutet, wo nur es laut wird, der Priester lügt…
56 — Zuletzt kommt es darauf an, zu welchem Zweck gelogen wird. Daß im Christentum die »heiligen« Zwecke fehlen, ist mein Einwand gegen seine Mittel. Nur schlechte Zwecke: Vergiftung, Verleumdung, Verneinung des Lebens, die Verachtung des Leibes, die Herabwürdigung und Selbstschändung des Menschen durch den Begriff Sünde — folglich sind auch seine Mittel schlecht. — Ich lese mit einem entgegengesetzten Gefühle das Gesetzbuch des Manu, ein unvergleichlich geistiges und überlegenes Werk, das mit der Bibel auch nur in einem Atem nennen eine Sünde wider den Geist wäre. Man errät sofort: es hat eine wirkliche Philosophie hinter sich, in sich, nicht bloß ein übelriechendes Judain von Rabbinismus und Aberglauben — es gibt selbst dem verwöhntesten Psychologen etwas zu beißen. Nicht die Hauptsache zu vergessen, der Grundunterschied von jeder Art von Bibel: die vornehmen Stände, die Philosophen und die Krieger, halten mit ihm ihre Hand über der Menge; vornehme Werte überall, ein Vollkommenheits-Gefühl, ein Jasagen zum Leben, ein triumphierendes Wohlgefühl an sich und am Leben — die Sonne liegt auf dem ganzen Buch. — Alle die Dinge, an denen das Christentum seine unergründliche Gemeinheit ausläßt, die Zeugung zum Beispiel, das Weib, die Ehe, werden hier ernst, mit Ehrfurcht, mit Liebe und Zutrauen behandelt. Wie kann man eigentlich ein Buch in die Hände von Kindern und Frauen legen, das jenes niederträchtige Wort enthält: »Um der Hurerei willen habe ein jeglicher sein eignes Weib und eine jegliche ihren eignen Mann… es ist besser freien denn Brunst leiden«? Und darf man Christ sein, solange mit dem Begriff der immaculata conceptio die Entstehung des Menschen verchristlicht, das heißt beschmutzt ist?… Ich kenne kein Buch, wo dem Weibe so viele zarte und gütige Dinge gesagt würden, wie im Gesetzbuch des Manu; diese alten Graubärte und Heiligen haben eine Art, gegen Frauen artig zu sein, die vielleicht nicht übertroffen ist. »Der Mund einer Frau« — heißt es einmal —, »der Busen eines Mädchens, das Gebet eines Kindes, der Rauch des Opfers sind immer rein.« Eine andre Stelle: »es gibt gar nichts Reineres als das Licht der Sonne, den Schatten einer Kuh, die Luft, das Wasser, das Feuer und den Atem eines Mädchens.« Eine letzte Stelle — vielleicht auch eine heilige Lüge —: »alle Öffnungen des Leibes oberhalb des Nabels sind rein, alle unterhalb sind unrein. Nur beim Mädchen ist der ganze Körper rein.«
57 Man ertappt die Unheiligkeit der christlichen Mittel in flagranti, wenn man den christlichen Zweck einmal an dem Zweck des Manu-Gesetzbuches mißt — wenn man diesen größten Zweck-Gegensatz unter starkes Licht bringt. Es bleibt dem Kritiker des Christentums nicht erspart, das Christentum verächtlich zu machen. — Ein solches Gesetzbuch, wie das des Manu, entsteht wie jedes gute Gesetzbuch: es resümiert die Erfahrung, Klugheit und Experimental-Moral von langen Jahrhunderten, es schließt ab, es schafft nichts mehr. Die Voraussetzung zu einer Kodifikation seiner Art ist die Einsicht, daß die Mittel einer langsam und kostspielig erworbenen Wahrheit Autorität zu schaffen, grundverschieden von denen sind, mit denen man sie beweisen würde. Ein Gesetzbuch erzählt niemals den Nutzen, die Gründe, die Kasuistik in der Vorgeschichte eines Gesetzes: eben damit würde es den imperativischen Ton einbüßen, das »du sollst«, die Voraussetzung dafür, daß gehorcht wird. Das Problem liegt genau hierin. — An einem gewissen Punkte der Entwicklung eines Volks erklärt die einsichtigste, das heißt rück- und hinausblickendste Schicht desselben, die Erfahrung, nach der gelebt werden soll — das heißt kann —, für abgeschlossen. Ihr Ziel geht dahin, die Ernte möglichst reich und vollständig von den Zeiten des Experiments und der schlimmen Erfahrung heimzubringen. Was folglich vor allem jetzt zu verhüten ist, das ist das Noch-Fort-Experimentieren, die Fortdauer des flüssigen Zustands der Werte, das Prüfen, Wählen, Kritik-Üben der Werte in infinitum. Dem stellt man eine doppelte Mauer entgegen: einmal die Offenbarung, das ist die Behauptung, die Vernunft jener Gesetze sei nicht menschlicher Herkunft, nicht langsam und unter Fehlgriffen gesucht und gefunden, sondern, als göttlichen Ursprungs, ganz, vollkommen, ohne Geschichte, ein Geschenk, ein Wunder, bloß mitgeteilt… Sodann die Tradition, das ist die Behauptung, daß das Gesetz bereits seit uralten Zeiten bestanden habe, daß es pietätlos, ein Verbrechen an den Vorfahren sei, es in Zweifel zu ziehn. Die Autorität des Gesetzes begründet sich mit den Thesen: Gott gab es, die Vorfahren lebten es. — Die höhere Vernunft einer solchen Prozedur liegt in der Absicht, das Bewußtsein Schritt für Schritt von dem als richtig erkannten (das heißt durch eine ungeheure und scharf durchgesiebte Erfahrung bewiesenen) Leben zurückzudrängen: so daß der vollkommne Automatismus des Instinkts erreicht wird — diese Voraussetzung zu jeder Art Meisterschaft, zu jeder Art Vollkommenheit in der Kunst des Lebens. Ein Gesetzbuch nach Art des Manu aufstellen, heißt einem Volke fürderhin zugestehn, Meister zu werden, vollkommen zu werden — die höchste Kunst des Lebens zu ambitionieren. Dazu muß es unbewußt gemacht werden: dies der Zweck jeder heiligen Lüge. — Die Ordnung der Kasten, das oberste, das dominierende Gesetz, ist nur die Sanktion einer Natur-Ordnung, Natur-Gesetzlichkeit ersten Ranges, über die keine Willkür, keine »moderne Idee« Gewalt hat. Es treten in jeder gesunden Gesellschaft, sich gegenseitig bedingend, drei physiologisch verschieden-gravitierende Typen auseinander, von denen jeder seine eigne Hygiene, sein eignes Reich von Arbeit, seine eigne Art Vollkommenheits-Gefühl und Meisterschaft hat. Die Natur, nicht Manu, trennt die vorwiegend Geistigen, die vorwiegend Muskel- und Temperaments-Starken und die weder im einen, noch im andern ausgezeichneten dritten, die Mittelmäßigen, voneinander ab — die letzteren als die große Zahl, die ersteren als die Auswahl. Die oberste Kaste — ich nenne sie die Wenigsten — hat als die vollkommne auch die Vorrechte der wenigsten: dazu gehört es, das Glück, die Schönheit, die Güte auf Erden darzustellen. Nur die geistigsten Menschen haben die Erlaubnis zur Schönheit, zum Schönen: nur bei ihnen ist Güte nicht Schwäche. Pulchrum est paucorum hominum: das Gute ist ein Vorrecht. Nichts kann ihnen dagegen weniger zugestanden werden als häßliche Manieren oder ein pessimistischer Blick, ein Auge, das verhäßlicht —, oder gar eine Entrüstung über den Gesamt-Aspekt der Dinge. Die Entrüstung ist das Vorrecht der Tschandala; der Pessimismus desgleichen. »Die Welt ist vollkommen« — so redet der Instinkt der Geistigsten, der jasagende Instinkt —: »die Unvollkommenheit, das Unter-uns jeder Art, die Distanz, das Pathos der Distanz, der Tschandala selbst gehört noch zu dieser Vollkommenheit.« Die geistigsten Menschen, als die Stärksten, finden ihr Glück, worin andre ihren Untergang finden würden: im Labyrinth, in der Härte gegen sich und andre, im Versuch; ihre Lust ist die Selbstbezwingung: der Asketismus wird bei ihnen Natur, Bedürfnis, Instinkt. Die schwere Aufgabe gilt ihnen als Vorrecht; mit Lasten zu spielen, die andre erdrücken, eine Erholung … Erkenntnis — eine Form des Asketismus. — Sie sind die ehrwürdigste Art Mensch: das schließt nicht aus, daß sie die heiterste, die liebenswürdigste sind. Sie herrschen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie sind; es steht ihnen nicht frei, die zweiten zu sein. — Die zweiten: das sind die Wächter des Rechts, die Pfleger der Ordnung und der Sicherheit, das sind die vornehmen Krieger, das ist der König vor allem als die höchste Formel von Krieger, Richter und Aufrechterhalter des Gesetzes. Die zweiten sind die Exekutive der Geistigsten, das Nächste, was zu ihnen gehört, das was ihnen alles Grobe in der Arbeit des Herrschens abnimmt — ihr Gefolge, ihre rechte Hand, ihre beste Schülerschaft. — In dem allem, nochmals gesagt, ist nichts von Willkür, nichts »gemacht«; was anders ist, ist gemacht — die Natur ist dann zuschanden gemacht… Die Ordnung der Kasten, die Rangordnung, formuliert nur das oberste Gesetz des Lebens selbst; die Abscheidung der drei Typen ist nötig zur Erhaltung der Gesellschaft, zur Ermöglichung höherer und höchster Typen — die Ungleichheit der Rechte ist erst die Bedingung dafür, daß es überhaupt Rechte gibt. — Ein Recht ist ein Vorrecht. In seiner Art Sein hat jeder auch sein Vorrecht. Unterschätzen wir die Vorrechte der Mittelmäßigen nicht. Das Leben nach der Höhe zu wird immer härter — die Kälte nimmt zu, die Verantwortlichkeit nimmt zu. Eine hohe Kultur ist eine Pyramide: sie kann nur auf einem breiten Boden stehn, sie hat zu allererst eine stark und gesund konsolidierte Mittelmäßigkeit zur Voraussetzung. Das Handwerk, der Handel, der Ackerbau, die Wissenschaft, der größte Teil der Kunst, der ganze Inbegriff der Berufstätigkeit mit einem Wort, verträgt sich durchaus nur mit einem Mittelmaß im Können und Begehren; dergleichen wäre deplaziert unter Ausnahmen, der dazugehörige Instinkt widerspräche sowohl dem Aristokratismus als dem Anarchismus. Daß man ein öffentlicher Nutzen ist, ein Rad, eine Funktion, dazu gibt es eine Naturbestimmung: nicht die Gesellschaft, die Art Glück, deren die allermeisten bloß fähig sind, macht aus ihnen intelligente Maschinen. Für den Mittelmäßigen ist mittelmäßig sein ein Glück; die Meisterschaft in einem, die Spezialität ein natürlicher Instinkt. Es würde eines tieferen Geistes vollkommen unwürdig sein, in der Mittelmäßigkeit an sich schon einen Einwand zu sehn. Sie ist selbst die erste Notwendigkeit dafür, daß es Ausnahmen geben darf: eine hohe Kultur ist durch sie bedingt. Wenn der Ausnahme-Mensch gerade die Mittelmäßigen mit zarteren Fingern handhabt, als sich und seinesgleichen, so ist dies nicht bloß Höflichkeit des Herzens — es ist einfach seine Pflicht… Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Sozialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben — die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren… Das Unrecht liegt niemals in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf »gleiche« Rechte… Was ist schlecht? Aber ich sagte es schon: alles, was aus Schwäche, aus Neid, aus Rache stammt. — Der Anarchist und der Christ sind einer Herkunft…
58 In der Tat, es macht einen Unterschied, zu welchem Zweck man lügt: ob man damit erhält oder zerstört. Man darf zwischen Christ und Anarchist eine vollkommne Gleichung aufstellen: ihr Zweck, ihr Instinkt geht nur auf Zerstörung. Den Beweis für diesen Satz hat man aus der Geschichte nur abzulesen: sie enthält ihn in entsetzlicher Deutlichkeit. Lernten wir eben eine religiöse Gesetzgebung kennen, deren Zweck war, die oberste Bedingung dafür, daß das Leben gedeiht, eine große Organisation der Gesellschaft zu »verewigen« — das Christentum hat seine Mission darin gefunden, mit eben einer solchen Organisation, weil in ihr das Leben gedieh, ein Ende zu machen. Dort sollte der Vernunft-Ertrag von langen Zeiten des Experiments und der Unsicherheit zum fernsten Nutzen angelegt und die Ernte so groß, so reichlich, so vollständig wie möglich heimgebracht werden: hier wurde, umgekehrt, über Nacht die Ernte vergiftet… Das, was aere perennius dastand, das imperium Romanum, die großartigste Organisations-Form unter schwierigen Bedingungen, die bisher erreicht worden ist, im Vergleich zu der alles Vorher, alles Nachher Stückwerk, Stümperei, Dilettantismus ist — jene heiligen Anarchisten haben sich eine »Frömmigkeit« daraus gemacht, »die Welt« das heißt das imperium Romanum zu zerstören, bis kein Stein auf dem andern blieb — bis selbst Germanen und andre Rüpel darüber Herr werden konnten… Der Christ und der Anarchist: beide décadents beide unfähig, anders als auflösend, vergiftend, verkümmernd, blutaussaugend zu wirken, beide der Instinkt des Todhasses gegen alles, was steht, was groß dasteht, was Dauer hat, was dem Leben Zukunft verspricht… Das Christentum war der Vampyr des imperium Romanum — es hat die ungeheure Tat der Römer, den Boden für eine große Kultur zu gewinnen, die Zeit hat, über Nacht ungetan gemacht. — Versteht man es immer noch nicht? Das imperium Romanum, das wir kennen, das uns die Geschichte der römischen Provinz immer besser kennen lehrt, dies bewunderungswürdigste Kunstwerk des großen Stils, war ein Anfang, sein Bau war berechnet, sich mit Jahrtausenden zu beweisen — es ist bis heute nie so gebaut, nie auch nur geträumt worden, in gleichem Maße sub specie aeterni zu bauen! — Diese Organisation war fest genug, schlechte Kaiser auszuhalten: der Zufall von Personen darf nichts in solchen Dingen zu tun haben — erstes Prinzip aller großen Architektur. Aber sie war nicht fest genug gegen die korrupteste Art Korruption, gegen den Christen… Dies heimliche Gewürm, das sich in Nacht, Nebel und Zweideutigkeit an alle einzelnen heranschlich und jedem einzelnen den Ernst für wahre Dinge, den Instinkt überhaupt für Realitäten aussog, diese feige, femininische und zuckersüße Bande hat Schritt für Schritt die »Seelen« diesem ungeheuren Bau entfremdet — jene wertvollen, jene männlich-vornehmen Naturen, die in der Sache Roms ihre eigne Sache, ihren eignen Ernst, ihren eignen Stolz empfanden. Diese Mucker-Schleicherei, die Konventikel-Heimlichkeit, düstere Begriffe wie Hölle, wie Opfer des Unschuldigen, wie unio mystica im Bluttrinken, vor allem das langsam aufgeschürte Feuer der Rache, der Tschandala-Rache — das wurde Herr über Rom, dieselbe Art von Religion, der in ihrer Präexistenz-Form schon Epikur den Krieg gemacht hatte. Man lese Lukrez, um zu begreifen, was Epikur bekämpft hat, nicht das Heidentum, sondern »das Christentum«, will sagen die Verderbnis der Seelen durch den Schuld-, durch den Straf- und Unsterblichkeits-Begriff. — Er bekämpfte die unterirdischen Kulte, das ganze latente Christentum — die Unsterblichkeit zu leugnen war damals schon eine wirkliche Erlösung. — Und Epikur hätte gesiegt, jeder achtbare Geist im römischen Reich war Epikureer: da erschien Paulus… Paulus, der Fleisch-, der Genie-gewordne Tschandala-Haß gegen Rom, gegen »die Welt«, der Jude, der ewige Jude par excellence… Was er erriet, das war, wie man mit Hilfe der kleinen sektiererischen Christen-Bewegung abseits des Judentums einen »Weltbrand« entzünden könne, wie man mit dem Symbol »Gott am Kreuze« alles Unten-Liegende, alles Heimlich-Aufrührerische, die ganze Erbschaft anarchistischer Umtriebe im Reich, zu einer ungeheuren Macht aufsummieren könne. »Das Heil kommt von den Juden.« — Das Christentum als Formel, um die unterirdischen Kulte aller Art, die des Osiris, der großen Mutter, des Mithras zum Beispiel, zu überbieten — und zu summieren: in dieser Einsicht besteht das Genie des Paulus. Sein Instinkt war darin so sicher, daß er die Vorstellungen, mit denen jene Tschandala-Religionen faszinierten, mit schonungsloser Gewalttätigkeit an der Wahrheit dem »Heilande« seiner Erfindung in den Mund legte, und nicht nur in den Mund — daß er aus ihm etwas machte, das auch ein Mithras-Priester verstehn konnte… Dies war sein Augenblick von Damaskus: er begriff, daß er den Unsterblichkeits-Glauben nötig hatte, um »die Welt« zu entwerten, daß der Begriff »Hölle« über Rom noch Herr wird — daß man mit dem »Jenseits« das Leben tötet… Nihilist und Christ: das reimt sich, das reimt sich nicht bloß…
59 Die ganze Arbeit der antiken Welt umsonst: ich habe kein Wort dafür, das mein Gefühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. — Und in Anbetracht, daß ihre Arbeit eine Vorarbeit war, daß eben erst der Unterbau zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit granitnem Selbstbewußtsein gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt umsonst!… Wozu Griechen? wozu Römer? — Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten Kultur, alle wissenschaftlichen Methoden waren bereits da, man hatte die große, die unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt — diese Voraussetzung zur Tradition der Kultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Naturwissenschaft, im Bunde mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege — der Tatsachen-Sinn, der letzte und wertvollste aller Sinne, hatte seine Schulen, seine bereits Jahrhunderte alte Tradition! Versteht man das? Alles Wesentliche war gefunden, um an die Arbeit gehn zu können — die Methoden, man muß es zehnmal sagen, sind das Wesentliche, auch das Schwierigste, auch das, was am längsten die Gewohnheiten und Faulheiten gegen sich hat. Was wir heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung — denn wir haben alle die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe — uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die vorsichtige Hand, die Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze Rechtschaffenheit der Erkenntnis — sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits! Und, dazu gerechnet, der gute, der feine Takt und Geschmack! Nicht als Gehirn-Dressur! Nicht als »deutsche« Bildung mit Rüpel-Manieren! Sondern als Leib, als Gebärde, als Instinkt — als Realität mit einem Wort… Alles umsonst! Über Nacht bloß noch eine Erinnerung! — Griechen! Römer! die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die methodische Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der Wille zur Menschen-Zukunft, das große Ja zu allen Dingen als imperium Romanum sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der große Stil nicht mehr bloß Kunst, sondern Realität, Wahrheit, Leben geworden … — Und nicht durch ein Natur-Ereignis über Nacht verschüttet! Nicht durch Germanen und andre Schwerfüßler niedergetreten! Sondern von listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutarmen Vampyren zuschanden gemacht! Nicht besiegt — nur ausgesogen!… Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden! Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heimgesuchte, die ganze Ghetto-Welt der Seele mit einem Male obenauf! — — Man lese nur irgendeinen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel, um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgendwelchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte — o sie sind klug, klug, bis zur Heiligkeit, diese Herren Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt — sie vergaß, ihnen eine bescheidne Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten mitzugeben … Unter uns, es sind nicht einmal Männer… Wenn der Islam das Christentum verachtet, so hat er tausendmal recht dazu: der Islam hat Männer zur Voraussetzung …
60 Das Christentum hat uns um die Ernte der antiken Kultur gebracht, es hat uns später wieder um die Ernte der Islam-Kultur gebracht. Die wunderbare maurische Kultur-Welt Spaniens, uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack redender als Rom und Griechenland, wurde niedergetreten (— ich sage nicht von was für Füßen —), warum? weil sie vornehmen, weil sie Männer-Instinkten ihre Entstehung verdankte, weil sie zum Leben ja sagte auch noch mit den seltnen und raffinierten Kostbarkeiten des maurischen Lebens!… Die Kreuzritter bekämpften später etwas, vor dem sich in den Staub zu legen ihnen besser angestanden hätte — eine Kultur, gegen die sich selbst unser neunzehntes Jahrhundert sehr arm, sehr »spät« vorkommen dürfte. — Freilich, sie wollten Beute machen: der Orient war reich… Man sei doch unbefangen! Kreuzzüge — die höhere Seeräuberei, weiter nichts! Der deutsche Adel, Wikinger-Adel im Grunde, war damit in seinem Elemente: die Kirche wußte nur zu gut, womit man deutschen Adel hat… Der deutsche Adel, immer die »Schweizer« der Kirche, immer im Dienste aller schlechten Instinkte der Kirche — aber gut bezahlt… Daß die Kirche gerade mit Hilfe deutscher Schwerter, deutschen Blutes und Mutes ihren Todfeindschafts-Krieg gegen alles Vornehme auf Erden durchgeführt hat! Es gibt an dieser Stelle eine Menge schmerzlicher Fragen. Der deutsche Adel fehlt beinahe in der Geschichte der höheren Kultur: man errät den Grund… Christentum, Alkohol — die beiden großen Mittel der Korruption… An sich sollte es ja keine Wahl geben, angesichts von Islam und Christentum, so wenig als angesichts eines Arabers und eines Juden. Die Entscheidung ist gegeben; es steht niemandem frei, hier noch zu wählen. Entweder ist man ein Tschandala, oder man ist es nicht… »Krieg mit Rom aufs Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam«: so empfand, so tat jener große Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite. Wie? muß ein Deutscher erst Genie, erst Freigeist sein, um anständig zu empfinden? Ich begreife nicht, wie ein Deutscher je christlich empfinden konnte…
61 Hier tut es not, eine für Deutsche noch hundertmal peinlichere Erinnerung zu berühren. Die Deutschen haben Europa um die letzte große Kultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab — um die der Renaissance. Versteht man endlich, will man verstehn, was die Renaissance war? Die Umwertung der christlichen Werte, der Versuch, mit allen Mitteln, mit allen Instinkten, mit allem Genie unternommen, die Gegen-Werte, die vornehmen Werte zum Sieg zu bringen… Es gab bisher nur diesen großen Krieg, es gab bisher keine entscheidendere Fragestellung als die der Renaissance — meine Frage ist ihre Frage —: es gab auch nie eine grundsätzlichere, eine geradere, eine strenger in ganzer Front und auf das Zentrum losgeführte Form des Angriffs! An der entscheidenden Stelle, im Sitz des Christentums selbst angreifen, hier die vornehmen Werte auf den Thron bringen, will sagen in die Instinkte, in die untersten Bedürfnisse und Begierden der daselbst Sitzenden hineinbringen … Ich sehe eine Möglichkeit vor mir von einem vollkommen überirdischen Zauber und Farbenreiz — es scheint mir, daß sie in allen Schaudern raffinierter Schönheit erglänzt, daß eine Kunst in ihr am Werke ist, so göttlich, so teufelsmäßig-göttlich, daß man Jahrtausende umsonst nach einer zweiten solchen Möglichkeit durchsucht; ich sehe ein Schauspiel, so sinnreich, so wunderbar paradox zugleich, daß alle Gottheiten des Olymps einen Anlaß zu einem unsterblichen Gelächter gehabt hätten — Cesare Borgia als Papst… Versteht man mich? … Wohlan, das wäre der Sieg gewesen, nach dem ich heute allein verlange —: damit war das Christentum abgeschafft! — Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch, mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renaissance … Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehn, das geschehen war, die Überwindung des Christentums an seinem Sitz —, verstand sein Haß aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser Mensch denkt nur an sich. — Luther sah die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: die alte Verderbnis, das peccatum originale, das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen!… Und Luther stellte die Kirche wieder her: er griff sie an… Die Renaissance — ein Ereignis ohne Sinn, ein großes Umsonst! — Ah diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst — das war immer das Werk der Deutschen. — Die Reformation; Leibniz; Kant und die sogenannte deutsche Philosophie; die »Freiheits«-Kriege; das Reich — jedesmal ein Umsonst für etwas, das bereits da war, für etwas Unwiederbringliches … Es sind meine Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen: ich verachte in ihnen jede Art von Begriffs- und Wert-Unsauberkeit, von Feigheit vor jedem rechtschaffnen Ja und Nein. Sie haben, seit einem Jahrtausend beinahe, alles verfilzt und verwirrt, woran sie mit ihren Fingern rührten, sie haben alle Halbheiten — Drei-Achtelsheiten! — auf dem Gewissen, an denen Europa krank ist — sie haben auch die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheilbarste, die unwiderlegbarste, den Protestantismus auf dem Gewissen… Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein …
62 — Hiermit bin ich am Schluß und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren »humanitären« Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand abschaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit: sie lebte von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen… Der Wurm der Sünde zum Beispiel: mit diesem Notstande hat erst die Kirche die Menschheit bereichert! — Die »Gleichheit der Seelen vor Gott«, diese Falschheit, dieser Vorwand für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Prinzip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden ist — ist christlicher Dynamit… »Humanitäre« Segnungen des Christentums! Aus der humanitas einen Selbst-Widerspruch, eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden Preis, einen Widerwillen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen Instinkte herauszuzüchten! Das wären mir Segnungen des Christentums! — Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem »Heiligkeits«-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat — gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst…
Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt — ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen … Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist — ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit…
Und man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit dem dies Verhängnis anhob — nach dem ersten Tag des Christentums! — Warum nicht lieber nach seinem letzten? — Nach heute? — Umwertung aller Werte!
51 Faith can make people feel blessed in some circumstances. But the happiness a fixed idea brings does not make it a true idea. And faith does not move mountains: it puts mountains where there are none. A quick walk through a mental hospital makes all this clear enough. Not to a priest, of course: his instinct is to deny that sickness is sickness and a mental hospital is a mental hospital. Christianity needs sickness, much as Greek culture needs an excess of health—making people sick is the real hidden purpose behind the Church’s whole system of procedures for salvation. And the Church itself—isn’t its ultimate ideal the Catholic mental hospital?—The whole earth as a mental hospital?—The religious person as the Church wants him is a typical decadent. Whenever a religious crisis takes control of a people, epidemics of nervous illness mark the occasion. The religious person’s “inner world” is indistinguishably like the “inner world” of the overstimulated and exhausted. The “highest” states that Christianity has held up over humanity as the value of all values are epilepsy-like states—the Church has canonized only madmen or great frauds for the greater glory of God… I once took the liberty of describing the whole Christian training in repentance and redemption—which is best studied in England today—as a methodically induced cyclical insanity, naturally on ground already prepared for it, that is, thoroughly diseased ground. No one is free to become a Christian: people are not “converted” to Christianity—they have to be sick enough for it… We others, who have the courage to be healthy and to despise, how fully we are entitled to despise a religion that taught people to misunderstand the body! That refuses to give up the superstition of the soul! That makes inadequate nutrition a “merit”! That fights health as a kind of enemy, devil, temptation! That persuaded itself one could carry a “perfect soul” around in a corpse of a body, and for that purpose had to invent a new idea of “perfection”: a pale, sickly, idiotically rapturous condition, so-called “holiness”—holiness that is itself merely a set of symptoms of an impoverished, enervated, incurably ruined body!… The Christian movement, as a European movement, is from the start a collective movement of every kind of reject and waste product (—they want to use Christianity to gain power). It does not express the decline of a race; it is a mass formed from kinds of decadence everywhere, crowding together and seeking one another out. It is not, as people believe, the corruption of the ancient world itself, the noble ancient world, that made Christianity possible. We cannot contradict forcefully enough the scholarly idiocy that still upholds such a claim today. At the time when the sick, corrupted Chandala classes throughout the empire were becoming Christian, the very opposite type, nobility, existed in its most beautiful and mature form. The great majority took control; the democratic tendency of Christian instincts won… Christianity was not “national,” not determined by race—it appealed to every kind of person disinherited by life; it had allies everywhere. At Christianity’s root lies the rancor of the sick, an instinct directed against the healthy, against health. Everything that has turned out well, everything proud and high-spirited, and beauty above all, hurts its ears and eyes. Let me recall once again Paul’s priceless words: “What is weak in the world’s eyes, what is foolish in the world’s eyes, the lowborn and despised in the world’s eyes, God has chosen.” That was the formula; under this sign decadence won.—God on the cross—do people still not understand the terrible hidden thought behind this symbol?—Everything that suffers, everything that hangs on the cross, is divine… We all hang on the cross, so we are divine… We alone are divine… Christianity was a victory; a nobler way of thinking was destroyed by it—Christianity has been humanity’s greatest misfortune so far.— —
52 Christianity also opposes every healthy development of the mind—the only reason it can use as Christian reason is sick reason. It sides with everything idiotic; it curses “the intellect,” the pride of a healthy mind. Since sickness belongs to Christianity’s nature, the typically Christian state, “faith,” must also be a form of sickness. The Church must reject all straight, honest, scientific paths to knowledge as forbidden paths. Even doubt is a sin… The priest’s complete lack of psychological cleanliness—which gives itself away in his eyes—is a consequence of decadence. We need only observe hysterical women and children prone to rickets to see how regularly instinctive dishonesty, pleasure in lying for its own sake, and an inability to look or walk straight express decadence. “Faith” means not wanting to know what is true. The Pietist, the priest of either sex, is dishonest because he is sick: his instinct demands that truth should never get its due. “Whatever makes people sick is good; whatever comes from fullness, abundance, power, is evil”: that is how the believer feels. The compulsion to lie—that is how I recognize every born theologian.—Another mark of the theologian is his inability to practice philology. Here, in a very general sense, philology means the art of reading well—being able to read the facts without falsifying them through interpretation, without losing caution, patience, and subtlety in the desire to understand. Philology as restraint in interpretation: whether we are dealing with books, newspaper reports, destinies, or facts about the weather—not to mention the “salvation of the soul”… The way a theologian, in Berlin or Rome alike, interprets a “passage of scripture” or an experience—for instance, a victory by his country’s army in the higher light of the Psalms of David—is always so bold that it drives a philologist up the wall. And what is the philologist supposed to do when Pietists and other cows from Swabia use the “finger of God” to turn the miserable daily routine and smoky rooms of their existence into a miracle of “grace,” “providence,” and “experiences of salvation”! The smallest effort of intelligence, not to say decency, should make these interpreters recognize how completely childish and unworthy it is to misuse divine dexterity like this. With even the slightest amount of piety in us, a God who cures a cold at the right moment, or tells us to get into a carriage just as heavy rain starts, should strike us as so absurd that we would have to abolish him even if he existed. A God as servant, mail carrier, almanac maker—basically a word for the stupidest kind of coincidence… “Divine providence,” as roughly one person in three still believes in it in “educated Germany,” would be the strongest imaginable argument against God. And in any case it is an argument against the Germans!…
53 —It is so far from true that martyrs prove a cause is true that I would deny any martyr has ever had anything at all to do with truth. The very tone in which a martyr flings his belief in something at the world’s head reveals such a low level of intellectual honesty, such insensitivity to the question of “truth,” that there is never any need to refute a martyr. Truth is not something one person has and another does not: only peasants, or apostles to peasants like Luther, could think of truth that way. We can be sure that the more conscientious people are in matters of the mind, the greater their modesty, their self-restraint, on this point becomes. To know about five things, and gently refuse to know about anything else… “Truth,” as every prophet, every sectarian, every freethinker, every socialist, and every churchman understands the word, is complete proof that they have not even begun the mental discipline and self-overcoming needed to find any small truth, however small.—The deaths of martyrs, incidentally, have been a great misfortune in history: they led people astray… All idiots, women and the common people included, conclude that there must be something to a cause someone dies for—or that, like early Christianity, actually produces epidemics of a craving for death. That conclusion has been an unspeakable obstacle to examination, to the spirit of examination and caution. Martyrs harmed truth…
Even today, a single crude act of persecution is enough to give the most insignificant sectarian movement an honorable name.—What? Does someone’s giving up his life for a cause change its value?—An error that becomes honorable is an error with one more seductive attraction: do you think, gentlemen of theology, that we would give you a chance to play the martyr for your lie?—You refute a cause by respectfully putting it on ice—and that is also how you refute theologians… This was precisely the world-historical stupidity of all persecutors: they gave their opponents’ cause the appearance of honor—they made it a gift of the fascination of martyrdom… Woman still kneels before error today because she has been told that someone died on the cross for it. Is the cross an argument, then?— —But on all these matters, one man alone has said the words people have needed for thousands of years—Zarathustra.
They wrote signs of blood on the path they walked, and theirfoolishness taught that blood proves truth.But blood is the worst witness to truth; blood poisonseven the purest teaching, turning it into delusion and hatred in people’s hearts.And if someone went through fire for his teaching—what does that prove! It means more, truly, when his ownteaching comes from his own burning.
54 Do not be misled: great minds are skeptics. Zarathustra is a skeptic. The strength, the freedom that comes from the mind’s power and surplus of power, proves itself through skepticism. People with convictions do not count at all when it comes to fundamental questions of value and worthlessness. Convictions are prisons. Their vision does not reach far enough; they cannot see below themselves. But to have a say about value and worthlessness, you must see five hundred convictions below you—behind you… A mind that wants great things, and also wants the means to achieve them, is necessarily skeptical. Freedom from every kind of conviction belongs to strength: being able to look freely… The great passion, the foundation and power of such a mind’s existence, is even more enlightened, even more despotic, than that mind itself. It puts the whole intellect to work; it removes scruples; it gives the mind courage to use even unholy means; under certain circumstances it allows the mind convictions. Conviction as a means: many things can be achieved only through a conviction. The great passion uses convictions, uses them up; it does not submit to them—it knows it is sovereign.—Conversely, the need for faith, for some unconditional Yes or No—Carlylism, if I may be forgiven the word—is a need born of weakness. The person of faith, the “believer” of every kind, is necessarily a dependent person—someone who cannot set himself up as an end, who cannot set any ends at all on his own. The “believer” does not belong to himself. He can only be a means; he must be used up; he needs someone to use him up. His instinct gives the highest honor to a morality of self-renunciation. Everything persuades him toward it: his cleverness, his experience, his vanity. Every kind of faith is itself an expression of self-renunciation, of self-alienation… Consider how much most people need a regulating force that binds and steadies them from outside; how compulsion, slavery in a higher sense, is the only and ultimate condition under which a person with a weaker will, especially a woman, can thrive. Then you also understand conviction, “faith.” The person with convictions has his backbone in them. Not seeing many things, being impartial about nothing, being partisan through and through, having a rigid and compulsory perspective on all values—this alone makes it possible for that kind of person to exist at all. But that makes him the opposite, the antagonist, of the truthful person—of truth… The believer is not free to have any conscience at all about the question of “true” and “untrue”: being honest on this point would immediately destroy him. The diseased conditioning of his perspective turns the man of conviction into a fanatic—Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre, Saint-Simon—the opposite type to the strong mind, the mind that has become free. But the grand pose of these sick minds, these epileptics of the concept, affects the great mass of people—fanatics are picturesque; humanity would rather watch gestures than listen to reasons…
55 —One step further in the psychology of conviction, of “faith.” Long ago I suggested considering whether convictions might be more dangerous enemies of truth than lies (Menschliches, Allzumenschliches I, Aphorismus 54 und 483). This time I want to ask the decisive question: is there any opposition at all between a lie and a conviction?—Everyone believes there is; but what doesn’t everyone believe!—Every conviction has its history, its preliminary forms, its experiments and mistakes. It becomes a conviction after a long time of not being one, and an even longer time of barely being one. What? Couldn’t a lie be among these embryonic forms of conviction?—Sometimes all it takes is a change of person: what was still a lie in the father becomes a conviction in the son.—By lying I mean not wanting to see something you see, not wanting to see it as you see it. Whether the lie takes place with or without witnesses makes no difference. The most common lie is the one you tell yourself; lying to other people is relatively exceptional.—Now this desire not to see what you see, not to see it as you see it, is almost the first requirement for everyone who is partisan in any sense. The partisan necessarily becomes a liar. German history writing, for example, is convinced that Rome was despotism and that the Germanic peoples brought the spirit of freedom into the world. What is the difference between that conviction and a lie? Can we still be surprised that all parties, including German historians, instinctively have morality’s grand words on their lips—that morality almost survives because every kind of partisan needs it at every moment?—“This is our conviction: we profess it before the whole world; we live and die for it—respect for everyone with convictions!”—I have even heard things like that from antisemites. Quite the contrary, gentlemen! An antisemite does not become any more decent by lying on principle… Priests are more subtle in these matters. They understand very well the objection contained in the concept of a conviction—that is, dishonesty adopted as a principle because it serves a purpose. From the Jews they inherited the cleverness to insert the concepts “God,” “God’s will,” and “God’s revelation” at this point. Kant, too, with his categorical imperative, was on the same path: his reason became practical here.—There are questions where deciding between truth and falsehood is not for human beings. All the highest questions, all the highest problems of value, lie beyond human reason… To grasp the limits of reason—only that is truly philosophy… Why did God give humanity revelation? Would God have done something unnecessary? Human beings cannot know on their own what is good and evil, so God taught them his will… The moral: the priest does not lie—the question “true” or “untrue” does not exist in the things priests talk about. These things do not even allow lying. To lie, you would have to be able to decide what is true here. But that is just what human beings cannot do; the priest is therefore merely God’s mouthpiece.—This priestly syllogism is by no means merely Jewish and Christian. The right to lie and the cleverness of “revelation” belong to the priestly type, to priests of decadence just as much as to pagan priests (—pagans are all those who say Yes to life, for whom “God” is the word for the great Yes to all things).—The “law,” the “will of God,” the “holy book,” “inspiration”—all just words for the conditions under which the priest gains power, with which he maintains his power. These concepts lie at the foundation of all priestly organizations, all systems of priestly or philosophical-priestly rule. The “holy lie”—shared by Confucius, Manu’s law code, Muhammad, and the Christian Church—is not absent from Plato. “The truth is here”: wherever that is proclaimed, it means the priest is lying…
56 —In the end, what matters is the purpose of the lie. That Christianity lacks “holy” purposes is my objection to its methods. Its purposes are only bad: poisoning, slandering, denying life, despising the body, degrading human beings and making them defile themselves through the concept of sin—therefore its methods are bad too.—I read the law code of Manu with the opposite feeling. It is an incomparably intellectual and superior work; even to mention it in the same breath as the Bible would be a sin against the intellect. You can tell at once: it has a real philosophy behind it, within it, not just a foul-smelling Jewish brew of rabbinism and superstition—it gives even the most spoiled psychologist something to chew on. Not to forget the main point, the fundamental difference from every kind of Bible: the noble classes, the philosophers and warriors, use it to watch over the masses. Noble values everywhere, a feeling of perfection, a Yes to life, a triumphant satisfaction in oneself and in life—the sun shines over the whole book.—All the things on which Christianity vents its bottomless vulgarity—procreation, for example, women, marriage—are treated here seriously, with reverence, love, and trust. How can anyone actually put a book into the hands of children and women that contains these base words: “Because of fornication, let every man have his own wife and every woman her own husband… it is better to marry than to burn with lust”? And may anyone be a Christian as long as the concept of the Immaculate Conception Christianizes the origin of human beings—that is, dirties it?… I know no book that says so many tender and kind things to women as Manu’s law code. These old graybeards and saints have a way of being courteous to women that may never have been surpassed. “A woman’s mouth,” it says in one place, “a girl’s breast, a child’s prayer, the smoke of a sacrifice are always pure.” Another passage: “There is nothing purer than sunlight, a cow’s shadow, the air, water, fire, and a girl’s breath.” One last passage—perhaps a holy lie as well—“All the body’s openings above the navel are pure; all those below are impure. Only in a girl is the whole body pure.”
57 You catch the unholiness of Christian methods in the act when you compare the Christian purpose with the purpose of Manu’s law code—when you put this greatest opposition of purposes in a strong light. A critic of Christianity cannot avoid making Christianity contemptible.—A law code like Manu’s comes into being as every good law code does: it sums up the experience, practical wisdom, and morality developed through trial over long centuries; it brings that process to a close; it creates nothing more. A codification of this kind presupposes an insight: the means of giving authority to a truth acquired slowly and at great cost are fundamentally different from the means of proving it. A law code never tells the benefits, reasons, and particular cases in a law’s prehistory. Doing so would cost it its commanding tone, its “you shall,” the precondition for obedience. That is precisely where the problem lies.—At a certain point in a people’s development, its most insightful class—that is, the one that looks furthest backward and ahead—declares that the experience by which people are to live—that is, can live—is complete. Its aim is to bring in the richest and most complete harvest possible from the ages of experiment and bad experience. So what must now be prevented above all is continued experimentation, the continued fluidity of values, the testing, choosing, and criticizing of values without end. A double wall is set against this. First, revelation: the claim that the reason behind these laws is not human in origin, not something sought and found slowly and through mistakes. Instead, it is divine in origin, whole, perfect, without a history, a gift, a miracle, merely communicated… Then, tradition: the claim that the law has existed since the most ancient times, that to question it is irreverent, a crime against the ancestors. The law’s authority rests on these propositions: God gave it; the ancestors lived it.—The higher reason for such a procedure lies in the intention to push consciousness back, step by step, out of the life recognized as right—that is, proved by an enormous and rigorously sifted body of experience. In this way, the perfect automatic functioning of instinct is achieved—the precondition for every kind of mastery, every kind of perfection in the art of living. To establish a law code like Manu’s means giving a people the chance from then on to achieve mastery, to become perfect—to aspire to the highest art of living. For this, it must be made unconscious: that is the purpose of every holy lie.—The caste system, the supreme, dominant law, only sanctions an order of nature, a natural law of the first rank over which no arbitrary will, no “modern idea,” has power. In every healthy society, three types with different physiological centers of gravity separate out, each depending on the others. Each has its own rules of health, its own field of work, its own kind of feeling of perfection and mastery. Nature, not Manu, separates those who are mainly intellectual, those who are mainly strong in muscle and temperament, and a third group distinguished in neither way, the mediocre—the last as the great majority, the first as the select few. The highest caste—I call them the very few—as the perfect caste also has the privileges of the fewest: these include embodying happiness, beauty, and goodness on earth. Only the most intellectual people are permitted beauty, beautiful things: only in them is goodness not weakness. Beauty belongs to few people: goodness is a privilege. On the other hand, nothing is less permissible for them than ugly manners or a pessimistic outlook, an eye that makes things ugly—or even indignation at the overall appearance of things. Indignation is the privilege of the Chandala; pessimism likewise. “The world is perfect”—so speaks the instinct of the most intellectual, the instinct that says Yes—“imperfection, everything below us, distance, the feeling of distance, even the Chandala belongs to this perfection.” The most intellectual people, as the strongest, find happiness where others would find their ruin: in the labyrinth, in harshness toward themselves and others, in experiment. Their pleasure is in conquering themselves: asceticism becomes their nature, their need, their instinct. They see a difficult task as a privilege; playing with burdens that crush others is recreation… Knowledge—a form of asceticism.—They are the most worthy of respect of all human types: that does not rule out their being the most cheerful and lovable. They rule not because they want to, but because they are; they are not free to take second place.—Those in second place: they are the guardians of justice, the keepers of order and security, the noble warriors, and above all the king as the highest embodiment of warrior, judge, and upholder of the law. Those in second place are the executive arm of the most intellectual, their closest associates, those who take all the coarse work of ruling off their hands—their followers, their right hand, their best pupils.—In all of this, to repeat, there is nothing arbitrary, nothing “made up”; anything different is made up—in that case nature has been ruined… The caste system, the order of rank, merely formulates the supreme law of life itself. Separating the three types is necessary to preserve society, to make higher and highest types possible—the inequality of rights is the very condition for any rights to exist at all.—A right is a privilege. Each person also has his privilege in his own way of being. Let us not underestimate the privileges of the mediocre. Life gets harder the higher you go—the cold increases, the responsibility increases. A high culture is a pyramid: it can stand only on a broad base; its very first requirement is a firmly and healthily consolidated mediocrity. Crafts, trade, agriculture, science, most art—in a word, the whole range of professional activity—are entirely compatible only with a middling level of ability and desire. Such things would be out of place among exceptional people; the instinct involved would contradict an aristocratic outlook as much as an anarchist one. Being publicly useful, a cog, a function, is a natural calling: it is not society that turns them into intelligent machines, but the only kind of happiness the vast majority are capable of. For the mediocre person, being mediocre is happiness; mastery in one field, specialization, is a natural instinct. It would be completely unworthy of a deeper mind to see mediocrity itself as an objection. It is itself the first necessity if exceptions are to be possible: a high culture depends on it. When an exceptional person handles the mediocre with gentler fingers than he uses on himself and his equals, this is not just courtesy of the heart—it is simply his duty… Whom among today’s rabble do I hate most? The socialist rabble, the Chandala apostles who undermine the worker’s instinct, his pleasure, his sense of satisfaction with his small existence—who make him envious, who teach him revenge… Injustice never lies in unequal rights; it lies in the demand for “equal” rights… What is bad? But I have said it already: everything that comes from weakness, from envy, from revenge.—The anarchist and the Christian have the same origin…
58 In fact, the purpose of a lie makes a difference: whether you use it to preserve or to destroy. You can put a perfect equals sign between Christian and anarchist: their purpose, their instinct, aims only at destruction. To prove this statement, you need only read history: it contains the proof with terrifying clarity. We have just come to know a religious system of law whose purpose was to make the supreme condition for life to thrive “last forever”: a great organization of society. Christianity found its mission in putting an end to just such an organization, because life thrived in it. In the one case, the rational gains of long periods of experiment and uncertainty were to be invested for benefit in the most distant future, and the harvest brought in as fully, richly, and completely as possible. In the other, the reverse happened: overnight the harvest was poisoned… What stood there more enduring than bronze, the Roman Empire, the grandest form of organization under difficult conditions ever achieved—compared with which everything before and after is patchwork, bungling, amateurism—those holy anarchists made it an act of “piety” to destroy “the world,” that is, the Roman Empire, until not one stone remained on another—until even Germanic peoples and other louts could take control of it… The Christian and the anarchist: both decadents, both incapable of doing anything but dissolving, poisoning, stunting, sucking blood, both the instinct of deadly hatred against everything that stands, that stands great, that endures, that promises life a future… Christianity was the vampire of the Roman Empire—overnight it undid the Romans’ enormous achievement of gaining the ground for a great culture that has time.—Do people still not understand? The Roman Empire we know, which the history of the Roman provinces teaches us to know better and better, this most admirable work of art in the grand style, was a beginning. Its structure was designed to prove itself over thousands of years—to this day, no one has ever built like that, or even dreamed of building to the same extent from the standpoint of eternity!—This organization was strong enough to withstand bad emperors: the accident of who holds office must have no effect in such matters—the first principle of all great architecture. But it was not strong enough to withstand the most corrupt kind of corruption, the Christian… These secret vermin, creeping up to each individual in night, fog, and ambiguity, sucking out of each individual his seriousness about true things, his instinct for realities at all—this cowardly, effeminate, sickly-sweet gang gradually alienated “souls” from that enormous structure. Those valuable souls, those manly and noble natures, had felt their own cause, their own seriousness, their own pride in Rome’s cause. This sanctimonious sneaking, this secrecy of little religious gatherings, gloomy concepts like hell, like the sacrifice of the innocent, like mystical union in drinking blood, and above all the slowly stoked fire of revenge, of Chandala revenge—that gained control over Rome: the same kind of religion on which Epicurus had already made war in its earlier form. Read Lucretius to understand what Epicurus fought: not paganism, but “Christianity,” meaning the corruption of souls through the concepts of guilt, punishment, and immortality.—He fought the underground cults, the whole of latent Christianity—denying immortality was already a real redemption then.—And Epicurus would have won; every respectable mind in the Roman Empire was Epicurean: then Paul appeared… Paul, Chandala hatred of Rome, of “the world,” made flesh, made genius; the Jew, the eternal Jew above all others… What he figured out was how to use the little sectarian Christian movement on the margins of Judaism to ignite a “world fire”; how to use the symbol “God on the cross” to add up everything downtrodden, everything secretly rebellious, the whole inheritance of anarchist agitation in the empire, into an enormous power. “Salvation comes from the Jews.”—Christianity as a formula for outdoing—and adding together—underground cults of every kind, those of Osiris, the Great Mother, Mithras, for example: Paul’s genius consists in this insight. His instinct was so sure in this that he put the ideas with which those Chandala religions fascinated people into the mouth of the “Savior” he invented, doing ruthless violence to the truth—and not only into his mouth: he made him into something even a priest of Mithras could understand… This was his moment at Damascus: he understood that he needed the belief in immortality to devalue “the world,” that the concept of “hell” would yet gain control over Rome—that with the “beyond” you kill life… Nihilist and Christian: they rhyme, and not just in sound…
59 All the work of the ancient world for nothing: I have no words to express what I feel about something so enormous.—And considering that its work was preparation, that the foundation for thousands of years of work had only just been laid with granite-hard self-confidence, the whole meaning of the ancient world was for nothing!… What were the Greeks for? What were the Romans for?—All the requirements for a learned culture, all the scientific methods, were already there. People had already established the great, incomparable art of reading well—the precondition for passing culture down, for the unity of science. Natural science, allied with mathematics and mechanics, was on the best possible course—the sense for facts, the last and most valuable of all the senses, had its schools, its tradition already hundreds of years old! Do people understand this? Everything essential had been found so work could begin—the methods, it must be said ten times, are what is essential, also what is hardest, also what habits and laziness resist the longest. What we have won back for ourselves today through unspeakable self-conquest—for we all still carry the bad instincts, the Christian ones, in our bodies somehow—the unobstructed view of reality, the cautious hand, patience and seriousness in the smallest things, the whole honesty of knowledge—all of it was already there! Already more than two thousand years ago! And, on top of that, good and refined tact and taste! Not as brain training! Not as “German” education with loutish manners! But as body, gesture, instinct—in a word, as reality… All for nothing! Overnight, nothing but a memory!—Greeks! Romans! Nobility of instinct, taste, methodical research, genius for organization and administration, faith, the will for humanity’s future, the great Yes to all things made visible as the Roman Empire, visible to all the senses, the grand style no longer just art but now reality, truth, life…—And not buried overnight by a natural event! Not trampled down by Germanic peoples and other heavy-footed creatures! But ruined by cunning, secret, invisible, anemic vampires! Not defeated—only sucked dry!… Hidden vindictiveness, petty envy had become master! Everything wretched, suffering from itself, haunted by bad feelings, the whole ghetto world of the soul suddenly on top!— —Just read any Christian agitator, Saint Augustine for example, to grasp, to smell, what unclean fellows rose to the top in this way. It would be a complete mistake to suppose the leaders of the Christian movement lacked intelligence in any way—oh, they are clever, clever to the point of holiness, these gentlemen Church Fathers! What they lack is something quite different. Nature neglected them—it forgot to give them a modest endowment of respectable, decent, clean instincts… Between ourselves, they are not even men… If Islam despises Christianity, it has a thousandfold right to do so: Islam presupposes men…
60 Christianity robbed us of the harvest of ancient culture; later it robbed us again of the harvest of Islamic culture. Spain’s wonderful Moorish cultural world, fundamentally more closely related to us, speaking more to our senses and taste than Rome and Greece, was trampled down (—I will not say by what kind of feet—). Why? Because it owed its origin to noble instincts, to men’s instincts; because it said Yes to life even through the rare and refined treasures of Moorish life!… Later the Crusaders fought something before which it would have suited them better to lie in the dust—a culture compared with which even our nineteenth century might well feel very poor, very “late.”—Of course, they wanted loot: the East was rich… Let’s be impartial! Crusades—piracy on a higher level, nothing more! The German nobility, essentially Viking nobility, was in its element here: the Church knew only too well how to get hold of the German nobility… The German nobility, always the Church’s “Swiss mercenaries,” always serving all the Church’s bad instincts—but well paid… To think that the Church waged its war of deadly hatred against everything noble on earth with the very help of German swords, German blood, and German courage! There are many painful questions here. The German nobility is almost absent from the history of higher culture: you can guess why… Christianity, alcohol—the two great means of corruption… In itself, there ought to be no choice between Islam and Christianity, any more than between an Arab and a Jew. The decision is given; no one is free to choose here anymore. Either you are a Chandala, or you are not… “War to the knife against Rome! Peace, friendship with Islam”: that was how that great free spirit, the genius among German emperors, Frederick the Second, felt; that was how he acted. What? Must a German first be a genius, a free spirit, in order to feel decently? I cannot understand how a German could ever feel Christian…
61 Here we need to touch on a memory a hundred times more embarrassing for Germans. The Germans robbed Europe of the last great cultural harvest there was to bring home for Europe—the harvest of the Renaissance. Do people finally understand, do they want to understand, what the Renaissance was? The revaluation of Christian values, the attempt undertaken with every means, every instinct, every bit of genius, to bring the opposite values, the noble values, to victory… So far there has been only this great war; so far no question has been posed more decisively than the Renaissance’s question—my question is its question. Nor has there ever been a more fundamental, more direct form of attack, more rigorously conducted along the whole front and against the center! To attack at the decisive point, at the very seat of Christianity; to put noble values on the throne here, meaning to bring them into the instincts, into the deepest needs and desires of those sitting there… I see a possibility before me of utterly unearthly enchantment and richness of color—it seems to me to shine with all the shivers of refined beauty, with an art at work in it so divine, so devilishly divine, that you could search thousands of years in vain for another such possibility. I see a spectacle so meaningful and at the same time so wonderfully paradoxical that all the gods of Olympus would have had reason for immortal laughter—Cesare Borgia as pope… Do you understand me?… Well, that would have been the victory that I alone demand today—with that, Christianity would have been abolished!—What happened? A German monk, Luther, came to Rome. This monk, carrying all the vengeful instincts of a failed priest in his body, rebelled in Rome against the Renaissance… Instead of understanding with the deepest gratitude the enormous thing that had happened—the overcoming of Christianity at its seat—his hatred understood only how to feed on this spectacle. A religious person thinks only of himself.—Luther saw the corruption of the papacy, when precisely the opposite was obvious enough to touch: the old corruption, original sin, Christianity, was no longer sitting on the papal throne! But life was! The triumph of life was! The great Yes to all high, beautiful, daring things was!… And Luther restored the Church: he attacked it… The Renaissance—an event without meaning, a great waste!—Ah, these Germans, what they have already cost us! For nothing—that has always been the Germans’ work.—The Reformation; Leibniz; Kant and so-called German philosophy; the Wars of “Liberation”; the German Empire—each time something already there, something irretrievable, was made to have been for nothing… They are my enemies, I admit it, these Germans: in them I despise every kind of uncleanliness in concepts and values, every kind of cowardice before any honest Yes and No. For almost a thousand years, they have tangled and confused everything their fingers touched; they have all the half measures—three-eighths measures!—that make Europe sick on their conscience. They also have on their conscience the most unclean kind of Christianity there is, the most incurable, the most impossible to refute: Protestantism… If we cannot finish off Christianity, the Germans will be to blame…
62 —With this I come to the end and deliver my verdict. I condemn Christianity; I bring against the Christian Church the most terrible of all charges any accuser has ever spoken. To me it is the highest of all imaginable corruptions; it has willed the utmost corruption that is even possible. The Christian Church left nothing untouched by its corruption. It made every value worthless, every truth a lie, every kind of honesty a baseness of soul. Just let anyone dare talk to me again about its “humanitarian” blessings! To abolish any distress went against its deepest self-interest: it lived on distress; it created distress to make itself eternal… The worm of sin, for example: it was the Church that first enriched humanity with this distress!—The “equality of souls before God,” this falsehood, this pretext for the rancor of all the base-minded, this explosive concept that finally became revolution, modern idea, and the principle of decline of the whole social order—is Christian dynamite… The “humanitarian” blessings of Christianity! To breed into humanity a contradiction of itself, an art of self-defilement, a will to lie at any price, an aversion to and contempt for all good and honest instincts! Those, to my mind, are Christianity’s blessings!—Parasitism as the Church’s only practice; with its ideal of anemia, its ideal of “holiness,” draining away all blood, all love, all hope for life; the beyond as the will to deny every reality; the cross as the identifying mark of the deepest underground conspiracy there has ever been—against health, beauty, successful growth, courage, intellect, goodness of soul, against life itself…
I want to write this eternal indictment of Christianity on every wall, wherever there are walls—I have letters that can make even the blind see… I call Christianity the one great curse, the one great innermost corruption, the one great instinct for revenge for which no means is poisonous, secret, underground, or petty enough—I call it the one immortal stain of shame on humanity…
And people count time from the ill-fated day when this disaster began—from the first day of Christianity!—Why not from its last day instead?—From today?—Revaluation of all values!
Law Against Christianity
Gegeben am Tage des Heils, am ersten Tage des Jahres Eins (— am 30. September 1888 der falschen Zeitrechnung)
Todkrieg gegen das Laster: das Laster ist das Christenthum.
1 Erster Satz.—Lasterhaft ist jede Art Widernatur. Die lasterhafteste Art Mensch ist der Priester: er lehrt die Widernatur. Gegen den Priester hat man nicht Gründe, man hat das Zuchthaus.
2 Zweiter Satz.—Jede Theilnahme an einem Gottesdienste ist ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit. Man soll härter gegen Protestanten als gegen Katholiken, härter gegen liberale Protestanten als gegen strenggläubige sein. Das Verbrecherische im Christsein nimmt in dem Maaße zu, als man sich der Wissenschaft nähert. Der Verbrecher der Verbrecher ist folglich der Philolog.
3 Dritter Satz.—Die fluchwürdigen Stätten, auf denen das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, sollen dem Erdboden gleich gemacht und als verruchte Stätten der Erde der Schrecken aller Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihnen züchten.
4 Vierter Satz.—Die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff „unrein“ ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.
5 Fünfter Satz.—Mit einem Priester an Einem Tische essen stößt aus: man excommunicirt sich damit aus der rechtschaffnen Gesellschaft. Der Priester ist unser Tschandala,—man soll ihn verfehmen, aushungern, in jede Art Wüste treiben.
6 Sechster Satz.—Man soll die „heilige“ Geschichte mit dem Namen nennen, den sie verdient, als verfluchte Geschichte; man soll die Worte „Gott“, „Heiland“, „Erlöser“, „Heiliger“ zu Schimpfworten machen, zu Verbrecher-Abzeichen gebrauchen.
7 Siebenter Satz.—Der Rest folgt daraus.
Der Antichrist
Issued on the day of salvation, on the first day of Year One (—on September 30, 1888, by the false reckoning of time)
War to the death against vice: vice is Christianity.
1 First proposition.—Every kind of violation of nature is vicious. The most vicious kind of human being is the priest: he teaches the violation of nature. Against the priest we have no arguments; we have prison.
2 Second proposition.—Any participation in a religious service is an attack on public morality. We should be harder on Protestants than on Catholics, harder on liberal Protestants than on strict believers. The criminality of being a Christian increases the closer one comes to science. The criminal of criminals is therefore the philologist.
3 Third proposition.—The places fit to be cursed where Christianity has hatched its basilisk eggs should be leveled to the ground and, as accursed places on earth, terrify all future generations. Poisonous snakes should be bred there.
4 Fourth proposition.—Preaching chastity is a public incitement to violate nature. Every expression of contempt for sexual life, every defilement of it through the concept “impure,” is the true sin against the holy spirit of life.
5 Fifth proposition.—Eating at the same table as a priest excludes you: by doing so you excommunicate yourself from honest society. The priest is our Chandala—we should ostracize him, starve him out, drive him into every kind of wilderness.
6 Sixth proposition.—We should call “holy” history by the name it deserves: accursed history. We should turn the words “God,” “Savior,” “Redeemer,” “Saint” into insults and use them as badges identifying criminals.
7 Seventh proposition.—The rest follows from this.
The Antichrist